Reich, der Unzeitgemäße

Reich konzentrierte sich auf das „ökonomische“ Element der Psychoanalyse und entwickelte die Orgasmustheorie, als Freud deren „topisches“ Element zunehmend in den Mittelpunkt stellte, die ganze „psychische Dynamik“ sich auf das Wechselspiel zwischen den psychischen Distanzen reduzierte und Freud „jenseits des Lustprinzips“ dachte. Reich war schlichtweg deplaziert und das haben ihn auch Freud und seine Kollegen spüren lassen.

Reich wandte sich 1928 einer mittlerweile einem hoffnungslosen Linksradikalismus verfallenden, „Stalinisierten“ Komintern zu, als sich die meisten verständigen Linken in Horror abwandten. Bezeichnenderweise wandte er sich zu einer Zeit wieder ab, als nach Hitlers Machtübernahme der Volksfrontgedanke unter Linksintellektuellen populär wurde.

Was er allgemein von Linksintellektuellen hielt, wird an seiner Haltung gegenüber Leuten wie Otto Fenichel zu Zeiten von Reichs Komintern-Enthusiasmus deutlich Trotz ihrer vielleicht theoretischen Brillanz betrachtete er sie nicht als authentische Marxisten. Für ihn war nur der ein Marxist, der sich wie er wirklich politisch engagierte, „Gesicht zeigte“ bei Demonstrationen den Klassenkampf wirklich lebte und in ständigem Kontakt mit dem Proletariat stand. Für seine angeblichen „Genossen“ war der Kommunismus eine reine Kopfangelegenheit, d.h., wie Reich später erkannte, eine charakterologische Störung; für Reich war er die zwangsläufige Reaktion auf unerträgliche soziale und vor allem sexualökonomische Umstände (die Bedürfnisse der Massen) und den Verrat durch die Sozialdemokratie. Man lese dazu Menschen im Staat!

Später wird Reichs Haltung zu dieser „chrakterologischen Linken“ etwa in seinem Aufsatz über die, wie er sie nannte, „geistigen Irrlichter der sozialistischen Bewegung“ deutlich. „Die allergrößte Schwierigkeit“ in der sexuellen Revolution stellen, wie Reich 1936 schrieb, „die Pastoren im revolutionären Lager dar. Es sind meist sexuell verkrampfte Intellektuelle, Revolutionäre aus neurotischen Motiven, die, statt mit Wissen zu helfen, nur Verwirrung stiften“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 250, siehe auch S. 262). Ein Jahr später beklagt Reich in seiner Zeitschrift, wie diese „Irrlichter“ nicht nur die sexuelle Frage übergangen hätten, sondern jeden, der die Bedürfnisse der Massen anspreche, zum Reaktionär erklären. Diese „prinzipiellen Marxisten“ mit ihrem trockenen Intellektualismus seien „schwere Sexualneurotiker“ und „ihr sozialistischer Radikalismus ist ein Ausfluß einer krankhaften Rebellion gegen tiefe Bindungen an die bürgerliche Familiensituation und an bürgerliche Ideologie“ („Dialektisch-materialistische Facharbeiter contra geistige Irrlichter der sozialistischen Bewegung“, Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie, 1937).

In seiner Schrift Die natürliche Organisation der Arbeit zeichnet sich dann 1939 Reichs Bruch mit der sozialistischen Bewegung ab, um sich in Weitere Probleme der Arbeitsdemokratie 1941 ganz zu vollenden. Am 7. November 1940 schrieb er an Neill, er fühle sich, was seine bisherigen sozialistischen Ansichten beträfe, „völlig verunsichert“ und er tendiere dazu,

das meiste zu revidieren, was ich je in Europa darüber gelernt habe, was Sozialismus sein könnte und sollte. Ich kann nur hoffen, daß die Grundlagen meiner fachlichen Arbeit mich davor schützen, reaktionär zu werden. Wenn man Sozialisten und Kommunisten, die hier herübergekommen sind, sagen hört, daß Roosevelt ein Diktator oder Faschist sei, dann dreht sich einem einfach der Magen um. Ich fange an, sie zu hassen. Sie erscheinen mir ausgesprochen schädlich mit ihrer völligen Unfähigkeit, einen Gedanken zu Ende zu denken oder irgendeine Arbeit zu tun. Aber es kann sein, daß dies Gefühl nichts als Enttäuschung ist. (Zeugnisse einer Freundschaft)

Ende der 1940er und in den 1950er Jahre, als jeder von Reich erwarten konnte, daß er sich angesichts des McCarthyismus der „kritischen Linken“ solidarisch wieder annähert, spitzte sich seine nicht nur antikommunistische, sondern nun auch antisozialistische und antiliberale Haltung zunehmend zu. Um dieses „außerhalb der Zeit Stehens“ noch zu toppen, veröffentlichte er ausgerechnet zu dieser Zeit ein offenes Bekenntnis zu Marx als Ökonom (siehe wieder Menschen im Staat). Ein ähnliches Bekenntnis findet sich später in seinen letzten Eingaben an die obersten Gerichte der USA!

Ähnlich unzeitgemäß war seine Haltung zu Hitler: Anfang der 1940er Jahre und auch später findet sich bei diesem seit 1928 wohl radikalsten Antifaschisten kaum ein Wort über die „Kriegsanstrengung“ der Alliierten und nicht der kleinste Hauch eines Anflugs von Sympathie für das um sein Überleben kämpfende Sowjetrußland. Man vergleiche das mit seinem Engagement im anschließenden Kalten Krieg, insbesondere was den Koreakrieg betrifft. Das ORANUR-Experiment war offen eine antikommunistische Unternehmung angesichts eines möglichen Atomkrieges. Man darf nicht vergessen, daß damals in der Sowjetunion ein ähnlich theokratisches (sic!) System herrschte wie heute in Nordkorea.

Man braucht nicht lange spekulieren, wie Reich auf den kulturellen Umbruch in den 1960er Jahren reagiert hätte, wenn er statt verfrüht mit 60 mit, sagen wir mal, 75 gestorben wäre. Wirklich alles, was später kam, wurde im weitaus kleineren Rahmen, aber in New York deutlich sichtbar, in den späten 1940er und den 1950er Jahren von den Beatniks vorexerziert: Avantgarde-„Kunst“, Jazz, Rock’n Roll, Drogen, „sexuelle Befreiung“. Reichs Reaktion war extrem negativ, zumal er das ganze bereits aus dem Berlin Anfang der 1930er Jahre kannte: abgrundtief verachtenswerte bourgeoise Dekadenz.

Es ist wirklich an Absonderlichkeit nicht zu überbieten, wenn von linker Seite immer wieder suggeriert wird, daß ausgerechnet Reich auch nur einen Funken Sympathie für die Hippies, Woodstock, das Swinging London oder ähnlichen Dreck gehegt hätte. Genauso absurd ist es natürlich, wenn Reich von konservativer Seite für den kulturellen Verfall des Westens verantwortlich gemacht, d.h. der Frankfurter Schule zugeordnet, neuerdings sogar zu einem der Urväter des Gendermainstreamings ernannt wird. Zumal Reich eben nie den Schritt vom ökonomischen zum Kulturmarxismus mitgemacht hat. Ich verweise erneut auf das Marx-Kapitel in Menschen im Staat! Das wurde genau von jenen intellektuellen, „neurotischen“ Marxisten geleistet, die er so abgrundtief verachtet hat.

Reich war derjenige gewesen, der unter „Unbehagen in der Kultur“ litt, und sich schließlich in ein Flugzeug verortete, das weit entfernt über den Menschen schwebt, auf der Wiese, von wo aus er das menschliche Schauspiel auf der Bühne beobachtet, oder gleich fernab im Weltall, fernab von der Erde. Reich hat nie am Spiel seiner jeweiligen Gruppe teilgenommen: sei dies die Psychoanalyse, die Linke oder ein beschränktes Amerikanertum, das Marx, Lenin und Luxemburg zu hassen hat.

Reich dachte stets vom bioenergetischen Kern her, lebte aus dem bioenergetischen Kern heraus. Von daher erkannte er, wie kontraproduktiv die Politik der Sozialdemokraten und der bürgerlichen liberalen Parteien war, die mit ihrer Aggressionshemmung und dem Verharren in der sozialen Fassade (demokratischer Formalismus) die Weimarer Republik und die österreichische Republik verspielt hatten. Später sollte der gesamte Westen die gleichen Fehler wiederholen und als Folge sich unvermittelt auf der Seite des roten Faschismus im Kampf gegen Hitler wiederfinden. Reich hat sich geweigert bei diesem Affentheater mitzumachen.

Die von der Libidotheorie abgehobene, for lack of a better term, „Kulturpsychoanalyse“ haßte er genauso wie den Kulturmarxismus, der sich von der Arbeitswertlehre gelöst hatte. Daß nach dem Zweiten Weltkrieg die gleichen Leute (beispielsweise die meisten amerikanischen Psychoanalytiker) auf der Seite der Sowjetunion standen, zumindest den Kalten Krieg ablehnten, die sich einst über Reichs Bolschewismus lustig gemacht hatten, muß ihn in seiner Haltung bestärkt haben. Diese Leute bestimmen heute die Kulturdebatte und sie sind bis heute durchweg Todfeinde Reichs – selbst wenn sie sich als „Reichianer“ gerieren.

WR1928

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

8 Antworten to “Reich, der Unzeitgemäße”

  1. O. Says:

    Völlig unzeitgemäß zu sein und sich damit ausgegrenzt zu fühlen, ist keine einfache Übung. Aber erst dann fällt es auf, wie abhängig wir vom „Zeitgeist“ und den gemachten Moden sind. Wir sind wie gesteuerte Roboter und glauben hipp und frei zu sein. Wir kaufen und tragen was „in“ zu sein scheint, wir wählen unsere Partner nach dem „gemachten“ Schönheitsideal, ohne zu fragen, was für eine Lusche wir da an der Hand haben. Hauptsache wir sind schick und in.
    Uns einzugestehen, dass wir völlig verblödet sind, würde uns aber nie in den Sinn kommen. Wir doch nicht.

    „Ich bin anders als die anderen, einzigartig like a Star …“ so heißt das alte Motto noch heute.

  2. Robert (Berlin) Says:

    „daß ausgerechnet Reich auch nur einen Funken Sympathie für die Hippies, Woodstock, das Swinging London oder ähnlichen Dreck gehegt hätte.“

    Die dunkle Seite der Hippie-Bewegung: MK Ultra, Satanismus & LSD

    https://www.oliverjanich.de/die-dunkle-seite-der-hippie-bewegung-mk-ultra-satanismus-lsd

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: