Freud, Retter der Kultur

Wenn man vom Libido-Konzept selbst absieht, ist die wichtigste Vorstellung, die Reich aus der Psychoanalyse übernommen hat, die, daß die Libido auf prägenitale Stufen bzw. Objekte (insbesondere das gegengeschlechtliche Elternteil) fixiert bleibt und deshalb nicht entladen werden kann.

Diese Vorstellung hat er dahin modifiziert, daß die genitale Sexualität die besagten infantilen Fixierungen entschärfen kann, indem ihnen die Energie entzogen wird, und daß umgekehrt durch Störung der genitalen Abfuhr an sich harmlose Erfahrungen in der Kindheit (etwa inzestuöser Natur) im nachhinein pathogen werden können, weil sie mit Energie aufgeladen werden.

Unglaublicherweise will die Psychoanalyse die genitale Befriedigung aber eindämmen und durch „Sublimierung“ ersetzen, die, wie Reich hervorhebt, jedoch von der uneingeschränkten genitalen Befriedigung abhängt. Nur wer genital befriedigt ist, kann prägenitale Strebungen sublimieren. Man kann also mit Karl Kraus sagen, daß die Psychoanalyse die Krankheit ist, deren Heilung sie vorgibt.

In Die Traumdeutung (Fischer TB, 1961, S. 470f) beschreibt Freud seinen therapeutischen Ansatz wie folgt: Unbewußte Wünsche blieben immer rege.

Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervorragende Besonderheit unbewußter Vorgänge, daß sie unzerstörbar bleiben. Im Unbewußten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts vergangen oder vergessen. Man bekommt hiervon den stärksten Eindruck beim Studium der Neurosen, speziell der Hysterie. Der unbewußte Gedankenweg, der zur Entladung im Anfall führt, ist sofort wieder gangbar, wenn sich genug Erregung angesammelt hat. Die Kränkung, die vor dreißig Jahren vorgefallen ist, wirkt, nach dem sie sich den Zugang zu den unbewußten Affektquellen verschafft hat, alle die dreißig Jahre wie eine frische. So oft ihre Erinnerung angerührt wird, lebt sie wieder auf und zeigt sich mit der Erregung besetzt, die sich in einem Anfall motorische Abfuhr verschafft. Gerade hier hat die Psychotherapie einzugreifen. Ihre Aufgabe ist es, für die unbewußten Vorgänge eine Erledigung und ein Vergessen zu schaffen. Was wir nämlich geneigt sind, für selbstverständlich zu halten und für einen primären Einfluß der Zeit auf die seelischen Erinnerungsreste erklären, das Ablassen der Erinnerung und die Affektschwäche der nicht mehr rezenten Eindrücke, das sind in Wirklichkeit sekundäre Veränderungen, die durch mühevolle Arbeit zustande kommen. Es ist das Vorbewußte, welches diese Arbeit leistet, und die Psychotherapie kann keinen anderen Weg einschlagen, als das Ubw der Herrschaft des Vbw zu unterwerden.

Nach Reich ist das Verdrängte, das Unbewußte („Ubw“) identisch mit der Muskelpanzerung. Genauer gesagt: die innere Erregung wird chronisch so umgeleitet, daß es zu automatischen („unbewußten“) Verhaltens- und Denkmustern kommt. Reichs Ansatz beinhaltet die Auflösung dieser Panzerung, so daß der Körper wieder situationsangemessen reagieren kann. Bei Freud geht es ganz im Gegenteil darum, die „Herrschaft des Vorbewußten (Vbw)“ aufzurichten, d.h. die vorbewußte (also jeder Zeit bewußtseinsfähige, ansonsten aber automatisch ablaufende) Kontrolle zu verschärfen – den Menschen noch mehr zu verpanzern.

Freud schreibt weiter:

Für den einzelnen unbewußten Erregungsvorgang gibt es also zwei Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann bricht er endlich irgendwo durch und schafft seine Erregung für dies eine Mal einen Abfluß in die Motilität, oder er unterliegt der Beeinflussung des Vorbewußten, und seine Erregung wird durch dasselbe gebunden anstatt abgeführt.

Durch die systematische Beseitigung der Panzerung wollte Reich die „orgastische Potenz“ herstellen, d.h. die geregelte Abfuhr der vegetativen Energie in Arbeit und Sexualität. Freud ging es darum, diese „störenden“ Energien besser zu binden, d.h. die orgastische Impotenz zu vertiefen.

Man muß Psychoanalytiker und ihre „erfolgreich therapierten“ Patienten persönlich kennengelernt haben, um zu sehen, daß das alles mehr als bloße Theorie ist.

Konkret geschieht die psychoanalytische „Bindung“ der Energie durch Verstärkung der Kopfpanzerung („Intellektualisierung“). Ganz ähnlich ist es um das angebliche Gegenteil der Psychoanalyse bestellt, die kognitiv-behaviorale Therapie.

Schon früh hatte Reich erkannt, daß nicht etwa der Neurotiker mit seinen auffallenden Symptomen der wirklich Kranke ist, sondern der „Charakterneurotiker“, Homo normalis, der sich reibungslos in diese kranke Gesellschaft einpaßt. Psychotherapeuten sollen die Neurotiker wieder auf Linie bringen.

Im Grunde ist das die Aufgabe unserer gesamten Kultur: all die Feuilletons, schlauen Bücher und Diskussionsrunden. Deshalb ist es auch so abwegig, „Intellektuelle“ von der Orgonomie überzeugen zu wollen. Bestenfalls ist sie ihnen „zu banal“.

Eine der effektivsten Techniken, um bei Menschen eine Panzerung des okularen Segments hervorzurufen, ist die Verunsicherung. Wir alle kennen das Gefühl des Weggehens in den Augen, wenn wir von verwirrten Menschen unvermittelt etwa gefragt werden: „Waren sie schon mal alt?“ „Hatten Sie nicht eben eine Decke in der Hand?“ Insbesondere aber, wenn sie absurde Deutungen von alltäglichen Erscheinungen und Vorkommnissen geben. Man stößt irritiert aus: „Leute, ihr bringt mich ganz durcheinander“ und schüttelt spontan den Kopf, so als wolle man die künstlich induzierte Augenpanzerung wieder abschütteln. Wieviel schlimmer muß das sein, wenn derartiger Schwachsinn einem mit der Autorität des Arztes aufgezwungen wird! Genau dies geschieht bei den fast durchweg absurden Deutungen der Psychoanalyse. Man denke nur an die Erinnerungen des „Wolfsmanns“.

Bei Reich war dies radikal anders, denn in der Charakteranalyse und Orgontherapie wird eben dem Patienten nicht gesagt, wogegen sich seine Abwehr richtet, vielmehr ist es Aufgabe des Patienten selbst zu ergründen, was sich hinter seiner Angst verbirgt. Die Psychoanalyse ist ein destruktiver Kult, der verboten gehört!

Die ganze Pestilenz der Psychoanalyse wird durch folgendes Zitat aus dem Jahre 1926 deutlich, als Freud in Die Frage der Laienanalyse schrieb:

Die sexuellen Regungen des Kindes finden ihren hauptsächlichsten Ausdruck in der Selbstbefriedigung durch Reizung der eigenen Genitalien, in Wirklichkeit des männlichen Anteils derselben. Die außerordentliche Verbreitung dieser kindlichen „Unart“ war den Erwachsenen immer bekannt, diese selbst wurde als schwere Sünde betrachtet und strenge verfolgt. Wie man diese Beobachtung von den unsittlichen Neigungen der Kinder – denn die Kinder tun dies, wie sie selbst sagen, weil es ihnen Vergnügen macht – mit der Theorie von ihrer angeborenen Reinheit und Unsinnlichkeit vereinigen konnte, danach fragen Sie mich nicht. Dieses Rätsel lassen Sie sich von der Gegenseite aufklären. Für uns stellt sich ein wichtigeres Problem her.

Soweit, so lebenspositiv vernünftig, doch dann fährt der ach so aufgeklärte Freud fort:

Wie soll man sich gegen die Sexualbetätigung der frühen Kindheit verhalten? Man kennt die Verantwortlichkeit, die man durch ihre Unterdrückung auf sich nimmt, und getraut sich doch nicht, sie uneingeschränkt gewähren zu lassen. Bei Völkern niedriger Kultur und in den unteren Schichten der Kulturvölker scheint die Sexualität der Kinder freigegeben zu sein. Damit ist wahrscheinlich ein starker Schutz gegen die spätere Erkrankung an individuellen Neurosen erzielt worden, aber nicht auch gleichzeitig eine außerordentliche Einbuße an der Eignung zu kulturellen Leistungen? Manches spricht dafür, daß wir hier vor einer neuen Scylla und Charybdis stehen.

Für Freud ging die Kultur stets vor!

freudpestilenz

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5 Antworten to “Freud, Retter der Kultur”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Psychotherapeuten sollen die Neurotiker wieder auf Linie bringen.
    Oder auch wieder besser arbeitsfähig machen. Allerdings ist die Psychoanalyse auch als kastrierte analytische Psychotherapie bei den Krankenkassen ein immer größerer Luxus, wobei die genehmigte Stundenzahl immer lächerlich weniger wird. Darum auch der Trend zu den kognitiven Anpassungstherapien, die mit noch weniger Stunden die Symptomflickschusterei versprechen.
    Heutzutage ist die reine biochemische Billigmedizin angesagt, billigste Antidepressiva usw., allerdings in riesigen Mengen unters Volk gebracht, Hunderttausende fressen den Mist jeden Tag, sonst könnten sie gar nicht mehr funktionieren.
    Die TKK-Krankenkasse hatte mal einige Körperpsychotherapien im Angebot (Gestalt, Bioenergetik usw.), wurde aber auf dem Klageweg von den Konkurrenten zum Rückzug gezwungen.

    Freud ging es darum, diese „störenden“ Energien besser zu binden, d.h. die orgastische Impotenz zu vertiefen.
    Darum kann auch den Sexualstraftätern in den forensischen Anstalten nie geholfen werden. Diese ganzen Pseudotherapien, die eher an Pferdedressur erinnern, befreien die natürliche Libido nicht und der Täter dreht irgendwann durch den Triebstau explosionsartig durch (wie ein Dampfkessel).

  2. David Says:

    Freud ging es darum, diese „störenden“ Energien besser zu binden, d.h. die orgastische Impotenz zu vertiefen.

    Vertieft wurde in einem mir bekannten Fall auch die enge Beziehung der Patientin an die Eltern; es handelte sich um eine psychotherapeutische Klinik, welche vermutlich an Schulz-Hencke orientiert war, dessen Richtung wiederum eine der freudianischen Richtungen ist. Es war vor ungefähr zwanzig Jahren.

    Im angegebenen Fall wurde, wie sie mir erzählte, in den Einzelgesprächen die konkrete soziale, rechtliche Sitation immer wieder beiseite gewischt, nämlich die fristlose Kündigung durch den Arbeitgeber, welche wahrscheinlich zu Unrecht erfolgt war.

    Letzteres hätte man in einem Prozess vor dem Arbeitsgericht klären müssen; vor allem aber bewirkt die Klageerhebung innerhalb der Frist von drei Wochen, dass der fristlos Entlassene Arbeitslosengeld bekommen kann. Normalerweise besteht nach fristloser Entlassung aus dem Arbeitsverhältnis kein Anspruch auf Sozialleistungen. So geschah es; als sie nach etwa fünf Wochen Arbeitslosengeld beantragte, wurde der Antrag abgehlehnt, weil sie ja fristlos entlassen worden war.

    Die Folge war, dass die Frau das Zimmer das sie gemietet hatte aufgeben musste und wieder zurück zu ihrem Vater umziehen musste.

    Offenbar hielt man die Vertiefung der – vermutlich inzestuösen – Beziehung zwischen Tochter und Vater und die Steigerung der Abhängigkeit vom Vater für den analytischen Prozess für förderlich.

    Eines wäre allerdings noch besser gewesen als die Erlangung von ALG durch fristgerechte Klage gegen den bisherigen Arbeitgeber: die Aufnahme eines neuen Arbeitsverhältnisses. Dies ist jedoch, wenn mann/frau ohnehin eine schlechte Biografie hat, und dann noch eine fristlose Entlassung hinzukommt, nicht möglich.

    Dafür bräuchte man nämlich eine Gesellschaft, in der der Arbeitsmarkt Selbstregulierung hat und Vollbeschäftigung vorhanden ist. Die gibt es in unserem Lande seit der Zweiten Ölkrise 1979 nicht mehr.

    Unter anderem kann die Orgonomie aufzeigen, wie es zu einer selbstregulierten Wirtschaft und Gesellschaft kommen kann. Als ich zum ersten Mal in meinem Leben den Begriff Orgonomie hörte, dachte ich es handele sich um eine spezielle Organisationspsychologie und Wirtschaftswissenschaft, die mit den bioenergetischen Dingen zu tun habe.

  3. David Says:

    Robert (Berlin) hat am 10. Juli 2010 gesagt:

    Freud ging es darum, diese „störenden“ Energien besser zu binden, d.h. die orgastische Impotenz zu vertiefen.
    Darum kann auch den Sexualstraftätern in den forensischen Anstalten nie geholfen werden. Diese ganzen Pseudotherapien …

    Beim Sexual-Straftäter verbinden sich sexuelle Triebe mit der Gewalt.

    Wie kann man solchen Leuten statt dessen zu richtiger Gesundheit verhelfen?

    Etwas schwiertger als bei einem einfachen gehemmten Menschen wird es schon sein …

  4. David Says:

    Freud:

    Damit ist wahrscheinlich ein starker Schutz gegen die spätere Erkrankung an individuellen Neurosen erzielt worden, aber nicht auch gleichzeitig eine außerordentliche Einbuße an der Eignung zu kulturellen Leistungen? Manches spricht dafür, daß wir hier vor einer neuen Scylla und Charybdis stehen.

    Weiß nicht – haben nicht auch matriarchale und prä-matriarchale Völker eine Spiritualität und eine Kultur?

    Die aber ganz, ganz anders ist als bei uns.

    Entwickeln können wir sowas auf Anhieb erst recht nicht.

    Vielleicht geht sowas auf ganz lange Sicht (mehrere Generationen).

    Indem man das Ökodorfprojekt italienischen Orgonomie verbindet mit dem Children of the Future Projekt, und mit einer so genannten Anarchistischen Schule wie von Isabelle Fremeaux und John Jordan beschrieben.

    OffTopic: Begriffsdefinition Anarchie

    Zu Wilhelm Reichs Lebzeiten hatte derselbe vermutlich keinen direkten Kontakt zu jenen Bewegungen in Spanien, welche sich als anarchistisch bezeichneten und vor allem gewerkschaftlich – anstatt durch eine Kampf-Partei wie bei Lenin und Stalin – bestimmt war.

    Daher verwendete Reich den Begriff so wie er umgangssprachlich verwendet wird, also im Sinne von Unordnung und Chaos.

    Die damaligen katalanischen und spanischen Anarchisten – und die in ihrer Tradition stehende heutige oben erwähnte Schule – strebt daher – wie ich glaube – eher nach Selbstregulierung von menschlichem Charakter, Wirtschaft und Gesellschaft.

    • David Says:

      OffTopic: „italienisches Projekt“

      das beste Land für neue reformpädagogische Projekte ist möglicherweise nicht Italien, sondern die Schweiz. Interessant ist insbesondere die italienischsprachige Schweiz wegen der geografischen und sprachlichen Nähe zu Italien.

      Man bedenke außerdem mögliche schädliche Auswirkungen einer deutschen, spanischen (oder gar arabischen) Muttersprache, über die hier im Blog an anderer Stelle schon intensiv diskutiert wurde.

      Bietet vielleicht Italienisch die besten Voraussetzungen?

      Man nehme eventuell das Bernina-Bahn-Gebiet, wo es auch leicht sein könnte, aufgeschlosssene Geldgeber zu finden.

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