LaMettrie statt DeSade, Stirner statt Marx und Nietzsche

Der Normalfall lautet: „Jede Frau muß selber wissen, was sie verantworten kann.“ Der Grundsatz der totalen Selbstbestimmung über seinen Körper, selbst wenn ein anderer Körper darunter leiden muß, stammt vom frühesten Pionier der Freigabe von Abtreibung, Homosexualität, Pädophilie, Prostitution und Promiskuität: dem Marquis Donatien de Sade, einem Zeitgenossen Rousseaus, auch von Wilhelm Reich und vor dreißig Jahren von deutschen Grünen und Reformpädogen ernst genommen.
Daß in Sachen Sexualität, ihrer Praxis und ihrer Folgen, jeder selber wissen müsse, was richtig sei, weil es Privatsache ist, hat niemand philosophisch „sauberer“ formuliert als de Sade. Als Befreier der Sexualität ging er davon aus, daß Vergewaltigungsopfer und Kinder, wären sie über ihr Glück aufgeklärt, durchaus mitmachen würden, was letztlich sein Emanzipationsziel war. Auch der Feminismus und der Sozialismus meinen es mit den abgetriebenen Kindern gut: Ungewollte Kinder, erst noch in schlechten sozialen Verhältnissen, wären zu bemitleiden. Es ist besser für sie, nicht geboren zu werden, als zu einem Leben ohne Chancen gezwungen zu werden. Insofern wird dem ungeborenen Kind der höchste linke Grundwert, die Solidarität, auf makabre Weise nicht vorenthalten. (Weltwoche)

Das folgende soll einfach nur Appetit machen auf die Heimatseite www.lsr-projekt.de.

Man kann Marquis de Sade und LaMettrie durchaus als Ururväter der Sexuellen Revolution betrachten. Gleichzeitig läßt sich an ihnen der Widerspruch dieser Revolution festmachen.

2003 eine Diskussion im ZDF-Nachtstudio über „Marquis de Sade und die Folgen“. Der Sade-Übersetzer Stefan Zweifel:

….in den 68 haben sie eine Sade-Ausgabe gemacht, die hört immer mit einem Orgasmus auf. Also, auch eine [philosophische] Rede dazwischen, aber es hört immer mit einem Orgasmus – nicht Wilhelm Reich, wir müssen Orgasmen haben und so [Diskussionsteilnehmerin Ursula Pia Jauch leicht amüsiertes Gesicht, ein zustimmendes „Jaja“] – bei Sade ist das nicht so, das geht einfach: genau diese Erregung greift dann wieder über ins Denken. Und das ist eine endlose Erregung.

Heute herrsche Anhedonie, trotz plakativem Sexus, „weil“, so Jauch, „das lustvolle und auch denk-lustvolle Umfeld weg ist.“

Die Sade’sche Sexualität des pseudoliberalen modern liberal… (vgl. Der politische Irrationalismus aus Sicht der Orgonomie).

2004 ist der Roman Der Augenblick der Liebe von Martin Walser erschienen. Im Spiegel (30/04) wurde die zentrale Stelle hervorgehoben: in einer Rede über LaMettrie spricht der Romanheld, ein LaMettrie-Experte, davon, diesem sei es darum gegangen, „die menschliche Gattung von Schuldgefühlen zu befreien.“ Walser lasse, so der Spiegel, seinen Redner „regelrecht ins Schwärmen geraten.“ Der sagt:

Ein Frühlingsausbruch sondergleichen. Genuß als Denkbedingung. Lust als Seinserfahrung. Und Glück als Sinn des Daseins.

Und als Fazit:

Eben diese erfahrungsgesättigte Kenntlichkeit, diese immer aus dem eigenen Leben stammende Stilistik hat ihn [LaMettrie] in Verruf gebracht.

LaMettrie habe geradezu davon gelebt, „das öffentlich zu bezeugen, was bisher jeder ausgeklammert hat.“

Man vergleiche Bernd Laskas Website www.lsr-projekt.de oder Max Stirner und die Kinder der Zukunft mit folgender Stelle aus Jauchs wirr-„intellektueller“ Habilitationsschrift über LaMettrie (Jenseits der Maschine, München 1998, S. 555), in der der zentrale LSR-Punkt bei LaMettrie abgehandelt wird:

Die entwicklungspsychologisch freilich undifferenzierte Forderung, künftig in der Erziehung darauf zu achten, daß die Gewissensbisse nicht mehr weiter zum Lehrstoff gehören – „den Menschen von den Gewissensbissen befreien“ (DB 153) –, stammt aus LaMettries ureigenster Erfahrung mit der religiösen Zerknirschung. Sei es im Jansenismus, sei es im Protestantismus, sei es [im Katholizismus].

Der zentrale Punkt wird von Jauch bis zur Unkenntlichkeit zerredet, inhaltlich und dann „biographisch“ relativiert: LaMettrie übertreibe etwas, aus eigener Betroffenheit (wie bei Nietzsches Leiden am Christentum), man darf es nicht verallgemeinern; dann das denkbar unpassende Bild „Gewissensbisse als Lehrstoff“…

Dieses ziellose „Denken“ von „Intellektuellen“ wie Jauch ist Ausfluß ständiger Nichtbefriedigung.

Zu diesem Blogeintrag siehe auch unbedingt meinen Blogeintrag über Rousseau!

Das Denken der „Intellektuellen“ weltweit gruppiert sich weitgehend um die beiden Antipoden Marx und Nietzsche oder um eine Vereinigung der beiden, wie sie etwa vom russischen Bolschewismus, italienischen Faschismus und den französischen Wirrköpfen im Umfeld von Foucault, Deleuze und Derrida vorexerziert wurde. Heimlich goutieren sie sich an den Vernichtungsphantasien von Marx (siehe Der politische Irrationalismus aus Sicht der Orgonomie) und Nietzsche, der die Ausmerzung der „Mißratenen“ propagierte, den „Mord aus höchster Liebe zu den Menschen“; „heilig“ sei man, wenn man „Räuber und grausam“ ist und aus der „Härte“ seine Tugend und seinen Gott mache (siehe Der verdrängte Nietzsche).

Es läßt sich zeigen, daß Marx und Nietzsche ihre Gedankengebäude als Abwehrreaktion auf das anthropologische Konzept Max Stirners entworfen haben (siehe Max Stirner und die Kinder der Zukunft.

In Der verdrängte Nietzsche wird erläutert, inwiefern Stirners „Einziger“ im Zentrum der Philosophie Nietzsches steht – der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“. Man vergegenwärtige sich nur, wie Nietzsche in raunendem Ton, voller Angst und Panik von dieser „alles zermalmenden Idee“ spricht und vergleiche das mit seiner Notiz aus der Zeit seiner „initialen Krise“ 1865:

Was ich fürchte, ist nicht die schreckliche Gestalt hinter meinem Stuhle, sondern ihre Stimme: auch nicht die Worte, sondern der schauderhaft unartikulierte und unmenschliche Ton jener Gestalt. Ja, wenn sie noch redete, wie Menschen reden!

Eine Notiz, die, wie Bernd Laska in seinem Aufsatz Nietzsches initiale Krise überzeugend argumentiert, von dem „Dämon“ Stirner handelt.

Marx hat einen dicken Wälzer geschrieben, um Stirner zu widerlegen: Die deutsche Ideologie. Wer sich die Mühe gibt, dieses dann doch unveröffentlicht gebliebene Konvolut zu lesen, wird sehen, daß der Marxismus aus einer barock ausufernden Rezension von Stirners Der Einzige und sein Eigentum hervorgegangen ist. Siehe dazu Bernd Laskas Aufsatz über Marx und die Marxforschung.

dearmor

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8 Antworten to “LaMettrie statt DeSade, Stirner statt Marx und Nietzsche”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Hier möchte ich darauf aufmerksam machen, dass es Stirners Bücher kostenlos bei Amazon gibt:
    http://www.amazon.de/s?_encoding=UTF8&search-alias=digital-text&field-author=Max%20Stirner
    Einfach die Software für den PC / Mac oder dein Kleingerät (iPhone, iPad, Android) downloaden und die Bücher lesen.

  2. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur « Nachrichtenbrief Says:

    […] sind. Man lese doch nur das Feuilleton mancher Zeitungen. Gehirndiarrhöe. Von Halbirren wie Foucault, Deleuze und Derrida ganz zu […]

  3. David Says:

    http://www.orgonomie.net/hdostirner.htm

    Zitat:

    Dann hat aber auch zu gelten, daß, so wie einst der Mensch seine Umwelt unterwarf und sich dienstbar machte, sich ebenso die innere Welt, die Welt der Gedanken und Ideen, ganz der Macht des Menschen, des einzelnen Menschen, zu unterwerfen hat. Allein schon um nur einschlafen zu können, muß er in der Lage sein, sich alles aus dem Kopf zu schlagen, d.h. „ungezogen und eigenwillig“ die Ideen wie nichts beiseite zu wischen (4:375).

    Zitat Ende.

    Um nur einschlafen zu können.

    Beiseitewischen auch mithilfe von Betäubungsmitteln wie z.B., Bier, anderer Alkohol, Schlafmittel, Heroin u.v.m.

    Anstelle des Beiseitewischens ist wohl Loslassen besser, Zitat Fortsetzung:

    Und genauso, wie man zum Denken Begriffe braucht, muß man, um denken zu können, auch fähig sein, sie wieder loszulassen. Denken erfordert, daß man jeden Augenblick gedanken- und sprachlos wird. Es ist die „rastlose Zurücknahme aller sich verfestigenden Gedanken“ (4:342).

    Zitat Ende.

    Das leuchtet sehr ein, auch bei der Tätigkeit aller Entwickler und Erfinder. Immer sind beispielsweise die Materialeigenschaften anders als erwartet, beim Programmieren wirkt dieser oder jener Befehl sich anders aus als man denkt. D.h. mit „verfestigten Gedanken“ ist es nicht möglich, eine prinzipiell richtige Erfindung auch zu verwirklichen.

    Zitat Fortsetzung:

    Doch statt neben dem Wissenstrieb auch den „Willenstrieb“ zu fördern, wird der Eigenwille des Kindes gebrochen. Das Kind soll sich in dieser, unserer irrwitzigen Welt, dieser gespenstischen „Gedankenwelt“, „einrichten“ (Kontraktion) und buchstäblich nie mehr „aufrichten“ (Expansion) (4:354). Es soll den Kopf einziehen. Sein Mut, d.h. die Fähigkeit zur Empörung, soll gebrochen und zur „De-Mut“ gebeugt werden.

    Zitat Ende.

    Es soll den Kopf einziehen.

    Es soll zwar alles mögliche gelernt haben; zum Beispiel wollte man im alten Preußen erreichen, dass die Soldaten lesen und daher auch schriftlich übermittelte Befehle ausführen konnten.

    In den damaligen anderen westlichen Militärstaaten (Frankreich, USA) vermutlich ungefähr die gleiche Situation wie in Preußen.

    Außerhalb des Militärs sollte es in den Industriebetrieben den Chefs gehorchen. Das war dann unter den Bolschewisten in Russland und den späteren Ostblockstaaten auch nicht anders.

    Es soll auf Befehl funktionieren. Aber genau mit dieser Eigenschaft ist man für die Herausforderungen der Welt, wie sie in Zukunft – oder teilweise jetzt schon ist, unbrauchbar.

  4. David Says:

    OffTopic: Italienisches Projekt

    Die Nähe zu Reich wird auch evident, wenn Stirner im Zusammenhang mit der Gesetzgebung im Staate davon spricht, daß durch zurückliegende Willensäußerungen der Wille quasi erstarrt sei, was aus einem einstigen „Wollenden“ einen „Willenlosen“ macht, der in seinem „Flusse“ und seiner „Auflösung“ gehemmt sei (4:215). Wie Stirner die Befreiung von den erstickenden Begriffshülsen der Zivilisation beschreibt, gemahnt vollends an die Orgontherapie: „Ein Ruck tut Mir die Dienste des sorglichsten Denkens, ein Recken der Glieder schüttelt die Qual der Gedanken ab, ein Aufspringen schleudert den Alp der religiösen Welt von der Brust, ein aufjauchzendes Juchhe wirft jahrelange Lasten ab. Aber die ungeheuere Bedeutung des gedankenlosen Jauchzens konnte in der langen Nacht des Denkens und Glaubens nicht erkannt werden“ (4:164).

    Die Aufklärung hätte solch ein „Recken der Glieder“ sein müssen, stattdessen wurden die Menschen nur noch mehr in die Welt bedeutungsloser Begriffe verstrickt. Die Revolutionäre waren um keinen Deut besser als die Pfaffen: auch sie pfropften die Köpfe und Herzen mit Flausen über Gewissen, Pflichten, Gesetze voll. Auch sie waren nur irdische Vertreter himmlischer Ideale – um keinen Deut besser als die „Jugendverführer und Jugendverderber, die das Unkraut der Selbstverachtung und Gottesverehrung emsig aussäen, die jungen Herzen verschlämmen und die jungen Köpfe verdummen“ (4:179).

    … die jungen Köpfe verdummen.

    Die so genannte Aufklärung war also eher das Gegenteil von Aufklärung.

    Seit Reformation und Renaissance und „Aufklärung“ funktionieren die Menschen einseitig über den Kopf.

    Bestimmte Fähigkeiten, wie etwa gewisse mathematische Berechnungen machen zu können, die für den Weltraumflug oder auch für militärische Operationen vorgenonmmen werden müssen, haben durchaus zugenommen in den letzten fünfhundert Jahren.

    Wenn man dazu bedenkt, dass – Gunnar Heinsohn zufolge – gleichzeitig also nicht etwa im Früh- und Hochmittelalter die Hexenverfolgung war, ergibt sich ein abgerundetes Bild.

    Diese Dinge im Herzen wahrzunehmen und Stirner zu studieren ist glaube ich notwendig, wenn man das Ökodorfprojekt der italienischen Orgonomie verwirklichen will.

  5. „Freudo-Marxismus“ (Teil 2) | Nachrichtenbrief Says:

    […] Wenn Marx Leute wie Stirner oder Proudhon zu seinen „kleinbürgerlichen“ Hauptfeinden erklärte, erklärte er damit „funktionell gesehen“ auch Reich zu seinem Hauptfeind. Mit Stirner habe ich mich bereits befaßt. […]

  6. Peter Nasselstein Says:

    Immer das gleiche. Seitenlanges Blablabla über „das Patriarchat“, aber dann, wenn es ums Eingemachte geht, also bei LaMettrie, Stirner, Reich, das Totalversagen der ach so hochgebildeten Profs.:

    Der Begriff des Leibes, der den Zusammenhang mit Geist und Seele – Liebe, Leben – noch inkludiert, weicht in der Neuzeit dem des Körpers von corpus, der Leichnam, bzw. dem Körper als „Maschine“ (La Mettrie 1985, Descartes 1648).

    http://berndsenf.de/pdf/Bumerang_0_Nummer.pdf

    Bei Der Mensch als Maschine geht es darum, daß die „Seele“ nicht notwendig ist, d.h. der Mensch nicht irgendwelchen „moralischen“ Überwelten sich unterwerfen muß.

  7. Peter Nasselstein Says:

    Der ‚innere Richter‘ im Einzelnen und in der Kultur: Klinische, soziokulturelle und literaturwissenschaftliche Perspektiven

    http://www.amazon.de/innere-Richter-Einzelnen-Kultur-literaturwissenschaftliche/dp/3837922553/ref=sr_1_205?ie=UTF8

    Eine der zentralen psychoanalytischen Grundannahmen Sigmund Freuds ist das Über-Ich. Dieses Konzept des ‚inneren Richters‘ entwickelte Léon Wurmser in bedeutender Weise weiter, indem er Formen und Strukturen des Über-Ichs bis in die Verzweigungen philosophischer Erörterungen und kulturell-gesellschaftlicher Aspekte hinein darstellte. Diese Herangehensweise wird der Tatsache gerecht, dass Manifestationen des Über-Ichs – wie Scham- und Schuldgefühle, Ressentiments und Wiederholungszwänge – sowohl für klinische Behandlungen als auch für das Verständnis von Kulturphänomenen eine große Bedeutung haben.

    Die Autorinnen und Autoren beleuchten aus ihren jeweiligen Arbeits- und Forschungsfeldern heraus psychoanalytisch-klinische, soziokulturelle und literatur- und kulturwissenschaftliche Aspekte des ‚inneren Richters‘ und lassen die tragische Wahrheit der Konfliktnatur des Menschen aufscheinen,

    Das zentrale LSR-Thema – und was machen die daraus? Die Natur des Menschen ist konflikthaft!

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