Christusfunktionalismus (Teil 1)

Die zerstörerischte Häresie, die das Christentum kennt, ist die Vorstellung, daß nur derjenige, der sich zu Jesus bekennt, in den Himmel kommt. Alle anderen sind zu ewigen Höllenqualen verurteilt! Alle Menschen, die vor Jesus gelebt haben? Und auch später alle, die nie von ihm gehört haben? Kein Wunder, daß sich so viele Menschen angewidert von einem derartig teuflischen Glaubenssystem abwenden!

Aber diese abscheuliche Vorstellung ist eine Häresie, da sie implizit in Abrede stellt, daß Christus ewig ist, d.h. durch die Schöpfung spricht, und daß er das Wort ist, d.h. das Gewissen selbst ist.

Alle jene Wilden, die in Übereinstimmung mit der Natur und ihren Gewissen gelebt haben, sind des Himmelreichs sicher. Genauso wie all jene, die in ihren heiligen Schriften von Gottes Geboten gelesen und sich danach gerichtet haben. Psychoanalytisch ausgedrückt: alle, die einem richtigen, d.h. edlen, schönen und guten Ichideal gefolgt sind. Es ist sogar das Gegenteil dieser Ketzerei wahr: diejenigen, die sich als Christen bekennen, aber trotzdem nicht in Jesus wiedergeboren wurden – sie müssen die ewige Verdammnis fürchten.

DoreJesusWarum Christus dann überhaupt in die Welt kommen mußte? Er kam für jene Sünder, die ohne den Glauben an ihn keine Chance haben, sich mit Gott zu versöhnen. Etwa die Verbrecher, die neben ihm gekreuzigt wurden. Das ist die Frohe Botschaft.

Die Verteidigung des Christentums ist so wichtig, weil spätestens seit Reichs Christusmord das Christentum zu einem zentralen Thema der Orgonomie geworden ist. Außerdem ist es der einzige Schutzwall gegen den Islam, dem wir ansonsten hoffnungslos ausgeliefert wären.

Ich selbst bin kein Christ. Ich stehe dem Christentum wie ein Ethnograph gegenüber, der sich in den naiven Aberglauben der Eingeborenen verliebt hat, aber nie und nimmer dieses infantile Zeugs selbst glauben wird.

Und da ist noch etwas: Was ich dem Christentum niemals verzeihen werde, sind die gebrochenen Menschen. Ist Kirchentag in der Stadt, kriege ich Depressionen allein vom Anblick dieser „Erlösten“.

Trotzdem: das Christentum ist vielleicht das Beste, was uns die gepanzerte Kultur zu bieten hat. Deshalb hat Nietzsche das Christentum einerseits als letztes lebendiges Überbleibsel der Antike und letzte „heroische Weltanschauung“ geachtet – und andererseits abgrundtief gehaßt: die gebrochenen Seelen! (vgl. Der verdrängte Nietzsche)

Aber zurück zur Verteidigung des Christentums: Was ist das für ein Gott, der alle zukünftigen Generationen zum Tode verurteilt, nur weil sich der erste Mensch vom Teufel hat verführen lassen, von der „verbotenen Frucht“ zu kosten?

Zunächst einmal liebt Gott die Menschen und hat ihnen deshalb Willensfreiheit gegeben, da Liebe ohne Freiheit keine Liebe ist. Nicht Gott hat den Menschen verdammt und „zum Tode verurteilt“, sondern der Mensch hat sich selbst von Gott und seiner Liebe abgewendet, der Quelle des Lebens. Um mit Reich zu sprechen: der Mensch ist in die Falle geraten. Statt aus seiner Gottesebenbildlichkeit etwas zu machen, hat sich der Mensch „abgepanzert“.

In der Sprache der östlichen Theologie (Priestermönch Paisius Rauer):

Adam – ausgestattet mit freiem Willen, d.h. der Möglichkeit, zwischen Gut und Böse zu wählen – stand also in der Verantwortung, den Pfad der „Vergöttlichung“ (qe,wsij), welche das Ziel der Verähnlichung ist, zu wandeln. Er kam aber vom Weg ab, richtete seinen eigenen Willen gegen den Willen Gottes, wurde ungehorsam und trennte sich so durch seine freiwillige Tat von Gott. Indem er sich vom unsterblichen und lebenspendenden Gott abwandte, starb er einen geistlichen Tod, versetzte sich in einen Zustand wider seine Natur und führte so selber Sterben und Krankheit überhaupt ein. „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden.“, wie uns der Prediger der Weisheit belehrt (Weish. 1:13). Der Mensch hatte sein Ziel verfehlt, was die Urbedeutung des gr. Wortes a`marta,nw (sündigen) ist. In der Hoffnung darauf, ohne Gott Gott zu werden, hat Adam sozusagen die lebenerhaltende Nabelschnur abgeschnitten , seine Geistkraft (nou/j) vom Schöpfer weggewandt auf das Geschaffene hin und seine natürliche Lust an Gott in unnatürliche Lust der Sinne verkehrt. Er wurde von einer Person zu einem Individuum, wie es die orthodoxe Theologie ausdrückt. Das paradiesische Leben in Gemeinschaft wich dem Leben in Vereinzelung, und damit untrennbar verbunden ist die erste psychische Regung nach dem Fall, die alles beherrschende Angst (vgl. Gen. 3: 8, 10). Entfremdung zeigte sich bei Adam in Bezug auf Gott, Entfremdung trat ein zwischen Adam und Eva und zwischen ihnen und der übrigen Schöpfung, und sogar Feindschaft begann zu existieren (vgl. Gen. 3: 15), die ja dann auch den ersten körperlichen Tod zur Folge hatte (vgl. Gen. 4: 8). Getrennt von Gott, verfielen Adam und seine Nachkommenschaft der Herrschaft der Sünde und des Teufels. Seitdem wird jedes menschliche Wesen in eine Welt hineingeboren, wo Sünde allgegenwärtig ist (vgl. Ps. 50: 7) und wo Böses leicht und Gutes schwer zu tun fällt. Infolge des geschwächten Willens leiden alle an den Folgen der urväterlichen Sünde. (Hervorhebungen hinzugefügt)

Was aber ließ den Menschen in die Falle geraten? Dazu zitiert Paisius Rauer aus Orthodoxe Dogmatik von Dumitru Staniloae:

Der Mensch war also von bösen Gelüsten frei und strebte nach dem Gut der Gemeinschaft mit Gott und den Nächsten, war aber in dieser Reinheit und Güte nicht gefestigt. Er war sich seiner selbst bewußt und war frei, und in dieser Bewußtheit und Freiheit strebte er nach dem Guten; aber er hatte noch kein entwickeltes Bewußtsein des Guten und Wahren, ‹und› auch keine Freiheit, die gegenüber gewissen Leidenschaften irgendwie abgesichert gewesen wäre. Er war nicht sündig, aber auch nicht von erworbenen Tugenden geschmückt, auch hatte er nicht willentlich gefestigte reine Gedanken. Er hatte die Unschuld dessen, der die Sünde nicht geschmeckt hat, aber nicht jene, die durch das Zurückweisen der Versuchung gewonnen wird. Er war ein Wesen mit einem von Leidenschaften unverwundeten und ungeschwächten Geist, aber ungeübt und nicht gekräftigt durch die Unterwerfung des Leibes und der Welt in ihrer vielgestaltigen Kontingenz. Sein Leib war nicht geknechtet von den automatisch wirkenden Gesetzen der Sünde, er hatte aber auch nicht die geübte Kraft, gegenüber einem solchen Zustand immun zu bleiben. Die Welt stellte seinem Leib und Geist ihre Abläufe nicht als Ketten entgegen, aus denen es kein Entrinnen gibt, sie war aber auch nicht seinem Geist und dessen Kraft unterworfen. Die Welt hatte für den Menschen die Transparenz, die sie für ein unschuldiges Kind hat, das aber sofort ihrer Undurchschaubarkeit innewird, indem es böse zu handeln beginnt; sie hatte aber nicht jene Transparenz, die sie für den Heiligen hat, durch die ihre Undurchschaubarkeit tatsächlich überwunden wird. Es war eine gesunde Ausgewogenheit der Ratio vorhanden, die Dinge wurden richtig beurteilt und das Handeln klar gewählt, in einer Weise, die der hin- und hergerissene und von Meinungen und Erkenntnissen umgetriebene Mensch nicht mehr kennt; doch hatte er keine unerschütterliche Festigkeit, die auf kritischer Erfahrung beruht, die durch das Bestehen auf dem Grund und durch das Zurückweisen des Bösen erworben wird. (Hervorhebungen hinzugefügt)

Mit anderen Worten: wie das naive Kind, das „auf der Straße“ unter schlechten Einfluß gerät und schließlich straffällig wird; wie die sprichwörtliche „Unschuld vom Lande“, die in der Großstadt „unter die Räder gerät“; wie der „Eingeborene“, der hilfloses Opfer der Verlockungen der Zivilisation wird – wurde der erste Mensch abhängig von „den automatisch wirkenden Gesetzen der Sünde“. Es war wie eine Drogensucht, aus der es kein Entkommen mehr gab und die ihn immer weiter von den Quellen seines Lebens abgetrennt hat. Der gottesebenbildliche Mensch wurde süchtig danach, seine göttlichen Energien zu mißbrauchen. Nach orthodoxer Lehre ist Jesus, die Verkörperung der Liebe Gottes, gekommen, damit sich der Mensch wieder aus den Fängen des Teufels lösen kann; sozusagen wieder „clean“ werden kann.

Die Westkirche (Katholizismus und Protestantismus) hat das Christentum in einem erschreckenden Ausmaß entkernt und verflacht. Und es wird immer schlimmer. Dazu morgen mehr.

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3 Antworten to “Christusfunktionalismus (Teil 1)”

  1. Haiti und die Geschichte von Sodom und Gomorrha « Nachrichtenbrief Says:

    […] so viel Leid zulassen? Wir leben nicht mehr im Paradies. Mit dem Sündenfall habe ich mich schon in „Die Falle“ aus Sicht der Ostkirche beschäftigt. Hier wäre anzufügen, daß aus christlicher Sicht der Fall des Menschen mit dem Fall […]

  2. Ingo-Wolf Kittel Says:

    Erst war ich nur überrascht, dass hier mit christlichen Vorstellungen argumentiert oder „hantiert“ wird ohne an sie zu glauben, also sie für richtig oder wahr zu halten. Vorstellungen alttestamentarischer Genese wie Vorstehend in pathetischem, um nicht zu sagen prophetisch anmutenden Stil auch noch zu übertreiben und zuzuspitzen, ist noch wunderlicher – erst recht, das Ganze noch mit verquasten Phantasien zum Teil völlig abgehobener Art zu garnieren.

    Kann denn niemand einen einfachen Text lesen? Von ‚Sünde‘ ist in der Paradiesgeschichte nirgendwo die Rede. Nach ihr haben Adam und Eva schlicht „gegessen“, und zwar vom „Baum der Erkenntnis des Guten und Schlechten“.

    In diesem nicht zufällig „zentralen Mythos der westlichen Kultur“ (P.C. Almond) ist zentrales Thema demnach die menschliche Erkenntnisfähigkeit! Es ist derart übermächtig, dass meist völlig außer Betracht bleibt, dass in der Erzählung eigentlich „der Baum des Lebens“ ganz zentral „in der Mitte“ des Paradieses steht.

    Der Mythos vom „Adam“ – dem Menschen – im paradiesischen Zustand und danach hat somit eigentlich das Leben von uns Menschen zum Gegenstand. Genauer gesagt stellt er eine Lehre vom Menschen in seiner Zeit vor und nach dem Heranreifen unseres Erkenntnisvermögens dar – modern ausgedrückt: eine erkenntnispsychologisch ausgerichtete Anthropologie.

    Und noch ein weiteres: so wenig, wie es real auch nur einen einzigen „Baum“ der Erkenntnis gibt, so gibt es auch keine „Früchte“ von ihm, die man „essen“ könnte. Passend dazu stirbt denn ja auch niemand im Paradies, fällt beim sinnbildlichen „Essen“ der symbolischen „Früchte“ tot um oder wird gar von den Elohims hingerichtet. Wie sollte man von den „Früchten“ des Erkennens, seinen Folgen nämlich und damit an Erkenntnissen auch „sterben“ können?!

    Gewarnt wird deswegen auch nicht vor dem „Essen“ dieser Folgen, sondern vor einem bestimmten Umgang mit ihnen; denn wie schon Erkenntnisse selbst gut oder schlecht sein können, nämlich richtig oder falsch, kann ja auch die Verwendung von ihnen nützlich sein oder sich nachteilig auswirken. (Zu weiterem s. die – in Reaktion auf die hier entwickelten Gedanken – von mir hier skizzierten Überlegungen.)

  3. Gottes Liebe bedeutet ewige Höllenqualen « Nachrichtenbrief Says:

    […] Peter Nasselstein In meinem dritten Blogbeitrag zur Verteidigung des Christentums (hier der erste, hier der zweite) geht es um die Frage, wie ein liebender und verzeihender Gott es zulassen kann, daß […]

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