Die Zukunft der Orgonomie (Teil 1)

Es gibt zwei Wege der Orgonomie in die Zukunft:

  1. Expansion durch Diffusion,
  2. Expansion durch Konglomeration.

Die vielleicht radikalste Vertreterin des ersten Ansatzes war Eva Reich, die kaum Grenzen kannte, wenn es darum ging, den Namen „Wilhelm Reich“ vor dem Vergessen zu bewahren. Alles, was auch nur annähernd an Reichs Intentionen erinnerte, wurde von ihr unterstützt. Man lese etwa das vielleicht lächerlichste Reich-Buch, das je erschienen ist: Wilhelm Reich. The Man who Dreamed of Tomorrow. Das Vorwort stammt von Eva Reich. Wäre ihr die Führung der Orgonomie nach Reichs Tod zugefallen, gäbe es heute nicht vielleicht zweidutzend medizinische Orgonomen, sondern Tausende. Tatsächlich gibt es sie ja auch heute, aber das Resultat wäre genau das, was man heute beobachten kann: eine Verwässerung der Orgonomie bis zur Unkenntlichkeit und eine massive Schädigung von Patienten im Namen der „Orgonomie“. Ich habe das alles bis zum Überdruß in den verschiedensten Blogeinträgen und in meinen Buchbesprechungen erläutert (siehe den obigen Link).

Die Gegenposition hat Elsworth F. Baker verkörpert, der selbst noch erstaunlich „liberal“ war, und sie hat sich durch Charles Konia weiter zugespitzt. „Qualität statt Masse“ wäre das naheliegende Stichwort, aber es geht bei näherer Betrachtung um mehr.

Es ist nicht einfach der Gegensatz von Expansion und Kontraktion, sondern es umfaßt etwas, was in dieser Gesellschaft, die vom Kult der Expansion geprägt ist, immer seltener vorkommt: das Vorbereiten auf einen Schwung nach vorne. Erfinder werkelten jahrelang vor sich hin, bis man beispielsweise Gummi dergestalt aufbereiten konnte, daß etwas wie Autoverkehr möglich wurde. Heute ist die Gummifertigung ein gigantischer Industriezweig, den man sich unmöglich wegdenken kann.

Damit so etwas möglich ist, braucht es unendlicher Geduld, Disziplin und Konzentration auf das Wesentliche. Man denke nur mal daran, welch ein Aufwand es ist, ein Instrument zu erlernen oder ein international anerkannter Virtuose zu werden. Dem geht jahrelanges Klimpern in den eigenen vier Wänden und viele Semester im Konservatorium voran. Welche Opfer es kostet, die höhere Mathematik mit leichter Hand zu beherrschen oder eine fremde Sprache so gut zu sprechen wie ein Muttersprachler! Es ist alles ein langwieriges Zuschleifen eines Rohdiamanten.

Genau das läßt sich auf die Orgonomie übertragen. Es bringt nichts, rein gar nichts, wahrheits- und freiheitskrämerisch Versatzstücke der „Reichschen Lehre“ zu verbreiten und aus deren Vertretern eine breite „Bewegung“ bilden zu wollen:

  1. käme am Ende doch nur die neumodische Beliebigkeit zum tragen und die Orgonomie würde sozusagen den „Wärmetod“ erleiden.
  2. bestünde im Falle einer schnellen Überexpansion die Gefahr, daß alles schließlich nur noch schneller implodiert und sich in nichts auflöst. Man denke nur daran, wie vor wenigen Jahrzehnten Teilhard de Chardin wirklich in aller Munde war. Heute ist er weniger als bedeutungslos. Die Orgonomie darf zu keiner Modeerscheinung werden, wie sie es zeitweise zu werden drohte (Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre)! Prompt wäre die heillos überexpandierte Orgonomie damals beinahe verpufft. (Es hätte nicht viel gefehlt und 1957 wäre Schluß gewesen.)
  3. muß es eine Instanz geben, die mit einiger Autorität bestimmen kann, was Orgonomie ist und was nicht. Diese Aufgabe wird durch eine Überexpansion verunmöglicht.

Wenn die Orgonomie die objektive Wahrheit vertritt, wird es über kurz oder lang zu einem plötzlichen Pusch nach vorne kommen, ähnlich wie die erwähnte Gummiindustrie förmlich explodiert ist, nachdem ein gewisser Entwicklungsstand erreicht war und die Umweltbedingungen (insbesondere die Entwicklung des Autos) entsprechend gediehen waren. In diesem Sinne muß sich die Orgonomie konsolidieren, beispielsweise was die Ausbildung von medizinischen Orgonomen betrifft oder die Ausformulierung der Orgonometrie. Das würde durch eine verfrühte Expansion weitaus schwieriger, wenn nicht sogar verunmöglicht werden.

Die orgonenergetischen Hintergründe dieser Funktionen wurden bereits an anderer Stelle beschrieben. Ein naheliegendes Beispiel ist der Geschlechtsakt mit seinem langen „Mahlen“ (den Friktionen), was zum plötzlichen „Schwung nach vorn“ (dem Orgasmus) führt. Dies polymorph-pervers immer weiter auszubreiten und zu variieren, hintertreibt den geregelten Energieablauf, obwohl „mehr Lust“ und eine „höhere Befriedigung“ versprochen werden. In den Bereich der Arbeitsfunktion übertragen, geschieht in der Orgonomie heute genau dasselbe: Wilhelm Reich gegen Theodoor Hendrik van de Velde (der Oswald Kolle der 1920er Jahre). Es ist der Gegensatz zwischen der konservativen und der liberalen Orgonomie. Um zu wissen, auf welcher Seite Reich stand, lese man seine Korrespondenz mit A.S. Neill Zeugnisse einer Freundschaft.

Worum es geht, wird auch durch die beiden folgenden Skizzen deutlich. Die liberale Orgonomie expandiert, erkauft dies jedoch durch eine innere Aushöhlung. Die konservative Orgonomie kontrahiert, was zu einer zunehmenden Isolation („äußeren ‚Aushöhlung‘“) führt:

expkontrak

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7 Antworten to “Die Zukunft der Orgonomie (Teil 1)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Reich hat van de Velde auch rezensiert; in der IZP 1928 Nr 4 schrieb er:
    Van de Velde, Dr. Th.: Die Abneigung in der Ehe. Eine Studie über ihre Entstehung und Bekämpfung, 275 S. — Die Erotik in der Ehe, 93 S. (Beide im Verlag Benno Konegen, Leipzig und Stuttgart, I928.)
    In der Literatur über das Eheproblem, die in den letzten Jahren infolge der Ehekrise immer breiteren Raum gewinnt, nehmen die Bücher von Van de Velde zweifellos eine hervorragende Stellung ein. Nachdem der Autor in seinem bekannten Buche über „Die vollkommene Ehe“ für die restlose Erotisierung der Ehe eingetreten ist, in wohltuendem Gegensatz zu jenem angeblich wissenschaftlich begründeten Muckertum, das in der Ehe ein metaphysisches Problem sehen will und durch seine asketischen Predigten unübersehbares Unheil anrichtet, behandelt der Autor im zweiten Bande seiner Trilogie über die Ehe die bekannten Gefahren, die der „vollkommenen Ehe“ entgegenstehen. Der Inhalt des an Gedanken und Anregungen reichen Werkes läßt sich in einem kurzen Referat nicht einmal auszugsweise wiedergeben. Seine eingehende Lektüre wird für jeden, dem die behandelten Fragen nahegehen, ein Gewinn sein.
    Man empfindet es aber als Mangel, daß dieses Werk nicht die Geschlossenheit der „vollkommenen Ehe“ aufweist, vielfach allzusehr in die Breite geht, auf Nebenthemen abschweift und oft aphoristisch wird. Vom fachlichen Standpunkte aus muß der Analytiker die geringe Berücksichtigung der in der Literatur vorhandenen psa. Erkenntnisse und Beiträge zur Ehefrage bedauern. Das Buch kann auch schwerlich einer strengen soziologischen Kritik standhalten. Obwohl die gewichtigen ökonomischen Faktoren in ihren sekundären Wirkungen nicht übersehen werden, wird ihnen nicht jene Bedeutung beigemessen, die sie ihrem gesellschaftlichen Charakter nach haben. Es ist ja etwa richtig, daß die patriarchalische Haltung des Mannes in der Ehe eine Wurzel der Abneigung der Frau wird. Aber läßt sich mit wohlgemeinten Lehren die Tatsache aus der Welt schaffen, daß unsere Gesellschaftsordnung diese Stellung des Mannes mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln erhält und behütet? Daß sie in den elementarsten Fragen der Fortpflanzung und der Sexualhygiene immer das Verkehrte vertritt? Oder glaubt man ernsthaft, daß der Rat, die Nächstenliebe gegen die abstoßenden Kräfte in der Ehe zu betätigen, dem ehelichen Elend abhelfen kann, solange die Wohnungsfrage nicht gelöst ist?
    Van de Velde tritt für die Dauermonogamie ein. Sein Buch über die vollkommene Ehe versucht ja die Wege zur „Hochehe“ aufzuzeigen. Er geht also bei seinen Untersuchungen von einem wertenden und nicht von einem rein beobachtenden und voraussetzungslosen Standpunkt aus. Er ist auch bemüht, mit der religiösen Moral nicht in Konflikt zu geraten. Das fällt ihm nicht schwer, weil die Kirche in ihrer Anpassungsfähigkeit die Verdammung der Fleischeslust für die Ehe aufzugeben beginnt. „Die eheliche Erotik hat also neben der religiösen Auffassung des Pflichtgefühls in der Ehe Platz“ (Die Erotik in der Ehe, S. 56), sagt V, d. V., nachdem er einen Pfarrer zitiert, der das Buch „Die vollkommene Ehe“ als nicht im Widerspruche mit der Kirche stehend fand. Ein solches Kompromiß ist aus rein sachlichen Gründen bedenklich, denn die kirchliche Moral kann, nachdem sie die Sexualität ihrer Ideologie gemäß zunächst auszurotten versuchte, nunmehr, da sie das Vergebliche ihres Beginnens empfinden mußte, zur Sexualität nur noch die gleiche Stellung gewinnen wie die zu einem notwendigen Übel. Eine solche Stellungnahme ist aber von vornherein unvereinbar mit der Erotisierung eines sexuellen Verhältnisses im Sinne des Autors, die ein durchaus sexualbejahendes Ichideal voraussetzt.
    Van de Velde übersieht auch völlig die von der PsA. aufgedeckte Tatsache, daß die Sexualverdrängung, gesellschaftlich bedingt, an der Wurzel der sexuellen Not steht und keine intellektuelle Stellungnahme die Sexualwiderstände in dem Maße aufzulockern imstande ist, daß die sexuelle Ökonomie, auf die es ja letzten Endes ankommt, hergestellt wird. Im Einzelfalle kann da bis zu einem gewissen Grade nur die psychoanalytische Behandlung der Sexualhemmung helfen, und im sozialen Maßstabe kommt es doch gerade auf die Änderung der gesellschaftlichen Ideologien an.
    V, d. V, gerät mit sich selbst in Widerspruch, da er auf der einen Seite von einer „schicksalhaft bedingten ehelichen Abneigung“ spricht und auf der anderen Seite meint, daß man durch diese Abneigung nicht dazu kommen dürfe, die Ehe zu verwerfen. Gewagt ist die Behauptung, daß nur die Ehe eine kombinierte Befriedigung von Gemeinschaftsdrang und Geschlechtstrieb ermögliche. Man kann nicht behaupten, daß der Autor in seiner Rolle als Anwalt der Ehe für diese Institution mehr vorzubringen vermag, als gutgemeinte Ratschläge, wie es sein sollte; man gewinnt nicht die Überzeugung, daß seine Ideen auf realem Boden verwirklicht werden könnten.
    Van de Veldes Bestrebungen, die eheliche Erotik, die zur „Hochehe“ führt, gegen die eheliche Abneigung auszuspielen, sein Rat, die sexuelle Spannung in der Ehe zu erhalten, sind an sich richtig, Sie gehen aber von der Voraussetzung aus, daß die Ehe ein rein erotisches und psychologisches Problem bilde, übersehen alle gesellschaftlichen, ökonomischen und ideologischen Faktoren, die vor und während der Ehe die Menschen eheunfähig machen, wie etwa die übliche Sexualverbildung in der Kindheit und in der Pubertät. Obwohl der Autor vom „natürlichen Verblühen der Liebe als Ursache ehelicher Abneigung“ spricht, sieht er doch in der lebenslänglichen Dauermonogamie das ideale Ziel. Hier macht der zur Unbefangenheit verpflichtete Forscher der kirchlichen und bürgerlichen Moral allzuviele Konzessionen, die ihn wieder zwingen, weit mehr die Bedingungen idealer, d. h. nie erreichbarer Zustände zu schildern als die realen und akuten Schwierigkeiten ins Auge zu fassen. Es scheint uns bedenklich, diese Schwierigkeiten unter dem Begriffe „sexueller Antagonismus der Geschlechter“ abzuhandeln und nicht zu untersuchen, unter welchen sozialen und psychologischen Bedingungen dieser Antagonismus aufkommen konnte. Denn daß er naturgemäß gegeben sei, wird sich kaum aufrechterhalten lassen. „So ist denn der sexuelle Antagonismus, sowohl in seiner primitiven Form, als gegenseitige Abstoßung instinktivfühlender Wesen (?), wie als Ausdruck der radikal entgegengesetzten psychischen Einstellung von Mann und Frau, der Urgrund der unaufhörlichen Schwierigkeiten, die das Zusammenleben der Geschlechter in der menschlichen Gesellschaft, insbesondere das Zusammenleben von Mann und Frau in der Ehe, mit sich bringt. (Die Erotik in der Ehe, S. 50 f.) Als Therapie der Ehenot schlägt der Autor eine „eklektische Psychotherapie vor, ein Gemisch aus Persuasion, Selbstpersuasion und der Lehre des „Als-Ob“ als Lebenslehre . . ., Die Unsicherheit des Arztes gegenüber dem Problem „Ehe“ ist nicht zu verkennen. „Einbildung, Autosuggestion und Suggestion, Tun-als-ob . , ,, das sind die Ursachen vieler Übel und gleichzeitig die souveränen Mittel gegen viele Übel — nicht zuletzt gegen die eheliche Abneigung! . . . Die Fiktion kann die Wahrheit ersetzen — und zur Wahrheit werdend, sich selbst überflüssig machen.“ (Die Abneigung in der Ehe, S. 270.) Das ist der Weisheit letzter Schluß!
    Reich (Wien)

  2. Sebastian Says:

    Schöner Artikel, der ein bisschen Hoffnung macht. Allerdings ist Konia schon sehr alt, oder? Das Fachwissen geballt mit der Erfahrung wird schwer zu ersetzen sein.

  3. David Says:

    Konglomerations- bzw. Konsolidierungs-Phase.

    Da bin ich ein wenig skeptisch.

    Orgonomie: da handelt es sich bekanntlich nicht um einen einfachen chemischen Prozess wie er bei der Herstellung von Gummi, beispielsweise Autoreifen, aus Kautschuk, statt findet.

    Sondern um etwas ganz großes.

    So wie die Aufklärung.

    Und vieles von der so genannten „Aufklärung“ wieder gut machen.

    Ungefähr seit Reformation und Gegenreformation, die das Studieren der Schrift vor das gesunde Empfinden setzten, bis hin zur Zeit der Bürgerlichen Revolutionen.

    Immer Kopf, Kopf, Kopf.

    Der besagte Zeitraum ist etwa 300 (in Worten dreihundert) Jahre.

    Deswegen habe ich gerade gesagt:

    Konglomerations- bzw. Konsolidierungs-Phase – da bin ich ein wenig skeptisch.

    Ich fürchte, dass es dreihundert Jahre lang dauern könnte, und dass ich möglicherweise in dreihundert Jahren nicht mehr lebe.

    Deshalb bin ich im Moment ein wenig pessimistisch.

    • David Says:

      … vor das gesunde Empfinden

      und das – nicht durch geistige und energetische Blockaden gestörte – Experimentieren und Beobachten.

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