Der Rote Faden: Eva Reich

In Reichs Familie herrschten mystisch eingestellte Linke vor. Nicht nur Ilse Ollendorff kann man als „christliche Sozialistin“ bezeichnen, sondern auch Eva Reich. Es gibt ein berühmtes Zeitungsphoto, wo die hochbetagte und mittlerweile ans Bett gefesselte Eva Reich stolz als Protest gegen Bush das Schild „No War“ hochhält.

Ich habe sie selbst einmal in Bremen bei einer Podiumsdiskussion erlebt. In einem Nebensatz erwähnte sie, Christus habe ihr geholfen.

In dem 75 Minuten langen Dokumentarfilm Ich bin ein Doktor auf Expedition (2003) der Bremer Filmemacherin Heidrun Mössner erzählte Eva Reich von ihrem zerrissenen Leben: als Kind militant atheistischer Eltern bringt ihr, hinter dem Rücken der Eltern, das strengkatholische Kindermädchen das Beten bei; von der Mutter in eine Psychoanalyse gepreßt, die kaum mehr als „Anti-Reich-Gehirnwäsche“ war; in der Arbeit aufgerieben zwischen eigener Arztpraxis und Tätigkeit für Reich…

Noch aus dem Gefängnis schreibt ihr Reich 1957, daß die Technik der „Gehirnwäsche“, von der damals viel die Rede war, offensichtlich von den psychoanalytischen Techniken abgeleitet wurde, denen sie seit 1935 ausgesetzt gewesen sei (Where‘s the Truth?, S. 234)

Eva Reich schreibt über ihren Weg zum religiösen Glauben:

Meine Erfahrung kann man am ehesten und einfachsten so beschreiben: Ich, mein Ego, mein Körper, meine Seele haben nicht das letzte Wort auf dieser Erde! Dies wirklich zu fühlen, war meine persönliche Konversionserfahrung – die Erfahrung einer Kraft in mir und außer mir, auf der alles beruht. (Eva Reich: Lebensenergie durch Sanfte Bioenergetik, München 1997, S. 65)

Das ist nachvollziehbar, bekommt aber eine bedenkliche Wende, wenn plötzlich „höhere Prinzipien“ hineinspielen:

Dieses Wissen schafft eine Verbindung, ein Verbundensein oder Eingebettetsein in einen größeren Zusammenhang. Es beinhaltet auch die Sicherheit, daß alles nach einem höheren Prinzip funktioniert. (ebd.)

Das Lebendige wird wieder irgendwelchen „höheren Prinzipien“ geopfert – und „auf der Grundlage dieser Erfahrung therapeutisch tätig zu sein, kann man ‚Heilen‘ nennen“ (ebd.). Das ist die gleiche lebensfeindliche Gesinnung, die Reich in Die sexuelle Revolution analysiert hat: die anfängliche Hinwendung zum Lebendigen, zur orgonotischen Erstrahlung, gefolgt von einem Umbiegen des so freigesetzten Lebensimpulses in sein Gegenteil. Das gehört dahin, was ich als „Blauen Faschismus“ bezeichnet habe.

Ende 1953 setzte sich Reich mit Evas strukturellem Mystizismus in einem an sie gerichteten Brief wie folgt auseinander:

Da ich weder an mystische oder irgendwelche metaphysischen Kräfte glaube und darüber hinaus, konkrete Beweise für die Stichhaltigkeit Deiner Annahme haben müßte, kann ich nichts dazu sagen. Aber grundsätzlich, vom Denken her, gibt es keine Möglichkeit, die Existenz einer ganz anderen Art von Leben auszuschließen, die nicht mit irgendeiner uns verwandten Gestalt des Lebens verbunden ist. Die Existenz von vollwertigen Leben, die nicht an irgendeine Form gebunden ist, würde natürlich das spiritistische Konzept bestätigen. Ich glaube nicht, daß dies möglich ist. Aber Deine Beobachtungen verdienen sicherlich weiter sorgfältig verfolgt zu werden. (Where’s the Truth?, S. 133f)

Und dann fährt er in diesem kurzem Brief unmittelbar fort: „Ich habe das deutliche Gefühl, daß Deine Entwicklung auf den Bahnen Deiner wahren Natur verläuft.“

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3 Antworten to “Der Rote Faden: Eva Reich”

  1. Klaus Says:

    Habe ich sie richtig verstanden? Sie fragte die Fernsehglotzer „Versucht ihr, Aliens zu werden?“ ? 🙂

  2. O. Says:

    Eva erwähnt hier ihren deutschen Freund VKD aus dem Ströme Center (Zentrum, Berlin), so war auch Lassek in diesem Sinne ein Freund, die Fuckerts und jeder, der nett zu ihr war … sie eine offenherzige sympathische Frau, ganz ähnlich wie Myron Sharaf in seiner Art, beide schon fortgeschrittenen Alters und man sorgte sich um ihre Gesundheit.
    Ich mag mich irren, aber ich habe nicht in Erinnerung dass sie je Geld für ihre „freundschaftlichen Dienste“ – Vorträge oder Workshops genommen hatte, (und wenn war es ein relativ kleiner Betrag, der mir nicht in Erinnerung blieb). Sie lehrte vor Hebammen, Müttern Erzieherinnen etc. und gab ihr wissen weiter. Dies wurde schon Mitte der 90-er vermarktet, integriert in Ausbildungstrainings und auf gepeppt zu ganzen Babymassage Schulungen mit teilweise Senatsgeldern, mehrjährigen Hebammenschulungen sog. „Schreiambulanzen“ und Babytherpien (im Beisein der Mütter). Das Strömezentrum war hier Ausgangspunkt für erwählte Therapeuten, die kaum Erfahrungen mit Erwachsenen hatten und sich an Babys ausprobierten mit zunächst Reichschem Verständnis wie man Blockaden löst. Danach folgte man Harrers „Datendiwan“ in die UFA-Fabrik (Berlin). „Welche Blockaden bei Neugeborenen und Babys?“ Das fragte keiner, es gab sie einfach nach dem „Geburtstrauma“ nach einer suboptimalen Partnerschaft zwischen Mutter und Vater, Probleme, die das Baby als „Schreibaby“ ausdrücken würde und beim Baby gelöst werden sollte. Die Lösung war klar: Schmetterlingsmassage vom Therapeuten an dem Baby, so wie Eva es ihren Müttern beibrachte (!). Zugehört? Was tat Eva? Was taten die Babytherpeuten? Eva lehrte den Müttern/ an den Müttern die Butterflymassage. Was machten die Therapeuten (und später „Ausbilder“)?

    Nothing else than this: „die anfängliche Hinwendung zum Lebendigen, zur orgonotischen Erstrahlung, gefolgt von einem Umbiegen des so freigesetzten Lebensimpulses in sein Gegenteil.“ (PN, s. o.)

    Die Kollegen waren natürlich unbelehrbar, unkritisierbar – im Gegenteil hochempfindlich und angepisst, wenn da der richtige Kommentar zu ihrer Arbeit kam. Im Gegenteil, die Babytherapeuten Propaganda ging in die Bücherverlage und füllte die Ratgeberregale.

    Eva Reich kritisierte solche Entwicklungen nie, vielleicht weil sie sich zu schwach fühlte oder glaubte, jeder könne seine eigenen Erfahrungen machen. Jedoch als Lassek aufgrund Harrers „Orgonbiophysik“ Ergebnnisse das Orgon verwarf und für nicht existent erklärte und Lassek in seiner (sonst nicht) unbeholfenen Art und um einem Streit ausweichen zu wollen, als Vorsitzender der WRG per Abstimmung in der Mai-Erklärung 1995, die Existenz des Orgon als physikalische Energie verneinte und als „widerlegt“ proklamierte, von dem er später in diesem Block nichts mehr wissen wollte, zog Eva Reich schriftlich ihre Äußerung zurück, dass sie Herrn Lassek für legitimen „Nachfolger“ ihres Vaters ansah. Das war ihr doch zu arg. Eva Reich kam daraufhin, teilweise auch gesundheitsbedingt nicht mehr nach Berlin und Deutschland und hielt die Kontakte wohl eher oberflächlich.
    Es sei auch daran erinnert, dass Eva nach dem Tod ihres Vaters sich zu schwach fühlte die Bürde des Nachlasses (Archive und Orgonon) für die Zukunft zu verwalten und diesen Part an Frau Higgins abgab, mit dem Ergebnis den Zutritt zu den Archiven auf Lebzeiten verweigert zu bekommen. Eva war gutgläubig in vielerlei Hinsicht.

    Sicher kann man auch anderer Meinung sein, als ich es hier vertrete. Aber diese Meinung sollte man auch bedenken, weil sie in die „Tragedy“ (Tragödie) führte, in der sich die WR-Szene freiwillig und ohne Not hineinmanövrierte, so dass taz-Journalisten ein leichtes Spiel haben, die Unfähigkeit vermeintlicher Jünger auf die angebliche Inkompetenz Reichs zurückzuführen. (das Lassek & Co. Erbe)

    • Peter Nasselstein Says:

      Man darf auch nicht außer acht lassen, daß ihre Demenz verhältnismäßig früh angefangen hat. Im obigen Filmausschnitt wird es an dem sehr typischen Augenausdruck deutlich, den man in Altersheimen häufig sieht. Mag sein, daß es Folge des ORANUR und der CORE-Arbeit war.

      Auch sollte man wissen, daß sie nie als Orgontherapeutin ausgebildet worden ist, weder von ihrem Vater noch von sonst jemanden. Sie hat auch nie behauptet eine Orgontherapeutin zu sein.

      Verschiedene Leute haben verschiedene Schlüsse aus Reichs Tragödie geschlossen und was danach zu tun sei: die einen wollten die Reinheit von Reichs Botschaft für die Zukunft erhalten, Eva ging es „im Gegenteil“ darum, daß Reich nicht vergessen wird. Alles verteilen, ohne Angst vor „Verdünnung“!

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