Der Rote Faden: Ilse Ollendorff

Über das „Vorleben“ von Ilse Ollendorff, Reichs dritter Frau (nach Annie Pink und Elsa Lindenberg), ist wenig bekannt. Ich beziehe mich hier auf ein Interview, das sie Esther Dischereit gab („Sie ging mit 500 Dollar“. Feature über Ilse Ollendorff-Reich, gesendet am 6. März 2001 im Deutschlandradio, Berlin)

Ilse Ollendorff ist am 13. März 1909 in Breslau geboren. Sie stammt aus einer sehr patriotischen jüdisch-stämmigen Familie. Ihr Vater hatte sich im Ersten Weltkrieg, obwohl bereits vielleicht 44, sofort als Freiwilliger gemeldet und war die ganzen vier Jahre im Krieg. Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte Ilse die Speisung der Schulkinder durch die Quäker. So sei sie später, nach der Trennung von Reich, zu den Quäkern gekommen.

Der Vater hatte eine „Annoncen-Expedition“, die Mutter, Buchhalterin und Prokuristin, arbeitete in der Firma des Vaters. Ilse arbeitete schließlich auch mit im Büro. Danach Redakteur der Ostdeutschen Wirtschaftszeitung, dem amtlichen Organ der Industrie- und Handelskammern, Breslau. Ein Jahr war sie in England in einer Annoncen-Expedition, um richtig Englisch zu lernen.

Ihr Bruder war sehr aktiv bei den Jungsozialisten und hatte einen großen Einfluß auf sie. Sie ist dann mit 20 in die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) eingetreten, zusammen mit ihrem ersten Ehemann. Die Sozialdemokraten waren ihr zu Wischiwaschi, die Kommunisten „zu weit weg“. „Obwohl wir alle sehr an Rußland und dem russischen Experiment interessiert waren.“ Nach 1933 wurde ihr Bruder sofort verhaftet und war für zwei Jahre im Gefängnis. Der Bruder konnte dann nach Ostafrika in die britische Kolonie Tanganjika auswandern. Die Eltern entkamen über Holland nach England am letzten Tag vor Ausbruch des Krieges.

Ollendorffs Ehemann war Sekretär der Friedensgesellschaft und Sekretär der Liga für Menschenrechte. Er ging sofort nach Prag, wo sie Freunde hatten. Ilse folgte ihm am 31. März. Um 12 Uhr las sie in der Zeitung, daß alle Juden ihre Pässe abgeben müßten, um 14 Uhr saß sie im Zug nach Prag. Auf Drängen der Freunde gingen beide im April 1933 von Prag nach Paris. Dort führte sie mit der Schwiegermutter eine Pension. Nach der Trennung von ihrem Ehemann erhielt sie eine Stellung beim American Jewish Joint Distribution Committee.

Sie ging im Januar 1939 allein zu Verwandten nach New York, wo sie eine „entsetzlich langweilige Arbeit“ hatte. Als Reich ihr sagte, er brauche jemanden für Büroarbeiten und für das Labor, nahm sie das sehr gerne an. Machte einen Kurs an einer Laborschule in New York. Im Dezember 1939 zog sie mit Reich zusammen. Vorher lebte sie mit früheren SAP-Leuten zusammen, die ein Haus in Kew Gardens hatten. Sie hatte dort ein eigenes Zimmer. Als sie mit Reich zusammenkam verlor sie diesen Kontakt. Reich wollte diesen Kontakt nicht und habe sie ziemlich isoliert, sowohl von ihrer Familie als auch von ihren politischen Freunden.

Sie hatte Reich durch Gertrud Gaasland kennengelernt, seine Laborantin. Reich und Ollendorff seien beide Sozialisten gewesen. „Das war ein gemeinsames Feld.“ Reich sei von den Menschen enttäuscht gewesen, weil er viel zuviel vorausgesetzt hat und viel zuviel verlangt hat. Er selbst habe, als „Renaissance-Mensch“, ein Allgemeinwissen besessen, das erstaunlich war. „Nicht einfach mit ihm zu leben.“ 1954 verläßt sie ihn mit 500 Dollar in der Tasche. Beginnt zu studieren und wird Lehrerin. In ihrem Leben gab es danach nie wieder einen Mann. Sie wurde Quäkerin, arbeitete in Kleiderkammern und für Obdachlose.

Aus ihrer Reich-Biographie geht hervor, daß Reich ihr durchaus ein Begriff war, bevor sie sich begegneten:

Reich hielt eine Reihe von Vorlesungen an der Marxistischen Arbeiter-Schule (MASCH), einem sozialistischen Fortbildungszentrum. Obgleich ich ihn damals noch nicht persönlich kannte, erinnere ich mich an einen begeisterten Bericht über diese Vorlesungen, die ein junger Arbeiter, der Student an der MASCH gewesen war, einer Gruppe von ausgewanderten Genossen in Paris im Jahre 1934 gab. (Ollendorf: Wilhelm Reich, S. 43)

Ebenfalls 1934:

Nach dem Luzerner Kongreß reisten Reich und seine Frau eine kurze Zeitlang in der Schweiz, ehe sie nach Dänemark zurückkehrten. Reich schätzte die Zwanglosigkeit des Zeltens, das ihm das Gefühl der Naturnähe gab, fern vom Lärm und Gewühl der Touristen in den Hotels. Ich erinnere mich, daß einer meiner jungen Verwandten, der jenen Sommer eine Autostop-Reise in die Schweiz gemacht hatte, uns stolz erzählte, daß er einmal von Reich und seiner Frau mitgenommen und von ihnen zu einem Picknick eingeladen worden war. Nach dem Erscheinen der Massenpsychologie war Reich eine Art Held für die jungen Sozialisten geworden.

Jerome Greenfield berichtet, Ilse Ollendorff und Erna Lang seien „beide Mitglieder der gleichen sozialistischen Emigrantenorganisation in Frankreich in den späten 30er Jahren gewesen“. 1940-41 lebte Lang zusammen mit Gertrude Gaasland in Reichs Haus in Forest Hills. Typischerweise spricht Greenfield von „einer Gertrude Gaasland“ and „irgendeiner sozialistischen Emigrantenorganisation“ (Greenfield: „Reich and the INS: A Specific Plague Reaction“, Journal of Orgonomy, 17(2), November 1983, S. 216). Gemeint ist natürlich die SAP.

Über Reichs Eheschließung mit Ollendorff hat Lois Wyvell (Sekretärin und zeitweise Geliebte Reichs) folgendes geschrieben:

(…) er war nicht in einer romantischen Stimmung, hatte aber ein großes Bedürfnis nach weiblicher Wärme und Kameradschaft, auch ging es um die reibungslose Abwicklung des Haushalts, des Büros und die Details der Laborroutine. (Offshoots of Orgonomy, No. 5, S. 20)

Es war keine Liebesheirat, sondern die Heirat zwischen einer Frau, die einem berühmten Mann dienen wollte und einem Mann der sein persönliches Glück hinter die Ansprüche seiner Arbeit stellte. Es war keine große leidenschaftliche Liebe wie mit Elsa Lindenberg und Aurora Karrer. Auch Esther Dischereit ist aufgefallen, daß in Ollendorffs Buch und auch im Interview nie von Liebe die Rede war.

Reich notierte sich 1950 in sein Tagebuch:

Ich verhalte mich schlecht, sehr schlecht gegenüber Ilse, die gute Seele. Manchmal geht sie [emotional] tot und dann kann ich es nicht ertragen. Dann ist sie empfindungslos, „grün“. (What is the Truth?, S. 61)

Und 1952:

Die Situation mit IIse OIlendorff ist verzweifelt. Wenn es nicht um Peter ginge, wäre ich schon vor langer Zeit gegangen. Ilse ist tot, sie versteckt sich, sie ist intrigant, sie will mich zerstören, weil ich ihr leeres Ich bloßgestellt habe. Sie weiß, daß Peter [emotional] verflacht, wenn er hier ist bei ihr. Peters Abflachung ist das Quälende. Nicht Ilse, die flach ist und vollständig unwichtig. (ebd., S. 118)

Auf ihre Weise ist Ollendorff stets loyal geblieben, hat sich um den gemeinsamen Sohn gekümmert, war die beste Zeugin für Reich vor Gericht und hat bis zuletzt den Orgonenergie-Akkumulator benutzt. Andererseits ist es auffallend, daß Pestcharaktere wie Erwin Ackerknecht Ollendorffs Reich-Biographie paßgenau in ihrem eigenen Sinne nutzen konnten.

Wie gefühllos Ollendorff war, kann man daran sehen, wie erbittert sie darauf reagierte, daß Leute wie Elsworth F. Baker „nichts Besseres zu tun hatten“, als „Abweichler“ wie Alexander Lowen von der Trauerfeier nach Reichs Tod fernzuhalten. Baker war seinerseits erbittert darüber, daß irgendein Professor, einer dieser pseudointellektuellen Idioten aus der kultur-„wissenschaftlichen“ Fakultät, auf der Reich-Trauerfeier mit ihm Small Talk über Reichs „geisteswissenschaftliche Bedeutung“ mit ihm machen wollte und diesen intimen Augenblick, wo man ungepanzert und wie aufgerissen ist, kaputtmachte. – Zwei vollkommen unterschiedliche Sichtweisen des gleichen Ereignisses.

Wyvell schreibt, daß Ollendorff, nachdem sie Reich verließ, „sich der christlichen Religion, dem Mystizismus, zuwandte“ (Offshoots of Orgonomy, No. 4, S. 21). Erstaunlicherweise wurde das nie mit Ollendorffs Haltung zu Reich und der Orgonomie in Zusammenhang gebracht. Übrigens bestreitet Reichs letzte Ehefrau, Aurora Karrer, vehement, daß Reich am Ende irgendwelche religiösen Anwandlungen hatte. Das behauptet ja Ollendorff. Ich frage mich, ob ihr Blick nicht auch in dieser Beziehung, wie in vielen anderen Dingen, getrübt war.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , ,

8 Antworten to “Der Rote Faden: Ilse Ollendorff”

  1. O. Says:

    Um es kurz zu sagen hat Baker Ilse nicht gemocht, kingt fast so, und er hat sie als Reichs Frau auch nicht akzeptiert. War es nicht Reich, der gelitten hat wie ein Hund, als sie nicht mehr da war?
    Aurora hingegen wurde gleich als Frau von Reich gehandelt. Mit Ilse hatte Reich seine zweite große Schaffensperiode, eine Frau, die ihn unterstützte, wo es ging. Und ohne Liebe hat er sie sich auch nicht ausgesucht. Er wurde ihrer vielleicht (nach 10 Jahren) überdrussig und sie konnte seine „Oranur-Anfälle“ nicht ertragen. Ilses Buch wird von den anderen Orgonomen immer kritisiert, vielleicht auch aus Neid. Für eine Frau hat sie ein sehr gutes Buch über ihren Ex-Mann geschrieben. Es schlägt zumindest jedes Buch über Reich der letzten 20 Jahre.

  2. Peter Nasselstein Says:

    Es gibt keinerlei Hinweis darauf, daß Baker Ollendorff nicht gemocht hätte. Er hat nur darauf hingewiesen, daß Ollendorff mindestens so eifersüchtig war wie Reich selbst.

    • O. Says:

      Ob Eifersucht für Liebe spricht, mag dahingestellt sein, aber scheinen beide doch aneinander sehr gebunden gewesen zu sein.

  3. Robert (Berlin) Says:

    Man darf nicht vergessen, dass Ilses Reich-Biographie (1975) die einzige verfügbare war, bis dann Boadella (1982) seine veröffentlichte. Ansonsten hätte es nur das Pamphlet von Rycroft (1972) gegeben.

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41496477.html

  4. Peter Nasselstein Says:

    http://quaekernachrichten.blogspot.de/2012/11/wilhelm-reich-und-ilse-ollendorff-reich.html

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: