The Journal of Orgonomy (Vol. 12, No. 1, May 1978)

1924, noch ganz in traditionellen psychoanalytischen Bahnen, formulierte Reich das Ziel der psychoanalytischen Therapie wie folgt:

Wir ziehen es vor, auch bei vollkommenem Symptomschwund nach unvollkommener Analyse nur von Symptomfreiheit, nicht von Heilung zu sprechen, weil der psychoanalytische Begriff der Heilung notwendigerweise ein viel strengerer ist als der sonst übliche. Man dürfte in der Analyse von Heilung nur sprechen, wenn der Patient in subjektiver und sozialer Beziehung wieder hergestellt, unfähig zur Rezidive ist (Federn) und der Fall die weitgehenste Lösung sämtlicher Libidoanteile erfahren hat. („Über Genitalitär“, Frühe Schriften, S. 173f Fußnote)

Bereits im gleichen Jahr, 1924, formulierte Reich sein eigenes spezifisches Heilungskriterium:

Und nicht früher kann eine Analyse als beendet gelten, als bis der Patient seine Genitalität vom Schuldgefühl befreit und vom Inzestobjekt abgezogen sowie seine prägenitalen Organisationsstufen endgültig überwunden hat. („Die therapeutische Bedeutung der Genitallibido“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 10(2), 1924, S. 217f)

Wiederum im gleichen Jahr kommt sein Gesundheitskonzept in „Weitere Bemerkungen über die therapeutische Bedeutung der Genitallibido“ für den Rest seines Lebens gültig zum Abschluß: Reich geht es nicht primär um die Beseitigung neurotischer Symptome, sondern um Charakterveränderung, bzw. „die Umstellung der Gesamtpersönlichkeit auf das genitale Primat“ (Frühe Schriften, S. 229), deren aktive Betätigung vor dem Rückfall in die Neurose schützt und persistierende Symptome früher oder später verschwinden läßt.

Nachdem er kurz darauf in Der triebhafte Charakter (1925) die neue psychoanalytische Ichpsychologie in sein Gesundheitskonzept vollends integriert hat, heißt es in einem Brief an Sandor Ferenczi aus dieser Zeit der sich formierenden Charakteranalyse:

(…) true and lasting cures can be achieved only if we succeed in modifying the neurotic character, which is the substructure of its symptomatology. (In the ego: overcoming ambivalence and narcissism; in the sexual sphere: building up the „erotic reality sense“, the unambivalent, heterosexual genital libido.) (Reich Speaks of Freud, S. 128; deutsches Original wurde noch nicht veröffentlicht)

Die Psychoanalyse hat Reich dann in einem nächsten Schritt überwunden, als er im Zusammenhang mit seiner Orgasmustheorie durchblicken ließ, daß eine zu tiefe Analyse anstatt der Heilung zu helfen, dieser sogar eher im Wege stehen kann, da der heilende Faktor die Genitalität ist und nicht neuerlich aktivierte Prägenitalität:

Es gibt Fälle, die, ohne vollständig analysiert worden zu sein, auch dauernd symptomfrei bleiben. Das sind diejenigen, bei denen die Analyse zuerst an den genitalen Fixierungen angriff und sie vollständig lösen konnte, ehe tiefere Fixierungen die Übertragungssituation komplizieren konnten. Die von der Kastrationsangst befreite Genitallibido konnte automatisch andere Wünsche außer Kraft setzen, indem die orgastische Lösung der Libidostauung die Bereitschaft zu regredieren praktisch beseitigte. („Über die Quellen der neurotischen Angst“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 12(3), 1926, S. 430f)

Elsworth F. Baker sagt in seinem Aufsatz „Orgone Therapy“ über den Heilungsprozeß in der Orgontherapie:

Wenn die Energie von ihrer Verankerung in sadistischen, narzißtischen und prägenitalen Fixierungen befreit wurde, wird akute Angst freigesetzt, da die zum Genital fließende Energie die infantile Angsthysterie von neuem aktiviert und zur Rückkehr der Symptome führt.

Zeichen des therapeutischen Erfolgs ist, wenn der Patient masturbieren und sich dabei ohne Schuldgefühle den Inzest vorstellen kann und wenn er zu genitalen Empfindungen während der Therapie fähig ist. Das bedeutet, daß die Kastrationsangst überwunden wurde. (S. 47)

Man sieht wie wichtig noch immer das „Inzestobjekt“ ist. Bakers Kollege Arthur Nelson beschäftigt sich in der gleichen Ausgabe des Journal of Orgonomy ausführlich mit dem Thema Inzest: „A Case of Incest“. In diesem Fall geht es zwar um den Sex zwischen Geschwistern, jedoch stellt Nelson, auch mit Verweis auf die psychologische Literatur fest, daß hierdurch ödipale Wünsche intensiviert werden können. Baker habe ihm, Nelson, berichtet, daß Reich das Problem des Inzest und des universellen Inzesttabus oft diskutiert habe, das ganze jedoch nicht wirklich orgonomisch erklären konnte.

Reichs zeitweilige Sekretärin und Geliebte, Lois Wyvell beschreibt in ihren Erinnerungen was Reich ihr über die Gründe seiner eigenen Gesundheit erzählte. Er habe seine Gesundheit auf folgende Elemente zurückgeführt: er hatte als Kind viel freien Bewegungsspielraum, um das Leben in den Wäldern und auf der Farm selbständig zu erkunden; in erster Linie führte er seine Gesundheit auf seine Mutter zurück „für die er die glühendste Liebe und Bewunderung zum Ausdruck brachte“, die eine sehr liebevolle und im besten Sinne des Wortes gutmütige Frau gewesen sein muß; schließlich führte Reich seine Gesundheit auf die frühen sexuellen Episoden in seinem Leben zurück, die ihn von Anfang an überzeugten, daß an seinen sexuellen Empfindungen nichts Schlimmes und Sexualität etwas Gutes war („An Appreciation of Reich“, Journal of Orgonomy, 7(2), November 1973, S. 173f). Im krassen Gegensatz zu den Schuld- und Ekelgefühlen, die einem Großteil seiner Generation eingetrichtert wurden und die noch heute den Kindern eingetrichtert werden mit Pornographie und AIDS-Horrorgeschichten.

Wie bisher jeder Biograph hervorgehoben hat, blieb Reich jedoch zeitlebens durch seine Mutter- und Vaterbindung belastet. Immerhin hatte Reich von Anfang an Klarheit über seinen Zustand gefunden, wie beispielsweise seine allererste psychoanalytische Veröffentlichung „Über einen Fall von Durchbruch der Inzestschranke“, eine Selbstanalyse, zeigt.

Wer seine eigene Bindung an Familie und Mutter nicht überwunden hat oder sie zumindest durch Klarheit aus seinen Urteilen ausschaltet, der unterlasse es, die Ideologiebildung zu erforschen. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 72, Fußnote)

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