Charles Konia definiert den somatischen Bereich als „die Gesamtheit der Teilfunktionen des Organismus“ und den psychischen Bereich als „die einheitliche Energie-Funktion des Organismus“ (Journal of Orgonomy, 32,1). Was ist nun der gesellschaftliche Bereich orgonomisch betrachtet? Ich glaube, daß für die Orgonomie der gesellschaftliche Bereich identisch mit der „emotionalen Verschwörung“ (Reich) ist, d.h. das einheitliche Funktionieren einer Gruppe von Menschen mit dem gleichen „strukturellen Zwang“ (Reich). Orgonomische Soziologie ist von Natur aus also eine Verschwörungstheorie. Reichs Verschwörungstheorien waren eine logische Folge der sozialen Orgonomie.
Bereits beim ersten Schritt hielten die angeblich „dialektischen“ Materialisten Reich für verrückt, d.h. als er den Schritt tat, die Psyche nicht bloß als eine Art „Drüsensekret“ des Körpers zu betrachten, sondern als „einheitliche Energie-Funktion des Organismus“. Die „dialektisch-materialistische“ Psychoanalytikerin Edith Gyömröi erinnert sich, wie sie, zusammen mit Otto Fenichel, 1933 Reich sprach:
Wir trafen Wilhelm Reich und gingen am Strand spazieren. Dabei wurde endlos geredet. Reich, der uns zu jener Zeit sehr viel bedeutete, erzählte uns vom Entwurf eines neuen Buches, an dem er damals arbeitete. Es handelte sich um den Beginn der Orgon-Theorie. Fenichel und ich wagten nicht, uns anzugucken, denn kalte Schauer liefen uns den Rücken hinab. Plötzlich hielt Reich inne und sagte: „Kinder, wenn ich meiner Sache nicht so sicher wäre, würde es mich anmuten wie eine schizophrene Phantasie.“ Wir sagten nichts. Nicht einmal auf der Rückfahrt sprachen wir darüber. Für uns beide war es ein großer Kummer und ein großer Verlust. (Russel Jacoby: Die Verdrängung der Psychoanalyse, Frankfurt 1985, S. 107)
Um wieviel „schizophrener“ muß es gewirkt haben, als der einstige dialektische Materialist Reich den zweiten Schritt tat und gesellschaftliche Phänomene von der „Emotionellen Pest“ her, also von der Verschwörung gegen das Lebendige her betrachtete!
Von Interesse ist die folgende Besprechung Fenichels des Aufsatzes „Character Structure“ von dem Psychiater Ernest Beaglehole in der Zeitschrift Psychiatry aus dem Jahre 1944. Fenichels Bemerkungen sind so interessant, weil sie zeigen, was Leute über die soziale Orgonomie denken, die den oben umrissenen zweiten Schritt nicht nachvollzogen haben. Beaglehole erläutere, so Fenichel, das Konzept der „Charakterstruktur“ als Brücke zwischen Psychologie und Soziologie. Fenichel weiter:
Im großen und ganzen ist Beaglehole idealistisch und schaut nicht nach gesellschaftlicher Desorganisation um Änderungen von „Charakterstrukturen“ zu erklären, sondern nach Veränderungen in den Charakterstrukturen um gesellschaftliche Desorganisation zu erklären. Wir lesen zum Beispiel: „Gesellschaftliche Desorganisation tritt in jeder Gruppe auf, wo ein Konflikt zwischen zwei oder mehr widersprüchliche Weisen besteht, kritische zwischenmenschliche Situationen zu integrieren.“ Tritt es nicht vielmehr in jeder Gruppe auf, wo ein Konflikt zwischen den materiellen Interessen von zwei oder mehreren Untergruppen besteht? Oder: „Aus dynamischer Sicht kann man soziale Desintegration am besten vom Konflikt zwischen zwei oder mehreren widersprüchlichen Charakterstrukturen her betrachten.“ (119 Rundbriefe, S. 1849f)
Beaglehole verstand „Charakterstruktur“ natürlich nicht im orgonomischen Sinne, sondern eher als Anhänger von Erich Fromm, Karen Horney und der anderen Neo-Psychoanalytiker, aber dennoch wäre Fenichels Kritik vis-a-vis der orgonomischen Soziologie identisch, die zu seinen Lebzeiten noch nicht ausformuliert war.









