Mit ‘Wilhelm Reich’ getaggte Artikel

Die beiden Schritte Reichs in die paranoide Schizophrenie

25. Mai 2013

Charles Konia definiert den somatischen Bereich als „die Gesamtheit der Teilfunktionen des Organismus“ und den psychischen Bereich als „die einheitliche Energie-Funktion des Organismus“ (Journal of Orgonomy, 32,1). Was ist nun der gesellschaftliche Bereich orgonomisch betrachtet? Ich glaube, daß für die Orgonomie der gesellschaftliche Bereich identisch mit der „emotionalen Verschwörung“ (Reich) ist, d.h. das einheitliche Funktionieren einer Gruppe von Menschen mit dem gleichen „strukturellen Zwang“ (Reich). Orgonomische Soziologie ist von Natur aus also eine Verschwörungstheorie. Reichs Verschwörungstheorien waren eine logische Folge der sozialen Orgonomie.

Bereits beim ersten Schritt hielten die angeblich „dialektischen“ Materialisten Reich für verrückt, d.h. als er den Schritt tat, die Psyche nicht bloß als eine Art „Drüsensekret“ des Körpers zu betrachten, sondern als „einheitliche Energie-Funktion des Organismus“. Die „dialektisch-materialistische“ Psychoanalytikerin Edith Gyömröi erinnert sich, wie sie, zusammen mit Otto Fenichel, 1933 Reich sprach:

Wir trafen Wilhelm Reich und gingen am Strand spazieren. Dabei wurde endlos geredet. Reich, der uns zu jener Zeit sehr viel bedeutete, erzählte uns vom Entwurf eines neuen Buches, an dem er damals arbeitete. Es handelte sich um den Beginn der Orgon-Theorie. Fenichel und ich wagten nicht, uns anzugucken, denn kalte Schauer liefen uns den Rücken hinab. Plötzlich hielt Reich inne und sagte: „Kinder, wenn ich meiner Sache nicht so sicher wäre, würde es mich anmuten wie eine schizophrene Phantasie.“ Wir sagten nichts. Nicht einmal auf der Rückfahrt sprachen wir darüber. Für uns beide war es ein großer Kummer und ein großer Verlust. (Russel Jacoby: Die Verdrängung der Psychoanalyse, Frankfurt 1985, S. 107)

Um wieviel „schizophrener“ muß es gewirkt haben, als der einstige dialektische Materialist Reich den zweiten Schritt tat und gesellschaftliche Phänomene von der „Emotionellen Pest“ her, also von der Verschwörung gegen das Lebendige her betrachtete!

Von Interesse ist die folgende Besprechung Fenichels des Aufsatzes „Character Structure“ von dem Psychiater Ernest Beaglehole in der Zeitschrift Psychiatry aus dem Jahre 1944. Fenichels Bemerkungen sind so interessant, weil sie zeigen, was Leute über die soziale Orgonomie denken, die den oben umrissenen zweiten Schritt nicht nachvollzogen haben. Beaglehole erläutere, so Fenichel, das Konzept der „Charakterstruktur“ als Brücke zwischen Psychologie und Soziologie. Fenichel weiter:

Im großen und ganzen ist Beaglehole idealistisch und schaut nicht nach gesellschaftlicher Desorganisation um Änderungen von „Charakterstrukturen“ zu erklären, sondern nach Veränderungen in den Charakterstrukturen um gesellschaftliche Desorganisation zu erklären. Wir lesen zum Beispiel: „Gesellschaftliche Desorganisation tritt in jeder Gruppe auf, wo ein Konflikt zwischen zwei oder mehr widersprüchliche Weisen besteht, kritische zwischenmenschliche Situationen zu integrieren.“ Tritt es nicht vielmehr in jeder Gruppe auf, wo ein Konflikt zwischen den materiellen Interessen von zwei oder mehreren Untergruppen besteht? Oder: „Aus dynamischer Sicht kann man soziale Desintegration am besten vom Konflikt zwischen zwei oder mehreren widersprüchlichen Charakterstrukturen her betrachten.“ (119 Rundbriefe, S. 1849f)

Beaglehole verstand „Charakterstruktur“ natürlich nicht im orgonomischen Sinne, sondern eher als Anhänger von Erich Fromm, Karen Horney und der anderen Neo-Psychoanalytiker, aber dennoch wäre Fenichels Kritik vis-a-vis der orgonomischen Soziologie identisch, die zu seinen Lebzeiten noch nicht ausformuliert war.

medpsyhsozver

Spitze Bemerkungen

21. Mai 2013

Woran erkennt man einen pestilenten Charakter? Hitler war in abendlicher Gesellschaft oder am Mittagstisch ein angenehmer, charmanter Mann. Bis er, der Vegetarier, etwa angesichts der Suppe von „Leichentee“ sprach oder davon, daß im Tierreich jedes Tier bei lebendigen Leibe zerrissen werde, sobald es Schwäche zeigt, und ähnliche Widerwärtigkeiten, die einem das Essen im Halse stecken lassen. Der Film Der Untergang arbeitet das sehr schön heraus. Stalin ließ regelmäßig kameradschaftliche Saufgelage „unter Genossen“ in sadistische Exzesse ausufern, die die Opfer vollkommen unvorbereitet traf: das Lachen erstarrt urplötzlich. Es ist ein innerer Zwang des pestilenten Charakters so etwas zu inszenieren. Das kennt jeder aus dem Alltag: diese satanische Freude, die in den Augen mancher Menschen aufflackert, wenn sie mal wieder ohne Vorwarnung und wohl plaziert, eine „spitze Bemerkung“ haben fallenlassen, die das Opfer bis ins Mark trifft.

Dieses Muster findet sich überall, etwa wenn eine fruchtbare Diskussion urplötzlich von einer Frage oder Anmerkung unterbrochen wird, die nur für Verwirrung, Unmut und einen schlechten Nachgeschmack sorgt. Ein einzelner pestilenter Charakter hintertreibt und verunmöglicht so die arbeitsdemokratische Zusammenarbeit von vielleicht Dutzenden von Leuten. Es läuft ihm alles „zu glatt“ und er muß unbedingt seine „kritischen Anmerkungen“ einbringen – die typischerweise wirres Zeugs sind. Wer kennt nicht diese Trolle! Oder man denke etwa daran, wie ein Lehrer im Sexualkundeunterricht versucht, den Schülern die Genitalität nahe zu bringen. Mit absoluter Sicherheit wird es zumindest einen Schüler geben, der mit entsprechenden ekelhaften Fragen und Zwischenbemerkungen alles zum Kippen bringt. In den Teeny-Komödien Hollywoods werden solche Typen gefeiert. Apropos Film: man nehme den Spielfilm über Reichs letzte Jahre, Der Fall Wilhelm Reich. Es ist „typisch Emotionelle Pest“, daß vollkommen unmotiviert und schwachsinnigerweise Reichs letzte Frau, Aurora Karrer, als Agentin der CIA (sic!) dargestellt wird. Ansonsten würde der Film nämlich „zu glatt“ laufen.

Es ist der charakterstrukturelle Zwang des pestilenten Charakters urplötzlich, zusammenhanglos und aus heiterem Himmel das organisch gewachsene oder das organisch sich entwickelnde durch eine „spitze Bemerkung“ oder deren Äquivalent zu zerstören. Er ist wie derjenige, der die Nadel zückt, wenn jemand einen Luftballon aufgeblasen hat, um kleinen Kindern eine Freude zu machen. Ihr Erschrecken und Entsetzen verschafft ihm eine tiefe Wollust.

Manchmal verstecken sich die Pestträger hinter „Wissenschaftlichkeit“ und „Gewissenhaftigkeit“. Ich spreche natürlich von den „Skeptikern“, die mit ihren ständigen Nörgeleien und Logeleien („spitze Bemerkungen“) jedes Vorankommen verunmöglichen. Jedes zarte Pflänzchen einer neuen Einsicht oder Entdeckung wird rücksichtlos totgetrampelt. Man denke nur an Otto Fenichel, der Reich stets prinzipiell zustimmte, ihn dann aber mit allen möglichen Einwänden, man müsse das ganze „differenzierter sehen“, überschüttete. Seine umjubelten „Rundbriefe“ sind nichts anderes als ein großes „Wenn und Aber“, das paralysieren soll.

Oder man denke an Hans Löwenbach und seine Auseinandersetzungen mit Reich über dessen bioelektrische Experimente in Oslo. Die Geschichte ist in Jenseits der Psychologie dokumentiert. Jahrgang 1905 arbeitete der Psychiater am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin als anerkannter Spezialist für Neurophysiologie. 1935 Emigration nach Norwegen, dort Tätigkeit an der Universität Oslo, wo er Reich half. 1936-1938 Bordarzt für Walfänger. 1938 Emigration in die USA, dort in der Forschung tätig. Professorenstellen an Universitäten (Einhart Lorenz: Exil in Norwegen. Lebensbedingungen und Arbeit deutschsprachiger Flüchtlinge 1933-1943, Baden-Baden 1992).

Reich notierte sich 1935 über ihn:

Löwenbach ist ein Intrigant. Versuchte Hoffmann [einen weiteren von Reichs Mitarbeitern] durch Unwahrheiten aufzuhetzen. Die Intriganten haben es leicht in dieser Welt. Man kann ihnen nur mit Geradheit begegnen, zahlt dann aber oft Lehrgeld. Beim Elektrodenversuch mit Hoffmann gab es keinen einzigen Einwurf, den Löwenbach ins Feld geführt hatte. Hoffmann hatte nicht die Eindrücke der ersten Versuche, das „Wandern“ etc., und fiel daher auf Löwenbach herein. Löwenbach = Prototyp der Furz-Wissenschaftler, die jahrzehntelang die feinsten Fäserchen an Blättchen untersuchten, wenn sie sagen sollten, wie ein Baum aussieht, blüht und wächst. Kommt dann einer und beschreibt den Baum im Ganzen, dann sind sie exakt – und verkleinern.

Leute wie Löwenbach wissen immer alles besser und kramen die abstrusesten „wissenschaftlichen“ Einwände hervor, um den, der wirklich die Forschung voranbringen will, mit „spitzen Bemerkungen“ zu piesacken. Sie nennen es „Wissenschaft“, tatsächlich leben sie aber nur ihre sadistische Lust aus.

schoenegruesse

Der rote Faden: Gerd Bergersen

25. April 2013

1981 erschien eines der überflüssigsten Bücher der Reich-Literatur: Colin Wilsons The Quest for Wilhelm Reich, das kaum mehr darstellt als eine Nacherzählung von Ilse Ollendorffs Reich-Biographie plus Wilsons eigene krude Thesen über die Rolle des „freien Willens“. Reich wird als eine Art Fatalist gezeichnet (sic!), der sich schließlich selbst sein eigenes Grab geschaufelt habe.

Es lohnt sich schlichtweg nicht, sich näher mit dem Buch und seinem Autor auseinanderzusetzen. In vieler Hinsicht war er ein Vorgänger von Christopher Turner und dessen Machwerk Adventures in the Orgasmatron. Das einzige Verdienst Wilsons ist, daß er eine Episode aus dem Leben Reichs vor dem sicheren Vergessen bewahrt hat: Gerd Bergersen. 1978 hatte eine gewisse Gerd Hay-Edie (vormals Gerd Bergersen) ein BBC-Radiointerview mit Wilson verfolgt, in dem dieser erwähnte, daß er an einer neuen Reich-Biographie arbeite, daraufhin tauschte sie mit ihm Briefe und sandte ihm Audiokassetten zu, in denen sie ihr den Biographen bis dahin entgangenes Verhältnis mit Reich beschrieb.

1936 wurde Reichs damalige Lebensgefährtin Elsa Lindenberg nach Dartington Hall in der englischen Grafschaft Devon eingeladen. An der reformpädagogischen Schule sollte sie während der Sommerferien Ballettanz lehren. Reich begleitete sie. Zu dieser Zeit war auch die 25jährige blonde norwegische Textildesignerin Gerd Bergersen an der Dartington Hall School tätig. Sie hatte nie von Reich gehört, doch wurde ihr gesagt, daß Lindenberg und Reich interessante Leute seien und etwas Norwegisch sprächen. So ging sie in der Mittagpause zu Reich und unterhielt sich mit ihm in ihrer Muttersprache. Der ziemlich kleine Mann mit grauem Haar wirkte freundlich und harmlos. Reich zeigte sofort Interesse an ihr, doch nach schlechten Erfahrungen wollte sie zu dieser Zeit nichts von Männern wissen. Reich ließ sich nicht entmutigen, holte Informationen über sie ein und besuchte sie in ihrer Werkstatt.

Als sie bald danach nach Norwegen zurückkehrte und eine Wohnung in Oslo bezog, klopfte es schon bald an der Wohnungstür: Reich hatte sie, wie er in England versprochen hatte, gesucht und gefunden. Es wurde sehr schnell klar, daß Reichs Interesse an ihr nicht in erster Linie sexueller Natur war, vielmehr war er von ihrer Unabhängigkeit und ihrem kreativen Geist eingenommen. Offensichtlich brauchte er jemand außerhalb seines Kreises im Labor und außerhalb seiner politischen Aktivitäten, mit dem er sich unterhalten und einfach er selbst sein konnte. Jemand, der auf eigenen Beinen stand und eine eigene Meinung vertrat, die nichts mit Reich zu tun hatte. Es störte ihn beispielsweise gar nicht, daß sie sich gegen Freuds These wandte, daß die Sexualität der grundlegendste der menschlichen Triebe sei. (Etwas, was er bei einem Mitstreiter oder Studenten nie hätte durchgehen lassen! Seine Mitarbeiter und Schüler waren schließlich sein gegenwärtiges und vor allem zukünftiges Sprachrohr, während Bergersen eine vollkommen unabhängige Person auf Augenhöhe war.) „Er akzeptierte mich als ein rationales menschliches Wesen.“ Bergersen ihrerseits genoß es sich mit einem berühmten Mann, der einen weiten Horizont hatte, stundenlang über Gott und die Welt unterhalten zu können.

Die eifersüchtige Lindenberg bat Bergersen Reich aufzugeben, denn sie, Lindenberg wäre ganz allein und im Exil, während Bergersen gesichert und wirtschaftlich unabhängig sei. Bergersens Meinung nach war Lindenberg keine ausreichend starke Persönlichkeit, um Reichs Interesse über einen längeren Zeitraum fesseln zu können und von ihm wirklich respektiert zu werden. Reich brauchte Bergersen, um der geistigen Enge seiner Umgebung zu entgehen.

Zu dieser Zeit scheint Reich ungewöhnlich entspannt und „gut drauf“ gewesen zu sein, wozu nicht zuletzt der Austausch mit Bergersen verantwortlich war. Das änderte sich mit der norwegischen Pressekampagne gegen Reich Mitte 1938. Er kam zu ihr, wenn wieder einmal ein besonders niederträchtiger und boshafter Artikel über ihn erschien. Für Stunden sprach er dann über seine Ängste und versetzte sie in tiefe Unruhe durch seine beunruhigenden Vorhersagen über die bevorstehenden Schrecken des Naziregimes. (Sie hatte keine Ahnung, daß Reich ein Jude war!) Zu dieser Zeit machte er ihr einen Heiratsantrag und träumte davon, sie könnten sich gemeinsam in einer Berghütte verstecken, bis der Nazispuk verflogen sei. Doch sie wollte ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben und konnte sich nicht vorstellen, daß Reich weitere Kinder haben wollte.

Sie ist offen genug einen weiteren Grund anzuführen. Ihre erste Liebesaffäre hatte bei ihr ein Mißtrauen hinsichtlich Männern und der natürlichen Sexualität hinterlassen. Sie brachte oft starke Ablehnung zum Ausdruck, wenn Reich ihr gegenüber von Freud und seinem eigenen Glauben an die grundlegende Bedeutung der Kraft der Sexualität sprach. Doch war sie trotz ihrer ablehnenden Haltung vom Erwachen ihrer eigenen körperlichen Reaktionen erschrocken. „Die Leidenschaft des Körpers übernahm die Kontrolle und daran war etwas Beängstigendes. Es war zerstörerisch.” Auf jemand wie sie, mit ihrer natürlichen Unabhängigkeit, muß es wie eine Art Hexenkunst gewirkt haben.

Nach der Trennung von Reich wandte sich ihr Interesse ausgerechnet den Werken C.G. Jungs zu und sie wurde eine ausgemachte Jungianerin, da ihr dessen Weltdeutung weit mehr einleuchtete als die von Freud und Reich. – Übrigens deutet Wilson in der zitierten kurzen Passage unbewußt seine eigenen Beweggründe seiner Angriffe gegen Reich und seines Insistierens auf den „freien Willen“ an!

Auf den ersten Blick scheint die Bergersen-Affäre kaum mehr als eine unbedeutende Randnotiz in Reichs Privatleben zu sein, doch tatsächlich wirft sie ein entscheidendes Licht auf seine spätere Entwicklung in Amerika. In Amerika fehlte Reich nämlich diese menschliche Wärme und der vorbehaltlose Austausch mit einem „normalen Menschen“, einem rationalen Gesprächspartner, der vor allem als intellektuelles Korrektiv dienen kann. Stattdessen war er von Leuten umgeben, die von ihm (teilweise auch wirtschaftlich) abhängig waren. Auch konnte er aus den kurz angeschnittenen Gründen kaum ernsthaften Dissens in seiner Umgebung dulden. Elsworth F. Baker beschreibt, wie Anfangs Theodore Wolfe Reich noch vor mancher Peinlichkeit und Fehleinschätzung bewahren konnte, aber am Ende war Reich allein. Umgeben von Menschen, die kaum mehr waren als Spiegel seiner selbst, und Fernstehenden konnte er unmöglich vermitteln, worum es eigentlich ging. Vieles wäre anders gelaufen, seine Feinde hätten nicht so ein einfaches Spiel gehabt, wenn Reich auch später eine „Gerd Bergersen“ um sich gehabt hätte. Ich denke da etwa an das Herzrasen, übermäßigen Alkoholkonsum und so manche Fehlentscheidung.

WRecu

Wozu dieses Netztagebuch?

30. März 2013

Dieses Netztagebuch ist aus der Netzseite www.orgonomie.net herausgewachsen. Ursprünglich war der Nachrichtenbief eine wöchentliche Strompost, die die neusten Entwicklungen in Gesellschaft und Wissenschaft mit den Themen der Netzseite in Zusammenhang bringen sollte.

Problem bei solchen Netztagebüchern ist, daß sie zur Verbreitung von Weltanschauungen tendieren. Die Orgonomie ist jedoch Wissenschaft, keine Weltanschauung. Entsprechend war für Reich in den 1920er und 1930er Jahren die Psychoanalyse eine Wissenschaft und keine Weltanschauung, obwohl sie als Weltanschauung bekämpft wurde (Menschen im Staat, S. 238). Reich führte damals weiter aus, daß sich in der „objektiven Wissenschaft“ der weltanschauliche Konflikt nicht direkt zu äußern pflege. Man müsse unterscheiden, wo wissenschaftliche Differenzen Mängeln sachlicher Erkenntnis und wo sie weltanschaulichen Motiven entspringen, und ausmachen, wo es zur Bremsung der Erforschung der Wahrheit durch eine unbewußt festgehaltene Weltanschauung komme (ebd., S. 250).

Es kann also nicht darum gehen, hier eine vermeintlich „orgonomische“ Weltanschauung zu vertreten (was ein Widerspruch in sich selbst wäre!), sondern nur darum zu zeigen, wo und wie die diversen Weltanschauungen verhindern, daß sich die Wahrheit, d.h. die Wissenschaft durchsetzt. Ein solches Unterfangen ist natürlich nur möglich, wenn man selbst auf einem sachlichen Fundament steht.

Dieses Fundament ist die Orgonomie bzw. die folgenden vier Grundelemente (vgl. www.orgonomie.net/hdozeit.htm):

  1. die Funktion des Orgasmus
  2. die Entdeckung des Orgons
  3. der Orgonomische Funktionalismus
  4. das ORANUR-Experiment

Am wichtigsten, weil die Grundlage von allem, ist der 1. Punkt. Für den Leser dieser Zeilen bedeutet dies konkret psychiatrische Orgontherapie als die alles entscheidende Grundvoraussetzung, um überhaupt in irgendeiner Weise orgonomisch tätig sein zu können (siehe www.w-reich.de).

Parallel dazu strebt die soziale Orgonomie danach, die „soziale Panzerung“ aufzulösen. Dies geschieht, indem den Massen bewußtgemacht wird, daß die Lösung ihrer Probleme nicht im politischen, sondern im bio-energetischen Bereich liegt. Wie der amerikanische Orgonom Charles Konia neulich in seinem Netztagebuch schrieb:

Das erste und einzige, was den Menschen auf ihrem aktuellen emotionalen Entwicklungsstand gesagt werden kann, ist, daß es keine politischen Lösungen für ihre sozialen Probleme gibt und ihre politischen Lösungen, um den Himmel auf Erden zu erreichen, ein Schwindel sind. Wenn die Menschen diesen Gedanken fassen können, reicht das erst mal. Politische Sehnsucht ist bei den heutigen Massen an die Stelle der religiösen Sehnsucht getreten. Auf diese Weise drücken sie ihren Mystizismus aus.

Punkt 2 beinhaltet den Nachvollzug und die Weiterführung von Reichs Experimenten.

Punkt 3 ist mehr oder weniger Inhalt von www.orgonomie.net, desgleichen

Punkt 4, hier insbesondere der Kampf gegen die Emotionelle Pest, die Auswirkungen von DOR (abgestorbener, giftiger Orgonenergie) auf gesellschaftlicher Bühne (OREP).

 

Wo bleibt die globale Erwärmung?

27. März 2013

Reichs letzte Jahre waren u.a. deshalb so desaströs, weil er auf die Erde eine Klimakatastrophe zukommen sah, die sonst von niemand gesehen wurde. Deshalb sein „irrationales“ Verhalten, so als wäre die Bedrohung durch die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA eine Petitesse, durch die man sich nicht behindern lassen dürfe, was die unverzichtbaren Mieteinnahmen durch den Orgonenergie-Akkumulator betraf. Auch konnte er nicht nachvollziehen, daß andere Regierungsstellen die Bedeutung seiner Arbeit nicht sehen wollten. Gab es damals auf dem Planeten einen wichtigeren Menschen als Wilhelm Reich?

Erst ein Jahrzehnt nach seinem Tod war auch in der offiziellen Wissenschaft von einer weltweiten Klimakatastrophe die Rede. In den 1970er Jahren herrschte geradezu eine Hysterie hinsichtlich einer „neuen Eiszeit“, die sich abzeichne mit all den desaströsen Folgen für die Ernährung der Menschheit. Ich kann mich noch gut an die damaligen „Katastrophenwinter“ erinnern, die die Wirklichkeit der sich abzeichnenden Klimakatastrophe bewiesen – und an geradezu „saharasisch“ heiße Sommer. „Das Ende ist nahe!“ Ab den 1980er Jahren wurden die Sommer immer kühler und nasser – und die Medien begannen von kaum etwas anderem zu reden als von der „globalen Erwärmung“.

Das mit der „neuen Eiszeit“ war Unsinn und was die „globale Erwärmung“ betrifft, wird es auch in dieser Hinsicht langsam eng für die Hysteriker. Wurde uns doch Anfang der 2000er Jahre eröffnet, daß es in Deutschland nie wieder „richtige Winter“ geben würde. Eine weitere, dieser „wissenschaftlichen“ Voraussagen!

Wir können hieran sehen, wie hilflos mechanistische Wissenschaftler mit dem umgehen, was Reich als „DOR-Notstand“ bezeichnet hat. Dieser hat zwei Aspekte:

  1. Eine Schicht aus DOR, die sich weltweit mehr oder weniger gleichmäßig um den Planeten legt und für die „globale Verfinsterung“ (global dimming) verantwortlich ist. Sie schränkt sowohl die orgonotische Erstrahlung in der Atmosphäre ein als auch die orgonotische Pulsation, was beides erklärt: ein Einheitswetter, so als gäbe es keine Jahreszeiten mehr, und Wetterextreme.
  2. Die „globale Erwärmung“ entspricht tatsächlich lokalen Einbrüchen von DOR aus den Wüstenregionen in bisher verhältnismäßig (!) DOR-freie Gebiete. So erklären sich diverse „beunruhigende Gletscherschmelzen“ und insbesondere die „eindeutigen Hinweise“ auf eine „globale Erwärmung“ in den Polarregionen.

Es ist ähnlich wie bei einem Neurotiker: mechanistische Psychotherapeuten sehen, daß er „gut angepaßt“ ist und stellen im psychopathologischen Befund nichts auffälliges fest, andere sehen eine freudlose, leere Existenz, während wieder andere, die ihn etwa am Wochenende oder im Urlaub begegnen, glauben, einen gemeingefährlichen, unberechenbaren Psychopathen vor sich zu haben. Genauso wie die „Klimaforscher“ denken sie nicht in Begriffen von DOR, orgonotischer Erstrahlung und orgonotischer Pulsation, sondern versuchen haltlos irgendwelche sekundäre vereinzelte Symptome in zusammengestückelten Theoriegebäuden zusammenzufassen, deren Voraussagewert gegen Null tendiert.

Wenn man ihnen zu erklären versucht, daß die geographische Wüste und deren Ausbreitung funktionell identisch ist mit der emotionalen Wüste, starren sie einen an, als käme man von einem anderen Planeten. Seit den 1950er Jahren hat sich in dieser Hinsicht nichts geändert.

gobaleneurose

Wie Wilhelm Reich benutzt wird, um die Orgonomie zu zerstören

15. März 2013

Kaum hat man irgendeinen fruchtbaren Gedanken, etwa daß Frauen in die Familie gehören, um die Kinder großzuziehen, daß Kinder eine väterliche Autorität benötigen und daß es für Kinder nichts schlimmeres gibt, als schutzlos dem Gruppendruck von seiten anderer Kinder ausgesetzt zu sein, – kommt der nächste Reichianer und haut dir eines von Reichs Werken, etwa Die sexuelle Revolution, um die Ohren. Kaum denkt man über die Ökonomie nach, wird einem Reichs Haltung zu Marx unter die Nase gehalten. Und so in vielen weiteren Bereichen.

Es ist absurd sich auf diese Weise auf Reich zu berufen. Was wäre, wenn Reich 1932 gestorben wäre? Wären „Reichianer“ noch heute fanatische Kommunisten? Hätte Reich das ORANUR-Experiment nicht durchgeführt, würden sie heute noch vertreten, daß Orgonenergie-Akkumulatoren in den radiologischen Abteilungen von Krankenhäusern neben anderen Geräten zur physikalischen Therapie stehen sollten? Man kann Figuren wie Giordano Bruno und selbst Christus ganz anders sehen als Reich es getan hat. Erdreistet sich noch jemand, Lenin so zu zeichnen, wie es Reich getan hat? (Lenin war der einzige Revolutionär, der im Detail beschrieben hat, wie man etwa zaristische Polizeioffiziere ermorden kann.)

Reich ist seit über einem halben Jahrhundert tot und seine Ansichten sind nur noch von historischem Interesse. Das einzige was zählt, ist die Funktion des Orgasmus, die Entdeckung des Orgons und die Orgonometrie. Orgonomie ist nicht etwas, was auf den zeitlich spätesten jeweiligen Reich-Zitaten beruht und dann jederzeit durch eine nachträglich entdeckte noch spätere Aussage Reichs wieder infrage gestellt werden muß. Sie ist die selbständige Anwendung der Reichschen Methode. Aber jeder, der auf vollkommen korrekte Weise zu neuen Ergebnissen kommt, setzt sich der Gefahr aus, von „Reichianern“ zurechtgewiesen zu werden. Auf diese Weise wird jeder Fortschritt der orgonomischen Wissenschaft hintertrieben und die Orgonomie selbst sogar in ihrer Existenz gefährdet.

Es hat schon seinen Sinn, wenn heute medizinische Orgonomen ihre Patienten kaum noch berühren, jedenfalls drastisch weniger als sogenannte „Körpertherapeuten“. In diesem Zusammenhang auf Reich zu verweisen, dessen Therapie am Ende doch so vollkommen anders ausgesehen habe, ist vollkommen daneben, denn Reich behandelte nur ein bestimmtes Klientel, d.h. langwierige Fälle übergab er seinen Schülern, und es ging ihm primär um eine experimentelle Herangehensweise. Daß sich die Orgontherapie so entwickelt hat, wie sie sich entwickelt hat, läßt sich funktionell begründen. Hier die Orgonomie mit Rückverweis auf Reich „retten“ zu wollen, kann ihr nur schaden.

Dazu gehören auch Fragen der grundsätzlichen Strategie, etwa im Verhalten gegenüber Behörden. Reichs Umgang mit der FDA kann wohl kaum als Muster einer vernünftigen Vorgehensweise gelten! Sollten die Orgonomen in Amerika so manchem halbinformierten Dogmatiker folgen, etwa was den Orgonenergie-Akkumulator, den Cloudbuster und selbst das Berühren von Patienten betrifft, könnte das sehr schnell im Verschwinden der organisierten Orgonomie auf dem nordamerikanischen Kontinent münden. Die Orgonomie muß juristisch unangreifbar sein. Alles andere ist eine offene Einladung an die Emotionelle Pest!

Es stimmt, daß Reich am Ende die Orgonenergie in den Mittelpunkt stellen wollte, doch eine vernünftige Forschung, die dem skeptischen Blick insbesondere der Physiker widerstehen könnte, würde Unsummen verschlingen, mal abgesehen vom ungeheuren Zeitaufwand und der notwendigen Expertise. Das geht alles nicht ohne ein angemessenes gesellschaftliches Umfeld, das aktiv im Rahmen der sozialen Orgonomie geschaffen werden muß. Jede Orgonforschung verpufft in der sich immer mehr okular abpanzernden antiautoritären Gesellschaft, wenn sie nicht sogar den grassierenden Mystizismus unterfüttern würde („Feinstoffliches“). Nichts gegen Orgonphysik, aber zu behaupten, daß die orgonomische Soziologie zu sehr im Mittelpunkt stehe…

Man kann sogar mit dem Begriff „Kontakt“ die Kontaktlosigkeit vertreten:

In fünf Schritten durch das Universum: Reichs Leben als Naturforscher

27. Februar 2013

Wie an anderer Stelle erwähnt, setzt sich die orgonomische Wissenschaft aus fünf Bereichen zusammen: 1. Medizin, 2. Soziologie, 3. Biologie, 4. Physik und 5. Kosmologie.

  1. MEDIZIN: Zwischen 1919 und 1927 war Reich Psychoanalytiker und nichts außerdem. Er entwickelte die Orgasmustheorie und arbeitete die Charakteranalyse heraus. Der Organismus des Neurotikers ist krank, weil sich dem natürlichen Trieb, der entladen werden will, die Triebabwehr entgegenstellt. Das dynamische Gleichgewicht zwischen Trieb und Triebabwehr konstituiert den Charakterpanzer, der in der Charakteranalyse aufgebrochen werden soll, um eine ungestörte Triebökonomie zu ermöglichen („orgastische Potenz“). Der Panzer ist (abgesehen von Erbkrankheiten, Vergiftungen, Unfällen, etc.) für sämtliche psychologischen, psychiatrischen und medizinischen Leiden verantwortlich.
  2. SOZIOLOGIE: Zwischen 1928 und 1933 beschäftigte sich Reich neben der Medizin vor allem mit der sozialen Verursachung der Triebabwehr. Wie entstand die sexualfeindliche, „gepanzerte“ Gesellschaft? (Studie über die Trobriander) Wie ist eine sexualbejahende, „ungepanzerte“ Gesellschaft wieder herzustellen? (Studien über Sexualreform, den Faschismus und die Sowjetunion)
  3. BIOLOGIE: Zwischen 1934 und 1939 untersuchte Reich neben seinen medizinischen und soziologischen Studien den Trieb der Trieb-Triebabwehr-Dichotomie. Als Ergebnis einer erfolgreich verlaufenden Charakteranalyse hatten seine Patienten über „vegetative Strömungen“ berichtet, die Reich objektivieren wollte. In seinen „bio-elektrischen Untersuchungen über Sexualität und Angst“ maß er den Potentialunterschied zwischen der Hautoberfläche und dem Gewebe unterhalb der Haut. Er entdeckte, daß bei Lustempfindungen die Lebensenergie nach außen hin expandiert, während sie bei Unlustempfindungen (insbesondere Angst) nach innen hin kontrahiert. In einer zweiten Versuchsreihe versuchte er diese „Plasmabewegung“ unmittelbar unter dem Mikroskop bei durchsichtigen Mikroorganismen, insbesondere Amöben, direkt zu beobachten. Bei den entsprechenden Experimenten entdeckte er, daß nicht Zellen, sondern einfache Energiebläschen die kleinste Lebenseinheit darstellen. An diesen „Bionen“ entdeckte er schließlich eine Strahlung, die „Orgonstrahlung“, die sozusagen die Substanz der vegetativen Strömung ausmacht: es handelt sich um das Fließen von „Orgonenergie“ durch den Körper.
  4. PHYSIK: Zwischen 1940 und 1950 beschäftigte sich Reich neben seinen medizinischen, soziologischen und biologischen Studien mit den physikalischen Eigenschaften der von ihm entdeckten neuen Energieform Orgon. In erster Linie ging es dabei um die Untersuchung des von ihm konstruierten „Orgonenergie-Akkumulators“, der beispielsweise in seinem inneren wärmer ist als die Umgebung und in dem sich ein aufgeladenes Elektroskop langsamer entlädt als außerhalb des Akkumulators.
  5. KOSMOLOGIE: Zwischen 1951 und 1957 beschäftigte sich Reich neben seinen medizinischen, soziologischen, biologischen und physikalischen Studien mit einem Bereich, den er als „cosmic orgone engineering“ bezeichnete. Dabei ging es prinzipiell um zwei Forschungsrichtungen: die „kosmische Überlagerung“ und das ORANUR-Experiment, die sich jeweils damit beschäftigen, wie sich die Orgonenergie bei Erregung verhält. Verkürzt ausgedrückt, kommt es im kosmischen Orgonenergie-Ozean zur spiralförmigen Überlagerung von Orgonenergie-Strömen, die sich gegenseitig anziehen und erregen. Man denke in diesem Zusammenhang an eine typische Spiralgalaxie. Aus dieser Überlagerung geht Materie hervor. Diese Materie kann einen „Störfaktor“ im Orgonenergie-Ozean darstellen, insbesondere wenn sie wieder zerfällt („Radioaktivität“), wodurch es zu einer Übererregung der ursprünglichen Orgonenergie kommt, an deren Ende eine abgestorbene, toxische Form der Orgonenergie („OR“) steht, das „DOR“ (deadly orgone energy). Der OR-DOR-Metabolismus und die kosmische Überlagerung sind Inhalt des besagten Cosmic Orgone Engineering (CORE) und umfassen die vier anderen Bereiche der orgonomischen Wissenschaft.

reichswegfunf

Leidet jeder der Wilhelm Reich kritisiert an der Emotionellen Pest?

13. Februar 2013

Alle werden jetzt ein vehementes „Nein!“ oder zumindest eine Wiederholung von Reichs Ausführungen über „immanente Kritik“ erwarten. Hier soll es jedoch darum gehen, daß diese Frage selbst pestilent ist. Jeder Physiker würde sich dagegen verwahren, daß die von Newton entdeckten Gesetze der Mechanik von einem „Geisteswissenschaftler“ etwa aus moralischen oder ästhetischen Gründen kritisiert werden, wie es beispielsweise Goethe tat. Reich hat eine Entdeckung gemacht, die Funktion der orgastischen Plasmazuckung, die ihm praktisch universell Ablehnung und Verachtung eingebracht hat, obwohl ihre Wahrheit faktisch selbstevident ist.

Der Hinweis, daß Reich charakterliche Züge aufwies, die weniger angenehm waren. Beispielsweise, daß hier und da der beinharte Weltkriegsoffizier durchbrach oder die Doppelmoral und die übersteigerte Eifersucht, die fast alle Männer seiner Herkunft zu dieser Zeit kennzeichnete… Das hat nichts, aber auch rein gar nichts mit dem Wissenschaftler Wilhelm Reich zu tun! Dieses Psychologisieren und „Biographisieren“ ist eine bequeme Ausflucht, um das Wesentliche zu umgehen. Es geht um die „Kulturdiskussion“, wie sie im ersten Teil von Die sexuelle Revolution dokumentiert ist, nicht darum, wie in seiner Beziehung mit Freud Reichs Vaterkomplex zum tragen gekommen ist.

Es macht schlichtweg keinen Sinn darüber zu diskutieren, ob Kinder glücklich aufwachsen sollen oder nicht. Eins gibt das andere, es geht um Jugendliche, es geht um Erwachsene. Einem „Fanatismus“ oder „dünne Haut“ vorzuwerfen, nur weil man kompromißlos für das Lebendige eintritt, ist eine unglaubliche Unverschämtheit. Es ist die Emotionelle Pest!

Aber muß dann nicht zumindest eine inhaltliche Diskussion möglich sein, beispielsweise angesichts der neuen Erkenntnisse der Sexologie? Es ist erschreckend, welch merkwürdige Vorstellung manche Menschen sich von „Wissenschaft“ machen. Es geht nicht um Demokratie und Kompromißbildung, sondern um Fakten, um Wahrheit und Nichtwahrheit.

Man nehme etwa den Sammelband Der „Fall“ Wilhelm Reich, der sich kritisch mit Reich auseinandersetzt. Das gesamte Buch ist eine Unverschämtheit, d.h. es geht um die Person Reich und um die vollkommen irrelevanten persönlichen Meinungen irgendwelcher „Fachleute“. Es ist Emotionelle Pest und nichts außerdem.

Selbstverständlich hat Reich Fehler gemacht. Ach was! Aber man erzähle mir nicht, daß sich die „Kritiker“ für diese Fehler wirklich interessieren. Ihnen geht es schlicht darum, ganz im Gegenteil die Wahrheit in Diskredit zu bringen. Man kann etwa diskutieren, daß Reich jeweils Freud und Marx grundlegend mißverstanden oder etwa sich nicht ausreichend in die Physik eingearbeitet hat, aber darum geht es nicht wirklich. Den Kritikern geht es einzig und allein um die Entdeckung der Funktion der orgastischen Plasmazuckung – sie ist es, was sie stört. Deshalb versuchen sie Freuds Libidotheorie zu dekonstruieren, deshalb heben sie die Bedeutung des „Bewußtseins“ hervor, deshalb haben sie ein solch starkes Interesse an Reichs Privatleben, deshalb können sie das Orgon nur als mystische Kraft, aber nicht als reale Energie anerkennen.

Das „Kritik wird doch noch erlaubt sein!“ ist nur ein Ablenkungsmanöver. Darüber hinaus dient es dazu, Verwirrung zu stiften. Man soll in endlose Diskussionen verwickelt werden, die nur ein Ziel haben: immer weiter vom Wesentlichen wegzuführen. Außerdem ist es natürlich ein zynisches Spiel mit den persönlichen Unsicherheiten (d.h. sexuellen Schuldgefühlen!) und Zweifeln der „Anhänger“ Reichs.

Tatsächlich können all die „Kritiker“ Reich nicht ausstehen. Sie behaupten, dies sei so, weil er eine Atmosphäre der Grandeur um sich verbreite und behaupte, seine Entdeckungen seien welterschütternd. Ja, warum würde Reich sie wohl sonst veröffentlicht haben?! Manche halten den gängigen faden Käse für „Wissenschaft“, den einer vom anderen abschreibt.

Was die „Kritiker“ tatsächlich bis zur Weißglut treibt, ist, daß hier jemand für das Lebendige eintritt: offen, stolz und laut. Das war in der autoritären Gesellschaft, in dem jedem das Rückgrat gebrochen wurde, genauso ungeheuerlich, wie es heute ungeheuerlich ist, wenn jemand die Eier hat, sich den gängigen Sprachregelungen und dem Meinungsdiktat zu entziehen. Früher hat beispielsweise ein Schwuler, der den aufrechten Gang gelernt hatte, die Pest in Rage gebracht. Heute reicht es, „schamlos“ ein heterosexueller, nationalbewußter weißer Mann zu sein.

Die „Reich-Kritiker“ zeigen die Fratze des Kleinen Mannes in voller Ausprägung. Sie sagen: „Was nimmt sich dieser Kerl heraus! Wie kann er es wagen! Shocking!

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Ein Beispiel für einen pestilenten Charakter

27. November 2012

Er ist kein Mensch, sondern ein Typ, der in fast keinem Wilhelm-Reich-Seminar fehlt.

Er sitzt da, die verkörperte Abwehr: verschränkte Arme und stets ein Anflug von Verachtung im Gesicht. Läuft bei der Präsentation mal etwas nicht rund, hört man im Hintergrund seine spitze Bemerkung: „Das ist aber schlecht organisiert!“ Und man spürt seinen abschätzigen Blick, als wolle er sagen: „Dieser unsichere Knilch soll also die Verkörperung von sexueller Gesundheit sein!“

Er wartet nur darauf, endlich die Aufklärung zu Wort kommen zu lassen: Reichs gesamte Theorie sei die Verarbeitung seiner, Reichs, eigenen Krankengeschichte. Er sei ein Sex-Maniak gewesen, der unfähig war Spannung zu ertragen und zu sublimieren.

Bei anderer Gelegenheit suggeriert er, Malinowski hätte wohl alle seine Ergebnisse über die Trobriander getürkt.

Oder beispielsweise: Von wegen Faschismusanalyse! Reich sei ja selbst Antisemit gewesen und dann zitiert die Pestbeule die „betreffende“ Stelle aus Reich Speaks of Freud.

Nachdem er sachlich aber scharf abgewiesen worden ist, sitzt die Pestbeule den Rest des Seminars mit sooooo einem Gesicht da. Zu weiteren Terminen erscheint er nicht. Am Seminar selbst war er ja eh nicht wirklich interessiert.

Sein Leben ist leer und ohne Hoffnung. Um es erträglich zu machen, untermauert er es mit einer „nüchternen Lebensanschauung“. Etwa, daß wir von Natur aus gewalttätige Schimpansen seien, die dem Prozeß der Zivilisation unterworfen werden müßten. Oder er ist Freudianer, der vom „Todestrieb“ ganz besonders fasziniert ist. Oder er glaubt mit Adorno, daß es eh kein Wahres im Falschen geben könne. Oder er feiert mit Foucault die sadomasochistische Nichtung des Ich.

Das sind alles nur Rationalisierungen seiner Resignation und seines tiefsitzenden Hasses gegen alles Lebendige.

Er ist kein Mensch, sondern nur ein Sack voll übelriechender Luft.

Der Rote Faden: Eva Reich

13. November 2012

In Reichs Familie herrschten mystisch eingestellte Linke vor. Nicht nur Ilse Ollendorff kann man als „christliche Sozialistin“ bezeichnen, sondern auch Eva Reich. Es gibt ein berühmtes Zeitungsphoto, wo die hochbetagte und mittlerweile ans Bett gefesselte Eva Reich stolz als Protest gegen Bush das Schild „No War“ hochhält.

Ich habe sie selbst einmal in Bremen bei einer Podiumsdiskussion erlebt. In einem Nebensatz erwähnte sie, Christus habe ihr geholfen.

In dem 75 Minuten langen Dokumentarfilm Ich bin ein Doktor auf Expedition (2003) der Bremer Filmemacherin Heidrun Mössner erzählte Eva Reich von ihrem zerrissenen Leben: als Kind militant atheistischer Eltern bringt ihr, hinter dem Rücken der Eltern, das strengkatholische Kindermädchen das Beten bei; von der Mutter in eine Psychoanalyse gepreßt, die kaum mehr als „Anti-Reich-Gehirnwäsche“ war; in der Arbeit aufgerieben zwischen eigener Arztpraxis und Tätigkeit für Reich…

Noch aus dem Gefängnis schreibt ihr Reich 1957, daß die Technik der „Gehirnwäsche“, von der damals viel die Rede war, offensichtlich von den psychoanalytischen Techniken abgeleitet wurde, denen sie seit 1935 ausgesetzt gewesen sei (Where‘s the Truth?, S. 234)

Eva Reich schreibt über ihren Weg zum religiösen Glauben:

Meine Erfahrung kann man am ehesten und einfachsten so beschreiben: Ich, mein Ego, mein Körper, meine Seele haben nicht das letzte Wort auf dieser Erde! Dies wirklich zu fühlen, war meine persönliche Konversionserfahrung – die Erfahrung einer Kraft in mir und außer mir, auf der alles beruht. (Eva Reich: Lebensenergie durch Sanfte Bioenergetik, München 1997, S. 65)

Das ist nachvollziehbar, bekommt aber eine bedenkliche Wende, wenn plötzlich „höhere Prinzipien“ hineinspielen:

Dieses Wissen schafft eine Verbindung, ein Verbundensein oder Eingebettetsein in einen größeren Zusammenhang. Es beinhaltet auch die Sicherheit, daß alles nach einem höheren Prinzip funktioniert. (ebd.)

Das Lebendige wird wieder irgendwelchen „höheren Prinzipien“ geopfert – und „auf der Grundlage dieser Erfahrung therapeutisch tätig zu sein, kann man ‘Heilen’ nennen“ (ebd.). Das ist die gleiche lebensfeindliche Gesinnung, die Reich in Die sexuelle Revolution analysiert hat: die anfängliche Hinwendung zum Lebendigen, zur orgonotischen Erstrahlung, gefolgt von einem Umbiegen des so freigesetzten Lebensimpulses in sein Gegenteil. Das gehört dahin, was ich als „Blauen Faschismus“ bezeichnet habe.

Ende 1953 setzte sich Reich mit Evas strukturellem Mystizismus in einem an sie gerichteten Brief wie folgt auseinander:

Da ich weder an mystische oder irgendwelche metaphysischen Kräfte glaube und darüber hinaus, konkrete Beweise für die Stichhaltigkeit Deiner Annahme haben müßte, kann ich nichts dazu sagen. Aber grundsätzlich, vom Denken her, gibt es keine Möglichkeit, die Existenz einer ganz anderen Art von Leben auszuschließen, die nicht mit irgendeiner uns verwandten Gestalt des Lebens verbunden ist. Die Existenz von vollwertigen Leben, die nicht an irgendeine Form gebunden ist, würde natürlich das spiritistische Konzept bestätigen. Ich glaube nicht, daß dies möglich ist. Aber Deine Beobachtungen verdienen sicherlich weiter sorgfältig verfolgt zu werden. (Where’s the Truth?, S. 133f)

Und dann fährt er in diesem kurzem Brief unmittelbar fort: „Ich habe das deutliche Gefühl, daß Deine Entwicklung auf den Bahnen Deiner wahren Natur verläuft.“


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