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Der Garten Eden (Teil 3)

28. Juli 2011

In hellenistischer Zeit beteten manche Juden ihren Gott unter dem Namen „Zeus Sabazios“ an. Was, wegen des Namenstabus, nicht verwunderlich wäre, jedoch hat der alexandrinische jüdische Autor Aristeas (etwa 110 v.Chr., möglicherweise aber auch später) darüber hinaus Jahwe mit Zeus richtiggehend gleichgesetzt. Trotz aller kulturellen und religiösen Unvereinbarkeiten ergänzten sich doch die beiden Gottesvorstellungen hervorragend. Elsworth F. Baker bringt in seiner Diskussion über den Ursprung der Panzerung z.B. die Geburt Athenas aus der Stirn von Zeus in direkte Verbindung mit der Geburt Evas aus Adam. (Die Stirngeburt der Athene hat ihre Entsprechung in Indien, wo Lakschmi als Lotusblüte aus der Stirn Vischnus hervorgeht.) Die beiden Geschichten sind in ihrer archetypischen Apotheose des Patriarchats funktionell identisch. Der Mann wird wirklich vergöttlicht – indem er die Rolle der Mutter übernimmt. Darüber hinaus bringen diese beiden Grundmythen einen Aspekt zur Sprache, aus dem man Baker zufolge „die gleichlaufende Entwicklung von Wissen (Erkenntnis) und Panzerung und den Ursprung des Patriarchats“ ableiten kann.

Der Orgonom Morton Herskowitz hat Reichs diesbezügliche Theorie aus Die kosmische Überlagerung sehr klar zusammengefaßt:

Reich hat das Problem des Ursprungs der Panzerung mit der Vermutung angegangen, die er für „mehr als leere Spekulation“ aber für „weniger als anwendbare Theorie“ hielt, daß an jenem Punkt in der dunklen Vergangenheit, als der Mensch gerade die Fähigkeit erlangte, über seine unmittlbare Gegebenheiten hinaus zu denken, d.h. nicht nur darüber nachzudenken, wie man am besten aus einer bedrohlichen Lage herauskomme oder wie man eine sich unmittelbar stellende Arbeit zu erledigen habe, sondern als das Denken ein „Ding an sich“ wurde – er wußte, daß er wußte – die Wahrnehmung derartig beängstigend war, daß er sich gegen dieses innere Angstgefühl abpanzerte und der Prozeß sich in der Spezies fortgesetzt hat. Die Übereinstimmung dieser Annahme mit dem biblischen Verlust von Eden, weil der Mensch von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gekostet hat, ist faszinierend und gestattet uns die direkte Übertragung von Wissen als Wissen anstatt der biblischen Vorstellung von Wissen als Sexualität. (Journal of Orgonomy, Nov. 1975)

Das Denken trennt sich, aus Angst von dem überwältigt zu werden, was es sieht, von der Matrix der Natur, vom „Mutterboden“, und entspricht somit der Abpanzerung von der Natur, dem Panzer. Das Denken wird zu einem „Ding an sich“ außerhalb der Natur. Die Unnatur herrscht. Der Mann gebiert die Frau, das Denken gebiert die Gebärerin. Die Sexualität hat keinerlei Bedeutung mehr.

Diese Überlegungen sind zweifellos sehr faszinierend, mir will es aber so scheinen, als seien Reich, Baker und Herskowitz unbewußt selbst dem patriarchalen Denken zum Opfer gefallen, wonach Geist und Natur letztlich unvereinbare Gegensätze und Widersacher sind und die zerstörerische Natur in das harmonische Reich des Geistes eingebrochen ist (Plato und „Freud“), bzw. der zerstörerische Geist in das harmonische Reich der Natur (Klages und „Reich“). Orgonomisch kann man aber Natur und Geist nicht voneinander trennen (was im übrigen Reich in Die kosmische Überlagerung darlegt!).

Ganz im Sinne des Reichschen Funktionalismus wird diese Dichotomie zwischen „matriarchaler Natur“ und „patriarchalem Geist“ aufgebrochen, wenn wir uns den Mythos von Zeus und Athene in seiner Gesamtheit anschauen. Athene wurde nämlich erst aus dem Haupt von Zeus geboren, nachdem dieser vorher die Göttin der Weisheit, Metis verschlungen hatte, als diese mit Athene schwanger ging. So wurde die Weisheit erst über einen kuriosen Umweg dem Manne zugeordnet. Im Patriarchat darf Wissen nur vom Mann ausgehen. Ursprünglich war es aber die Frau, die die Kultur in die Welt brachte. Erst nachträglich wurde die Weisheit in Gestalt der Athene durch einen mythologischen Trick der Männerwelt zugeschoben und perverserweise wurde die Göttin so zur Verbreiterin der patriarchalen Ideologie umfunktioniert (Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, München 1984, S. 28f).

In Variationen wurde dieser Kunstgriff in allen patriarchalen Kulturen angewendet. So wurde die ägyptische Weisheitsgöttin Maat, die ursprünglich die Mutter des Sonnengottes Re war, zu Res Tochter gemacht, die seine Weisheit weiterzugeben hatte. Genauso wurde ja auch ihre jüdische Entsprechung, die Weisheit, Sophia, zum bloßen Geschöpf Jahwes und verbreitete sein Gesetz. In Wirklichkeit war es natürlich so, daß Jahwe parasitär aus den kulturellen Errungenschaften der matriarchalen Weisheit schöpfte.

Außerdem kann man sagen, daß der patriarchale Gott eine Todesangst vor dem Denken hat. An dieser Stelle möchte ich einen längeren Abschnitt aus Nietzsches Antichrist (48 und 49) zitieren. Für Nietzsche handelt Gen 3 „von der Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft“. Gottes Angst vor der Wissenschaft sei nur Ausdruck der Angst von Priestern des Aberglaubens vor der wissenschaftlichen Aufklärung. Insbesondere mit der Erschaffung des Weibes habe Gott einen Fehlgriff getan, denn jeder Priester wisse, daß das Weib „seinem Wesen nach Schlange, Heva“ ist; jeder Priester wisse, daß vom Weib jedes Unheil in die Welt kommt, folglich auch die Wissenschaft. Nietzsche schreibt weiter:

Erst durch das Weib lernte der Mensch vom Baume der Erkenntnis kosten. – Was war geschehen? Den alten Gott ergriff eine Höllenangst. Der Mensch selbst war sein größter Fehlgriff geworden, er hatte sich einen Rivalen geschaffen, die Wissenschaft macht gottgleich, – es ist mit Priestern und Göttern zu Ende, wenn der Mensch wissenschaftlich wird! – Moral: die Wissenschaft ist das Verbotene an sich – sie allein ist verboten. Die Wissenschaft ist die erste Sünde, der Keim aller Sünde, die Erbsünde. Dies allein ist Moral. – „Du sollst nicht erkennen“ – der Rest folgt daraus. – Die Höllenangst Gottes verhinderte ihn nicht, klug zu sein. Wie wehrt man sich gegen die Wissenschaft? das wurde für lange sein Hauptproblem. Antwort: fort mit dem Menschen aus dem Paradies! Das Glück, der Müßiggang bringt auf Gedanken – alle Gedanken sind schlechte Gedanken… Der Mensch soll nicht denken. – Und der „Priester an sich“ erfindet die Not, den Tod, die Lebensgefahr der Schwangerschaft, jede Art von Elend, Alter, Mühsal, die Krankheit vor allem – lauter Mittel im Kampfe mit der Wissenschaft! Die Not erlaubt dem Menschen nicht, zu denken… Und trotzdem! entsetzlich! Das Werk der Erkenntnis türmt sich auf, himmelstürmend, götter-andämmernd [der Turmbau zu Babel (Gen 11)] – was tun! – Der alte Gott erfindet den Krieg, er trennt die Völker, er macht, daß die Menschen sich gegenseitig vernichten (– Priester haben immer den Krieg nötig gehabt…). Der Krieg – unter anderem ein großer Störenfried der Wissenschaft! – Unglaublich! Die Erkenntnis, die Emanzipation vom Priester, nimmt selbst trotz Kriegen zu. – Und ein letzter Entschluß kommt dem alten Gotte: „der Mensch ward wissenschaftlich – es hilft nichts, man muß ihn ersäufen!“… [die Sintflut (Gen 6f)]

So enthalte der Anfang der Bibel die ganze Psychologie des Priesters, der den Menschen unglücklich halten muß, um ihn von der Wissenschaft (dem „gesunden Begriff von Ursache und Wirkung“) abzuhalten. Das sei die Logik des Priestertums.

Man errät bereits, was, dieser Logik gemäß, damit erst in die Welt gekommen ist – die „Sünde“… Der Schuld- und Strafbegriff, die ganze „sittliche Weltordnung“ ist erfunden gegen die Wissenschaft – gegen die Ablösung des Menschen vom Priester… Der Mensch soll nicht hinaus-, er soll in sich hineinsehen; er soll nicht klug und vorsichtig, als Lernender, in die Dinge sehn, er soll überhaupt gar nicht sehn: er soll leiden… Und er soll so leiden, daß er jederzeit den Priester nötig hat. – Weg mit den Ärzten! Man hat einen Heiland nötig. – Der Schuld- und Straf-Begriff, eingerechnet die Lehre von der „Gnade“, von der „Erlösung“, von der „Vergebung“ – Lügen durch und durch und ohne jede psychologische Realität – sind erfunden, um den Ursachen-Sinn des Menschen zu zerstören: sie sind das Attentat gegen den Begriff Ursache und Wirkung! – Und nicht ein Attentat mit der Faust, mit dem Messer, mit der Ehrlichkeit in Haß und Liebe! Sondern aus den feigsten, listigsten, niedrigsten Instinkten heraus! Ein Priester-Attentat! Ein Parasiten-Attentat! Ein Vampyrismus bleicher unterirdischer Blutsauger!… Wenn die natürlichen Folgen einer Tat nicht mehr „natürlich“ sind, sondern durch Begriffs-Gespenster des Aberglaubens, durch „Gott“, durch „Geister“, durch „Seelen“ bewirkt gedacht werden, als bloß „moralische“ Konsequenzen, als Lohn, Strafe, Wink, Erziehungsmittel, so ist die Voraussetzung zur Erkenntnis zerstört – so hat man das größte Verbrechen an der Menschheit begangen. – Die Sünde, nochmals gesagt, diese Selbstschändungs-Form des Menschen par excellence, ist erfunden, um Wissenschaft, um Kultur, um jede Erhöhung und Vornehmheit des Menschen unmöglich zu machen; der Priester herrscht durch die Erfindung der Sünde. –“

In den orgonomischen Diskursen über Gen 3 schleicht sich aber nicht nur die patriarchale Dichotomie zwischen Natur und Geist ein, sondern auch die zwischen Freiheit und Eingebundensein. Der Mensch habe vor dem Essen der Frucht in Harmonie mit der Natur, mit „Gott“ gelebt, habe dann diesen engen Kontakt verloren und sei abgepanzert und auf sich selbst zurückgeworfen und in eine für ihn leere Welt hinausgetreten. Wir haben aber in Teil 1 schon festgestellt, daß es hier auch ganz entscheidend um den Wert der Autonomie geht. Also um den zentralen Punkt, auf den sich alle orgontherapeutischen Anstrengungen ausrichten. Am Ende bedarf der Patient

nunmehr der Stütze des Glaubens an einen allmächtigen Gott und der moralischen Hemmung nicht mehr. Er ist Herr im eigenen Haus und lernt, seinen sexuellen Haushalt selbst zu regulieren. Die Charakteranalyse [bzw. die Orgontherapie] (…) löst die Gottesbindung, die eine Fortsetzung der Vaterbindung ist. (Massenpsychologie des Faschismus, S. 170, Hervorhebungen hinzugefügt)

Was ist das anderes als vom Baum der Erkenntnis zu essen? Dem biblischen Verdikt des Vatergottes „Du gehörst mir!“ (Jes 43,1) wird das autonome „Ich bin Eigner meiner selbst!“ (Stirner) entgegengehalten.

Ganz in Übereinstimmung mit diesem Ansatz meinen denn auch Othmar Keel und Max Küchler in ihrem Genesis-Kommentar, mit der „Erkenntnis von Gut und Böse“, die mit dem Essen der Frucht verbunden ist, wäre ganz speziell das Erkennen (als Prozeß von der Erfahrung bis zur Beurteilung und Lenkung) von allem, was für den Menschen entweder nützlich („gut“) oder schädlich („böse“) ist, gemeint. „Erkenntnis von Gut und Böse“ bedeutet also so viel wie Autonomie (Synoptische Texte aus der Genesis, Fribourg 1971).

Der Mensch kann sie – wenigstens bis zu einem gewissen Grad – erlangen, aber um Gott zu sein, bedürfte er der entsprechenden Einsicht und Macht, sie sinnvoll zu betätigen. Da ihm diese aber fehlen, führt die Anmaßung von Autonomie zur Erfahrung seines Nacktseins (ebd.).

Orgonomisch ist dem natürlich entgegenzuhalten, daß die Autonomie (Kontakt mit dem eigenen Ich) untrennbar mit dem Kontakt zur Umwelt (Eingebundensein) verknüpft ist.

In Übereinstimmung mit Keel und Küchler gibt auch die Einheitsübersetzung Gen 3,5 interpretierend wie folgt wieder – als tatsächliches Protevangelium der gekreuzigten Schlange Christus:

Sobald ihr [vom Baum der Erkenntnis] eßt, werden euch die Augen aufgehen, und ihr werdet alles wissen, genau wie Gott. Dann werdet ihr euer Leben selbst in die Hand nehmen können.

Später erweist sich die Schlange wieder als gnostischer Gegenspieler des Schöpfergottes, wenn sie in der Gestalt des Jesus verkündet: „Ihr sollt so vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt 5,48 in der Lutherübersetzung).


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