Mit ‘Sexualität’ getaggte Artikel

Homosexualität bei Jugendlichen

6. März 2013

Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia zur heutigen Sexualökonomie:

Homosexualität bei Jugendlichen

The Journal of Orgonomy (Vol. 39, No. 2, Fall/Winter 2005)

15. Dezember 2012

Charles Konia befaßt sich in seinem Artikel „Applied Orgonometry IV: Mysticism“ (S. 60-69) u.a. mit einem recht überzeugenden Argument gegen die von Elsworth F. Baker entwickelte „sozio-politische Charakterologie“, derzufolge Konservative („verzerrter Kontakt zum Kern“) zum Mystizismus neigen, Liberale („fehlender Kontakt zum Kern“) eher zum Mechanismus. Seit den 1960er Jahren, d.h. seit dem Aufkommen der antiautoritären Gesellschaft, hat nämlich die Linke ein auffallendes Interesse für den Mystizismus gezeigt.

Wie diesen offensichtlichen Widerspruch erklären? Bakers Formulierungen gehen nicht tief genug, d.h. der alles entscheidende bioenergetische Unterschied zwischen Konservativen und Liberalen wird nicht klar formuliert: bei Konservativen steht die Emotion und das im Solar Plexus zentrierte „orgonotische System“ im Mittelpunkt, bei Liberalen die Sensation und das im Zentralen Nervensystem zentrierte „energetische Orgonom“. Siehe dazu beispielsweise meine Ausführungen in Die beiden bioenergetischen Systeme und das Elend der modernen Welt.

Entsprechend können sich Liberale durchaus vom Ersatzkontakt „Mystizismus“ angesprochen fühlen, solange dieser ein „Head Trip“ bleibt. Während der „emotionale Rechte“ sich dem „unergründlichen Ratschluß Gottes“ unterwirft, versucht der „zerebrale Linke“, der sich zum Mystizismus hingezogen fühlt, die Welt in ihrem Innersten zu ergründen. Ein Gutteil dessen, was heute unter dem Titel „Orgonomie“ und 100 Prozent dessen, was unter dem Titel „Reichianismus“ abläuft, entspricht dieser Art von mystischer Perversion. Es ist Neurose, wenn nicht Emotionelle Pest und nichts außerdem.

Im Gegensatz zu den Mystikern der Rechten glauben die Mystiker der Linken, daß man im Diesseits Gesundheit („Ganzheit“) und Glück erlangen kann: holistische Medizin, spirituelles Wachstum, „Heilung“, etc. Typischerweise geht es um das Erlangen eines „höheren Bewußtseins“. Die Wahrheit hänge von der Sichtweise des Einzelnen ab, alles ist „relativ“. Von den etablierten Religionen, insbesondere aber von „Gott, dem Vater“ will man nichts wissen. Alles sei machbar.

Allen Arten von Mystizismus ist gemeinsam, daß sie Ersatz für sexuelle Befriedigung sind. Oder mit anderen Worten: ohne orgastische Impotenz kein Mystizismus.

koniamystik

Der Panzer verzerrt die ursprünglichen sexuellen Empfindungen und an ihre Stelle tritt der mystische Ersatzkontakt. Dieser ist antisexuell und gleichzeitig eben das: Ersatz für Sexualität. Bei den einen ist die Angst vor der Sexualität unmittelbar an die autoritäre Vaterfigur bzw. „Gott“ gebunden, bei anderen sind es pseudowissenschaftliche Theorien, die die antisexuelle Haltung rationalisieren. Man denke nur einmal daran, wie linke „Reichianer“ die Orgonomie mit Tantra, Taoismus, Yoga, Buddhismus und anderem extrem antisexuellen Theorien „erweitern“!

Der Rote Faden: Ernest Bornemann (Teil 1)

15. September 2012

Ernest Bornemann war Jahrgang 1915. 1933 Emigration nach London, später Kanada und die USA. 1960 zurück nach Deutschland. 1995 Suizid.

Ich kann mich noch an Bornemanns Sexualberatungsrubrik in der Neuen Revue erinnern. Welch ein degoutanter Mist! Da wendet sich etwa ein junger Mann an ihn, weil seine Freundin ausschließlich „69“ akzeptiere. Bornemann: er solle doch glücklich sein, daß er eine solch tolle Partnerin habe!

Nach eigener Aussage predigte Bornemann gegenüber Jugendlichen die, so wörtlich, „polymorph perverse Sexualität“, die anders als das, so wörtlich, „bloße Ficken“, gar kein AIDS-Risiko mit sich bringe. Er komme mit dieser Propaganda nur bei Kindern und Jugendlichen durch, während Erwachsene schon zu sehr auf das „Ficken“, d.h. genital fixiert seien. Auch ließ er durchblicken, daß das Perverse fortschrittlich sei, während das „reine Ficken“ konservativer Ideologie entspräche.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere auch noch an seine unglaublichen Diskussionsbeiträge, denen zufolge Kinder Erwachsene sexuell verführen würden. Sie, als Besitzer der „sexuellen Reize“, seien der mächtigere Part in der Dyade. Bornemann sah sich als Linken! (Hier ein linker Urteilsspruch in diesem Sinne.) Bornemann war ein durch und durch unappetitlicher Mensch und unerträglicher, wenn nicht schlichtweg krimineller Schwätzer ohne jede Fachkompetenz. Hier zu bewundern ab Minute 6:23:

Die folgenden Informationen über Ernest Bornemann habe ich zwei Quellen entnommen: Bornemann: „Aufstieg und Fall des Wilhelm Reich“ (Warum, Heft 8, S. 26-30, Oktober 1981) und Marc Rackelmann: „Wilhelm Reich und der Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz: Was war die Sexpol?“ (Emotion, Nr. 11, 1994). Das letztere geht zurück auf ein Interview, das Peter Bahnen 1986 mit Bornemann führte.

Die Geschichte, die Bornemann erzählte, wurde in der Zwischenzeit von vielen infrage gestellt. Beispielsweise unter Hinweis auf die Festschrift zu Bornemanns 80stem Geburtstag Ein lüderliches Leben (Hrsg. von Sigrid Standow, Löhrbach 1995): in den Erinnerungen von mehreren Freunden Bornemanns aus der Zeit von 1931 und 32 ist kein Wort über Reich und die Sexpol zu finden! Er sei einfach nur ein Wichtigtuer gewesen, der die Reich-Konjunktur für sich nutzen wollte. Tatsächlich ist auffällig, daß wirklich alles, was er berichtete, auch aus anderen Quellen leicht zugänglich war, während Details nachweißlich nicht stimmten.

Ich habe Borneman in Bremen mal live erlebt. Es war schon auffallend, daß er nur seinen alten Warum-Artikel referieren konnte. Andererseits klang das, was er über Sexualökonomie sagte, doch authentisch. Bornemann saß auf dem gleichen Podium wie Reichs Tochter, und Zeitzeugin der Berliner Jahre, Eva Reich. Bornemann referierte unwidersprochen das, was folgt.

Bornemann hat den Verdacht, daß jene wenigen Psychoanalytiker, die ein aktives und befriedigendes Sexualleben hatten (Ferenczi, Groddeck, Tausk, Reich), beneidet und von den anderen Psychoanalytikern verleumdet wurden. Die virile Männlichkeit Reichs muß eine ständige Provokation für viele seiner blutlosen Kollegen gewesen sein. Einen Mann in ihrer Mitte zu haben, der ihnen täglich mit seiner überbordenden Gesundheit vorgeführt hat, daß die Heilmittel, die sie anboten, in seinem Fall unnötig waren, muß ihnen wie eine lebendige Kritik der These von Freud erschienen sein, daß das Ausleben sexueller Triebe und die Anforderungen der Kultur miteinander unvereinbar seien.

1930, als Bornemann 15 Jahre alt war, erzählte ihm Max Hodann von einem Österreicher namens Reich, der von einer langen Bildungsreise in die Sowjetunion zurückgekommen sei und der sich derselben KPD-Zelle angeschlossen habe, der auch Arthur Koestler angehörte. Nachdem Hodann ihm über Reich erzählt hatte, ist Bornemann zu den Vorträgen Reichs in die Marxistische Arbeiterschule (MASCH) gegangen, wo Reich über die sexuelle Reform in der Sowjetunion sprach. Reich forderte Bornemann auf sich seiner „Arbeitersexualklinik“, Beratungsstelle an der Charlottenburger Schloßstrasse anzuschließen, die im Sommer 1931 gegründet wurde.

Borneman:

Bei dieser Gelegenheit will ich noch einmal den Dank aussprechen, den eine ganze Generation von Arbeiterkindern dem alten Wilhelm Reich schuldet (…) soll doch nie und nirgends verschwiegen werden, wie hilfreich, wie nützlich, wie unerläßlich seine Arbeit in den Jahren 1931 bis 1933 in Berlin gewesen ist. (z.n. Bernd A. Laska: „Über Ernst Borneman“, Wilhelm Reich Blätter, 3,4/79, S. 74-86)

Willis Willy (Teil 2)

23. Juli 2012

Jene, die sich um eine „Dekonstruktion“ Reichs bemühen, können nicht erklären, wie das angeblich so drastisch sexuell geschädigte Kind später als Erwachsener jene „italienische Nacht“ erfahren konnte. An der italienischen Front im Ersten Weltkrieg erlebte Reich als 19jähriger in den Armen einer italienischen Frau zum ersten Mal einen wirklichen genitalen Orgasmus. Seit seinem 13. Lebensjahr hatte er regelmäßigen Geschlechtsverkehr mit großer Lust und Befriedigung, aber was er hier erfuhr, war qualitätsmäßig etwas vollkommen anderes. Über sich selbst in der dritten Person schreibend fährt er fort:

Er erlebte die wahre Bedeutung von Liebe. Mit dieser Frau war die Umarmung vollkommen anders als jede andere zuvor. Er konnte keine Worte finden, um den Unterschied richtig zu beschreiben. Begriffe wie „süß“, „schmelzend“, „durch den Raum schwebend“, „von der Erdschwere befreit“ schienen noch am nächsten zu kommen.

Normalerweise bliebe im Geschlechtsakt immer noch etwas Distanz bestehen und das Geschlechtsorgan bliebe vom Rest des Körpers getrennt: ein Werkzeug, mit dem man „Liebe macht“. Doch hier war Reich erstmals ganz in der Erfahrung versunken. Beide waren ein Organismus und an den gemeinsamen Orgasmus schloß sich ein ruhiges Gefühl des Glücks an (Reich: „The Yearning for the Hidden Sweetness“, Orgonomic Functionalism, Vol. 1, Spring 1990, S. 87f).

Die zweite Frau, die ihn nach eigener Aussage zur Gesundheit führte, war Lore Kahn: er sei an ihr, der einzigen Repräsentantin der „unbedingt Lust suchenden Realität“, „genesen“ (Leidenschaft der Jugend, S. 195). Siehe dazu Der Rote Faden: Siegfried Bernfeld.

Bedeutet das, daß für mich Reichs Sexualität unantastbar ist. Nein! Elsworth F. Baker, der Psychiater der Reich-Familie, der Ilse Ollendorff, Lois Wyvell und Aurora Karrer ausgiebig befragt hat, meint, daß Reich viele Merkmale eines Phallischen Narzißten hatte. Was zweifellos zutrifft.

Im üblichen pseudo-psychoanalytischen Kontext fällt dieser charakteranalytische Aspekt ganz unter den Tisch. Der Unterschied zwischen einer psychoanalytischen und charakteranalytischen Betrachtung ist die, – daß sich der Kritiker in unnachvollziehbaren Interpretationen und Spekulationen über die Vergangenheit verliert, während ein Charakteranalytiker das aktuelle Verhalten Reichs analysiert, was jeder überprüfen kann, – solange er nicht psychoanalytisch verbildet ist.

Walter Kolbenhoff, von dem Reich 1933 im eigenen Verlag einen Roman herausgegeben hatte (Walter Kolbenhoff: Untermenschen, Trobis Verlag, Kopenhagen, 1933), schrieb folgendes über das Verhältnis von Reich zu Frauen:

Wilhelm Reich war kein schöner Mann, wenn man von seinen faszinierenden Augen absah. Seine Gesichtsfarbe war leicht gelblich, seine Kleidung oft schlampig. Aber es ging von ihm etwas aus, was freilich nur Frauen zu fühlen vermochten. Meine Freundin Erna R., die Tänzerin, die eine Nacht mit ihm verbracht hatte, erklärte es so: „Um diesen Mann ist ein zwei Meter dicker Kreis von Sexualität ähnlich einem magnetischen Feld. Wenn du einmal in diesen Kreis geraten bist, bist du wie verhext, du kannst nicht anders, du mußt dich ihm hingeben.“ (Kolbenhoff: Schellingsstraße 48, Frankfurt 1984, S. 219)

Über Reichs Ehe mit Ilse Ollendorff hat Lois Wyvell, Reichs Sekretärin und zeitweise Geliebte geschrieben, daß Reich die Beziehung nicht aus einem romantischen Gefühl heraus angefangen hatte, sondern weil er dringend weiblicher Wärme und Kameradschaft bedurfte. Außerdem mußte sich jemand um den Haushalt, das Büro und das Labor kümmern (Offshoots of Orgonomy, Nr. 5, Autumn 1982, S. 20). Es war keine Liebesheirat, sondern die Heirat zwischen einer Frau, die einem berühmten Mann dienen wollte, und einem Mann, der sein persönliches Glück hinter die Ansprüche seiner Arbeit zurückstellte. Es war keine große leidenschaftliche Liebe wie mit Elsa Lindenberg und Aurora Karrer.

Ollendorffs bioenergetische Kontaktarmut zu ihrem gemeinsamen Kind wird von Reich im Kapitel über Fallangst in Der Krebs beschrieben. Überhaupt wissen wir sehr viel von Reich und seiner Familie, etwa aus den Fallgeschichten in Children of the Future.

Der Psychiater Helmut Kolitzus stellt über Ollendorffs Reich-Biographie fest, daß bemerkenswerterweise nirgendswo von Liebe zwischen ihr und Reich die Rede ist (Die Wolken sterben, Nr. 2, Oktober 1981, S. 6). Ollendorf schreibt viel über die krankhafte Eifersucht Reichs, während der „Familienpsychiater“ Baker berichtet, daß „Ilse höllisch eifersüchtig war“ („My Eleven Years with Reich (Part 3)“, The Journal of Orgonomy, 11(2), November 1977, S. 168). Wie der deutsche Orgonom Walter Hoppe in dem entsprechenden Kapitel von Wilhelm Reich und andere große Männer der Wissenschaft im Kampf gegen den Irrationalismus (München, 1984. S. 194-198) ausführt, war Ollendorffs Verhalten auf Orgonon am Ende zeitweise vollkommen irrational und „hysterisch“ (sie ließ etwa Sachen verschwinden, die dann irgendwo wieder aufgefunden wurden). Hoppe:

In zunehmendem Maße erlebte Reich sie als lebensfeindlich, während seine gesamte Arbeit auf bedingungsloser Lebensbejahung fußte. In voller Erregung hätte Reich sie als „Mörderin“ beschimpft, obwohl sie entschuldigend hinzufügte, dies wäre wohl in Reichs unausgeglichenen Zustand kaum persönlich gemeint gewesen. Doch ihre Lebensverneinung und feindselige Haltung dürfte er wahrscheinlich sehr persönlich genommen und als Mord am Lebendigen empfunden haben.

In einem Kapitel über „Reich and Women“ unterstreicht Lois Wyvell, daß Reich kein Don Juan gewesen sei. Er sagte ihr, daß er niemals gleichzeitig mit zwei Frauen eine Beziehung hat eingehen können. Eine Geliebte hatte er immer nur während zeitweiser Trennungen in seinen längerfristigen Beziehungen. Er war der Überzeugung, daß eine wirklich gute Ehe unbegrenzt andauern könne (Offshoots of Orgonomy, No. 6, Spring 1983, S. 11-13). Wyvell gegenüber machte er deutlich, daß er sie jetzt, in diesem Augenblick, wenn sie zusammenwahren, liebe (Offshoots of Orgonomy, No. 7, Autumn 1983, S. 4).

Wer sich selbst mit Reichs Psychogramm auseinandersetzen will, sei auf seine Autobiographie 1897-1922 verwiesen: Leidenschaft der Jugend. Übrigens sollte 1942 ursprünglich in Die Funktion des Orgasmus ein Kapitel über jene Zeit erscheinen, die heute in Die Leidenschaft der Jugend abgedeckt wird, doch sein Mitarbeiter und Übersetzer Theodore Wolfe hat Reich von diesem exhibitionistischen Akt, der nur wieder Gerüchte über seinen Geisteszustand provoziert hätte, abgehalten.

Vergleicht man Reichs autobiographische Veröffentlichungen mit denen anderer, wird deutlich, wie im Vergleich Reich doch recht wenig geschönt hat. Außerdem hätte er seine Tagebuchaufzeichnungen verbrennen können, wie es viele andere Geistesgrößen vor ihm getan haben, wenn ihm an einem „Mythos“ gelegen hätte. Da, wo er geschönt hat, entspricht es ganz einfach der perspektivischen Verzerrung (die sich dann als „Kitten und Glätten“ äußert) der jeder Mensch unterliegt, wenn er über sich selbst berichtet. Als er gemeinsam mit seinem Mitarbeiter und mehr oder weniger „offiziellen“ Biographen Myron Sharaf Menschen im Staat zusammenstellte, war Sharaf angenehm überrascht, wie wenig Reich doch veränderte, obwohl ihm die ganze sozialistische Richtung ganz und gar nicht mehr behagte.

Sharafs Fury on Earth wurde zwar vor der Veröffentlichung von Leidenschaft der Jugend geschrieben, ist aber trotzdem lesenswert, weil der Harvard-Entwicklungspsychologe Sharaf, der Reich schließlich persönlich sehr gut gekannt hat, Reichs Leben von der Geburt bis zum Tod so objektiv wie irgend möglich durchdringt. (Die deutsche Übersetzung ist übrigens eine Zumutung!)

Was Reichs angebliche „Mißbrauchserfahrungen“ im Speziellen betrifft, sei zunächst auf Reichs Frühe Schriften verwiesen, da sie eine durchgängige Selbstanalyse darstellen. Sein Aufsatz über Peer Gynt ist ein Aufsatz über seine eigene Ver-Rücktheit und die Abgründe in ihm selbst. Der Aufsatz über den Durchbruch der Inzestschranke ist hundertprozentig autobiographisch. Und die Studie über den triebhaften Charakter ist in weiten Teilen eine Selbstanalyse seiner eignen teilweise „haltlosen“ Struktur.

Außerdem sollte man den Abschnitt in der Charakteranalyse über den phallisch-narzißtischen Charakter lesen, eine Charakterstruktur, die von Reich in die Psychoanalyse eingeführt wurde – und seine eigene Charakterstruktur. Er beschreibt sich selbst – und 80 Prozent aller anderen Männer!

Willis Willy (Teil 1)

22. Juli 2012

Der individualpsychologisch orientierte Psychotherapeut Thomas Kornbichler attestiert bei Reich orgastische Impotenz, die „letztendlich Gefühlsschwäche“ sei. Reich habe nicht die Dimension eines „entwickelten Gefühls- und Geisteslebens“ besessen.

Im Grund verkannte er (…) die Komplexität menschlichen Seelenlebens. Indem er alles psychische Geschehen auf einen, den sexualökonomischen Gesichtspunkt reduzierte, schuf er eine Psychopathologie, die ihrerseits ein Problem darstellt. (…) Die Orgasmustheorie ist das Problem, das sie zu heilen vorgibt. (Kornbichler: Wilhelm Reich – Enfant terrible der Psychoanalyse, Berlin 1989, S. 26f)

Es ist bei diesen Leuten immer alles sehr komplex! Oder wie Reich schrieb: „Die sogenannte individuelle Differenzierung der Menschen ist heute im wesentlichen ein Ausdruck überwuchernder neurotischer Verhaltensweisen“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 29). Und es ist alles sehr von „Kultur“ durchdrungen…

Wie beliebig Kornbichlers Analyse ist, sieht man an folgender Tagebucheintragung des 22jährigen Reich: „Mir geschieht’s heute oft, daß mich ein Weib erotisch wohl bis aufs äußerste erregt, ohne daß ich an Koitus denke“ (Leidenschaft der Jugend, S. 104)

Elsworth F. Baker erinnert sich, daß Reich behauptete, daß er „mit jedem Atemzug die Pulsation in seinem Penis spüren könne“. Baker habe drei von dessen Frauen behandelt und diese hätten bestätigt, daß an Reich als Liebhaber nichts auszusetzen gewesen sei (Baker: „My Eleven Years with Wilhelm Reich (Part 1)“, The Journal of Orgonomy, 10(2), November 1976, S. 183).

Reich hätte, so Baker, oft „gedroht“ sein Sexualleben offenzulegen – und gegen das Sexualleben seiner Feinde abzuheben. Siehe dazu Psychoanalyse im Orgasmatron. In Reich Speaks of Freud führt Reich aus, daß die meisten Psychoanalytiker selbst einst Patienten gewesen waren. Sie waren genital gestört und lehnten deshalb ihn und seine Theorien ab.

Sie (die Psychoanalytiker) schrieben über ihre Sexualität und ich schrieb über meine. (Myron Sharaf: „Some Remarks of Reich: Summer 1948“, The Journal of Orgonomy, 4(1), May 1970, S. 13)

Bereits 1919 hatte Reich voll Befremden festgestellt, daß die Psychoanalytiker nicht zu ihrem Thema passen

Ein älterer Psychoanalytiker sprach gut und interessant, doch die Art, wie er das Sexuelle behandelte, gefiel mir instinktiv nicht. (…) Irgendwie paßte der Vortragende nicht zum Thema. (Funktion des Orgasmus).

Für Charles Konia ist die Besessenheit der Psychoanalytiker mit Sexualität Ausdruck von starker okularer Panzerung, die mit Intellektualismus einhergeht:

Der intellektuelle Psychoanalytiker (…) betrachtet die Sexualität nur als etwas Abstraktes („latente Sexualität“). Er „sieht“ sie entsprechend überall. Auf der anderen Seite nimmt Reich tatsächlich wahr, daß dies stimmt [d.h. daß die Sexualität das Leben bestimmt]. Es ist diese abstrakte Ansatz (Intellektualismus), gegen den sich Reich wandte. Es bezog sich wahrscheinlich auf eine ähnliche Art von intellektualisierter Generalisierung, die Freud einmal zum Ausspruch veranlaßte: „Eine Zigarre ist manchmal wirklich nur eine Zigarre.“ (Konia: „Orgone Therapy, Part 6“, The Journal of Orgonomy, 22(1), May 1988, S. 86f)

In einem Gespräch mit Reichs Ankläger Peter Mills wurde Jerome Greenfield mit den sexuellen Komplexen konfrontiert, die Reichs Feinde antrieben. Nachdem Greenfield Mills versichert hatte, er sei kein Anhänger Reichs

begann Mills darüber zu spekulieren, daß Reich nicht an Frauenrechte glaubte, da er imgrunde teutonisch, deutsch gewesen sei. Von da aus fuhr er fort: „Er hatte immer all diese Frauen aus New York hochkommen lassen. Schöne Frauen, und sie waren ihm alle ergeben, sie dachten einfach, daß er…“ Ich (Greenfield) konnte nicht anders und mußte ihn unterbrechen: „Sie glauben, sie seien ihm mehr ergeben gewesen als die Männer es waren?“ Daraufhin schreckte er schnell zurück: aber nicht doch, Gott bewahre, er habe keinerlei Anspielungen machen wollen. Und trotzdem hatte er es getan oder zumindest hatte er angefangen nahezulegen, daß es Techtelmechtel gegeben habe und daß ich, wäre ich kein „Anhänger“, ein entsprechendes Interesse in solchen pikanten Details hätte zeigen müssen. (Greenfield: „Pilgrimage to Orgonon“, International Journal of Life Energy, Vol. 3, No. 1-2, Spring/Summer 81, S. 53f)

Über einen anderen Ankläger bemerkt Greenfield:

Maguire war praktizierender Katholik. Er war einer der wenigen Leute in der FDA, die sich die Mühe gemacht hatten Reichs Bücher tatsächlich zu lesen. Diese Lektüre hatte ihn zutiefst abgestoßen. (ebd., S. 54)

Der Leiter der ersten Untersuchung des FDA, ein gewisser W.R.M. Wharton, war pervers, er hatte einen Keramik-Phallus auf seinem Schreibtisch stehen, wenn er seine Sekretärin zum Diktat rief. Entsprechend suchte die FDA zu Anfang nach einem perversen Sexualkult, als sie nichts fand, verlagerte sich das Interesse auf den Orgonenergie-Akkumulator.

Von den Feinden der Orgonomie werden immer neue Säue durchs Dorf getrieben. Eine besonders übel stinkende Sau ist die Sache mit dem sexuellen Kindesmißbrauch, dem Reich angeblich zum Opfer gefallen sei. Das üble sexualfeindliche Gebräu, mit dem Jeffrey M. Masson und Alice Miller die sexuelle Natur kindlicher Triebäußerungen geleugnet haben, wird über Reich ausgegossen.

Aus ihrer sexualfeindlichen Struktur heraus lesen Reichs Kritiker Sachen in Reichs Beschreibung seiner Kindheit hinein, die typisch für das oben beschriebene wilde, haltlose „analysieren“ sind. An diesen Schmierfinken ist ein Arno Schmidt verlorengegangen! Reich hätte unter Beifall der Anwesenden eine Frau genital erregt. Tatsächlich hat das Kind Reich nur eine neckische (nicht mal sonderlich obszöne) Handbewegung nachgemacht zur Belustigung der vierschrötigen Erwachsenen. Reich habe Gewalterfahrungen im Zusammenhang mit Sexualität gemacht. Tatsächlich hat das Kind Reich am Schamhaar seiner erwachsenen Schlafgenossin rumgespielt und die hat ihm mit einem Klaps gedroht, das gefälligst zu lassen.

Ich habe diese Erfahrung vor Jahrzehnten etwa mit einer Psychotherapeutin gemacht. Nein, nicht mit ihren Schamhaaren, sondern mit dem haltlosen rumanalysieren: Ich erzähle irgendwas und schon war in ihren Augen meine Kindheit ein Alptraum aus Gewalt (was absoluter Unsinn ist), aber nichts in der Welt konnte meine „Therapeutin“ von ihrem Wahn wieder runterbringen… Allein schon das Thema nur anzuschneiden: man weiß doch, wie gewalttätig es in Arbeiterfamilien zugeht! – Wer ist hier eigentlich krank, wessen Wahrnehmung ist verzerrt?!

Was ist an Reichs früher Kindheitsgeschichte außergewöhnlich? Nichts! Wie ihm ist es wohl allen höhergestellten Kindern ergangen. Erst Recht Kindern vom Land, die zwischen pubertierenden Mägden und unbeweibten Stallknechten aufgewachsen sind. In der werktätigen Jugend werde, so Reich später, „der Geschlechtsverkehr sehr häufig geübt, bei der bäuerlichen Jugend schon mit etwa 13, bei der Arbeiterjugend mit etwa 15 Jahren“ (Die sexuelle Revolution, S. 103). Und das noch einmal verschärft auf dem russischen Lande. Nirgendwo sonst war beispielsweise der Volkstanz derartig mit Sinnlichkeit aufgeladen. Die Hochzeitstänze in der Ukraine wurden als „nichts anderes als öffentliche Onanie“ beschrieben (Natalia Stüdemann: Dionysos in Sparta. Isadora Duncan in Russland, Bielefeld 2008, S. 82). Reich ist in einem Gebiet aufgewachsen, das heute zur Ukraine gehört.

Mich erinnern Reichs frühe Erfahrungen an das Verhalten von Menschenaffen, wo die Kinder sich auch für die Geschlechtsteile von Erwachsenen interessieren und die Erwachsenen es stoisch über sich ergehen lassen.

Reich war sich natürlich der grundsätzlichen Problematik bewußt und hat die frühe Konfrontation von Kindern mit erwachsener Sexualität in seiner ersten größeren klinischen Studie, Der triebhafte Charakter (1925) diskutiert.

Ansonsten hat Reich unter dem gleichen gelitten, wie alle großbürgerlichen und adligen Jugendlichen seiner Zeit: aufreibende „platonische Liebesaffären“ mit höheren Töchtern aus den eigenen Kreisen, die genauso idealisiert wurden, wie sie unantastbar waren. Mehr „Herz“ geht gar nicht! Eine Spaltung zwischen Sexus und Eros, die Reich später wiederholt thematisieren sollte.

Es ist in den Angriffen auf Reich viel von „Liebe“ die Rede. Was soll das sein? Meistens ist es doch nichts anderes als Angst („Liebe und Halt“) und Haß (schön symbolisiert vom „Dolch im Herzen“). Siehe dazu Reichs Ausführungen über den Gegensatz von Herz und Genital in Die Funktion des Orgasmus (1927). Dieser Gegensatz ist zentral zum Verständnis des gesamten späteren Reichschen Werks.

Die Orgasmusformel (Teil 1)

12. Juli 2012

Mit Hilfe der damaligen Entwicklungsbiologie, insbesondere mittels Haeckels „Biogenetischem Grundgesetz“, versuchte Freud die prägenitale Sexualität des Kindes mit Fortpflanzung zu verknüpfen, um so den sexuellen Charakter des infantilen Lustgewinns zu begründen. Prägenitale Sexualität sei sozusagen ein spätes Echo der Fortpflanzung der primitiveren Lebewesen unseres Stammbaums. Die Psychoanalyse räumte dergestalt zwar mit der falschen Anschauung auf, daß sexuell und genital ein und dasselbe sind, aber für sie galt immer noch, daß die Genitalfunktion, zu der die prägenitale Sexualität schließlich führen sollte, der Fortpflanzung dient und durch diese definiert sei. Reichs Ansatz war von vornherein andersgeartet, denn für ihn waren Sexualität und Fortpflanzung zwei vollständig getrennte Bereiche: „(…) die genitale Aktivität der Tiere, den Menschen eingeschlossen, ist eine bioenergetische Funktion und ein Ventil für die Lebensenergie“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 68).

Ausformuliert findet sich diese „Orgasmustheorie“ in seinem 1927 erschienen Buch Die Funktion des Orgasmus (neu veröffentlicht unter dem Titel Genitalität). Zur selben Zeit, 1927, bespricht er Friedrich Kraus’ Buch über die Allgemeine und spezielle Pathologie der Person in Freuds Zeitschrift. Für Reich ist der zentrale Gedanke des Buches von Kraus das Konzept der „Tiefenperson“, die den vitalen „spontan dranghaft schöpferischen“ Kern des Menschen ausmacht. In psychoanalytischen Begriffen ist sie, so Reich, die „somatische Libido“, die, wenn man Kraus folgt, identisch ist mit den im Zellchemismus begründeten bioelektrischen Oberflächenspannungen an den Membranen des Körpers und deren elektrolytischem Ausgleich, der wiederum von mechanischen Flüssigkeitsbewegungen begleitet wird.

In diesem ständigen Wechsel im biologischen Erregungssystem von Ladung und Entladung, Quellung und Entquellung kündigt sich unmittelbar Reichs spätere „Orgasmusformel“ an, deren Abfolge „mechanische Spannung → bioelektrische Ladung → bioelektrische Entladung → mechanische Entspannung“ an der Erektion und Ejakulation des Mannes unmittelbar evident wird.

Zur theoretischen Fundierung dieser Formel ergänzte Reich Anfang der 1930er Jahre Kraus’ „vegetative Strömung“ um die Theorie der „Protoplasmaströmung“ des Biologen Max Hartmann. Diese Strömung kann man unmittelbar an der Amöbe beobachten, wenn sie ihre Pseudopodien ausstreckt und zusammenzieht. Hartmann führte die Bewegung der Pseudopodien auf die Vergrößerung bzw. Verkleinerung der Oberflächenspannung der Außenmembran zurück. An dieser internen Plasmabewegung vom Kern weg und auf den Kern zu wird unmittelbar der Gegensatz von Lust und Angst einsichtig. Mit Hilfe der Darstellung, die der Physiologe L.R. Müller über das in Parasympathikus (Lust) und Sympathikus (Angst) gespaltene vegetative Nervensystem lieferte, übertrug Reich diesen „vegetativen Gegensatz“ einerseits auf das Funktionieren höherer Lebewesen und folgte ihr andererseits, aufgrund der funktionellen Identität mit dem entsprechenden chemischen Gegensatz von Kalium und Calcium, bis hinab zur Biochemie und Biophysik.

Im Rückgriff auf Hartmann zeigt Reich, daß die Spannungs-Ladungs-Vorgänge, die für die Sexualität charakteristisch sind, nicht nur bei der sexuellen, sondern auch bei den zwei Arten der sogenannten „asexuellen“ Fortpflanzung wirksam ist, also bei Zellteilung und Knospung bzw. Sprossung. Bei der Zelle ist der Spannungsdruck gegen die Membran vor der Teilung höher als danach jeweils in den beiden Tochterzellen. Noch heute ist nicht bekannt, was Zellteilung eigentlich auslöst, sicher ist man nur, daß die Zelle, wenn sie eine bestimmte Masse erreicht hat, danach strebt sich zu teilen.

Betrachtet man Sexualität als Ladungs- und Spannungsabbau, hat auch die Zelle einen Orgasmus. Diese Form von „zellulärem Orgasmus“ bildet den historischen Anfang und den aktuellen Kern jedes Metazoons. Das Spermium verursacht durch sein Eindringen in die Eizelle dessen Spaltung, die sich im folgenden immer weiter fortsetzt, nicht nur bis der Vielzeller ausgewachsen ist, sondern bei einem Großteil der Zelltypen bis zum Lebensende des Metazoons.

Die notwendige experimentelle Fundierung der Orgasmusformel versuchte Reich zunächst mit Hilfe seiner sogenannten „bioelektrischen Experimente“ von 1935 beizubringen, bei denen er die Ladung und Entladung nachweisen wollte, die der mechanischen Spannung („Erektion“) folgt.

An diese Experimente schloß sich eine direktere Herangehensweise an. Zunächst versuchte Reich die von Hartmann beschriebene Plasmaströmung unmittelbar bei Amöben und anderen Einzellern zu beobachten. Dazu besorgte er sich Protozoenpräparate aus einem Botanischen Institut. Fertigte sie dann aber schließlich selbst an, nachdem er erfuhr, daß man dazu nur getrocknetes Gras in Wasser aufweichen müsse.

Geduldig beobachtete er die eingeweichten Grasfasern unter dem Mikroskop, um die Anfänge der Plasmaströmung in der Entwicklung der Amöben auszumachen. Bei dieser ungewöhnlichen Herangehensweise stieß er auf den blasigen Zerfall der Grasfasern und die spontane Organisation von Protozoen aus den Zerfallsprodukten. Die Fasern zersetzten sich zu Bläschen, die sich zu Haufen reorganisierten, um die sich eine Membran bildete. Geriet bei diesen Bläschenhaufen der Inhalt der Membran in Kreisbewegung und organisierten sich die kleinen Bläschen zu größeren Einheiten, entwickelten sich aus den Haufen Pantoffeltierchen (Paramaecium). Ruhende Bläschenhaufen, in denen die Bläschen zu einer homogenen Masse zerflossen, entwickelten sich zu Amöben. Glockentierchen (Vorticella) behielten den Bläschencharakter bei. Diese Übergangsform zwischen den unorganisierten runden Bläschenhaufen und langgestreckten Pantoffeltierchen bezeichnete Reich als „Org-Tierchen“, weil sie aus einer gestreckten Form in die Kugelform „orgastisch“ zurückzucken konnten.

Mit der Zuführung von Strom bei seinen Protozoen-Präparaten versuchte Reich die Ladung aus der Spannungs-Ladungs-Formel zu applizieren, konnte aber nur, wie zuvor Hartmann, eine Beschleunigung und bei höherer Stromzufuhr ein Absterben der Plasmaströmung beobachten. Weiter führte der Versuch, die Orgasmusformel von der mechanischen Spannung her zu untersuchen. Dazu ließ er verschiedene Stoffe in Lösungen quellen (Spannung), was er durch Erhitzung beschleunigte. Es kam (wie zuvor bei den Grasfasern) zu einem bläschenartigen Zerfall der untersuchten Stoffe. Bei den so entstehenden blau bis blaugrün schimmernden Visikeln konnte er elektrische Ladung nachweisen (Erde und Kohle ergaben positiv geladene Bläschen, Lezithin, Moos und Muskelgewebe negativ). Unter starker Vergrößerung war in den Visikeln eine innere Bewegung zu erahnen. Bei noch stärkerer Vergrößerung wurden die Strukturen nicht schärfer, aber dafür die interne Bewegung der Visikel, die er bald als „Bione“ bezeichnete, eindeutiger. Auf Nährböden waren sie kultivierbar. Er identifizierte sie als Übergangsformen zwischen toter und lebender Materie.

Durch seine Beobachtungen und Experimente konnte Reich verifizieren, daß die Orgasmusformel am Grunde des Lebensprozesses steht und ihn durchgehend bestimmt. Was die Zweigeschlechtlichkeit anbetrifft beobachtete er unter dem Mikroskop, wie sich die primitivsten überhaupt denkbaren Lebensformen, Erd- und Kohlebione, gegenseitig nähern, erregen, Strahlungsbrücken bilden und schließlich miteinander verschmelzen. Wobei, so Reich, zwischen Fressen (einer „oralen Tätigkeit“) und Kopulation (einer „genitalen Tätigkeit“) nicht zu unterscheiden sei. Dies sei selbst noch im Vielzeller der Fall, wenn man die Vorgänge funktionell betrachtet:

Energetisch gesehen (…) ist der Vorgang, der sich zwischen dem Mund des Säuglings und der mütterlichen Brustwarze abspielt, genau das gleiche wie der zwischen der Scheide und dem erregten männlichen Organ. (…) Erst jetzt begreifen wir biophysikalisch die so grundsätzliche Entdeckung Freuds, daß die Säuglingsmundzone ebenso ein sexuell erregtes Organ darstellt wie die erregte mütterliche Brustwarze. (Der Krebs, Fischer TB, S. 66).

Bei der Beseitigung der Panzerung kam Anfang der 1930er Jahre bei Reichs Patienten zu „vegetativen Strömungen“, die er unmöglich auf bloßes „Blutwallen“ reduzieren konnte, wie an der „kalten Erektion“ unmittelbar ersichtlich ist. Zur Blutbewegung (z.B. bei der Erektion) mußte zusätzlich noch „etwas“ hinzutreten.

Die Organe füllen sich erst mit Flüssigkeit: Erektion mit Mechanischer Spannung. Dies führt eine starke Erregung mit sich, wie ich annahm, elektrischer Natur: Elektrische Ladung. Im Orgasmus baut die Muskelzuckung diese elektrische Ladung beziehungsweise sexuelle Erregung ab: Elektrische Entladung. Diese geht über in eine Entspannung der Genitalien durch Abfluß der Körperflüssigkeit: Mechanische Entspannung. Den Viertakt: Mechanische Spannung → Elektrische Ladung → Elektrische Entladung → Mechanische Entspannung nannte ich Orgasmusformel. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 206)

Diese Orgasmusformel macht einen ziemlich „onanistischen“ Eindruck, da der Orgasmus nur vom Selbsterlebnis her gesehen wird, doch hat Reich im gleichen Artikel, in dem er die Orgasmusformel vorstellt, auch die energetische Beziehung zwischen Penishaut und Vaginalschleimhaut beschrieben (Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst, Frankfurt 1984, S. 21).

Wie erläutert konnte Reich solche subjektiven „hypothetischen“ Empfindungen wie „Ladung“ (die zur Erektion hinzu kommt) und „Entladung“ (die der Entspannung vorausgeht) später objektiv verifizieren. Auch ist die Orgasmusformel nicht auf die menschliche Sexualität beschränkt, sondern regiert

  1. die ganzkörperliche genitale Orgasmusfunktion,
  2. das Funktionieren der einzelnen Organe (Herz, Drüsen, Eingeweide, Blase) und schließlich
  3. die einzelne Zelle (Mitose, Sekretion).

Die natürliche Abfolge einfach geschehen zu lassen, ist unsere einzige Möglichkeit zu leben, statt nur zu vegetieren. Gebe dich dem Leben hin. Punkt. Selbst die Geburt wird dann zu einem ekstatischen Erlebnis:

The Journal of Orgonomy (Vol. 24, No. 2, November 1990)

6. Juni 2012

In seinem Buch Freud: Darkness in the Midst of Vision (New York 2000) argumentiert Louis Breger, Freuds gesamtes Theoriegebäude, bei dem sich alles um Sexualität dreht, hätte auf der Verdrängung von Freuds eigenen traumatischen Kindheitserfahrungen beruht. Insbesondere geht es um die Rolle der Mutter; die Sehnsucht nach der abwesenden Mutter.

Man nehme beispielsweise Freuds berühmte mit Zugreisen verbundene Phobie. Diese führte Freud absurderweise darauf zurück, daß er seine Mutter bei einer gemeinsamen Bahnfahrt nackt gesehen habe, als er zweieinhalb Jahre alt gewesen sei! Breger (S. 16-18) stellt hingegen, vor dem Hintergrund dessen, was wir über die Situation Freuds in der Ursprungsfamilie wissen, überzeugend dar, daß diese Phobie zwanglos damit zu erklären ist, daß das Kleinkind Angst davor hatte, von seiner Mutter alleingelassen zu werden. Deshalb seine lebenslange Panik, der Zug (in dem seine Mutter sitzt) könne ohne ihn abfahren. Mit Libido, im engeren, sexuellen Sinne, d.h. dem Ödipuskomplex, hatte das wahrhaftig nichts zu tun.

Wie ich an anderer Stelle dargelegt habe, gebraucht Breger seinerseits diesen bindungspsychologischen Topos, um das heiße Eisen Sexualität in der wohlbekannten „neo-psychoanalytischen“ Art und Weise abzuwehren.

In Traumdeutung beschreibt Freud, wie sein Vater ihm erzählte, daß er, Jacob Freud, in seinen jungen Jahren aufs übelste erniedrigt wurde, weil er Jude war. Er wurde vom Bürgersteig gedrängt und ihm der Hut vom Kopf geschlagen. Alles was er tun konnte, war sich zu bücken, den Hut zu nehmen und unterwürfig davonzuschleichen. Breger weist zu Recht darauf hin, daß an dieser Stelle deutlich wird, daß Freud sich zur Kompensation lebenslang mit Heroen identifizierte. Zu diesen gehörte seit seiner Kindheit Ödipus aus der Tragödie von Sophokles. Ödipus wurde von König Laius von der Straße gedrängt und wurde dafür von Ödipus getötet. Er heiratete daraufhin dessen Frau, um später erfahren zu müssen, daß sie seine Mutter ist und Laius sein leiblicher Vater gewesen war.

In einer sehr schweren persönlichen Krise in den 1890er Jahren habe sich Freud selbst „reorganisiert“, indem er seine frühen Erfahrungen des traumatischen Verlustes und der Hilflosigkeit mit Hilfe seiner Sexualtheorie und dem von ihm, so Breger, erfundenen Ödipuskomplex verdrängte. Tatsächliche Traumata und Ängste wurden auf den Level sekundärer und deshalb weitestgehend vernachlässigbarer Phänomene herabgestuft (Breger, S. 324).

Breger leugnet schlichtweg das libidinöse Grunddrama des Ödipuskomplexes. Die psychoanalytische Theoriebildung sei nur ein Kunstprodukt des vollkommen „unlibidinösen“ Bedürfnisses des Kindes Freud nicht an die schlimmen Verlustängste des Kleinkindes erinnert zu werden und sich mit einer starken Vaterfigur identifizieren zu können.

Natürlich hat Breger in vieler Hinsicht Recht. Beispielsweise kritisierte Freud einer seiner Schwiegertöchter, sie würde seinen Enkel als Säugling zu sehr liebkosen. Er glaubte, zuviel körperliche Zärtlichkeit von Seiten der Eltern sei bedenklich, da es die sexuelle Entwicklung beschleunige (Breger, S. 296). Freud war wirklich ein emotional zutiefst gestörter Mann mit den teilweise denkbar abstrusesten Vorstellungen! (Wenn es nach mir ginge, hielte man orthodoxe Psychoanalytiker von Patienten insbesondere aber Kleinkindern unter schweren Strafandrohungen fern! Ich empfinde sie als wirklich eklige Menschen.)

Die Orgonomie steht weit jenseits dieser Auseinandersetzung zwischen Psychoanalyse und Neo-Psychoanalyse. Selbstredend wird man niemanden finden, der die Rolle der Sexualität mehr in den Vordergrund rückt als Orgonomen, aber auch niemanden der mehr Wert legt auf die Vermeidung frühkindlicher Traumata, „sanfte Geburt“, Stillen, einen engen Kontakt zwischen Mutter und Kind in den ersten Jahren, etc.

In ihre Editorial zu dieser Ausgabe des Journal of Orgonomy hebt Barbara G. Koopman hervor, daß die Orgonomie (spätestens seit der Veröffentlichung von Der Krebs) stets beide Elemente im Auge hat: die perinatale Periode und frühkindliche Entwicklung auf der einen Seite und die Genitalität auf der anderen Seite; sowohl frühe, „prä-ödipale“ Entwicklung (die Breger so wichtig ist) als auch Libidoökonomie und Ödipuskomplex (die Freud so wichtig waren).

Wie Wilhelm Reich von der Nachwelt betrogen wurde

27. Mai 2012

Reichs Hoffnung für die Zukunft war, daß die Panzerung der Menschen, d.h. das einzige Problem, das die Menschheit hat (andere, wirkliche Probleme ließen sich ohne dieses Scheinproblem leicht lösen), durch drei Mechanismen sich nach und nach aufweiche und schließlich weitgehend auflöse. Der Grad der Bedeutung, den er den Mechanismen jeweils zuschrieb, änderte sich im Laufe der Zeit. Es sind:

  1. Die „sexuelle Revolution“, d.h. eine grundlegende Änderung der gesellschaftlichen Atmosphäre. Das sexuelle Lebensglück, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, würde nicht mehr im Namen der „Moral“ bekämpft oder im Namen der „Vernunft“ geduldet, sondern aktiv geschützt und gefördert werden. Dieser grundlegende Wandel hätte Auswirkungen auf die Charakterstruktur der einzelnen Gesellschaftsglieder und es käme in einem sich selbstverstärkenden und selbsterhaltenden Regelkreis zu einer wahrhaftigen „biologischen Revolution“, d.h. an die Stelle des gepanzerten Menschen träte schließlich ein vollkommen neues Wesen, der ungepanzerte Mensch.
  2. Im Projekt „Kinder der Zukunft“ ist das Augenmerk weniger auf die Sexualökonomie, d.h. die „erste Pubertät“ („Ödipuskomplex“) und die „zweite Pubertät“ (Geschlechtsreife) gerichtet, sondern auf Schwangerschaft, Geburt und Säuglingsalter. Man würde, praktisch vom Zeitpunkt der Empfängnis an, alles dafür tun, daß der Mensch keine Panzerung ausbildet. Da dies mit jeder Generation besser gelinge (die „Kinder der Zukunft“ haben selber Kinder), wäre die Menschheit nach wenigen Generationen befreit.
  3. Die Erforschung des Orgons verlange vom Menschen anders zu fühlen und zu denken: ungepanzert zu fühlen und zu denken (Orgonometrie). Dieser objektive Druck würde im Laufe der Zeit die Subjekte entsprechend weicher und „durchlässiger“ machen, d.h. eben die Panzerung verschwinden lassen. Eine Gesellschaft, die von der Orgonenergie so bestimmt wäre, wie die heutige von der Elektrizität, würde sich automatisch selbst entpanzern.

Abgesehen von hoffnungsvollen Einzelerscheinungen hat sich auf breiter gesellschaftlicher Ebene keine dieser drei Hoffnungen bewahrheitet. In vieler Hinsicht ist es sogar schlimmer geworden!

  1. Die „sexuelle Revolution“ war eine einzige Katastrophe aus (zu einem Gutteil drogeninduzierter) Kontaktlosigkeit und Oberflächlichkeit. Statt sich dem bioenergetischen Kern zu nähern, flüchteten die Menschen immer mehr in die oberflächliche soziale Fassade. Sexualität wird zunehmend reduziert auf „Performance“ und vor allem auf die Frage, was das soziale Umfeld „dazu sagt“. Bei Jugendlichen geht es immer weniger um Gefühle als vielmehr um das „Image“ und narzißtische Befriedigung. Die über das Internet überall und jederzeit abrufbare Pornographie und nicht zuletzt eine immer mechanistischer und „verkopfter“ werdende Sexologie tun ein Übriges. Darüberhinaus sind Reichs sexualökonomische Anschauungen aus Sicht der Political Correctness moralisch verwerflich. In dieser Hinsicht ist die antisexuelle Moral vielleicht stärker als jemals zuvor.
  2. Die aktuelle Diskussion um die Säuglingsbetreuung zeigt, daß wir den Kampf auf ganzer Linie verloren haben. Es fängt mit der künstlichen Befruchtung an, wo gegebenenfalls vorher eingefrorene Spermien und Eizellen in orgonotisch toten Reagenzgläsern miteinander vermischt werden, um dann in einer Gebärmutter heranzureifen, die vielleicht nicht ohne Grund zuvor „steril“ war. Künstliche Gebärmütter sind mittlerweile mehr als bloße Science Fiction. Immer mehr Kinder kommen per Kaiserschnitt zur Welt und auch sonst wird das gesamte perinatale und Säuglingsleben nach allen möglichen Interessen, außer den biologischen Bedürfnissen des Kindes ausgerichtet.
  3. Der eigentliche Verrat ereignete sich aber an Reichs größter Hoffnung: er habe „Gott“ mit der Entdeckung des Orgons greifbar gemacht und damit sowohl dem Mystizismus, als auch selbstredend dem Mechanismus den Todesstoß versetzt. Stattdessen haben zwei an sich gegnerische Fraktionen, die Spökenkicker und die Skeptiker, Reichs Entdeckung in die Zange genommen und so gut wie vernichtet. Das Orgon wurde zunehmend zu nichts anderem als eine neue Art von „Prana“ oder „Qi“, d.h. zu einem Vehikel, um extrem lebensfeindliche mystische Ideologien „wissenschaftlich“ zu untermauern. Die Proponenten sprechen dabei jeweils von einer „Weiterentwicklung“ des Reichschen Paradigmas und beklagen sich heftigst über „orthodoxe Reichianer“. Unvermittelt muß sich unsereiner mit C.G. Jung, Swami Durcheinanda und gechannelten Botschaften von Erzengel Achwasel herumplagen. Ein gefundenes Fressen für die mechanistischen Sektierer. Der Heidelberger Soziologe Edgar Wunder hat die bizarre Welt des „Skeptizismus“ ausführlich analysiert: Das Skeptiker-Syndrom: Zur Mentalität der GWUP.

Um das ganze übersichtlich zu halten, habe ich bisher einen vierten Punkt ausgelassen: Reich hoffte, durch eine „Entpanzerung der Erdatmosphäre“ langfristig auch die Menschen entpanzern zu können. Wenn der „DOR-Panzer“, der den Globus umschließt, mit Cloudbustern aufgebrochen und die übererregte ORANUR-Atmosphäre abgemildert werden könnte, würden auch die Erdbewohner „weicher“ werden.

Derartige Vorstellungen waren der ultimative Beweis, daß Reich in seinen letzten Jahren verrückt geworden ist. Entsprechend wurden seine apokalyptischen Warnungen nicht etwa nur überhört, sondern erst gar nicht wahrgenommen. Im letzten halben Jahrhundert haben wir entsprechend wirklich alles getan, um diesen Planeten in eine DOR- und ORANUR-Hölle zu verwandeln. Der letzte Streich waren die bioenergetisch hochtoxischen „Energiesparlampen“. Zu allem Überfluß kam es in den letzten Jahren zu einer atemberaubenden Explosion des Gebrauchs von „Croft-Cloudbustern“, mit denen „Chemtrails“ bekämpft werden sollen. Tatsächlich wird flächendeckend das Orgonenergie-Feld der Erde in einen künstlichen Expansionszustand versetzt („blauer Himmel“), der sie langfristig abtötet. Es ist ungefähr so wie die Zwangsgabe von Speed oder Kokain: das Opfer wird energetischer, leistungsfähiger, in jeder Beziehung mehr „high“ – und gleichzeitig mechanischer, kontaktloser und schon bald kommt das böse erwachen. Siehe dazu meine Ausführungen über den Kult der Expansion.

Wie zum Hohn werde ich dann auch noch allen Ernstes gefragt, warum ich so verbittert, aggressiv und voller Haß bin!

Was tun? Dazu muß erst einmal die Frage beantwortet sein, was eigentlich geschehen ist. Warum haben sich Reichs Hoffnungen nicht materialisieren können? Seit 1960 hat sich die Gesellschaft grundlegend geändert: aus einer autoritären, „kontraktiven“ wurde eine antiautoritäre, bioenergetisch überexpansive Gesellschaft. Das bedeutet, daß sich die Menschen weiter von ihrem biologischen Kern entfernt haben. Aus der mystifizierten Traum von „der großen Liebe“ wurde ein stupider mechanischer Akt, der Mensch wurde zu einer von der DNA gesteuerten bionischen Maschine und das, was an bioenergetischem Kontakt übrigblieb (denn schließlich sind wir keine bionischen Maschinen), wurde zu einem Mystizismus neuer Prägung. Diese neue Art von „Spiritualität“ ist verkopft, kompliziert und vor allem wirr (im Gegensatz zu genuiner, „bauchgesteuerter“ Mystik).

Wir haben es also mit einem imgrunde soziologischen Problem zu tun. Ein Ansatz, den Charles Konia verfolgt, auf dessen Blog ich nur immer wieder hinweisen kann. Hier sein neuster Beitrag: Communism/Socialism Is A Cancer Of The Social Body.

Tatsächlich vertritt Konia den fünften Ansatz Reichs zur Herstellung einer besseren Zukunft für die Menschheit: die Sozialpsychiatrie. Ich bin darauf an anderer Stelle eingegangen. Dieser Ansatz wurde vielleicht am gründlichsten und vor allem systematisch zerstört durch all den freudo-marxistischen Mumpitz, der seit „1968“ von „Reichianern“ verzapft wurde. Ihre hochintellektuellen Elaborate füllen mittlerweile ganze Bibliotheken! Sie haben den Kampf gegen die „autoritäre Gesellschaft“ immer weiter verschärft.

Der gepanzerte NACHRICHTENBRIEF

21. Mai 2012

Was ist gesellschaftliche Panzerung? Panzerung bedeutet schlichtweg Bewegungslosigkeit („0“), die dadurch entsteht, daß ein Impuls („-1“) sich gegen einen anderen Impuls („1“) richtet: 1 + (-1) = 0. In Demokratien kann man das sehr schön beobachten, wenn wunderbarerweise stets etwa 50% für fortschrittliche („1“) und 50% für rückschrittliche („-1“) Parteien stimmen. Die Kräfte in gepanzerten Gesellschaften gleichen sich immer ungefähr so aus, daß die Bewegung annähernd gleich Null ist. Für die Bewegungslosigkeit sorgen Diskussionen und Debatten, die nicht etwa das Ziel haben, irgendwo hinzuführen, sondern die Gleichung „1 + (-1) = 0“ immer wieder von neuem herzustellen. All die Scheinbewegung dient nur dem einen Zweck jede wirkliche Bewegung zu verhindern.

Das gleiche kann man hier im Blog beobachten. Die einfachste und deshalb beliebteste Art die Erregung zu unterbinden, die die Darstellung bioenergetischer Themen generiert, sind Kommentare, die entweder logisch nicht nachvollziehbar sind, teilweise überhaupt keinen Sinn machen, oder die wie gemacht sind, um Verwirrung zu stiften und die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen abzulenken.

Die zweite Herangehensweise ist das altbekannte „demokratische“ Spiel. Reich hat immer wieder darauf hingewiesen, daß es zu einer gegebenen grundlegenden, d.h. „bioenergetischen“ Sachfrage immer nur eine und zwar nur diese eine einzig richtige Antwort gibt. Man kann ebensowenig darüber „diskutieren“, ob der Mensch Vitamin C zu seinem Überleben braucht, wie man darüber „diskutieren“ kann, ob Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben sollen, ihre Sexualität altersgerecht auszuleben. Heute wäre eine solche „Diskussion“ absurder denn je.

Man nehme beispielsweise meine Ausführungen über behinderte Kinder: tut alles, um dieses Elend zu verhindern, und tut gleichzeitig alles, um das existierende Elend so klein wie möglich zu halten, d.h. behandelt Behinderte mit Liebe und vor allem mit Respekt. Es war einfach nur ein schlechter Witz, als daraufhin allen Ernstes in Abrede gestellt wurde, daß Trisomi wirklich so schlimm ist. Dagegen wurde dann, bezugnehmend auf meine Bewunderung für Menschen, die sich für Behinderte aufopfern, von „Mißgeburten“ gesprochen. Die gesellschaftliche Panzerung war wiederhergestellt und darüber hinaus hatten beide Parteien einen Anlaß gefunden, den Blog empört über den „Nazi“ Peter Nasselstein, bzw. voll Verachtung für das „sentimentale Weichei“ Peter Nasselstein, zu verlassen.

Das ist im Kleinen ein Beispiel dafür, wie sich die menschliche Gesellschaft selbst zugrunderichtet. Eine andere Illustration wäre die Auseinandersetzung über Homosexualität: Verhindert diese psychische Erkrankung und behandelt die Erkrankten mit Respekt und Mitmenschlichkeit. Ende der Diskussion!

Leider muß sich die Orgonomie ständig von neuem in einer durch und durch irrationalen Welt positionieren. Reich selbst fand sich in eine Welt versetzt, die von reaktionären, lebensfeindlichen Moralvorstellungen, Standesdünkel und ökonomischem Massenelend bestimmt war. Kein Wunder, daß er anfangs alle Hoffnung in den Kommunismus setzte. Als es in den 1950er Jahren bekundete, nie ein Kommunist gewesen zu sein, wurde und wird ihm das als Opportunismus und/oder nachträgliche Harmonisierung eines widersprüchlichen Lebenslaufs angekreidet. Tatsächlich hatte er Ende der 1920er und Anfang der 1930er nur das getan, was damals aus bioenergetischer Sicht nahegelegen hatte.

Es soll sich niemand wundern, wenn heute, wo es sich mit den Gegebenheiten geradezu diametral gegensätzlich verhält, die Orgonomie Dinge vertritt, die Reich damals bekämpft hat. Heute ist die Gesellschaft im Bereich der Sexualität nicht etwa restriktiv, sondern bis zum Exzeß permissiv und das Elend ist nicht mehr ökonomischer, sondern ausschließlich „psychischer“ Natur. Die Orgonomie ist beweglich und kann sich den Gegebenheiten anpassen. Zu Zeiten Hitlers stand sie bei den Kommunisten, zu Zeiten Obamas bei den Rechtskonservativen. Morgen wird sie wieder ganz woanders stehen. Der „Reichianer“ kommt da nicht mit, weil er in seiner Charakterpanzerung gefangen ist und entsprechend seine „feste Einstellung“ hat, die er in sogenannten „Diskussionen“ vertritt. Daß solche „Diskussionen“ nirgends hinführen und auch von vornherein nirgends hinführen können, ist selbstevident.

Unten (1) wird gezeigt, wie die gesellschaftlichen Kräfte gegeneinander gerichtet sind, um eine „gesellschaftliche Affektstarre“ aufrechtzuerhalten, welche wir als „Demokratie“ bezeichnen, die aber tatsächlich nur eine formelle Demokratie ist, eine bloße Scheindemokratie. Eine solche Gesellschaft ist von Stillstand und Erstarrung geprägt. In einer Gesellschaft, in der die gesellschaftlichen Kräfte nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten (2), kommt es hingegen zu einer stetigen Weiterentwicklung und Anpassung an sich verändernde Umstände.

Wilhelm Reich, Sigmund Freud, Louis Breger: ein Trauerspiel

17. April 2012

In seiner „bahnbrechenden“ Freud-Biographie (Freud. Darkness in the Midst of Vision, New York 2000) bricht Louis Breger mit der Tradition der drei vorangehenden großen Freud-Biographien von Ernest Jones (drei Bände, 1953, 1955, 1957), Ronald Clark (1980) und Peter Gay (1988), die durchweg Apologeten der Psychoanalyse waren und die Lebensgeschichte Freuds durch – Freuds Brille betrachteten. Breger habe sich endlich davon emanzipiert und würde Freud zwar mit der für einen Biographen notwendigen Sympathie, aber doch aus kritischer Distanz betrachten.

Breger zufolge wollte Freud seinen Mangel an mütterlicher Zuwendung und seine Enttäuschung an einem schwachen, weinerlichen Vater dadurch wettmachen, daß er zum „großen Mann“, zum „Helden“ („König Ödipus“) wurde. Vehikel dazu war eine Theorie, die er seinen Patienten aufzwang: sie wären nicht an mangelnder menschlicher Wärme und durch unmenschliche Traumata erkrankt, sondern weil sie ihre sexuellen Bedürfnisse verdrängt hätten. Freud wollte mit Hilfe seiner monokausalen „sexuellen Theorien“ berühmt werden und seine eigenen Ängste verdrängen, nicht an seine eigene Malaisen, nicht an seine eigenen Traumata erinnert werden.

Dementsprechend ist es kein Wunder, daß Breger sich in einer Hinsicht in die Tradition seiner drei Vorgänger einfügt, die Reich ganz verschweigen (wie Gay) oder über ihn bewußt Lügen verbreiten (wie Jones). Clark behandelt Reich in seiner Einstein-Biographie von 1971, genauso wie es Jones hinsichtlich Freud getan hatte: Reich als unbedeutende, eher kuriose Fußnote (Clarks Freud-Biographie habe ich nicht gelesen). Bei Breger taucht der Name „Wilhelm Reich“ nirgends auf.

Wie weit Breger in seiner Verdrängung und Entstellung von allem geht, was Reich an Freud wichtig war, zeigt folgende groteske und schockierende Stelle in seinem Buch:

Freuds Vermutung, daß sexuelle Befriedigung schädlich sei, tauchte bereits in seinen Briefen an [seine spätere Ehefrau] Martha während ihrer Verlobung auf, wo er sich darüber beunruhigt zeigte, ob seine leidenschaftlichen Umarmungen sie krank machen könnten. Später hatte er eine „wissenschaftliche“ Theorie, in der sich Angst angeblich aus ungenügend zum Ausdruck gebrachter Libido ergab; in dieser Sichtweise wurde sexuelle Energie irgendwie „gestaut“ und „verwandelte“ sich in Angst. Seine Vorstellungen waren nicht einheitlich; manchmal war es Mangel an sexueller „Entladung“, die Angst erzeugte, zu anderen Zeiten war es Masturbation, die „Beeinträchtigung“ durch empfängnisverhütende Mittel oder Ejakulation außerhalb der Frau und zu wieder anderen Zeiten zu viel oder zu wenig oder die „falsche“ Art Geschlechtsverkehr. Obwohl dieser Glaube über die pathologische Natur des Sexus auf die religiösen und quasi-medizinischen Autoritären des 19. Jahrhunderts zurückgeht, sträubte sich Freud dagegen, sich von diesen Vorstellungen zu lösen, auch nachdem sich zeigte, daß ihnen jede Substanz abging. Gegenüber einigen Patienten (und in seinen späteren Schriften) konnte er behaupten, daß Sexualität nicht schädlich sei (sich vielmehr Symptome aus übermäßigem Schuldgefühl und einem strafenden Gewissen ergeben könnten), hielt aber gleichzeitig an seinem Glauben fest, daß viele sexuelle Handlungen schädlich seien und warnte seine Kinder vor den schlimmen Folgen der Masturbation. Auch glaubte er, daß ein „zu viel“ der zärtlichen Zuwendung zu einem Baby eine Form der gefährlichen sexuellen Stimulierung darstelle. In den 1890er Jahren schlug er eine Theorie der „Aktualneurose“ vor, ein Zustand, in dem „schädlicher“ Sex angeblich direkt in Angst und Symptome umgewandelt wurde. Mit anderen Worten: er dachte, daß das eine Form der Neurose ohne psychologischen Konflikt darstellte, wo Therapie nicht möglich sei, weil blockierte oder fehlgeleitete sexuelle Energie direkt in die Erkrankung umgewandelt würde. Obwohl er dafür nie irgendwelche Beispiele anführte (und [1924] während der Niederschrift seiner Selbstdarstellung sich noch nicht einmal an die Fälle erinnern konnte, bei denen er dies angeblich beobachtet hatte), hielt er an diesem Glauben noch bis 1925 fest. (ebd., S. 94)

In einer Fußnote zu Freuds Aufsatz Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen von 1898 führt Breger des weiteren aus, Freud würde folgende „schädliche sexuelle Faktoren“ nennen: Masturbation, Coitus interruptus, Abstinenz und „unnatürliche und schädliche Arten des sexuellen Verkehrs“, worunter die Empfängnisverhütung zu zählen sei, überhaupt alles, was nicht zur „normalen“ Sexualität gehöre, wozu Freud offensichtlich ausschließlich Geschlechtsverkehr zwischen Erwachsenen, der bis zum Orgasmus führt und keine Empfängnisverhütung beinhalte, zählte. Das sei aus heutiger Sicht, so Breger, natürlich alles Unsinn und schon längst widerlegt (ebd., S. 400). Breger geht sogar so weit, daß Freuds Theorie über die Rolle der Sexualität in der Neurose beinhaltet habe, „daß Patienten von zu viel Befriedigung krank werden“ (ebd., S. 122).

Dieser vollkommen konfuse Unsinn wird heutzutage als die Höhe kritischen Denkens gefeiert! Versuchen wir das ganze aufzudröseln:

Breger behauptet:

  1. Freuds Vorstellungen über die Rolle der Sexualität in der Neurose sei widersprüchlich gewesen. Freud habe vermutet, daß sexuelle Befriedigung schädlich sei, es sogar ein zuviel an Befriedigung gäbe. Auch habe er geglaubt, daß ein „zu viel“ der zärtlichen Zuwendung zu einem Baby eine Form der gefährlichen sexuellen Stimulierung darstelle. Freud habe demnach die Sexualität als etwa zutiefst Pathologisches betrachtet, gleichzeitig habe er aber auch behauptet, daß Sexualität nicht schädlich sei, sich vielmehr Symptome aus übermäßigem Schuldgefühl und einem strafenden Gewissen ergeben könnten.
  2. Masturbation, die Beeinträchtigung durch empfängnisverhütende Mittel und die Ejakulation außerhalb der Frau, ein zu viel oder zu wenig an Sex oder Coitus interruptus, Abstinenz und unnatürliche und schädliche Arten des sexuellen Verkehrs seien schädlich. Gesund und natürlich sei ausschließlich Geschlechtsverkehr zwischen Erwachsenen, der bis zum Orgasmus führt und keine Empfängnisverhütung beinhalte.
  3. Werde sexuelle Energie gestaut, gäbe es also einen Mangel an sexueller Entladung, setze sich diese sexuelle Energie in Angst um. Bei der sich daraus ergebenden „Aktualneurose“ handele es sich um eine Form der Neurose ohne psychologischen Konflikt, bei der blockierte oder fehlgeleitete sexuelle Energie direkt in die Erkrankung umgewandelt werde. Erst 1925 habe Freud diese angeblich absurde Vorstellung aufgegeben.

Fürwahr ein ziemliches Durcheinander bei Freud. Schockierend, daß das jemand jemals ernstgenommen hat! – Oder ist es vielmehr Breger, der hier alles durcheinanderbringt?

Freuds Vorstellung von der Rolle der Sexualität in der Neurose ist tatsächlich nicht unproblematisch. Beispielsweise hat er mit der Vorstellung unendlich viel Unheil angerichtet, daß jede „übermäßige“ Zärtlichkeit einem Säugling oder einem Kleinkind gegenüber ein sexueller Übergriff sei und den „Ödipuskomplex“ aktivieren könne. Andererseits sind seine Vorstellungen, abgesehen von einer gewissen Sexualfeindlichkeit, die bei ihm immer wieder durchscheint, aber alles andere als widersprüchlich, sondern gehören vielmehr zum Erfahrungsschatz jedes einigermaßen gesunden Menschen, – was Bregers Ausführungen so überaus irritierend und beunruhigend macht!

Nur unbefriedigte Sexualität ist schädlich, dazu gehört die Masturbation, die Ejakulation außerhalb der Vagina und jede sexuelle Handlung, die von Schuldgefühlen begleitet wird. Daß Kondome die Befriedigung extrem herabsetzen, zumal die Kondome der damaligen Zeit, ist auch eine Selbstverständlichkeit. Desgleichen sollte jeder Mann aus eigenem Empfinden wissen, daß eine erzwungene erneute Erektion und Ejakulation nach einem befriedigenden Orgasmus nicht zu noch mehr Befriedigung führt, sondern ganz im Gegenteil zu Überdruß und einem Gefühl der – Nichtbefriedigung. Was perverse Sexualpraktiken angeht… Ersparen wir uns das! Ich bin darauf an anderer Stelle eingegangen.

Und was die ursprüngliche Freudsche Angsttheorie betrifft, die Reich zum Ausgangspunkt seines Ansatzes gemacht hat:

Erst einmal hat Freud diese quasi „physiologische“ Angsttheorie auch nach 1925 nie vollständig aufgegeben, vielmehr wurde sie durch seine „Signal-Theorie“ weitgehend verdrängt. Ursprünglich lautete Freuds Theorie, daß, wenn ein Trieb verdrängt wird, er sich in neurotische Angst umwandelt. In der 1925 verfaßten Schrift Hemmung, Symptom und Angst argumentiert Freud hingegen, Angst sei ein Warnsignal des Ich vor Gefahr. Angst sei demnach Ursache der Verdrängung und nicht deren Ergebnis. Freud und Breger scheinen bei all dem ganz zu vergessen, daß die „Angstbereitschaft“ vom Erregungsniveau abhängt und dieser wiederum vom Ausmaß der sexuellen Befriedigung!

Zum Thema „unbefriedigte Sexualität und Angst“ kann ich hier nur auf meine beiden Blogeinträge Das autonome Nervensystem Teil1 und Teil 2 verweisen.

Bregers Analyse ist eine krude Mischung aus

  1. den neusten Ergebnissen der Säuglingsforschung, die alles bestätigen, was Reich zum Thema gesagt hat – und Freud in dieser Hinsicht widerlegen,
  2. einem nur als lebensfremd zu bezeichnenden amerikanischen Puritanismus, der es unmöglich zu machen scheint, den verheerenden Unterschied zwischen einem normalen Koitus und einem Coitus interruptus zu spüren,
  3. einer Political Correctness, für die es keine Unterschiede zwischen einer gesunden und einer kranken Sexualität geben darf und nicht zuletzt
  4. einem primitiven Psychologismus, dem der Reichsche Ansatz ewig fremd bleiben muß: „Sexuelle Erregung und Angsterregung Gegensätze? Wer kommt denn auf so etwas!“

Es ist ein Trauerspiel, denn Figuren wie Louis Breger zeigen uns, daß die heutige Lage in vieler Hinsicht schlimmer ist als vor 100 Jahren!


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