Mit ‘Schelling’ getaggte Artikel

Orgonomie und Anthroposophie (Teil 1)

26. Mai 2011

Steiner und Reich sind in ihrer jeweiligen Jugend (jedenfalls in entscheidenden Teilbereichen) von identischen Positionen ausgegangen – um am Ende diametral entgegengesetzte Theorien zu vertreten. Beide gingen von einer strengen naturwissenschaftlichen Orientierung aus und von einer aufklärerischen Partei, die durch die Namen Max Stirner, Ibsen und Nietzsche gekennzeichnet ist. Ihre Fragestellung war in etwa: Was macht den Kern des autonomen Individuums aus? Sein Geist, der sich von der Tyrannei der Triebe befreit? Oder ist es der von aller irrationalen „Vernunft“ befreite, in sich vernünftige Trieb?

Geht man diesen Fragen nach, fällt einerseits auf, daß sowohl der Geist als auch der Trieb bei Steiner und Reich jeweils zu etwas Überindividuellem, „Kosmischen“ wurden (wodurch sich Steiner und Reich von ihren Ursprüngen entfernten), und andererseits Steiner eine inhärent gespaltene, dualistische Weltsicht entwickelt hat, während Reich dem naturwissenschaftlichen Monismus treu blieb.

Steiner behauptete, daß er in seiner Jugend einen ungenannten okkulten Lehrer hatte; eine offensichtliche Lüge, um seinen Lehren überhaupt irgendeine originäre Substanz zu geben, schöpfte er doch „seine“ Einsichten zu einem sehr späten Zeitpunkt seines Lebens aus der rosenkreuzerischen und theosophischen Literatur. Tatsächlich steht überhaupt keinerlei persönliche Erfahrung hinter der Anthroposophie. Steiner hat, als typischer Ideologe, alle Elemente der Anthroposophie gestohlen, zurechtgestutzt, vereinfacht und als seine eigene Schöpfung verkauft. Sozusagen eine deutsche Vorgängerversion der amerikanischen Scientology.

Seine gesamte metaphysische Philosophie, zusammen mit seinen pädagogischen Theorien, hat er von Johann Friedrich Herbart (1776-1841). Herbarts Schüler Robert Zimmermann (1824-1898) war einer von Steiners Universitätslehrern gewesen. Zimmermann hatte 1882 ein Buch über Anthroposophie veröffentlicht! Eine weitere Quelle von „Steiners“ Anthroposophie ist der romantische Naturphilosoph und Arzt Ignaz P.V. Troxler (1789-1830), der im Anschluß an Schelling eine spekulative Anthropologie und „Biosophie“ begründet hatte. „Steiners“ Theologie stammte vom russischen Religionsphilosophen Wladimir Solowjow. Der Rest der Anthroposophie, wie z.B. der „biodynamische“ Anbau, entstammt „germanischen“ Traditionen, Hahnemanns Homöopathie und natürlich Goethe.

So ist die Anthroposophie nichts weiter als chaotischer Eklektizismus, der nur zusammengehalten wird von psychotischem Primärprozeßdenken (z.B. sind die Afrikaner so ahrimanisch heißblütig, weil ihre ahrimanische Hautfarbe die Sonnenenergie absorbiert), trivialen Analogieschlüssen (z.B. vom Universum als großer Mensch auf den Menschen als kleines Universum und umgekehrt), „mystischem Materialismus“ (Funktionen werden in Substanzen verwandelt, daher die vielen „Äther“ anstatt dem einen Äther und seinen vielen Funktionen) und „mystischem Mechanismus“ (z.B. die rigide Einteilung des Lebens in Siebenjahrs-Etappen).

Steiner berief sich auf die mechanistische Naturwissenschaft, um mit deren Methodik eine „Geisteswissenschaft“ zu begründen. Beispielsweise ist das ganze anthroposophische Konzept vier unterschiedlicher Äther von den vier Aggregatzuständen der Materie abgeleitet. Steiner:

Der Geheimwissenschaftler erforscht die geistigen Gesetze gerade in der Art, wie der Physiker oder der Chemiker die materiellen Gesetze erforscht. (z.n. Friedrich Heyer Anthroposophie – ein Stehen in höheren Welten?, Konstanz 1993, S. 60).

Mechano-Mystizismus ist stets mit Sadismus verknüpft:

Man sollte den okkulten „Gehalt“ des Nationalsozialismus nicht überbewerten, aber ein gewisser christlich-gnostischer Einschlag ist unverkennbar, der sehr stark an die christlich-gnostische Anthroposophie erinnert. Hitler selbst wurde entscheidend durch den „arisch-christlichen“ Ordo Novi Templi (ONT) des Zisterziensers Lanz von Liebenfels (der übrigens, genauso wie Hitler, nie aus der Kirche ausgetreten ist oder ausgeschlossen wurde). Zeichen des ONT war das Hakenkreuz, das das christliche Kreuz zum arisch-christlichen Symbol vervollkommnen sollte. Für Lanz von Liebenfels war das Christentum in seinem Kerngehalt „arischer Ahnen- und Rassenkult“. Jesus Christus ist „Frauja-Jesus“, bzw. der germanische Gott Fro. Die „Reinheit“ wird durch die Emanzipation der Frauen, mit ihrem „Hang zu Niederrassigen“, und durch die Emanzipation der ebenso triebhaften Juden gefährdet. Der Jude sei gefährlich und gleichzeitig sexuell faszinierend. Er ist hinterhältig (intellektuell), feige (weibisch) und grausam (tierisch). Wie Steiner wollte auch Lanz von Liebenfels eine „Johanneskirche“, „eine Kirche des heiligen Grals“ begründen. Später sollte Himmler soweit gehen, als geheime Kommandosache Expeditionen nach Südfrankreich zu entsenden, die dort im Gebiet der Albigenser, bzw. Katharer nach dem Heiligen Gral suchen sollten.

Die untergründige Verbundenheit von Hitlers und Steiners „Glaubensgut“ kann man sich wohl am besten Anhand Richard Wagners vergegenwärtigen. Wagner behauptete, sein Parsifal stelle „die höchsten Mysterien des christlichen Glaubens“ auf der Bühne dar. Wagner, der ohne Zweifel die physische Ausrottung aller Juden wollte. Parsifal vertritt ein vom Judentum gereinigtes Christentum: „Erlösung dem Erlöser“, Erlösung Christi von den Juden. Dieses „Johanneische Christentum“ bezieht sich auf biblische Aussagen, wonach die Juden „zum Gefolge Satans gehören“ (Offb 2,9) und „Kinder des Teufels“ (Joh 8,44) sind. Die Nazis kämpften gegen Satan, d.h. die egoistische, machthungrige geistige Blindheit, die durch die jüdische Rasse verkörpert werde, die den arischen Erlöser Jesus Christus ermordet habe. Hitler war von der Johanneischen Materie- und Leibfeindlichkeit beseelt, und wollte als vergeistigter, vegetarischer Reinheitsfanatiker die „materiellen Juden“ buchstäblich wie Ungeziefer vertilgen und Christus gleich die jüdischen Geldwechsler aus dem Tempel vertreiben.

In der hellenistischen Gnosis gab es einen Erlöser, der aus der antiweltlichen Lichtzone herabstieg, um die Menschen aus der sündigen Welt zu erretten. Im christlich-gnostischen Mythos wurde diese Welt aber von den Juden symbolisiert, die zum „Herren dieser Welt“ beteten. Genauso war für Hitler „der Weltjude“ „der Widersacher“. Das besondere am Wagnerianertum und infolge am Nationalsozialismus war nun die Naturalisierung dieses manichäischen Reinheitswahns, die Biologisierung des Grals-Christentums: die Idee des reinen „unbefleckten“ Blutes und der gewalttätigen darwinistischen Durchsetzung dieses reinen Blutes gegen die degenerativen dunklen Mächte des Bösen. Für Hitler war der arische Christus kein defensiver Mensch, sondern ein heroischer Kämpfer des Lichts gegen die verräterischen Juden.

Dem Antisemitismus-Forscher Robert Wistrich zufolge ist das „Entweder-Oder“ der innerste Kern der Hitlerschen Weltanschauung. Sie

korrespondiert mit einer im Grunde religiösen Weltauffassung, die an bestimmte manichäische und gnostische Häresien zur Zeit des frühen Christentums erinnert. Hitler begriff den Kampf gegen die Juden tatsächlich als einen endzeitlichen Krieg der Kräfte des Lichts gegen einen teuflischen Feind. (Der antisemitische Wahn, Ismaning, 1987, S. 60)

Das Erschreckende ist, daß diese „gnostische“ Geistesart bis heute von „Esoterikern“ gepflegt wird – und tatsächlich immer populärer wird. Gleichzeitig verbindet sie sich mit Verschwörungstheorien, etwa um den 11. September herum, die faktisch identisch mit jenen „Theorien“ sind, die Hitler und Himmler bewegt haben.

Der „Äther“ und die Teilchen (Teil 2)

20. April 2011

Die Weltanschauungen hängen unmittelbar mit der Panzerung der Organismen zusammen, die die Welt anschauen. Der ängstlich erstarrte Mystiker wird in der Natur zwangsläufig nur auf starres Sein treffen. Der von Zorn zerrissene Mechanist wird nur eine fragmentierte Natur finden, die letztlich aus „Elementarteilchen“ zusammengesetzt ist. Der Funktionalist wird das Strömen und Fließen in seinem Körper spüren und dementsprechend in der Natur Bewegung finden. Aber muß es denn nicht etwas „Seiendes“ geben – etwas das aus „seienden“ Teilchen zusammengesetzt ist – das sich bewegt?!

Hier geht es um mechanische Anschaulichkeit. Sie führt nicht nur zu philosophisch unhaltbaren Widersprüchen, denn alle< Dinge müssen zusammengesetzt sein und haben deshalb kein „wahres Sein“. Hinter der mechanischen Anschaulichkeit verbirgt sich auch wieder eine „grundsätzliche Fälschung“, die nach F.A. Lange auf unseren Sprachmustern beruht. Lange stellt den Satz „keine Kraft ohne Stoff“ als eine bloße Folge des Satzes „kein Prädikat ohne Subjekt“ dar, der durch die „Stammbegriffe unseres Verstandes“ bedingt sei, also auf der Funktionsweise unseres Gehirns beruht (Die Geschichte des Materialismus, Frankfurt 1974, S. 651).

Wenn man nun einfach sagt, daß es natürlich das Orgon ist, das sich bewegt, sollte man das Wesen der Orgonenergie bedenken: die Bewegung (Äther, Gott und Teufel, S. 156f), bzw. daß „Energie eine Funktion der Bewegung ist und umgekehrt“ (ebd., S. 157). Beim Orgon eine Trennung zwischen einer Substanz (Orgon) hier und einer Funktion (Bewegung) dort durchzuführen, ist keine Physik, sondern Metaphysik, die nichts mehr mit den Gesetzen der Natur, sondern einzig mit den Gesetzen unseres Denkens etwas zu tun hat.

Bei aller Hervorhebung des Dynamischen folgt aus diesen Überlegungen aber auch, daß es „reine Bewegung“ nicht gibt. Hier soll also durchaus nicht einer sozusagen „Substanzlosigkeit“ das Wort geredet, kein neues „Nur nicht berühren!“ propagiert werden. Man kann das Orgon weder mit einer Substanz (wie dem Äther), noch mit einer Funktion gleichsetzen, wie es in den 60er Jahren der Psychologe Charles Kelley tat, der das Orgon einfach mit dem „schöpferischen Prozeß“ gleichsetzte. Kelleys „Definition“ des „schöpferischen Prozesses“ ist, daß der „schöpferische Prozeß“ der Schöpfung von Materie und Leben unterliegt. Aus diesem inhaltslosen Nichts wurde in den 70er Jahren Kelleys „Radix“, „was die Quelle und Wurzel, die ursprüngliche Ursache bedeutet“. Das „Radix“ soll der Ursprung aller Energie und allen Geistes sein, ohne selber Geist und Energie zu sein. Der inhaltsleere „schöpferische Prozeß“ ist zu einem inhaltsleeren metaphysischen Substrat erstarrt.

Immerhin: sowohl das Wort „Organismus“ (das dem deutschen „Gestalt“ entspricht und zusammen mit „orgastisch“ zu „Orgon“ wurde) als auch das Wort „Energie“ gehen auf den griechischen Wortstamm ergon zurück, der soviel wie „Arbeit“ bedeutet und dessen deutsche Entsprechung der Wortstamm werk ist, weshalb man „Energie“ am besten mit „Wirksamkeit“ übersetzt, sodaß sich das Wort „Orgonenergie“ in „gestaltende Wirksamkeit“ und von da in „schöpferischer Prozeß“ überführen läßt.

Wie kommen wir aus dem Dilemma von widersinnigen Teilchen und metaphysischen Funktionen heraus, die nur inhaltsleere Worte sind? Vielleicht löst die Naturphilosophie von Alfred North Whitehead unser Problem, der die Monaden von Leibniz zu „Ereignissen“ umgeformt hat. In diesen Ereignissen fließt das Subjekt und das Objekt untrennbar in eins. Hier ähnelt Whitehead sehr stark Leibniz’ Versuch mit seinen Monaden Platon und Demokrit zu vereinigen. Der entscheidende Unterschied zu Leibniz ist, daß Whiteheads Ereignisse nichts Dauerndes sind, aber auch nichts „Punktuelles“, denn ein Ereignis pflanzt sich kontinuierlich in einem anderen Ereignis fort. Leider verliert sich Whitehead (wie vor ihm schon Leibniz mit seiner „Prästabilisierten Harmonie“) sehr schnell in metaphysische Spekulationen über Platonische Ideen, was nur wieder zeigt, wie schwer sich wirklich jede Art von „Atomtheorie“ mit der Funktion tut.

Da wollen wir uns lieber gleich den buddhistischen „Dharmas“ zuwenden, die zusammen mit den Leibniz’schen Monaden in Whiteheads Ereignissen aufgegangen sind. Es spricht einiges dafür, daß die Dharmas das Vorbild für Demokrits Atome abgaben. Genau wie Demokrits Atome bilden auch die Dharmas die rein materialistische Grundlage für alle körperlichen und seelischen Phänomene. Der Unterschied ist nur, daß die Dharmas kein Sein haben, sondern ständig unhaltbar ineinander in einem Kontinuum ständigen Vergehens übergehen.

Dieses Weltbild, in dem es wirklich keinerlei Sein mehr gibt und Gott und Seele keinen schützenden Winkel mehr finden, stellt wirklich den ultimativen Nihilismus dar. Nur daß sich dieser Nihilismus von seinem „lebendigen“ Charakter her grundsätzlich vom widerwärtig depressiven „statischen“ Nihilismus Europas unterscheidet. Selbstverständlich ist das Ziel des Buddhismus die sich fortpflanzenden Dharmas, die das Individuum konstituieren, dadurch zum stoppen zu bringen, indem alle Emotionen systematisch abgetötet werden, so daß der Buddhismus wirklich das absolute Gegenteil der Orgonomie verkörpert. Nichts kann der Orgonomie fremder sein. Aber ganz wie Nietzsche Schopenhauer eine positive Wendung gegeben hat, kann man auch mit Nietzsche der buddhistischen Naturphilosophie eine lebenspositive Wendung geben. Nietzsche in seinen Notizen:

Gegen den Wert des ewig Gleichbleibenden (v. Spinozas Naivität, Descartes’ ebenfalls) den Wert des Kürzesten und Vergänglichsten, das verführerische Goldaufblitzen am Bauch der Schlange vita –

Es geht darum sich der primordialen Orgasmusfunktion hinzugeben, die in den Dharmas verkörpert ist. Nietzsche in seinem schönsten Aphorismus:

Sähest du feiner, so würdest du alles bewegt sehen: wie das brennende Papier sich krümmt, so vergeht alles fortwährend und krümmt sich dabei.

Was die hinduistische Alternative zum ursprünglichen buddhistischen Nihilismus betrifft, die Vedanta-Philosophie, die das eine ewige Sein hinter dem Schein der Wirklichkeit predigt, können wir uns ebenfalls an Nietzsche halten. In einem Brief an den Indologen Paul Deussen bezeichnet Nietzsche dessen Buch über das Vedanta als „den klassischen Ausdruck der mir fremdesten Denkweise.“

Es kommt darin alles aufs naivste ans Licht, was ich in Hinsicht auf diese Denkweise geargwöhnt habe: ich lese Seite für Seite mit vollkommener Bosheit. (16.3.1883)

Nietzsche führt seinen Zarathustra an, der mit derselben Beredsamkeit „Ja!“ sage, wo Deussens Buch „Nein!“ sage.

Mit den Dharmas haben wir uns schon dem Orgon genähert. Noch einen Schritt weiter hilft uns der Schellingsche Atomismus. Dazu folgendes Zitat aus Jochen Kirchhoffs Monographie über Schelling:

Die Erkenntnis des dialektischen Prozesses der physikalischen Kräfte führt Schelling im Jahre 1799 zu einer bemerkenswerten Theorie der Materie, innerhalb derer eine dynamische Atomistik dem materialistischen und mechanistischem Atomismus als Alternative entgegengestellt wird. (…) Die „Dinglichkeit“ des Materiellen wird vollständig aufgelöst zugunsten einer dynamischen Erklärung durch ursprüngliche Kräfte und die hier zum Tragen kommenden Gegensätze, unter anderem von Anziehung (Attraktion) und Abstoßung (Repulsion). (…) Das Verharren der Natur in einzelnen Produkten deutet Schelling als Schein und Täuschung: was von außen als ewiges Werden und von innen als ewige Produktivität anzusehen ist, kommt niemals wirklich zum Stillstand. Natur ist nie ohne Bewegung; alle Konstanten sind Hemmungsprodukte der an sich unendlichen Tätigkeit. (…) Die ewige Schöpferkraft der Natur wird gleichsam aufgehalten durch eine diametral entgegengesetzte Strömung; der resultierende Widerstand mündet in einer Art Wirbel. „Ein solcher Wirbel ist jedes ursprüngliche Naturprodukt, jede Organisation z.B. der Wirbel ist nicht etwas Feststehendes, sondern beständig Wandelbares – aber in jedem Augenblick neu Reproduziertes. Kein Produkt in der Natur ist also fixiert, sondern in jedem Augenblick durch die Kraft der ganzen Natur reproduziert.“ (…) Die kleinsten Einheiten der Natur sind nach Schelling keine materiellen Teilchen im Sinne des materialistischen Atomismus, sondern Kraftwirbel, Zentren unaufhörlicher Bewegungsvorgänge, „Ur-Aktionen“ der Produktivität der Natur. Das Atom als Geschehen, als Bewegung und dynamische Kraft – dies ist der Kern des Schellingschen Atomismus. (Schelling, rororo, S. 93-95)

Diese höchste Ausformung der Monadenlehre Giordano Brunos, von dem Schelling wie kaum ein zweiter beeinflußt worden ist, hätten wir nur noch zu verbinden mit der Überlagerungsfunktion und den anderen Gesetzen, die unser Geschlechtsleben bestimmen, um wirklich bis zum Orgon vorgedrungen zu sein. Von dort aus müssen wir dann versuchen, uns wieder zu den mechanischen Gesetzen hochzuarbeiten.

Die Identitätsphilosophie und das Orgon (Teil 2)

30. März 2011

Parmenides’ Schüler Zenon begründete die Dialektik damit, daß er die Widersprüchlichkeit des Bewegungsbegriffes aufzeigte. Die Atomtheorie war ein Versuch, diese Widersprüche zu umgehen und Bewegung und Sein in Gestalt sich bewegender Seinspartikel (die Atome) miteinander zu versöhnen. Hegel ging das Problem weit radikaler an, indem er zwar zunächst einräumte, daß Zenon tatsächlich einen Widerspruch im „Begriff der Bewegung“ nachgewiesen hatte, „nur daß damit nichts gegen die Bewegung, sondern umgekehrt das Dasein des Widerspruchs erwiesen sei“. Die Tolerierung dieses Widerspruchs macht die Hegelsche Dialektik aus. Hans-Georg Gadamer führt dazu aus:

Am Phänomen der Bewegung wird die Selbstheit des Geistes ihrer gleichsam zum ersten Male und in unmittelbarer Anschaulichkeit gewiß, und zwar dadurch, daß der Versuch, Bewegung als etwas anzusprechen, was ist, zum Widerspruch führt. Was sich bewegt, dem kommt nicht in seinem Sinn das Prädikat, hier zu sein, zu und auch nicht, dort zu sein. Bewegung selber ist überhaupt kein Prädikat des bewegten, kein Zustand, in dem sich ein Seiendes befindet, sondern eine Seinsbestimmung höchst eigener Art: Die Bewegung ist „der Begriff der wahren Seele der Welt; wir sind gewohnt, sie als Prädikat, Zustand anzusehen (– weil unser Auffassen und Ansprechen als solches prädiziert und damit fixiert, H.G.G.), aber die ist in der Tat das Selbst, das Subjekt als Subjekt, das Bleiben eben des Verschwindens“ (Hegel). (Hegels Dialektik, Tübingen 1980)

Indem also der Geist sich mit der Bewegung befaßt, wird ihm gegenwärtig, daß er eben diese Bewegung ist – die Einheit von Metaphysik und Logik.

So hatte Hegel alles Sein, auch das der Lukrezschen Atome und der Brunoschen Monaden, mit der „Bewegung als wahrer Seele der Welt“ überwunden. Aber diese Abkehr von allen Resten des Parmenidischen Denkens verfing sich auf einer viel tieferen Ebene ins Sein, indem es die „Metaphysik“ an die Gesetze des Denkens band. Was es damit auf sich hat, zeigt Jacob Meyerowitz in seiner orgonometrischen Analyse der Hegelschen Dialektik (Before the Beginning of Time, Easton, PA 1994):

Meyerowitz:

Das Konzept Synthese ist ein Ausdruck nach der Tätigkeit (post-action expression) – ein Ausdruck, der als eine vergangene, strukturalisierte Abstraktion funktioniert, der nach ← dem CFP schaut, was das „Umgekehrte“ der Richtung → der Entwicklung ist.

Hegel meint also der „Bewegung“ gerecht zu werden, stellt sich aber der natürlichen Entwicklungsrichtung ihrer Entfaltung entgegen. (Daran haben auch die „materialistischen“ Nachfolger Hegels nichts geändert!) So verfing sich ein hoffnungsvoller Ansatz, endlich zu einer funktionellen Naturbetrachtung durchzudringen, in den „ungebändigten spekulativen, metaphysischen Extravaganzen“ (Leon Wurmser) von Hegel. Erst Reich gelang es, unser Denken der Entwicklungsrichtung, in der sich die natürlichen Funktionen entfalten, anzupassen.

Es bleibt jedoch Hegels Verdienst Metaphysik und Logik miteinander verbunden zu haben und auf mystisch verzerrte Weise bis zur Orgonenergie und ihrer Identität mit „orgastischem Funktionieren“ vorgedrungen zu sein. Für Hegel ist der Geist

der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist, und weil jedes, indem es sich absondert, ebenso unmittelbar sich auflöst – ist er ebenso die durchsichtige und einfache Ruhe. (Phänomenologie des Geistes, z.n. Walter Kaufmann: Nietzsche, Darmstadt 1988, S. 279)

Dies ist das „Bleiben des Vergehens“, von dem Hegel spricht, wobei er eine Ahnung gibt von jener primordialen Ebene, in der die Orgasmustheorie ihre tiefste orgonotische Funktionsverankerung findet. Nietzsche hat etwas ganz ähnliches erschlossen und vertreten. Die Übereinstimmung mit der Hegelschen Philosophie ist wirklich verblüffend, wobei Nietzsches Philosophie nicht eine der Ideen und Gedanken ist, sondern eine Lebensphilosophie. Reich schließlich vertrat die Lebensforschung.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, wie Hegel zum konkreten Orgon stand, das damals mit dem Begriff des materiellen „Äthers“ abgedeckt wurde, und wie zur Erforschung dieses Äthers. Tatsächlich schien ihm schon damals so etwas wie die Reichsche Orgonomie vorzuschweben. Hegel verstand unter „Äther“ den ersten Schritt im Prozeß der Realisierung des „absoluten Geistes“, der sich nun als „materialisiertes Absolutes“ in der nichtmetaphysischen Wirklichkeit ausdrückt und in dieser Entfaltung von der Naturphilosophie verfolgt wird.

Bereits das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus, welches wechselweise Hegel, Hölderlin und Schelling zugeschrieben wird, träumt von einer Physik der Zukunft, die diese Entfaltung fassen kann:

Ich möchte unserer langsamen an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben. So – wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung, die Data gibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern erwarte.

Diese physikalischen Anwandlungen der idealistischen Philosophen finden ihre spiegelverkehrte Entsprechung bei den neueren Physikern, wenn z.B. Max Planck schreibt: „Die Findung der Wahrheit ist nur noch durch den Sprung in das Reich der Metaphysik gesichert.“ Einstein: „Zu den elementaren Gesetzen führt kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition.“ Carl Friedrich von Weizsäcker:

Die großen Fortschritte der Wissenschaft geschehen nicht, indem man ängstlich am Beweisbaren klebt. Sie geschehen durch kühne Behauptungen, die den Weg zu ihrer eigenen Bestätigung oder Widerlegung selbst erst öffnen.

Selbstverständlich sollte sich die Orgonphysik tunlichst jeder naturphilosophischen Spekulation enthalten, der Reich explizit abhold war, andererseits ist die empiristische Verödung eine reale Gefahr für sie. Dabei sollte es zu denken geben, daß die Empirie (z.B. die Messung von To-T am ORAC) und die Theorie (z.B. die obigen Überlegungen über die Hegelsche Dialektik) ein und dieselbe Bezeichnung von Reich erhielten: Orgonometrie. Orgonometrie ist auf der einen Seite die „substantielle“ quantitative, auf der anderen die „funktionale“ formale Erforschung der Orgonenergie. Außerdem hat der Orgonomische Funktionalismus unleugbar auch philosophische Elemente, obwohl Reich genausowenig Philosoph war wie Goethe. Und schließlich haben Philosophen wie Schelling und Nietzsche (der Anfang der 1880er Jahre noch ernsthaft mit einem Chemiestudium anfangen wollte) Philosophie sozusagen aus Verlegenheit betrieben, weil die Naturwissenschaft noch nicht bis zur Orgonomie entwickelt war. In diesem Sinne ist die Orgonomie nicht nur das Ende, sondern auch die Erfüllung aller Philosophie.

Immerhin lagen schon erste tastende Versuche in einer neuen Physik, wie sie das Älteste Systemprogramm verlangte, bei Goethes naturwissenschaftlichen Bemühungen vor. Wobei die ganze deutsche Klassik von jener Brunoschen „Identitätsphilosophie“ durchdrungen war, die schließlich im Orgonomischen Funktionalismus auslaufen sollte. Gemeint ist das Erbe von Renaissance, Scholastik und Antike das hinab reicht bis auf Heraklit, dessen Philosophie man dahin zusammenfassen kann, daß sich aus der Ur-Energie ständig die Vielheit nach dem Gesetz von der Einheit der Gegensätze entfaltet, wobei sich alle Entwicklung aus dem Widerstreit gegensätzlicher Kräfte ergibt.

Das funktionelle Denken vor Reich, das man an den Ecknamen Heraklit, Bruno und Hegel festmachen kann, läßt sich durch die Begriffe Ganzheit, Widerspruch, „triadisches Denken“, dynamische Sichtweise und insbesondere am „principium coincidentiae oppositorum“ festmachen, das durch Bruno an Spinoza, Goethe, Schelling und die gesamte deutsche Klassik weitergegeben wurde. Das Prinzip von der Einheit der Gegensätze wirkte insbesondere auf den von Goethe hochgeschätzten Johann Georg Hamann und seine Auseinandersetzung mit Kant ein. In einem Brief an Herder erachtete Hamann Brunos Principium sogar als philosophisch wertvoller als die ganze Kantsche Vernunftkritik.

Orgonomie vor 100 Jahren

27. Juni 2010

Hier zwei Zitate, die ungefähr umreißen, in welcher geistigen Atmosphäre Reich die ersten Schritte hin zur Orgonomie unternommen hat.

Henri Bergson in Schöpferische Entwicklung (Zürich, o.J., S. 207):

Der menschliche Intellekt, wie wir ihn uns vorstellen, ist nicht mehr jener von Plato im Gleichnis der Höhle geschilderten. Seine Funktion ist es nicht mehr, leere Schatten vorübergleiten zu sehen, nicht mehr, jenseits seiner selbst gewandt, das aufglühende Gestirn zu schauen. Er hat anderes zu leisten. Angeschirrt wie Arbeitstiere im schweren Tagewerk spüren wir das Spiel unserer Muskeln und Gelenke, die Schwere des Karrens und den Widerstand der Scholle: handeln und sich als handelnd wissen, in Kontakt treten mit der Realität, ja sie – nur aber nach ihrer Bedeutung für das werdende Werk, für die Schürfung der Furche – leben, das ist die Funktion des menschlichen Intellekts. Dennoch badet uns ein wohliger Strom, dem wir die Kraft selbst zu Arbeit und Leben entschöpfen. Jeden Augenblick eratmen wir etwas von diesem Ozean von Leben, dem wir eingesenkt sind, fühlen wir, wie sich unser Wesen, oder doch der Verstand, der es lenkt, nur durch eine Art örtlicher Erstarrung aus ihm gebildet hat. Die Philosophie also kann nur die Anstrengung sein, sich diesem Ganzen neu zu verschmelzen.

Ein Beispiel dieser Tradition, die, wenn auch auf mystisch-abstrakte Weise, die Orgonomie beinahe wortwörtlich vorwegnimmt, findet sich in Karl Joels Seele und Welt – Versuch einer organischen Auffassung (1923). In einer zeitgenössischen Buchbesprechung heißt es:

Die Weltanschauung Joels ist eine organische und weist bei aller Selbstständigkeit Beziehungen zu Denkern wie Plotin, Schelling, Fechner, Bergson u.a. auf. Organisch ist sie, weil nach ihr das Leben die wahre, ursprüngliche Wirklichkeit ist, weil Geist und Materie nur verschiedene Stufen lebendigen Werdens sind, wobei der Geist, die Seele die Produktion und Variation in der Welt bedeutet, deren Erstarrung, Mechanisierung, Stabilisierung das Körperliche erzeugt. Die Welt als Ganzes ist eine Entfaltung und Entschließung der organischen Einheit, die in allem sich auswirkt. Die Welt ist durch und durch Funktion, sie ist eine Objektivation der ewig sich verkörpernden und ewig über alle Verkörperung hinausstrebenden schöpferischen Tat. Die Materie ist nur die passive, sinkende Seite des Weltlebens, das Komplement der Seele, die innere Sammlung, die im Materiellen sich entäußert. Gott ist das ewige Leben, das Leben in beständiger Erneuerung, die Einheit, während die Welt Vielheit ist. (Rud. Eisler in Neue Freie Presse)

So die Verlagswerbung in Joels Nietzsche und die Romantik (Jena, o.J.) wo er z.B. schrieb:

Gegensätze berühren sich nicht, sie sind vielmehr ursprünglich eins und treten auseinander als die abgekehrten Pole eines Ganzen; denn Heterogenes gibt keinen Gegensatz. Aller Gegensatz beruht auf Gemeinschaft. (S. 217)

Dies ist eine Vorwegnahme des Orgonomischen Funktionalismus, wenn nicht sogar der Orgonometrie.

Die Lebensenergie am Rande der Wissenschaft (Teil 1)

27. Februar 2010

Karl Freiherr von Reichenbach (1789-1869), Od;
Martin Ziegler (1818-1893), Atonizität und Zoozität;
Abbé Fortin (um 1820-1890), das atmosphärische Fluidum „Magnetismus“;
E.K. Müller (erste Beobachtung 1882 – Buch 1932), objektiver Nachweis einer biologischen Emanation;
Wilhelm Reich (1897-1957), Orgon;
Andrew Crosse und seine „künstlichen Insekten“ (1837);
Oskar Korschelt (1840?-1935?), Entwicklung von Äther-„Lebensstrahlern“;
Franz Dyonis Rychnowski (1850-1930?), der ätherische Stoff „Elektroid“;
René Blondlot (1849-1930; Veröffentlichung 1903), N-Strahlen (mit denen später der russische Nervenarzt Naum W. Kotik in Odessa bei der Untersuchung der psycho-physischen Energie arbeitete);
die Parapsychologie und Esoterik und ihr Konzept vom Fluidalkörper des Menschen;
Viktor Schauberger (1885-1958), „Implosion und Spiralbewegung“, „Frucht und Befruchtungsstoffe“;
„Panspermie, Gene und Archetypen“.

Das ist der Inhalt des Buches Die Grauzone in der Wissenschaft von Lars Jörgenson (Berlin: WDB-Verlag, 1990), das einen hervorragenden Überblick über die Erforschung der kosmischen Lebensenergie bietet. Nebenbei werden kurz angeschnitten:
Radiästhesie,
Akupunktur,
Georges Lakhowsky (1870-1942) und sein „Universion“,
Jagadis Chandra Bose (1858-1937) und seine Arbeit zur Pflanzenphysiologie (die in vielem Reichs bioelektrischen Experimenten am Menschen entspricht – siehe auch den „Backster-Effekt“),
Kirlianphotographie und die von Jörgenson im Anschluß an F.A. Popp selbst vorgenommenen Untersuchungen der Biostrahlung mit dem Photomultiplier.

Nicht zu vergessen Franz Anton Mesmers (1734-1815) „Animalischer Magnetismus“ und sein „Baquet“, sowie Samuel Hahnemanns (1755-1843) Homöopathie. In seinem Organon der Heilkunst spekuliert Hahnemann kurz über eine kosmische Energie, die die Planeten in der Umlaufbahn hält und er beschreibt seine Erfahrungen mit dem „Mesmerismus“.

Dem Leser fällt sicherlich noch weiteres ein: das „Mana“ und der ganze Animismus der Naturvölker, der „Große Geist“ der Indianer, das „Prana“ und die „Gunas“ des Yoga, das „Brahman“ des Vedanta, das „Akasha“ (Äther) der materialistischen indischen Schulen.

Das Konzept der drei Guna (Qualitäten) finden wir in den Upanischaden und anderen klassischen Schriften der Inder. Die „Guna“ sind Bestandteil des Prakriti (Materie): das weiße Sattva (das Gute, Klarheit), das rote Rajas (Schleier, Leidenschaft) und das schwarze Tamas (Behinderung, Finsternis). Die Vorstellung dieser drei Qualitäten der Materie soll sich, nach dem Indologen Helmuth von Glasenapp, von der Beobachtung der Atmosphäre hergeleitet haben. Die Parallelität, z.B. von der Farbe her, zu den drei Zuständen der Lebensenergie ist offensichtlich – frische, gesunde Orgonenergie (OR); fiebrige, aufreizende Energie (ORANUR); und abgestorbenes, tödliches (DOR).

Das „Chi“ oder „Qi“ des Taoismus hat eine giftige Form, den „schlechten Atem“, das „schwarze“ Sha, das als bewegungsloses, stagniertes Qi dem DOR entspricht.

Weitere Traditionen sind der „Heilige Geist“ des Christentums im allgemeinen und die „göttlichen Energien“ der Orthodoxie im besonderen, die „Quintessence“ der Alchimie, die Metaphysik von Heraklit bis Heidegger, die naturphilosophische Linie Bruno, Goethe, Schelling und alles was dazugehört, z.B. die Arbeit von Theodor Schwenk und anderer „Goetheisten“ und Anthroposophen.

Goethe schrieb 1825 über die damals noch kaum erforschte Elektrizität:

Diese darf man wohl und im höchsten Sinne problematisch ansprechen. Wir betrachten sie daher vorerst unabhängig von allen übrigen Erscheinungen; sie ist das durchgehende allgegenwärtige Element, das alles materielle Dasein begleitet, und ebenso das atmosphärische; man kann sie sich unbefangen als Weltseele denken. Inwiefern sie sich nun ruhig verbirgt, sodann aber durch den geringsten Anlaß gestimmt wird, sich bald von dieser, bald von jener Seite zu zeigen, einen oder den ändern Pol herauszukehren, sich anzuhäufen und von da sich unbemerkt wieder zu zerstreuen, oder aber wohl mit den gewaltsamsten und wunderbarsten Explosionen sich zu manifestieren, darüber möchte wohl schwer sein, durch Erfahrung nachzukommen, ob sich schon nicht leugnen läßt, daß Barometer- und Thermometerstände darauf bedeutend einfließen mögen.

Luigi Galvanis (1737-98) „animalische Elektrizität“ zusammen mit der ganzen frühen Erforschung der Elektrizität, die in Wirklichkeit mit der Orgonenergie identisch war. Zum Beispiel stimulierten die beiden französischen Abbés Jean Antoine Nollet und Pierre Bertholon de Saint Lazare in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Wachstum von Pflanzen. Bertholon erfand zu diesem Zweck 1783 sein „Elektrovegetometer“. Robert O. Becker (1977) hat daran wieder angeknüpft mit seiner Regeneration von tierischem Gewebe durch elektrische Felder.

Das Konzept „Äther“ geht auf Giordano Brunos Vorstellung von einem alles durchdringenden und umfassenden kosmischen Kontinuum zurück. Sie ermöglichte über Huygens Wellentheorie des Lichts, die ohne die Anregung durch Bruno nicht zustande gekommen wäre, ein Verstehen der elektrischen Wechselwirkung. Faraday berief sich bei seiner Feldtheorie auf den Philosophen R.G. Boscovich (1711-1787), dessen 1755 dargelegte dynamistische Atomistik und energetische Materievorstellung auf Leibniz beruhte und so auf Bruno zurückweist. Bei Boscovich sind die Atome „Kraftzentren“, die mit „Kraftsphären“ ausgestattet sind. Dies regte Faraday zu seiner Vorstellung von den „Kraftlinien“ an, woraus sich dann direkt die Theorie Maxwells entwickelte, „die im Grunde nichts weiter ist als die Übersetzung der Faradayschen Kraftlinienvorstellung in die exakte Sprache der Mathematik“ (Max Born: Die Relativitätstheorie Einsteins, Berlin 1964, S. 147).

Schelling beeinflußte mit seinem Konzept der „einen schöpferischen kosmischen Urkraft“ Physiker wie Christian Oersted und seine Begründung der elektromagnetischen Theorie. Der zentrale Begriff der Geistes-und Willensphilosophie von Hegel bis Nietzsche verstanden als potentia und dynamis der klassischen griechischen Philosophie: Hegel, Schopenhauer (der einen Aufsatz über den Animalischen Magnetismus geschrieben hat) und Nietzsche sprachen von Reichs Orgon-energeia.

Zu nennen wäre auch die „elektrizitäts-ähnliche Beseelung“ der Natur des „romantischen Physikers“ Johann Wilhelm Ritter (1776-1810) und sein „Siderismus“. Ritter hat u.a. das Pendel und die Wünschelrute untersucht.

Der Akademikerklatsch von München behauptete bald darauf, Ritter pendle bis weit in die Nacht über „delikaten Teilen nackter Weibspersonen’“. So drückte sich ein Reporter in seinem Buch „Verschwörung gegen den gesunden Menschenverstand“ aus, einem geifernden Angriff auf die Arbeit Ritters. (Christopher Bird: Wünschelrute, München 1987, S. 98)

Ritter ist also bei der Erforschung der Lebensenergie von Seiten der Emotionellen Pest (genauer gesagt von Seiten der damaligen „Skeptiker“) genau das gleiche widerfahren wie Reich.

Hier eine entsprechende Karikatur aus Mesmers Zeit. Gezeigt wird Mesmers „Baquet“, der damalige „Orgonakkumulator“:

Wilhelm Reich: Arzt und Physiker

4. November 2009

Dr. med. Wilhelm Reich steht mit seiner Entdeckung der Orgonenergie in einer kontinuierlichen Tradition von Ärzten, die der Physik neue Wege gewiesen haben. Diese Herangehensweise war äußerst fruchtbar, die umgekehrte, von der unbelebten Natur auf die belebte zu schließen, hat uns, wie in Die zwei Seiten der mechano-mystischen Naturwissenschaft erläutert, die mechanistische Genetik gebracht. Hier die Tradition, in der Reich steht:

Der Arzt Georg Bauer alias Agricola (1494-1555) hat die Gesteins- und Bergbaukunde begründet. Als größte Autorität auf dem Gebiet des Magnetismus in seiner Zeit und als Begründer der experimentellen Methode ist der Arzt William Gilbert (1540-1603) hervorgetreten. Von ihm stammt der Begriff „elektrisch“. Sein Berufskollege und Begründer der naturwissenschaftlichen Denkrichtung in der Medizin, Santoro Santorio (1561-1636), der auch eine medizinische Waage zum Studium des Stoffwechsels konstruierte, maß nicht nur als erster das Fieber mit dem Thermometer, sondern erfand auch den Feuchtigkeitsmesser. Der Mediziner und „Iatrochemiker“ Johann Baptist Helmont (1577-1644) unterschied erstmalig andere Gase vom „Element Luft“. James Hutton (1726-97), ebenfalls Arzt, war der Begründer der Geologie. Der Medizinprofessor Joseph Black (1728-99) entdeckte die spezifische Wärme und die Umwandlungswärme.

Der Professor der Anatomie Luigi Galvani (1737-98) half mit, die moderne Elektrizitätslehre zu begründen. Bizzi und Chiurco, zwei Mitarbeiter Walter Hoppes (der Anfang der 70er Jahre die Orgonomie nach Deutschland brachte), schreiben über Galvanis Forschungen, mit ihnen hätte er sich als erster der Lebensenergie experimentell genähert. Obwohl er als Gründer der Elektrophysiologie anerkannt wird, begründete er in Wirklichkeit eine Theorie der Lebensenergie. Er nannte die von ihm entdeckte biologische Energie zunächst „animalische Elektrizität“, dann „galvanisches Fluidum“ und schließlich „Lebenskraft“. (Eine verblüffende Parallele zur Geschichte des Begriffs „Orgonenergie“.) Galvani ging sogar so weit, eine Verbindung zwischen der atmosphärischen Elektrizität, zwischen dem „elektrischen“ Ozean und dem Organismus zu postulieren. Diesen Punkt bringen die Autoren in Zusammenhang mit dem Konzept Benjamin Franklins (1706-90), der elektrostatische Phänomene mit einem pulsierenden „einheitlichen Fluidum“ erklärte (Hoppe: Wilhelm Reich, München 1984).

Der Arzt Thomas Young (1773-1829) gelangte über die Beschäftigung mit der physiologischen Augenoptik zur Wiederaufnahme der Huygenschen Wellentheorie. Ein anderer Mediziner, William Prout (1785-1850), stellte die für die Entwicklung von Chemie und Physik so fruchtbare und nach ihm benannte Hypothese auf, daß die Atome der Elemente aus Mehrfachen des Wasserstoffatoms bestünden. Ernst Heinrich Weber (1795-1878), ein Professor der Anatomie und Physiologie, begründete experimentell mit seinem Bruder, dem Physik-Professor Wilhelm Edward Weber (1804-1891), die Wellentheorie. Sie machten die ersten Beobachtungen über den Unterschied zwischen Gruppen- und Wellengeschwindigkeit. Der berühmte Léon Foucault (1819-1868) war von Haus aus Mediziner. Mit seinen Pendelversuchen wies er experimentell die Achsendrehung der Erde nach, er maß die Lichtgeschwindigkeit und arbeitete über die induzierten elektro-magnetischen „Foucaultschen“ Wirbelströme.

Julius Robert Mayer (1814-1878) formulierte als erster den allgemeinen Energieerhaltungssatz. Durch Beobachtungen in seiner ärztlichen Praxis war er zu dem Schluß gelangt, daß mechanische Energie, Wärme und chemische Energie äquivalent seien. Auf dem gleichen Gebiet und in die gleiche Richtung, von der Biologie zur Physik hin, arbeitete der Professor der Physiologie Hermann von Helmholtz (1821-1894), der später Physik lehrte. Er erfand Instrumente zur Untersuchung der Augen, begründete die physikalische Theorie der Tonempfindung, beschäftigte sich mit der Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Nervenerregung und brachte z.B. die Hypothese von der atomaren Natur der Elektrizität auf. Der Physiologe Henry Gray (1825-1861) unterschied zwischen Leiter und Nichtleiter für Elektrizität.

Reich war über seine ausgeprägten naturwissenschaftlichen Interessen zur Medizin gelangt und hier vor allen Dingen zur Sexologie. So mußte er zwangsläufig auf Freud stoßen. Dessen Theorien gingen aus seiner neurologischen Forschung, aus der Darwinistischen Biologie (z.B. Onto- als Wiederholung der Phylogenese) oder beispielsweise aus der „Psychophysik“ Gustav Theodor Fechners (1801-87) hervor, der wiederum als Schelling-Schüler auf die deutsche Naturphilosophie zurückgeht.

Heute wird gerne so getan, als hätte Freud den Begriff „Energie“ (ursprünglich ein biologischer Begriff) nur als reine Metapher benutzt, doch war es für ihn vielmehr ein erklärendes Konstrukt. Reich hat dann gezeigt, daß diesem Konstrukt eine Wirklichkeit entsprach. Doch während Freud sich von seinem Hintergrund als Physiologe emanzipieren wollte, führte Reich den ursprünglichen naturwissenschaftlichen Ansatz weiter, kam zur Biologie und schließlich, wie viele Ärzte vor ihm, zur Physik und begründete dabei ähnlich wie der Arzt Franz Anton Mesmer (1734-1815) ein neues naturwissenschaftliches Lehrgebäude. Die Systeme beider Männer reichten von Fragen der Medizin, oder z.B. der Erziehung, bis hin zu physikalischen Betrachtungen über Elektrizität und Gravitation. Es gibt auch eine direkte Linie von Mesmer zu Reich, denn der Mesmer-Schüler Puysegur erfand die Hypnose, wie sie von Freuds Lehrer Charcot praktiziert wurde.

mfr

Außer über den dänischen Physiker und Schelling-Schüler Hans Christian Oerstedt (1777-1851) hatte die deutsche „Naturphilosophie“ fast keinerlei Einfluß auf die Physik. (Eine Ausnahme ist der Einfluß der „deutschen Lebensphilosophie“ auf Leute wie Heisenberg bei der Ausformulierung der Quantenmechanik.) Die Naturphilosophie hatte Oerstedt dazu gebracht, nach der Einheit in der Natur zu suchen. So schlug er die Brücke zwischen Elektrizität und Magnetismus. Entscheidenden Einfluß hatte die Naturphilosophie auf die Biologie (z.B. auf die Zellenlehre und Embryologie). Mit Reich sollte ein Ausläufer der Naturphilosophie (vermittelt durch Bergson, Freud und andere) mit ihren Hauptcharakteristiken (Lebensenergiekonzept und im weitesten Sinne „dialektische“ Betrachtungsweise) endlich auch der Physik zu konkreten Entdeckungen verhelfen, nachdem Goethe mit seiner Farbenlehre gescheitert war und nur im biologischen Bereich „subjektiver Farben“ wirken konnte.

Während in der Biologie die Mechanisten Anhänger der falschen Präformationslehre waren (der ganze Organismus sei schon im Keimei vollständig en miniature vorhanden), folgten die Vitalisten der richtigen Theorie der Epigenese (der Organismus entwickelt sich durch Neubildung aus der Keimenergie einer spezifischen Formkraft). Ähnlich nahm Reich die Naturgesetze nicht als gegeben, statisch und unveränderlich hin, sondern suchte ihre Genese zu ergründen, sie auf Orgonenergie-Funktionen zu gründen.


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