Mit ‘Ruth Fischer’ getaggte Artikel

Der Rote Faden: Berlin

3. Februar 2013

In ihrem Buch Stalin und der deutsche Kommunismus (Frankfurt am Main 1950) schreibt die ehemalige Kommunistin Ruth Fischer über die späten 1920er Jahre: Die GPU, der Geheimdienst der Sowjetunion, hatte ihre Agenten in allen wichtigen Organisationen der KPD, d.h. im Zentralkomitee, im Politbüro, in Stadträten, im Reichstag, unter den MASCH-Lehrern (Reich war ein MASCH-Lehrer). In den folgenden Jahren traten immer mehr Mitarbeiter der Internationalen Arbeiterhilfe, der KPD-Verlage und der Zeitschriften und Zeitungen der GPU bei, um etwas zusätzliches Geld zu verdienen. Zunächst Wilhelm Pieck, dann Walter Ulbricht wurden zu den wichtigsten Verbindungsleuten der GPU. Berlin wurde nach Moskau der zweite Sitz der GPU. Die KPD kooperierte uneingeschränkt. Diese GPU-Strukturen waren insbesondere gegen jede Art der Abweichung von der offiziellen Parteilinie aktiv.

Dergestalt war Reichs Konflikt mit der KPD in mancher Hinsicht geradezu einer mit der GPU. Das total verrückte ist, daß man das gleiche über seine Auseinandersetzungen mit dem psychoanalytischen Establishment in Berlin sagen kann. Max Eitingon, der Statthalter Freuds in Berlin, war GPU-Agent. Das wurde seit längerem behauptet und immer wieder abgetan, jedoch kann man es heute als Tatsache betrachten. Das Berliner psychoanalytische Institut wurde von einem sowjetischen Agenten gegründet, finanziert und geleitet! Sein Cousin Naum Eitingon sollte die Ermordung Trotzkis organisieren.

Einer großen Gruppe von Mitgliedern der Familie Eitingon, einige von ihnen Pelzhändler in Moskau, gelang es 1918 legal Sowjetrußland zu verlassen. [Das konnte] nur durch die neue sowjetische Botschaft in Berlin bewerkstelligt werden (…), deren zentrale Figur Adolf A. Joffe Freud in Wien besucht und bewundert hatte, zu einer Zeit als Eitingon sich dort aufhielt. Die angeblichen Flüchtlinge vor sowjetischer Unterdrückung schlossen bald Millionen-Dollar-Geschäfte für den Pelzexport mit Moskau ab, welche früh vom neuen Hauptsitz der Familienfirma in New York vermarktet wurden. Diese Firma hatte General Naum Eitingon auch mit Geld und Kontakten versehen, als er ankam, um Trotzkis Ermordung und ein Atomspionage-Netzwerk zu schaffen.

In der kriegsgeschädigten Weimarer Republik ermöglichten die Dollars, die Max erhielt, insbesondere während der galoppierenden Inflation 1922-23 eine Machtstellung in der Freudianischen Bewegung zu erreichen, durch die Finanzierung ihrer Aktivitäten und Verlagshäuser sowie des Instituts und der Klinik in Berlin. Das luxuriöse Haus von Max (…) wurde zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt.

(…) Vom Beginn der frühen zwanziger Jahre sind zwei häufige Gäste die russische Volkssängerin Nadezhda Plevitskaya und ihr Ehemann, der frühere „weiße“ General Nikolai Skoblin. Ihr Hintergrund unterschied sich so radikal von dem von Max und insbesondere von dem [seiner Frau] Mirra, daß es schwer fällt anders zu erklären, warum die Eitingons sie so bevorzugten. Plevitskayas Behauptung in ihrer Gerichtsverhandlung 1938 in Paris, in der sie beschuldigt wurde an der Entführung eines anderen „weißen“ Generals beteiligt zu sein, daß Eitingon sie jahrelang finanzierte, war ein Beweis gegen ihn in dieser Spionage-Kontroverse. Doch seither wurde schlüssig bewiesen, daß sie und Skoblin 1931 als sowjetische Agenten rekrutiert wurden und dies geschah in Berlin, als sie bei den Eitingons wohnten.

Der Rote Faden: Manes Sperber

1. August 2011

Aus dem im letzten Roten Faden zitierten Brief Franz Jungs an seine Frau, vom 15. April 1955 frägt er Cläre, ob sie sich noch erinnere, daß in den 1920er Jahren „ein Buch von Wilhelm und Anni (sic!) Reich (beide orthodoxe Studenten von Freud)“ mit Theorien über Kindererziehung ein ziemliches Aufsehen hervorgerufen habe. Es habe die grundlegende Frage nach der Teilnahme der Kinder an den sexuellen Beziehungen ihrer Eltern aufgeworfen (Franz Jung: Briefe und Prospekte. Dokumente eines Lebenskonzeptes, Werke Bd. 11, Hrsg. von Sieglinde und Fritz Mierau, Hamburg 1988).

Das ist ein wirklich typisches Beispiel dafür, wie Reichs zeitweise Weggefährten, auch Leute, die sich als seine Freunde verstanden und ihm (zumindest vordergründig) wohlgesonnen waren, seine Theorien derartig verzerrten, daß jeder anständige Mensch, d.h. jeder Konservative, sich dazu aufgefordert fühlen mußte, Himmel und Hölle zu mobilisieren, um Reich das Handwerk zu legen.

Ein anderes Beispiel ist Manès Sperber, der berühmte Anhänger von Alfred Adler. Er gehörte zu den 15 bis 20 KPD-Genossen, die zur kommunistischen Zelle in Berlin gehörten, bei der auch Reich Mitglied war. Des weiteren gehörten dazu beispielsweise auch Gustav Regler, Ernst und Carola Bloch, Arthur Koestler, Erich Weinert, Ernst Busch (der kommunistische Kampfsänger), der Kunstgeschichtler Max Schroeder und Alfred Kantorowicz (Alfred Kantorowicz: Nachtbücher. Aufzeichnungen im französischen Exil 1935-1939, Hamburg 1995, S. 26-27). Sperber hielt auch Vorträge an der Marxistischen Arbeiterschule MASCH, die bereits in Der Rote Faden: Arthur Garfield Hays Erwähnung fand. Neben Reich lehrten dort auch Georg Lukács, Karl August Wittfogel und Jürgen Kuczinski (N.N.: Manès Sperber 1905-1984. Eine Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien, 1987, S. 29).

In der Lubjanka brachte sogar Herbert Wehner Reich und Sperber in Beziehung. Im Dezember 1937 wurde er vom Hotel Lux in die Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes verfrachtet, wo er einen langen Bericht über „Trotzkistische Schädlinge“ verfassen mußte. U.a. ging es um Leute, die Verbindungen ins „imperialistische Ausland“ hatten. Wehner wußte nur von der Schwester des bereits in Haft befindlichen Arztes Ernst Ascher aus der wolgadeutschen Stadt Saratow zu berichten. Sie hatte Wehner um Hilfe gebeten. Wehner:

Damals gab ich ihr keine Auskunft, ersuchte sie aber, Korrespondenz mit dem Bruder einzustellen, falls sie welche unterhalten habe. Ebenfalls veranlaßte ich ihre Dispensierung von der Arbeit in einem internat. Komitee … Beziehung zu Ascher unterhielt wahrscheinlich auch ein Schriftsteller Manes Sperber, der sich sehr für ihn einsetzte und der im Ausland Beziehungen zu dem Trotzkisten Reich (lebt in Norwegen) hat. („Lange Nacht in der Lubjanka“, Der Spiegel, Nr. 2, 1994)

Tatsächlich taucht Sperber 1936 in Reichs Zeitschrift auf und zwar in Gunnar Leistikows Aufsatz über Reich als „Rufer in der Wüste“. Dabei geht es darum, daß Reich den Versuch gemacht habe eine „marxistische, naturwissenschaftliche Psychologie auf dialektisch-materialistischer Grundlage zu begründen“. Jedoch habe ihn (Leistikow), wie Leistikow in einer nachträglichen Fußnote einfügt, Sperber darauf aufmerksam gemacht, „daß in der russischen Zeitschrift Psichologija andere Versuche in diese Richtung gemacht worden seien (Gunnar Leistikow: „Ein Rufer in der Wüste und sein Ruf“, Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie, Bd. 3, S. 100-113).

Aber zurück nach Berlin zu den Diskussionsabenden in der Parteizelle, zu der auch Reich und Sperber gehörten. Sperber erinnert sich an „Willy Reichs“ damaliges Auftreten:

Bei einer von Parteileuten organisierten Besprechung im engeren Kreise kam es zu einer ernsten Auseinandersetzung zwischen uns. Am Ende sagte ich: „Willy, wenn du die Sexualität politisieren willst, tue es. Was auch immer es bedeuten mag, es kann unserem Kampf nicht schaden, sondern eher nützen. Wenn du aber die Politik sexualisieren willst, so begehst du einen doppelten Irrtum, einen psychologischen und einen politischen. Ich bin dagegen.“ Er reagierte sehr scharf und brachte ein, wie er glaubte, ebenso frappierendes wie überzeugendes Argument: Der propagandistische Erfolg der Nazis, erklärte er, wird äußerst gefördert, wenn nicht gar bestimmt dadurch, daß das Hakenkreuz als Sexualsymbol auf die Massen eine ungeheure Anziehung ausübe, indes unser Hammer und unsere Sichel unter diesem Gesichtspunkt völlig wirkungslos und daher unbrauchbar seien. (z.n. Christiane Rothländer: Karl Motesiczky 1904-1943. Eine biographische Rekonstruktion, Wien 2010, S. 99)

Warum immer wieder diese Mißverständnisse, die Reich als nicht ernstzunehmenden Deppen, Psychopathen, Geisteskranken dastehen lassen? Konnte sich Reich nicht deutlich ausdrücken? Nun, im krassen Kontrast zu vielen seiner Zeitgenossen hat sich Reich ausgesprochen klar und verständlich ausgedrückt. Was hier am Werk ist, ist schlicht und ergreifend die Panzerung, spezifischer die Sexualscheu, die es unmöglich macht, einfachste Zusammenhänge zu erfassen. So gut wie alle Kritiker Reichs sagen nichts über Reich, dafür aber alles über sich selbst aus.

Insbesondere Linke projizieren ihre seltsam verschrobene Charakterstruktur in Reichs Aussagen hinein. Reich hat ein ganzes Buch über diese Problematik geschrieben: Rede an den Kleinen Mann.

Was das „Hakenkreuz als Sexualsymbol“ betrifft: Reich hat dem ein ganzes Kapitel in Die Massenpsychologie des Faschismus gewidmet. Der gesamte organisierte Mystizismus, vom Hinduismus über den Katholizismus bis hin zum Nationalsozialismus und der modernen „esoterischen Bewegung“, schöpft seine gesamte Kraft aus den unterdrückten und pervertierten („tantrischen“) Sexualenergien der Massen. Dagegen die „Vernunft“ mobilisieren zu wollen, wie Freud und die Kommunisten es versucht haben, kann nur in genau jene Katastrophe führen, deren Zeugen Reich und Sperber damals waren. Nicht Reich macht sich lächerlich, sondern der „Aufklärer“ Sperber!

Wie Reich am Ende von Die Massenpsychologie des Faschismus (Ausgabe von 1933) ausführt, ist das Problem das indifferente („unpolitische“) Massenindividuum, das gelangweilt mit den Schultern zuckt, wenn ihm rational seine sozialen Probleme auseinandergesetzt werden, aber Feuer und Flamme ist, wenn der Faschist mit den Mitteln der „Gläubigkeit“ und der Mystik, also im Namen und im Gewand der „Ehre“, sexuelle, libidinöse Bedürfnisse anspricht. Das ist so, weil das Massenindividuum bewußt oder unbewußt vollkommen von seinem sexuellen Elend okkupiert ist. Reich wollte den Faschisten dieses Instrument aus der Hand schlagen, indem er (als einziger) die wirklichen Probleme des Massenindividuums ansprach und so diesem lächerlichen Affentheater ein Ende setzte. Im Gegensatz zu Stubengelehrten wie Sperber, die rein gar nichts Konstruktives anzubieten hatten, hat er in seiner Sexpol-Arbeit gezeigt, daß sein Ansatz gangbar und erfolgversprechend ist. Angesichts dessen ist Sperbers Ironie und Herablassung schlecht ungeheuerlich. Kindergartenniveau!

Worum es damals wirklich ging, zeigt schlaglichtartig folgende Aussage von Friedrich Christian, Prinz zu Schaumburg-Lippe, 1963:

Mir sagte einmal ein namhafter Kommunist: „Der Goebbels sagt uns den tieferen Sinn unseres eigentlichen Wollens, und das ist so verblüffend, daß wir uns durch die KPD verraten fühlen.“ (z.n. Frank Schütze: Joseph Goebbels, Zützen 2003)

Aber weiter mit Jungs Brief an seine Frau, vom 15. April 1955: Später erschien Reich in New York und habe, so Jung, wie eine direkte Kopie von Otto Grosz (Otto Gross) gewirkt. Reich habe, so Jung, ein Buch über „Orgiasm“ (sic!) geschrieben, das direkt von Otto Gross hätte kommen können. Die „orgiastische“ (sic!) Form des Geschlechtes als Basis des Lebens, fast als Religion, als das politische Binden der Gesellschaft („ein wenig wie Fourier usw.“), mit einer fanatischen Gefolgschaft in der New Yorker Boheme. Man würde davon Manifestationen in der heutigen Schriftstellergeneration der USA finden. Heute, 1955, sei das Buch tabu, völlig unterdrückt, fände jedoch als Bibel in einigen anarchistischen Kreisen Beachtung. Er, Jung, höre jetzt in San Francisco mehr darüber als zu seiner Zeit in New York. Im Anschluß an einige Prozesse sei Reich (eine Parallele zu Otto Gross) in ein Irrenhaus verfrachtet worden, sei jetzt (1955) aber seit einiger Zeit wieder draußen und befasse sich mit biologischen Fragen, beispielsweise der Wüste in der menschlichen Seele (Anspielung auf „Die emotionale Wüste“).

Das schrieb Jung 1955! Daran sieht man, was damals für Gerüchte von Leuten wie Annie und Thomas Rubinstein in die Welt gesetzt wurden!

Schließlich findet sich in der Korrespondenz Jungs etwas, was auf die heutige „Wilhelm-Reich-Bewegung“ vorverweist:

Am 8. Aug 1960 schrieb Jung an Ruth Fischer, daß er vielleicht zur französischen Insel St. Marguerite, die zu den Virgin Islands gehört, reise. In diesem Zusammenhang erwähnt er einen gewissen „Dr. Kowalski“, einen polnischen Arzt aus Paris, der sich auf der Insel mit einer kleinen Kolonie von Anhängern von Wilhelm Reich niedergelassen habe. Vielleicht könne er, Jung, dort eine Anstellung finden. Der Kowalski habe ihn angeschrieben. Er kenne Kowalski durch Jean und Paul Ritter, den (angeblichen, PN) Repräsentanten Reichs in England. Jemand scheine dort über ihn, Jung, gesprochen zu haben (Franz Jung: Briefe 1913-1963. Werke Bd. 9/1, Hrsg. von Sieglinde und Fritz Mierau, Hamburg 1996).

Reich wollte nachweislich nie und nimmer irgendetwas mit dieser Art von Leuten zu tun haben. Das gilt sowohl für „Reichianer“ wie die Ritters und Konsorten (vgl. Zeugnisse einer Freundschaft) als auch für die Beatnik-Schriftsteller, die Jung erwähnt. Zu letzterem hat sich Reich im Orgone Energy Bulletin ausgelassen. Und nicht zuletzt wollte Reich nichts mit Leuten wie Manès Sperber zu tun haben, denen Reichs Gedankenwelt absolut fremd war. Es ist, als würden sich zwei außerirdische Rassen begegnen, die nichts, aber auch rein gar nichts gemein haben. Eine wirkliche Kommunikation ist ausgeschlossen.

Man lese einen beliebigen Bericht über Reich in der Presse. Was geht bloß in diesen kranken, verkorksten Köpfen vor!

Der Rote Faden: Franz Jung (Teil 2)

20. Juli 2011

1923-1936 ist Franz Jung Journalist und Wirtschaftskorrespondent in Deutschland. 1930 gibt er das Magazin Der Gegner heraus, für Dadaisten, häretische Marxisten und ähnliche Randständige der linken Bewegung. U.a. veröffentlicht dort der „Biosoph“ Ernst Fuhrmann. 1929 (wohl eher 1930) trifft er Reich. 1936 wird er von der Gestapo verhaftet, kommt aber wieder frei durch Intervention von Admiral Wilhelm Canaris, dem Chef der deutschen Abwehr. Stationen der Emigration sind Prag, Genf, Italien.

In einer gemeinsamen Anstrengung bringen ihn Ruth Fischer, Adolph Weingarten, Arnold Rubinstein (Genosse Thomas) und Günter Reimann 1948 in die USA. Reimann (1904-2005!), ein Marxistischer US-Millionär. Er war 1925-1929 Wirtschaftsredakteur der Roten Fahne (Organ der KPD, deren Mitglied er von 1925 bis 1935 war) und Wirtschaftsberater der Botschaft der UdSSR in Berlin. 1935 Emigration via Prag, Wien, Paris nach London, 1938 New York. Gab seit 1947 die „International Reports on Finance and Currencies“ heraus, später bekannt als „Global Monetary Advisory Center“. Für einige Zeit arbeitete Jung für diese Unternehmung in den USA. 1957-1960 ist Jung in San Francisco Herausgeber des „Pacific European Service“. 1960 kehrt er nach Deutschland zurück, stirbt 1963 an einem Herzanfall – bei der Lektüre Reichs (Fritz Mierau: Das Verschwinden von Franz Jung. Stationen einer Biographie, Hamburg 1998).

In August 1961 verantwortete er einen Radiovortrag in Köln: „Das tragische Schicksal des Dr. Wilhelm Reich“ (Franz Jung: Bausteine für einen neuen Menschen. Über Wilhelm Reich und Ernst Fuhrmann, Zürich 1982).

In seiner sehr freundlichen Beschreibung von Leben und Arbeit Reichs sagt Jung beispielsweise, daß Reich nach seinem Ausschluß aus der KP von seinen ehemaligen Genossen mit fanatischem Haß verfolgt wurde.

Jung erinnert sich der jugendlichen Reich-Begeisterung im Berlin Anfang der 1930er und im New York der 1940er Jahre:

Ich weiß nur eins: die Studenten, die sich Ende der 20er Jahre in Berlin (es war natürlich Anfang der 30er Jahre!, PN) um Wilhelm Reich als dem Lehrer, dem Wegweiser und dem Arzt – in ihren Nöten, den politischen, sozialen und moralischen Nöten geschart haben … diese habe ich gesehen und ich erinnere mich ihrer sehr lebhaft als einer brodelnden unausgegorenen Masse, die aber bereit war einzustehen für dasjenige, was den Weg zur inneren Freiheit bedeutet haben würde, ob für Reich’sche Sexual-Ökonomie oder für jede individuelle Stellungnahme und Aktion – Selbstzerstörung und Zertrümmerung ihrer politischen Umwelt – ich habe diese jungen Leute um Reich gesehen und erlebt; ich selbst als ein Außenseiter, wie das der Situation entsprech, die hier nicht weiter zur Erörterung steht.

Wo sind diese zu jedem Opfer bereiten und begeisterten Leute heute? Ein Teil wird im Kriege umgekommen sein, ein Teil in den Konzentrationslagern, viele, die gerade nicht durch die Emigration gekommen sind und heute vielleicht einen akademischen Beruf in Deutschland oder im Ausland nachgehen … die Überlebenden … keiner von denen hat in der für Jahre von Station zu Station durchgeführten systematischen Hinrichtung ihres Lehrers auch nur den Mund aufgemacht. Sie sind dem Boykott des Totschweigens gefolgt. (ebd., S. 39f)

Und ich habe die zweite Welle der Reich-Begeisterung unter der Jugend gesehen und erlebt, in New York im Anfang der 40er Jahre im Künstler- und Poeten-Viertel von Greenwich Village. Vom Washington Square bis hinauf zur vierzehnten Straße bis zum Union Square wurden die Thesen Reichs zum gesellschaftlichen Verfall leidenschaftlich diskutiert, zum Teil im Stil der Seifenkistenredner.

Wo mögen diese Leute hingekommen sein? Niemand von diesem akademischen Nachwuchs hat sich anläßlich des Rechprozesses zu Wort gemeldet. Dabei ist bekannt genug, daß die literarische Elite, die heute zur jungen Generation in Amerika gerechnet wird, daß die Leute, die berufen sind, Hemingway und Steinbeck abzulösen, in starkem Maße von Reich beeinflußt wurden. (ebd., S. 42)

Jung war vielleicht der Erste, der sich im Nachkriegsdeutschland für Reichs Werk einsetzte. So hatte er beispielsweise einen Briefaustausch mit Artur Müller, einem Fernsehredakteur beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart, über die Möglichkeit einer deutschen Edition von Reichs Werken (Franz Jung: Briefe und Prospekte. Dokumente eines Lebenskonzeptes, Werke Bd. 11, Hrsg. von Sieglinde und Fritz Mierau, Hamburg 1988).

Am 15. April 1955 teilte Jung aus San Francisco seiner Frau Cläre mit, daß vor einigen Wochen „unser Thomas“ in New York gestorben sei. Seit Jahren hätte Genosse Thomas um sein Leben gekämpft und sei schließlich seinem Lungenkrebs und seiner Herzkrankheit erlegen. Er habe eine große Zuneigung zu Jung gezeigt, was er, Jung, kaum verstehen könne. Er habe Jung oft geholfen, besonders in Italien. Aber sie hatten wenig gemeinsam, und Genosse Thomas sprach nie offen mit Jung über sich selbst, seine Absichten und sein Leben. Wie Genosse Thomas es mit anderen Freunden wie Paul Fröhlich und einigen alten Spartakus-Kämpfern tat. Genosse Thomas lud Jung einmal im Monat zum Mittagessen ein, zeigte ihm sein Buch, an dem er schrieb. Er las alle russischen Zeitungen und neuen Bücher.

Wenn er, Jung, einer „abenteuerlichen Tendenz“ in seinen Gedanken nachgäbe, könne er beinahe glauben, daß Genosse Thomas vielleicht noch Kontakte mit Moskau hatte oder von neuem herstellte. Er wisse aber nichts darüber. In den letzten Jahren habe sich Genosse Thomas mit Ruth Fischer zerstritten, obwohl sie ihn noch regelmäßig besuchte. Jung glaube, daß es dessen Einfluß auf Ruth Fischer sei, daß „Ruth“ über Nehru (und davor über Tito) sich wieder Moskaus politischer „Außenlinie“ nähere.

Thomas war „verheiratet“ (Jung machte die Anführungszeichen im ursprünglichen Briefrext!) mit „der Frau Dr. Annie Reich“. Mit der er bereits in Prag zusammengelebt hatte und die wohl auch seine Übersiedlung in die USA gemanagt habe. Annie Reich, ein hochangesehene orthodoxe Psychoanalytikerin, verdiene außergewöhnlich viel Geld, was wohl auch Genossen Thomas ermöglicht habe einen „luxuriösen Lebensstil“ zu pflegen (Franz Jung: Briefe und Prospekte). Am 22. Juni 1962 schreibt Jung, daß es jetzt offensichtlich geworden sei, daß die Frau Dr. Reich ihn plötzlich nicht kennen wolle, obwohl er jahrelang mindestens einmal monatlich zum Mittagessen dorthin eingeladen worden war. „Das ist einfach unglaublich!“ Als Psychoanalytikerin werde sie wissen, was es bedeute, daß sie die Bekanntschaft eines Freundes ihres Mannes verleugnet. Es zeige, wie die beiden (Annie und Thomas) zueinander gestanden haben müssen (Franz Jung: Briefe 1913-1963. Werke Bd. 9/1, Hrsg. von Sieglinde und Fritz Mierau, Hamburg 1996).

Groteske, traurige Existenzen. Wohl ziemlich typisch für das psychoanalytische und das marxistische Milieu. Reich hatte sein ganzes Leben darum gerungen, nicht in diesen Morast gezogen zu werden. Kein Wunder, daß sie ihn alle so gehaßt haben!

Der Rote Faden: Genosse Thomas (Teil 1)

16. Juli 2011

Ende 1920 mußten Karl Frank und seine Frau Alice Herdan auf Befehl der KP Wien verlassen und nach Berlin übersiedeln.

Karl Retzlaw (Pseudonym von Karl Gröhl, 1896-1979) erinnert sich, daß etwa 1919 in Berlin (tatsächlich siedelte Frank erst Ende 1920 nach Berlin über) im Jugendtreff Alte-Jakob-Straße ein gewisser Karl Frank aus Wien der kommunistischen Jugend laut aus den Werken Sigmund Freuds und Auguste Forels über die sexuelle Frage vorlas. Als er der „freien Liebe“ etwas zu sehr das Wort redete, mußte seiner Begeisterung Einhalt geboten werden. Die kommunistischen Aktivisten aus dem Umfeld Retzlas machten ihm deutlich, daß das Jugendzentrum nicht der rechte Ort für sexuelle Taktlosigkeiten sei. Man wollte politisch bleiben! (Auf genau die gleiche Weise reagierten die Berliner Kommunisten ein Jahrzehnt später auf Reich.) Später wurde dieser Karl Frank zusammen mit einem weiteren Mitglied des Jugendtreffs, Walter Löwenheim, in der „Org.“ bzw. „Neu Beginnen“ aktiv (Karl Retzlaw: Spartakus. Aufstieg und Niedergang. Erinnerungen eines Parteiarbeiters, Frankfurt a.M. 1974).

In Berlin mußte Frank wegen einer fehlenden Aufenthaltserlaubnis im Untergrund leben. Nach zweieinhalb Jahren wurde die Tochter Michaela Frank geboren. Seine damalige Frau, Alice Herdan, erinnert sich, daß er in München zu zwei Monaten Haft verurteilt wurde und deshalb nach Moskau floh. Nach seiner Rückkehr mußte er in München drei Monate im Gefängnis verbringen. Tatsächlich reiste er die meiste Zeit umher, meist nach Rußland, oder saß Haftstrafen ab. 1925 heiratete Alice den Schriftsteller Carl Zuckmayer, aus dem später ein berühmter Bühnenautor wurde (beispielsweise Des Teufels General). Nach dem Krieg trafen sie Frank in Österreich wieder. Er war in der Zwischenzeit zu einem Sozialdemokraten geworden und lebte in New York. Zusammen mit seiner Frau war er in der Bürgerrechtsbewegung für Neger aktiv (Alice Herdan-Zuckmayer: Genies sind im Lehrplan nicht vorgesehen, Frankfurt 1981).

In Berlin arbeitete Frank, wie auch Retzlaw, für „Thomas“ alias James Thomas alias Jakob Reichenberg alias James Gordon alias James Reich alias Arnold A. Rubinstein alias Thomas Rubinstein, genannt „der Dicke“. Der richtige Name des „Genossen Thomas“ lautete Jakob Reich (auf Russisch: Jakov Samojlovic Reich, 1886-1954). Er stammte aus dem von Rußland okkupierten Teil Polens. Bereits während seiner Schulzeit gehörte er polnischen sozialistischen Organisationen an. Mit 19 ging er nach Warschau, um bei der Einrichtung einer illegalen Druckerei zu helfen. Während der ersten Russischen Revolution 1905 war er Mitglied einer „Kampforganisation“ und wurde zweimal verwundet. Er gehörte zu den Bombenwerfern beim Anschlag auf den Gouverneur von Warschau. Nach dem Scheitern der Revolution ging er über Deutschland in die Schweiz. Dort leitete er ein Chemielabor, in dem Experimente mit Explosivstoffen durchgeführt wurden. Zwischen 1906 und 1912 studierte er an der Universität Pädagogik. Er wurde Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Nach einer kurzen Zeit in der österreichischen Armee 1914/15 ging er wegen einer Herzerkrankung zurück nach Zürich, wo er als Lehrer an verschiedenen Schulen tätig war. Er hatte viele Kontakte zu polnischen und russischen Emigranten in der Schweiz und traf auch mit dem späteren Kopf der Komintern Grigori Sinowjew zusammen. Neben Sinowjew gehörten später auch Karl Radek (der wie Genosse Thomas ebenfalls aus einer jüdischen Familie in Lemberg stammte) und Nokolai Bucharin zu seinen wohlmeinenden Unterstützern in Moskau. Mit Radek war er persönlich befreundet (Alexander Watlin: Die Komintern 1919-1929, Mainz 1993).

Nach der Oktoberrevolution stellte er sich auf die Seite der Bolschewisten und wurde 1918 in Bern Leiter der Pressestelle der ersten sowjetischen diplomatischen Mission unter Jan Berzin. Zusammen mit Nikolai Samjatin veröffentlichte er für die sowjetische Botschaft die Russischen Nachrichten. Gleichzeitig leitete er den Promachos-Verlag in Belp, der Werke von Lenin, Trotzki, Radek und anderen auf Deutsch herausgab. Schon bald bezichtigte die Schweizer Regierung der Mission subversiver Tätigkeit und nach dem Schweizer „November-Streik“ wurde sie geschlossen. Jakob Reich wurde inhaftiert und konnte die Schweiz erst im Januar 1919 verlassen und nach Moskau gehen, wo er Anfang Februar ankam. Dort war er an der Vorbereitung des Gründungskongresses der Komintern beteiligt und gehörte deren Büro an. Er arbeitete auch an der ersten Ausgabe der Zeitschrift Kommunistische Internationale mit, in der er als „James Gordon“ einen Artikel über die Lage in Deutschland veröffentlichte. Kurz danach wurde er nach Berlin entsandt, um das Westeuropa-Büro in Berlin zu gründen. Mit anderen Worten: er war für den westeuropäischen Teil der kommunistischen Weltrevolution verantwortlich (ebd.).

Kurz vor ihrem Tod 1961 erwähnt Ruth Fischer den Genossen Thomas im Manuskript einer geplanten Biographie über ihren Ehemann Arkadij Maslow. Sie erwähnt, daß sie 1919 durch Karl Radek in Kontakt mit dem Leiter des westeuropäischen Büros der Kommunistischen Internationale, James Thomas (bzw. Arnold [sic!] Rubinstein) gekommen sei. Radek beharrte darauf, daß die damals gerade mal 23jährige Fischer die Frauenabteilung der KPD verlassen und sich stattdessen dem Komintern-Büro unter „James Thomas“ anschließen solle, um von Radek und „James“ über die Probleme der internationalen Beziehungen zu lernen. Da sie Englisch und Französisch beherrschte, arbeitete sie für das Archiv des Büros die internationale Presse auf.

Maslow (1891-1941) war ein Russe, der zu Anfang des Ersten Weltkriegs in Berlin unter anderem bei Einstein und Planck Physik studiert hatte. 1918 nahm er an der Spartakus-Erhebung in Berlin teil. Im Herbst 1919 traf er Ruth Fischer und wurde ihr Lebenspartner. „James“ hatte auch Maslow für die Komintern-Arbeit rekrutiert. Der Hauptaufgabe von Maslow lag darin, die bolschewistischen Schriften und Ankündigungen aus dem Russischen ins Deutsche zu übersetzen. Zur gleichen Zeit bereitete er die Veröffentlichung der Komintern Zeitschrift Russische Korrespondenz vor, die zwischen Januar 1920 und Dezember 1922 in Berlin im 1919 von Genosse Thomas gegründeten Verlag für Literatur und Politik erschien. Eine zweite Zeitschrift war Arbeiter-Literatur. Als Tarnung wurde „Wien“ als Verlagsort angegeben. Außerdem half Maslow dem Russen „James“ sich in Berlin zurechtzufinden und nicht in die Hände der Polizei zu fallen (Ruth Fischer und Arkadij Maslow: Abtrünnig wider Willen. Aus Briefen und Manuskripten des Exils, Herausgegeben von Peter Lübbe, München 1990).

Es ist bezeichnend wie der Herausgeber, Peter Lübbe, sich in seinen Anmerkungen vollkommen verheddert, was den Genossen Thomas angeht: „Reich, James (1896-1956)“, „Rubinstein, Arnold = Reich, James“, „Rubinstein, Thomas (1885-1955)“.

Retzlaw erinnert den Genossen Thomas als einen dicklichen, mittelgroßen, glattrasierten Mann mit dunklen Haaren, Brille, unauffällig elegant gekleidet, Pfeifenraucher. Er sprach Polnisch, Russisch, Englisch und Französisch. Sein Deutsch war frei von jedwedem Akzent. Retzlaw war Thomas’ Verbindungsmann zum ZK der KPD. Beide, Thomas und Retzlaw, arbeiteten dabei eng mit der sowjetischen Botschaft in Berlin zusammen. Nur wenige der Führungsebene der KPD kannten Genossen Thomas. Zu diesen Freunden des Genossen Thomas gehörten Willy Münzenberg und August Thalheimer, aber auch Sympathisanten der sowjetischen Sache außerhalb der Partei wie Franz Pfemfert und Wilhelm Herzog. Während seines Aufenthalts in Berlin von 1919 bis 1933 betrat Genosse Thomas kein einziges Mal eine Niederlassung der KPD, nicht einmal eine ihrer politischen Versammlungen. Es war immer Retzlaw, der den Genossen Thomas vertrat (Retzlaw: Spartakus).

Schon bald wurde das Westbüro, das wie in einem schlechten Agentenfilm als einfacher Buchladen getarnt war, einzig von Genosse Thomas dominiert, der auf äußerste Konspiration hielt. Seine engste Mitarbeiterin, Sekretärin und Ehefrau (sie hatten eine Tochter) war für einige Zeit Ruth „Österreich“-Jensen (alias „Ruth Gebhardt“, 1894-1943).Genosse Thomas hatte bereits eine Tochter, die 1914 in der Schweiz geboren wurde, von seiner ersten Frau Beta Osipovna Reich (Watlin: Die Komintern 1919-1929).

Das Ziel von Thomas’ Arbeit in Berlin war nicht die Bildung eines politischen Zentrums für die Revolution, sondern der Aufbau einer Verbindungsstelle zwischen Moskau und Deutschland sowie ganz Westeuropa. Das Büro sollte Gelder der Komintern an Kommunistische Parteien, Organisationen und Verlage weiterreichen. (Genosse Thomas half also ganz zentral jene Strukturen aufzubauen, in denen sich schon bald Reich bewegen sollte) Auf diese Weise wanderten zig Millionen Reichsmark und Valuta durch Genosse Thomas’ Hände, dessen Aufgabe auch darin bestand derartiges Geld durch vorgeschobene Geschäftsaktivitäten zu „waschen”. Auch sollte das Büro Visa und Pässe für die Illegalen der Komintern auftreiben. Genosse Thomas sandte umgekehrt alle möglichen Dinge nach Moskau: Bücher und Zeitschriften für die Führer im Kreml, Briefbögen für das Büro der Komintern etc., aber auch Delikatessen. (Zu dieser Zeit herrschte in Rußland eine schlimme Hungersnot, aber seit Marx und Engels lebten Kommunisten immer das Leben kapitalistischer Schweine!) Er charterte auch Flugzeuge und schmuggelte zum Beispiel Ende 1919 den türkischen Nationalrevolutionär Enver Pascha von Berlin nach Moskau.

Unmittelbar nachdem das Westbüro eingerichtet war, organisierte Genosse Thomas in Frankfurt am Main einen Geheimkongreß, um mit den Vertretern der Kommunistischen Parteien Europas Organisationsfragen zu diskutieren. Diese Vertreter waren: Clara Zetkin für die Deutsche KP, Mieczyslaw Bronski für die Polnische KP, Valerian Marcu für die Rumänische KP, Karl Frank für die Österreichische KP und Sylvia Pankhurst für die Britische KP.

Seit Ende 1921/Anfang 1922 war „Genossin Fritzman“ die rechte Hand von Genosse Thomas. Es handelte sich dabei um die ZK-Sekretärin Elena Stasova. Sie war seit vielen Jahren Mitglied der russischen Partei, wurde aber zur illegalen Arbeit innerhalb der KPD Mai 1921 von Moskau nach Deutschland entsandt. Dort war sie als „Hertha Sturm“ bekannt, und arbeitete später als „Lydia Wilhelm“ als Buchhalterin des Bücherladens des respektierten Geschäftsmannes James Reich (Genosse Thomas).

Vom geschäftlichen Gesichtspunkt war die Herausgabe von Kommunistischen Zeitschriften und Büchern durch Genosse Thomas ein Mißerfolg. Beispielsweise mußte die Komintern 1921 mehr als 10 Millionen Reichsmark investieren, aber Genosse Thomas erlöste daraus gerade mal eine halbe Million, ein Zwanzigstel! Ein weiteres Problem war der ständige Konflikt zwischen Genosse Thomas und der KPD. Er wurde als „Kommissar aus Rußland“ angesehen (Paul Levi bezeichnete ihn als „Turkestaner“), dessen „Konspiration“ vollkommen übertrieben war und der ohne Rücksicht auf den deutschen Kommunismus arbeitete. Sie hatten kein Geld, um etwas zu veröffentlichen, während der deutsche Buchmarkt von den Produkten des Genossen Thomas überschwemmt wurde. Die deutschen Kommunisten hatten als Konsequenz ein echtes Problem Spenden für die russische Hungersnot aufzutreiben, weil die Leute immer sagen konnten, daß die Komintern Millionen in Deutschland für Werbung, Public Relations und Propaganda ausgab – während in Rußland Kinder zu Zehntausenden verhungerten. (Und das fette „revolutionäre“ Schwein Genosse Thomas saß in Berlin wie die Made im Speck!)

Kurz, das Westeuropäische Büro war eine „russische Zweigstelle“, keine Unterstützung für die KPD. Sie, die deutschen Kommunisten, fühlten sich auch durch den Genossen Thomas und dessen Mitarbeiter ausspioniert. Wenn jemand in der KPD etwas gegen den einen oder anderen kommunistische Führer in Sowjetrußland sagte, wurde es sofort nach Moskau berichtete. Und diese Geheimberichte gingen nicht etwa zum Moskauer Exekutivkomitee der Komintern, sondern direkt an Sinowjew und Radek. Und tatsächlich arbeitete Genosse Thomas beispielsweise gegen die KPD-Führung von Paul Levi. Levi wurde 1921 u.a. auf Betreiben des Genossen Thomas aus der KPD ausgeschlossen. Soweit Alexander Watlin.

Die ersten „stalinistischen“ Säuberungen! Genosse Thomas war ein Stalinist, bevor es den „Stalinismus“ überhaupt gab! Bereits 1921/22 war die Struktur des Stalinismus fest verankert. In einigen Jahren wird der Pestcharakter Stalin sie alle beherrschen, weil er zu dieser Peststruktur am besten paßte! Daß sich dann später Leute wie Sinowjew, Radek und Genosse Thomas als „Opfer“ der Stalinistischen Verfolgung und als „Antistalinisten“ aufspielten, ist einfach nur lächerlich! Sie selbst hatten die Maschinerie gebaut und in Betrieb gesetzt, die sie dann zermalmt hat – und Millionen UNSCHULDIGER! Um die, inklusiver ehrlicher Anhänger des Kommunismus, können wir trauern, nicht um so ein dummes Arschloch wie Genosse Thomas!

Lenin versuchte die Weltrevolution mit Propaganda, Bestechung und Infiltration voranzubringen. Seine Agenten reisten mit Koffern voller Gold, Diamanten, Perlen und Devisen ins Ausland. Dimitri Wolkogonow hat eine Liste der Gelder veröffentlicht, die um 1919 herum an andere KPs gesendet wurde. Neben „John Read“ für Amerika enthält die Liste auch „an Reich für Thomas“. Ob damit „James Reich“ gemeint ist oder „das Reich“? Der „geheimnisvolle ‚Thomas‘“ habe von Moskau viele Millionen erhalten. 1921 62 Millionen Reichsmark. Später konnte er keine Belege für viele Millionen beibringen. Ein Mitarbeiter der Komintern, der für Thomas arbeitete, berichtete, das Geld habe bei Genosse Thomas überall im Haus herumgelegen (Lenin. Utopie und Terror, Düsseldorf 1994).

Der Rote Faden: Gerhart Eisler

4. Juli 2011

Dr. phil. Karl Boromäus Frank (1893-1969) war derjenige, der 1947 auf Anfrage Reich gegenüber bestätigen sollte, daß Mildred Brady, die Frau, die die Untersuchung der FDA gegen Reich auslöste, eine Stalinistin war.

Frank studierte seit 1913 an der Universität Wien Psychologie, Biologie und Philosophie. Während des Krieges engagierte er sich in der sich formierenden illegalen sozialistischen „Mittelschülerbewegung“, die sich kurz vor Kriegsende in einen sozialistischen und einen kommunistischen Flügel aufspaltete. Der „Verband der kommunistischen Proletarierjugend”, der einem ultra-linken Kurs folgte, wurde neben Frank von Schülern und Studenten wie Richard Schüller, Max Lazarowitsch, Friedl Fürnberg, Willi Schlamm sowie dem Büroangestellten Friedrich Hexmann geprägt. Verglichen mit der sozialdemokratischen Jugendorganisation spielte der kommunistische Verband jedoch nur eine kleine Rolle. Er hatte höchstens tausend Mitglieder, die in zwanzig Gruppen organisiert waren (Wolfgang Neugebauer: Bauvolk der kommenden Welt. Geschichte der sozialistischen Jugendbewegung in Österreich, Wien 1975).

1918 war Frank Vertreter der Universität im revolutionären Arbeiterrat von Wien. Er trat 1919 der KPÖ bei und war zeitweise Redaktionsmitglied des Parteiorgans Die Rote Fahne. Seit Dezember 1919 im Zentralkomitee der KPÖ. Ende 1920 ging er nach Berlin. Sein bester Freund Gerhart Eisler (1897-1968) war 1918 der KPÖ beigetreten. Wie Frank wurde auch er Ende 1920 Mitglied der KPD. Ich habe mich damit bereits am Ende des letzten Roten Fadens befaßt.

1920-22 war Eisler, der damals als Journalist arbeitete, mit der Schauspielschülerin Hedwig Tune (Jahrgang 1902) verheiratet, später wurde sie als Hede Massing bekannt. Danach heiratete er ihre jüngere Schwester Elli Tune. Seit 1933 war Hede Massing vier Jahre lang Sowjetagentin in den USA. Wegen der Moskauer Prozesse sagte sie sich vom Kommunismus los und war 1948 Zeugin der Anklage im Prozeß gegen Alger Hiss, einem Sowjetagenten im amerikanischen Außenministerium. Sie schrieb das Buch Die Große Täuschung (Geschichte einer Sowjetagentin, Freiburg 1967).

Auf Wikipedia heißt es über Eisler:

Auf dem Essener Parteitag der KPD (1927) wurde er zum Kandidaten des Zentralkomitees und gleichzeitig zum Kandidaten des Politbüros gewählt. Er gehörte 1927 bis 1929 zur Gruppe der sogenannten Versöhnler und war 1928 aktiv an der versuchten Entmachtung des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann (Wittorf-Affäre) beteiligt. 1929 bis 1931 wurde Eisler zur Bewährung als Beauftragter der Kommunistischen Internationale nach China versetzt. Von 1933 bis 1936 war er unter dem Namen Edwards als Illegaler (Einwanderer) der Vertreter der Kommunistischen Internationale in den USA.

Ende 1936 beauftragte ihn die KPD mit dem Aufbau eines Radiosenders. Von Januar 1937 bis März 1939 leitete er den illegalen „Deutschen Freiheitssender 29,8“, „die Stimme der Kommunistischen Partei Deutschlands“, in der Nähe von Madrid, mit Studios und Redakteuren in Valencia und Paris (Conrad Pütter: Rundfunk gegen das „Dritte Reich“. Deutschsprachiges Rundfunkaktivitäten im Exil 1933-1945, München 1986, S. 50). Dieser Sender ist bereits in Der Rote Faden: Arthur Garfield Hays in Zusammenhang mit Kuczinski und Einstein aufgetaucht.

Eisler war nicht irgendwer! 1937 wurde der Nachrichtendienst der KPD aufgelöst. Das Geheimbüro in Paris wurde geschlossen. Dessen Quellen und anderweitige Verbindungen wurden teilweise an Otto Katz alias André Simoné, teilweise an Gerhart Eisler und Alfred Spitzer weitergegeben (Bernd Kaufmann et al.: Der Nachrichtendienst der KPD 1919-1937, Berlin 1993, S. 437).

1939 wurde Eisler in Frankreich festgesetzt. Bis 1941 verbrachte er im Konzentrationslager Le Vernet. Im Mai 1941 wurde er in ein Internierungslager in der Nähe von Marseille verlegt. Der mexikanische Präsident Cardenas hatte Visa für in Frankreich internierte Antifaschisten gewährt, weil es jedoch kein Schiff gab, das direkt nach Mexiko fuhr, gelangte Eisler so in die USA zurück. Als „alien enemy“ wurde er für einige Monate auf Ellis Island interniert. In Amerika gab er zusammen mit Kurt Rosenfeld das halb deutsch- halb englischsprachige antifaschistische Wochenblatt German American heraus.

Ältere Schwester der Eisler-Brüder war Fritzi Eisler (1895-1961), die 1918 eine der Gründer der KPÖ war. Durch Heirat wurde sie zu Elfriede Friedländer. Sie ist identisch mit der berühmten Ruth Fischer. Während die Eisler-Brüder in der DDR herausragende Figuren der Kulturpolitik wurden, wurde Ruth Fischer zu einer unerbittlichen Antikommunistin.

Wikipedia:

Nach öffentlichen Anschuldigungen seiner Schwester durfte [Eisler] das Land nicht wie geplant verlassen. Es kam zu Prozessen, aber nicht wegen Spionage. Im ersten Prozeß ging es um seine Aussageverweigerung vor dem Ausschuß gegen unamerikanische Aktivitäten. Weil er die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei bei seiner Einreise 1941 verschwiegen hatte, wurde er in einem zweiten Verfahren wegen Paßvergehens zu drei Jahren Haft verurteilt, aber erneut gegen Kaution entlassen. Seine Schwester war Zeugin der Anklage.

Auch seine erste Frau Hede Massing war später eine weitere prominente Antikommunistin und Zeugin der Tätigkeiten der Kommunistischen Internationale in den USA.

Eisler wurde im Februar 1948 erneut verhaftet und für acht Wochen auf Ellis Island interniert. Einer drohenden weiteren Verhaftung entzog er sich im Mai 1949 nach dem Scheitern aller Berufungsverfahren durch die Flucht nach Europa. (…)

Im Juni 1949 kehrte Eisler als blinder Passagier eines polnischen Frachters über London nach Berlin zurück und wurde Mitarbeiter des Parteivorstandes der SED und Abgeordneter der Volkskammer, dem Parlament der DDR. Im Zuge der Errichtung der Einparteiendiktatur der SED teilte er im Rahmen der Parteivorstandssitzung vom 4. Oktober 1949 seinen Kollegen mit, daß sie als Marxisten wissen müssen: „Wenn wir eine Regierung gründen, geben wir sie niemals wieder auf, weder durch Wahlen noch durch andere Methoden“. Bis 1953 war er in der DDR-Regierung verantwortlich für die Lenkung der Presse und des Rundfunks. Wegen Sympathisierens mit den Gegnern von SED-Parteichef Walter Ulbricht vor und während des Aufstandes am 17. Juni 1953 wurde er abgesetzt, aber 1955 rehabilitiert.

Von 1956 bis 1962 war Eisler stellvertretender Vorsitzender und danach bis zu seinem Tode Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Rundfunk der DDR, seit 1967 Mitglied des Zentralkomitees der SED. (…)

Gerhart Eisler starb auf einer Dienstreise in Armenien. (…)

Gerhart Eisler war der Bruder des berühmten Komponisten Hanns Eisler (besonders bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Bert Brecht). Hanns wurde erst 1926 zum Kommunisten. Reichs Meinung über ihn kommt in einem Brief zum Ausdruck, den er 1934 an den „Lieben Genossen Eisenstein” schrieb, den berühmten Regisseur, der erst Lenin und dann Stalin in filmtechnisch brillanten, aber inhaltlich abgrundtief verlogenen Filmen mythologisierte. Iwan der Schreckliche, gleichzeitig ein Portrait Stalins, muß man gesehen haben, um es zu glauben – wahrhaft Roter Faschismus! Reich am 14.07.34 an den damals wichtigsten Kulturschaffenden in Stalins UdSSR:

Da Sie Ihr Interesse für meine sexualökonomische Auffassung aussprechen, möchte ich hier darauf aufmerksam machen, daß die Fortsetzung der klinisch-theoretischen Untersuchungen über das Grundproblem fortlaufend in den nächsten Nummern der Zeitschrift abgedruckt werden („Der Urgegensatz des vegetativen Lebens”). Besonders gefreut hat mich, von einem führenden Genossen auf dem Gebiete der Kunst zu hören, daß die Kunst sehr viel mit dem Zentralproblem der lebendigen Substanz, dem Orgasmus, zu tun hat. Das hört man sonst nicht oder erfährt im Gegenteil viel Ablehnung, wenn man es wagt, die hohe Kunst in so „niedrige Gebiete“ wie das Geschlechtsleben zu ziehen. Ich denke an einen Ausspruch des uns gemeinsam bekannten Genossen Hanns Eisler, der jeden Zusammenhang von Musik und Sexualität leugnet; wie derartiges möglich ist, kann ich schwer verstehen; daß es aber jede Möglichkeit zur Bewältigung der lebendigen kulturpolitischen Fragen der proletarischen Bewegung sperrt, dessen bin ich sicher und ich hoffe, dies einmal ausführlich beweisen zu können. („Der Briefwechsel Wilhelm Reich – Sergej Eisenstein“, Wilhelm Reich Blätter, 2/82)


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 31 Followern an