Mit ‘Richard Dawkins’ getaggte Artikel

Der Irrsinn regiert die Welt

21. März 2012

Hitler hat, ganz Darwinist, einfach darauf vertraut, daß sich das (Starke und deshalb) Gute durchsetzt. Am Ende wollte er ja den überlegenen Slawen ein plattgemachtes Germanien überlassen. Und über die Juden schrieb er in Mein Kampf, ob nicht das „unerforschliche Schicksal“, also für Hitler Gott selber, „den Endsieg dieses kleinen Volkes in ewig unabänderlichem Beschlusse wünsche“.

Antisemit war er, weil er, wieder ganz Darwinist, in den Juden sozusagen das „biologische Substrat“ jener jüdisch-christlich-marxistischen Weltanschauung ausmachte, die den ewigen Kampf ums Überleben des Stärkeren hintertreibe, deshalb lebensfeindlich sei – und deshalb ausgemerzt gehöre.

Aber hat er jemals wirklich im wortwörtlichen Sinne an die jüdische Weltverschwörung geglaubt? Bei Himmler ist das absolut sicher. Am Ende hat er mit Vertretern des jüdischen Weltbundes verhandelt, weil er allen Ernstes fest davon überzeugt war, daß die im Hintergrund die Fäden ziehen. (Genauso wie es heute Millionen glauben, die dem „antizionistischen“ „Zeitgeist“ folgen!) Den besagten Vertretern hat er natürlich auch erzählt, daß er persönlich gar nichts gegen Juden habe. Ich bin geneigt ihm zu glauben.

Vor zehn Jahren hat der deutsch-syrische Islam-Experte Bassam Tibi eine schöne Anekdote im Radio erzählt: In einer Live-Diskussion im ägyptischen Fernsehen wurde er gefragt, ob es stimme, daß in Deutschland Moslems verbrannt werden. Total perplex und verwirrt hat Tibi das natürlich verneint. Nach der Fernsehsendung wurde er vom Chefredakteur zur Seite genommen. Er könne ihm doch nun unter vier Augen eingestehen, daß er von der deutschen Regierung bezahlt werde, um solche offensichtlichen Lügenmärchen („Moslems werden in Deutschland nicht verbrannt!“) zu verbreiten. – Große Teile der Weltbevölkerung scheinen genauso total irre und wahnhaft zu sein, wie es Himmler war. Total meschugge.

Und es sind nicht nur absurde, d.h. islamische Länder wie Ägypten oder Pakistan! Millionen, zig Millionen, Deutsche hängen den allerwirrsten Verschwörungstheorien an. Man schaue sich das Internet an! Beispielsweise Blogs, meine „Kollegen“: manche sind dermaßen irre, wirklich psychotisch, daß man es kaum glauben kann. Channeling, Botschaften von UFO-Kommandanten vom Planeten Venus, etc.pp. Und das ist kein Randphänomen, sondern derartige Blogs sind ein großer Erfolg, was man am leichtesten anhand der zahlreichen Kommentare ablesen kann. Bei anderen sehr erfolgreichen Blogs kann ich beim besten Willen nicht ausmachen, ob ich es mit Nationalsozialisten oder gewöhnlichen Bolschewisten zu tun habe. Und man glaube nicht, daß sich die Auswüchse des Darwinismus seit Hitler viel gebessert haben.

Ähnlich wie einst die Nationalsozialisten im einzelnen Menschen primär nur den Träger des Erbgutes seiner Rasse sahen, definiert auch der Vorreiter der neuen Gottlosen, der Engländer Richard Dawkins, den Menschen als „Verpackung der allein wichtigen Gene“, deren Erhaltung der vorrangige Zweck unseres Daseins sei.

Ich stimme, wie fast immer, mit dieser Aussage Kardinal Meisners vollkommen überein.

„Peter, ist dieser Blogeintrag nicht etwas wirr?“ Ähhh, es geht darum, daß ich keinen großen Unterschied zwischen Leuten sehe, die abends vom Meditationskreis heimkehren und feststellen, daß der Mond gekippt ist, und Wissenschaftlern, die uns gegen den „Klimawandel“ (sic!) gentechnisch Katzenaugen verpassen wollen.

Die Welten der Wissenschaft und hohen Politik auf der einen und des schieren Irreseins auf der anderen Seite scheinen weit voneinander getrennt zu sein, doch Reich hat in Werken wie Die Massenpsychologie des Faschismus und Äther, Gott und Teufel gezeigt, daß überall der gleiche Wahnsinn Methode hat:

Das geschieht in allen gepanzerten Menschen, unabhängig davon wie „rational“ sie sich auch immer gerieren mögen.

Der zweifache Tod Gottes

1. Februar 2012

Im Prinzip gelten alle Welträtsel als gelöst (Leben = DNA, Physik: Quantenelektroynamik, Quarks und Urknall), die Welt aufgeteilt, der Weltfrieden ist ausgebrochen, einige wenige Kriege und Bürgerkriege dienen der Ausweitung der Demokratie, sogar der Sex ist besiegt und zu einem bloßen Witzobjekt gemacht – und alle fühlen sich elender als jemals zuvor. Das, und nicht irgendwelche atheistischen Erkenntnisse, ist der Tod Gottes. Die Welt erweist sich als leer, es gibt keine befreienden Lösungen, der unendliche Ozean, in den alles münden und sich in Wohlgefallen auflösen könnte, ist versiegt.

Nietzsche hat diesen Zustand sehr schön in seinem bekannten und fast durchweg mißverstandenen Aphorismus vom „tollen Menschen“ aus Fröhliche Wissenschaft beschrieben:

Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, — ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? (…) Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? (…) Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? (…) Es gab nie eine größere Tat, — und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!

Doch seine Zuhörer schwiegen und blickten befremdet auf ihn:

Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Dieses ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert, — es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. (…) Diese Tat ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, — und doch haben sie dieselbe getan! (…)

Der Tod Gottes ist die Zerstörung der kompensatorischen Spiegelwelt, die auf der Spaltung der bioenergetischen Impulse in die Bereiche vor und nach dem Durchdringen des Panzers beruht. Der erstere Teil ist durch die Panzerung auf immer unzugänglich, wenn man von der alles durchdringenden „existentiellen Angst“ (dem nach innen gekehrten Lebenstrieb) absieht, und der zweite Teil wurde von der Aufklärung als Fata Morgana entlarvt. Was bleibt ist die Leere des Nihilismus – und die theoretische Chance die Zweiteilung aufzubrechen:

Der Narr mit der Laterne verkündet den Tod Gottes und erhält zur Antwort ein verächtliches und achselzuckendes „Na und?!“. Diesen Gleichgültigen wird das Lachen schon vergehen! Das Ereignis ist bereits eingetreten. Der definitive Tod aller Träume, aller Hoffnung, aller Theorien, aller Utopien. Das hypnotisierende Theaterspiel ist vorbei und über kurz oder lang werden die Menschen merken, daß die Lichter angehen. Dann werden sie dem folgen, der den Weg zum Ausgang weist. Das große, ungeheuerliche Geheimnis ist, daß der Mensch gepanzert ist. Er sitzt in der Falle.

Doch vorerst will niemand etwas von der Orgonomie wissen, weil sie den Tod Gottes verkündet. Sie ist die einzige Lebensanschauung, die das tut. Es geht nicht darum, daß die Orgonomie zu kompliziert ist oder so. Ich kenne Leute, die sich nach einem anstrengenden Arbeitstag den abwegigsten Hobbys hingeben, sich in ultrakomplizierte PC-Spiele einarbeiten und andere Sachen tun, für die ich einfach nicht die Nerven hätte. Nur an bestimmte Dinge darf man nicht rühren: für die ist nie Zeit, die sind immer viel zu verwickelt oder zu obskur.

Reich: „(…) man hört nicht gern, daß einem das Lebensglück zerbrochen wurde und man eine vertane Zukunft hinter sich hat“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 269). Die Botschaft der Orgonomie ist für die gepanzerten Menschen unerträglich. Das erinnert mich an Reaktion Nietzsches auf Stirner: er flüchtete sofort nach Schopenhauer: „Lebensglück ist eh Illusion“. Andere hauen sich lieber die Birne zu: egal ob mit Tekno-Musik oder „intellektuellem“ Gebrabbel.

Aber sind die meisten Menschen nicht ohnehin Atheisten? Das ist ja gerade das Problem! Wenn es einfach gar keinen Gott gäbe und nie gegeben hätte, wenn es nichts geben könnte, was hätte sterben können, dann gäbe es auch keine Tragödie. Gott hat sich als Illusion erwiesen und damit gut. Es wäre einfach nur „das Ende einer Illusion“. Das war Freuds Position, die Position der Existentialisten und neuerdings die Position etwa einer Richard Dawkins.

Gott ist tot – und alle sagen gelangweilt „Ah, ja?!“ Ganz anders ist es, den Menschen „zu verkünden“, daß es einen wirklichen Gott gab, sie diesen aber getötet haben (sich abpanzerten) und dann in eine illusorische Welt flüchteten. Dann bringt „das Ende der Illusion“ (sozusagen der erste Tod Gottes) so gut wie gar nichts. Es ist vollkommen gleichgültig, ob dieser illusorische Gott tot ist oder lebt. Ganz anders sieht es aus, wenn man erfährt, daß das alles nur Spiegelgefechte sind und daß wir tatsächlich durch unsere Abpanzerung Gott buchstäblich ermordet haben. Es ist eine wirkliche TRAGÖDIE geschehen.

Nietzsche selbst hat in seinem Aphorismus die beiden Ebenen nicht klar auseinandergehalten. Er ist sich zwar bewußt, daß der Tod Gottes unendlich tiefreichendere Implikationen hat, als die gewöhnlichen, vollkommen kontaktlosen „Atheisten“ glauben, doch glaubt er, daß wir nun durch den Mord in eine „höhere Geschichte“ eingetreten sind, d.h. der Mensch erst jetzt wirklich frei ist. Nietzsche glaubte nicht etwa an die Zerstörung der Panzerung, sondern ganz im Gegenteil an die „Zucht“, d.h. daß man aus der Panzerung etwas machen könne, ein höheres Sein, etwa so wie man aus einem Kind durch strenge Zucht einen musikalischen Virtuosen machen kann. Kaum ein anderer Philosoph steht Reich näher – und gleichzeitig ferner. Siehe dazu Der verdrängte Nietzsche.

Die Funktion der Religion

22. Januar 2012

In den letzten Jahren haben mich immer wieder Studien insbesondere aus dem tiefreligiösen Amerika irritiert, die gezeigt haben, daß religiöse Menschen seelisch gefestigter und glücklicher sind und auch in physischer Hinsicht gesünder. Derartige Erhebungen werden voll Begeisterung von der religiösen Rechten in Amerika hochgehalten. Das ist nicht gerade das, was man als „Reichianer“ hören will, hatte doch Reich vom Gegensatz von (sexuellem) Lebensglück und Mystik gesprochen.

Nun haben drei Forscher der Humboldt-Universität zu Berlin, der University of Southampton und von eDarling die anonymisierten Daten von über 200 000 Mitgliedern der besagten Partnervermittlung aus elf europäischen Ländern analysiert

Es stimme zwar, daß religiöse Menschen sich wohler in ihrer Haut fühlen, ein höheres Selbstwertgefühl zeigen und sich besser in ihr Umfeld integrieren als Nichtgläubige, aber dies träfe nur auf Länder zu, in denen die Religion gesellschaftliche Wertschätzung erfährt. In religiös gleichgültigen Ländern wie Deutschland, Frankreich und Schweden gäbe es deshalb praktisch keinerlei Unterschied im psychischen Wohlbefinden zwischen Atheisten und Gläubigen. Ganz anders sähe es hingegen in tiefreligiösen Ländern wie der Türkei, Polen und (so die Studie) Rußland aus. Jochen Gebauer, Mitautor der Studie:

Möglicherweise entsteht der positive Effekt des Glaubens auf unsere Gesundheit durch die Wertschätzung, die man als religiöser Mensch von seiner sozialen Umwelt erfährt. Eine hohe Wertschätzung von den Mitmenschen fördert das psychische Wohlergehen. Dieser Effekt bleibt natürlich aus, wenn Religiosität in der jeweiligen Gesellschaft keine besondere Bedeutung hat.

Gebauer drückt sich sicherlich so vorsichtig aus, weil die positive Wirkung der Religion bisher weitgehend zum wissenschaftlichen Konsens gehörte.

In einem Land wie Polen wird man unglücklich, wenn man nicht an Gott glaubt, während in einem religiös vollkommen gleichgültigen Land wie Schweden, der Glaube so gut wie keine psychischen Folgen hat. Es geht hier um die alles durchdringende gesellschaftliche Atmosphäre, die Nichtgläubige in Ländern wie Polen stigmatisiert und sich schlecht fühlen läßt, selbst wenn kein sichtbarer Druck ausgeübt wird.

Die nächste Frage sollte sein, ob die Menschen im weitgehend atheistischen Schweden weniger „ethisch“ miteinander umgehen als im ultrakatholischen Polen. Wohl kaum… Richard Dawkins hat in dieser Hinsicht auf klassische Weise einen Moslem zurechtgewiesen:

Ich kann mich noch gut an den brennenden Haß meines Vaters auf den überkommenen Katholizismus der Familie Nasselstein erinnern. Seine anhaltende Empörung, wie eine Cousine in seiner Jugend von der Verwandtschaft drangsaliert wurde, weil sie, da unehelich, ein „Kind der Sünde“ sei. Geradezu die Braut Satans! – Genau so müssen sich, wenn auch in homöopathischen Dosen, „Ungläubige“ in religiös verseuchten Ländern fühlen!

Gibt es denn wirklich nichts, was das Phänomen „Religion“ rechtfertigt? Zunächst einmal gab es bis zur Neuzeit niemals irgendwo auf dem Planeten eine religionslose Gesellschaft. Selbst anhand der kläglichen Überreste der sprichwörtlichen Neandertaler hat man überzeugende Hinweise für ein religiöses Leben ausmachen können. Es ist deshalb illusorisch Religion einfach so, a la Richard Dawkins, abschütteln zu wollen. Zweifellos ist die Religion tief in uns verankert und hat eine rationale Funktion.

Reich hat die heutige Religion als Ausdruck unbefriedigter Sexualität betrachtet. Deshalb sei sie von der Sexualunterdrückung abhängig. Sie sei aus einer Art „Urreligion“ hervorgegangen, in der das sexuelle und das religiöse Erleben eins gewesen seien. Später änderte sich Reichs Perspektive und er betrachtete insbesondere das Christentum als (durch die Panzerung verzerrten) Ausdruck des Erlebens der Orgonenergie im inneren des Organismus und im Kosmos. Atheisten würde dieser „kosmische Kontakt“ abgehen.

Das bedeutet offensichtlich nicht, daß dadurch beispielsweise Polen glücklicher und ethischer werden, es bedeutet jedoch, daß sie, wenn man das so ausdrücken kann, „besser im Raum verankert sind“. Religiöse Menschen kann man im wahrsten Sinne des Wortes nicht so einfach „herumschubsen“. Entsprechend war es den Russen unmöglich Polen zu „sowjetisieren“. Schließlich hat der polnische Katholizismus das Kartenhaus des Ostblocks zum Einsturz gebracht. Ähnlich sieht es mit dem Verhältnis des Westens zur islamischen Welt aus. Statt, daß wir sie verwestlichen, fangen sie ganz im Gegenteil an uns zu islamisieren. So war das nicht gedacht!

Das weitgehend atheistische Europa ist „haltlos verloren“.

Sozialdarwinismus (Teil 2)

3. September 2010

Daß die Wirtschaft von Liebe, Arbeit und Wissen regiert wird, hält Hans Hass für eine oberflächliche Illusion. Wie in der Natur stehen in Wirklichkeit „die einzelnen Erwerbskollegen, diese ‘Brüder’ und Teile in der gleichen Entwicklung, in einem erbitterten Kampf gegeneinander“ (Hass: Naturphilosophische Schriften, Bd. 3, München 1987).

Wer wollte bestreiten, daß dies einen Großteil des wirtschaftlichen Geschehens beschreibt! Doch kann man das ganze auch mit Reichs Augen sehen:

Die praktische Notwendigkeit der Arbeitsdemokratie erfordert, daß man vom wirklichen Charakter seines wirtschaftlichen Gegenübers absieht und sich nur um die objektiven Erfordernisse der Arbeit kümmert. Und auch man selbst kann nicht immer wahrhaftig sein, sondern muß praktisch ständig als Schauspieler auftreten. Das kann man ganz konkret beim Geschenkaustausch der Trobriander beobachten, die nie ihre wahren Gefühle zeigen; so tun, als würden ihnen die Geschenke nichts bedeuten, etc.

Dies heißt nicht, daß Ehrlichkeit in der Arbeitsdemokratie keinen Platz hat, – vielmehr sind wahrheitsfanatische Moralisten, die das Spiel verderben, stets pestilente Charaktere, – die nie ehrlich sind. Ehrlichkeit hat wenig mit Wahrheit zu tun, sondern vielmehr mit Anständigkeit. Anständigkeit bedeutet Rücksicht auf die Umstände zu nehmen, d.h. z.B. daß man die Wahrheit nicht unabhängig von den Umständen sagt, sondern – lügt („Notlüge“).

Die Lüge und Verstellung gehört genauso untrennbar zu einer funktionierenden Wirtschaft, wie sie zur sexuellen Zweierbeziehung gehört. Statt morgens zu sagen: „Du siehst aus wie ein aufgedunsener Leichnam!“ lügt man: „Meine kleine chinesische Jadepuppe!“ So verkörpert sich die Genitalität auch: durch Lug, Trug, Bestechung und Berechnung! Wie sollte es in der Wirtschaft anders sein. Es ist nicht fair, es ist Emotionelle Pest, dem Leben die moralische Elle anzulegen. Und es zeigt emotionale Unreife, an der lügnerischen „Grausamkeit“ des Lebens übermäßig zu leiden.

In Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus habe ich den Tausch im Wirtschaftsleben mit dem liebenden „Austausch“ in der Sexualität gleichgesetzt. Doch nach Hans Hass „sind Raub und Tausch nichts voneinander grundsätzlich verschiedenes.“ Diese Theorie entspricht einem typischen Charakterzug des Konservativen, für den der freiwillige arbeitsdemokratische Tauschprozeß ein Zeichen von Schwäche ist. Hierzu gehört auch, daß für Hass Diebe und Erpresser ebenfalls „gleichberechtigt“ als Energone betrachtet werden müssen. Er zitiert dazu den Volkswirtschaftler Werner Sombart:

Nach meiner Definition ist also Arbeit ebenso die Tätigkeit, die der Dieb aufwendet, um einen Einbruch auszuüben, obwohl sie (sozial) schädlich ist.

In Massenpsychologie des Faschismus hat Reich streng zwischen Arbeit und Nichtarbeit, „die den Lebensprozeß schädigt“, unterschieden.

Entsprechend der militaristischen „Zwangsorganisation“ Spencers, die durch die Notwendigkeit der Abwehr äußerer Feinde entsteht, ist für Hass sogar die arbeitsteilige Gemeinschaftsbildung an sich auf den Diebstahl bzw. auf dem Schutz vor ihm begründet, denn dadurch, daß die künstlichen Organe nicht mehr fest mit dem Körper verbunden seien, müsse man sie vor Raub schützen, brauche also die Kooperation mit anderen.

Für Hass ist „der Krieg der Vater aller Dinge“. Wobei er explizit in der Tradition von Konrad Lorenz steht.

Hass spricht davon, daß „manche in totalitären Staaten geläufige Betrachtungsweise gleichsam Sprachrohr der Lebensstrominteressen sind“: Ausmerzung lebensunwerten, funktionslosen Lebens! Erscheinungen wie die, daß manche Leute nicht angeborenermaßen empört darauf reagieren, wenn ein Kind mißhandelt wird, erklärt Hass damit, daß es „bereits eine Unzahl von ‘Abnormalitäten’“ gäbe, „besonders da die Heilkunst alles am Leben zu erhalten bemüht ist.“

Als konservativer Charakter scheint Hass, Jahrgang 1919, jenem Vorgang zum Opfer gefallen zu sein, den er selber wie folgt beschreibt:

In der Pubertät formen die Kinder ihre ethischen Ideale. Was ihnen in dieser Zeit aufgeprägt wird, können sie meist im späteren Leben nicht völlig überwinden.

Aus orgonomischer Sicht verfestigt sich in der Pubertät der Charakter endgültig und dazu gehört auch der soziopolitische Charakter. Hier hat Hass vollkommen recht, wenn er schreibt:

Wie sich allerorts und bei allen Rassen auf das deutlichste zeigt, können Jugendliche, die in dieser sensiblen Periode auf religiöse, doktrinäre oder ideologische Wertvorstellungen ausgerichtet werden, sich im späteren Leben nur schwer über solche hinwegsetzen, weil diese fest in ihnen verankert sind. Ja, sie wollen dies gar nicht – was deutlich zeigt, daß bei ihnen das so Geprägte zum integralen Ausdruck des Ichs und seiner höchstpersönlichen Neigung empfunden wird. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

In den letzten Jahren haben viele konservative Ideologen mit dem Begriff „egoistische Gene“ herumhantiert, um ihre sozialdarwinistischen Thesen wissenschaftlich zu fundieren. Dabei beriefen sie sich auf den englischen Zoologen Richard Dawkins. Nun hat aber ausgerechnet dieser Dawkins der traditionellen Evolutionstheorie des „Survival of the Fittest“ eine Theorie des „Überlebens des Kooperativen“ entgegengestellt.

Demnach zählt im Überlebenskampf die Kooperation weit mehr als der Konflikt. Das Konzept Dawkins ähnelt dem Reichschen Konzept der Arbeitsdemokratie. Beide beruhen darauf, daß man sich dem Mitlebewesen kooperationsbereit nähert.

Nach Hass ist ein rücksichtslos sich durchsetzendes Energon, das im Überlebenskampf mit einer ausbeuterischen Strategie vorgeht und die „dummen“ kooperativen Energone verdrängt, Anwalt der Interessen von Art und Lebensstrom. Jedoch hat Dawkins nachgewiesen, daß genau das Gegenteil wahr ist, nämlich daß jener, der seine Mitenergone auf dem Altar der angeblichen Interessen von Art und Lebensstrom opfert, überhaupt keine Überlebenschance hat – also Art und Lebensstrom schadet! In Wirklichkeit setzen sich jene durch, die der Tit for Tat-Strategie folgen: „Auge um Auge“, oder besser: Leben und Leben lassen!

Tit for Tat funktioniert wie folgt: Man geht innerhalb einer Lebensgemeinschaft nicht ausbeuterisch, sondern kooperativ auf ein Angebot ein. Betrachten wir in einer solchen Lebensgemeinschaft die Individuen A und B, wobei A einen lebensnotwendigen Dienst anbietet, den B, ohne Gegenleistungen zu geben, annimmt. B folgt also einer ausbeuterischen Strategie, verzeichnet einen beträchtlichen Energiegewinn und wird sich durchsetzen, während solche „sucker“ wie A zugrundegehen. In den kranken Hirnen von konservativen Ideologen funktioniert die Natur so, in Wirklichkeit aber geht natürlich nicht der kooperative A, sondern der ausbeuterische B zugrunde. Im natürlichen Ablauf der Dinge wird nämlich A, und auch sonst niemand, für B jemals wieder etwas tun, bzw. solange mit Sanktionen gegen B reagieren, bis auch B sich endlich anständig verhält.

Das ist das Grundgesetz der Natur:

  1. nähere dich einem anderen stets freundlich;
  2. reagiere auf die Freundlichkeit anderer ebenfalls freundlich;
  3. zahle jede Unfreundlichkeit sofort mit gleicher Münze heim; und
  4. verzichte auf jede Rache, wenn sich der Unfreundliche wieder freundlich verhält, d.h. lerne zu vergeben und zu vergessen.

Wie schon Nietzsche gesagt hat, gehört der Geist der Rache den niedrigen, nichtswürdigen Menschen. Das Böse kann nur dort gedeihen, wo man entweder immer die andere Wange hinhält oder wo man nicht vergeben kann. Verhielte sich jeder Mensch rational nach der Tit for Tat-Strategie, würde sich die Arbeitsdemokratie zwangläufig entfalten. Diese Überlegungen lassen sich wie folgt zusammenfassen (a = Strafe, b = Belohnung):

  1. „Christentum“ und liberaler Humanismus (masochistische Erduldung);
  2. Arbeitsdemokratie (Tit for Tat);
  3. Faschismus und Kommunismus (sadistische Rache).

Mit Hilfe des Tit for Tat können wir auch den Unterschied zwischen Arbeit und Antiarbeit schärfer fassen: Arbeit funktioniert immer nach den Gesetzen des Tit for Tat, während Antiarbeit diesen Gesetzen widerspricht.

Die zwei Seiten der mechano-mystischen Naturwissenschaft

26. Oktober 2009

Francis Crick entdeckte 1953 die DNS-Doppelhelix, wohl der verheerendste Triumph der mechanistischen Wissenschaft in der Lebensforschung. Gegen Ende seines Lebens versuchte der 2004 verstorbene Nobelpreisträger sein Lebenswerk der vollkommenen Mechanisierung des Lebendigen zu vollenden. Im britischen Nature Neuroscience behauptet er 2003, die menschliche Seele endlich dingfest gemacht zu haben: sie sei eine unaufhörliche chemische Reaktion von Nervenzellen in der Großhirnrinde. Crick:

Seele – das sind biochemische Prozesse, die unser Bewußtsein steuern.

Bereits im 19. Jahrhundert meinte der Zoologe Carl Vogt,

daß all jene Fähigkeiten, die wir unter dem Namen der Seelentätigkeiten begreifen, nur Funktionen der Gehirnsubstanz sind; oder, um mich einigermaßen grob hier auszudrücken, daß die Gedanken in demselben Verhältnis etwa zum Gehirn stehen wie die Galle zu der Leber oder der Urin zu den Nieren.

1942 meinte Reich dazu, daß jeder Versuch einer Erfassung der Empfindungen und seelischen Erlebnisse seit Jahrhunderten tabuisiert werde, so daß dem Menschen das Seelische „noch heute nur nebelhafte, mystische Gegebenheit“ sei oder allenfalls eine Sekretion des Gehirns und damit „nicht mehr als der Kot, der ein Exkret des Darms ist“ (Massenpsychologie des Faschismus, S. 299). Immer noch, sieben Jahrzehnte später, hart das Lebendige, „das Seelische“, der naturwissenschaftlichen Erforschung.

In England zürnten die Theologen und Ethiker über Crick wie zu Zeiten Darwins. Es ist bezeichnend, daß die gleichen Leute in hymnische Verzückung geraten, wenn es um die Quantenphysik geht. Man lese etwa den kurzen Text: Quantenphysiker entdecken die Seele (Das menschliche Bewußtsein könnte den Tod überdauern) auf einer theologischen Weltnetzseite.

Konkret geht es um die „Verschränkung“ auf der Ebene der Quanten: Teilchen, die einmal in Wechselwirkung getreten sind, bleiben über Raum und Zeit miteinander verbunden. Wenn man das mit dem angeblichen „Urknall“ verknüpft, als alles noch „eins“ war und sich dann getrennt hat…. Mystischer kann man gar nicht denken als die extrem mechanistischen Physiker! Entsprechend argumentieren manche von ihnen, daß Geist und Seele den Körper überdauern könnten.

Nichts sagt mehr über den gegenwärtigen Zustand der Naturwissenschaft aus, als daß angebliche „Lebenswissenschaftler“ (Biologen) wie zur Zeit Richard Dawkins einen fundamentalistischen Atheismus auf der Grundlage eines extrem mechanistischen Weltbildes propagieren, während ausgerechnet die „Todeswissenschaftler“ (die Quantenphysiker, die schließlich die Atomwaffen entwickelt haben) sich bei ihren poetischen Ergüssen gar nicht mehr einkriegen. Der erwähnte theologische Artikel zitiert den amerikanische Physiker Jack Sarfatti:

Nichts geschieht im menschlichen Bewußtsein, ohne daß irgendetwas im Universum darauf reagiert. Mit jedem Gedanken, jeder Handlung beschreiben wir nicht nur unsere eigene kleine Festplatte (!), sondern speichern auch etwas im Quantenuniversum ab, das unser irdisches Leben überdauert.

Man lasse sich jedoch nicht täuschen. Beide Ansätze, der von Crick und Dawkins auf der einen und der von Sarfatti auf der anderen Seite, sind eng miteinander – verschränkt.

Anhand der grundsätzlich unterschiedlichen Orientierung von Reichs „sexualökonomischer Lebensforschung“ in den 1930er Jahren und der zeitgleichen Entwicklung der Mikrobiologie, die in der Entdeckung der DNS gipfelte, läßt sich besonders gut der Mechano-Mystizismus der gegenwärtigen Wissenschaft festmachen. Die Entdecker der Todesenergie (Radioaktivität) drangen in die Biologie ein und „mechanisierten“ sie, während andererseits der Entdecker der Lebensenergie (Orgon) von der Biologie her in de Physik eindrang und sie „funktionalisierte“. Die Kernspaltung hier, die kosmische Orgonenergie dort; die Gene hier, die organismische Orgonenergie dort.

Die Molekularbiologie seit Mitte der 1930er Jahre wurde von ehemaligen Physikern wie z.B. Max Delbrück geprägt, einem Schüler des bedeutenden Quantenphysikers Max Born. Leute wie Delbrück suchten nach neuen damals der Physik noch unbekannten Gesetzen, trugen dabei jedoch das physikalisch-mechanistische Denken in die Biologie. Tatsächlich taten diese Physiker kaum mehr als das seit Aristoteles in der Biologie zumindest implizit vorherrschende teleologische Denken, d.h. das Denken vom Ziel und Zweck her („…, um zu …“) durch ein „teleonomisches“ Denken zu ersetzen.

Nach Ernst Mayr (Evolution und die Vielfalt des Lebens, Heidelberg 1979) können Vorgänge (Verhaltensweisen) deren Zielgerichtetheit durch ein Programm gesteuert ist, teleonomisch genannt werden. Das „Programm“ ist natürlich die DNS, die Delbrück mit Aristoteles’ „Seele“ gleichgesetzt hat. Danach bietet dieses eidos (der „unbewegte Beweger“) „eine perfekte Beschreibung der DNS: sie handelt, schafft Form und Entwicklung und unterliegt doch selbst keinerlei Veränderung bei dem Vorgang.“

Das Neue, was Leute wie Delbrück brachten, war die Überwindung des „teleomatischen“ Prinzips, das bis dahin die Physik geprägt hatte. Mayr:

Vorgänge, die einen Endzustand erreichen, der durch Naturgesetze (z.B. die Schwerkraft, der erste [gemeint ist wohl der zweite, PN] Hauptsatz der Thermodynamik), nicht aber durch Programme diktiert ist, können wir mit dem Ausdruck teleomatisch bezeichnen.

Der „Endzustand“ ist natürlich die maximale Entropie, der Wärmetod des Universums. Denkt man jetzt mit dem orgonomischen Potential als Leitfaden das Problem zurück, erkennt man, wo die Antwort, die die Physiker in der Biologie suchten, zu finden ist:

Die Natur folgt orgonomischen Funktionsgesetzen und kennt weder „ideale Zwecke“ (Mystizismus) noch „Programmziele“ (Mechano-Mystizismus).

laborgonon


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 31 Followern an