Zur Befreiung vom Gesetz und zum Zusammengehen von Mensch und Gott tritt als Drittes die Rückkehr zur Himmelskönigin hinzu. In der Kabbala wird die Schechina (die Herrlichkeit Gottes) als „Himmelsmutter“ bezeichnet und nimmt eine ganz zentrale Rolle ein. In Sabbatais persönlichem Leben war es Sara, seine Maria Magdalena.
Sara war als Sechsjährige bei den Chmelnizkij-Massakern verwaist, wurde von einem Kloster aufgenommen, floh mit 10 aus den Klostermauern. Sie wurde von Juden nach Amsterdam gebracht, wo sie verkündete, sie wäre als Frau für den Messias bestimmt. Von dort kam sie nach Livorno, um „des Messias Braut zu werden“. Als Zwi davon hörte, ließ er sie zu sich nach Kairo holen und heiratete sie. Es hieß wohl in der jüdischen Gemeinde, sie habe sich als Prostituierte durchgeschlagen, doch Zwi behauptete, gerade dies sei messianische Fügung, daß er wie der Prophet Hosea eine unzüchtige Frau heimführe (Heinrich Graetz: Volkstümliche Geschichte der Juden, Bd. VI, München 1985, S. 57f).
Hier könnte man jetzt nach Manier von Reichs Christusmord Zwi als Genitalen Charakter darstellen. Doch Zwi war (wie auch Jesus?!) nach allem, was wir wissen, ein impotenter, homosexueller und psychotischer Modju mit einer unglaublich charismatischen Ausstrahlung, wie sie dieser Charakterstruktur eigen ist. Abertausende von Juden hat er mit seinen leeren Versprechungen in den Ruin, in die seelische Verzweiflung und in den Tod getrieben und wären nicht ein paar wenige konservative Rabbiner bei Verstand geblieben, hätte er beinahe das durch Inquisition und Chmelnizkij-Aufstand bereits geschwächte Judentum vollends vernichtet. Was sein messianisches Pendant Jesus wohl zu seiner Zeit alles angerichtet hat! Und inwieweit ist Jesus für die Zerstörung Israels durch Titus verantwortlich?! Zwi war der charakterliche Todfeind der Genitalität. Ist dies, wenn man es auf Jesus überträgt, die einfache Lösung des Rätsels, von dem Reich in Christusmord (S. 82) spricht: wieso sich auf der Grundlage des vorgeblich genitalen Lebens Christi eine antigenitale Kirche hat entwickeln können?
Zwis Charakter zeigte sich nicht nur in seinem Verhalten, sondern auch in seiner Lehre, die darauf beruhte, man müsse zuerst ins Böse hinabsteigen, um zu spiritueller Freiheit gelangen zu können. Dieser Abstieg in die Mittlere Schicht erzeugt aber nichts als unheilvolles Chaos, wie ja die Geschichte des Sabbatianismus gezeigt hat, ebenso auch alle folgenden revolutionären Bewegungen insbesondere der Marxismus, die pervertierte säkulare Form jüdisch-christlichen Messianismus.
Besonders schlimm trieb es Jakob Frank (1726-1791) aus Ostgalizien, wo 150 Jahre später Reich geboren werden sollte. Frank stammte aus einer Sabbatianischen Familie und begründete als „Reinkarnation“ Sabbatai Zwis eine abgewandelte Form des Sabbatianismus. Er lebte ein noch verruchteres, noch lügnerisches Leben als Zwi, da eine verruchte Zeit der messianischen Zeit vorangehen sollte.
Beide wollten das rabbinische Judentum auflösen und den Talmud vernichten. Frank nihilierte das gesamte Judentum durch Übertretung aller guten Sitten, aller Gebote und Verbote, selbst der Inzestschranke.
Dabei mischten sich uralte vorderasiatische, matriarchalische Kultkomponenten mit hinein. Die Anhänger Jakob Franks umtanzten bei ihren Sexorgien auf der Basis der Promiskuität zugleich ein nacktes Frauenzimmer, das sie für die weibliche Hypostase der Gottheit hielten. (Salicia Landmann Jesus und die Juden, München 1987, S. 207)
Aus der Schechina Gottes wurde die lebendige „Matronita“, Franks Tochter Eva, die die Frankisten bei ihren Riten anbeteten.
Frank erklärte das Gesetz für tot und stattdessen die „Heiligkeit der Sünde“. Nach alter gnostischer Theorie waren die „Heiligen Funken“ in der Welt verschüttet worden und nun gelte es, sie wieder einzusammeln, indem man sich der Verderbnis ganz hingebe und sie so dialektisch aufhebe. „Durch die Sünde würde die Errettung kommen. Aus dem großen Sünden würde eine Welt hervorgehen, in der es keine Sünde mehr gäbe“ (David Bakan: Sigmund Freud and the Jewish Mystical Tradition, Princeton 1958, S. 107). Dies ist natürlich die Theorie aller modernen religiösen oder säkularen terroristischen Ideologien.
Als die Rabbiner sich gegen Jakob Frank wandten, den Bann aussprachen und sogar erfolgreich versuchten, die katholische Inquisition auf diese „neue Sekte“ aufmerksam zu machen, diente sich Frank in Notwehr der Katholischen Kirche an und rächte sich blutig, indem er Greuelmärchen über den Inhalt des Talmuds verbreitete. Es würde Christenmord und der Gebrauch von Christenblut vorgeschrieben. Im übrigen seien er und seine Anhänger mit ihrem sabbatianischen Glauben beinahe auch schon Christen, – was ja stimmte. Sie behaupteten, der Sohar lehre die Dreieinigkeit und daß eine Person der Gottheit Fleisch geworden sei. Schließlich nahmen sie 1759 den christlichen Glauben ganz an. Als besondere Vergünstigung für getaufte Juden wurden sie vom polnischen Adel adoptiert und übernahmen so adlige Familiennamen. Heimlich glaubten sie aber weiter, daß sich die besagte Person der Gottheit in allen Messiasanwärtern, also nicht nur in Jesus verkörpert habe und daß nun Frank der „Heilige Herr“ sei. Nach der Taufe blieben sie eine geschlossene Gruppe und heirateten nur untereinander.
Dabei handelte Frank nach dem Vorbild von Zwi, der als jüdischer Messias aus Angst vor dem vom türkischen Sultan angedrohten Foltertod zum Islam übergetreten war. Die islamischen Nachfolger der Sabbatianer, die selbst diese Charakterlosigkeit als messianisch akzeptierten, waren die 1683 in Saloniki formierten jüdischen Moslems „Dönmeh“, die eine geschlossene Gruppe bildeten, da sie nur untereinander heirateten. So lebten die Ideen Zwis in einer moslemischen Sekte fort.
Aus den katholischen Frankisten ging z.B. als Nachkomme der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz hervor, der das geteilte Polen mit dem leidenden Christus gleichsetzte. Landmann:
Ich zweifle daran, daß man an polnischen Schulen diese Wurzeln des polnischen Nationalismus in einer ketzerischen, pseudomessianischen jüdischen Bewegung der Jugend offenbart. Aber trotzdem beschäftigt man sich im heutigen sozialistischen Polen intensiv mit dem Frankismus. Als nämlich die Französische Revolution losbrach, kamen etliche von Franks Adepten zur Überzeugung, in Paris breche die eigentliche und wahre Welterlösung an, sie zogen nach Frankreich, nahmen an den revolutionären Auseinandersetzungen auf Seiten der Aufständischen teil, und einer von ihnen starb, gleichzeitig und zusammen mit Robespierre, auf der Guillotine. (S. 215)
Landmann weiter:
Im heutigen sozialistischen Polen zelebriert man aber etliche Frankisten, die den religiösen Background der Lehre ihres Meisters preisgaben, zur Überzeugung gelangten, daß die Französische Revolution die Welterlösung einleite, und für sie kämpften und starben. Durchaus richtig erkennen die polnischen sozialistischen Ideologen in diesen revolutionären Frankisten Vorläufer von Karl Marx, der von der Weltrevolution unter sozialistischem Vorzeichen das endzeitliche Paradies auf Erden erwartete. (S. 216)
Die religionsgeschichtliche Forschung hat gezeigt, daß Sabbatai Zwi und Jakob Frank als Vorläufer von Theodor Herzl große Bedeutung haben. Frank und seine Anhänger vollzogen eine äußerliche Massenkonversion zum Katholizismus in der Hoffnung, im Bunde mit Rom das messianische Reich aufzurichten. Und Zwi suchte die religiöse und nationale Wiedergeburt von Israel zu fördern, indem er seine Anhänger dazu aufforderte, durch äußerlichen Übertritt zum Islam die Sultanswürde in jüdische Hand zu bringen, um dann ein neues Israel errichten zu können. Aus den Reihen der Dönmeh ging um die Jahrhundertwende der türkische Minister Dschawid Bey hervor. Er war in der türkischen Regierung, mit der die Zionisten erfolgreich über erste Niederlassungen in Palästina verhandelten. So schloß sich der Kreis.


