„Reichianer“, die mich immer wieder von neuem auf die ungeheure Bedeutung von Karl Marx für Reichs Werk hinweisen, bringe ich gerne mit einer Frage und einem Hinweis aus dem Konzept.
- Zwar spricht Reich selbst von diesem Einfluß, insbesondere in Menschen im Staat, aber ich könne ihn jenseits dieser Behauptung nirgends ausmachen. Wo schlägt sich denn der Historische Materialismus Marxens genau in der Orgonomie nieder? Erst recht die Arbeitswertlehre?! Reichs sozialpsychologische Konzepte und das Konzept der Arbeitsdemokratie haben sich entwickelt, weil die Marxschen Voraussagen hinsichtlich des Verhältnisses von „Unterbau“ und „Überbau“ sich in keinem einzigen Punkt bewahrheitet haben. (Die Bedeutung von Friedrich Engels und dem Dialektischen Materialismus wollen wir hier draußen vor lassen!)
- Ein ganz anderer Denker hat unübersehbare Spuren in Reichs Werk hinterlassen. Ein Mann, dessen Erwähnung die besagten „Reichianer“ ganz und gar nicht goutieren, den sie teilweise sogar verabscheuen: Lenin! Werke wie Die Massenpsychologie des Faschismus („subjektiver Faktor in der Geschichte“!) und Was ist Klassenbewußtsein? sind ohne ihn schlicht undenkbar. Insbesondere zeigt sich aber der ungeheure Einfluß Lenins auf das Reichsche Werk anhand der organisatorischen Struktur der Orgonomie angefangen bei der „Sexpol“ bis zur heutigen Orgonomie.
Das ist mir bei der Lektüre des wirklich sehr empfehlenswerten Buches Karl Motesiczky 1904-1943 von Christiane Rothländer von neuem aufgegangen. (Bei dieser Gelegenheit ist mir auch ein schwerwiegender Fehler in diesem Blog aufgefallen: Reich hat sich definitiv mit Trotzki getroffen!)
Rothländer zufolge war der erste Schritt zum Aufbau einer internationalen Sexpol-Organisation die Gründung der Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie im April 1934 (ebd., S. 161). Dabei orientierte sich Reich an Lenins Schrift Womit beginnen? von 1901:
- muß jede revolutionäre Partei zunächst eine Zeitschrift ins Leben rufen.
- dient dieses Kampforgan der Propaganda nach außen und dem organisatorischen Aufbau und Zusammenhalt nach innen.
- dient es einerseits der politischen Erziehung der Massen und bietet diesen gleichzeitig ein Forum, um auf gesellschaftliche Mißstände aufmerksam zu machen.
- bildet das Kampforgan das Gerüst der sich entwickelnden Organisation, anhand dessen sie sich „entwickeln, vertiefen und erweitern“ kann.
- bildet das Kampforgan die ideologische Führung der Organisation, hinter ihr steht eine engumgrenzte zentrale Gruppe, der Führungskader.
- wird ein Netz „örtlicher Vertrauensleute“ aufgebaut, die mit dem Führungskader in persönlicher Verbindung stehen (ebd., S. 167f).
Nach diesem Muster formierte sich Mitte der 1930er Jahre in Skandinavien die Sexpol als geschlossene Organisation – und 30 Jahre später das American College of Orgonomy (ACO) in Amerika.
Rothländer führt aus (ebd., S. 172-177), daß zwei Besonderheiten die Sexpol vom originalen Konzept Lenins abhoben:
- versuchte sie so weit wie möglich unbürokratisch zu sein (in Reichs späterer Begrifflichkeit „arbeitsdemokratisch“) und verzichtete deshalb weitgehend auf Statuten, formale Hierarchien, „Parteigerichtsverfahren“, etc.
- entsprach es der Natur der Reichschen Arbeit, die sich aus der Psychoanalyse heraus entwickelt hatte, daß jeder, der im Namen der Organisation sprechen und agieren wollte, nicht nur eine entsprechende Schulung durchlaufen haben mußte, sondern vor allem auch eine Therapie. Es reichte nicht, daß die besagte Therapie („Umstrukturierung“, wie es schon damals hieß) bei irgendeinem Psychoanalytiker (inklusive ehemaligen Schülern Reichs!) durchgeführt wurde. Vielmehr mußte der Kandidat zu Reich selbst oder einem der gegenwärtig von Reich selbst ausdrücklich anerkannten Schüler gehen.
Beides führte, wie Rothländer überzeugend ausführt, zur Erstarrung und Isolierung der Sexpol.
- Ein geregeltes Parteileben hätte zwar, so Rothländer, eine gewisse Bürokratisierung mit sich gebracht, aber so wären auch die Voraussetzungen für eine innerparteiliche Demokratie, „Fraktionsbildung“ und eine „ideologische“ Weiterentwicklung, die nur aus solchen innerparteilichen Kämpfen hervorgehen kann, gegeben gewesen. Gerade wegen der Vermeidung von „Bürokratie“ („Gesetzlichkeit“) entwickelte sich eine auf Willkür beruhende autoritäre Organisation, in der alles auf Reich persönlich ausgerichtet war.
- Weiter verschärft wurde dies durch das Patient-Therapeut-Verhältnis und nicht zuletzt die dadurch sehr begrenzte Aufnahmekapazität der Organisation. Schulungen können schnell und weitgehend ohne Rücksicht auf die Person erfolgen. Die „charakterliche Umstrukturierung“ war auf wenige beschränkt, von denen wiederum nur einige die Therapie erfolgreich abschließen konnten und dafür einen ungeheuren (nicht zuletzt finanziellen) persönlichen Aufwand betreiben mußten.
Gewisserweise hat Reich Lenins Konzept weiter zugespitzt.
Wenn man die Geschichte des ACO verfolgt, hat sich hier alles so wiederholt, wie Rothländer es für die Sexpol ausführlich beschreibt. Elsworth F. Baker, der Ende der 1940er Jahre von Reich damit beauftragt worden war, eine neue Generation von Medizinischen Orgonomen auszubilden, erkannte als Ausbildung nur die Therapie bei ihm selbst bzw. bei dazu von ihm ausdrücklich dazu autorisierten Therapeuten an. Zunächst wurde das Journal of Orgonomy ins Leben gerufen, erst dann das ACO. Das ACO war eine arbeitsdemokratische Organisation, wurde aber letztendlich einzig und allein von Baker dominiert. „Abweichungen“ wurden nicht ausdiskutiert, sondern führten unmittelbar zum Verlassen der Gruppe. „Fraktionsbildungen“ endeten zwangsläufig in einer sofortigen Spaltung. Der Tod Bakers führte zu weiteren Mitgliederverlusten.
Und dies obwohl der Gründer des ACO, ein selbst für amerikanische Verhältnisse erzkonservativer Mann, denkbar weit von jedem linken, gar „Leninistischen“ Gedankengut entfernt war. Er hat einfach das weitergeführt, was ihm Reich mit seinem „Orgone Institute“, der „Wilhelm Reich Foundation“, etc. vorgelebt und in seinen Schriften festgelegt hatte. Kritiker des ACO wissen zumeist gar nicht, was sie da eigentlich kritisieren. Das, weniger der Inhalt ihrer Anwürfe, macht es so schwer sie ernst zu nehmen, wenn sie etwa an die „Arbeitsdemokratie“ (bzw. das, was sie dafür halten!) appellieren oder entsetzt sind, wenn die Therapie bei „irgendeinem“ Orgontherapeuten nicht als solche anerkannt wird. (So als wenn das zu Reichs Zeiten anders gewesen wäre!)
Was ist die Alternative? Nach Reichs Tod hat es diverse mehr oder weniger informelle, d.h. dezidiert „nicht-Leninistische“ „orgonomische Gruppen“ gegeben, die sich parallel, teilweise in ausgesprochener Opposition zum ACO gebildet haben. Deren Grundproblem war und ist, daß sie, wenn man so sagen kann, „gar nicht existieren“. In der Öffentlichkeit, selbst der „orgonomischen Öffentlichkeit“, sind sie so gut wie gar nicht präsent. Das, was sie vertreten, ist teilweise mehr als fragwürdig, denn sie haben die Tendenz die Orgonomie bis zur Unkenntlichkeit zu verwässern. Sie sind damit in doppelter Hinsicht ein Beispiel für das, was Reich und Baker mit ihren „Leninistischen“ Organisationsprinzipien vermeiden wollten: den Wärmetod der Orgonomie.
Es geht m.E. kein Weg an drei Elementen vorbei, ohne die die Orgonomie sozusagen als „Signal“ im „allgemeinen Rauschen“ untergehen wird:
- ohne Organisation ist die Orgonomie nur „ein Konzept von vielen“, nur ein weiterer „alternativer Ansatz“.
- eine solche Organisation kann nur aus einem regelmäßig erscheinenden Organ hervorgehen und von diesem getragen werden.
- das Organ und damit die Organisation muß Sprachrohr einer zentralen Führungsgruppe sein.
Die Gefahr einer „Erstarrung“ sehe ich nicht. Ganz im Gegenteil: mit ein oder zwei Ausnahmen kann ich mich an überhaupt keine wie auch immer geartete Weiterentwicklung der Orgonomie außerhalb des ACO erinnern. Die Gefahr liegt ganz woanders: ein pestilenter Charakter (Emotionelle Pest) könnte sich an die Spitze der Orgonomie setzen. Immerhin ist es jedoch so gut wie ausgeschlossen, daß ein solcher eine Orgontherapie anfängt, geschweige denn erfolgreich durchläuft (ich spreche hier nicht unbedingt von orgastischer Potenz, sondern von der Meisterung eines Großteils der persönlichen neurotischen Probleme!), und außerdem wird es mit Sicherheit nach Reich und Baker keine „zentrale Persönlichkeit“ mehr in der Orgonomie geben. Angesichts des Wesens der Orgonomie (bzw. des Wesens ihres Forschungsgegenstandes, der organismischen und kosmischen Orgonenergie) ist eine „Formalisierung“, „Bürokratisierung“ keine Option.
Selbstverständlich ist das alles „abstrakt betrachtet“ suboptimal, aber leider bewegt sich die Orgonomie in Feindesland. Die gepanzerte Gesellschaft will die Orgonomie nicht – und die Orgonomie will diese gepanzerte Gesellschaft nicht. Unter solchen Umständen die Orgonomie anders „betreiben“ zu wollen, als Reich und Baker es getan haben, nämlich „liberal und offen“, ist naiv, selbstmörderisch – und letztendlich pestilent, weil so die Kinder der Zukunft keinerlei Chance haben. Die Orgonomie befindet sich in der gleichen Situation wie die Sozialdemokratie in Rußland Anfang des letzten Jahrhunderts.



