Mit ‘Orgon’ getaggte Artikel

Was ist Orgonenergie?

3. Juni 2012

Wie in Erstrahlung, Überlagerung und Relativität ausgeführt, gibt es nicht etwa eine unüberschaubare Anzahl von verschiedenen Arten Energie, sondern prinzipiell nur Lageenergie („potentielle Energie“) und Bewegungsenergie („kinetische Energie“). Bewegungsenergie steckt beispielsweise im Wind, der zur Erzeugung sogenannter „Windenergie“ genutzt wird. Diese „Windenergie“ läßt sich speichern, beispielsweise indem man mit ihr Wasser aus dem Tal hinauf in hochgelegene Staubecken pumpt. Bei Windstille kann man dann das Wasser ins Tal stürzen lassen, um so Turbinen anzutreiben (sozusagen „Wasserenergie“). Die im Stausee gespeicherte Energie nennt sich „Lageenergie“. Sie kann dort (mal abgesehen vom Versickern und Verdunsten des Wassers) beliebig lange ruhen. Tatsächlich ist wirklich alles, was um uns herum „ruht“, d.h. die Materie, Lageenergie bzw. Ruheenergie (eine Gleichsetzung, die ich im eingangs verlinkten Artikel erkläre). Man denke etwa an die Energie, die frei wird, wenn wir Holz verbrennen. Da es ansonsten (gelinde gesagt) sehr schwer ist, die in der Materie gebundene Energie freizusetzen, macht es Sinn zwischen Materie und Energie zu unterscheiden. Aber „im Grunde“ gibt es wirklich nur Bewegungsenergie und Lageenergie!

Wo bleibt da Platz für die von Reich entdeckte „Orgonenergie“? Ist sie wirklich nur eine besondere Art von „Plasma“, wie manche behaupten? Etwas „Feinstoffliches“? (Was immer das auch sein soll!) Handelt es sich um „Skalar-Wellen“, die „Nullpunktenergie“ oder was immer sonst Physiker anzubieten haben?

Reich zufolge hat die Orgonenergie folgende Eigenschaften, die offensichtlich unvereinbar mit den vorgeschlagenen „Erklärungen“ sind:

  • Sie ist primordial, d.h. vor und unabhängig von Materie vorhanden. „Windenergie“ kann es beispielsweise ohne die Gasmoleküle, aus denen sich die Luft zusammensetzt, nicht geben. Orgonenergie hingegen ist massefrei.
  • Sie ist die Lebensenergie, d.h. sie bewegt sich spontan ohne äußeren Anstoß und dem „orgonomischen Potential“ gemäß, sie fließt sozusagen „aufwärts“. Es wäre etwa so, als würde das Wasser aus dem obigen Beispiel von selbst vom Tal ins Staubecken hochfließen und sich so spontan Bewegungs- in Lageenergie umwandeln.
  • Im Gegensatz zur „sekundären Energie“ bewegt sich diese „primäre Energie“ langsam und „kurvig“. Man denke beispielsweise daran, wie sich nach und nach eine Wolke bildet und plötzlich ein Blitz (sekundäre Energie) aus ihr hervorbricht.
  • Die Orgonenergie bildet ein den ganzen Raum lückenlos ausfüllendes Substrat und ähnelt in dieser Hinsicht dem früher postulierten „Äther“.

Die Orgonenergie ist schlichtweg die Energie, die letztendlich die Lageenergie erzeugt, aus der sich wiederum die kinetische Energie befreien kann. In Die kosmische Überlagerung beschreibt Reich, wie sich die Materie aus der spiralförmigen langsamen Überlagerung von primordialer Energie bildet. Was danach geschieht, wird zu einem Gutteil von der Schulphysik beschrieben. Ein „Rest“ bleibt, denn natürlich verwandelt sich nicht alle primordiale Energie in Materie. Dieser „Rest“ ist für die atmosphärischen und biologischen Phänomene verantwortlich, die Reich beschrieben hat.

Materie und die mit ihr verbundene sekundäre Energie sind nichts anderes als hochkonzentrierte Orgonenergie. Sozusagen „Orgonenergie auf höherer Ebene“. Abstrakt betrachtet haben wir ein „Substrat“ (den „Orgonenergie-Ozean“, den „Äther“, die „Nullpunktenergie“), aus dem sich aufgrund des „orgonomischen Potentials“ spontan „Orgonenergie-Einheiten“ bzw. „Orgonenergie-Ströme“ konzentrieren, aus denen dann wiederum die „höhere Ebene“ aus Materie und sekundärer Energie hervorgeht.

Das ganze wird von Reichs Darstellung des „Orgonenergie-Metabolismus“ in Äther, Gott und Teufel beschrieben:

Was ist Orgonenergie? Der „blaue Bereich“! Dieser setzt sich aus zwei Unterbereichen zusammen:

  1. Die mechano-mystische Weltanschauung geht davon aus, daß sich ein gottgegebenes Kapital aus Lageenergie nach und nach in Bewegungsenergie auflöst. Genauer gesagt in ungeordnete Molekularbewegung, d.h. „Wärmeenergie“. Das ist der berüchtigte „Wärmetod des Universums“. Es entspricht dem „mechanischen Potential. Der Funktionalismus kennt zusätzlich das „orgonomische Potential“, womit „Gott“ aus der Gleichung verschwindet.
  2. In der relativistischen Physik ist an sich gar kein Platz für die Größe Energie. Da der universelle Bezugsrahmen fehlt, ist Lageenergie prinzipiell eine Sache der Definition. Erst das Orgonenergie-Substrat (die „Nullpunktenergie“) macht die Definition von Lageenergie („Stand über Normalnull“) überhaupt sinnvoll.

Mystiker und Psychotiker nehmen intuitiv und auf verzerrte Weise diese sozusagen in schwarz („Materie“) und blau („Orgonenergie“) gespaltene Welt wahr, bzw. sie nehmen die „blaue Welt“ jenseits der „schwarzen Welt“ wahr und sprechen dann, je nach dem Ausmaß ihrer Störung, von „Gott“, „Geistern“, „Engelwesen“, „dem Jenseits“, „der Anderswelt“, „der geistigen Welt“, „der feinstofflichen Ebene“, „übernatürlichen Wirkstrukturen“, „der Astralebene“, etc. Das manche Möchtegern-Orgonomen das gleiche tun, mag tragisch und zutiefst lächerlich sein, ist aber in einer gepanzerten Welt wohl unvermeidlich. Man soll sich über Irre nicht lustig machen!

Zu diesen Ausführungen gibt es auch teuflisch geilen Sex!

Berliner „Orgonomie“

2. Juni 2012

Es wäre einiges zu dem zu sagen, was anläßlich des 100sten Geburtstags Wilhelm Reichs, also um das Jahr 1997 vorgefallen ist. Zentral war die Ausgabe der „Spätschriften“ Reichs durch den Frankfurter Verlag Zweitausendeins. Spiritus rector des ganzen Unterfangens war der umtriebige, leider mittlerweile verstorbene Arzt Heiko Lassek. Demnächst wird er uns posthum mit einem von ihm betreuten Spielfilm über Wilhelm Reich beglücken. Plot (wenn ich das richtig mitbekommen habe): Reichs letzte Frau, Aurora Karrer, war CIA-Agentin…

Es wird uns ein selbstgeschnitzter „Wilhelm Reich“ präsentiert, genauso, wie uns eine selbstgeschnitzte „Orgonomie“ aufgetischt wird.

Damals machte ich abends das Radio an und hörte zufällig im Kölner Deutschlandfunk ein aufgezeichnetes Interview mit Lassek, der über seine guten Erfolge mit dem Orgonenergie-Akkumulator (ORAC) berichtete. Danach wurde Bernhard Harrer interviewt, der damals als der „Berliner“ Experte in Sachen Orgon-Physik galt. Er, Harrer, könne alles im Rahmen der Naturwissenschaft erklären, denn jeder Mensch würde sich wegen der besonderen Materialeigenschaften der Innenwände in einem ORAC anders fühlen als anderswo. Harrer sei auch in den letzten Jahren aufgefallen, daß Reichs Orgon-Begriff immer mehr von der Esoterik in Beschlag genommen würde, was gar nicht Reichs Intentionen entspräche, der sich immer als Naturwissenschaftler verstanden habe und den man durchaus als einen „knallharten Materialisten“ betrachten könne:

(…) bis heute überlebt haben viele von Reichs Ideen. Nach einem kurzzeitigen Popularitätshoch während der Studentenbewegung – der Autor von Die Funktion des Orgasmus wurde zu einem Ahnherren der sogenannten sexuellen Revolution – taucht sein Name jetzt häufig in der alternativmedizinischen Szene auf. Grund dafür ist Reichs sogenannter „Orgonakkumulator“, eine Konstruktion aus Holz und Metall, in der nach Reich eine höhere Orgonkonzentration zu verzeichnen ist. Heiko Lassek ist der Ansicht, daß das Gerät heilende Wirkung haben kann: „Es gibt unzählige Menschen, die solche Geräte benutzen und die lesen jetzt nicht unbedingt 30 Bücher von Wilhelm Reich, sondern ihr Knie wird besser, ihr Rheuma wird besser, ihre Schmerzen lassen nach und sie benutzen es einfach als Anwender.“ Daß die heilende Wirkung der Orgonenergie zuzuschreiben ist, bezweifelt Bernhard Harrer. Die auftretenden Phänomene hätten ganz normale naturwissenschaftlich erklärbare Ursachen. „Metallblech hat eben ein fast ideales Wärmereflexionsvermögen. Und dieser Unterschied führt, bei allen bisher durchgeführten Experimenten, dazu, daß sich eben ein Mensch in einem Orgonakkumulator immer ein Stück anders fühlen wird als in einer Vergleichskiste.“ Orgonapparate kann man mittlerweile über den Versandhandel beziehen. In den letzten Jahren hat Bernhard Harrer sogar das Entstehen einer Szene beobachtet, die den Orgonbegriff in einer sehr mystisch-esoterischen Form verwendet. „Da werden auf Esoterik-Messen beispielsweise Orgon-Tees verkauft oder Orgon-Tücher oder Geräte verschiedenster Art, die mit dem Reichschen Orgon-Begriff überhaupt nichts zu tun haben.“ Für Bernhard Harrer vertragen sich Esoterik und Wilhelm Reich nur sehr schlecht, dafür sei Wilhelm Reich dann doch zu sehr Naturwissenschaftler gewesen, er habe die von ihm beobachteten Phänomene mit exakten Methoden beschreiben wollen. „Reich ging davon aus, daß er Gott in meßtechnisch erfaßbare Energie umwandeln könne. Reich war in dem Sinne ein knallharter Materialist, könnte man sagen.“

Dem ganzen fehlt es nicht an einer gewissen Komik. Diese krude Mischung aus extremem Mechanismus und abgedrehtem Mystizismus. Nehmen wir dazu eine Vertreterin, der von Lassek kreierten „Orgonmedizin“:

Sie beschreibt die diversen Pulsationen im menschlichen Körper und fährt fort:

Beim Einzeller, bei der Amöbe, hat Wilhelm Reich diese innere Bewegung des Strömens sehen können. Jeder kann das sehen, wenn er einen Einzeller unter dem Mikroskop anschaut: daß es ein Strömen gibt, das die Fortbewegung des Einzellers ermöglicht. Und hat analog gesagt, auch beim Menschen gibt es diesen Energiekreislauf. Dieses Bild wiederum ist der taoistischen Medizin entnommen, ist also eigentlich ein Jahrtausende altes Wissen, das Reich intuitiv aufgenommen hat und in unser westliches Denken eingearbeitet hat und mit wissenschaftlichen Methoden weiter untersucht hat. Der innere Kreislauf geht den Rücken hoch und die Vorderseite des Körpers wieder hinter.

Mal ganz abgesehen davon, daß hier das orgonotische System (Pulsation) und das energetische Orgonom vermengt werden, so daß nur haltlose Verwirrung aufkommen kann… Untergründig wird es so dargestellt, als hätte Reich „östliche Weisheiten“ dem Westen vermittelt!

Was die „drei Energietypen“ frei nach Lassek angeht: es findet sich dazu nur nichts in der orgonomischen Literatur. Lassek muß schlichtweg ein Genie gewesen sein!

Nicht zu vergessen natürlich Bernd Senf, der uns seit Jahrzehnten Wilhelm Reich erklärt. Insbesondere in dem 1997 bei Zweitausendeins erschienenen Band Nach Reich. Nehmen wir seine Einführung in die Orgonbiophysik, die er 1980/81 geschrieben und für das Buch neu überarbeitet hatte. Er hat also 17 Jahre erzählt, daß, ausgehend von der Hypothese, Bione seien Übergangsformen zwischen toter und lebender Substanz, Reich SAPA-Bione in eine entsprechende Lösung gebracht hätte, und so unter Zeitrafferfilm erstmals die Organisation von Einzellern dokumentieren konnte (S. 451). Vollkommener Unsinn, der die Entwicklung der Bionforschung (am Anfang Formierung von Einzellern, am Ende SAPA-Bione) auf den Kopf stellt. Zu allem Überfluß wird das dann auch noch mit Literaturverweis auf Der Krebs „belegt“! Auf S. 463 treten bei Senf unvermittelt PA-Bione auf, ohne daß der Leser weiß, um was es sich dabei handelt.

Wo man hinsieht, eine selbst zusammengeschusterte Orgonomie. Weniger witzig wird es in Vorträgen wie dem folgenden:

Es fängt mit einer abstrusen Erklärung der Entdeckung des Cloudbusters durch Reich an. Tatsächlich hat Reich den Cloudbuster entdeckt, als er durch Metallrohre („Orgonoskop“) das atmosphärische Orgon beobachtete und dabei den Eindruck gewann, das Orgon damit zu beeinflussen. Nach dem ORANUR-Experiment hat er sich an die längst ad acta gelegte Beobachtung erinnert und so ist der Cloudbuster entstanden. Reich:

Als wir (…) im Jahre 1940 (…) die atmosphärische OR-Energie zum ersten Mal am Mooselookmeguntic-See im Gebiet von Rangeley durch lange Metallrohre beobachteten, hatten wir den Eindruck, daß die Wellenbewegungen sich änderten, wenn wir unsere Rohre zufällig auf die Seeoberfläche richteten. Diese Beobachtung kam uns in jener ersten Periode unserer OR-Forschung völlig unglaublich vor. Wir ließen die Sache auf sich beruhen und vergaßen sie bald wieder. (Ausgewählte Schriften, S. 455)

Im obigen Vortrag wird daraus eine wirre Geschichte, über Wasserleitungen, die Reich von seinem Haus aus in den See legen wollte. Eine Phantasie-Orgonomie mit einer Phatasie-Geschichte! Von den Longitudinalwellen im Äther, die identisch mit der Orgonenergie sein sollen, und dem ganzen mechanistischen Firlefanz, etwa den platonischen Körpern, will ich gar nicht erst anfangen. Das ist mir einfach zu „wissenschaftlich“! Übrigens arbeiten der Vortragende Harald Kautz-Vella und Bernhard Harrer zusammen.

Dann der Verweis in Kautz-Vellas Vortrag auf das Desert-Greening-Programm von Madjid Abdellaziz, einem der eifrigen Zuhörer von Bernd Senfs Vorträgen über „Himmelsakupunktur“ in Berlin. Wer sich die Photos anschaut, dem wird auffallen, daß wir es hier mit einer Oase in einer Wüste zu tun haben. Es sieht mehr nach Bewässerung mit Grundwasser, als nach einer Folge von genuiner CORE-Arbeit aus, bei der sich Wüste in Steppe und Grasland verwandelt und Oasen wachsen.

Die Cloudbuster, die offenbar im Dauereinsatz sind, wirken eher wie die Staffage eines „esoterischen“ Projekts. Das ganze kann absolut verheerende Auswirkungen haben. Auch finde ich es beunruhigend, daß jetzt u.a. ein „Schamane“ und NLP-Trainer „seit Anfang April in der Mongolei an einen Regenprojekt (Himmelsakupunktur)“ arbeitet und eine weltweite Expansion geplant ist. Siehe auch hier. Wenn da man nicht wieder die CIA dazwischenfunkt!

Filmbesprechung von WER HAT ANGST VOR WILHELM REICH?

6. Dezember 2009

In der Anfangsszene wird ein (ziemlich merkwürdig aussehender) ORAC gezeigt und im Hintergrund ist die Stimme von Reich zu hören. Problem: das ist gar nicht die Stimme Reichs, obwohl die Einspielung auf „50er-Jahre-Tonqualität“ getrimmt wurde! Offenbar gab es Copyright-Probleme oder einen grandiosen Regieeinfall, aber warum wird man nicht darauf hingewiesen, daß Reichs Stimme nachgesprochen wird? Solche Manipulationen haben in einer Dokumentation keinen Platz. So etwas macht man einfach nicht. Punkt! (Später im Film erscheint eine weitere dieser trügerischen Audio-Einspielungen.)

Danach wird der Film mit einem Ausschnitt aus dem amerikanischen Kampf gegen die Pornographie, oder dem, was in der 50er Jahren dazu gerechnet wurde, eingeleitet. Ein Bild von Reich wird einem Bild von McCarthy gegenübergestellt. Wenn man die Szenenfolge sieht: es ist ein einziger Anti-Amerikanismus.

Gegen Ende des Films heißt es:

Nach 10 Jahren in den USA muß Reich feststellen, daß er in einem Land lebt, daß in der Ära des beginnenden Kalten Krieges gegen Andersdenkende, wie etwa Kommunisten vorzugehen gedenkt. In diesem Klima von biederer Anständigkeit und konservativer Moral werden Reichs Forschungen und Theorien zunehmend abgelehnt und angefeindet. Am 26. Mai 1947 erschien im New Republic-Magazin als Beginn einer langjährigen Hetzkampagne der Artikel „Der seltsame Fall Wilhelm Reich“ von Mildred Brady.

Nicht erwähnt wird, daß diese Zeitschrift das Organ der moskauhörigen Fellow Traveler war und Mildred Brady eine Kommunistin!

Ich hatte also Recht mit meinen in Wiener Blut: Wilhelm Reich und Klaus Maria Brandauer geäußerten Befürchtungen.

„Wer hat Angst vor Wilhelm Reich?“ Die Botschaft des Films lautet: das Establishment, die Kleinbürger, „Amerika“. Der Film handelt in Wirklichkeit gar nicht von Reich, sondern von den Träumern der 60er Jahre und ihren Nachgeburten. Sie selbst waren die Nachgeburt der „Beatniks“ und der „Gegenkultur“ der 50er Jahre, die Reich kompromißlos abgelehnt hat. Auch wollte er nichts von den anderen Heroen der späteren Studentenbewegung wissen. Aber wie endet der Film: Reich ist tot; unmittelbar die nächste Szene: Hippies, „Woodstock“, die 68er.

Der Film nimmt seinen Lauf mit Interviewpartnern, die von Leben reden, die aber selbst durchweg „vom Leben enttäuscht“ und depressiv aussehen. Ich will niemanden zu nahe treten oder ein „Guck Dich doch selbst an!“ provozieren, – aber das war meine spontane Reaktion: „Das paßt nicht zusammen!“ Man drehe den Ton ab und lasse das Wie auf sich wirken!

Daß mein Eindruck richtig war, habe ich sofort gespürt, als die Arbeit von Thomas Harms und Eva Reich über Babys und Neurosenprophylaxe beschrieben wurde: plötzlich war der Film in sich stimmig, da die Interviewpartner zum Thema paßten. Das gleiche trifft auf die Beschreibung der Arbeit von Dr. Finn Skött Andersen in der dänischen Krebsklinik Humlegaarden zu, wo die Patienten u.a. mit dem Orgonenergie-Akkumulator behandelt werden.

Wenn ich demgegenüber die anderen Interviewpartner oder überhaupt „Reichianer“ sehe, fällt mir stets ihr unbewegliches okulares Segment auf.

Der Rest ist eine leidlich gelungene filmische Reich-Biographie. Das Grundproblem derartiger Filme ist, daß sich solche Themen weit besser für den Rundfunk eignen. Wie Textpassagen filmisch untermalen? Diese schwierige Aufgabe löst der Film ausgezeichnet. Und kleinere Verwerfungen, etwa ein Schild des Osloer „Instituts für sexualökonomische Lebensforschung – Biologisches Laboratorium“, das Reichs Sexualberatung im Wien der 20er Jahre illustrieren soll, sind zwar ärgerlich, aber aus dem genannten Grund fast unvermeidbar.

Manchmal wird dieser Kredit aber arg überzogen, etwa bei der Beschreibung der bio-elektrischen Untersuchungen. Sie wird von einem Filmausschnitt illustriert, der (so nehme ich an) einen Lügendetektortest zeigt. Das ist fast so grenzwertig wie der Anfang des Films mit der falschen Reich-Stimme. Zumal Reich keine „Hautwiderstandsmessungen“ vorgenommen hat, wie im Film behauptet wird.

Der Film ist viel zu lang. Wer wird sich das anschauen, außer „Reichianer“ oder bereits ohnehin am Thema Interessierte? Die Interviews sind auch inhaltlich fast durchweg nichtssagend, teilweise sogar ausgesprochen verwirrend. Ohne sie wäre der Film weitaus passabler. Sehenswert wird der Film vor allem durch einige Filmausschnitte und Photos mit Reich, die mir bisher unbekannt waren.


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