Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia über die orgonomische Sexologie:
Die mechanistische und die mystische Betrachtungsweise der menschlichen Sexualität
Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia über die orgonomische Sexologie:
Die mechanistische und die mystische Betrachtungsweise der menschlichen Sexualität
Verfolgt man das Oeuvre Reichs von Anfang der 1920er bis Mitte der 1950er Jahre, scheint es sich um einen Generalangriff auf die menschliche Willensfreiheit zu handeln. Am Anfang dreht sich alles darum, daß der Mensch nicht Herr im eigenen Haus ist, sondern nur Spielball seiner Triebe mit einem Bewußtsein, das kaum mehr ist als eine hin und her gepeitschte Nußschale auf dem unermeßlichen und unauslotbaren Ozean des Unbewußten. Am Ende war der Mensch kaum mehr als ein bloßer Membransack im unendlichen kosmischen Orgonenergie-Ozean. Alles dreht sich darum, sich ganz und gar hinzugeben und im Orgasmus eins zu werden mit der kosmischen Lebensenergie.
Stimmt, doch wie stets wird der alles entscheidende Punkt unterschlagen: die „Orgasmusfähigkeit“ bedeutet, daß der Mensch Herr im eigenen Haus ist. Der orgastisch Potente kann sich frei und ungehindert von nicht kontrollierbaren Muskelverspannungen bewegen und ist frei sowohl von Triebhemmungen als auch von Triebhaftigkeit, d.h. er kann sich nach Belieben „panzern“ und diesen Panzer wieder ablegen. Das surreale Unbewußte löst sich weitgehend auf, d.h. beispielsweise, daß die Träume eines „orgasmusfähigen“ Menschen typischerweise einfach und durchschaubar sind. Die regelmäßige Triebabfuhr im befriedigenden Orgasmus sorgt dafür, daß der „Triebdruck“ abnimmt und kontrollierbar wird. Der Gesunde beherrscht seine „Dämonen“, während ein Neurotiker umgekehrt von seinen Dämonen beherrscht wird.
Da praktisch alle Kritiker Reichs strukturell unfähig sind dialektisch (funktionell) zu denken, sehen sie Widersprüche und Gegensätze, wo es nur wechselseitige Abhängigkeiten gibt. Wenn man ihnen sagt, daß Willenlosigkeit und Willensfreiheit funktionell identisch sind, verstehen sie kein Wort. Ebensogut könnte man sich mit Schimpansen unterhalten!
In „The Autonomic Nervous System and the Biology of Sleep (Part 1)“ (S. 7-49), als auch in „The Autonomic Nervous System and the Biology of Sleep (Part 2)“ (The Journal of Orgonomy, Vol. 42, No. 2, Fall 2008/Winter 2009, S. 8-28), befaßt sich Robert A. Harman im Zusammenhang mit dem Schlaf ausführlich mit dem Autonomen Nervensystem.
Studien zum Schlafentzug, die die Funktion des Schlafes evident machen sollten, litten an der Vorstellung, Tiere würden Dinge ausschließlich tun, um zu überleben, d.h. bei Schlafentzug würde ihnen ganz Schlimmes widerfahren, sie könnten sogar sterben. Tatsächlich sind die Ergebnisse uneinheitlich und widersprüchlich und negative Effekte des Schlafentzugs gehen zu einem Gutteil auf die Methoden der Schlafverhinderung zurück.
Es ist ganz ähnlich wie mit der Funktion des Orgasmus, d.h. der Entladung überschüssiger Energie. Niemand, kein Tier, stirbt am Zölibat, trotzdem es sich um die zentrale Funktion des Lebendigen handelt.
Der Schlaf und das Autonome Nervensystem sind eng mit der Funktion der Aufrechterhaltung einer hohen orgonotischen Ladung verbunden und haben sich entsprechend erst recht spät in der Evolution entwickelt. Erst mit der Entwicklung von Warmblütlern, die beispielsweise nicht mehr in die Sonne kriechen müssen, um warm zu werden, entfaltet sich das Autonome Nervensystem.
Zusammen mit einer verbesserten Motorik taucht der Nicht-REM-Schlaf bei Reptilien auf. Zusammen mit der Thermoregulation tritt der REM-Schlaf bei Vögeln und Säugetieren hinzu. Gleichzeitig wird die Vorherrschaft der Emotion über die Sensation hergestellt.
Entsprechend fördert beim Menschen der Nicht-REM-Schlaf die motorischen Funktionen, der REM-Schlaf die „höheren“ kognitiven Funktionen. Evolution ist jedoch nicht immer weitere Entwicklung der Kontrolle des Gehirns über den Körper, sondern wachsende Autonomie des Vegetativen Nervensystems gegenüber dem Zentralen Nervensystem. Beim REM-Schlaf steht das Gehirn praktisch ganz im Dienste des Autonomen Nervensystems.
Ein Hinweis auf die enge Verflechtung von REM-Schlaf und einer hohen orgonotischen Ladung ist, daß Landtiere, die ins Wasser zurückgekehrt sind, wie Wale und Delphine, keinen REM-Schlaf kennen. Robben nur, wenn sie an Land übernachten.
Während des Schlafs überwiegt die Funktion der Pulsation die Homöostase, die drastisch zusammenbricht. Harman:
Vom Autonomen Nervensystem ist bekannt, daß es die orgonotische Ladung durch Ansteigen der Körpertemperatur bei Warmblütlern über die Temperatur der äußeren Umgebung hinaus erhöht, in erster Linie durch sympathische Aktivität. Im REM-Schlaf geschieht das Gegenteil und das Autonomen Nervensystem erhöht die orgonotische Ladung durch Absenkung der Körpertemperatur.
Harman merkt dazu an:
Eine Reihe von Dingen treten während dieser zyklischen Veränderung der Körpertemperatur auf, die die orgonotische Ladung fördern: Das nichtreziproke Funktionieren der sympathischen und parasympathischen Systeme erhöht die Kapazität des Organismus für intensives Pulsieren. Die Körpertemperatur während des Wachens zu erhöhen, erleichtert motorische Aktivität und Stoffwechsel. Sinkende Körpertemperatur im REM-Schlaf baut Glykogen-Reserven wieder auf.
Er fährt fort:
Das bietet einen konkreten Beweis dafür, daß eine primäre Funktion des Autonomen Nervensystems die Erhöhung der Kapazität für orgonotische Ladung ist, während die Homöostase zweitrangig ist. Außerdem erwächst die Zunahme der orgonotischen Ladung nicht aus der Aufrechterhaltung einer konstanten Temperatur, sondern aus spontanen, selbstorganisierten Temperaturänderungen innerhalb eines physiologischen Bereichs. (Journal of Orgonomy, 42/2, S. 20)
Im Verlauf des Schlafes wird das parasympathische Nervensystem immer bedeutsamer. Ohnehin spielt es im Schlaf eine weit größere Rolle als im Wachen. Entsprechend bricht in der Nacht der Panzer weitgehend weg und die schlaflosen Stunden vor dem Klingeln des Weckers („Durchschlafstörung“), wenn „alles hochkommt“, können deshalb durchaus als die „gesündesten Stunden“ des Tages betrachtet werden. Es können dabei aber auch irrationale Ängste, Schuldgefühle, etc. auftauchen.
Im Schlaf treten wir in eine andere Welt, die genauso wichtig für unser Menschsein ist wie das Wachen, wenn nicht sogar wichtiger. Während des Wachens steht die Funktion der „relativen Bewegung“ im Vordergrund, während des Schlafes die der „koexistierenden Wirkung“. Erst hier funktioniert der Organismus wirklich als Einheit, entfaltet sich seine Autonomie. Dies kommt insbesondere in der Welt der Träume zum Ausdruck, in der wir ganz wir selbst sind.
Aller Mystizismus beruht auf der künstlichen Trennung zwischen subjektiven Empfindungen und den objektiven organismischen Vorgängen. Und so ist die Nahtodeserfahrung und das Austreten des Bewußtseins aus dem Körper vielleicht nichts anderes als eine extreme Variante der mechano-mystischen Pathologie des Menschentiers, die beim biologischen Zusammenbruch, der letztendlichen Abpanzerung, besonders augenfällig auftritt. Die Verweigerung der Hingabe in Potenz. Die übernatürliche Autonomie einer unsterblichen, dem Energiemetabolismus nicht unterworfenen „Essenz“, die der spiritistische Glaube lehrt, wäre das solipsistische, autistische, kontaktlose Gegenteil der Liebe. Wie Nietzsche in Morgenröte (A 211) schreibt, eine schreckliche Zudringlichkeit und letztendlich der Ausdruck haßerfüllten Ressentiments: „Die Welt wird mich nicht los!“
Andererseits glauben auch genitale Menschen wie die Trobriander, daß die Seelen der Verstorbenen zu einem entfernten „Avalon“ im Meer gehen. Wahrscheinlich entstand diese Vorstellung durch die, den Primitiven, unerklärlichen Luftspiegelungen über der See. So entspricht sie dem christlichen Wolkenkuckucksheim, das auf Luftspiegelungen über der Wüste zurückgeht. Immerhin sind diese durch das Flimmern der Atmosphäre verursachten Fata Morganen zumindest indirekt orgonotische Phänomene! „Eingeborene der Orgonomie“, wie Reichs kleiner Sohn, glauben an einen pulsierenden Plasmakörper, der im kosmischen Orgonenergie-Ozean schwimmt und die unsterblichen Seelen beherbergt (vgl. Peter Reichs Traumvater, München 1975, S. 133). Da er von genitalen Menschen vertreten wird, kann dieser Glaube kaum pathologisch sein, zumal lange vor dem Anfang Saharasias bereits die Neandertaler (wie sich aus Grabbeigaben zweifelsfrei erschließen läßt) an ein Leben nach dem Tode glaubten. Dies sagt natürlich nichts über die Richtigkeit dieser Vorstellung, nur daß es offenbar natürlich ist, gesund-naiv an ein Leben nach dem Tode zu glauben.
„Orgastisches Zerfließen im kosmischen Orgonenergie-Ozean“ ist leicht dahin gesagt – doch für jeden empfindungsfähigen Menschen ist der Tod eine Tragödie; und wenn nicht für den Sterbenden selber, dann sicherlich für seine Hinterbliebenen. Für jene, die jung sterben, gibt es weit begehrenswertere Wege, mit dem kosmischen Orgonenergie-Ozean eins zu werden, als ausgerechnet in der Umarmung des Todesengels, und ausgebrannte ältere Menschen erfahren den Tod wohl nicht als „Orgasmus“.
Vielleicht hätte dieser Endpunkt der jahrzehntelangen Involution einen anderen emotionalen Gehalt, wenn ihm die Endgültigkeit genommen und Leben und Tod als zyklischer Prozeß betrachtet würden, wie ja auch das Geschlechtsleben ein solcher Kreislauf von Ladung und Entladung ist. Leben und Liebe, Tod und „kleiner Tod“ wären dann, um mit Reich zu reden, „wie das Aufschäumen der Meereswellen an der felsigen Küstenwand, die sie wieder in weiter Fläche zurückwirft“ („Zur Trieb-Energetik“, Frühe Schriften, Köln 1977, S. 160).
Als der Urmensch die Zyklen der Natur, z.B. die Phasen des Mondes oder den Wechsel der Jahreszeiten beobachtete, muß er sie auch auf den Tod bezogen haben und so zum Glauben an die Wiederverkörperung gekommen sein. Dergestalt ist im Matriarchat der Tod keine endgültige Vernichtung, sondern nur sozusagen die notwendige Ruhepause zwischen Ernte und Aussaat. Was für eine lebensfeindliche Kehre diese Vorstellung im Patriarchat nahm, zeigt der traditionelle Wiedergeburtsglaube im Hinduismus. Er lehrt, daß alles vergänglich und deshalb nichts wichtig sei, sodaß das einzelne Leben im leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten jedes Schwergewicht verliert, was auch jede Mitmenschlichkeit untergräbt. Außerdem ist die Vorstellung von der „Seelenwanderung“ ein Produkt mangelnder spiritueller Durchdringung, ist es doch schon mehr als fraglich und schlechtweg unbeweisbar, ob wir in der Vergangenheit das gleiche „Ich“ waren und in Zukunft noch dieses „Ich“ sein werden. Geschweige denn, daß sich dieses imaginäre „Ich“ über mehrere Leben erhält. Schon Gautama Buddha hat sich, wenn auch reichlich inkonsequent, gegen die lächerliche Vorstellung einer Wanderung des „Ich“ von Leben zu Leben gewandt.
Im Unterschied zum Hinduismus und Buddhismus glaubte Nietzsche, daß alles viel zu wertvoll sei, um vergänglich zu sein und fand seinen Trost grade in der Vorstellung einer ewigen Wiederkehr des Gleichen, die für den Inder der Inbegriff alles Schrecklichen ist. Die identische Wiederkehr verleiht dem einzelnen Leben ein unendliches Schwergewicht. Wenn ich nochmals leben sollte, dann wäre es exakt nochmal dieses Leben, weil es ansonsten eben nicht dieses mein Leben wäre. Das besondere an Nietzsches Konzept ist also, daß es gerade auf der Verneinung der autonomen, von den Umständen nicht berührten Seele beruht.
Da es keine übernatürliche „Essenz“, kein autonomes Subjekt gibt, das das Leben lebt und überlebt, und da das Subjekt mit seiner Umgebung funktionell identisch ist, ist Wiederkehr nur möglich, wenn gleichzeitig auch die gesamte Umgebung bis in die kleinsten Einzelheiten wiederkehrt. Und weil mittlerweile (mehr oder weniger) experimentell nachgewiesen ist, daß alles unlösbar miteinander verknüpft ist und ein Augenzwinkern den gesamten Kosmos beeinflußt, wird sich alles in alle Ewigkeit variationslos wiederholen. Jedenfalls wenn die Welt so funktioniert, wie an anderer Stelle beschrieben: als Simulation von Beharrung, durch „zyklische Wiederkehr“. Daß es überhaupt Sein gibt, ist Beweis genug für die ewige Wiederkehr des Gleichen.
Nietzsche schreibt, daß alles in der Welt verknotet ist und einander bedingt, sodaß man nichts wegdenken kann, ohne alles zu verändern. Jeder Augenblick zieht so jeden folgenden nach sich – und letztendlich sich selber. Wie Nietzsche sagt: will man einen Augenblick, will man „Alles von neuem, Alles ewig“, denn es ist „Alles verkettet, verfädelt, verliebt“ (Also sprach Zarathustra, Studienausgabe, S. 402). Um Nietzsches Interpretation von Jesu Lehre auf Nietzsche selber zu übertragen: „Das wahre Leben, das ewige Leben ist gefunden (…) in der Liebe ohne Abzug und Ausschluß, ohne Distanz“ (Der Antichrist, A 29).
Das ist die Glorifikation des Lebens im Hier und Jetzt. Es ist bemerkenswert, daß sie, die für Nietzsche das Zentrum und der krönende Abschluß seiner Philosophie war, praktisch keinerlei Wirkungsgeschichte gezeitigt hat und, wenn überhaupt beachtet, allenfalls als sein persönliches, von anderen kaum nachvollziehbares „Steckenpferd“ belächelt wurde – entsprechend dem Schicksal von Reichs Orgasmustheorie.
Die Ewige Wiederkehr des Gleichen ist untrennbar mit dem „Übermenschen“ verknüpft, der aus seinem Glück und seiner Kraft, den Schmerz der Wirklichkeit ohne Flucht in mystische Gefilde zu ertragen, die Ewige Wiederkehr wünschen kann. Eine „züchtende“ Lehre, da der zum Glück unfähige, der „orgastisch Impotente“, an ihr zerbräche – denn es gibt keine Erlösung für sein autistisches Ich. Sein Ich und sein vorgeblich eigener „Wille“ ist selber in den superdeterministischen Nexus der Welt eingebunden, sodaß auch sein rebellisches „Nein“ untrennbar zum Ablauf gehört. Es kann also weder einen Trost in der Revolte noch in dem geben, was Nietzsche „Türkenfatalismus“ nannte, da es keinen Gott und kein Gesetz gibt, der oder das irgend etwas „verhängt“ hätte. Wir gehören unlösbar dazu, ob wir wollen oder nicht. „Erlösung“ gibt es nur in einem einzigen Sinne: die Vergangenheit erlösen, d.h. dem Sinnlosen Sinn geben, indem man der Entwicklung ein alles rechtfertigendes Ziel gibt. Das ist auch die tiefere Bedeutung von Reichs „Kindern der Zukunft“: sie rechtfertigen das Leben in alle Ewigkeit.
Nietzsche:
Gesetzt, wir sagen Ja zu einem einzigen Augenblick, so haben wir damit nicht nur zu uns selbst, sondern zu allem Dasein Ja gesagt. Denn es steht nichts für sich, weder in uns selbst, noch in den Dingen: und wenn nur ein einziges Mal unsre Seele wie eine Saite vor Glück gezittert und getönt hat, so waren alle Ewigkeiten nötig, um dies eine Geschehen zu bedingen – und alle Ewigkeit war in diesem einzigen Augenblick unseres Jasagens gutgeheißen, erlöst, gerechtfertigt und bejaht. (Studienausgabe, Bd. 12, S. 307f)
Beim Töten von Versuchsmäusen mittels Äther hat Reich ein quasi „orgastisches“ Geschehen beobachtet:
Zuerst versucht sich der Organismus gegen das Gift durch erhöhte motorische Tätigkeit zu wehren. Die Maus sinkt rasch atmend um. Die Atmung wird unregelmäßig und setzt schließlich aus. Doch der Tod ist noch nicht eingetreten. Es treten bei Nichtatmung Zuckungen des Gesamtkörpers auf. Es sind Entladungen der elektrischen Energie des Körpers. Eine neuerliche Aufladung bleibt aus, da die Atmung oder auch die Verbrennung nicht mehr funktionieren. Die Zuckungen verebben, und manchmal schlägt das Herz noch eine Weile weiter. So erlischt eine Funktion nach der anderen. (Die Bionexperimente, Frankfurt 1995, S. 115)
Das Sterben des Organismus selbst ist von einer scharfen Muskelkontraktur (…) begleitet (…). (Der Krebs, Fischer TB, S. 258)
Axel Petermann, dienstältester Profiler Deutschlands, beschreibt den Erstickungstod, etwa mit einem Kissen, das auf das Gesicht des Opfers gedrückt wird:
Auch wenn das Opfer weiblich, klein und zierlich sei, der Täter hingegen männlich, groß und stark, entwickle das Opfer im Angesicht des Todes übermenschliche Kräfte. „Irgendwann wird das Opfer zwar bewußtlos, aber der Kampf des Körpers gegen den Tod geht weiter. Mit Eintritt der Bewußtlosigkeit beginnen automatisch die konvulsivischen Spasmen, die den ganzen Körper zucken und verkrampfen lassen, wieder abebben, nach 30 Sekunden erneut einsetzen und wieder nachlassen. Acht bis zehnmal geschieht dies periodisch, bis der Mensch tot ist. Hört der Täter vorzeitig auf, erwacht das Opfer aus der Bewußtlosigkeit.“ (General-Anzeiger, 22. Mai 2012)
Todesangst und sexuelle Lust schließen sich nicht unbedingt aus. Die anfänglichen Gefühle im Solar Plexus sind identisch. 1927 schrieb Reich z.B.: „Auch beim Schaukeln, im rasch abwärts fahrenden Lift, im talwärts rasenden Auto, bei steiler Schußfahrt auf Skiern verspürt man am Herzen und am Genitale Empfindungen, die angst- und lustbetont zugleich sind“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 48). Man vergleiche dies auch mit Reichs späteren Erläuterungen in Der Krebs über die „Fallangst“ bei einem Kind, mit dem das doch eher lustbetonte freudige Hochheben und Fallenlassen gespielt wurde.
Nicht nur Achterbahnen, sondern auch Scheußlichkeiten aller Art, z.B. Hinrichtungen, waren stets ein Publikumsmagnet. Hierher gehört die Lust an Horrorfilmen, der lustvoll erlebte Nervenkitzel des Grauens – der in Filmen wie Basic Instinct offen mit Sex verknüpft wird. Ein anderes Beispiel sind jene Frauen, die Mörder und Sexualstraftäter heiraten. Für sie macht grade die Mordtat diese Männer so unglaublich sexy: „der Tod wird zum Orgasmus, zum Höhepunkt, zum Kick“ (Spiegel, 36/91, S. 284).
Ich schreibe das im IC. Vor mir im Großraumwagen sitzen drei jungen Frauen, die mit offensichtlicher „Spannung“ und Erregung Kriminalromane lesen, in denen es fast immer um „Lustmorde“ an Frauen geht.
Was „Tod und Orgasmus“ anbelangt, ist Reichs Erforschung der Epilepsie besonders interessant. Für Reich ist der epileptische Krampfanfall eine „echte extragenitale orgastische Konvulsion“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 223). Er verweist dabei auf die subjektive Beschreibung dieses extragenitalen Orgasmus durch den Epileptiker Dostojewskij, der den Anfall als die „höchste Synthese des Lebens“ beschreibt; „für diesen Moment kann man sein ganzes Leben hingeben“ (Der Idiot, dtv 1979, S. 297f). Die Anfälle sind manchmal mit intensiven Deja-Vu-Erlebnissen verbunden, was für uns interessant ist, weil Nietzsche mit seiner extremen Migräne unter ähnlichen Anfällen zu leiden schien. Vielleicht war ja dieses Empfinden, etwas schon mal gesehen zu haben, der Ursprung seiner Vorstellung der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“. Dies legt jedenfalls die Lektüre seiner Einführung des Gedankens der Ewigen Wiederkehr in Also sprach Zarathustra („Vom Gesicht und Rätsel“) unmittelbar nahe.
Reich selbst hat die „letzte und auf ewig unbeantwortbare Frage“ über das „Leben nach dem Tode“ wie folgt beantwortet:
Der sterbende Organismus verliert seine biologische Energie; zuerst schrumpft das Orgonenergiefeld um den Organismus herum ein, dann folgt der Orgonverlust in den Geweben. Wir müssen daher die Volksmeinung ernst nehmen, die sich durch den Satz ausdrückt, daß man im Sterben seine „Seele aufgebe“. Die „Seele“ wird nicht, wie der Mystizismus glaubt, nun geformt zusammengehalten, um als „Geist“ im Raum zu schweben und Körper neu zu beleben; aber es ist richtig, daß die Orgonladung des Organismus die Lebensempfindungen begründet und daß mit Abnahme der Orgonladung die Lebensempfindungen schwächer werden. (Der Krebs, S. 258)
Und an anderer Stelle:
Es ist das Strahlen der Lebenskraft, das auch nach dem Tode des Körpers weiterbesteht. Es ist das Strahlen der Seele, das nach dem Tode jedoch nicht als klare Gestalt weiterbesteht, sondern sich im endlosen kosmischen Ozean, dem „Reich Gottes“, aus dem es einst kam, auflöst. (Christusmord, S. 268)
Es kann keinen Fall ins Nichts geben, da es in den orgonometrischen Kalkulationen keine Null gibt. Eine komplementäre Perspektive wäre die Sicht von den Bionen her, die als kleinste Einheiten des Lebens schlechtweg unzerstörbar sind: weil sie ja durch Zerstörung, etwa das Kochen von organischem Gewebe, entstehen. Das Leben ist unzerstörbar und ewig wie Gott. Erst recht ist die in den Bionen pulsierende kosmische Orgonenergie unsterblich, in der letztendlich unser Bewußtsein gründet.
Reichs orgonomische Analyse des Orgonenergie-Feldes des Schizophrenen verweist auf eine fast spiritistische Betrachtung des Todes. Das organismische Energiefeld ist eng mit Gehirn und Bewußtsein verknüpft (wie z.B. die „Energiearbeit“ mit Imagination im chinesischen Qigong zeigt), darüber hinaus ist die orgonotische Wahrnehmungsfunktion auch außerhalb des Körpers tätig („Sechster Sinn“) und sein Orgonenergie-Feld tritt dem Schizophrenen sogar als „Doppel“ entgegen (vgl. Charakteranalyse, KiWi, S. 611-614). Entsprechend können Magnetiseure durch mesmerische „Strichbehandlung“ die Aura aus dem Körper lösen, die dann im blaubeleuchteten Dunkelraum als sichtbares „Fluidal“ oder „Doppel“ neben das Medium tritt. Dies gelingt aber nur unter „orgonomischen“ Voraussetzungen: „kein feuchtes Wetter, kein zu hoher Luftdruck, keine Gewitternähe“ (Lars Jörgenson: Ein Überblick über die Grauzone der Wissenschaft, Berlin 1990, S. 240). Es kommt dabei zu subjektiven Empfindungen, wie sie auch Sterbende berichten.
So gesehen widerspricht die Vorstellung eines „energetischen Überlebens“ des körperlichen Todes durchaus nicht der Wissenschaft Orgonomie. Warum sollte das Orgonenergie-Feld nach dem Tode nicht als einigermaßen festumrissene Gestalt weiterbestehen? Theoretisch paßt wohl die Vorstellung einer „unsterblichen Seele“ nicht in eine Welt, die vom ständigen Energiemetabolismus geprägt ist, aber warum sollte besagte „Gestalt“ nicht bald nach dem körperlichen Tod ebenfalls „sterben“? Auf jeden Fall ist nach Reich jede Vorstellung einer Autonomie des Seelischen Mystizismus (Äther, Gott und Teufel, S. 95f).
Religiöse Vorstellungen sind weder irrelevant, noch einfach nur nichtig, sie können sogar eine mehr oder weniger notwendige Stimulans für das lebendige Leben sein, doch leider Gottes besteht ihr gegenwärtiges Wirken ganz im Gegenteil in der Behinderung des Lebens. Es ist wie mit dem kosmischen Orgonenergie-Ozean, der sich in uns sozusagen „selbstverwirklicht“, was sich ins Gegenteil verkehrt, wenn wir z.B. über KKWs ORANUR-produzierend auf ihn rückwirken. Genauso wie wir im kosmischen Rahmen, haben die Religionen im biosozialen Rahmen in ihrer rationalen Funktion versagt. Es war die Funktion der Aufklärung die Integrität des Lebens gegen die zerstörerische Einflußnahme der „höheren Welten“ zu verteidigen und in Fortführung von Nietzsches „Kunst des Zweifels“ und der Freudschen Psychoanalyse ist Reichs Orgonomie der Höhepunkt dieser kostbaren europäischen Tradition der Vernunft, die wir unter allen Umständen verteidigen müssen. Ziel der Sexualökonomie war es immer, den Gottesglauben mit der Wurzel aus der menschlichen Seele zu reißen. Nur so wäre beispielsweise im Nahen Osten Frieden möglich. Ecrasez l’Infame!
Wenn da nicht ein ganz entscheidendes Handikap wäre: wie Nietzsche sagt, haben wir zuwenig Religion, um die Religion zu vernichten (Studienausgabe, Bd. 8, S. 344). Wir glauben einfach zu wenig an das Leben, als daß wir z.B. dem todessüchtigen Glaubenseifer der Moslems auch nur irgendetwas entgegenhalten könnten. Wie will man gegen Feinde kämpfen, die den Tod verachten? Immerhin hat eine orientalische Horde von schwachsinnigen religiösen Fanatikern es fertiggebracht, die antike Welt zu vernichten. Das gleiche könnte auch dem heutigen Europa widerfahren.
Das lebendige Orgonom ist durch den Widerspruch zwischen seiner „gefrorenen“ Struktur und der beweglichen, freien organismischen Orgonenergie gekennzeichnet, die nach „Befreiung“ drängt.
Reich spricht vom „Gefühl von etwas getrennt zu sein“, das bei sensiblen, gesunden Menschen auftritt. Reich:
Es drückt sich am klarsten im Schmerz aus, in der schmerzlichen Pein vom Liebsten getrennt zu sein, ob es das Kind, die Frau, der Ehemann ist; mit einem Verlangen wieder vereint zu sein, wieder zusammen zu sein, wieder den Kontakt zu spüren. Aber ich denke, daß diese Liebeserfahrung eine der Funktionen, eine der Variationen einer viel tieferen Sache ist. Irgendwie kommst du zu solchen Gedanken in sehr stillen Nächten, ohne Geräusche in der Umgebung außer dem Wind; Gedanken darüber, vom kosmischen Orgon-Ozean getrennt zu sein, sozusagen abgesondert zu sein. Und das, was sie Nirwana nennen oder kosmisches Verlangen, all dies scheint der tiefste Ausdruck eines sehr tiefen Wunsches oder einer Tendenz zu sein („Wunsch“ ist zu psychologistisch, um dies zu beschreiben), zum kosmischen Orgon-Ozean zurückzukehren. Und hier hatte Freud irgendwie Recht mit seinem Todestrieb, aber er wußte es nicht. Und keiner wußte es zu jener Zeit. Die innige Rückkehr, die als Rückkehr zur Gebärmutter beschrieben wurde, die Rückkehr zu den Müttern in den alten griechischen Mythensammlungen, die Rückkehr zum Orgon-Ozean. Dieses Verlangen ist nicht so schmerzhaft, wenn du dich in einer funktionierenden, guten Liebesbeziehung befindest oder wenn du ein Kind hast, das du liebst, und so weiter. Es kann dort befriedigt werden. (Orgonomic Functionalism, Vol. 2, Fall 1990, S. 68)
Die Sehnsucht nach Transzendenz, der Drang das Energetische, das „Feinstoffliche“, den „Geist“ von den Banden des Körpers zu befreien, scheint also eine natürliche Bestrebung zu sein, die durch die Panzerung in seiner Dringlichkeit nur verstärkt wird. Entsprechend ist die Religion des gepanzerten, orgastisch impotenten Menschen nach dem Muster einer masochistischen Perversion gestaltet: monotone Riten, Zwangshandlungen, Geißelungen, Todessehnsucht. Man könnte deshalb den Tod als einen „finalen Orgasmus“ betrachten, bezeichnen doch die Franzosen den Orgasmus als „den kleinen Tod“.
Ist die Abwehr des Todes vielleicht so etwas wie Hingabeunfähigkeit? Von alters her galt sexuelle Enthaltsamkeit als Garant für ein langes Leben. Zum Beispiel glauben die Chinesen, daß mit jeder Ejakulation der Mann einen Teil seiner Lebenszeit verliert. Das ist natürlich vollkommener Unsinn. Reich hat gesagt, daß „Todes- und Sterbensangst identisch mit unbewußter Orgasmusangst ist“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 119).
Aus der Vegetotherapie ist bekannt, daß sich orgastische Empfindungen unter dem Druck der Orgasmusangst als Sterbensangst äußern: „Sterben“ im Sinne von Zergehen, Zerfließen, Bewußtseinverlieren, Sich-Auflösen, „Nichtsein“! (Der Krebs, Fischer TB, S. 199)
Hermann Hesse hatte 1919 diese Zusammenhänge in seiner Erzählung Klein und Wagner beschrieben. Alle Ängste einschließlich der Todesangst „waren nur Masken und Verkleidungen. In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sichfallenlassen“. Und Edgar Allan Poe hat sehr schön dargestellt, daß der Schrecken gerade darin bestehen kann, nicht sterben zu können, sondern wie ein „Untoter“ unerlöst im Leben festzusitzen. Siehe auch den christlichen Ahasver-Mythos, den „Fliegenden Holländer“ oder den Film Highlander.
Bei der sadomasochistischen Todessehnsucht nach dem „orgastischen Paradies“ kann man auch an das japanische Harakiri denken (siehe Charakteranalyse und Die Funktion des Orgasmus). Der Tod des englischen Politikers Stephen Milligan 1994 war dergestalt wohl ein Ergebnis echter spiritueller Bestrebungen: Über seinen Kopf war eine Plastiktüte gestülpt, um seinen Hals war ein Stromkabel gewickelt und in seinem Mund steckte eine geschälte Apfelsine, in der sich eine Drogenkapsel befand. Diese Teilstrangulierung bis an die Grenze des Exitus soll zu einem ganz außergewöhnlich starken Orgasmuserlebnis führen. In Klöstern passiert nichts anderes, wenn auch mit anderen Mitteln. Mönche tragen keine Strapse wie englische Politiker.
An anderer Stelle habe ich auf frühere Studien hingewiesen, die gezeigt haben, daß emotionale („psychische“) Traumata in frühen Lebensjahren die DNA-Methylierung, d.h. die Aktivität bestimmter Gene, langfristig verändert. Damit verschiebt sich die Frage von der einfachen Präsenz bestimmter Gene („Veranlagung“) darauf, ob diese Gene überhaupt sozusagen „angeschaltet“ werden.
Forscher der Ruhr-Universität Bochum (E. Unternaehrer et al.) haben nun gemeinsam mit Kollegen aus Basel, Trier und London gezeigt, daß sich die Methylierung der DNA auch nach akutem emotionalen Streß ändert und so psychische und körperliche Erkrankungen verursachen kann.
Die Forscher untersuchten die Gene für den Oxytocin-Rezeptor und für den Brain-Derived Neurotropic Factor (BDNF). Oxytocin hängt mit der Mutter-Kind-Beziehung, Liebe und Sex zusammen, insbesondere mit dem Gefühl von Glück, Befriedigung und Entspannung nach dem Orgasmus. Der „Wachstumsfaktor BDNF“ ist mit dem Schutz bestehender und dem Wachstum neuer Neuronen verbunden.Belastende soziale Situationen haben im Experiment die Mehylierung des BDNF-Gens nicht beeinflußt, sehr wohl jedoch die Mehylierung in einem Abschnitt des Oxytocin-Rezeptor-Gens.
Die Wissenschaftler testeten 76 Personen, die an einem fiktiven Jobinterview teilnahmen und unter Beobachtung Rechenaufgaben lösen mußten – ein bewährtes Mittel, um im Experiment akuten Streß auszulösen. Für die Analyse der DNA-Methylierung nahmen sie den Probanden vor dem Streßtest sowie 10 und 90 Minuten danach Blut ab.
Streß hatte keinen Einfluß auf die Methylierung des BDNF-Gens. In einem Abschnitt des Oxytocin-Rezeptor-Gens stieg sie jedoch bereits in den ersten zehn Minuten nach der Streßsituation an. Das legt nahe, daß die Zellen weniger Oxytocin-Rezeptoren bildeten. 90 Minuten nach dem Streßtest fiel die Methylierung dann unter das Ausgangsniveau vor dem Test. Das deutet an, daß die Rezeptorproduktion übermäßig angekurbelt wurde.
Diese Ergebnisse zeigen, wie widersinnig der alte Streit ist, ob man alles auf (insbesondere soziale) Umweltfaktoren zurückführen kann oder ob das Erbgut allein unser Schicksal bestimmt. Es ist offensichtlich, daß die DNA die Bauanleitung für den Organismus enthält, aber es sollte auch offensichtlich sein, daß „eine Bauanleitung gelesen werden muß“. Diese „epigenetischen“ Faktoren sind eindeutig bioenergetischer Natur und sind entsprechend hauptsächlich von Kontraktion (Hemmung von Oxytocin) und Expansion (Ausschüttung von Oxytocin) geprägt. Die Gene stellen die strukturellen Voraussetzungen zur Verfügung, die Umwelt (d.h. größtenteils andere Organismen) beeinflußt die Bioenergie, die wiederum die Genexpression steuert. Die biologische Energie ist der alles entscheidende „dritte Faktor“, neben „Umwelt und Vererbung“, der bisher übersehen wurde.
Der Skan-Reader zu Reich Hundertstem Geburtstag: Besonders interessant fand ich den Vergleich von Skan und Buddhismus. Loil Neidhöfer zufolge führe das Reichsche Paradigma dahin, „unsere herkömmlichen Auffassungen von der individuellen menschlichen Existenz als separierter Einheit in Frage (zu stellen)“. Sehr schön wird von Neidhöfer die narzißtische Verpanzerung beschrieben, die durch „Körperpsychotherapien“ hervorgerufen wird. Meines Erachtens beruht diese Verpanzerung, und das aus ihr erwachsende Bedürfnis nach „Erlösung“, auf der Dichotomie von (iatrogener) Augenpanzerung auf der einen und befreiten Körperströmungen auf der anderen Seite. Erlösung bietet hier der (tantrische) Buddhismus, dessen Grundprinzip das An-Atman ist, die Nichtung des Egos, der „verblendeten Ichheit“. Die besagte Spaltung soll also durch Meditation (= Augenpanzerung und Beherrschung der Atmung) aufgehoben werden. Das geschieht dadurch, daß die Körperströmungen teilweise wieder beseitigt, teilweise künstlich kanalisiert werden (wobei die weiche orgonotische Strömung einen harten „elektrischen“ Charakter annimmt), während sich im Augensegment selbst ein neues Ventil öffnet: Hirnorgasmus. Diese Dialektik des tantrischen Buddhismus beschreie ich in Die Massenpsychologie des Faschismus.
Im Skan Reader findet sich eine ausgezeichnete Beschreibung der Funktion des Orgasmus und das Zitieren des Satzes Omne animal post coitum triste est ist sehr passend. Wenn der Autor, Loil Neidhöfer, dann aber auf Tantriker und Taoisten zu sprechen kommt… Weiß er nicht, daß das Omne animal post coitum triste est das Leitwort dieser Leute war und ist und daß sie deshalb ganz auf die genitale Entladung verzichten? (Ich verweise wieder auf Die Massenpsychologie des Faschismus.) Daß ihr ritualisiertes und durch Wahnvorstellungen und Tranceanfälle geprägtes Leben beweist, daß die Orgasmustheorie richtig ist? Außerdem ziehen sie sich über kurz oder lang eine Schrumpfungsbiopathie zu.
Neidhöfer beschreibt auf S. 17, wie er nach dem Orgasmus zwar vollkommene Entspannung fand, aber die komplette „energetische Entleerung“ als frustrierend empfand. Das ist, um es gelinde zu sagen, ein ganz erstaunliches Eingeständnis, denn selbst die mechanistische Sexualmedizin konstatiert, daß ein befriedigender Orgasmus zur allgemeinen psychophysiologischen Auffrischung und guter Laune führt. Was Neidhöfer beschreibt ist die klassische orgastische Impotenz, wie wir sie alle selbst erfahren. Neidhöfer begreift nicht, daß „full discharge“ nicht mechanisch-logisch für eine Ent-Leer-ung steht, sondern ganz im Gegenteil erst wirkliche Fülle möglich macht. Der Organismus weiß, daß das genitale Ventil funktionstüchtig ist und hebt entsprechend sein Energieniveau an!
Neidhöfer spricht sogar von den „degenerativen Effekten regelmäßiger genitaler Entladung (…) auch nach Erreichen der Genitalität“ (S. 18). Er spricht von „Devitalisierung und energetischer Schwächung“ (S. 22). Der Orgasmus diene zwar „kurzfristig der Streßreduktion devitalisiert aber mittel- und langfristig den Organismus“ (S. 27). Stattdessen praktiziert Neidhöfer jetzt Coitus reservatus und leitet die Erregung in Herz und Kopf, wo er einen erfüllenden Orgasmus erfährt, ohne die für ihn so frustrierenden und devitalisierenden Effekte genitaler Entladung. Er könne es sich, ob seiner spirituellen Aufgaben, auch gar nicht leisten auf Energie zu verzichten. „Wir brauchen einen vollen Tank für diese Reise“!
Tatsächlich führt, wie angedeutet, die genitale Entladung nur temporär zu einer Schwächung des Organismus, denn danach kann er sich viel besser wieder aufladen, da er weiß, daß die Entladung gesichert ist. Jene die, wie Neidhöfer, diese Entladung umgehen, haben zwar kurzfristig möglicherweise mehr Energie zur Verfügung, aber langfristig stirbt das Energiesystem aus Frustration ab, es kommt zu keinen Expansionsimpulsen mehr und es entwickelt sich langsam aber sicher eine Schrumpfungsbiopathie.
Auf S. 28 gibt es eine ellenlange Fußnote, in der Neidhöfer seinen spirituellen Meister Da Free John zitiert. Sexualität sei seit langem im Taoismus und Tantrismus ein Weg, um „Erlösung“ zu erlangen. Taoisten hätten versucht, durch den Orgasmus ihrer „Partnerin“ und die Verhinderung der eigenen Ejakulation die weibliche Energie für sich zu gewinnen. Widerspruchslos nimmt Neidhöfer hin, daß sich Taoisten wie Vampire verhalten, die ihren Sexual-„Partnern“ die Energie absaugen. Auch ist nach all dem göttlichen Gesülze plötzlich von Liebe keine Rede mehr. Weiß er nicht, daß Taoismus von seinen Adepten verlangt, ihre Emotionen abzutöten? Weiß er nicht, daß der Taoismus für all das steht, was Reich bekämpft hat?
Unglaublicherweise bringt es Neidhöfer fertig, folgendes zu Papier zu bringen: Die taoistischen und tantrischen Techniken
setzen meistens ein hohes Maß an Disziplin, emotional-sexueller Reife (sic!) und organismischer Lusttoleranz (sic!) voraus, sowie relative Freiheit von automatischem Entladungsdrang in sexueller, emotionaler, mentaler und sonstiger Hinsicht. Mit anderen Worten: sie setzen ein gewisses Maß an Ent-Panzerung voraus (sic!). (Hervorhebungen hinzugefügt)
Widersprüchlicher geht es einfach nicht. Köstlich ist auch die halsbrecherische Dialektik, mit der sich Neidhöfer danach gegen Alexander Lowen & Co. zum orthodoxen Verteidiger der Orgasmustheorie aufschwingt.
Reich mußte die Neugeborenen noch gegen die angeblich angeborenen bösen Triebe verteidigen. Jetzt kommt Neidhöfer und spricht von den „karmischen Zusammenhängen“, an denen gefälligst „nicht zu zweifeln ist“ (S. 24). Er merkt gar nicht, daß er nicht über Reich hinaus gegangen, sondern wieder hinter ihn zurückgefallen ist – weit unterhalb des Niveaus der finstersten und reaktionärsten Zeitgenossen Reichs. Bei Neidhöfer ist das Baby aufgrund seiner karmischen Belastung implizit wieder ein teuflisches Monster geworden, das Unheil auf dem Grunde seiner Seele ausbrütet.
Hinzu kommt, daß Neidhöfer ständig das bloße Menschentier überwinden will: „Weg vom Tier“. Immer wieder kommt reine Menschenverachtung zum Vorschein, so wenn er einen Freund und Kollegen wie folgt zustimmend zitiert: „Tantra für Neurotiker ist wie ein Sahnehäubchen auf einem Misthaufen.“ Neidhöfer selbst ist natürlich überzeugt, daß er orgastisch potent ist, d.h. kein Neurotiker ist und deshalb, da er dergestalt die tierische neurotische Sexualität überwunden hat, den post-genitalen, geistigen Weg beschreiten kann.
Derartige „post-genitale“ Sexualität hat etwas zutiefst onanistisches an sich – und unterscheidet sich m.E. in nichts von den prä-genitalen masochistischen Perversionen, die Reich in seinen frühen Schriften beschrieben hat. Reich beschreibt da, wie Neurastheniker den Orgasmus ständig hinauszögern, bis schließlich das Sperma wie Urin abfließt. Das findet eine unabhängige Bestätigung durch die eingangs erwähnte Tantra-Zeitschrift, die voll von perverser, sadomasochistischer und pornographischer Sexualität und dem typischen „analen“ Satanismus ist.
Rechtfertigen tut Neidhöfer seine Auffassungen damit, daß doch bei der Genitalität nicht Stop sein könne, sondern die Entwicklung „nach oben“ irgendwie weitergehen müsse. Aber die Orgonomie kennt nun mal keine „Entwicklung“, sondern nur eine Freilegung der gegebenen genitalen Grundstruktur. Ebenso kennt übrigens auch das indische Geistesleben, auf das sich Neidhöfer ja beruft, an sich keine „Entwicklung“. Ein Raga beispielsweise entwickelt sich zu nichts, er erzählt keine Geschichte, sondern umschreibt eine Struktur bis sie fest vor dem geistigen Auge etabliert ist. „Entwicklung“, „inneres Ringen“, „romantische Seelenentfaltung“, sind sowohl dem orgonomischen als auch dem indischen Denken fremd, die beide durch und durch „klassisch“ sind. Oberflächlich betrachtet macht vieles den gegenteiligen Eindruck, aber das täuscht.
Am Ende möchte ich den tantrischen Meister und inkarnierten Gott Da Free John vorstellen, Neidhöfers geistigen Leitstern. Der widerliche Grottenolm Da Free John ist weniger bemerkenswert als die Reaktion seiner Jünger, insbesondere der Jüngerinnen. Die Massenpsychologie des Faschismus…
Jene, die sich um eine „Dekonstruktion“ Reichs bemühen, können nicht erklären, wie das angeblich so drastisch sexuell geschädigte Kind später als Erwachsener jene „italienische Nacht“ erfahren konnte. An der italienischen Front im Ersten Weltkrieg erlebte Reich als 19jähriger in den Armen einer italienischen Frau zum ersten Mal einen wirklichen genitalen Orgasmus. Seit seinem 13. Lebensjahr hatte er regelmäßigen Geschlechtsverkehr mit großer Lust und Befriedigung, aber was er hier erfuhr, war qualitätsmäßig etwas vollkommen anderes. Über sich selbst in der dritten Person schreibend fährt er fort:
Er erlebte die wahre Bedeutung von Liebe. Mit dieser Frau war die Umarmung vollkommen anders als jede andere zuvor. Er konnte keine Worte finden, um den Unterschied richtig zu beschreiben. Begriffe wie „süß“, „schmelzend“, „durch den Raum schwebend“, „von der Erdschwere befreit“ schienen noch am nächsten zu kommen.
Normalerweise bliebe im Geschlechtsakt immer noch etwas Distanz bestehen und das Geschlechtsorgan bliebe vom Rest des Körpers getrennt: ein Werkzeug, mit dem man „Liebe macht“. Doch hier war Reich erstmals ganz in der Erfahrung versunken. Beide waren ein Organismus und an den gemeinsamen Orgasmus schloß sich ein ruhiges Gefühl des Glücks an (Reich: „The Yearning for the Hidden Sweetness“, Orgonomic Functionalism, Vol. 1, Spring 1990, S. 87f).
Die zweite Frau, die ihn nach eigener Aussage zur Gesundheit führte, war Lore Kahn: er sei an ihr, der einzigen Repräsentantin der „unbedingt Lust suchenden Realität“, „genesen“ (Leidenschaft der Jugend, S. 195). Siehe dazu Der Rote Faden: Siegfried Bernfeld.
Bedeutet das, daß für mich Reichs Sexualität unantastbar ist. Nein! Elsworth F. Baker, der Psychiater der Reich-Familie, der Ilse Ollendorff, Lois Wyvell und Aurora Karrer ausgiebig befragt hat, meint, daß Reich viele Merkmale eines Phallischen Narzißten hatte. Was zweifellos zutrifft.
Im üblichen pseudo-psychoanalytischen Kontext fällt dieser charakteranalytische Aspekt ganz unter den Tisch. Der Unterschied zwischen einer psychoanalytischen und charakteranalytischen Betrachtung ist die, – daß sich der Kritiker in unnachvollziehbaren Interpretationen und Spekulationen über die Vergangenheit verliert, während ein Charakteranalytiker das aktuelle Verhalten Reichs analysiert, was jeder überprüfen kann, – solange er nicht psychoanalytisch verbildet ist.
Walter Kolbenhoff, von dem Reich 1933 im eigenen Verlag einen Roman herausgegeben hatte (Walter Kolbenhoff: Untermenschen, Trobis Verlag, Kopenhagen, 1933), schrieb folgendes über das Verhältnis von Reich zu Frauen:
Wilhelm Reich war kein schöner Mann, wenn man von seinen faszinierenden Augen absah. Seine Gesichtsfarbe war leicht gelblich, seine Kleidung oft schlampig. Aber es ging von ihm etwas aus, was freilich nur Frauen zu fühlen vermochten. Meine Freundin Erna R., die Tänzerin, die eine Nacht mit ihm verbracht hatte, erklärte es so: „Um diesen Mann ist ein zwei Meter dicker Kreis von Sexualität ähnlich einem magnetischen Feld. Wenn du einmal in diesen Kreis geraten bist, bist du wie verhext, du kannst nicht anders, du mußt dich ihm hingeben.“ (Kolbenhoff: Schellingsstraße 48, Frankfurt 1984, S. 219)
Über Reichs Ehe mit Ilse Ollendorff hat Lois Wyvell, Reichs Sekretärin und zeitweise Geliebte geschrieben, daß Reich die Beziehung nicht aus einem romantischen Gefühl heraus angefangen hatte, sondern weil er dringend weiblicher Wärme und Kameradschaft bedurfte. Außerdem mußte sich jemand um den Haushalt, das Büro und das Labor kümmern (Offshoots of Orgonomy, Nr. 5, Autumn 1982, S. 20). Es war keine Liebesheirat, sondern die Heirat zwischen einer Frau, die einem berühmten Mann dienen wollte, und einem Mann, der sein persönliches Glück hinter die Ansprüche seiner Arbeit zurückstellte. Es war keine große leidenschaftliche Liebe wie mit Elsa Lindenberg und Aurora Karrer.
Ollendorffs bioenergetische Kontaktarmut zu ihrem gemeinsamen Kind wird von Reich im Kapitel über Fallangst in Der Krebs beschrieben. Überhaupt wissen wir sehr viel von Reich und seiner Familie, etwa aus den Fallgeschichten in Children of the Future.
Der Psychiater Helmut Kolitzus stellt über Ollendorffs Reich-Biographie fest, daß bemerkenswerterweise nirgendswo von Liebe zwischen ihr und Reich die Rede ist (Die Wolken sterben, Nr. 2, Oktober 1981, S. 6). Ollendorf schreibt viel über die krankhafte Eifersucht Reichs, während der „Familienpsychiater“ Baker berichtet, daß „Ilse höllisch eifersüchtig war“ („My Eleven Years with Reich (Part 3)“, The Journal of Orgonomy, 11(2), November 1977, S. 168). Wie der deutsche Orgonom Walter Hoppe in dem entsprechenden Kapitel von Wilhelm Reich und andere große Männer der Wissenschaft im Kampf gegen den Irrationalismus (München, 1984. S. 194-198) ausführt, war Ollendorffs Verhalten auf Orgonon am Ende zeitweise vollkommen irrational und „hysterisch“ (sie ließ etwa Sachen verschwinden, die dann irgendwo wieder aufgefunden wurden). Hoppe:
In zunehmendem Maße erlebte Reich sie als lebensfeindlich, während seine gesamte Arbeit auf bedingungsloser Lebensbejahung fußte. In voller Erregung hätte Reich sie als „Mörderin“ beschimpft, obwohl sie entschuldigend hinzufügte, dies wäre wohl in Reichs unausgeglichenen Zustand kaum persönlich gemeint gewesen. Doch ihre Lebensverneinung und feindselige Haltung dürfte er wahrscheinlich sehr persönlich genommen und als Mord am Lebendigen empfunden haben.
In einem Kapitel über „Reich and Women“ unterstreicht Lois Wyvell, daß Reich kein Don Juan gewesen sei. Er sagte ihr, daß er niemals gleichzeitig mit zwei Frauen eine Beziehung hat eingehen können. Eine Geliebte hatte er immer nur während zeitweiser Trennungen in seinen längerfristigen Beziehungen. Er war der Überzeugung, daß eine wirklich gute Ehe unbegrenzt andauern könne (Offshoots of Orgonomy, No. 6, Spring 1983, S. 11-13). Wyvell gegenüber machte er deutlich, daß er sie jetzt, in diesem Augenblick, wenn sie zusammenwahren, liebe (Offshoots of Orgonomy, No. 7, Autumn 1983, S. 4).
Wer sich selbst mit Reichs Psychogramm auseinandersetzen will, sei auf seine Autobiographie 1897-1922 verwiesen: Leidenschaft der Jugend. Übrigens sollte 1942 ursprünglich in Die Funktion des Orgasmus ein Kapitel über jene Zeit erscheinen, die heute in Die Leidenschaft der Jugend abgedeckt wird, doch sein Mitarbeiter und Übersetzer Theodore Wolfe hat Reich von diesem exhibitionistischen Akt, der nur wieder Gerüchte über seinen Geisteszustand provoziert hätte, abgehalten.
Vergleicht man Reichs autobiographische Veröffentlichungen mit denen anderer, wird deutlich, wie im Vergleich Reich doch recht wenig geschönt hat. Außerdem hätte er seine Tagebuchaufzeichnungen verbrennen können, wie es viele andere Geistesgrößen vor ihm getan haben, wenn ihm an einem „Mythos“ gelegen hätte. Da, wo er geschönt hat, entspricht es ganz einfach der perspektivischen Verzerrung (die sich dann als „Kitten und Glätten“ äußert) der jeder Mensch unterliegt, wenn er über sich selbst berichtet. Als er gemeinsam mit seinem Mitarbeiter und mehr oder weniger „offiziellen“ Biographen Myron Sharaf Menschen im Staat zusammenstellte, war Sharaf angenehm überrascht, wie wenig Reich doch veränderte, obwohl ihm die ganze sozialistische Richtung ganz und gar nicht mehr behagte.
Sharafs Fury on Earth wurde zwar vor der Veröffentlichung von Leidenschaft der Jugend geschrieben, ist aber trotzdem lesenswert, weil der Harvard-Entwicklungspsychologe Sharaf, der Reich schließlich persönlich sehr gut gekannt hat, Reichs Leben von der Geburt bis zum Tod so objektiv wie irgend möglich durchdringt. (Die deutsche Übersetzung ist übrigens eine Zumutung!)
Was Reichs angebliche „Mißbrauchserfahrungen“ im Speziellen betrifft, sei zunächst auf Reichs Frühe Schriften verwiesen, da sie eine durchgängige Selbstanalyse darstellen. Sein Aufsatz über Peer Gynt ist ein Aufsatz über seine eigene Ver-Rücktheit und die Abgründe in ihm selbst. Der Aufsatz über den Durchbruch der Inzestschranke ist hundertprozentig autobiographisch. Und die Studie über den triebhaften Charakter ist in weiten Teilen eine Selbstanalyse seiner eignen teilweise „haltlosen“ Struktur.
Außerdem sollte man den Abschnitt in der Charakteranalyse über den phallisch-narzißtischen Charakter lesen, eine Charakterstruktur, die von Reich in die Psychoanalyse eingeführt wurde – und seine eigene Charakterstruktur. Er beschreibt sich selbst – und 80 Prozent aller anderen Männer!
Der individualpsychologisch orientierte Psychotherapeut Thomas Kornbichler attestiert bei Reich orgastische Impotenz, die „letztendlich Gefühlsschwäche“ sei. Reich habe nicht die Dimension eines „entwickelten Gefühls- und Geisteslebens“ besessen.
Im Grund verkannte er (…) die Komplexität menschlichen Seelenlebens. Indem er alles psychische Geschehen auf einen, den sexualökonomischen Gesichtspunkt reduzierte, schuf er eine Psychopathologie, die ihrerseits ein Problem darstellt. (…) Die Orgasmustheorie ist das Problem, das sie zu heilen vorgibt. (Kornbichler: Wilhelm Reich – Enfant terrible der Psychoanalyse, Berlin 1989, S. 26f)
Es ist bei diesen Leuten immer alles sehr komplex! Oder wie Reich schrieb: „Die sogenannte individuelle Differenzierung der Menschen ist heute im wesentlichen ein Ausdruck überwuchernder neurotischer Verhaltensweisen“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 29). Und es ist alles sehr von „Kultur“ durchdrungen…
Wie beliebig Kornbichlers Analyse ist, sieht man an folgender Tagebucheintragung des 22jährigen Reich: „Mir geschieht’s heute oft, daß mich ein Weib erotisch wohl bis aufs äußerste erregt, ohne daß ich an Koitus denke“ (Leidenschaft der Jugend, S. 104)
Elsworth F. Baker erinnert sich, daß Reich behauptete, daß er „mit jedem Atemzug die Pulsation in seinem Penis spüren könne“. Baker habe drei von dessen Frauen behandelt und diese hätten bestätigt, daß an Reich als Liebhaber nichts auszusetzen gewesen sei (Baker: „My Eleven Years with Wilhelm Reich (Part 1)“, The Journal of Orgonomy, 10(2), November 1976, S. 183).
Reich hätte, so Baker, oft „gedroht“ sein Sexualleben offenzulegen – und gegen das Sexualleben seiner Feinde abzuheben. Siehe dazu Psychoanalyse im Orgasmatron. In Reich Speaks of Freud führt Reich aus, daß die meisten Psychoanalytiker selbst einst Patienten gewesen waren. Sie waren genital gestört und lehnten deshalb ihn und seine Theorien ab.
Sie (die Psychoanalytiker) schrieben über ihre Sexualität und ich schrieb über meine. (Myron Sharaf: „Some Remarks of Reich: Summer 1948“, The Journal of Orgonomy, 4(1), May 1970, S. 13)
Bereits 1919 hatte Reich voll Befremden festgestellt, daß die Psychoanalytiker nicht zu ihrem Thema passen
Ein älterer Psychoanalytiker sprach gut und interessant, doch die Art, wie er das Sexuelle behandelte, gefiel mir instinktiv nicht. (…) Irgendwie paßte der Vortragende nicht zum Thema. (Funktion des Orgasmus).
Für Charles Konia ist die Besessenheit der Psychoanalytiker mit Sexualität Ausdruck von starker okularer Panzerung, die mit Intellektualismus einhergeht:
Der intellektuelle Psychoanalytiker (…) betrachtet die Sexualität nur als etwas Abstraktes („latente Sexualität“). Er „sieht“ sie entsprechend überall. Auf der anderen Seite nimmt Reich tatsächlich wahr, daß dies stimmt [d.h. daß die Sexualität das Leben bestimmt]. Es ist diese abstrakte Ansatz (Intellektualismus), gegen den sich Reich wandte. Es bezog sich wahrscheinlich auf eine ähnliche Art von intellektualisierter Generalisierung, die Freud einmal zum Ausspruch veranlaßte: „Eine Zigarre ist manchmal wirklich nur eine Zigarre.“ (Konia: „Orgone Therapy, Part 6“, The Journal of Orgonomy, 22(1), May 1988, S. 86f)
In einem Gespräch mit Reichs Ankläger Peter Mills wurde Jerome Greenfield mit den sexuellen Komplexen konfrontiert, die Reichs Feinde antrieben. Nachdem Greenfield Mills versichert hatte, er sei kein Anhänger Reichs
begann Mills darüber zu spekulieren, daß Reich nicht an Frauenrechte glaubte, da er imgrunde teutonisch, deutsch gewesen sei. Von da aus fuhr er fort: „Er hatte immer all diese Frauen aus New York hochkommen lassen. Schöne Frauen, und sie waren ihm alle ergeben, sie dachten einfach, daß er…“ Ich (Greenfield) konnte nicht anders und mußte ihn unterbrechen: „Sie glauben, sie seien ihm mehr ergeben gewesen als die Männer es waren?“ Daraufhin schreckte er schnell zurück: aber nicht doch, Gott bewahre, er habe keinerlei Anspielungen machen wollen. Und trotzdem hatte er es getan oder zumindest hatte er angefangen nahezulegen, daß es Techtelmechtel gegeben habe und daß ich, wäre ich kein „Anhänger“, ein entsprechendes Interesse in solchen pikanten Details hätte zeigen müssen. (Greenfield: „Pilgrimage to Orgonon“, International Journal of Life Energy, Vol. 3, No. 1-2, Spring/Summer 81, S. 53f)
Über einen anderen Ankläger bemerkt Greenfield:
Maguire war praktizierender Katholik. Er war einer der wenigen Leute in der FDA, die sich die Mühe gemacht hatten Reichs Bücher tatsächlich zu lesen. Diese Lektüre hatte ihn zutiefst abgestoßen. (ebd., S. 54)
Der Leiter der ersten Untersuchung des FDA, ein gewisser W.R.M. Wharton, war pervers, er hatte einen Keramik-Phallus auf seinem Schreibtisch stehen, wenn er seine Sekretärin zum Diktat rief. Entsprechend suchte die FDA zu Anfang nach einem perversen Sexualkult, als sie nichts fand, verlagerte sich das Interesse auf den Orgonenergie-Akkumulator.
Von den Feinden der Orgonomie werden immer neue Säue durchs Dorf getrieben. Eine besonders übel stinkende Sau ist die Sache mit dem sexuellen Kindesmißbrauch, dem Reich angeblich zum Opfer gefallen sei. Das üble sexualfeindliche Gebräu, mit dem Jeffrey M. Masson und Alice Miller die sexuelle Natur kindlicher Triebäußerungen geleugnet haben, wird über Reich ausgegossen.
Aus ihrer sexualfeindlichen Struktur heraus lesen Reichs Kritiker Sachen in Reichs Beschreibung seiner Kindheit hinein, die typisch für das oben beschriebene wilde, haltlose „analysieren“ sind. An diesen Schmierfinken ist ein Arno Schmidt verlorengegangen! Reich hätte unter Beifall der Anwesenden eine Frau genital erregt. Tatsächlich hat das Kind Reich nur eine neckische (nicht mal sonderlich obszöne) Handbewegung nachgemacht zur Belustigung der vierschrötigen Erwachsenen. Reich habe Gewalterfahrungen im Zusammenhang mit Sexualität gemacht. Tatsächlich hat das Kind Reich am Schamhaar seiner erwachsenen Schlafgenossin rumgespielt und die hat ihm mit einem Klaps gedroht, das gefälligst zu lassen.
Ich habe diese Erfahrung vor Jahrzehnten etwa mit einer Psychotherapeutin gemacht. Nein, nicht mit ihren Schamhaaren, sondern mit dem haltlosen rumanalysieren: Ich erzähle irgendwas und schon war in ihren Augen meine Kindheit ein Alptraum aus Gewalt (was absoluter Unsinn ist), aber nichts in der Welt konnte meine „Therapeutin“ von ihrem Wahn wieder runterbringen… Allein schon das Thema nur anzuschneiden: man weiß doch, wie gewalttätig es in Arbeiterfamilien zugeht! – Wer ist hier eigentlich krank, wessen Wahrnehmung ist verzerrt?!
Was ist an Reichs früher Kindheitsgeschichte außergewöhnlich? Nichts! Wie ihm ist es wohl allen höhergestellten Kindern ergangen. Erst Recht Kindern vom Land, die zwischen pubertierenden Mägden und unbeweibten Stallknechten aufgewachsen sind. In der werktätigen Jugend werde, so Reich später, „der Geschlechtsverkehr sehr häufig geübt, bei der bäuerlichen Jugend schon mit etwa 13, bei der Arbeiterjugend mit etwa 15 Jahren“ (Die sexuelle Revolution, S. 103). Und das noch einmal verschärft auf dem russischen Lande. Nirgendwo sonst war beispielsweise der Volkstanz derartig mit Sinnlichkeit aufgeladen. Die Hochzeitstänze in der Ukraine wurden als „nichts anderes als öffentliche Onanie“ beschrieben (Natalia Stüdemann: Dionysos in Sparta. Isadora Duncan in Russland, Bielefeld 2008, S. 82). Reich ist in einem Gebiet aufgewachsen, das heute zur Ukraine gehört.
Mich erinnern Reichs frühe Erfahrungen an das Verhalten von Menschenaffen, wo die Kinder sich auch für die Geschlechtsteile von Erwachsenen interessieren und die Erwachsenen es stoisch über sich ergehen lassen.
Reich war sich natürlich der grundsätzlichen Problematik bewußt und hat die frühe Konfrontation von Kindern mit erwachsener Sexualität in seiner ersten größeren klinischen Studie, Der triebhafte Charakter (1925) diskutiert.
Ansonsten hat Reich unter dem gleichen gelitten, wie alle großbürgerlichen und adligen Jugendlichen seiner Zeit: aufreibende „platonische Liebesaffären“ mit höheren Töchtern aus den eigenen Kreisen, die genauso idealisiert wurden, wie sie unantastbar waren. Mehr „Herz“ geht gar nicht! Eine Spaltung zwischen Sexus und Eros, die Reich später wiederholt thematisieren sollte.
Es ist in den Angriffen auf Reich viel von „Liebe“ die Rede. Was soll das sein? Meistens ist es doch nichts anderes als Angst („Liebe und Halt“) und Haß (schön symbolisiert vom „Dolch im Herzen“). Siehe dazu Reichs Ausführungen über den Gegensatz von Herz und Genital in Die Funktion des Orgasmus (1927). Dieser Gegensatz ist zentral zum Verständnis des gesamten späteren Reichschen Werks.