Mit ‘Nietzsche’ getaggte Artikel

Grundelemente einer orgonomischen Soziologie (Teil 9)

4. Mai 2013

Zum weiteren Verständnis muß zunächst eine Grundschwierigkeit ausgeräumt werden, an der viele bei ihrer Beschäftigung mit Max Stirner scheitern: er hat nicht der subjektiven „solipsistischen“ Willkür Tür und Tor geöffnet, sondern ganz im Gegenteil sich gegen die Willkür der Menschensatzungen empört, um den Gesetzen der Natur wieder Geltung zu verschaffen, gegen die jede Empörung einfach nur eine Kinderei, also Religion ist. Aber genau das haben sich seine „Nachfolger“, Adorno & Co., zuschulden kommen lassen: kindsköpfigerweise „entlarvten“ sie auch „die Natur“ (z.B. die Genitalität) als bloße Ideologie – und öffneten so der Willkür wieder Tür und Tor. Getoppt wird diese merkwürdige „Dialektik der Aufklärung“, indem plötzlich Reich und Stirner als Faschisten „entlarvt“ dastehen (vgl. dazu Bernd Laskas rororo Bildmonographie über Wilhelm Reich, S. 39).

Zum besseren Verständnis Stirners möchte ich Nietzsche zitieren:

Wir aber wollen Die werden, die wir sind, – die Neuen, die Einmaligen, die Unvergleichbaren, die Sich-selber-Gesetzgebenden, die Sich-selber-Schaffenden! Und dazu müssen wir die besten Lerner und Entdecker alles Gesetzlichen und Notwendigen in der Welt werden: wir müssen Physiker sein, um, in jenem Sinne, Schöpfer sein zu können, – während bisher alle Wertschätzungen und Ideale auf Unkenntnis der Physik oder im Widerspruch mit ihr aufgebaut waren. Und darum: Hoch die Physik! (Die fröhliche Wissenschaft, A 335)

Die Nähe zu Reich, dem „Stirnerischen“ Naturwissenschaftler, ist evident.

In der Denkweise der Kritischen Theorie wird Reich „entlarvt“ als Instrument der kapitalistischen „instrumentellen Vernunft“, die ihn zum totalen Herrscher über die Schöpfung macht, indem er den Menschen und insbesondere dessen Sexualität verdinglicht. Nochmals: Das ist Reich (bzw. Stirner) gegen sich selbst gewendet! Die Kritische Theorie stellt eine radikale Absage an „Stirner-Reich“ dar – indem deren „Aufklärung über die Aufklärung“ gegen die „Aufklärung über die Aufklärung“ gewendet wird.

Jenen (Reich und Stirner), die gegen die „Enteignung des Einzigen“ bzw. gegen die Zerstörung der Selbstregulation protestieren, wird Hybris vorgeworfen: als Non-Plus-Ultra-Kapitalisten würden sie die Natur enteignen. Mit diesem Vorwurf unterscheiden sich Adorno & Co. aber in nichts von den christlichen Kritikern der Aufklärung. Theodor Adornos Dialektik der Aufklärung entlarvt sich so letztendlich als pfaffenhafte Anti-Aufklärung, die aufschreit: „Nichts ist diesen Teufeln heilig!“

Schauen wir, wie Adorno Reichs soziologische Erklärung der Wende von Weimar nach Hitler-Deutschland, bewertet hat:

Es ist nicht so, daß psychologische Dispositionen wirklich Faschismus verursachen, sondern „Faschismus“ bezeichnet eigentlich ein psychologisches Gebiet, das von Kräften, die ihn aus ganz unpsychologischen Interessengründen fördern, erfolgreich ausgenutzt werden kann. (z.n. Annete Leppert-Fögen: Die deklassierte Klasse, Fischer TB, 1974, S. 191)

Was, um alles in der Welt, sind „unpsychologische Interessengründe“? Das soll wohl Adornos „Materialismus“ zum Ausdruck bringen. Adorno will Beweggründe entlarven, verschleiert aber ihren ideologischen, d.h. „bio-psychologischen“ Hintergrund! Überhaupt trifft das ganz allgemein auf den Marxismus zu: er will entlarven, verschleiert aber nur, weshalb er sich so hervorragend als Herrschaftsideologie eignete.

Und was oder wer sind jene „Kräfte“, die ein „psychologisches Gebiet“ (sic!) aus rein materiellen „Interessengründen“ ausnutzen? Natürlich das mythische „Kapital“ mit seinen Klasseninteressen. Nun hat aber Reich gezeigt, daß der Faschismus alles andere als eine Verschwörung des „Finanzkapitals“ war, das ein „psychologisches Gebiet“ rational für seine Interessen manipulierte, sondern daß hier vollkommen irrationale politische Prozesse am Werk waren, die wiederum auf bestimmten Charakterstrukturen beruhten, nicht auf vagen „psychologischen Dispositionen“.

Es geht nicht um isolierte „Dispositionen“, sondern um Charakterstrukturen, die mit der gesellschaftlichen Struktur funktionell identisch sind. Funktionell identisch in der Hinsicht, daß es um die Erfüllung bzw. Nichterfüllung der biologischen Grundbedürfnisse geht. Das sind die „unpsychologischen Interessengründe“. Adornos Kritik zielt also ins Leere. Ein eklektisches Zusammenmanschen von laienhafter Psychoanalyse und abstraktem Pseudomarxismus, das Reich seit Beginn der Sexualökonomie 1928 vernichtend kritisiert hat.

Seinerseits hat (bzw. hätte) Horkheimer als guter Marxist den Reichschen Ansatz, über den Umweg Nietzsche, wie folgt kritisiert:

Weder im individuellen noch im nationalen Charakter liegt der Grund der von ihm (Nietzsche) bekämpften (intellektuellen) Unsauberkeit, sondern in der Struktur der gesellschaftlichen Totalität, die beide in sich enthält. Indem er als typisch bürgerlicher Philosoph die Psychologie, wenngleich die tiefste, die es bis heute gibt, zur Grundwissenschaft der Geschichte machte, hat er den Ursprung der geistigen Verkommenheit sowie den Weg aus ihr verkannt, und das Schicksal, das seinem eigenen Werke widerfuhr (…) hat daher seine Notwendigkeit. (z.n. Steven E. Aschheim: Nietzsche und die Deutschen, Stuttgart 1996, S. 195)

Diese Aussage von 1935 ist vorweggenommen die perfekte Marxistische Kritik an der „faschistischen“ sozialen Orgonomie, wie sie sich heute darstellt. Es ist imgrunde die gleiche Kritik, die der frühe Marx Stirners Der Einzige und sein Eigentum angedeihen ließ: Selbststeuerung und die Bio-Psychologie ihrer Verhinderung sind des Teufels.

Dieses Zusammenspiel von „psychologischen Dispositionen“ (dilettantische Psychoanalyse) auf der einen und „unpsychologischen Interessengründen“ (dilettantische Politökonomie) auf der anderen Seite zeigt die ganze Scharlatanerie Adornos, der als Laie sowohl nichts von Psychologie, Psychiatrie und Medizin als auch nichts von Volkswirtschaft versteht, und zu allem Überfluß nie einen direkten Kontakt mit dem sozialen Kampf der Massen hatte. Aber „Soziologie“ betreiben… In Wirklichkeit ist er einfach nur ein spintisierendes Kind, das mit Freudschen und Marxschen Mythen („das Kapital“, „das Über-Ich“, etc.) wie mit Bauklötzen spielt und sich ein verschrobenes Märchenschloß errichtet, an dem nichts aber auch rein gar nichts stimmt! Daß modern-liberale Charaktere auf diesen Dreck reinfallen, liegt an ihrer Kontaktlosigkeit: der Intellekt ist kein Erkenntnisorgan mehr (Kontakt), sondern ein Organ der Abwehr (Unterbindung von Kontakt).

Wie ist Adorno mit den Stirnerschen Einsichten über das „Heilige“ umgegangen? Er hat, um sowohl dem „Heiligen“ als auch den Stirnerschen Einsichten zu entgehen, einen „dialektischen“ Irrgarten angelegt, in dem sich keiner mehr zurecht findet. Ein Alptraum von kontaktlosem Intellektualismus. Wie Adorno so schön schreibt: „In schroffem Gegensatz zum üblichen Wissensideal bedarf die Objektivität dialektischer Erkenntnis nicht eines Weniger, sondern eines Mehr an Subjekt“ (Negative Dialektik, suhrkamp, S. 50). In seinem reaktionären Obskurantismus unterscheidet er sich in nichts von Figuren wie Heidegger (dem er einen „Jargon der Eigentlichkeit“ vorwirft) und Carl Schmitt.

Daß solche Leute mit ihrer „Dialektik der Aufklärung“ Reich entlarven und die Natur vor seinem sexualökonomischen und orgon-technologischen Zugriff bewahren wollen – ist einfach ein schlechter Witz. Ihre Verteidigung von Natur und Autonomie erinnert fatal an die Verteidigung des Proletariats durch die Marxisten. Es ist in jedem Sinne des Wortes Verrat an Stirners „Aufklärung über die Aufklärung“.

Was ist dann falsch an der Moderne? Es ist nur eines falschgelaufen und das hat nichts mit der Moderne per se zu tun: die Panzerung des Menschentiers. Am sichtbarsten wird diese Panzerung in der Verdoppelung der Welt in das angeblich „barbarische“ Tier und die objektive Wertewelt. Wie Stirner hat Reich gezeigt, daß der Mensch gespalten ist:

Er ist im Grunde hilflos, freiheitsunfähig und autoritätssüchtig, denn er kann nicht spontan reagieren; er ist gepanzert und erwartet Befehle, denn er ist widerspruchsvoll und kann sich auf sich selbst nicht verlassen. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 176)

Aber Adorno, Zygmunt Bauman, et al. haben nichts besseres zu tun als weiter gegen die „barbarische Natur“ zu kämpfen. Natürlich predigen sie keine objektive Wertewelt, sondern – die Selbstrücknahme, den Selbsthaß. Gramgebeugte Pfaffen! Etwa wenn Bauman als Essenz seines Denkens in Dialektik der Ordnung „eine Ethik der Distanz und des Ferneffekts (fordert), die mit der unheimlichen Zunahme der räumlichen und zeitlichen Folgen technischen Agierens vereinbar wäre“ und gegen den „nackten, nüchternen Überlebenswillen“ zu mobilisieren sei… Klingt gut, aber dahinter tun sich pseudo-liberale Abgründe auf…

stinrerich

Der Familienroman der Menschheit

21. April 2013

Zu einem bestimmten Zeitpunkt, als sich der Mensch von der übrigen Natur abspaltete, begann er mit der Niederschrift seiner Geschichte. Aber warum traf das Niederschreiben der Geschichte mit dieser Abspaltung zusammen? Jetzt beginnt der Mensch mit einer Bewegung zurück zur Natur, obgleich er sich dessen nicht bewußt ist… Es ist ein enormes Problem – dieses zeitliche Zusammentreffen von Geschichtsschreibung und dem Abwenden von der Natur. (Wilhelm Reich, 1948 zu Myron Sharaf, Journal of Orgonomy, March 1969, S. 118f)

Für Freud war der Ödipus-Komplex das zentrale Geschehen. Er schlägt sich beispielsweise im „Familienroman der Neurotiker“ (1909) nieder, demzufolge der im realen Leben enttäuschende Vater tatsächlich ein ganz anderer ist, ein Held, ein König, etc. Für Reich war der zentrale Mythos der Menschheit geradezu gegensätzlich geartet: nicht der Sohn opfert in seiner Phantasie den Vater, sondern umgekehrt der Vater opfert ganz real den Sohn – der „Christusmord“. Für Reich war in dieser Hinsicht Christus und der Mord an ihm in der Tat „das Alpha oder das Omega“, ähnlich wie in der Psychoanalyse der Ödipus-Komplex das A und O ist.

Betrachtet man nun die Geschichte und die Mythen der Völker, stößt man auf eine Illustration von Reichs Buch Christusmord nach der anderen. Der zentrale Mythos des Christentums ist derartig in die Geschichte eingezeichnet, daß manche sogar davon ausgehen, die gesamte Weltgeschichte sei von Christen geschrieben, also kaum mehr als „der Familienroman der Menschheit“. Siehe dazu beispielsweise die Arbeit des russischen Mathematikers Anatolij T. Fomenko.

Vor einigen Jahren habe ich folgende Rezension eines Buches eines dieser Chronologiekritiker auf meine Netzseite plaziert, später dann aber wieder zurückgezogen, weil mir die Sache denn doch zu wenig zum Thema Orgonomie zu passen schien:

Christoph Pfister: DIE MATRIX DER ALTEN GESCHICHTE

Bei seinem geschichtskritischen Ansatz geht der promovierte Historiker Pfister von der folgenden persönlichen Beobachtung aus: In der Nähe von Bern fand man die Fundamente von drei „gallorömischen Vierecktempeln”, die angeblich im 3. Jahrhundert zerstört wurden. Über einem dieser Sakralbauten wurde, wieder angeblich, 1000 Jahre später (ca. 1340) eine Kapelle errichtet, die dann in der Reformationszeit zerstört wurde. Pfister fragte sich, wie um alles in der Welt man nach 1000 Jahren noch wissen konnte, wo ein Kultbau der Kelten oder Römer gestanden hatte. Das wäre für uns Heutige das Jahr 1003!

Wir haben es mit dem Gegensatz zwischen einer funktionalistischen Geschichtsforschung zu tun, die sich am archäologischen Befund, am eigenen Augenschein, am vorurteilsfreien, unverbildeten Menschenverstand, „an der Natur” orientiert und einer mechano-mystischen „Geschichtswissenschaft”, die sich an Bücher hält, die ein „Wissenschaftler” vom anderen abgeschrieben hat. Diese Kette beginnt mit den antiken und mittelalterlichen Schriftquellen, – die durchweg aus dem 16. oder 17. Jahrhundert stammen bzw. zu dieser Zeit „aufgetaucht” sind.

Die Grundaussage von Pfisters Buch lautet, daß einigermaßen gesicherte geschichtliche Kenntnisse bereits ausfransen, wenn man nur 400 Jahre zurückgeht. Mit jedweder Gewißheit ist endgültig Schluß ab etwa dem Jahr 1500 und Geschichte geht über in Geschichtsdichtung, die sich in ihrer Substanz kaum von den Romanen Tolkiens unterscheidet. Das einzige, was einer seriösen Geschichtsforschung bleibt, ist das Herausarbeiten der Konstruktionsmerkmale der beiden Perioden, „Mittelalter” und „Altertum”, die im 16. Jahrhundert erfunden wurden.

Damals ging man wohl so ähnlich vor wie heutigentags bei den diversen Star Trek-Fernsehserien und -Kinofilmen. Ausgehend von den Abenteuern von Captain Kirk, dem Vulkanier Spock und den anderen Crewmitgliedern von „Raumschiff Enterprise” wurde innerhalb von knapp vier Jahrzehnten eine facettenreiche zukünftige Geschichte der Menschheit kreiert, wobei man sich bei jeder Produktion jeweils an den vorangegangenen Machwerken orientierte. Das mußte natürlich immer wieder zu schmerzlichen Ungereimtheiten führen, die bei einer einheitlichen Planung nicht aufgetreten wären.

In der alten Geschichte findet man eine solche auffällige Verwerfung im Mittelalter, das, weil viel zu lang (1000 Jahre!), als daß man es durch einfache Verlängerung der Neuzeit in die Vergangenheit und Dehnung der Antike hätte schließen können, mehr schlecht als recht durch die Hilfskonstruktion „karolingische Zeit” aufgefüllt wurde. Entsprechend ist bei „Karl dem Großen” die Fiktionalität der alten Geschichte am augenfälligsten. Insbesondere Heribert Illig hat sich mit der Bloßlegung dieser grotesken Geschichtsfälschung hervorgetan. (Es ist traurig, daß er von Pfister mit keinem Wort erwähnt wird!)

In der Zeit der „Reformation” wurde der nicht näher bestimmbare und nur lokal organisierte synkretistische „Arianismus” – wie wir ihn vielleicht noch heute in der schiitisch-schamanistischen Mischreligion des anatolischen Alevismus vor uns haben? – durch die dogmatischen Religionen der Lutheraner, Calvinisten, Katholiken, Orthodoxen, Juden und nicht zuletzt auch der Sunniten und Schiiten mit Hilfe von Glaubenskriegen, Inquisition und „Hexenverbrennungen” ausgerottet. Um die alte Religion vergessen zu machen, wurde, ähnlich wie später in den Kolonialgebieten, die Erinnerung an die Vergangenheit von der organisierten und schwerbewaffneten Emotionellen Pest ausgelöscht und „Geschichte geschrieben”.

Wie die Blaupause der alten Geschichte geartet war und mit welcher Technik diese „Matrix” ausgefüllt wurde, kann man sich sehr schön anhand des besagten „Arianismus” vergegenwärtigen. Benannt wurde er nach Arianus, der im Jahre 325 unter KONSTANTIN zum Erzhäretiker erklärt wurde. Arianus entspricht ein Jahrtausend später (1415) dem fast namensgleichen Jan Hus, der auf dem Konzil in KONSTANZ inhaftiert und dann verbrannt wurde. Dieses fiktive Konzil wird auch im Buch Esra des Alten Testaments beschrieben, wo Jan Hus als Johanan (die hebräische Namensform von Johannes = Jan) auftritt, – der in einer „Tempelzelle” eingesperrt ist.

Dergestalt wurden die Epochen mit Variationen immer der gleichen Geschichten aufgefüllt, die der religiösen Erbauung dienten. Zum Beispiel: wer vom Glauben abfällt, den bestrafen die Ostgoten, Vandalen und Alemannen als Geißel Gottes, und da diese arianischen, bzw. heidnischen Völkerschaften in ihrem Unglauben verstockt blieben, verschwanden sie, im Gegensatz zu den katholischen Franken, schließlich aus der Geschichte. Mit Variationen und mit einem fiktiven Zeitkolorit verfremdet hat das Alte Testament den gleichen Inhalt. Wobei es natürlich die Ostgoten, Vandalen und Alemannen genausowenig gegeben hat, wie etwa Philister, Samaritaner oder Midianiter.

Allein schon die Zeitrechnung „ab Christi Geburt” ist ein zynischer Scherz! Sie wurde angeblich im Jahre 525 von dem in Rom wirkenden „skythischen (sic!) Mönch” Dionysius Exiguus eingeführt. Die Schrift aus dem 6. Jahrhundert, die diese Geschichte enthält, wurde aber erst im 17. Jahrhundert in Frankreich „entdeckt”. Zu einer Zeit, als das Zahlengerüst der alten Geschichte, an dem sich noch heute die Historiker orientieren, von dem Franzosen Denis Pétau, latinisiert Dionysius Petavius (1583-1652), ausgearbeitet wurde. In Pétau steckt das französische Wort „petit”, klein. Und was bedeutet das lateinische Wort „exiguus”? „Klein, schmächtig”!

Daß die gesamte Geschichtsschreibung wirklich nichts anderes ist als Dichtung im Dienste der Theologie, wird z.B. auch an der einzigen Quelle für das frühe Rom deutlich: Titus Livius, der angeblich im 1. Jahrhundert v.Chr. schrieb – und dessen Schriften im 16. Jahrhundert „entdeckt” wurden. Auffällig sind die vielen Parallelen zu den Erzählungen des zur gleichen Zeit (16. Jahrhundert!) verfaßten Alten Testaments. So entsprechen z.B. die sieben Könige Roms (die wiederum Alter Egos bei den spätrömischen Kaisern haben) den alttestamentarischen Königen.

Ein Hauptelement der Geschichte, die Livius zu erzählen hat, ist die Emanzipation der Plebejer (= Christen) gegenüber den Patriziern (= Heiden) während der sage und schreibe 400 Jahre andauernden römischen Republik. Die Plebejer ziehen dreimal in der Geschichte der Republik protestierend aus der Stadt (= Ägypten) auf einen von Livius nicht näher lokalisierten „heiligen Berg”, um für ihre Bürgerrechte zu demonstrieren. Schließlich erhalten sie den geforderten gesetzlichen Schutz, z.B. das „Zwölftafelgesetz”. Der heilige Berg der Plebejer = Christen, bzw. der Juden = „Judices” (die Richter, die das lateinische Recht, „Jus”, vertreten, „das Volk des Gesetzes”), ist der Vesuv = der Sinai. Der Auszug der Juden aus Ägypten ist in Wirklichkeit der Auszug aus der ägyptischen Religion. (Dazu muß man wissen, daß Rom wahrscheinlich einst eine ägyptische Provinz war.) Das Heilige Land „Kanaan” ist die Region Kampanien am Fuße des Vesuvs. Jerusalem ist das himmlische Rom.

Auch in der Figur des Jesus Christus finden sich viele römische Elemente, etwa die des Sklaven Spartakus (sozusagen ein Super-Plebejer), der gekreuzigt wurde, und die des armen Mönches Hildebrand, der zur Zeit der Ottonen, also tausend Jahre „nach Christus” nach Rom pilgerte und zum Papst Gregor VII. gewählt wurde. Auf ihn geht der weltliche Machtanspruch der Kirche, die strenge Hierarchie und nicht zuletzt das Zölibat zurück. (Die ins Auge springende schizoide Doppelgesichtigkeit Jesu – Spartakus/Cäsar, Mönch/Pontifex Maximus, Pazifist/herrschsüchtiger Gewaltmensch – wird von mit in Der verdrängte Christus thematisiert.)

Pfiester zufolge gehört das „antike Griechenland” ins 15. Jahrhundert und ist ein Produkt der Landnahme, die Spaniens, Frankreichs und Italiens, die von Griechenland, Kleinasien und die Levante bis hinunter nach Ägypten und weiter nach Tunis reichte. Diese Eroberungen zeigen sich, Pfister zufolge, in den vollendet spät-gotischen Prachtbauten im Nahen Osten, die zur Zeit der angeblichen Kreuzzüge vollkommen undenkbar sind, – und nicht zuletzt in den durchweg iberischen, gallischen und italischen Orts- und Landschaftsnamen dieser Gebiete. Auch erklärt sich mit der religiösen Rechtfertigung der imperialistischen Landnahme zwanglos, warum das Heilige Land Kampanien vom Fuße des Vesuvs in die Levante versetzt wurde („Kanaan”) und warum aus dem Höhenheiligtum Präneste, dem heutigen Palestrina in der Nähe Roms, das Land der Höhenheiligtümer „Palästina” wurde.

Die Expansion nach Osten, dieser Kampf zwischen dem Gallier („de Gaulle”!) Goliath und dem einheimischen „Palästinenser” David, war m.E. die Initialzündung für die Ausbildung des Islams. Ähnlich wie im 20. Jahrhundert der Marxismus in Osteuropa und der Dritten Welt war im 16. Jahrhundert der sich formierende Islam eine antiwestliche „Befreiungstheologie”, die vom Westen inspiriert und inhaltlich geformt wurde – bis zur „kulturrevolutionären” Auslöschung der eigenen Kultur des Mittleren Ostens, die konsequent nach westlich-christlichen Muster „arabisiert” wurde (ein Prozeß, der bis heute andauert!).

Was hat die Humanisten des 16. und 17. Jahrhunderts, also Leute wie den erwähnten Denis Pétau oder etwa seinen Vorläufer Joseph Justus Scaliger (der Begründer der „wissenschaftlichen Chronologie”), zu ihrer verheerenden Fälschungsaktion bewegt? Aus dem „reformatorischen” Geist der Zeit heraus konnte Geschichte nichts anderes sein als Heilsgeschichte. Offenbar wollte man den Kult um die mythische Christus-Figur sichern und zum alleinigen Glauben machen, indem man bis in die kleinsten Einzelheiten hinein eine mehrtausendjährige angeblich profane Geschichte um diese sozialrevolutionäre Erlösergestalt herum konstruierte. Eine Geschichte, die die christliche Theologie perfekt illustriert und „konkretisiert”. Dagegen hatten die anderen Kulte, etwa der des Mithras, nichts aufzubringen: Kopf schlägt Bauch! Geschichte schlägt Mythos! Der Appell an die asozialen „kulturrevolutionären” Entwurzelten schlägt gewachsene Strukturen! Oder mit anderen Worten: das Christentum ist die Urform des Roten Faschismus. (Wie schon Nietzsche feststellte, vgl. Der verdrängte Nietzsche.)

Hinter der Matrix standen „modern liberals” (siehe Der politische Irrationalismus aus orgonomischer Sicht). Das vollständig vom bioenergetischen Kern abgetrennte Denken zeigt sich in ihren im wahrsten Sinne des Wortes „abgehobenen” Konstruktionen und dem von ihnen geschaffenen Alp eines impotenten, verbitterten Intellektuellen-Gottes, der wirre Bücher voll Frauenverachtung, abartiger Gewaltphantasien und das „Jüngste Gericht” schreibt. Ein harter und rachsüchtiger Gott, der, wie Nietzsche in Also sprach Zarathustra anmerkt, sich eine Hölle zum Ergötzen seiner Lieblinge erbaute. (Zum [sexual-]ökonomischen Hintergrund der Vorliebe für die „unterdrückten Massen” im 16. Jahrhundert siehe Ökonomie und Sexualökonomie.)

Leider durchschaut Pfister den charakterologischen Hintergrund der Matrix nicht. Aber immerhin scheint ihre quasi „marxistische” Natur durch, wenn er z.B. im Zusammenhang mit dem fiktiven Spartakus-Aufstand schreibt: „Die Sklaven sind im Grunde immer siegreich, was beweist, daß das Christentum siegen wird. Nur die Zeit ist noch nicht reif für die religiöse Wende” (S. 92). Hier wird förmlich greifbar, daß später der Marxismus (der moderne „Spartakismus”, der zwangsläufig siegen wird, wenn „die Zeit reif ist”!) an der erfundenen christlich-humanistischen Heilsgeschichte weitergestrickt hat. Auf S. 390 sieht Pfister eine Parallele zwischen der einstigen dem Untergang geweihten Sowjetideologie und der heutigen theologisch inspirierten „Geschichtswissenschaft” – die ebenfalls dem Untergang geweiht ist. (Es ist sicherlich kein Zufall, daß Pfisters Hauptquelle, ohne die sein Buch undenkbar wäre, Fomenko ist. Russen wissen aus erster Hand, daß ganze Gesellschaften in einer „Matrix” leben können – in einem Gespinst aus Lüge und Manipulation.)

Was mich im Nachhinein skeptisch gemacht hat, ist beispielsweise die Aufarbeitung der Hexenprozesse. Mit den exakt datierten Gerichtsakten, die den Alltag, den religiösen Glauben und die politischen Verhältnisse dokumentieren, haben Historiker die „schwarze Legende“ widerlegt. Die Inquisition war schlimm, aber kein „Holocaust“, dem Millionen zum Opfer gefallen sind. Wer hätte all diese Geschichtsdokumente fälschen sollen? Und dann auch noch so, daß sie der offiziellen Geschichtschreibung widersprechen!

Chronologiekritiker sehen, wie einst Schopenhauer, daß ganz entgegen den Behauptungen Hegels sich die Geschichte in einer „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ zu erschöpfen scheint. Daraufhin fassen sie den Geschichtsverlauf so zusammen, daß sie uns schließlich eine konzise „Geschichte“ vorlegen können. Kann es nicht aber auch so sein, daß die Menschheit auf neurotische Weise immer und immer wieder das gleiche Christusmord-Geschehen durchexerzieren muß und daß dieser „Wiederholungszwang“ die Menschheitsgeschichte zu einer derartig öden und unlogischen Geschehensabfolge machte?

christusallber

Grundelemente einer orgonomischen Soziologie (Teil 7)

5. März 2013

Ein zentrales Element des orgonomischen Funktionalismus ist die Integration des Subjektiven in die wissenschaftliche Analyse, weshalb der orgonomische Funktionalismus sich so hervorragend für die Soziologie eignet. Als Beispiel können wir Gewaltverhalten und dessen Interpretation durch die Umwelt nehmen. Es gibt keine „Gewalt an sich“, wie es etwa Dinge gibt. Im sozialen Bereich kann ein und dieselbe Sache vom Opfer ganz verschieden aufgefaßt werden, selbst der Todschlag. Liebe, Gnade, Freundschaftdienst, Vergewaltigung, Bestrafung: alles eine Sache des perspektivischen Blicks. Gewalt ist durch und durch subjektiv. Subjektiv von beiden Seiten: der des Opfers und der des Täters. Wie nun die Gewalt, in der objektiven Struktur und subjektiven Interpretationsprozesse unentwirrbar zusammenwirken, erfassen?

Dazu hat Reich drei Gleichungen anzubieten:

funktionalismus27

Ich finde, daß im Bereich der Soziologie all dies sehr gut aufgehoben ist, wenn man Gewalt mit der Charakterstruktur der Menschen erklärt. Wie sonst Objektives und Subjektives verbinden?!

Die „verstehende Soziologie“ kommt dem annäherungsweise nahe, denn sie will in den Griff bekommen, daß die Soziologie nicht nur wie andere Wissenschaften über ihre Beobachtungsobjekte Konzepte aufstellt – sondern diese „Objekte“ selbst Konzepte voneinander haben.

Das Spezifische an Reichs Denken ist, daß es nicht mit Modellen arbeitet, sondern mit Funktionsschemata. Modelle kranken daran, daß sie praktisch unübertragbar sind. Mit dem Bauplan eines Fernsehers kann ein Autobauer kaum etwas anfangen, sehr wohl aber mit Funktionsschemata, die etwa die Wechselwirkungen der verschiedenen betrieblichen Teilbereiche (Produktion, Marketing, Versuchslabors, Prüftechnik, etc.) beschreiben, die bei der Produktion eines Fernsehers zusammenwirken. So etwas ist auch auf die Produktion von Feldhaubitzen, Kaugummis oder Wasserhähnen anwendbar. Hans Hass hat in seiner durch und durch funktionalistischen „Energontheorie“ gezeigt, daß derartige Funktionsschemata auch etwa auf die Biologie übertragbar sind. Entsprechend sind Funktionsschemata, die das Funktionieren des menschlichen Charakters beschreiben, auf die Gesellschaft als Ganzes anwendbar.

Der Funktionalismus ist der Soziologie geradezu wesenseigen, da sie sich nicht mit sicht- und greifbaren Fakten, sondern mit der Rolle, dem Verhalten und Handeln von Menschen und Institutionen, z.B. der Familie, in einem „unsichtbaren“ Wechselspiel und Bezugsrahmen beschäftigt. Ob sie wollen oder nicht, kommen Soziologen gar nicht an der Vorstellung der Gesellschaft als Organismus vorbei, wie es klassisch von Bronislaw Malinowski formuliert wurde, siehe sein Buch Eine wissenschaftliche Theorie der Kultur (suhrkamp 1975). Eindeutig hat Malinowski lange vor Reich funktionalistisch gedacht. Malinowski hat gezeigt, wie sich psychologische und soziale Bedürfnisse aus grundlegenden biologischen Bedürfnissen ableiten. Mittlerweile ist dieser Ansatz vollkommen durch den gehirnzentrierten Strukturalismus und Post-Strukturalismus verdrängt worden. (Es gab sogar „Bioenergetiker“, die den Reichschen „überholten“ Funktionalismus durch den Strukturalismus ersetzen wollten.)

Trotzdem bleibt es dabei, daß ein Organismus-Modell der Gesellschaft allein schon deshalb selbstverständlich ist, weil die Gesellschaft auf Organismen zurückgeht – und gerade in diesen, d.h. konkret in den Charakterstrukturen dieser Organismen, liegt das Problem des soziologischen Funktionalismus. Das ermöglicht es im übrigen der Orgonomie Reichs frühe Marxistische Kritik an den „bürgerlichen funktionalistischen“ Sozialwissenschaften ohne Probleme zu verdauen. Ich würde soweit gehen, daß erst nach den Arbeiten von Reich und Elsworth F. Baker zum Thema überhaupt eine wissenschaftliche Soziologie möglich geworden ist. Und angesichts der beiden „charakteranalytisch“ gesättigten Funktionsbegriffe in der Soziologie ist diese Aussage nicht so abwegig: bei Malinowski bedeutet Funktion „immer die Befriedigung eines Bedürfnisses“ und bei Alfred Radcliffe-Brown wird die „Funktion“ als eine die gesellschaftliche Struktur erhaltende Wirkung verstanden. Das ist beides untrennbar mit dem Charakter-Begriff verknüpft.

Das besondere an Reichs orgonomischem Funktionalismus im Vergleich mit dem, wenn man so will, „soziologischen Funktionalismus“ ist also das Konzept des (Charakter-) Panzers. Die irrationale, widernatürliche, dysfunktionale Charakterstruktur der Menschen überlagert das natürliche Funktionieren (die natürliche Arbeitsdemokratie) fast vollkommen. Will man die Gesellschaft „funktionell“ reorganisieren, muß man beachten, daß dies nur funktionieren kann, wenn man die Auswirkungen der Panzerung minimiert. Ohne diese Bewältigung muß jeder Versuch fehlgehen: jede Theorie im Nonsens und jede Praxis in der Katastrophe enden.

Man nehme etwa die soziologische Utopie des Kommunitarismus: Gemeinschaft gegen Gesellschaft: Der Kommunitarismus geht auf Ferdinand Tönnies’ Begriff der „Gemeinschaft“ (im Gegensatz zur „Gesellschaft“) zurück (1887). Die Idee der Gemeinschaft schöpfte Tönnies wiederum bereits 1873 aus Die Geburt der Tragödie des damals noch Wagnerisierenden Nietzsche. Man kann den Kommunitarismus also mit der geistesgeschichtlichen Genese des Nationalsozialismus gleichsetzen… Arbeitsdemokratie ist etwas grundsätzlich anderes: sie beruht nicht auf dem Gemeinschaftsgefühl, sondern auf den Anforderungen der Umwelt, d.h. auf der lebensnotwendigen Arbeit. Hierher gehört die „therapeutische“ Wirkung der Arbeitsdemokratie, von der Reich spricht, durch die „Transzendierung“ der Charakterstruktur und der durch sie bedingten Verhaltensmuster.

An die Stelle von Individuum und Gesellschaft, treten im Kommunitarismus Gemeinschaften und Staat, die zusammen die Unveränderlichkeit der Charakterstrukturen garantieren. Beispielsweise garantiert der Staat im Rahmen des „Multikulturalismus“, entgegen allen Anforderungen der Arbeitsdemokratie, unterschiedliche Rechtssysteme, etwa die Scharia für „islamische Gemeinschaften“. Das Individuum verliert seine Rechte und die Gesellschaft zerfällt. Man denke in diesem Zusammenhang an „Bürgerinitiativen“, die alle organischen arbeitsdemokratischen Zusammenhänge aushebeln, und den damit zusammenhängenden allgegenwärtigen Tugendterror etwa in Zusammenhang mit „Stuttgart 21“.

Freuds verzweifelter Kampf gegen Reich, um sein Lebenswerk zu retten

17. Februar 2013

Warum hat Freud auf der Sexualtheorie mit einer derartig sektiererischen Ausschließlichkeit, etwa gegenüber Jung und Adler, bestanden? Weil die Sexualtheorie die einzige Möglichkeit für Freud war, sich gleichzeitig gegen drei existentielle Bedrohungen für die Psychoanalyse zu immunisieren:

  1. Bestand die Gefahr, daß sie sozusagen in ihren Mutterboden zurückfallen und versinken würde: dem „okkulten Schlamm“ des „Mesmerismus“, der 100 Jahre zuvor den damaligen „Skeptikern“ zum Opfer gefallen war. Nicht nur, daß Sexualität das Antidoton zu jeder Art von „Religion“ war, auch sorgten die von Freud postulierten „Partialtriebe“ (anale Libido, orale Libido, etc.) dafür, daß jede einheitliche Lebenskraft gedanklich „zerstückelt“, sozusagen „dekonstruiert“ („weganalysiert“) wurde. Der Geist Mesmers wurde dergestalt gebannt.
  2. Die Psychoanalyse war kaum mehr als die Analyse von „Texten“ (Deutung der „freien Assoziation des Patienten“). Der Rückgriff auf die Sexualität, das „Animalische“ schlechthin, sorgte dafür, daß Freud als mehr dastand denn als bloßer Philosoph a la Schopenhauer und Nietzsche. Er ging quasi mit „materiellen Stoffen“ um, nicht mit bloßen Konzepten.
  3. Gleichzeitig war es Freuds Bestreben, die Psychoanalyse vom Arztberuf und der Biologie zu emanzipieren, insbesondere der Neurologie, seinem ursprünglichen Fachgebiet. (Nachdem er Psychoanalytiker geworden war, sollte er sich nie wieder mit der Entwicklung der Naturwissenschaft beschäftigen!) Die Sexualität war etwas, was anatomisch nicht greifbar war. „Libido“ konnte Dinge „besetzen“ und Dingen „entzogen“ werden. Neue Anatomische Entdeckungen konnten dieses System nicht gefährden.

Tatsächlich sollte Jung zu einer Art „Religionsstifter“ werden und Adler zu einer Art „Lebensphilosoph“ (Gemeinschaftsgefühl, Wille zur Macht, Philosophie des Als-Ob, etc.). Bei Reich löste sich die Psychoanalyse in Anatomie auf. Von „Deutung“ blieb bei ihm fast nichts.

Reich sollte zwar, im Gegensatz zu Jung und Adler, an der Sexualtheorie festhalten (sogar konsequenter als Freud selbst!), jedoch hatte er ihr das für Freud Wesentliche genommen: Mit seiner Genitaltheorie hatte er sie zu einer einheitlichen Kraft gemacht. Damit war „Mesmer“ wieder da, „Philosophie“ wurde wieder möglich und nicht zuletzt wurde die Psychoanalyse „remedizinisiert“. Alle drei Punkte werden bereits in der ersten Ausgabe von Reichs Die Funktion des Orgasmus (1927) deutlich: die Funktion des Orgasmus verband die Partialtriebe in einem System „kommunizierender Röhren mit einem gemeinsamen Flüssigkeitsstand“, die Genitalität gab Anlaß für sexualreformerische Traktate und Gesellschaftskonstruktionen, Angst war wieder eine Sache „der Nerven“ bzw. der Intoxikation mit nicht abgebauten „Sexualstoffen“.

freudssexualtheorie

Tod und Erlösung (Teil 3)

11. Oktober 2012

Aller Mystizismus beruht auf der künstlichen Trennung zwischen subjektiven Empfindungen und den objektiven organismischen Vorgängen. Und so ist die Nahtodeserfahrung und das Austreten des Bewußtseins aus dem Körper vielleicht nichts anderes als eine extreme Variante der mechano-mystischen Pathologie des Menschentiers, die beim biologischen Zusammenbruch, der letztendlichen Abpanzerung, besonders augenfällig auftritt. Die Verweigerung der Hingabe in Potenz. Die übernatürliche Autonomie einer unsterblichen, dem Energiemetabolismus nicht unterworfenen „Essenz“, die der spiritistische Glaube lehrt, wäre das solipsistische, autistische, kontaktlose Gegenteil der Liebe. Wie Nietzsche in Morgenröte (A 211) schreibt, eine schreckliche Zudringlichkeit und letztendlich der Ausdruck haßerfüllten Ressentiments: „Die Welt wird mich nicht los!“

Andererseits glauben auch genitale Menschen wie die Trobriander, daß die Seelen der Verstorbenen zu einem entfernten „Avalon“ im Meer gehen. Wahrscheinlich entstand diese Vorstellung durch die, den Primitiven, unerklärlichen Luftspiegelungen über der See. So entspricht sie dem christlichen Wolkenkuckucksheim, das auf Luftspiegelungen über der Wüste zurückgeht. Immerhin sind diese durch das Flimmern der Atmosphäre verursachten Fata Morganen zumindest indirekt orgonotische Phänomene! „Eingeborene der Orgonomie“, wie Reichs kleiner Sohn, glauben an einen pulsierenden Plasmakörper, der im kosmischen Orgonenergie-Ozean schwimmt und die unsterblichen Seelen beherbergt (vgl. Peter Reichs Traumvater, München 1975, S. 133). Da er von genitalen Menschen vertreten wird, kann dieser Glaube kaum pathologisch sein, zumal lange vor dem Anfang Saharasias bereits die Neandertaler (wie sich aus Grabbeigaben zweifelsfrei erschließen läßt) an ein Leben nach dem Tode glaubten. Dies sagt natürlich nichts über die Richtigkeit dieser Vorstellung, nur daß es offenbar natürlich ist, gesund-naiv an ein Leben nach dem Tode zu glauben.

„Orgastisches Zerfließen im kosmischen Orgonenergie-Ozean“ ist leicht dahin gesagt – doch für jeden empfindungsfähigen Menschen ist der Tod eine Tragödie; und wenn nicht für den Sterbenden selber, dann sicherlich für seine Hinterbliebenen. Für jene, die jung sterben, gibt es weit begehrenswertere Wege, mit dem kosmischen Orgonenergie-Ozean eins zu werden, als ausgerechnet in der Umarmung des Todesengels, und ausgebrannte ältere Menschen erfahren den Tod wohl nicht als „Orgasmus“.

Vielleicht hätte dieser Endpunkt der jahrzehntelangen Involution einen anderen emotionalen Gehalt, wenn ihm die Endgültigkeit genommen und Leben und Tod als zyklischer Prozeß betrachtet würden, wie ja auch das Geschlechtsleben ein solcher Kreislauf von Ladung und Entladung ist. Leben und Liebe, Tod und „kleiner Tod“ wären dann, um mit Reich zu reden, „wie das Aufschäumen der Meereswellen an der felsigen Küstenwand, die sie wieder in weiter Fläche zurückwirft“ („Zur Trieb-Energetik“, Frühe Schriften, Köln 1977, S. 160).

Als der Urmensch die Zyklen der Natur, z.B. die Phasen des Mondes oder den Wechsel der Jahreszeiten beobachtete, muß er sie auch auf den Tod bezogen haben und so zum Glauben an die Wiederverkörperung gekommen sein. Dergestalt ist im Matriarchat der Tod keine endgültige Vernichtung, sondern nur sozusagen die notwendige Ruhepause zwischen Ernte und Aussaat. Was für eine lebensfeindliche Kehre diese Vorstellung im Patriarchat nahm, zeigt der traditionelle Wiedergeburtsglaube im Hinduismus. Er lehrt, daß alles vergänglich und deshalb nichts wichtig sei, sodaß das einzelne Leben im leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten jedes Schwergewicht verliert, was auch jede Mitmenschlichkeit untergräbt. Außerdem ist die Vorstellung von der „Seelenwanderung“ ein Produkt mangelnder spiritueller Durchdringung, ist es doch schon mehr als fraglich und schlechtweg unbeweisbar, ob wir in der Vergangenheit das gleiche „Ich“ waren und in Zukunft noch dieses „Ich“ sein werden. Geschweige denn, daß sich dieses imaginäre „Ich“ über mehrere Leben erhält. Schon Gautama Buddha hat sich, wenn auch reichlich inkonsequent, gegen die lächerliche Vorstellung einer Wanderung des „Ich“ von Leben zu Leben gewandt.

Im Unterschied zum Hinduismus und Buddhismus glaubte Nietzsche, daß alles viel zu wertvoll sei, um vergänglich zu sein und fand seinen Trost grade in der Vorstellung einer ewigen Wiederkehr des Gleichen, die für den Inder der Inbegriff alles Schrecklichen ist. Die identische Wiederkehr verleiht dem einzelnen Leben ein unendliches Schwergewicht. Wenn ich nochmals leben sollte, dann wäre es exakt nochmal dieses Leben, weil es ansonsten eben nicht dieses mein Leben wäre. Das besondere an Nietzsches Konzept ist also, daß es gerade auf der Verneinung der autonomen, von den Umständen nicht berührten Seele beruht.

Da es keine übernatürliche „Essenz“, kein autonomes Subjekt gibt, das das Leben lebt und überlebt, und da das Subjekt mit seiner Umgebung funktionell identisch ist, ist Wiederkehr nur möglich, wenn gleichzeitig auch die gesamte Umgebung bis in die kleinsten Einzelheiten wiederkehrt. Und weil mittlerweile (mehr oder weniger) experimentell nachgewiesen ist, daß alles unlösbar miteinander verknüpft ist und ein Augenzwinkern den gesamten Kosmos beeinflußt, wird sich alles in alle Ewigkeit variationslos wiederholen. Jedenfalls wenn die Welt so funktioniert, wie an anderer Stelle beschrieben: als Simulation von Beharrung, durch „zyklische Wiederkehr“. Daß es überhaupt Sein gibt, ist Beweis genug für die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Nietzsche schreibt, daß alles in der Welt verknotet ist und einander bedingt, sodaß man nichts wegdenken kann, ohne alles zu verändern. Jeder Augenblick zieht so jeden folgenden nach sich – und letztendlich sich selber. Wie Nietzsche sagt: will man einen Augenblick, will man „Alles von neuem, Alles ewig“, denn es ist „Alles verkettet, verfädelt, verliebt“ (Also sprach Zarathustra, Studienausgabe, S. 402). Um Nietzsches Interpretation von Jesu Lehre auf Nietzsche selber zu übertragen: „Das wahre Leben, das ewige Leben ist gefunden (…) in der Liebe ohne Abzug und Ausschluß, ohne Distanz“ (Der Antichrist, A 29).

Das ist die Glorifikation des Lebens im Hier und Jetzt. Es ist bemerkenswert, daß sie, die für Nietzsche das Zentrum und der krönende Abschluß seiner Philosophie war, praktisch keinerlei Wirkungsgeschichte gezeitigt hat und, wenn überhaupt beachtet, allenfalls als sein persönliches, von anderen kaum nachvollziehbares „Steckenpferd“ belächelt wurde – entsprechend dem Schicksal von Reichs Orgasmustheorie.

Die Ewige Wiederkehr des Gleichen ist untrennbar mit dem „Übermenschen“ verknüpft, der aus seinem Glück und seiner Kraft, den Schmerz der Wirklichkeit ohne Flucht in mystische Gefilde zu ertragen, die Ewige Wiederkehr wünschen kann. Eine „züchtende“ Lehre, da der zum Glück unfähige, der „orgastisch Impotente“, an ihr zerbräche – denn es gibt keine Erlösung für sein autistisches Ich. Sein Ich und sein vorgeblich eigener „Wille“ ist selber in den superdeterministischen Nexus der Welt eingebunden, sodaß auch sein rebellisches „Nein“ untrennbar zum Ablauf gehört. Es kann also weder einen Trost in der Revolte noch in dem geben, was Nietzsche „Türkenfatalismus“ nannte, da es keinen Gott und kein Gesetz gibt, der oder das irgend etwas „verhängt“ hätte. Wir gehören unlösbar dazu, ob wir wollen oder nicht. „Erlösung“ gibt es nur in einem einzigen Sinne: die Vergangenheit erlösen, d.h. dem Sinnlosen Sinn geben, indem man der Entwicklung ein alles rechtfertigendes Ziel gibt. Das ist auch die tiefere Bedeutung von Reichs „Kindern der Zukunft“: sie rechtfertigen das Leben in alle Ewigkeit.

Nietzsche:

Gesetzt, wir sagen Ja zu einem einzigen Augenblick, so haben wir damit nicht nur zu uns selbst, sondern zu allem Dasein Ja gesagt. Denn es steht nichts für sich, weder in uns selbst, noch in den Dingen: und wenn nur ein einziges Mal unsre Seele wie eine Saite vor Glück gezittert und getönt hat, so waren alle Ewigkeiten nötig, um dies eine Geschehen zu bedingen – und alle Ewigkeit war in diesem einzigen Augenblick unseres Jasagens gutgeheißen, erlöst, gerechtfertigt und bejaht. (Studienausgabe, Bd. 12, S. 307f)

Tod und Erlösung (Teil 2)

10. Oktober 2012

Beim Töten von Versuchsmäusen mittels Äther hat Reich ein quasi „orgastisches“ Geschehen beobachtet:

Zuerst versucht sich der Organismus gegen das Gift durch erhöhte motorische Tätigkeit zu wehren. Die Maus sinkt rasch atmend um. Die Atmung wird unregelmäßig und setzt schließlich aus. Doch der Tod ist noch nicht eingetreten. Es treten bei Nichtatmung Zuckungen des Gesamtkörpers auf. Es sind Entladungen der elektrischen Energie des Körpers. Eine neuerliche Aufladung bleibt aus, da die Atmung oder auch die Verbrennung nicht mehr funktionieren. Die Zuckungen verebben, und manchmal schlägt das Herz noch eine Weile weiter. So erlischt eine Funktion nach der anderen. (Die Bionexperimente, Frankfurt 1995, S. 115)

Das Sterben des Organismus selbst ist von einer scharfen Muskelkontraktur (…) begleitet (…). (Der Krebs, Fischer TB, S. 258)

Axel Petermann, dienstältester Profiler Deutschlands, beschreibt den Erstickungstod, etwa mit einem Kissen, das auf das Gesicht des Opfers gedrückt wird:

Auch wenn das Opfer weiblich, klein und zierlich sei, der Täter hingegen männlich, groß und stark, entwickle das Opfer im Angesicht des Todes übermenschliche Kräfte. „Irgendwann wird das Opfer zwar bewußtlos, aber der Kampf des Körpers gegen den Tod geht weiter. Mit Eintritt der Bewußtlosigkeit beginnen automatisch die konvulsivischen Spasmen, die den ganzen Körper zucken und verkrampfen lassen, wieder abebben, nach 30 Sekunden erneut einsetzen und wieder nachlassen. Acht bis zehnmal geschieht dies periodisch, bis der Mensch tot ist. Hört der Täter vorzeitig auf, erwacht das Opfer aus der Bewußtlosigkeit.“ (General-Anzeiger, 22. Mai 2012)

Todesangst und sexuelle Lust schließen sich nicht unbedingt aus. Die anfänglichen Gefühle im Solar Plexus sind identisch. 1927 schrieb Reich z.B.: „Auch beim Schaukeln, im rasch abwärts fahrenden Lift, im talwärts rasenden Auto, bei steiler Schußfahrt auf Skiern verspürt man am Herzen und am Genitale Empfindungen, die angst- und lustbetont zugleich sind“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 48). Man vergleiche dies auch mit Reichs späteren Erläuterungen in Der Krebs über die „Fallangst“ bei einem Kind, mit dem das doch eher lustbetonte freudige Hochheben und Fallenlassen gespielt wurde.

Nicht nur Achterbahnen, sondern auch Scheußlichkeiten aller Art, z.B. Hinrichtungen, waren stets ein Publikumsmagnet. Hierher gehört die Lust an Horrorfilmen, der lustvoll erlebte Nervenkitzel des Grauens – der in Filmen wie Basic Instinct offen mit Sex verknüpft wird. Ein anderes Beispiel sind jene Frauen, die Mörder und Sexualstraftäter heiraten. Für sie macht grade die Mordtat diese Männer so unglaublich sexy: „der Tod wird zum Orgasmus, zum Höhepunkt, zum Kick“ (Spiegel, 36/91, S. 284).

Ich schreibe das im IC. Vor mir im Großraumwagen sitzen drei jungen Frauen, die mit offensichtlicher „Spannung“ und Erregung Kriminalromane lesen, in denen es fast immer um „Lustmorde“ an Frauen geht.

Was „Tod und Orgasmus“ anbelangt, ist Reichs Erforschung der Epilepsie besonders interessant. Für Reich ist der epileptische Krampfanfall eine „echte extragenitale orgastische Konvulsion“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 223). Er verweist dabei auf die subjektive Beschreibung dieses extragenitalen Orgasmus durch den Epileptiker Dostojewskij, der den Anfall als die „höchste Synthese des Lebens“ beschreibt; „für diesen Moment kann man sein ganzes Leben hingeben“ (Der Idiot, dtv 1979, S. 297f). Die Anfälle sind manchmal mit intensiven Deja-Vu-Erlebnissen verbunden, was für uns interessant ist, weil Nietzsche mit seiner extremen Migräne unter ähnlichen Anfällen zu leiden schien. Vielleicht war ja dieses Empfinden, etwas schon mal gesehen zu haben, der Ursprung seiner Vorstellung der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“. Dies legt jedenfalls die Lektüre seiner Einführung des Gedankens der Ewigen Wiederkehr in Also sprach Zarathustra („Vom Gesicht und Rätsel“) unmittelbar nahe.

Reich selbst hat die „letzte und auf ewig unbeantwortbare Frage“ über das „Leben nach dem Tode“ wie folgt beantwortet:

Der sterbende Organismus verliert seine biologische Energie; zuerst schrumpft das Orgonenergiefeld um den Organismus herum ein, dann folgt der Orgonverlust in den Geweben. Wir müssen daher die Volksmeinung ernst nehmen, die sich durch den Satz ausdrückt, daß man im Sterben seine „Seele aufgebe“. Die „Seele“ wird nicht, wie der Mystizismus glaubt, nun geformt zusammengehalten, um als „Geist“ im Raum zu schweben und Körper neu zu beleben; aber es ist richtig, daß die Orgonladung des Organismus die Lebensempfindungen begründet und daß mit Abnahme der Orgonladung die Lebensempfindungen schwächer werden. (Der Krebs, S. 258)

Und an anderer Stelle:

Es ist das Strahlen der Lebenskraft, das auch nach dem Tode des Körpers weiterbesteht. Es ist das Strahlen der Seele, das nach dem Tode jedoch nicht als klare Gestalt weiterbesteht, sondern sich im endlosen kosmischen Ozean, dem „Reich Gottes“, aus dem es einst kam, auflöst. (Christusmord, S. 268)

Es kann keinen Fall ins Nichts geben, da es in den orgonometrischen Kalkulationen keine Null gibt. Eine komplementäre Perspektive wäre die Sicht von den Bionen her, die als kleinste Einheiten des Lebens schlechtweg unzerstörbar sind: weil sie ja durch Zerstörung, etwa das Kochen von organischem Gewebe, entstehen. Das Leben ist unzerstörbar und ewig wie Gott. Erst recht ist die in den Bionen pulsierende kosmische Orgonenergie unsterblich, in der letztendlich unser Bewußtsein gründet.

Reichs orgonomische Analyse des Orgonenergie-Feldes des Schizophrenen verweist auf eine fast spiritistische Betrachtung des Todes. Das organismische Energiefeld ist eng mit Gehirn und Bewußtsein verknüpft (wie z.B. die „Energiearbeit“ mit Imagination im chinesischen Qigong zeigt), darüber hinaus ist die orgonotische Wahrnehmungsfunktion auch außerhalb des Körpers tätig („Sechster Sinn“) und sein Orgonenergie-Feld tritt dem Schizophrenen sogar als „Doppel“ entgegen (vgl. Charakteranalyse, KiWi, S. 611-614). Entsprechend können Magnetiseure durch mesmerische „Strichbehandlung“ die Aura aus dem Körper lösen, die dann im blaubeleuchteten Dunkelraum als sichtbares „Fluidal“ oder „Doppel“ neben das Medium tritt. Dies gelingt aber nur unter „orgonomischen“ Voraussetzungen: „kein feuchtes Wetter, kein zu hoher Luftdruck, keine Gewitternähe“ (Lars Jörgenson: Ein Überblick über die Grauzone der Wissenschaft, Berlin 1990, S. 240). Es kommt dabei zu subjektiven Empfindungen, wie sie auch Sterbende berichten.

So gesehen widerspricht die Vorstellung eines „energetischen Überlebens“ des körperlichen Todes durchaus nicht der Wissenschaft Orgonomie. Warum sollte das Orgonenergie-Feld nach dem Tode nicht als einigermaßen festumrissene Gestalt weiterbestehen? Theoretisch paßt wohl die Vorstellung einer „unsterblichen Seele“ nicht in eine Welt, die vom ständigen Energiemetabolismus geprägt ist, aber warum sollte besagte „Gestalt“ nicht bald nach dem körperlichen Tod ebenfalls „sterben“? Auf jeden Fall ist nach Reich jede Vorstellung einer Autonomie des Seelischen Mystizismus (Äther, Gott und Teufel, S. 95f).

Tod und Erlösung (Teil 1)

9. Oktober 2012

Religiöse Vorstellungen sind weder irrelevant, noch einfach nur nichtig, sie können sogar eine mehr oder weniger notwendige Stimulans für das lebendige Leben sein, doch leider Gottes besteht ihr gegenwärtiges Wirken ganz im Gegenteil in der Behinderung des Lebens. Es ist wie mit dem kosmischen Orgonenergie-Ozean, der sich in uns sozusagen „selbstverwirklicht“, was sich ins Gegenteil verkehrt, wenn wir z.B. über KKWs ORANUR-produzierend auf ihn rückwirken. Genauso wie wir im kosmischen Rahmen, haben die Religionen im biosozialen Rahmen in ihrer rationalen Funktion versagt. Es war die Funktion der Aufklärung die Integrität des Lebens gegen die zerstörerische Einflußnahme der „höheren Welten“ zu verteidigen und in Fortführung von Nietzsches „Kunst des Zweifels“ und der Freudschen Psychoanalyse ist Reichs Orgonomie der Höhepunkt dieser kostbaren europäischen Tradition der Vernunft, die wir unter allen Umständen verteidigen müssen. Ziel der Sexualökonomie war es immer, den Gottesglauben mit der Wurzel aus der menschlichen Seele zu reißen. Nur so wäre beispielsweise im Nahen Osten Frieden möglich. Ecrasez l’Infame!

Wenn da nicht ein ganz entscheidendes Handikap wäre: wie Nietzsche sagt, haben wir zuwenig Religion, um die Religion zu vernichten (Studienausgabe, Bd. 8, S. 344). Wir glauben einfach zu wenig an das Leben, als daß wir z.B. dem todessüchtigen Glaubenseifer der Moslems auch nur irgendetwas entgegenhalten könnten. Wie will man gegen Feinde kämpfen, die den Tod verachten? Immerhin hat eine orientalische Horde von schwachsinnigen religiösen Fanatikern es fertiggebracht, die antike Welt zu vernichten. Das gleiche könnte auch dem heutigen Europa widerfahren.

Das lebendige Orgonom ist durch den Widerspruch zwischen seiner „gefrorenen“ Struktur und der beweglichen, freien organismischen Orgonenergie gekennzeichnet, die nach „Befreiung“ drängt.

Reich spricht vom „Gefühl von etwas getrennt zu sein“, das bei sensiblen, gesunden Menschen auftritt. Reich:

Es drückt sich am klarsten im Schmerz aus, in der schmerzlichen Pein vom Liebsten getrennt zu sein, ob es das Kind, die Frau, der Ehemann ist; mit einem Verlangen wieder vereint zu sein, wieder zusammen zu sein, wieder den Kontakt zu spüren. Aber ich denke, daß diese Liebeserfahrung eine der Funktionen, eine der Variationen einer viel tieferen Sache ist. Irgendwie kommst du zu solchen Gedanken in sehr stillen Nächten, ohne Geräusche in der Umgebung außer dem Wind; Gedanken darüber, vom kosmischen Orgon-Ozean getrennt zu sein, sozusagen abgesondert zu sein. Und das, was sie Nirwana nennen oder kosmisches Verlangen, all dies scheint der tiefste Ausdruck eines sehr tiefen Wunsches oder einer Tendenz zu sein („Wunsch“ ist zu psychologistisch, um dies zu beschreiben), zum kosmischen Orgon-Ozean zurückzukehren. Und hier hatte Freud irgendwie Recht mit seinem Todestrieb, aber er wußte es nicht. Und keiner wußte es zu jener Zeit. Die innige Rückkehr, die als Rückkehr zur Gebärmutter beschrieben wurde, die Rückkehr zu den Müttern in den alten griechischen Mythensammlungen, die Rückkehr zum Orgon-Ozean. Dieses Verlangen ist nicht so schmerzhaft, wenn du dich in einer funktionierenden, guten Liebesbeziehung befindest oder wenn du ein Kind hast, das du liebst, und so weiter. Es kann dort befriedigt werden. (Orgonomic Functionalism, Vol. 2, Fall 1990, S. 68)

Die Sehnsucht nach Transzendenz, der Drang das Energetische, das „Feinstoffliche“, den „Geist“ von den Banden des Körpers zu befreien, scheint also eine natürliche Bestrebung zu sein, die durch die Panzerung in seiner Dringlichkeit nur verstärkt wird. Entsprechend ist die Religion des gepanzerten, orgastisch impotenten Menschen nach dem Muster einer masochistischen Perversion gestaltet: monotone Riten, Zwangshandlungen, Geißelungen, Todessehnsucht. Man könnte deshalb den Tod als einen „finalen Orgasmus“ betrachten, bezeichnen doch die Franzosen den Orgasmus als „den kleinen Tod“.

Ist die Abwehr des Todes vielleicht so etwas wie Hingabeunfähigkeit? Von alters her galt sexuelle Enthaltsamkeit als Garant für ein langes Leben. Zum Beispiel glauben die Chinesen, daß mit jeder Ejakulation der Mann einen Teil seiner Lebenszeit verliert. Das ist natürlich vollkommener Unsinn. Reich hat gesagt, daß „Todes- und Sterbensangst identisch mit unbewußter Orgasmusangst ist“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 119).

Aus der Vegetotherapie ist bekannt, daß sich orgastische Empfindungen unter dem Druck der Orgasmusangst als Sterbensangst äußern: „Sterben“ im Sinne von Zergehen, Zerfließen, Bewußtseinverlieren, Sich-Auflösen, „Nichtsein“! (Der Krebs, Fischer TB, S. 199)

Hermann Hesse hatte 1919 diese Zusammenhänge in seiner Erzählung Klein und Wagner beschrieben. Alle Ängste einschließlich der Todesangst „waren nur Masken und Verkleidungen. In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sichfallenlassen“. Und Edgar Allan Poe hat sehr schön dargestellt, daß der Schrecken gerade darin bestehen kann, nicht sterben zu können, sondern wie ein „Untoter“ unerlöst im Leben festzusitzen. Siehe auch den christlichen Ahasver-Mythos, den „Fliegenden Holländer“ oder den Film Highlander.

Bei der sadomasochistischen Todessehnsucht nach dem „orgastischen Paradies“ kann man auch an das japanische Harakiri denken (siehe Charakteranalyse und Die Funktion des Orgasmus). Der Tod des englischen Politikers Stephen Milligan 1994 war dergestalt wohl ein Ergebnis echter spiritueller Bestrebungen: Über seinen Kopf war eine Plastiktüte gestülpt, um seinen Hals war ein Stromkabel gewickelt und in seinem Mund steckte eine geschälte Apfelsine, in der sich eine Drogenkapsel befand. Diese Teilstrangulierung bis an die Grenze des Exitus soll zu einem ganz außergewöhnlich starken Orgasmuserlebnis führen. In Klöstern passiert nichts anderes, wenn auch mit anderen Mitteln. Mönche tragen keine Strapse wie englische Politiker.

Leben nach dem Tod? (Teil 2)

8. Juli 2012

Daß, was Reich „DOR“ nannte, entspricht bei den Trobriandern dem „bwaulo“. Es bezeichnet, so Bronislaw Malinowski,

eine Art stofflicher Ausdünstung (…), die dem Körper des Toten entströmt und die Luft vergiftet. (…) dieser Ausdruck bezeichnet auch die Rauchwolke, die eine Siedlung besonders an dunstigen, stillen Tagen umgibt. Das todbringende bwaulo ist für gewöhnliche Augen unsichtbar, erscheint aber Hexen und Zauberern als eine schwarze, das Dorf umhüllende Wolke. (Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien, Frankfurt 1983)

An anderer Stelle schreibt Malinowski:

Böse Hexen (mulukwausi) sollen einen exkrementähnlichen Geruch ausströmen, der sehr gefürchtet ist, besonders von Leuten auf hoher See – denn Hexen sind auf dem Wasser besonders gefährlich. Ganz im allgemeinen gilt der Geruch von Kot und verwesendem Zeug als gesundheitsschädlich. Nach dem Glauben der Eingeborenen entströmt dem Körper eines Toten ein besonderer Stoff, der zwar für das gewöhnliche Auge unsichtbar ist, aber von Zauberern wahrgenommen wird und ihnen etwa wie die Rauchwolke (bwaulo) über einem Dorf erscheint. (ebd.)

Der Hades der Griechen und die schattenhafte Totenwelt der altisraelitischen Religion sind solche DOR-Sphären. Sie sind m.E. das metaphysische Korrelat zur Trockenheit und Wüste, was sich im Christentum dann bis zur Gluthitze der Hölle steigerte. Im Alten Testament ist der Abgrund noch wertneutral der Aufenthaltsort der Toten, während im Neuen Testament daraus das Gefängnis des Teufels und der abtrünnigen Geister wird oder einfach die „Hölle“. Der Altphilologe Nietzsche sah im Hades die nochmalige Steigerung des Greisenalters, „auch mit der unwürdigen Gier nach Leben wie sie alte Leute haben“ (Studienausgabe, Bd. 9, S. 41). Aus dieser Ecke Europas kommt ja auch die Vorstellung von den „untoten“ Vampiren.

Im Vergleich fiel Malinowski bei den Trobriandern das vollständige Fehlen jeder Furcht vor Gespenstern auf. Danach kennen sie kaum

jene unheimlichen Empfindungen, mit denen wir der Vorstellung einer möglichen Rückkehr der Toten gegenüberstehen. Alle Ängste und aller Schrecken der Eingeborenen sind der schwarzen Magie, den fliegenden Hexen, boshaften und krankheitsbringenden Wesen, vor allem aber den Zauberern und Hexen vorbehalten. (Argonauten des westlichen Pazifik, Frankfurt 1984)

Hinter dem Spiritismus, der sich mit dem beschäftigt, was den Toten entströmt, verbirgt sich eine tiefsitzende Nekrophilie. Genauso wie der dröge Historiker das Leben in sich abtöten und den Tod nachahmen muß, um in das Reich der Toten eintreten zu können, muß erst recht auch der Spiritist sich abtöten, um in die andere Welt überzuwechseln. Man schaue sich nur die Spiritisten, Theosophen, Thanatologen und Leute an, die sich mit Geistererscheinungen beschäftigen: man bekommt das kalte Grausen. Nicht nur die Sache, auch die Menschen ekeln: sie haben stets etwas von Verwesung und „Mumie“ an sich. Erich Fromm hat dies in seiner Anatomie der menschlichen Destruktivität am Beispiel von C.G. Jung und anderen nekrophilen Spökenkiekern analysiert.

Heutzutage geriert sich diese Nekrophilie sogar als Aufklärung gegen unsere irrationale Verdrängung des Todes, wogegen man mit Nietzsche ausrufen möchte:

Es macht mich glücklich, zu sehen, daß die Menschen den Gedanken an den Tod durchaus nicht denken wollen! Ich möchte gern Etwas dazu tun, ihnen den Gedanken an das Leben noch hundertmal denkenswerter zu machen. (Fröhliche Wissenschaft, A 278)

Leben ist die Apotheose der kosmischen Orgonenergie und die Religionen des bewußten Lebens sollten nichts anderes als die Apotheose des Lebens sein. Religion hat die Funktion, Stimulanz des Lebens zu sein, die wie das Pinup Girl im Spind des Soldaten hilft, „den Traum vom Leben aufrechtzuerhalten“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 302). Reich hat zugegeben, geirrt zu haben, als er die Religion für das menschliche Elend verantwortlich machte. „Ich wußte nicht, daß der religiöse Irrtum ein Symptom und nicht die Ursache der menschlichen Biopathie ist“ (Äther, Gott und Teufel, S. 48). Und, wie dargelegt, sind wir zu Illusion, „Idealismus“ und Lüge verdammt und werden deshalb niemals in der Lage sein, vollkommen frei von Religion zu leben. Wobei natürlich nicht vergessen werden darf, daß im Glauben selbst die Seligkeit liegt, während sein Objekt an sich gleichgültig ist.

Religion entdeckt keine Realität, wie sie von sich selber behauptet, sondern sie produziert Realität. Es ist eine Fortführung der schöpferischen Funktion der kosmischen Orgonenergie. Der Glaube, z.B. an ein „Leben nach dem Tod“, ist möglicherweise in der Lage, ein entsprechendes „Feld“ (oder so) zu simulieren, das einer gewissen funktionellen Realität entspricht, die sogar meßbare Daten hervorrufen kann, z.B. auf Videobändern dokumentierte „Erscheinungen“ und Tonbandstimmen „aus dem Reich der Toten“.

Michael Shallis berichtet über ein parapsychologisches Experiment, bei dem ein Geist, dem man den Namen „Phillip“ gab, erschaffen wurde. Die Teilnehmer des Experiments erdachten zunächst seine Geschichte und seine Persönlichkeit und versuchten dann, diese rein fiktive Wesenheit in Séancen heraufzubeschwören. Nach einem Jahr erhielten sie die ersten Botschaften von Phillip und er war schließlich in der Lage, seine Anwesenheit auch durch physikalische Effekte zu zeigen. Shallis schreibt dazu, daß dies Experiment die Möglichkeit verdeutliche, jenseits bloßer Imagination, wenn auch aus Imagination, eine „höhere“ Wesenheit zu erschaffen. Einerseits könne man nun schlußfolgern, daß bei Séancen nur Gedanken und Gefühle externalisiert werden, also keine äußere Realität offenbar wird, andererseits könne der Fall Phillip aber auch der Idee Glaubwürdigkeit verleihen, daß man etwas durch bloße Willenskraft materialisieren kann (Elektroschock, Frankfurt 1992, S. 247). Und wenn eine Milliarde Menschen an den lebendigen Christus Jesus glaubt, erzeugt dieses Kraftfeld sicherlich eine entsprechende Realität, die sich vielleicht sogar autonom machen kann. Jesus lebt! Aber wenn sie an Donald Duck glauben würden, könnte auch Donald Duck leben!

So verfehlt die Frage, ob die Glaubensobjekte „wirklich“ existieren, vollkommen den Punkt. Und, was das betrifft, ist der „wissenschaftliche“ Atheismus, der vorgibt, über das absolute Wissen zu verfügen, zumindest so lächerlich wie der religiöse Glaube. Ein schönes Beispiel sind die professionellen „Skeptiker“, wenn sie ihre Heiligen Schriften hervorkramen. Wissenschaftliche „Wahrheit“ oder vielmehr „Wahrheitskrämerei“ ist nicht alles und ich will religiöse Konzepte nicht einfach rationalistisch wegerklären – denn man kann schlechtweg alles wegerklären. Auf der anderen Seite ist es jedoch absurd, die Religiösen allzu ernst zu nehmen, und vollkommen sinnlos mit diesen „Wirklichkeitskrämern“ zu diskutieren, da ihr Funktionsbereich (verglichen mit dem Bereich der Wissenschaft) so weit vom Gemeinsamen Funktionsprinzip (CFP) der Natur entfernt und auf diese Weise so vielgestaltig in seinen zahllosen Ausdrücken ist (all die Religionen und Weltanschauungen, während es nur eine Wissenschaft gibt), daß es uns nur noch weiter vom wirklichen Kontakt mit dem kosmischen Orgonenergie-Ozean wegführt – d.h. von Gott.

Das abgrundtief Böse an diesen „Wirklichkeitskrämern“ ist, daß sie für ihre krankhafte Ersatzbefriedigung Himmel und Hölle mobilisieren und so bereits unendliches Leid über die Welt gebracht haben. Prinzipiell sind sie Sozialschädlinge wie Heroinabhängige – nur daß ihre Beschaffungskriminalität diffiziler ist. Anstatt unser Leben zu bereichern, verwandeln die von ihnen propagierten höheren und oberflächlicheren Wirklichkeitsebenen das lebendige Leben in eine Hölle, indem sie wie bei Süchten ein parasitäres Eigenleben entwickeln und sich anmaßen in die tiefere Ebene des lebendigen Lebens einzugreifen. Der Geist wird zum Vampir, der vom Lebendigen lebt. Dergestalt nimmt der Mystizismus Rache am Leben. Ketzer wie Giordano Bruno werden verbrannt, die Seelen von Kindern mit lächerlichen Horrorgeschichten zerstört oder ihre Gefühle mit Ritualen und Meditation abgetötet.

So ist Religion zumeist alles andere als Apotheose des Lebens, sondern ganz im Gegenteil eine schwarze DOR-Wolke, die über dem Lebenden hängt. Insbesondere das Christentum ist mit einem dezenten Leichengeruch durchsättigt. Hinzu kommt diese pestilente Gehässigkeit, die z.B. auch den Buddhismus auszeichnet: „Der Zufall ist um seine Unschuld gebracht; das Unglück mit dem Begriff ‘Sünde’ beschmutzt“ (Nietzsche Der Antichrist, A 25). Man kann sich einfach nichts Widerwärtigeres, Gemeineres vorstellen als diesen Schandfleck der Menschheitsgeschichte.

Peter erklärt abschließend die letzten Fragen von Leben und Tod

23. Mai 2012

Das Gefühl, daß es Totes überhaupt gibt, ist ein typisches Artefakt Saharasias. James DeMeo legt nahe, daß jede übermäßige Beschäftigung mit einem „Leben nach dem Tode“ mit der Verwüstung und der mit ihr zusammenfallenden alltäglichen Bedrohung des Lebens verbunden sein könnte (On the Origin and Diffusion of Patrism: The Saharasia Connection, University of Kansas, 1986, S. 326). Man denke auch an den mittelalterlichen Todeskult im Anschluß an die Pest. In Saharasia bildete sich die Vorstellung aus, der Lebensfunke sei von toter, feindlicher Materie eingeschlossen, die ihn zu ersticken drohe. Demgegenüber ist für die vorsaharasischen Animisten (und auch für „vorsaharasische“ Kinder) jede einzelne Sache von einer Seele erfüllt, sogar nichtlebende Dinge wie Felsen und auch Produkte der menschlichen Arbeit. Für Reich war diese animistische Weltanschauung noch die weiteste Annäherung an den orgonomischen Funktionalismus.

Als Saharasia sich entwickelte und ausbreitete, schwächte sich diese „Weltanschauung“ langsam ab und „schrumpfte“ in ihrer geographischen Ausbreitung und in ihrem Inhalt, bis nur noch der Mensch eine Seele hatte und schließlich sogar dieses letzte Rückzugsgebiet des Lebensfunkens von der mechanistischen Wissenschaft gestrichen wurde. Tatsächlich hatte Saharasia und die mechanistische Wissenschaft recht, da der Mensch ebensowenig eine „unsterbliche Seele“ hat, wie ein Haustier, ein Stein oder ein Stuhl – aber…

Mich hat es von jeher fasziniert und war ein beunruhigendes existentielles Rätsel für mich, daß ich ganz unwillkürlich solch leblosen Dingen wie Cartoons (z.B. Bart Simpson) oder mechanischen Werkzeugen (wie z.B. meinem alten ramponierten Fahrrad) eine eigene Seele verpasse. Das gleiche trifft auf Haustiere, Neugeborene, Erwachsene und – auf meine eigene Person zu, die ich wahrnehme. Dieser universelle Animismus scheint eine anthropologische Konstante zu sein, über die wir nicht hinauskönnen. Er scheint der rationale emotionale Kern jedes Mystizismus des „Geistes“ zu sein, von der unsterblichen Seele hier drinnen bis zum personalen Gott dort oben. Dieser allgegenwärtige Mechanismus, der selbst Bart Simpson eine Seele verleiht, zeigt, mir zumindest, abschließend, daß es keine Substanz, keine Essenz in religiösen und mystischen Konzepten gibt. Sie sind ein künstliches Produkt unseres Wahrnehmungsprozesses. Dinge zu sehen, ist immer funktionell damit identisch, ihnen eine „Seele“ zu verleihen. Wir leben und können deshalb Totes gar nicht sehen!

Dieser Animismus ist jedoch nicht nur ein „solipsistisches“ Phänomen, sondern Fortführung des universellen Schöpfungsprozesses der Natur selbst. In Die kosmische Überlagerung beschreibt Reich, daß jede Art von Sein, von himmelsmechanischen bis hinab zu biologischen Systemen, aus einer spezifischen Bewegungsfigur der Orgonenergie-Ströme hervorgeht, die kreisförmig in sich zurückfließt und so erst Kontinuität und Identität konstituiert, wo es in Wirklichkeit überhaupt kein verharrendes „Sein“ gibt. Wie Nietzsche sagt: „Daß Alles wiederkehrt, ist die extremste Annäherung einer Welt des Werdens an die des Seins“ (Studienausgabe, Bd. 12, S. 312). Zum Beispiel beruht Leben auf Pulsation und zyklisch in sich abgeschlossener Bewegung („der Kreislauf“), auf der ständigen Wiederkehr des Gleichen; wenn es statt dessen nur eine kontinuierliche, offene Fließbewegung gäbe, dann würde es kein „beharrendes“ Leben geben. Nichtsdestoweniger ist auf dem Grund des Lebens einfach keine beharrende Substanz vorhanden, es ist alles nur Bewegung – wie uns der Tod zeigt.

Die „unsterbliche Seele“ des Menschen ist nichts anderes als die verzerrte Wahrnehmung dieses Etwas, das die Zeit und das Vergehen unterläuft: die orgonotische Pulsation, ohne die es kein im ständigen Fließgleichgewicht beharrendes Leben geben könnte. Darauf beruht auch unser Geist, der aus einer Welt, in der alles in stetigem Wandel ist, eine Welt der Ewigen Wiederkehr macht, z.B. bewegen wir uns zwischen Bäumen, so als gäbe es „den Baum“ als platonische Idee, der wir ständig von neuem begegnen. Würden wir in der wirklichen, nichtplatonischen Welt leben und jeden „Baum“ als das unverwechselbare Einzelding sehen, das er ist und auf den wir uns immer wieder von neuem individuell einstellen müßten, wären wir ohne jede Orientierung dem Fluß der Erscheinungen ausgeliefert und würden kaum einen Tag überleben. Von vornherein hätten wir kein Bewußtsein, wenn wir den objektiven Fluß und das Vergehen einfach widerstandslos akzeptieren würden. Wie erwähnt kann es deshalb keine objektive, passive „nichtschöpferische“ Wahrnehmung geben, sondern nur den aktiven kreativen Prozeß der Beseelung. Wir sind alle „Idealisten“, ob wir es wollen oder nicht. (Für den lebensfeindlichen Buddhisten ist dieser Mechanismus der Ursprung allen Leidens.)

Wie gesagt ist diese schöpferische Funktion, die der Wahrnehmung wesenseigen ist, auch im Wahrgenommenen selbst enthalten, genauso wie Bart Simpson seine Seele nicht nur vom Betrachter her hat, sondern auch von seinem Schöpfer am Zeichentisch. Da alles auf der pulsatorischen Bewegung beruht, die überlagernd in sich selbst zurückfließt, kann man wahrhaftig sagen, daß nicht nur die Produkte unseres Geistes, sondern alles virtuell ist, eine bloße Simulation von Beharrung. Man muß nur seinen eigenen handfesten Körper betrachten, der in Wirklichkeit ein veränderlicher Prozeß ist und kein inertes Ding, wie z.B. ein Leichnam. Und selbst die tote Materie der Leiche wäre kein fixes Etwas, wenn man die quantenmechanische Realität der Atome betrachtet: „Teilchen“, die aus nichts weiter bestehen als aus Wahrscheinlichkeit ohne jede zugrundeliegende Substanz. Gewöhnlicherweise betrachten wir nur die „virtuellen“ Welten unseres Bewußtseins und unserer Vorstellungskraft als Simulationen, doch in Wirklichkeit gibt es keine solchen Grenzen, sondern nur sozusagen „Grade der Virtualität“. Die einzige „wirkliche Wirklichkeit“ ist die sich ständig in Bewegung befindende kosmische Orgonenergie als der schöpferische Urquell aller Simulation.

Ein kultureller Ausdruck dieser orgonenergetischen Simulation von Beharrung ist die Magie im besonderen und die Religion im allgemeinen. Bronislaw Malinowski hat bei den Trobriandern eine strenge Trennung zwischen Magie und Wissenschaft gefunden. Beispielsweise beim Schiffsbau wird ganz rational wissenschaftlich vorgegangen, was streng getrennt ist von der Magie, die nur zur Geltung kommt, wenn etwas wissenschaftlich nicht beeinflußbares betroffen ist (z.B. das Wetter), d.h. mit der Ausweitung der Wissenschaft verschwindet langsam alle Magie. Dabei ist Wissenschaft, die ja Voraussage der Zukunft ist, vielleicht auch nichts anderes als besonders wirksame „Magie“.

Menschen wie die Trobriander, die zumindest nicht weniger rational sind als wir, benutzen also Magie nur dort, wo sie mit dem Unvorhersehbaren konfrontiert sind, das sie nicht praktisch handhaben können. Vor allem Naturkatastrophen, die die jahreszeitliche beständige Wiederkehr des Gleichen aufbrechen und zu verheerenden Hungerkatastrophen führen können. In primitiven Analogien denkend versuchen die Trobriander durch monotone Rezitationen und Rituale die reguläre „monotone“ Abfolge der Jahreszeiten, die ewige Wiederkehr des Gleichen, „das Sein“ aufrechtzuerhalten. Ein anderes Beispiel für das Aufbrechen des natürlichen Rhythmus ist der Tod – und bei diesem Problem verwandelt sich Magie in Religion. Das Leben (d.h. die Simulation von Beharrung durch Pulsation) kann den Tod nicht akzeptieren und simuliert so das Leben bis über den Tod hinaus.

Das Antisemiten-Problem

22. Mai 2012

Es wird immer gruseliger: zunächst belästigt mich die Antifa und jetzt schleimen sich eklige Antisemiten mit Kommentaren wie dem folgenden ein. Ich habe Levashov bei deutschen Nazis bekannt gemacht :-(

Nikolai Levashov scheint ein kluger Kopf mit guten Geschichtskenntnissen zu sein.
Vielleicht hat er ja das Buch des Historikers Eustace Mullins mit Titel New History of the Jews gelesen? Ist auf jeden Fall sehr lesenswert, allerdings in Englisch!

DOR pur.

Es gibt keinen Antisemitismus ohne verschwörungstheoretischen Hintergrund. Dabei geht es immer um einen Punkt: Antisemiten sind mit einer Gruppe von Menschen konfrontiert, denen es im Durchschnitt weitaus besser geht, als es ihnen nach Meinung der Antisemiten gehen sollte. Messerscharfe Schlußfolgerung der Antisemiten: diese Gruppe arbeitet mit unlauteren Mitteln und ist von Grund auf böse.

Ich habe an anderer Stelle Werner Maser zitiert, der ausführt, daß die Juden von alters her eines auszeichnete: eine hohe Arbeitsethik und damit einhergehend ein hohes ethisches Niveau, was beispielsweise Vertragstreue betrifft. Ihr Erfolg ist entsprechend mit dem überproportionalen Erfolg der Parsen, Jainas und Sikhs in Indien oder der Chinesen in Malaysia und Indonesien vergleichbar.

Der Antisemit ist jemand dessen eigene Arbeitskapazität sehr niedrig ist und der entsprechend auch ein sehr niedriges ethisches Niveau besitzt. Solche Leute haben immer das Gefühl, daß ihnen Dinge zustehen, die sie nicht selbst erarbeitet haben! Diese alles andere als schönen Charaktereigenschaften projiziert der Antisemit auf die Juden, um so sein Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten. Aus einem verachtenswerten antisemitischen Wicht wird dergestalt ein moralischer Ankläger!

Der Antisemitismus wird erst dann verschwunden sein, wenn die Massen lernen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Der Sozialismus hingegen, d.h. die systematische Zerstörung des der Arbeitsfähigkeit der Massen, ist ein veritables Zuchtprogramm für Antisemiten.

Da die Probleme der Arbeitsdemokratie untrennbar mit denen der Sexualökonomie verzahnt sind, ist es kein Wunder, daß der typische Antisemit ein ziemlich ekliger Zeitgenosse ist, der seine bioenergetische Anspannung vor allem mit pornographisch gefärbten Gewaltphantasien zu bewältigen trachtet. Siehe dazu auch Jerome Edens Ausführungen über „Die energetische Grundlage des Faschismus“ in Die kosmische Revolution, wo sich Eden auch mit dem eingangs im Leserkommentar erwähnten Machwerk auseinandersetzt. Was bleibt ist ein ekliges Gefühl.

Reich schreibt zum Antisemitismus:

Der Jude wird im allgemeinen, besonders unter dem Druck so konsequenter Propaganda wie der des Banditen Streicher, als „Schächtjude“ erlebt, also als ein Mensch mit einem langen Messer, der christliche und deutsche Kinder zum Pessachfest abschlachtet. Da er kleine Kinder am Glied beschneidet, untermauert sich die Angst vor ihm durch die uralte Kastrationsangst, die in allen sitzt. Solche Dinge tut nur ein Wesen, das selbst alle Lust, speziell Sexuallust für sich rauben will. Der Jude nimmt also dem Arier die Mädchen weg, nachdem er die Männer kastriert hat. Der Jude nimmt immer etwas weg. Da er zudem das Unglück hat, durch frühere Judenverfolgungen dem Handel zu frönen, raubt er Geld. Nur ein Schritt noch, und er ist der Inbegriff des „Kapitalisten“ geworden. So kann sich unter geschicktester Ausnützung der Sexualangst vor dem Schächtjuden der gesamte Gefühlshaß der Massenmenschen gegen den Geldwucherer, mit anderen Worten, den „Kapitalisten“, auf den Juden verlagern. Der Jude zieht somit sowohl den sozialistischen Kapitalistenhaß wie die erworbene Sexualangst auf sich. (Menschen im Staat)

Reich hat den „pestilenten Charakter“ als jemanden gekennzeichnet, „der mit Schwung und Hingabe etwas vermeintlich Gutes tut“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 191). Desgleichen Nietzsche:

Es ist nicht auszurechnen, was sich alles unter dem Anscheine eines Kampfes gegen das Böse von schlechten, von rachsüchtigen, von gänzlich rücksichtslosen Instinkten versteckt. Selbst schmutzige Antisemiten wie Eugen Dühring nehmen in Anspruch, die Sache des Guten zu vertreten… (Kritische Studienausgabe, Bd. 14, S. 496)

Nietzsches Beschreibung der Emotionellen Pest und des pestilenten Charakters, etwa des besagten „Berliner Rache-Apostels Eugen Dühring“, dessen Sozialismus und Antisemitismus in ihrer Untrennbarkeit sich wie eine Vorwegnahme des Nationalsozialismus ausnehmen, ist perfekt (KSA, Bd. 5, S. 368-375). Nietzsche hat das Wesen der Pest durchschaut: von „bösen Gedanken, Vorsätzen, Schurkereien“ ist der „ekle Quell so häufig der Unterleib“ (KSA, Bd. 2, S. 203).

Die „Verschwörung der Leidenden“ gegen jene, denen es besser geht: aus ihrem „Ressentiment“ heraus vergiften sie alles mit ihrem ständigen Argwohn:

das Grübeln über Schlechtigkeiten und scheinbare Beeinträchtigungen, sie durchwühlen die Eingeweide ihrer Vergangenheit und Gegenwart nach dunklen fragwürdigen Geschichten, wo es ihnen freisteht, in einem quälerischen Verdachte zu schwelgen und am eignen Gifte der Bosheit sich zu berauschen – sie reißen die ältesten Wunden auf, sie verbluten sich an längst ausgeheilten Narben, sie machen Übeltäter aus Freund, Weib, Kind und was sonst ihnen am nächsten steht. (KSA, Bd. 5, S. 374f)

Besser kann man den antisemitischen Modju gar nicht beschreiben! Es fängt bei der Kindererziehung und der Ehemisere an und endet im Holocaust.


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