Mit ‘Matriarchat’ getaggte Artikel

Orgonkitsch

11. Februar 2013

Wenn ich so zurückblicke (und es überhaupt noch selbst überblicken kann!), stehe ich weitgehend zu allem, was ich hier und auf www.orgonomie.net verzapft habe. Es gibt nur zwei Bereiche, die wirklich eine Revision benötigten: der quasi „feministische“ Blick auf die menschliche Frühgeschichte frei nach Bachofen und die Reduzierung der Natur auf den „Äther“ und dessen Bewegung ebenfalls frei nach dem 19. Jahrhundert.

Man kann beide „Weltanschauungen“ mit jeder Menge an „Reich-Zitaten“ „untermauern“, aber wie ich jeweils anderswo (hier und hier) ausgeführt habe, entsprechen sie nicht dem Geist des Reichschen Oeuvres. Reich war weder ein „besserer Erich Fromm“, noch wollte er die Physik rehabilitieren, so wie sie vor Planck, Einstein und Heisenberg war. Reich war in erster Linie ein Naturforscher, der natürlich von den „weltanschaulichen Kämpfen“ seiner Zeit und durch den überkommenen Zeitgeist geprägt wurde, dessen eigentlicher Beitrag aber außerhalb dieses Rahmens zu verorten ist.

Reich hat den Panzer entdeckt. Was das wirklich ist, kann man nur erfahren, wenn in der Orgontherapie Kontakt mit dem Panzer hergestellt wird. Schließlich kann man die fremd gewordene Panzerung ablegen, wie man etwa stark behindernde Kleidung ablegt, um sich besser bewegen zu können. Diese Behinderung ist nicht angeboren, sondern geht auf unsere Erziehung zurück. Der Rest ist Spekulation. Es ist nur folgerichtig, daß die Menschheit in ihren Anfängen genauso ungepanzert war, wie der Mensch ungepanzert ist, wenn er zur Welt kommt. Es müßte aber im einzelnen erforscht werden, wie sich das abgespielt hat. Reich hat das am Beispiel der Trobriander, einer der dank Malinowski ethnologisch am besten erforschten Ethnien überhaupt (und das gilt bis heute!), versucht durchzuexerzieren. Daraus aber ein umspannendes System machen zu wollen („Engels, Morgan, Bachofen“, „Matriarchat → Patriarchat“) ist Weltanschauung, keine Wissenschaft.

Ähnlicher „Orgon-Kitsch“ ist die Sache mit der „Äther-Energie“, die fließt, gestaut werden kann, wabert und wabbelt und so alle physikalischen, ja überhaupt alle Phänomene erklären soll. Es ist nur allzu verständlich, daß jene, die diesem „orgonomischen“ Weltbild verfallen sind, schließlich wieder ausbrechen hin zum „Tao der Physik“ und anderem mystischen Quatsch. Denn das, was gerne als „Orgonomie“ verkauft wird, ist nichts anderes als eine Art dröger „Hydromechanik“, mit deren Hilfe man vieles vielleicht am bequemsten beschreiben kann, die aber die orgonotischen Funktionen in ihrer Gesamtheit nicht annähernd adäquat widergibt.

Es ist letztendlich eine Frage des Kontakts. Für den gepanzerten Menschen gibt es „Kontakt“ nur im Sinne eines mechanischen Kontakts, etwa wenn eine Billardkugel gegen die andere prallt und so einen Impuls überträgt. Im Sinne dieser „Nahwirkungstheorie“ stellt man sich dann auch das Funktionieren des Orgons vor. Tatsächlich bedeutet orgonotischer Kontakt jedoch primär, daß etwas als Ganzheit funktioniert. Nur so ist etwa das Phänomen „Bewußtsein“ überhaupt begreiflich.

Ein weiterer Bereich des Orgon-Kitsches, dem ich mich aber kaum schuldig gemacht habe, ist die Biographie Reichs. Insbesondere geht es um Reich als „Antifaschisten“. Freud hätte sich von Reich getrennt, da dieser sich im Kampf gegen das aufkommende nationalsozialistische Regime zu sehr exponiert habe. Bernd Laska hat ausgeführt, daß Reichs politisches Engagement nur ein willkommener Anlaß für Freud war, Reich loszuwerden, ohne sich in eine inhaltliche Diskussion verwickeln lassen zu müssen. In Amerika sei der „Antifaschist“ Reich dann dem „McCarthy-Regime“ zum Opfer gefallen. Eine Räuberpistole, die jetzt beispielsweise in dem filmischen Machwerk Der Fall Wilhelm Reich fröhliche Urstände feiert. Reich wird auf diese Weise zu einem Herold der „liberalen Kultur“ gemacht. Erneut ein „besserer Erich Fromm“. Es ist ein elender Kitsch, der Reichs gesamtes Anliegen negiert.

Das irregeleitete Publikum wird erstaunt sein, daß, wenn es die Originalliteratur liest, Reich den Nationalsozialismus als Fortschritt betrachtet hat (das berühmte „Blutwallen), der jedoch im Rassenmystizismus versumpfte. Ähnlich war er, mal abgesehen von den Methoden, für den „McCarthyismus“, da er den „Progressismus“ der damaligen Zeit als Maske und Instrument des roten Faschismus einschätzte.

dreifünfkitsch

Reich und Malinowski (Teil 2)

24. Februar 2012

Reaktionen auf den Evolutionismus (Edward B. Tylor und James Frazer), bei dem z.B. das Inzesttabu als natürlicher Entwicklungsschritt betrachtet wurde, war einerseits der Funktionalismus Bronislaw Malinowskis mit seinem extremen kulturellen Relativismus (Inzesttabu kann nur aus dem kulturellen Kontext erklärt werden: Sexualität stört den überlebensnotwendigen Familienzusammenhang), und andererseits der Diffusionismus (nach Eliot Smith soll alle Zivilisation von einem Punkt aus „diffundiert“ sein und damit auch das Inzesttabu).

Einen solchen diffusionistischen Ansatz, wonach die Gleichartigkeit kultureller Elemente durch kulturellen Austausch bedingt ist, hat James DeMeo mit seiner Saharasia-Theorie in die Orgonomie hineingetragen. Gemeinsam mit der funktionalistischen Anthropologie Malinowskis (die Gleichartigkeit von Gebrauchsgegenständen und Verhaltensmustern entsteht durch die Zwänge der Funktionserfüllung) hat dieser Ansatz, daß auch er von der prinzipiellen Unterschiedlichkeit der Kulturen ausgeht: als in sich abgeschlossene nicht mit anderen Kulturen vergleichbare Ganzheiten, die bei Kontakt aufeinander wirken.

Die Orgonomie ist natürlich vom funktionellen Ansatz her der funktionalistischen Schule ganz besonders zugetan, auch wenn sie aus der Arbeit des Hauptvertreters des Funktionalismus (Malinowski) eher evolutionistische Folgerungen gezogen hat, indem sie eine Kultur (die der Trobriand-Inseln) allen anderen Kulturen als ursprünglichen Zustand zugrundegelegt hat und radikal gegen den „liberalen“ Relativismus Malinowskis antrat. Aber auch mit diesem modifizierten „Funktionalismus“ gelang es der Orgonomie nicht, das Aufkommen des Patriarchats zu erklären. Reichs zwei Versuche, dies zu leisten (in Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral und in Die kosmische Überlagerung), sind letztendlich gescheitert. Erst DeMeos bewußte Anwendung des Diffusionismus hat hier die definitive Lösung gebracht: das Patriarchat hat sich Reichs ORANUR-Forschung gemäß in den großen Wüsten gebildet und ist von dort über die letzten sechs Jahrtausende langsam auf die ganze Erde diffundiert (Reichs Vorstellung der sich ausbreitenden „Emotionellen Wüste“ und der Epidemie „Emotionelle Pest“).

Auf das äußerste verkürzt spiegelt sich im Widerspruch von funktionalistischer und diffusionistischer Kulturtheorie der Widerspruch von ungepanzert-funktioneller (OR) und gepanzert-dysfunktioneller (DOR) Natur, von Matriarchat und Patriarchat.

Im expliziten Anschluß an Darwin hat Marx die sozioökonomische Entwicklung der Menschheit als „Naturgeschichte“ zu rechtfertigen gesucht und mit einem evolutionistischen Model 6000 Jahre patriarchaler Entwicklung glorifiziert, sowie mit einem paradiesischen Abschluß geadelt. Marx sah keinen Unterschied zwischen natürlichen und künstlichen Institutionen, was unvereinbar mit Reichs Haltung ist. Ich frage mich, wie Reich es zuwege brachte, psychoanalytische „Evolutionisten“ wie Roheim von einer marxistischen Position aus anzugreifen, die erst recht einen „saharasia-affirmativen Evolutionismus“ implizierte – wie ihn z.B. Herbert Marcuse ganz offen vertreten hat.

Was Reichs marxistische Position in den 1930er Jahren noch kurioser macht, ist die Rechtfertigung seines sexualökonomischen „freudomarxistischen“ Ansatzes durch den Verweis auf Malinowskis Erforschung des „Urkommunismus“, während Malinowski selbst am Ende seines Buches über die Ökonomie der Trobriander schrieb:

Abschließend möchte ich noch hervorheben, daß sich im Licht dieser Analyse zeigt, wie vergeblich die Unterscheidung zwischen kommunistischem und Privateigentum ist. Ich hätte durchweg zeigen können, wie jeder Anspruch, jede Beziehung zwischen Mensch und Boden betontermaßen sowohl individuell wie kollektiv ist. Die Konzeption der ursprünglichen Heraufkunft [der Clans aus dem Inneren der Erde] impliziert eine große Verwandtschaftsgruppe, den Subclan, der uranfänglich von einem Individuum, der Urahne – vielleicht auch ihrem Bruder –, repräsentiert wird, und den heute gleichermaßen ein Individuum repräsentiert, das Oberhaupt. Diese Gruppe ist nach Geschlecht und Alter differenziert und in kleinere Lineages unterteilt. Und innerhalb des Subclans gibt es sogar individuelle Besitztitel auf Land, und das Land selbst ist gleichsam aus Rücksicht auf den Wunsch nach individuellen Unterscheidungen aufgeteilt. Obwohl nämlich der persönliche Parzellenbesitz in gewisser Weise unserer eigenen Vorstellung von letztgültigen Verhältnissen im Bodenrecht am nächsten kommt, ist er doch auf den Trobriand-Inseln nur von allergeringster ökonomischer Relevanz. Dennoch ist dieser Umstand hier äußerst wichtig, da er belegt, wie wenig der sog. Urkommunismus in der Wirtschaftseinstellung der Eingeborenen vorkommt. Geradezu zum Ärger der anthropologischen Theoretiker insistiert der Trobriander darauf, eine eigene Parzelle zu haben, die mit seinem Personennamen assoziiert ist. Bei der alten Entgegensetzung handelt es sich um einen schlechten und unklugen Kurzschluß; durchgehend haben wir gesehen, daß das eigentliche Problem nicht im Entweder-Oder von Individualismus und Kommunismus liegt, sondern in der Wechselbeziehung kollektiver und persönlicher Ansprüche. (Korallengärten und ihre Magie, S. 413).

Wie die Ethnographen immer wieder festgestellt haben, scheint der Hauptlebensinhalt solch primitiver Gesellschaften der ständige, wirtschaftlich vollkommen sinnlose, Austausch von Geschenken zu sein. So als würde man eine heiße Kartoffel so schnell wie möglich weiterreichen, um sich nicht die Finger zu verbrennen. Der Austausch von Geschenken, englisch „gift“, beinhaltet den Austausch von „Gift“ – ein Wort, das den gleichen linguistischen Ursprung hat wie das englische Wort für Geschenk. Diese etymologische Doppeldeutigkeit weist auf eine unbewußte Wahrheit hin, denn, wie Reich dargelegt hat, verrät die Wortbildung die Ausdrucksweise des Lebendigen. Jemanden ein Geschenk zu überreichen, bedeutet das eigene Gift loszuwerden, sodaß der Beschenkte es weiterreichen muß und so weiter in einem ewigen Kreislauf.

Freigebigkeit wird hoch angesehen, während Knauserigkeit verachtet wird. Dieses weniger ethische als vielmehr ästhetische Urteil scheint damit zusammenzuhängen, daß beim krampfhaften Festhalten der Tauschgüter eine energetische Stagnation eintritt und buchstäblich giftiges DOR akkumuliert wird. Um diesen unappetitlichen Faulprozeß zu verhindern, wird das statische Resultat energetischer Überlagerung in Bewegung gehalten – es soll sich in ORgon zurückverwandeln. Schon als Kind ist mir aus persönlichem Augenschein aufgefallen, daß Menschen, die im Luxus leben, daran wirklich buchstäblich ersticken. Sie haben etwas seltsam „Unappetitliches“ an sich und strahlen eine merkwürdig „übersättigte Schwermut“ aus. Ein Gefühl, wie wenn man zu viele Süßigkeiten zu sich genommen hat und alles klebrig geworden ist. Ich glaube, es ist eine wirkliche DOR-Krankheit.

Damit will ich natürlich nicht sagen, daß die Trobriander dem „Luxus“ abhold sind, ganz im Gegenteil: Aus Berichten über die Trobriander und andere Naturvölker läßt sich schließen, daß für sie Reichtum und der mit ihm verbundene soziale Status sehr wichtig ist. Man schaue nur, wieviel Wert Naturvölker auf Kleidung, Schmuck und schöne Körperformen legen. Für sie sind Sein und Schein ein und dasselbe. Sie sind ein einziger Hohn auf Erich Fromms zutiefst triebfeindliches pfaffenhaftes „Haben oder Sein“!

Bereits die grundlegende Dualität von Sexualität und Hunger von der Freud (und übrigens gewissermaßen auch Marx) ursprünglich ausging, um die Neurosen zu erklären, war ein solches triebfeindliches Konstrukt. So hat auch Reich, der ja das erste Triebkonzept der Psychoanalyse wiederbelebte, sich kaum auf diese angeblich natürliche Dichotomie bezogen. – Ernährung hatte ursprünglich kaum etwas mit bewußter Erhaltung, sondern vielmehr mit reiner Triebbefriedigung zu tun. In seinen Korallengärten und ihre Magie schreibt Malinowski, daß dem Trobriandern

nur verschwommen gegenwärtig (ist), daß Essen Ernährungswert besitzt. Sie wissen zwar, daß das Nichtvorhandensein von „Grundnahrungsmitteln“ Hungersnot bedeutet, die sie zutiefst fürchten, aber die wichtigste Bedeutung des Essens liegt darin, daß es ein lebendiger Genuß ist – und der wird durch die Zutat von „Delikatessen“ erhöht und ausgedehnt.

Man kann die Trobriander wirklich in keinster Weise als Beleg für sozialistische Theorien oder für den „Urkommunismus“ in Beschlag nehmen. Und wenn man den oben erwähnten „altruistischen“ Geschenkaustausch herausstreicht, muß gesagt werden, daß er wahrhaftig nichts idyllisches „urkommunistisches“ an sich hat, sondern von stetiger Spannung erfüllt ist, da ständig versucht wird, den anderen mit der eigenen Großzügigkeit auszustechen.

Betrachten wir parallel dazu die sozialen Auswirkungen des Geschlechtstriebes, sehen wir, daß dieser ebenfalls individualistisch und unsozial ist, denn er leugnet die Gleichheit der Menschen und ihren gleichen Wert. Wie konnte da der „Sexualökonom“ Reich erwarten, bei den Marxisten Anklang zu finden?!

Christentum → Orgonomie

3. Januar 2012

Wie sich das „mystische“ Judentum aus dem „funktionalistischen“ Matriarchat entwickelt hat, habe ich an anderer Stelle dargestellt.

Nachdem die Römer den „Unruheherd im Nahen Osten“ grausamst befriedet und den Tempel in Jerusalem im Jahre 70 zerstört hatten, stand das Judentum vor dem Aus. Es überlebten nur zwei kleine Sekten, zwei Abspaltungen vom Pharisäertum: die Christen, die eine neue hebräische Nation aufbauten, nämlich die Kirche; und die Gruppe, aus der sich im Laufe der Zeit das talmudische Judentum entwickeln sollte. Die Christen befreiten sich vom alttestamentarischen Gesetz, während sich die Juden immer mehr in das Gespinst „des Gesetzes“ einsponnen. Die beiden Gruppen haßten sich fürderhin, wie sich nur praktisch identische Gruppen hassen können. Man denke an Trotzkisten und Stalinisten oder Schiiten und Sunniten.

Es ist eine der größten Ironien der Geschichte, daß das Römische Weltreich schnell christianisiert (quasi „judaisiert“) war. Das sollte das zersplitternde Imperium ideologisch zusammenhalten, jedoch eignet sich kaum eine Lehre bzw. Religion weniger dazu als das „gesetzlose“ Christentum, das von Anbeginn in zahllose Sekten zerfiel und nur mit Hilfe von Konzilen mühsam zusammengehalten werden konnte. Der Islam war anfangs auch kaum mehr als eine (wenn auch etwas sehr absonderliche) christliche Sekte. Er konnte sich u.a. deshalb so schnell bis zum Atlantik hin ausbreiten, weil er mit seiner simplen Theologie eine willkommene Alternative zur verwirrenden christlichen Sektenwirtschaft war. Die mörderische Ideologie des Islam haben wir in jeder Hinsicht nur dem Christentum zu verdanken, das von ihm seit 1400 wie ein dunkler, bedrohlicher Schatten verfolgt wird.

Im Osten erstarrte das Christentum nicht zuletzt durch den Druck, den der Islam unaufhörlich auf es ausübte, zur Orthodoxie. Mag sein, daß die Orthodoxie die einzige in sich konsistente Theologie besitzt, die das Christentum zustande gebracht hat, jedoch wurde das mit einer geradezu „chinesischen“ Erstarrung erkauft: eine unwandelbare Welt, die keinerlei Impulse zur zivilisatorischen Weiterentwicklung geliefert hat.

Ganz anders sah es westlich Ostroms in der Welt der Barbaren aus: die Westkirche war, angefangen bei der durch und durch gnostischen (manichäischen) Theologie von Augustinus, ein Refugium für Wirrköpfe. Augustin war der erste westliche Mensch, der erste „Individualist“, der erste, der eine „Autobiographie“ schrieb. Die Reihe der Ketzer nach ihm ist lang und auch die Dogmen der Katholischen Kirche rufen bei einem Orthodoxen nur Kopfschütteln hervor.

Allen Westkirchen gemeinsam ist das häretische Dogma vom „Sühneopfer“ Christi, der am Kreuz sterben mußte, um einen rachsüchtigen Gott, einen himmlischen Hitler, Stalin oder Pol Pot, zu „versöhnen“. Die Lehre der Westkirche ist dermaßen widerwärtig, daß jeder anständige Mensch über kurz oder lang zum Atheisten werden muß. Oder, um mit Nietzsche zu sprechen: sie werden aus christlicher Moral heraus zu Atheisten.

Diese Selbstzersetzung des Christentums wurde durch die Reformation beschleunigt, denn die entkleidete die grausamen Dogmen alles religiösen Brimboriums und stellten sie, frei von benebelnden Myrrhe-Schwaden, ungewollt bloß. Sei es in der „Kreuzes-Theologie“ Luthers oder in der „Prädestinationslehre“ Calvins. Aus der Distanz betrachtet ist deren Gott ein wahrhaftiger Teufel!

Hinzu kam, daß mit der Reformation die Kirche wieder zu zersplittern begann. Heute gibt es 25 000 (sic!) protestantische Kirchen mit jeweils einer eigenständigen Theologie. Jährlich kommen Hunderte neue hinzu! Wenn heute christliche Fundamentalisten die „Atomisierung“ und den Wertezerfall der westlichen Welt beklagen, – sollten sie zuerst einmal in den Spiegel schauen!

Besonders kraß ist die Atomisierung in Amerika, wo gegen allen äußeren Anschein das Christentum in seinen letzten Zügen liegt. Selbst der eifrigste Christ kann dieses Chaos nicht mehr ernst nehmen. Das ganze wird nur noch durch Show und die Erzeugung pseudoreligiöser Emotionen zusammengehalten. Und worum geht es dabei immer und ausschließlich? Um „Ich, ich, ich, ich, ich!!!“ – um die „Erlösung“ des Einzelnen. Man kann sich gar nicht weiter vom Evangelium entfernen!

Ein besonders krasses Beispiel für die geistige Verwirrung, die das Christentum im Kern zerfrißt, ist das Überhandnehmen von Endzeitspekulationen. Für einen orthodoxen Christen erfüllten sich die Prophezeiungen des Alten Testaments zu einem Gutteil mit Geburt, Wirken, Kreuzestod und Wiederauferstehung Christi sowie der Kirchengeschichte. Die Prophezeiungen des Neuen Testaments beziehen sich auf das zweite Kommen Christi und erfüllen sich teilweise bereits in der Liturgie, in der Christus Fleisch und Blut wird. Im modernen Protestantismus hingegen löst sich das Christentum in einem psychotischen Gebrabbel über die unmittelbar bevorstehende Endzeit auf. Bibelstellen werden willkürlich durcheinander gemischt und jeder wird zum eigenen Propheten. Christen sind in Amerika die Dorfdeppen der Nation geworden. Die Fernsehprediger tragen das Christentum zu Grabe.

Was löst das Christentum ab? Um diese Frage sinnvoll beantworten zu können, muß man sich vergegenwärtigen, daß die Westkirche etwas zuwege gebracht hat, was in der Menschheitsgeschichte ohne jedes Beispiel ist. Weder das oströmische Reich und danach die Moskowiter, weder China, Indien oder die muslimische Welt, geschweige denn die restlichen Kulturen, hätten das in Äonen jemals hervorbringen können: die Wissenschaft. Nur im Westen gab es ausreichend „freie Geister“ und nur das Christentum brachte die zwei Ingredienzien der Wissenschaft mit: einen „dynamischen Monotheismus“ und das Ernstnehmen der Materie.

Das Altertum hätte niemals aus sich die Naturwissenschaft hervorbringen können, da ihm die Vorstellung eines abstrakten, alles umfassenden einheitlichen „Naturgesetzes“ fremd war. Dieses konnte sich nur aus der Vorstellung eines monotheistischen Gottes entwickeln. Außerdem gab es im Christentum etwas, was allen anderen Kulturen fremd ist: die Heiligung der Materie. Entweder zählt nur der „Geist“, wie in Indien, oder die Materie wird einzig und allein als Bühne für ethische Probleme betrachtet, wie in China. Aus dem letzteren hat sich beispielsweise die Alchimie entwickelt.

Die Heiligung der Materie kommt besonders im christlichen Reliquienkult zum Ausdruck. Materie ist mehr als ein bloßer platonistischer Schatten oder „das Werk Gottes“, denn Gott selbst ist Mensch, ganz und gar 100prozentig Mensch, geworden, womit Materie an sich etwas Heiliges ist. Hinzu kommt, daß das Denken des westlichen Menschen durch die Beschäftigung mit der Natur Christi (ganz Mensch und gleichzeitig ganz Gott, sowie den Zumutungen der Dreieinigkeit) nicht nur „dialektisch“ geschult wurde, sondern er lernte auch sozusagen „Gott zu denken“, d.h. sich mit „dem Absoluten“ gedanklich auseinanderzusetzen. Zusammen mit der beschriebenen, „atheistischen Selbstauflösung“ des Christentums („kritisches, selbständiges Denken“) entwickelte sich geradezu zwangsläufig die Naturwissenschaft. Sie, und sie allein, ist legitimer Erbe des Christentums.

Bleiben zwei letzte Elemente: Bisher haben wir das Christentum als sozusagen „Abenteuer des Intellekts“ behandelt. Natürlich ist es weit mehr: es ist eine Sache des Herzens. Außerdem ist das Christentum ohne die Person Jesus undenkbar.

Die mechanistische Naturwissenschaft, die aus dem Christentum hervorgegangen ist, hat keinen Platz für das, was die Menschen auf verzerrte Weise „in ihren Herzen“ (im Solar plexus) erfahren, als ungreifbaren „Gott“ mißdeuten und ödipal besetzen: die kosmische Orgonenergie. Die Christen haben entsprechend auch die Person Jesus mystifiziert. In Christusmord hat ihn Reich von diesen Mißdeutungen wieder befreit.

Daß die Orgonomie an die Stelle des Christentums tritt und dieses ersetzt, bedeutet nicht, daß „orgonomische Kirchen“ errichtet werden oder daß Wilhelm Reich zum Propheten ernannt, gar zu einem neuen „Heiland“ gemacht wird. Die Orgonomie ist keine Religion und wird nie eine werden. Es ist eine Naturwissenschaft – und, wie gesagt, die Naturwissenschaft ist die einzige legitime Erbin des Christentums. Der verzerrte Kernkontakt der Religion wird durch wirklichen Kernkontakt ersetzt, die Perversion „Mystizismus“ wird verschwinden und durch Lebensglück ersetzt werden. Siehe dazu Die Massenpsychologie des Faschismus: Die Sexualökonomie im Kampf gegen die Mystik.

Königinmutter und das Matriarchat (Teil 2)

11. Dezember 2011

Die Geschwisterheirat ist m.E. ein typisches Übergangsphänomen vom Matriarchat zum Patriarchat, im Sinne von Reichs Thesen über die Kreuz-Vetter-Basen-Heirat bei den Trobriandern, wo der Sohn des Häuptlings die Tochter der Häuptlingsschwester heiratet, da die einzigen Kinder, denen der matriarchale Mann etwas vererben konnte, die Kinder seiner Schwester waren. Die einfachere Lösung für das Vermachen des Erbes an die eigenen Kinder war natürlich, die eigene Schwester gleich selbst zu heiraten. So entwickelte sich, wie auch in Reichs Theorie, das Patriarchat zuerst in den Königsfamilien, die sich am ehesten über die „guten Sitten“ hinwegsetzen konnten, während beim einfachen Volk weiterhin das strenge Inzesttabu erhalten blieb, das Garant jedes arbeitsdemokratischen familiären und damit gesellschaftlichen Zusammenhalts ist. Es ist schon grotesk, wenn „Feministinnen“ wie Heide Göttner-Abendroth uns ausgerechnet diese antisexuelle nur am Profit orientierte hochherrschaftliche Sittenverderbnis als „matriarchale Erotik“ verkaufen wollen, die erst vom Patriarchat unterdrückt worden sei. Doch selbst Reich kommt uns in Der Einbruch der Sexuellen Zwangsmoral mit der Mär von einer inzestuös organisierten Urgesellschaft mit dem Bruder-Schwester-Paar als Eheleuten (S. 104).

Und auch das Idyll, das Reich uns vom Leben bei den Trobriandern mit der antiödipalen Onkel-Neffen-Beziehung etc. schildert, zerfällt – unter dem kritischen Blick Borislaw Malinowskis, der die Überlegenheit des Patriarchats im Sinne einer Vereinfachung wie folgt beschreibt:

Beim Mutterrecht steht über dem Kinde stets eine durch zwei Personen verkörperte Autorität, die Familie selbst ist gespalten; ein kompliziert verflochtenes System der Verwandtschaftbeziehungen entwickelt sich, das zwar in primitiven Gesellschaften die Festigkeit des sozialen Gewebes erhöht, in höherstehenden Gesellschaften aber eine Unzahl von Komplikationen verursachen würde. Mit dem Fortschritt der Kultur, wenn die Institutionen des Klans und der klassifikatorischen Verwandtschaftsbeziehungen verschwinden, wenn die Organisation der lokalen Gemeinschaft in Stamm, Stadt und Staat vereinfacht werden muß, wird selbstverständlichdas Prinzip des Vaterrechts dominant. (Geschlecht und Verdrängung in primitiven Gesellschaften, Reinbeck 1962, S. 252f, Hervorhebung hinzugefügt)

Es wäre aber widersinnig bei solchen unvermeidlichen Vereinfachungen gleich vom Patriarchat zu sprechen oder sich auf den Begriff „matristisch“ zurückzuziehen.

Zu König Davids Zeiten befinden wir uns im Übergang und der Bezug auf die Mutter herrscht noch vor. David: „Still und ruhig ist mein Herz, so wie ein sattes Kind im Arm der Mutter“ (Ps 131,2). Wie ein Kind auf dem Schoß seiner Mutter, sitzt der König auf dem Thron. Selbst das Oberhaupt der katholischen Kirche gewinnt seine Autorität nicht aus seiner Persönlichkeit heraus (man denke an die vielen auch aus katholischer Sicht verächtlichen Gestalten, die diese Position ausfüllten), sondern vom „Thron Petri“. Und sogar Gott selbst ist nur Gott durch seinen „göttlichen Thron“ (Ps 45,7). In der frühen Kabbala in den ersten Jahrhunderten n. Chr. ist der Thron Gottes („Merkabah“), wie er in Ezechiel dargestellt wird, das zentrale Thema (David Bakan: Sigmund Freud and the Jewish Mystical Tradition, Princeton 1958, S. 69). Man denke auch an die („Mer=“) Kaaba in Mekka. Wenn man nach Ex 17,16 schwört, indem man die Hand auf den Thron legt, hat dies eine kaum ausschöpfbare matriarchale Bedeutsamkeit.

Der König „besteigt“ den Thron durch die Heilige Hochzeit mit der Vertreterin der Himmelskönigin. Sie sucht den König wegen seiner erotischen Qualitäten aus (Ps 45,3). Aus 1 Sam 18,20ff geht hervor, daß es Sauls jüngere Tochter Michal war, die sich David als Gemahl aussuchte. Immer wenn vom „Thron Gottes“ die Rede ist, bedeutet dies entweder direkt die Himmelskönigin oder der Gott der Himmelskönigin, der nur ausführendens Organ ist, der den präexistenten Thron ja auch erst noch besteigen, zu ihm „hinaufsteigen“ muß (Ps 47,6). Dies wurde im jährlichen Thronbesteigungsfest zur Ernte im Herbst (das Laubhüttenfest) gefeiert. Ähnliches vollzieht sich noch heute in Japan, wenn der neue Kaiser zur Reisernte mit der Sonnengöttin Heilige Hochzeit feiert, den Thron „besteigt“.

Schon in der Isaak/Esau-Geschichte spielt die Mutter den Part der Königsmacherin. Später stand beim Regieren die Königsmutter zur Rechten des Königs (Ps 45,10; siehe insbesondere auch Jer 13,18). Wenn Jesus vom Kreuz herab seiner Mutter Johannes übergibt, klingt die Königsmuttertradition an: „Er ist jetzt dein Sohn!“ (Joh 19,26). Kurz vor diesem Ereignis war Salome Alexandra 76-67 v.Chr. Königin der Juden. Eine Position, die sie in typischer Art der Königsmütter als Witwe der beiden vorausgehenden Könige Aristobal I. und seines Bruders Alexander Jannäus übernahm. In Manier einer Königsmutter setzt sie ihren Sohn Hyrkan II. zum Hohepriester ein.

Die frühen Hasmonäer lebten noch die religiösen Ideale der Pharisäer. Später wurden sie zu ganz gewöhnlichen orientalischen Despoten. Zum Beispiel ließ Alexander Jannäus achthundert Pharisäer kreuzigen. (Eine Tötungsart, die nicht der römische Fremdkörper ist, wie uns so viele Jesus-Bücher weismachen wollen). Dies war sadduzäischer Auge um Auge, Zahn um Zahn-Rigorismus gegen das pharisäische Reformertum. Salome Alexandra, die mit den Pharisäern sympathisierte, kehrte zu den hasmonäischen Idealen zurück und hob die sadduzäischen Dekrete wieder auf. Ein schönes Beispiel, wie die Tradition von den Frauen bewahrt wird.

Eine andere jüdische Königin dieser Zeit ist Helena von Adiabene, die 43 n.Chr. Jerusalem besuchte. (Das Königreich Adiabene lag in Mesopotamien im Einflußbereich der mongolisch-persischen Parther. Es trat 30 n.Chr. zum Judaismus über.)

Das waren die letzten offiziellen „Matriarchinnen“ Israels. Die Juden gehen direkt auf ursprünglich matriarchale Sippen zurück. Bis heute macht die Abstammung von der Mutter den Juden zum Juden. Im Rahmen der Familie ist die jüdische Frau die Priesterin und am Sabbat herrscht praktisch das Matriarchat. Bakan bringt hier auch die Idee von der „Schechina“ vor, die die Frau Gottes ist, die Gemeinde, die Familie und schließlich die Mutter selbst. In der Diaspora war es die Schechina, die alles zusammenhielt und die Heimat verkörperte(Sigmund Freud and the Jewish Mystical Tradition, S. 315f). Wie Reich in Die Massenpsychologie des Faschismus schrieb: „Das nationalistische Empfinden ist (…) die direkte Fortsetzung der familiären Bindung und wurzelt wie diese zuletzt in der fixierten Mutterbindung“ (S. 121) Und „das nationalistische und familiäre Empfinden ist auf das innigste verknüpft mit mehr oder minder dumpfen, mehr oder minder mystischen religiösen Gefühlen“ (S. 121).

In Num 11,12 spricht Moses von der Mutter des Volkes, die er nicht sei: man erkennt an dieser Stelle die matriarchale Matrix des Denkens sehr deutlich. In Hos 4,5 droht Gott nach der hebräischen Bibel: „Ich werde deine Mutter vernichten.“ Doch die Einheitsübersetzung übersetzt „mit veränderten Vokalen“ in besserer Übereinstimmung mit dem Gesamtzusammenhang: „Ich lasse euch mit eurer ganzen Sippschaft zugrundegehen.“ Dieses Übersetzungsproblem zeigt den engen Zusammenhang zwischen „Mutter“ und „Sippe“ bei den Hebräern. Das Buch Rut und die Geschichte von Tamar (Gen 38) zeigen, daß es Frauen waren, die für den Erhalt der Sippe sorgten. Um so perfider ist das spätere deuteronomistische Erbrecht, das nur den Männern diente. Dabei war es doch am Anfang so, daß z.B. Jakob zunächst ganz matriarchal für die Familie von Lea und Rahel arbeitet. Moses zieht zu seiner Frau Zippora und nimmt ihren Glauben an.

Am Anfang der Kulturentwicklung dominierte schon rein automatisch die Frau. Allein sie konnte der Garant der sozialen Ordnung sein, weil nur über sie verwandtschaftliche Verhältnisse, die Voraussetzung jeder gesellschaftlichen Organisation, eindeutig bestimmt werde konnten. Reste davon finden wir in der Bibel, wenn es explizit die Frauen sind, die den Kindern den Namen geben (Gen 29,32 und 30,24; Ri 13,24). In Gen 29,34 heißt es nach der hebräischen Bibel: „Er nannte ihn Levi“, doch die Einheitsübersetzung gibt an, daß es nach alten Übersetzungen der Bibel ursprünglich hieß: „Sie nannte ihn Levi.“ Man sieht, wie die patriarchale rabbinische Endredaktion der Thora vorgegangen ist. Ein anderes Beispiel findet sich in Jes 3,12, wo nach der hebräischen Bibel das Volk von den Frauen ausgebeutet wird, doch im Urtext ist von Wucherern die Rede, die das Volk aussaugen.

Königinmutter und das Matriarchat (Teil 1)

10. Dezember 2011

Wörtlich bedeutet Matriarchat „Herrschaft der Mütter“. Der Standardeinwand gegen die Existenz eines historischen Matriarchats ist nun, daß eine solche Herrschaft nicht allgemein belegbar sei und fast immer die Männer, immer die Könige im Vordergrund standen. Es läßt sich jedoch nachweisen, daß überall hinter diesen im Vordergrund stehenden Männern Frauen wirkten, die den Männern die Macht entlehnten, so daß die Männer nur sozusagen Exekutivorgan einer weiblichen Legislative waren, unter deren Würde es war, sich auf die Ebene der Politik hinabzubegeben und z.B. in der Neuzeit „Weiße“ zu empfangen: so daß diesen der betreffende Stamm als patriarchal organisiert erscheinen mußte.

Auf diese Weise kann man das Gottkönigtum matriarchal interpretieren: Der König war Vertreter der Himmelskönigin und gewann dadurch selbst göttlichen Status; so wie der Mond sein Licht von der Sonne erhält und dabei zur Sonne der Nacht wird, wurden die Könige zu irdischen Göttern, zu Verkörperungen von mythischen Menschensöhnen der Himmelskönigin: Osiris, Marduk, Tammuz, Adonis, Baal, Dionysos, etc.: „Dein Gott ist König“ (Jes 52,7).

Deshalb kann ich auch James DeMeos ausweichenden Begriffen „patristisch“ und „matristisch“ wenig abgewinnen. Es besteht kein Anlaß aufgrund einer oberflächlich männlich dominierten Welt auf die Postulierung eines allgemeingültigen Matriarchats zu verzichten. Zumal man mit Reich einräumen muß, daß, „wo immer Mutterrecht in Vaterrecht überging, es langer Zeiträume der Überleitung aller ökonomischen und sozialen Institutionen und Gebräuche bedurfte“ (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral). „Graue“ Übergänge können aber nie Grundlage einer Klassifikation sein.

Es läßt sich die Problematik des Matriarchats im alten Israel besonders gut an der „Gebira“, der Königsmutter zeigen. Die Gebira konnte Tochter, Ehefrau, Mutter oder Großmutter des herrschenden Königs sein, bis nach ihrem Tod (bzw. noch zu ihren Lebzeiten, für die Heilige Hochzeit) eine neue Gebira eingesetzt wurde.

Hanna scheint eine solche Gebira gewesen zu sein. Hanna war ursprünglich Priesterin in Silo. Sie war nicht Mutter von Samuel, sondern von Saul, d.h. „dem Erbetenen“ (vgl. 1 Sam 1,20). Die Geschichte seiner himmlischen Empfängnis diente nicht ohne Grund zur Vorlage der entsprechenden Empfängnis Christi durch den Heiligen Geist. Saul war (über Hanna) der Christus, der Gesalbte der Rahel (vgl. 1 Sam 10,1f), so wie Christus der Gesalbte der Frauen war (Mk 14,3-9). Bezeichnenderweise wird im Koran (z.B. Sure 5) Jesus nicht als „Sohn Gottes“, sondern als „Sohn der Maria“ bezeichnet. In Mk 6,3 wird er nicht wie damals (und noch heute in Israel) üblich als Sohn seines Vaters, sondern für damalige Verhältnisse ungeheuerlicherweise als Sohn Marias bezeichnet.

Mit Sicherheit betrachtete sich Jesus als „Sohn der Schechina“ (der „weiblichen“ Herrlichkeit Gottes): die Wolke, aus der die Stimme kam (Mk 9,7). Im Hebräerevangelium spricht Jesus von „meiner Mutter, dem Heiligen Geist“! Wenn an der betreffenden Stelle im Neuen Testament der Psalmenvers (Ps 2,7) paraphrasiert wird: „Gott sprach zu mir: ‘Du bist mein Sohn, ich habe dich heute geboren’“ (Übersetzung von Weiler), verweist dies doch nun wirklich auf die Mutter, denn welcher Vater „gebiert“! Gegenüber Nikodemus spricht Jesus ja auch vom „aus dem Geist geboren sein“ (Joh 3,3-8). Die Taube, als die der Heilige Geist herabkommt, war Symbol der Ischtar. Mit Jes 61,1f verkündet Jesus in Lk 4,18, der Geist sei über ihm, er unter ihm, bzw. unter ihr. Jesus reitet in Jerusalem unter der Prophezeiung ein: „Saget der Tochter (will heißen Mutter) Zion: Siehe, dein König (will heißen Sohn) kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel“ (Sach 9,9). In Gal 4,26 ist von „Jerusalem, unserer Mutter“ die Rede. Man siehe auch die Klagen über die „Herrin“ Jerusalem, deren Liebhaber sie jetzt verschmähen in Klgl 1f.

Die Göttin gewährt Zuflucht und Schutz unter ihren Flügeln (Ps 17,8; 57,2; 61,5; 63,8) „Die Frau wird den Mann umgeben“ (Jer 31,22). Der Mann in der Frau: unter dem Himmelszelt als Mensch, im Himmelszelt als Gestirnsgott (Himmelskönigin); der Mann in der Welt (Felsenhöhlen – Erdgöttin): die Einordnung des Menschen in die Natur. So ist auch die Taufe zu verstehen, die auf matriarchale Initiationsriten zurückgeht, wo der Mann ins Weibliche eintaucht und wiedergeboren wird.

Mit Sicherheit war David (1004-965) nicht Sohn Gottes (2 Sam 7,14), sondern Sohn der Himmelskönigin, was dann natürlich das Christentum in seinen Grundlagen verändert. Der Usurpator David legitimiert seine Macht quasi matriarchal, weniger durch seine militärischen Erfolge (die Bibel hat auch andere Beispiele für Räuberhauptmänner, die Könige wurden, z.B. Reson von Syrien, 1 Kön 11,23-25), sondern erst durch die so möglich gemachten Heiraten mit Königinnen und Töchtern aus den Herrschaftshäusern der eroberten Gebiete, die ihm als Königsmütter die Macht verleihen. Mit nur zwei Ausnahmen werden alle Namen der späteren judäisch-davidischen Könige aus dem Hause Davids zusammen mit ihren „Königsmüttern“ überliefert.

Der Name Ahinoam taucht in der Bibel zweimal auf: zuerst bei der Frau Sauls (1 Sam 14,50), dann bei der Frau seines Nachfolgers David (1 Sam 25,43). Davids Sohn Abschalom wiederum „besteigt“ den Thron des Vaters, indem er mit dessen Frauen öffentlich die Heilige Hochzeit ausführt (2 Sam 16,22), wie David in 2 Sam 12,11f prophezeit wurde. Davids Sohn Adonija wird von seiner Mutter Haggith zum König von Hebron geweiht (1 Kön 1,9-11). Sie ist die christliche „Jungfrau Maria“, die den Gesalbten, den Messias gebiert (Jes 7,14). Auf Davids Sohn Salomo (965-926) bezieht sich der Satz: „Ihr Frauen von Zion, kommt her, den König zu sehen und die Krone, mit der seine Mutter ihn schmückte“ (Hld 3,11). Salomo verehrte 1 Kön 11,5-7 zufolge die Göttin Astarte und „andere Götzen“.

Die politische Macht mag ziemlich früh in die Hand der Männer übergegangen sein, doch die konservativen matriarchalen Denkformen blieben sehr lange bestehen, da sie z.B. in der Sprache fast unlöschbar gespeichert waren. Es werden in Israel nicht viel andere Zustände geherrscht haben als in Ägypten, über das Ernst E. Vardiman schreibt:

Das konservative, traditionsgebundene und ohne Zweifel auch streng gesetzestreue Nilvolk lebte nach uralten religiösen Regeln, von denen sich viele noch aus matriarchalischer Zeit erhalten haben. (Die Frau in der Antike, Düsseldorf 1982)

Während offiziell der Sonnengott Re, der höchste Gott gewesen sei, galt die Volksverehrung in erster Linie der Isis. Nach Vardiman besaß die Frau in Ägypten seit alters her „eine viel höhere Wertschätzung als in allen anderen Teilen der antiken Welt“. Einmalig für die antike Welt war die Gleichberechtigung so gut wie garantiert – der Islam hat dem ein radikales Ende gesetzt. Von den toleranten Ägyptern hatten in der Zeit nach Alexander die Griechen eine gewisse Anerkennung der Rechtsfähigkeit der Frau übernommen.

Auch in Ägypten gab es die Gebira. Verhältnisse, die Immanuel Velikovsky wie folgt darstellt:

Beim Fehlen eines legitimen Erben – dem ältesten Sohn der Hauptkönigin – suchte sich der Prätendent durch die Heirat mit einem Mitglied des Königshauses zu legitimieren: entweder mit der Hauptkönigin selbst oder mit einer Prinzessin in direkter Abstammung vom letzten rechtmäßigen Pharao. (Ramses II. und seine Zeit, Frankfurt 1983, S. 242)

Auch der legitime Erbe heiratete bei den Pharaonen die Tochter des Pharao – also seine eigene Schwester. Im Hohelied ist nicht nur von der Krönung Salomos durch die Gebira, sondern auch ständig von „meiner Schwester“ die Rede, was auf den Brauch der königlichen Geschwisterehe verweist. Es ist nun die Frage, ob die Geschwisterehe üblich war, weil dies das Verhältnis von Himmelskönigin und ihrem inzestuösen Bruder/Sohngeliebten widerspiegelt, wie so viele „feministische“ Forscherinnen behaupten, oder nicht vielmehr umgekehrt der patriarchale Inzest in den matriarchalen Himmel versetzt wird! Man denke daran, wie der Davidsohn Amnon seine Schwester Tamar vergewaltigt hat (2 Sam 13). Starb die Königin, schlief der Vater mit seiner Tochter in der Heiligen Hochzeit. Die ganze Royalty beruhte von jeher auf Inzucht, was man noch heute an den degenerierten und von der Bluterkrankheit heimgesuchten Adelshäusern sehen kann.

Funktionelle Geschichtsbetrachtung am Beispiel der Bibel

8. Dezember 2011

In der Analyse des gepanzerten Organismus der Menschheit ist es wie in den Diagrammen aus Reichs Charakteranalyse: der ursprüngliche Impuls und seine Abwehr: die Geschichte, eine einzige Charakterneurose.

Diese Spaltung findet man z.B. in der später konstruierten Geschichte des Exodus wieder, wo die Wüstenwanderer auf die orgiastische Festgemeinde Aarons treffen. Dies entspricht der Ablehnung des enthemmenden Weingenusses durch die Wüstennomaden (Jer 35,6), entsprechend dem Alkoholverbot im Islam, während zum Kult im altkanaanitischen Jerusalem der rituelle Weinkonsum gehörte (Jer 35,2).

Hinter dieser Angst vor Enthemmung steckt ein tieferer Sinn. Ganz allgemein kann man von zwei Etappen in der Verankerung des Patriarchats sprechen. Im ersten „Ansturm aus der Wüste“ bricht das matriarchale Sozialgefüge zusammen und es kommt zu einer allgemeinen Pervertierung der Triebe, mit orgiastischen Fruchtbarkeitsriten, Tempelprostitution, etc. Zwangsläufig erhebt die Ethik ihr Haupt: neue Nomaden mit „hoher Ethik“ beschneiden die sekundären Triebe. Ähnlich wie heute in unseren Bahnhofsvierteln, wo die Türken mit ihrem Islam auf ein entmenschtes Sodom und Gomorra treffen.

Die Nomaden aus der arabischen Wüste trugen den Mondgott El an die phönizisch-kanaanitische Mittelmeerküste, wo er zum Hauptgott wurde. Auf El (Al) geht der moslemische Gott Allah zurück. Daher auch die Mondsichel als Zeichen des Islam. Ri 8,21 berichtet von den „goldenen Halbmonden“, die als Amulette an den Hälsen der Kamele der Midianiter hingen. Manche meinen, die Midianiter hätten Jahwe verehrt und diesen Gott nach Israel gebracht. Immanuel Velikovsky behauptet, die Midianiter stammten aus Medina. Bei Moses heißt der Hohepriester der Midianiter Jethro, was an Jathrib erinnert, den zweiten arabischen Namen der Stadt. Heute ist Medina die zweite heilige Stadt des Islam.

Israel, das heute gemeinhin als Prototyp einer patriarchalen Gesellschaft gilt („die Patriarchen des Alten Testaments“), ist eine charakterneurotische Mischung aus patriarchalen El-Stämmen mit in Kanaan ansässigen Ascher-Stämmen: Ascher-El = Israel. Der Mondgott El und die Sonnengöttin Aschera gingen eine Ehe ein – und gebaren, um mit Am 5,2 zu reden, „die Jungfrau Israel“. Ascher ist der irdische Heros der Göttin Aschera, der König des Stammes Ascher, „der noch jetzt mitten unter den Kanaanitern lebt“ (Ri 1,32).

So spiegelt schon der Name Israels die unheilvolle Zwiespältigkeit wider, der die gesamte spätere Geschichte Israels prägen sollte. Die Spaltung in der jüdischen Geschichte setzt sich fort mit der zwischen Juda und Israel, Sadduzäern und Pharisäern, Karäern und Talmudisten, bis hin zu den sephardischen Juden, die sich als reinrassige Judäer empfinden, und die, wie einst die Judäer auf das Nordreich, nun auf die „nordischen“ Juden herabblicken. Während Israel prächtige Paläste baute, errichtete Juda immer neue Festungen (Hos 8,14). „Noch“ heute gibt es in Israel die mehr aschkenasischen Zionisten, denen es um jüdisches Leben und geistige Tradition geht und rechte, meist sephardische Zionisten, denen um Land und militärische Macht zu tun ist.

In diesem aggressiven Sinne betrachtet man traditionell die alten israelitischen Stämme als patriarchale Nomadenstämme, die aus den Randgebieten der Wüste kommend, über die friedlichen kanaanitischen Matriarchate herfielen. Doch kann z.B. bei der Geschichte um Jakob, Lea und Rahel mit den festen Brunnen, um die sich seßhafte ViehzüchterInnen und AckerbäuerInnen gruppieren, kaum von patriarchalen Nomadenstämmen die Rede sein. Und Max Weber hat aus dem mit Sicherheit ältesten Teil der Bibel, „Deboras Siegeslied“ (Ri 5) historisch erschließen wollen, daß die ja (im Gegensatz zu den Griechen) durch und durch demokratisch verfaßten Hebräer nie ein Wüstenvolk waren, sondern eidgenössisch organisierte Bergstämme auf den damals noch dichtbewaldeten Hügelketten Palästinas. Im Deboralied wird beschrieben, wie sich freie israelitische Bergstämme als Fußkämpfer gegen die Unterwerfungsversuche der wagenkämpfenden despotischen Städte der Kanaaniter und Philister wehrten. Ein Muster für Israels spätere ständige Auseinandersetzung mit den „orientalischen Despotien“.

Die ursprünglichen israelitischen Stämme in Kanaan wurden vielleicht genauso unterdrückt von Vasallen der Ägypter wie der Stamm Josef in Ägypten selbst (Gen 49,14f). Später war es umgekehrt und die Kanaaniter mußten Fronarbeit für die Israeliten leisten (Ri 1,28ff). Die Unterdrückung der Israeliten dauerte an, bis Debora kam, „die Mutter Israels“ (Ri 5,7). Sie führt eine Reihe stolzer Frauen an, an erster Stelle Jael, die den feindlichen Heerführer der gegen Debora kämpfenden Kanaaniter tötete. So ist Israels frühe Geschichte voll von Matriarchinnen, Heerführerinnen, Hirtinnen, Richterinnen und Prophetinnen. Wie selbstverständlich wird neben Moses und Aaron, Mirjam unter die Führer des Volkes gezählt (Mi 6,4). Im späteren Judentum findet Debora ihre Fortführung in den beiden großen Retterinnen des Volkes Judit („Jüdin“) und Ester („Ischtar“).

Daß die vorgeblichen Matriarchate Kanaans genausowenig „gut“ waren wie die Eindringlinge „böse“, zeigt die Haltung der als letzte eindringenden Schafhirten. Ihr Vertreter ist der Hirte und Prophet Amos mit seiner donnernden Verurteilung „reicher Frauen“:

Hört, ihr Frauen von Samaria, rundlich und schön wie Baschans Kühe! Ihr unterdrückt die Schwachen und schindet die armen Leute. Ihr sagt zu euren Männern: „Los, schafft uns zu trinken herbei!“ (Am 4,1)

Will man diese verwirrende Verschränkung von matriarchalen und patriarchalen Aspekten verstehen, muß man sich charakteranalytisch von oben nach unten durch die verschiedenen Panzerungsschichten hindurcharbeiten. Dies wäre dann der eigentliche Beginn der Geschichtswissenschaft, die selbstverständlich erst mit der Orgonomie beginnt. Wie in der Charakteranalyse müßten wir uns

  1. von der Gegenwart in die Vergangenheit,
  2. von „oben“ (den Überlieferungen) nach „unten“ (den archäologischen Befunden),
  3. von der patriarchalen Peripherie zum matriarchalen Kern vorarbeiten.

Freiheitskrämerei aus biblischer Sicht

13. November 2011

Christliche Fundamentalisten liegen durchaus nicht ganz falsch, wenn sie im „matriarchalen“ Neuheidentum eine teuflische Entartung sehen. Zur Illustration möchte ich einen Absatz aus einem Buch über die matriarchalen Sumerer zitieren, das gleichzeitig zeigt, was sich manche Zeitgenossen unter „sexueller Freiheit“ vorstellen:

Alles deutet darauf hin, daß der Sumerer große sexuelle Freiheiten genoß. Homosexualität war genauso üblich wie abartiges sexuelles Verhalten, das sogar in gewissen Tempeln eine Heimstätte hatte. Sodomie und Transvestitentum waren ebenso bekannt wie phantasievolle Kombinationen im Verkehr der Geschlechter. Ein kultischer Text berichtet von einer Oberpriesterin, die den analen Koitus schätzte. Aus Uruk kennen wir eine kleine, fein ausgebildete Terrakotte, die zwei bärtige Männer bei einem stehend ausgeführten, sakralen Geschlechtsakt zeigt. (Helmut Uhlig: Die Sumerer, München 1976, S. 177)

Auch die Israeliten waren mit männlichen Prostituierten (1 Kön 14,24) konfrontiert, den „Hunden“ (Dtn 23,18). Aleister Crowley hätte sich sicherlich wohlgefühlt. Oben auf den Hügeln wurde Heilige Hochzeit gefeiert, während gleichzeitig unten im Tal ritueller Kindermord begangen wurde (Jes 57,5). Dinge, über die feministische Matriarchatsforscherinnen souverän hinweggehen.

Wie kaum ein anderer hat der Gegenspieler Jesu, Paulus die Grundlagen dieser heidnischen Pest der Gefühllosigkeit durchschaut. Er klagt die widernatürliche orgastisch impotente Sexualität an (Röm 1,24-27), die untrennbar mit der Bosheit der Menschen verknüpft ist (Röm 1,28-32). Gleichzeitig prangert er die Selbstgerechtigkeit des Kleinen Mannes an (Röm 2,1-5) und ist jedem missionarischen Eifer abhold (Röm 2,14f und 2,21-24). Das ist die Predigt aller Propheten in der Emotionellen Wüste bis zum heutigen Tag, wo die Katholische Kirche gegen den sittlichen Verfall der entmenschten Moderne kämpft.

Genauso wie in Griechenland mit seinen „orgiastischen“ Mysterienspielen konnte sich das zu Recht unterdrückte Matriarchale in Israel nur in einer Art Subkultur halten. In Saharasia verweist James DeMeo ausdrücklich auf die matriarchalen Restbestände bei den Hebräern, die von der moralisierenden Priesterschaft und der Obrigkeit hart verfolgt werden mußten, um sie unter Kontrolle zu halten. DeMeos Beispiele sind das Vorgehen Jehus gegen Isebel, ihre Familie und alle Baalsverehrer (2 Kön 9 und 10), der Aufstand gegen Königin Atalja (2 Kön 11) und König Joschijas patriarchales Aus- und Aufräumen (2 Chr 34) (On the Origin and Diffusion of Patrism: The Saharasia Connection, University of Kansas, 1986, S. 313).

Feministische Autorinnen sehen in den Hinweisen auf die „Heilige Hochzeit“ und Tempelprostitution Anzeichen für einen matriarchalen Fruchtbarkeitskult. DeMeo weist diese häufige Fehlinterpretation als unbegründet zurück, denn gerade die sakrale Prostitution ist die schonungsloseste Ausbeutung von Frauen. Tempelprostitution korreliert, DeMeo zufolge, mit patriarchalem Staat, männlicher Priesterkaste und Gottkönigtum (ebd., S. 214) – das für viele feministische Matriarchatsforscherinnen ebenfalls „matriarchal“ ist. Man siehe hingegen die biblische Warnung vor dem König (1 Sam 8,11-17). Die Juden waren ein Volk, das sich „von alters her immer wieder gegen die Könige aufgelehnt hat“ (Esra 4,19) – gegen die Despoten Saharasias. Weitere Korrelationen mit der Tempelprostitution: Witwenmord, vorherbestimmtes Heiraten und tabuisierte Vaginalblutung, so daß die „Schmutzarbeit“ der Defloration von Priestern oder Fremden ausgeführt werden mußte.

Es ist aufzuzeigen, daß uns die konsequent antipatriarchalen „Befreier hin zur alten Freiheit“ nur noch fester in die patriarchale Unfreiheit hineingeritten haben und hineinreiten werden. Jeder Form von neurotischer (und deshalb reaktionärer) Rebellion und verzerrter matriarchaler Opposition gegen das Patriarchat muß Einhalt geboten werden. Es ist wie im Bild von „der Frau im Faß“ (Sach 5,5-11), das das unterdrückte Matriarchat als „Auflehnung gegen Gott“ symbolisiert. Im Mythos wurde der Vertreter des Matriarchats in die Hölle verbannt, aus der heraus „Luzifer“ (der dem germanischen Träger des Feuers, Loki, entspricht) Gott die „Götterdämmerung“ bringt (die patriarchalen Asen stürzt) und dabei die Welt zerstört. Selbst in der neutestamentlichen „Götterdämmerung“ wird Christus ausdrücklich mit dem luziferischen Morgenstern gleichgesetzt (Offb 22,16).

Die einzige Hoffnung liegt in einem Konservatismus, der sich jeder Extreme enthält – der bei Verstand bleibt, d.h. der jedem im Sinne Reichs und Goethes irgendwo Recht gibt, gleichzeitig aber gegenüber der Emotionellen Pest unverrückbar auf ein paar wenigen Essentials beharrt, der also nicht dialektisch wie die kommunistischen Satansjünger, sondern funktionell denkt.

Was uns von den Konservativen trennt, ist das Gewissen. Es kommt darauf an, ob man das Gewissen im Sinne eines Über-Ichs als Fremdkörper in sich hat oder einfach als „Geschmackssinn“ für das ursprünglich von außen gekommene Irrationale in einem selbst; ein Geschmacksinn für die unreinen, sekundären Triebe, so wie man verschmutztes Wasser von sauberem Wasser unterscheidet. Das hat nichts mit Moral oder Ethik und alles mit gesunden Instinkten zu tun. In diesem Sinne sah Nietzsche im Gewissen das Bewußtsein der Rangordnung der Triebe. Uns muß es darum gehen, nicht dem Über-Ich, „dem Gesetz Gottes“, dem jüdischen Dekalog zu folgen, sondern dem besagten orgonotischen Geschmackssinn.

Sowohl das Über-Ich als auch die sekundären Triebe, also kurz die Panzerung, kam aus der DORifizierten Wüste, dem fauligen Krebsgeschwür der Erde. Hier irgendwelche „Mächtigen“, Gott und sein Gesetz oder sonstwen verantwortlich zu machen und zu rebellieren ist irrational und infantil. Rebellion ist integraler Bestandteil dessen, wogegen vorgeblich protestiert wird. Als Beispiel betrachte man nur die sadistische Lebensfeindlichkeit eines beliebigen rebellischen Jugendlichen. Um Reichs Christusmord zu paraphrasieren: Nicht die kirchlichen Bewahrer des Gesetzes sind für die Emotionelle Pest verantwortlich zu machen, vielmehr brach sie sich in ihrer ganzen Bösartigkeit nach der Befreiung vom Gesetz Bahn (Christusmord, Freiburg 1978, S. 201). Nicht jene sind verantwortlich zu machen, die nach dem Motto vorgingen: „Striemen sind ein Heilmittel gegen die Bosheit, Schläge bessern den Charakter“ (Spr 20,30), sondern jene, die diesen „verbesserten“ Charakter nicht wahrhaben wollen und die Menschen für rational und freiheitsfähig halten: die Aufklärer, Befreier, Heilande, die guten Menschen. Jene traurigen linken Weltverbesserer, die ja so an der Welt leiden. Sie scheitern an den Massen, dem gepanzerten Ungeheuer Leviatan: „Sein Bauch ist straff und fest, wie angegossen, das Fleisch liegt unbeweglich, gibt nicht nach. Sein Herz ist hart wie Stein, es kennt kein Erbarmen, es ist unnachgiebig wie ein Mühlstein“ (Ijob 41,15f). Sein „harter Panzer“ ist undurchdringlich (Ijob 41,18).

Exodus: OR und DOR

30. Oktober 2011

Gerda Weiler zufolge, ist

alle Hoffnung der Menschheit, ihre irdischen Fesseln zu sprengen (…) notwendig im Transzendenten angesiedelt: die Hoffnung auf Wiedergeburt, auf Erlösung vom Tod, und ebenso die Hoffnung auf Befreiung. (Das Matriarchat im Alten Israel, Stuttgart 1989, S. 167)

Diese Hoffnung sei „Jenseits realer Geschichte im Mythischen“ zu finden. Sie spricht von der „Hoffnung auf eine transzendente Kraft, welche die Grenze der irdischen Existenz sprengt“. Im matriarchalen Bewußtsein wird diese Hoffnung durch jeden „neuen Schöpfungsakt, jeder Wiedergeburt, jede Wiederbelebung der Natur“ verkörpert, die „Erlösung von Dürre, Untergang und Tod“ bringt (ebd., S. 173). Immerhin weist sie den Versuch des modernen Menschen zurück, über das Jungsche Unbewußte oder mystische Erfahrungen auf illusionäre Weise zum matriarchalen Ganzen zurückzufinden (ebd., S. 306).

Weiler bleibt aber selbst im Illusionären gefangen, solange sie nicht erkennt, daß der Mythos, wie auch immer er aufgefaßt wird, der geistige Ausdruck konkreter energetischer Prozesse ist. Wenn im Nahen Osten die Mythen um die „Erlösung“ aus Dürre und Tod kreisten, widerspiegelte dies einfach den Abwehrkampf des Orgons gegen das aus der Wüste vordringende DOR. Die zunehmende Vergeistigung dieser Vorstellungen von Erlösung ist Ausdruck einer wachsenden Dominanz des DOR. Diese Zusammenhänge werden insbesondere an den Ritualbädern im antiken Judentum ersichtlich, die der „Abwaschung“ der Sünde dienten (Apg 22,16; 1 Kor 6,11), was energetisch dem Absaugen von DOR durch Eintauchen des Körpers in Wasser entspricht.

Es geht um konkrete energetische Prozesse hier und den Drang zu einer irrationalen „Transzendenz“ als Ausdruck der Panzerung, die die Welt in ein „Diesseits“ und ein „Jenseits“ teilt, dort. Diese beiden Aspekte werden besonders erhellend im Koran miteinander verknüpft. Immer wieder (ich habe neun fast gleichlautende Stellen gezählt) wird im Koran die Auferstehung mit dem Aufgehen der Saat im Frühling verglichen, so z.B. in Sure 36,34:

Ein Zeichen der Auferstehung sei die tote Erde, die wir durch den Regen neu beleben und dadurch aus ihr verschiedene Saaten hervorbringen, von deren Frucht ihr eßt.

Der Regen belebt „die Erde nach ihrem Tode“, und so werde auch einst der Mensch wieder aus der Grube steigen (Sure 30,20). Das Grünen nach dem Regen gilt Mohammed als Beweis für Allahs Fähigkeit die Toten einst wiederzubeleben (Sure 22,2-8). Das Leben triumphiert über den Tod, Orgon über DOR.

Doch die Panzerung kommt ins Spiel und versetzt das Leben in ein Jenseits, das charakteristischerweise in erster Linie jene sexuelle Entspannung verspricht, die hier auf Erden durch die Panzerung hintertrieben wir, was zum Versuch treibt, die Panzerung sadistisch zu durchbrechen.

Wahrlich dieses irdische Leben ist ein Scherz, ein Spiel, nur die künftige Wohnung des Paradieses ist wahres Leben. (Sure 29,65)

In Sure 4,78 wird dies mit dem Heiligen Krieg verknüpft: daß das Leben hienieden nicht viel wert ist, im Krieg aber das ewige Leben zu gewinnen sei.

O Gläubige, was fehlte euch, als zu euch gesagt wurde: Geht hinaus und kämpft für die Religion Allahs, daß ihr euch nicht von der Stelle bewegen wollt? Habt ihr mehr Gefallen an diesem als an dem zukünftigen Leben? Wahrlich, die genußvolle Freude in diesem Leben ist gegen die des zukünftigen nur als sehr gering zu achten. (Sure 9,38)

Dort warten „die herrlichsten und schönsten Mädchen“ (55,71), die man heiratet (Sure 44,55). Jungfrauen „mit schwellenden Busen“ (Sure 78,34), die stets Jungfrauen bleiben (Sure 56,35-37). Und was ist mit der eigenen Frau? Offenbar hat Mohammed am Anfang gar nicht daran gedacht, daß nicht nur Menschen, sondern auch Frauen ins Paradies kommen könnten. Aber in einer späteren Sure heißt es dann: „Geht ein in das Paradies, ihr und eure Frauen, in Ehren und glückselig“ (Sure 43,71) Schließlich erinnert sich Mohammed auch noch der Kinder, jedoch nur jener, „welche fromm gewesen sind“ (Sure 13,24).

Und was die Einstellung der Christen betrifft: Die „Freunde konkordanter Wortverkündigung“ offenbaren uns in einem ihrer Handzettel:

Gott sprach vor Zeiten durch Boten und Propheten zu den Menschen. Seine deutlichste Sprache jedoch – die Sprache der Liebe – ist Jesus Christus, der im Fleisch geoffenbart und am Fluchholz des Kreuzes gestorben ist – auch für Dich!

Das erinnert an die heiligen Pfähle, die „Astarten“, die für Weiler das Symbol des Matriarchats im alten Israel sind. Gunnar Heinsohn zufolge sind diese Pfähle jedoch wie das Kreuz Christi ursprünglich Marter- und Opferpfähle gewesen, an denen ein Sühneopfer an Menschen vollzogen wurde, die dadurch (wie Christus) heilig wurden, was sich später auf die Pfähle übertrug. Auch das Kreuz ist ein heilbringendes Symbol, zu dem man betet (Was ist Antisemitismus, Frankfurt 1988, S. 34). Moslems bezeichnen Christen verächtlich als „Kreuzesanbeter“.

Sie haben mein Land entweiht mit ihren abscheulichen Götzen, die unrein sind wie Leichen; überall haben sie ihre widerwärtigen Götterbilder hingestellt. (Jer 16,18)

Auch der Exodus wird bei Weiler zum Kultdrama von Tod und Wiedergeburt. Wenn Moses im Angesicht des Meeres und mit den herannahenden ägyptischen Heer im Rücken den Israeliten zuruft: „Fürchte dich nicht! Steh fest und unverzagt!“ ist dies, Weiler (S. 292) zufolge, eine rituelle Formel innerhalb einer Kultlegende, die auf die sichere Überwindung des Todes abzielt. Nicht von ungefähr taucht sie im Neuen Testament wieder auf, wo ihre Funktion weit deutlicher wird. Der „große Hirte seiner Herde“, Moses wird „aus dem Wasser des Nilstroms gerettet“ (Jes 63,11). Nachdem er so den Tod, symbolisiert durch die Wasser von Nil und Rotem Meer, überwunden hat, wird Moses wie Christus selbst zum großen Befreier vom Tod. Der Auszug aus Ägypten vollzog sich im Frühjahr (Ex 12,2) und Moses verkörpert den Sieg des Lebens über die Dürrezeit, ein weiteres Symbol des Todes.

Mitten in der Wüste ist er der Erlöser von Hunger und Durst. Er macht bitteres Wasser süß (Ex 15,25), läßt Wachteln und Manna vom Himmel fallen (Ex 16) und schlägt mit seinem Stab gegen einen Felsen, so daß dort eine Quelle entspringt (Ex 17,6).

Immanuel Velikovsky hat den Exodus plus „mythische“ Begleitumstände mit einem realen, geschichtlichen kosmischen Umbruch erklärt, die Annäherung der Venus an die Erde. Daran schließt sich Heinsohn an, der die Menschenopfer mit der apokalyptischen Bedrohung aus dem Himmel erklären will, die nur durch die Opferung des höchsten abgewendet werden konnte, was der Mensch besaß. Zur Veranschaulichung denke man nur an die Azteken, die glaubten, nur mit täglichen Menschenopfern garantieren zu können, daß die Sonne regelmäßig aufgeht.

Daß der Umbruch, den Velikovsky beschreibt, nicht nur rein mythisch war, wie Weiler behauptet (S. 166), ist schon daraus ersichtlich, daß er nicht nur das Volk Israel betraf. Jahwe hat die Israeliten aus Ägypten herausgeführt, „aber ebenso die Philister aus Kaphtor (Kreta oder Zypern) und die Syrer aus (ihrem Stammland) Kir“ (Am 9,7).

Im Rahmen der traditionellen Anschauungsweise sind Velikovskys und Weilers Ansätze explizit unvereinbar. Da die Orgonomie aber diesen Rahmen sprengt, muß sie beide „unvereinbaren“ Ansätze umfassen. Beide lassen sich auf die gleiche energetische Funktion zurückführen. Es geht um die Errettung aus höchster Not, die von dem damaligen DOR-Notstand hervorgerufen wurde. Ps 68,8-9 bringt dies sehr schön zum Ausdruck:

Gott, als du auszogst an der Spitze deines Volkes, als du es durch die Wüste führtest, da bebte die Erde, da troff der Himmel von dir, dem Gott vom Sinai, Israels Gott. Du ließest reichlichen Regen fallen, um dein erschöpftes Land neu zu beleben. Dein Volk hat dort eine Heimat gefunden, so gütig sorgst du für die Armen.

Interessanterweise finden wir einen Verbindungspunkt der so vollständig divergenten Ansätze von Velikovsky und Weiler in jenem Buch, daß den Anstoß für Velikovskys katastrophistisches Lebenswerk bildete, nämlich Freuds Der Mann Moses. Dort schreibt Freud, in jener Zeit sei der östliche Mittelmeerraum Schauplatz häufiger und heftiger Vulkanausbrüche und Erdbeben gewesen. Da die großen Muttergottheiten ihre Tempel nicht gegen die Naturgewalten bewahren konnten, mußten sie männlichen Gottheiten weichen. Vulkangötter wie Jahwe hätten hier das erste Anrecht gehabt, die Göttinnen zu ersetzen.

Es ist wenig zweifelhaft, daß sich in jenen dunklen Zeiten die Ablösung der Muttergottheiten durch männliche Götter (die vielleicht ursprünglich Söhne waren?) vollzog. (Studienausgabe, Bd. IX, S. 495)

Die Beschneidung

13. Oktober 2011

Der unmittelbarste Angriff auf das Leben eines Kindes ist die Verstümmelung seines Genitals. Und nichts anderes als eine Verstümmelung ist das Abschneiden der schützenden und hochsensiblen Vorhaut bei Jungen. (Es ist tatsächlich eine Frage, ob beschnittene Männer wirklich „Zärtlichkeit“ entwickeln können.) In der Antike betrachteten die römischen und griechischen Proselyten die Beschneidung als eine widerwärtige, entehrende Verstümmelung, was den Christen einen Großteil ihrer frühen Anhängerschaft eintrug, denn hier konnte man „Jude“ werden und trotzdem der Beschneidung entgehen.

Othmar Keel und Max Küchler zufolge gewann die Beschneidung seit der Zeit der babylonischen Gefangenschaft (als andere Bundeszeichen fehlten) für die Juden ihre große Bedeutung mit absolutem Pflichtcharakter (Synoptische Texte aus der Genesis, Fribourg 1971, S. 141). Siehe 1 Makk 1,50f und Apg 15,1. „Die Priesterschrift entstand gegen Ende dieser Zeit und hat deshalb die Praxis der Beschneidung mit der ganzen Absolutheit (Gen 17,14) schriftlich in den Bundesschuß mit Abraham vorverlegt“ (ebd.). Aber schon lange Zeit vorher wurde sie, wie Lev 12,3 zeigt, wie selbstverständlich vollzogen.

Michael Grant schreibt, der Ritus der Beschneidung sei seit dem dritten Jahrtausend im Orient bekannt.

Auch die Bibel, die ausdrücklich hervorhebt, daß man sich hierbei steinzeitlicher Feuersteinmesser bediente, weiß davon, daß man den Brauch auch anderswo kannte – dies ganz besonders bei den Völkern in ariden Wüstengebieten und halbariden Steppen am Wüstenrand. (Das Heilige Land, Bergisch Gladbach 1988)

Dies stimmt natürlich genau mit den Thesen James DeMeos überein. Besonders interessant ist aber der Hinweis auf die Altertümlichkeit dieses Brauchs („steinzeitliche Feuersteinmesser“).

DeMeo sieht in der Beschneidung die Nachwirkung alter Blutrituale, die mit der Lossprechung des Mannes für den Kontakt mit dem als giftig betrachteten Vaginalblut verbunden waren, also extremen Ängsten vor dem „Mysterium Frau“ und vor der Sexualität entstammten (The Saharasia Connection, University of Kansas 1986, S. 168f). Hatte ein Mann Geschlechtsverkehr mit einer Frau, blieben beide bis zum Abend unrein, wenn er aber während ihrer Monatsblutung mit ihr Verkehr hatte, wurde er für sieben Tage unrein. Die Frau selbst war natürlich schon allein durch die Monatsblutung unrein und diese Unreinheit übertrug sich auf alles, was mit ihr in Berührung kam (Lev 15,18-24). Jesus hat diese Phobie überwunden (Mt 9,20-22).

In Der Mann Moses und die monotheistische Religion sieht Freud hinter der „Heiligung“ des Volkes durch die von Moses durchgeführte Beschneidung einen symbolischen Ersatz für die Kastration, die der „Urvater“ über seine Söhne verhängt hatte. „Wer dies Symbol [der Beschneidung] annahm, zeigte damit, daß er bereit war, sich dem Willen des Vaters zu unterwerfen, auch wenn er ihm das schmerzlichste Opfer auferlegte“ (Studienausgabe Bd. IX, S. 567).

Wir haben es wohl nur Paulus, wenn nicht sogar Jesus selbst, zu verdanken, daß wir nicht als Halbkastraten unser Leben fristen müssen. Im übrigen hat die Beschneidung natürlich wenig bis nichts mit Moses zu tun und beschränkt sich nicht auf die Juden (und die Ägypter, von denen sie Freud zufolge die Beschneidung übernommen haben sollen), sondern sie war im ganzen Nahen Osten verbreitet. Jer 9,25 zählt zu den Beschnittenen „die Ägypter und die Leute von Juda, die Edomiter, die Ammoniter, die Moabiter und die Stämme in der Wüste, die sich ihre Schläfen rasieren“. Die Beschneidung wurde also praktisch von allen Völkern im Umkreis Israels praktiziert.

Wegen Paulus waren jedoch in Europa die Juden die einzigen Beschnittenen. Was eine der Hauptquellen des Antisemitismus ausmachte. Die Beschneidung gemahnte an die gefürchtete Kastration und rührte damit an ein gern vergessenes Stück der urzeitlichen Vergangenheit (Freud, Bd. IX, S. 539). Hinzu kam das Image als „Gottesmörder“, die aus dem Schlachten von Tieren eine heilige und, da die Tiere geschächtet wurden, grausig blutige Angelegenheit machte.

Unbewußt verband sich so die Angst vor der Beschneidung mit der existentiellen Angst in einem Menschenopfer dargebracht zu werden. Freud hat ja entdeckt, daß der Kastrationskomplex wirklich die ganze Existenz betrifft – das Kind (im Erwachsenen) um sein Leben fürchtet. Und tatsächlich verbirgt sich hinter der Beschneidung ein verdrängtes Menschenopferritual. Genauso wie das Jungtier an seinem achten Lebenstag Jahwe geopfert wurde (Ex 22,29), wurde ursprünglich auch das erstgeborene Kind geopfert. Später wurde daraus die Beschneidung am achten Tag (Gunnar Heinsohn: Was ist Antisemitismus? , Frankfurt 1988, S. 55).

Hyam Maccoby hat nachzuweisen versucht, daß Zippora erst durch eine Manipulation der alttestamentlichen Redaktoren dazu kam, ihrem Sohn die Vorhaut abzuschneiden. Und zwar als Ersatz für die Opferung des Kindes durch Moses. Um dies grausige Geschehen zu verdecken, wanderte das Opfermesser in die Hand Zipporas und schnitt nur die Vorhaut ab (The Sacred Executioner, London 1982).

Beide Interpretationen (Beschneidung als magisches Wegwaschen des Mentruationsblutes, Beschneidung als Ersatz für das Menschenopfer) finden ihre Gemeinsamkeit in einer dritten Theorie:

Mir will es eher so scheinen, als wäre die Beschneidung weniger ein Ritual, das einen eindeutig patriarchalen Hintergrund hat, sondern vielmehr ein spätmatriarchales Element darstellt. Die feministische Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth schreibt, daß der Vatergott, der die Muttergöttin verdrängt, als erstes ihr weitverbreitetes Machtsymbol, den Blitz, bzw. die „Doppelaxt“, übernimmt, „mit dem sie tötete oder kastrierte“ (Für die Musen, Frankfurt 1988, S. 48). Beispielsweise war es in Kanaan fester Bestandteil des Fruchtbarkeitskultes, daß Männer kastriert wurden, um als männliche Tempelprostituierte der Göttin zu dienen. Und auch sonst waren, wie noch heute, die priesterlichen Tätigkeiten so geartet, daß die Priester die sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale ausbildeten, weil die rituellen Techniken weibliche Hormone erzeugten.

Beschneidung ist Ausdruck der Sehnsucht zurück ins Matriarchat: der Mann blutet wie die Frau, durch seinen Tod kehrt er dahin zurück wo er herkam. Es war ein verqueres Fruchtbarkeitsritual wie in Sündenfall und Fruchtbarkeit ausgeführt.

Das Gottesbild der Bibel

1. Oktober 2011

Mit der der Loslösung vom israelitischen Mutterboden, von der Mutter Natur, mit dem Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat verselbständigt sich, wie Gerda Weiler orgonomisch vollkommen korrekt schreibt,

die aggressive Potenz des Menschen, die notwendig ist, um positiv die Aufgaben des Lebens anzugreifen, sie löst sich aus dem Zusammenhang des natürlichen Ablaufs von Werden und Vergehen und schlägt ins Negative um, in jene desintegrierte Aggressionsfähigkeit, die vorwiegend darauf gerichtet ist, den „Feind“ anzugreifen. (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 259f)

Die komplementäre Seite dieses Sadismus ist der Mystizismus. Der Sadismus entspricht dem Drang des Mystikers zum „Jenseits der Panzerung“ durchzubrechen bei Umgehung der Genitalfunktion.

Auch hierzu sagt Weiler orgonomisch vollkommen richtig:

Die Verzückung des Mystikers ist vergleichbar dem Erlebnis eines Menschen, den man geblendet hat, um ihn dann in die Gärten des Paradieses zu führen, daß er ihre Schönheit genieße. Er hat innere Bilder. Er hat Ahnungen. Das umfassende, ganzheitliche Wissen bleibt ihm versagt. Denn alle Erfahrung ist immer auch sinnlich. (ebd., S. 272)

Diese Entfremdung des Menschen vom „Göttlichen“ findet sich auch in der Kunst wieder. Je mehr das Patriarchat Fuß faßte, desto abstrakter wurde die künstlerische Darstellung. Die „urwüchsige“ abstrakte Kunst Afrikas ist nachweisbar nichts weiter als eine kulturelle Verfallserscheinung. Im Judentum und Islam wurde nicht nur Gott zum bildlosen absoluten Abstraktum, sondern gleichzeitig wurde jede bildnerische Kunstbetätigung tabuisiert, bis es allenfalls ungegenständliche Muster gab. Das Christentum ist dann aus dieser Entwicklung wieder ausgeschert. Im Bild Christi und Marias kann sich der Gläubige wieder mit der Gottheit identifizieren.

Heide Göttner-Abendroth hat der Identifizierung des matriarchalen Menschen mit der Gottheit im folgenden Gedicht auf wunderbare Weise Ausdruck verliehen:

die erde zittert, wo ich gehe in diesen zonen der reife, und wirft sanfte merkliche wellen
durch alle dinge vibriert es in mir, wo immer auf den driftenden schollen ich gerade bin
du bist das rätsel unter meinen füßen, der abgrund in mir, wo ich bin bist du überall
– denn Du Gaia bist Ich (Für die Musen, Frankfurt 1988, S. 36)

Im Patriarchat wird demhingegen Gott zu „dem ganz anderen“. Es ist ein entfremdeter Gott, der auf Kosten des Menschen lebt. Mit dem Selbstwertgefühl der Menschen ist es unter so einem Gott aus, es ist aus mit ihrem „Hochmut“ gegenüber Gott; „und ihr Stolz wird erniedrigt“, bis „der Herr allein wird groß sein“ (Jes 2,17f). Wir sind sein Eigentum, wir „gehören ihm wie Kinder ihrem Vater“ (Dtn 14,1) – oder wie Viehzeug ihrem Besitzer:

Jeder Ochse kennt seinen Besitzer und jeder Esel die Futterkrippe seines Herrn. Israel aber will nicht begreifen, wem es gehört. (Jes 1,3)

Der biblische Mensch sagt: „Ich habe meine Sache auf Dich gestellt“ (Jer 20,12). Der matriarchale Mensch sagt: „Ich habe meine Sache auf Mich gestellt“ (Stirner). So verkündigt Kardinal Giacomo Biffi aus Bologna 1989 in einer seiner berühmten Strafpredigten von der Kanzel herab:

Die Frau von heute ist grundsätzlich schlecht. Sie unterwirft sich nicht mehr dem Herrn mit einem ergebenen „Ich bin dein“, sondern sie schreit nur herum: „Ich gehöre mir selbst“.

Der Kardinal wurde noch bösartiger:

Frauen sind Verbündete des Todes, weil sie über ihren Leib selbst entscheiden wollen. Sie sind verdorben, alle Sünderinnen.

Im entwickelten Patriarchat existiert das Ich nicht mehr; allenfalls in Gestalt des Führers oder Gottes. Dieses „Über-Ich“ sagt, was zu tun ist. Weiler:

Der patriarchale Mensch verlernt unter der Gesetzlichkeit seiner aufgesetzten und aufgezwungenen Ordnung, in sich selbst hineinzuhorchen (…), er verlernt das Hinhorchen auf ein Du, die sensible Anpassung an die der Natur innewohnenden Ordnungsprinzipien. Er braucht nur noch eines: Gehorsam. Die eigene Verantwortung wird ihm erspart, wenn er nur dem Gesetz des patriarchalen Jahwe gehorcht.

Dies entspringt nomadischer Tradition, denn für den Nomaden Arabiens ist ganz allgemein das Fehlen jedes Ich-Bewußtseins zu konstatieren. Es herrscht Sippenbewußtsein, dessen Beziehung zum Über-Ich Nietzsche wie folgt umrissen hat: „Einstmals war das Ich in der Herde versteckt: und jetzt ist im Ich noch die Herde versteckt“ (Umwertung aller Werte, dtv, S. 299). Gleichzeitig ist dieses arabische Bewußtsein untrennbar mit dem Führerkult verknüpft. Schon Jesaja 3,6 erkannte, daß sich in einer Krise (wie z.B. die Verwüstung Arabiens) alle Männer in einer Sippe an einen einzigen klammern und sagen: „Sei du unser Anführer, bring Ordnung in dieses Chaos!“

Die patriarchale Entwicklung führte dazu, daß in der Bibel schließlich nicht mehr der wankelmütige Führer, sondern das unpersönliche göttliche Gesetz die Ordnung bringt. Dies entspricht der Verinnerlichung des Vaters, die in der individuellen Entwicklung zur Ausprägung eines Über-Ich führt, das natürlich mit der Panzerung funktionell identisch ist. Demnach ist also Gott der höchste Ausdruck von Kontakt- und Verantwortungslosigkeit, Entfremdung und Abpanzerung vom Leben, oder wie Nietzsche im Ecce Homo sagt:

Der Begriff „Gott“ erfunden als Gegensatzbegriff zum Leben – in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht!


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