Mit ‘Marxisten’ getaggte Artikel

Die Verschwörung der Verschwörungstheoretiker

11. Juni 2013

Seit den Anfängen der sozialen Orgonomie 1928 gab es stereotyp immer wieder den gleichen Einwand: Reich räume den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht den gebührenden Raum ein. In früheren Zeiten ging es dabei meist um Versatzstücke des Historischen Materialismus, was letztendlich stets auf böse Machenschaften der Kapitalisten hinauslief. In den letzten Jahrzehnten wurde dieser Diskurs zunehmend „verpoppt“ bzw. amerikanisiert und es geht ganz direkt um Verschwörungen, etwa die der „Bilderberger“, ohne Rückgriff auf anspruchsvolle politökonomische Analysen. Die werden durch unterhaltsame Kriminalgeschichten ersetzt.

Die Antwort der Orgonomie auf diese Kritik ist denkbar brutal: hier kommt ein imgrunde psychotischer Mechanismus zum tragen, der in der autoritären Gesellschaft noch ausgiebig rationalisiert war und sich sogar den Anstrich der Wissenschaft gab, heute, in der antiautoritären Gesellschaft, jedoch nackt zutage tritt. Die durch die eigene Panzerung, die tatsächlich externe Ursachen hat, verfremdeten (!) und verzerrten Wahrnehmungen und Impulse, also ein innerliches Geschehen, wird nach außen projiziert und externen Ursachen zugeschrieben. So kommt es zu den überhandnehmenden Verschwörungstheorien.

Genauso, wie die rege Phantasietätigkeit und generelle Hyperaktivität des Paranoiden darauf abzielt, der schizophrenen biophysischen Schrumpfung entgegenzuarbeiten, an deren Ende der „ausgebrannte“ Schizophrene steht, versuchen die Menschen in Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls mit Hilfe florider Phantasietätigkeit der „biosozialen Schrumpfung“ entgegenzutreten. Und genauso, wie es beim Schizophrenen, der typischerweise seinen Psychiater mit langatmigen Exposés und „Dokumentationen“ zumüllt, in denen sein Wahn bis ins kleinste Detail „belegt“ wird (beispielsweise kann der Tagesschausprecher „aus logischer Sicht“ nur ihn ganz persönlich gemeint haben!), ausschließlich um die Projektion innerer Vorgänge geht, handelt es sich auch bei der einstigen „Marxistischen Gesellschaftsanalyse“ und den heutigen Verschwörungstheorien um ein ausschließlich psychopathologisches Phänomen, egal wieviel „Evidenz“ auch immer beigefügt wird. (Das heißt nicht, daß Marxisten und Verschwörungstheoretiker „kränker“ als du und ich sind: es ist ihre Art, mit den Problemen umzugehen, die wir alle habe.)

Was projiziert wird, ist natürlich nichts anderes als die Ursprungsgeschichte der Panzerung in der autoritären Familie: „das Kapital“, „die Juden“, „die Bilderberger“, etc. sind Masken des Ödipuskomplexes. Dadurch gewinnen die Verschwörungstheorien auch ihre Überzeugungskraft: die Panzerung hat, wie bereits erwähnt, externe Ursachen. Die lassen sich aber nicht beseitigen, indem man den durch die Panzerung hervorgerufenen Wahrnehmungsverzerrungen folgt und diese auch noch rationalisiert. Wie dann?

An den gesellschaftlichen Zuständen wird sich erst dann etwas ändern, wenn die Panzerung verschwindet, was voraussetzt, daß die Massen von der Existenz der Panzerung erfahren und gewahr werden, daß diese für die gesellschaftlichen Zustände verantwortlich ist. Erst danach macht es Sinne von „Verschwörungen“ zu reden.

Panzerungverschwoerung

Der Rote Faden: Auf dem Weg in die Arbeitsdemokratie

23. September 2012

Stephan Lackner wurde 1910 in Paris geboren. Studium der Philosophie in Berlin, Frankfurt und Gießen. Machte seinen Doktor im Jahr 1933. Emigrierte 1935 nach Paris, 1939 in die USA. Lebte seit 1940 in Santa Barbara, Kalifornien, wo er 2000 verstarb. Im Jahr 1981 schrieb er Bernd A. Laska, er habe als junger Schriftsteller sehr vom Einfluß Reichs profitiert. Auch die persönlichen Treffen seien sehr anregend gewesen. Lackners damals erschienenes Drama Der Mensch ist kein Haustier fand Reich, so Lackner, „von welthistorischer Richtigkeit“. Das folgende habe ich Laskas „Aus Briefen Reichs der Jahre 1935-1940“ (Wilhelm Reich Blätter, 2/81, S. 65-70) entnommen.

1937 schrieb Lackner einen Artikel über Reich, „Ein moderner Ketzer“, in einer deutschen Exilzeitschrift (Das neue Tagebuch, Paris, 6. Februar 1937). Reich reagierte positiv in seiner eigenen Zeitschrift. Persönlich antwortete er Lackner am 9. April 1937, er sei überrascht von Lackner unter die Philosophen verortet worden zu sein. Immerhin sei Lackner einer der wenigen, der das Wesentliche verstanden habe. Überraschenderweise reagierte Reich mit keinem Wort auf Lackners Behauptung in dem genannten Aufsatz, daß Reich sich irre: er, Reich, sei gar kein Marxist.

Für Marx waren die Triebe Widerschein der Umwelt, während es bei Reich grade um den Konflikt zwischen Trieb und Umwelt geht, entsprechend gilt es nicht nur, die Welt einfach nur zu verändern, sondern in einer ganz bestimmten Richtung zu verbessern, wie Bernd A. Laska ausgeführt hat („Zur Bestimmung des Status der Reichschen Theorie: II. ‘Früher’ contra ‘später’ Reich – Eine überflüssige Kontroverse“ Wilhelm Reich Blätter 2/80, S. 67-85).

Lackner führte 1937 aus:

Der Angelpunkt seines [Reichs] Systems ist der „Konflikt zwischen Trieb und Außenwelt“. Aber im „Feuerbach“ von Engels steht geschrieben: „Die Einwirkungen der Außenwelt auf den Menschen drücken sich in seinem Kopfe aus, spiegeln sich darin ab als Gefühle, Gedanken, Triebe, Willensbestimmungen.“ Selbst beim späten Engels, in dessen nicht mehr rein ökonomistischer Epoche, findet sich stets die Grundanschauung, daß die Triebe nichts sind als Überbau der ökonomischen Umweltbedingungen. (…)

Er gibt zwar zu, daß der ideologische Überbau auf die Basis zurückwirken könne; aber daß Folgen, die neue Folgen verursachen, damit eben zu gleichberechtigten Ursachen im vielfältigen Geflecht des Lebens werden, zu dieser Erkenntnis ist Engels nicht gekommen. Für Reich aber sind Triebe nicht nur keine „Folgen“, sondern identisch mit dem ursprünglichen, vegetativen Leben überhaupt. Reichs Ansatzpunkt ist mit den Dogmen des orthodoxen Marxismus schlechthin unvereinbar. (Lackner: „Ein moderner Ketzer“ Wilhelm Reich Blätter 2/81, S. 58-64)

Im bereits erwähnten Brief vom 9. April 1937 schrieb Reich, daß er bisher nur Kontakt mit führenden Persönlichkeiten der deutschen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) habe. Einige Zeit später trafen sich Reich und Lackner persönlich in Nizza, wo Reich Roger DuTeil besuchte.

Am 16. Februar 1937 schrieb Reich zwei jungen Freunden in der Schweiz, Hedy und Oscar Bumbacher, über den alte Sozialisten Fritz Brupbacher (1874-1945), den er sehr gut kenne. Brupbacher sei seit 40 Jahren in der Arbeiterbewegung und sei „derart von Bonzen und Bürokraten geprügelt und mißverstanden“ worden, daß es kein Wunder nehme, daß er in seinem Alter zeitweise seine Hoffnung verliere.

Am 25. November 1935 hatte Reich Brupbacher geschrieben:

Ich danke Ihnen sehr für das Buch [60 Jahre Ketzer]. Ich habe es in einem Zug durchgelesen und gestaunt, wie bis ins kleinste Detail ähnlich das Erleben der revolutionären Intellektuellen in den heutigen Parteien ist. An vielen Stellen tauchten bei mir peinliche Erinnerungen an österreichische und deutsche Verhältnisse auf. Sie haben mit ihrer scharfen Kritik zweifellos recht; doch ich frage mich, ob die völlig resignierende Haltung berechtigt ist (…) Vielleicht werden wir in zwanzig Jahren auch resignieren müssen. Doch dann werden wieder andere kommen und das Mühselige fortsetzen. Einmal wird es durchbrechen!

Am 5. Februar 1940, schrieb Reich an Brupbacher im gleichen Sinne, daß trotz des „Riesenunglücks“, das alle ihre gemeinsamen Hoffnungen betreffe, er trotzdem optimistisch bleibe. Im selben Brief sagt Reich, daß sein Konzept der Arbeitsdemokratie ihm helfe, „in meinem Arbeitskreis ein Stück Klarheit und Absonderung von der allgemeinen Verrücktheit aufrechtzuerhalten“.

An die Bumbachers schrieb Reich am 24. November 1939, daß Menschen „aller Kreise, bester Gesinnung und mit großen Fähigkeiten ausgestattet“ isoliert „herumsitzen“ und darauf warten, daß irgendeine Macht die Situation ändere. Er, Reich, glaube aber nicht, daß sich nichts machen ließe. Man müsse vielmehr die Zeit nutzen, um das Wissen zu erlangen, mit denen man die Probleme angehen könne. „(…) den Anschluß an die Kräfte, welche die Zukunft vorbereiten, kann man nur auf diese Weise finden.“

Am 27. November 1939 schrieb Reich an Lackner etwas, das zeigt, daß die besagten „Kräfte“ für Reich nicht mehr die sozialistischen Parteien sein konnten. Siehe zum folgenden auch die von mir referierte Aussage von Robert A. Harman. Reich:

Ich glaube z.B. nicht mehr, daß die Streiks, wie sie heute sind, mehr bedeuten als eine infantile Klage an die Beherrscher, sie [die Arbeiter] doch weniger schlecht und eingeengt Leben zu lassen. In ihnen kämpft kein Wille um Selbstbestimmung und Bereitschaft, die Verantwortung für die Produktion zu übernehmen. Ich weiß, es sind gefährliche Sätze, die ich hier niederschreibe. Doch was soll man mit der Enttäuschung an den Marxisten tun, die lautet: „Weshalb tut ihr alles, um die Verantwortungslosigkeit der Menschenmassen weiter zu erhalten?“ Es nützt ja nicht viel, das Bestehende [frei nach dem Historischen Materialismus] als notwendig hinzustellen, wenn man gleichzeitig erlebt, daß zum Anspruch ans Leben erwachende Millionenmassen die Diktaturen schaffen und halten.

Politik werde es solange geben, wie die Menschen Sklaven bleiben wollten. Er, Reich, habe zwar zugestandermaßen keine „praktische Antwort“, doch glaube er aus seiner klinischen Erfahrung heraus an die „natürlichen Fähigkeiten“ der Menschen, was kulturelle und organisatorische Leistungen betrifft. Wahrscheinlich würden die Verhältnisse die Menschen zur Freiheit zwingen. Man könne nicht mehr tun, als bis dahin „die Gesetze des freiheitlichen Lebens und die ihm widerstrebenden Tatsachen“ zu studieren.

Am 11. Februar 1939 schrieb Reich an die Bumbachers, die starken Einschränkungen im Betrieb seines Instituts seien „den eifrigen Anstrengungen von Mitgliedern der kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien zu verdanken, die der politischen Reaktion alle Argumente für die Aktion geliefert haben“. Siehe dazu auch meine entsprechenden Ausführungen im letzten Teil des Roten Fadens.

Reichs Selbstverständnis als Wissenschaftler (Teil 1)

11. September 2012

Reichs grundsätzliches Selbstverständnis als Wissenschaftler kommt wohl am besten in seinen 12 „Grundregeln“ zum Ausdruck, die ich hier gekürzt und paraphrasiert wiedergebe:

  1. Die Instrumente zur Beobachtung und Messung sollten die gleiche Qualität haben wie die sinnlosen Luxusgegenstände, die man sich erträumt und für die man bereit ist Unsummen auszugeben.
  2. Man soll auf die Antworten hören, die einen die Natur gibt und nicht auf das, was ein Lehrbuch aus dem anderen abschreibt.
  3. Man soll nicht versuchen besonders clever zu sein, sondern einfach und bescheiden.
  4. Man soll nicht darauf achten, was denn die Mitmenschen über einen sagen könnten.
  5. Zu Beginn soll man sich streng an die Vorgaben für das jeweilige Experiment halten. Später kann man dann den Versuchsaufbau variieren und „kontrollieren“.
  6. Entsprechend soll man sich zunächst auf seine Sinne verlassen, danach aber das beobachtete mit Hilfe von Instrumenten verifizieren, die von den Sinnen unabhängig sind.
  7. Man soll nicht Ideen über Dinge ausspinnen, die man selbst nie beobachtet hat.
  8. Vorgänge und Gegebenheiten muß man aus ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten heraus verstehen und nicht fremde Gesetzmäßigkeiten abstrakt auf sie übertragen.
  9. Erfährt man von einer neuentdeckten natürlichen Grundfunktion, muß man bereit sein, seine bisherigen Vorstellungen einer Revision zu unterziehen.
  10. Man darf seine Fehler nicht verdrängen, sondern muß aus ihnen lernen.
  11. Man muß sich stets darüber im Klaren sein, was man (noch) nicht weiß.
  12. Eine Autorität ist nur derjenige, der sich mit dem gegeben Phänomen wirklich befaßt hat. Bloße akademische Titel bedeuten in dieser Hinsicht gar nichts. („Rules to Follow in Basic Research“, Orgone Energy Bulletin, 3(1), Jan. 1951, S. 63f)

Reichs Durchhaltevermögen, das in der grundsätzlichen Überzeugung fundiert war, den richtigen Weg zu gehen, war das Geheimnis seines Erfolges, während andere aus Bequemlichkeit und Selbstzweifeln zu schnell aufgaben. Reich führte dazu 1938 aus:

Es mußte (…) zu einem methodischen Grundsatz meiner Arbeit werden, jede technische Errungenschaft der wissenschaftlichen Forschung zu übernehmen, jede praktische Beobachtung genau zu registrieren, jedoch, um nicht gestört zu werden, jede theoretische Auslegung zunächst unbeachtet zu lassen. Ich pflege, um von vornherein Schwierigkeiten der Arbeit zu beseitigen, meine Mitarbeiter ausdrücklich darum zu bitten, nur ihre Technik und ihre Tatsachenkenntnisse anzuwenden, jedoch in der Arbeit und mir gegenüber irgendwelche gelernten Theorien oder Anschauungen zu vergessen. So wurde es möglich, den Versuch durchzuführen, Ruß zu glühen und in Bouillon + KCl quellen zu lassen, ja sogar zu kultivieren. Es stellt sich nämlich heraus, daß diese sogenannte physikalische Bewegung (Brownsche Bewegung), die ja als solche immer vorhanden sein müßte, bei Veränderung der Bedingungen nicht vorhanden ist, daß die Kohle- und Rußstäubchen schön ruhig daliegen, daß sie sich nach einiger Zeit der Quellung zu rühren beginnen etc. und daß die Bewegung nach mehreren Wochen oder Monaten aufhört. Die Bequemlichkeit des Denkens in der naturwissenschaftlichen Arbeit ist gewiß eine Erscheinung, die man bei Durchbrüchen in unwahrscheinlich klingende Gebiete sehr deutlich zu spüren bekommt. Man hat also in der zweiten Art wissenschaftlicher Forschung nicht nur Tatsachen und Probleme zu bewältigen und nicht nur gegen überlieferte, oft falsche Anschauungen zu kämpfen und sie zu widerlegen, mehr: Neben dem eigenen Gefühl von der Richtigkeit und Korrektheit der Annahmen, das unbedingt vorhanden sein muß, hat man mit den unerläßlichen und quälenden Zweifeln an der eigenen Sache zu kämpfen, die einen sowohl sehr befruchten, aber auch sehr oft veranlassen können, die Arbeit in einem verfrühten Stadium abzubrechen. (Die Bionexperimente, S. 176)

Die Geschichte der Orgonomie ist nicht die Entfaltung eines Dogmas, sondern eine ständige Selbstwiderlegung von Hypothesen. Reich ist während seines gesamten Forscherlebens von einer dieser Widerlegungen zur nächsten geradezu gestolpert, sie trennten ihn von der Psychoanalyse und dem Marxismus, denen er absolut gehuldigt hatte, seine elektrischen Spekulationen der 1930er Jahre erwiesen sich als unhaltbar. Dann entdeckte er eine spezifisch biologische „isolierte“ Strahlung – die sich als allgegenwärtiger Background erwies; er meinte nur im Menschen würde diese Energie blockiert, um dann zu entdecken, daß das DOR auch unabhängig vom Menschen auftrat.

Sein Assistent und Biograph Myron R. Sharaf führt aus, daß sich Reichs Selbstverständnis vor allem durch den Widerstand und das Unverständnis seiner Umwelt formte. Reich war, wie gesagt, ursprünglich allzu erpicht darauf, nur die Gedanken fortzuführen, die Freud und Marx/Engels/Lenin ins Rollen gebracht hatten. Nur die scharfe Zurückweisung durch die Psychoanalytiker und Marxisten brachte ihn dazu sich auf sein ureigenstes Anliegen zu konzentrieren. Als er sich des Ausmaßes und der ganzes Bedeutung seiner Entdeckungen bewußt wurde, hörte er auf sich als „nichts besonderes“ zu betrachten, sondern fing an zu fragen, welche Qualitäten es der Person Wilhelm Reich ermöglicht hatten, etwas zu leisten, was ohne diese Person nie hätte geleistet werden können (Sharaf: „Thoughts about Reich“, Journal of Orgonomy, 11(2), November 1977, S. 240-245).

Seine Antwort auf diese Frage nach seiner „Einzigartigkeit“ lautete nicht etwa, daß er, Reich, ein besonders großes „Genie“ gewesen sei. Nein, es fing schon damit an, daß er anders atmete!

Ich habe immer sehr gut geatmet. Die Leute dachten, es hätte mit mir etwas Besonderes auf sich, weil ich so gut atmete. Ich bin einmal zu einem Arzt gegangen, weil ich eine Sehnsucht in der Brust spürte. Er hat es überhaupt nicht verstanden. (Sharaf: „Some Remarks of Reich: Summer 1948“, Journal of Orgonomy, 3(1), S. 116-119, March 1969)

Reich hatte einfach eine Qualität, die den meisten anderen Wissenschaftlern abgeht: ein „Offensein“ für die Naturprozesse.

Ich fühlte mich mehr als Übermittler einer bestimmten Logik denn als weiser Denker, der „überlegen“ wissenschaftliche Schlußfolgerungen zieht. (Menschen im Staat, S. 175)

Das, d.h. das Fühlen wie ein „Neugeborenes“, das noch außerhalb der Gesellschaft steht, beinhaltet wiederum eine neue Haltung zur „Wertfreiheit“ der Wissenschaft.

Wissenschaftlern seien, so Bernd A. Laska in einer Buchbesprechung, „nur zwei Möglichkeiten denkbar, wie sie ihr Geschäft erledigen können: als wertfreie oder als parteiliche Wissenschaft“.

Laska fährt fort:

Das Konzept der wertfreien Wissenschaft geht von dem Dogma aus, das Werten könne prinzipiell nicht Aufgabe der Wissenschaft sein. Es ist deshalb gezwungen, jedem mündigen Menschen grundsätzlich Autonomie im Werten zuzusprechen. Das Paradoxe an dieser Position ist, daß Autonomie erst dem „Mündigen“ zugestanden wird, also gerade demjenigen, der in einem Anpassungsprozeß seine Autonomie eingebüßt hat, während dem wahrhaft autonomen Neugeborenen Autonomie abgesprochen wird. (Laska: Wilhelm Reich Blätter, 3/81, S. 160)

Es gibt zwei Arten von Wissenschaft: die erstere ist ein Instrument, „im Dienste der Tendenz des Menschen, den Problemen des lebendigen Lebens auszuweichen.“ Entsprechend unterschied Reich, wie Laska weiter ausführt, „zwischen notwendigem Irren aus Unkenntnis und nichtnotwendigem Irren, das aus dieser Tendenz erwächst“ (Laska: „Zur Bestimmung des Status der Reichschen Theorie: I. Allgemeiner Überblick“, Wilhelm Reich Blätter, 1/80, S. 8-20).

Reichs psychoanalytische Kollegen, typische Intellektuelle, sahen seine praktische Beschäftigung mit der sozialen Frage als Verrücktheit an (Menschen im Staat, S. 102), wo es doch für einen Arzt die selbstverständlichste Sache der Welt sein sollte. Das gleiche gilt für Reichs Beschäftigung mit der Biologie: es sollte doch für einen Arzt selbstverständlich sein, sich mit den biologischen Grundlagen des Lebens direkt auseinanderzusetzen:

The Journal of Orgonomy (Vol. 30, No. 2, Fall/Winter 1996)

17. August 2012

Man kann die Bedeutung von James Burnham für die orgonomische Soziologie kaum unterschätzen. Erst vor kurzem hat Charles Konia jene aufgefordert, die seine „politisch einseitige“ Haltung nicht verstehen, Burnhams 1964 erschienenes Buch Suicide of the West zu lesen.

In dieser Ausgabe des Journal of Orgonomy wurde ein ganzes Kapitel aus Burnhams Buch abgedruckt: „The Guilt of the Liberal“ (S. 179-193). Der zentrale Satz des Kapitels lautet:

Für die westliche Zivilisation in der gegenwärtigen Weltlage ist folgendes die wichtigste praktische Konsequenz, die aus dem in der liberalen Ideologie und Psyche verankerten Schuldgefühl zu ziehen ist: daß der Liberale, und die Gruppe, Nation oder Zivilisation, die mit liberalen Doktrin und Werten infiziert ist, gegenüber jenen moralisch entwaffnet dasteht, die der Liberale im Vergleich mit sich selbst als benachteiligt betrachtet.

Das ist der „Selbstmord des Westens“: daß der Westen, vergiftet von der allgegenwärtigen von Schuldgefühlen zerfressenen linksliberalen Ideologie, jeden als moralisch höherwertig anerkennt, der sich vorgeblich für die Schwachen einsetzt (wie die Kommunisten) oder selbst schwach ist (wie die Islamisten, die der Linksliberale als in die Verzweiflung getriebene Opfer des Kolonialismus bzw. „Neokolonialismus“ betrachtet).

Diese Schuldgefühle entsprechen, wie Konia in einer editorischen Einleitung schreibt, der Wahrnehmung von orgonotischer Erregung in der gepanzerten Muskulatur. Wird der Panzer in der Orgontherapie aufgelöst, verschwinden gleichzeitig die irrationalen Schuldgefühle auf Nimmerwiedersehen. Der Konservative hat Gott, der ihm die Schuld verzeiht, der „aufgeklärte“ Linke (in Amerika der liberal) hingegen sucht „Vergebung“ durch seinen soziopolitischen Aktivismus, der zwar vollkommen gaga und letztendlich selbstmörderisch ist – aber es geht schließlich um sein „Seelenheil“!

Bereits 1945 besprach Harry Obermayer Burnhams Buch von 1943 The Machiavellians in Reichs International Journal of Sex-economy and Orgone Research (Vol. 4, S. 216-220). Gegen Burnhams Rehabilitierung der „realistischen“ Sichtweise vom Denkern wie Machiavelli, Mosca, Michels, Sorel und Pareto wendet Obermayer ein, daß es für Reich nicht unabänderlich sei, daß eine Elite regieren müsse, da man die Massen von ihrer strukturellen Verantwortungslosigkeit befreien könne.

Elsworth F. Baker erwähnt Burnham und dessen 1941 erschienenes The Managerial Revolution in Der Mensch in der Falle. Die Betriebsleiter-Elite, die Burnham beschreibt, sei, so Baker, „die organisierte ‚emotionale Pest‘“ (S. 264).

Paul Mathews schrieb zu diesem Themenkomplex:

[Reich] betrachtete in Anbetracht der vorherrschenden Charakterstruktur die Tendenz, sowohl in Skandinavien als auch in den Vereinigten Staaten, vom Privat- zum Staatskapitalismus überzugehen als verhängnisvoll. Diesen Prozeß betrachtete er als den eigentlichen Mechanismus, durch den ein faschistischer Staat kreiert wird – wie in Nazi-Deutschland und der Sowjetunion. Obwohl er keine großen Sympathien für engstirnige Kapitalisten hegte, setzte Reich sie nicht mit Faschisten gleich. Vielmehr betrachtete er sie als Anhänger einer ökonomischen Philosophie und Praxis, von denen man in einer gepanzerten Welt genausoviel erwarten konnte wie von Sozialisten. Für Reich hingen die Übel des Staatskapitalismus nicht von seinen kapitalistischen Zügen ab, sondern von der Unfähigkeit der Massen ihr eigenes Leben zu organisieren, so daß immer mehr Macht den Bürokraten überantwortet wird, die sich in Führer verwandeln. (The Journal of Orgonomy, 5,1, S. 111, May 1971)

Mathews verweist dabei neben Reich auf Friedrich Hayeks The Road to Serfdom und auf Burnhams The Managerial Revolution.

Baker zitiert Burnham auch als Zeuge für und Analytiker des pseudoliberalen „modern liberal character“. Tatsächlich hatte Baker diesen ziemlich nichtssagenden Begriff von Burnham übernommen!

In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick darauf, wie die Stalinisten in der Nachkriegszeit den „Trotzkisten“ Burnham einschätzten. Tatsächlich war Burnham in den 1930er Jahren ein enger Freund Trotzkis bevor sich Burnham, der sowieso nie ein vollkommen überzeugter Marxist war, vom Kommunismus löste.

In dem 1956 in Ost-Berlin erschienenen Sammelband Gegen die Philosophie des Verfalls (Beiträge zur Kritik der Gegenwärtigen bürgerlichen Philosophie) schreibt der ungarische Soziologe Alexander Szalai, Burnham und sein Buch The Managerial Revolution seien deshalb von Interesse, da dessen Konzept kaum mehr sei als eine Neuformulierung der ursprünglichen Theorie Karl Kautskys (1854-1938).

Kautsky war in den 1890er Jahren der Mann, der die deutsche sozialdemokratische Ideologie aus der Marxistischen Matrix formte. Die Theorie von Burnham/Kautsky sei, so der orthodoxe Marxist, d.h. Stalinist Szalai, eine Revolution von oben, initiiert durch die unvermeidliche Anhäufung und Zentralisierung der Macht. In Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften übernähmen die Betriebsleiter die Macht an den Kapitaleignern vorbei. Sie kooperieren und organisieren eine kapitalistisch-sozialistische Planwirtschaft, so daß eine blutige Revolution nach sowjetischem Vorbild nicht mehr notwendig sei, um sich der Marxistischen Utopie zu nähern. „Die siegreiche Revolution der Direktoren, ihre gefestigte und organisierte Macht, würde schließlich eine kapitalistische Planwirtschaft möglich machen, und zwar innerhalb des bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, ohne Erschütterungen oder wesentliche Änderungen des Systems.“ Um das zu erreichen, müssen Kleinunternehmen, individuelle Kapitalisten, dezentralisierte Strukturen, usw. beseitigt werden.

Wer da nicht an die heutige europäische Sozialdemokratie und Obama denkt, ist blind!

L. Ron Hubbard und Karl Marx

20. August 2011

Der berühmte Scientologe Joe Feshbach ist gestern im Alter von 55 Jahren an einem Herzanfall gestorben. Er war ein „OT8“ (die höchste „spirituelle“ Stufe, die ein Scientologe erreichen kann) und er war ein Vertreter dessen, was den gegenwärtigen Kapitalismus so hassenswert macht. Feshbach hat mit sogenannten „Leerverkäufen“ an der Börse ein Milliardenvermögen gemacht. Dabei geht es darum, durch entsprechende Spekulationen Gewinn daraus zu schöpfen, daß bestimmte Aktien nicht etwa steigen, sondern fallen. Man leiht sich dazu (als nachvollziehbares Beispiel) eine Aktie im Wert von EUR 100 für eine geringe Gebühr von EUR 2 und verkauft dann diese Aktie ebenfalls für EUR 100, braucht dann aber nach einem dramatischen Kursverfall nur EUR 60 ausgeben, um sie zurückzukaufen und dem ursprünglichen Eigentümer der Aktie zurückzugeben. Gewinn innerhalb von ein paar Tagen: EUR 38. Mit der entsprechenden Anzahl von Aktien kann man jede Menge Nullen dranhängen! Beim gewinnbringenden Kursverfall kann man natürlich mit dem streuen entsprechender Gerüchte und mafiösen Methoden nachhelfen und so das eigene Risiko minimieren. Es ist die schiere Boshaftigkeit, Niedertracht und Destruktivität – mit der Feshbach zum Milliardär wurde und die organsierte Emotionelle Pest mit Riesensummen unterstützen konnte; Scientology, wo er derartiges Verhalten gelernt hat.

Neulich war ich Zeuge, wie ein Vertreter für Büroartikel mit einem Neuling spricht: Wenn er das Produkt an den Kunden verkauft, erhält er eine Provision von gerade mal EUR 150. Wenn er dem Kunden jedoch zusätzlich noch ein „B-Scan“ (was immer das auch ist) andrehe, würde die Provision sich auf EUR 450 verdreifachen. „Die Kunden brauchen das zwar gar nicht, aber Du mußt geschickt vorgehen und ihnen sagen, Du würdest dich für sie einsetzen und dafür sorgen, daß sie zusätzlich noch einen B-Scan erhalten. Mein Gott, wir werden doch auch ständig beschissen!“

Es geht hier nicht nur um schlichten Betrug. Nein, diese Vertreter geben sogar vor einen selbstlosen Freundschaftsdienst zu leisten; sich extra für den Kunden ins Zeug zu legen, weil ihnen der Kunde ja persönlich so sympathisch sei!

Daß so die Arbeitsdemokratie im Kern ausgehöhlt wird, braucht nicht näher ausgeführt zu werden. Es ist aber auch so, daß sich diese neunmalklugen Vertreter selbst Schaden zufügen.

Das haben neulich ausgerechnet Mark Fisher und Mike Rinder beschrieben. Fisher war zeitweise Sicherheitschef der geheimen Zentrale von Scientology (ein veritables Gefangenenlager hinter Stacheldraht!) und Rinder war bis vor wenigen Jahren Sprecher von Scientology und Leiter des scientologischen Nachrichtendienstes OSA. Das „Office of Special Affairs“ ist das Nonplusultra von Emotioneller Pest.

Rinder stand an der Spitze dieses Systems und konnte sich trotzdem befreien, weil er noch nicht vollständig von seinem bioenergetischen Kern abgetrennt war. Eine Abtrennung, die die beiden anfangs erwähnten Vertreter mit Macht für sich selbst bewerkstelligen wollen! Nachdem Fisher und Rinder den Kult verlassen hatten, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatten, ohne Ausbildung, ohne Beruf, fanden sie schließlich eine Beschäftigung als Autoverkäufer. Anläßlich dem öffentlichen Hype um einen scientologischen „Verkaufsguru“, der die anfangs beschriebenen Tricks der Emotionellen Pest als Verkaufsrezept für Vertreter und Verkäufer – verkauft, schreibt Fisher in einem Leserkommentar:

Es ist wahrlich nicht verwunderlich, daß dieser Typ ein Anhänger von DM ist (David Miscavige, der gegenwärtige Führer des Kults). Er paßt zum Rollenmuster für Verkäufer, die Leute dazu bringen etwas zu kaufen und Geld für etwas auszugeben, das sie gar nicht benötigen. (…)

Meiner Erfahrung als Verkäufer nach ist die Kommunikation mit dem Kunden der Schlüssel, um herauszufinden, was sie BENÖTIGEN und WOLLEN und ihnen dann das passende Produkt anzubieten, das zu ihren Bedürfnissen UND zu ihren finanziellen Möglichkeiten paßt.

Das beinhaltet auch Ehrlichkeit gegenüber dem Kunden und den Gebrauch von ARC (Scientology-Sprech für Herstellung von Kontakt) zum gegenseitigen Verständnis und daß der Kunde kauft und darüber hinaus zurückkommen wird und seine Freunde vorbeigeschickt.

Der Verkäufer muß auch selbst an das Produkt, das er verkauft, glauben und das Gefühl haben, daß er etwas verkauft, was einen guten Tausch zwischen der Firma und dem Kunden darstellt und keine Abzocke. Auch muß er das Produkt und seine Vorteile aus dem Effeff kennen.

Die Art des Verkaufens in diesem Video ist die Verkaufsart, die ich hasse.

Ich war im letzten Jahr vielleicht nicht die Nummer 1 der Verkäufer in meiner Firma, aber ich gehörte zu den Top 5 und einige jener, die besser als ich abschnitten, hatten mehr Auftragsstornierungen und Beschwerden, weil es ihnen um die schnelle Mark ging, statt das Produkt korrekt zu verkaufen und sicherzustellen, daß der Kunde zufrieden war.

Dieser Typ mag die Abschlüsse dieser Verkäufer ansteigen lassen, ich würde aber gerne entsprechende Erhebungen sehen, die zeigen, wie zufrieden ihre Kunden wirklich waren.

Ich bin nicht überrascht, daß Mike Rinder die Nummer 1 in seinem Autohaus war. Ich wette, er tat mehr von dem, was ich oben beschrieben habe und weniger von dem, was dieser Typ pusht.

Darauf Rinder:

Mark – ich stimme Dir zu 100 Prozent zu. Der gesamte scheiß Müll in der Welt, den Motivationsvortragende verbreiten, ist kein Ersatz für einen comm cycle (Scientology-Sprech für den Austausch zwischen zwei Individuen), für wirkliches Interesse und Menschen aufrichtig helfen zu wollen. Ich habe vielen Leuten gesagt, daß es von ihnen eine schlechte Entscheidung wäre einen Wagen zu kaufen, der, den sie hatten, war OK und sie hatten nicht das Geld für einen neuen. Ich würde niemandem ein Auto verkaufen, wenn ich nicht glaube, daß es die richtige Entscheidung für ihn ist. Cardone (der Typ aus dem obigen Video) und all die anderen versuchen den Leuten einzubleuen, daß du jedem etwas andrehen kannst, wenn du ihn überzeugst mit gespielter Begeisterung, zustimmendem Nicken, ihn dazu bringst mit dir übereinzustimmen (du hörst wie oft er sagt: „Sie stimmen mir zu, nicht wahr?“) und den anderen „Tricks“, die alle zum Einsatz bringen.

Auch Menschen, die bis über beide Ohren in die Organisierte Emotionelle Pest verstrickt sind, können sich wieder aus ihr befreien. Fisher und Rinder kamen buchstäblich aus der Hölle („Haß, Zerstörung und Verblendung“) und wissen deshalb „Liebe, Arbeit und Wissen“ zu schätzen. Durch den starken Kontrast haben sie ein Gefühl für die Arbeitsdemokratie, ähnlich wie Menschen, die während des Kalten Krieges dem Realsozialismus entkommen sind. Der eingangs erwähnte Vertreter, der sein Leben lang die Vorteile der Arbeitsdemokratie genossen hat, tut hingegen alles, um die Quellen unseres Lebens zu vergiften. „Es bescheißen doch alle!“ Genau diese Einstellung, die von Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit, Bitterkeit und Defätismus geprägt ist, verwandelt unsere Gesellschaft langsam aber sicher in jene Hölle, aus der Fisher und Rinder entflohen sind.

Dieses Beispiel über das Verhältnis von Arbeitsdemokratie und Emotionelle Pest zeigt dreierlei:

  1. Ideologie ist weit mächtiger als Realität. Obwohl Fisher und Rinder wie kaum jemand ermessen können, wie zerstörerisch die scientologische Ideologie ist, hängen sie ihr doch weiterhin an. Im Vergleich zu dem, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, sind ihre tatsächlichen Lebensumstände und Erfahrungen fast bedeutungslos.
  2. Es stimmt einfach nicht, daß sich im Kapitalismus die besonders Skrupellosen durchsetzen. Jemand, der seinen Kunden übers Ohr haut, mag kurzfristig einen besonders hohen Profit aus seiner Skrupellosigkeit schlagen, aber er hat diesen Kunden und dessen Freunde für immer verloren, gleichzeitig wird er deshalb für seine Geschäftspartner zunehmend unprofitabel. Was natürlich voraussetzt, daß die Kunden nicht vollkommen verblendet sind → Punkt 1.
  3. Marxistisch verbildete Menschen reagieren auf derartige Aussagen nur mit Verachtung: Es gelte alle Umstände zu ändern, in denen der Mensch bla bla bla… Hört mit eurem pseudo-materialistischen Geschwafel auf! Wir selbst bestimmen unsere „Umstände“ → Punkt 2.

Das zeigt mal wieder wie vollkommen inkompatibel Orgonomie und Marxismus sind. Doch Reich hat sich bis zuletzt zu Marx bekannt. Man lese Menschen im Staat und die Aussage des Orgonomen Victor Sobey, daß Reich ihm in seinem letzten Gespräch vor seinem Gang ins Gefängnis bekundet habe, er, Reich, sei noch immer ein Marxist. Reichs Biograph Myron Sharaf hat einem Freund von mir berichtet, daß Reich ihm in deren letzten Gespräch genau das gleiche gesagt habe: „Remember, I am still a Marxist!“

Mich erinnert diese absurde Selbsteinschätzung an das Bekenntnis von Fisher und Rinder zu L. Ron Hubbard, dem Begründer der Scientology. Reichs Selbstverortung ist absurd, weil sie (außer ein paar sektiererischen „Reichianern“) von wirklich keinem einzigen ernstzunehmenden Marxisten bestätigt wird. Und das nicht etwa nur „wegen dem Orgon“, sondern von der Analyse der unrevidierten angeblich „Marxistischen“ Schriften Reichs her. Man siehe etwa die Marxistisch versierte Darstellung in Christiane Rothländers Buch Karl Motesiczky 1904-1943.

Reich glaubte naiv an die proto-Stalinistische Einordnung von Marx in die Geistesgeschichte, an die geschönte Marx-Biographie und manipulierte Geschichte der Arbeiterbewegung, wie man sie etwa bei dem Marx-Hagiographen Franz Mehring findet. Ideologische Märchen wie die, die sich um L. Ron Hubbard ranken!

Das Wesen des Marxismus (Teil 2)

13. August 2011

Eines der Probleme mit der Marxistischen Polit-Ökonomie ist, daß Marx nichts weiter als eine „Kritik der politischen Ökonomie“ des Kapitalismus geleistet hat. Er hat gar nichts Positives geschaffen, sondern immer nur herumkritisiert. Was nicht nur einer der Einwände Reichs gegen Marx war, sondern den Marxismus a priori völlig indiskutabel für die Orgonomie macht.

Wie sehr der Marxismus eben nicht der Befreiung der Arbeit, sondern einzig Charakterzielen pestilenter Personen dient, sieht man besonders gut an dem wechselnden Zuschanzen der Rolle des „Urteilsvollstreckers der Geschichte“. Zuerst war es das „Proletariat“ (ein reines idealistischen Phantasma von Marx) als unterster Schicht. Genauer, das Proletariat im unterentwickelten Osten des Kapitalismus: in Deutschland. Mit der kapitalistischen Entwicklung ist der Heiland dann immer weiter nach Osten abgewandert, bis wir beim russischen Proletariat und schließlich gar bei den chinesischen Bauernmassen angelangt waren. Diese „Wanderung“ ist kein Leninistischer oder Maoistischer Revisionismus, sondern logische Fortführung von Marx. Das gleiche gilt auch heute, wo die Massen in der Dritten Welt die Rolle übernehmen, bzw. diese als Ganzes. Oder in der Reichianischen Bewegung beim gepanzerten Menschen als Opfer des Kapitalismus. In der Reichianischen Zeitschrift emotion meinte beispielsweise eine ehemalige Maoistin:

Das Leben im Kapitalismus, die Art und Weise wie Menschen dazu gebracht werden, zu „funktionieren“ und ihn damit aufrechtzuerhalten, bringt zwangsläufig emotional verkrüppelte Individuen hervor. (Bd. 2, S. 155)

In einem Brief vom 17. Feb. 1955 schreibt Reich an Neill, daß er entgegen der Behauptung der kommunistischen Verschwörer niemals gesagt habe, die Neurosen seien Folge des Klassenkampfes.

Bei seiner Annäherung an die kommunistische Bewegung hat er eh mehr die sexuelle Befreiung im Vordergrund gesehen. Was ihn anzog, zeigt das folgende wunderschöne vollkommen unmarxistische Lied aus der österreichischen Arbeiterbewegung:

Mit uns zieht die neue Zeit!
Wenn wir schreiten Seit’ an Seit’
Und die alten Lieder singen
Und die Wälder widerklingen,
Fühlen wir, es muß gelingen:
Mit uns zieht die neue Zeit!
Mann und Weib und Weib und Mann
Sind nicht Wasser mehr und Feuer,
Um die Leiber legt ein neuer
Frieden sich, wir blicken freier,
Mann und Weib, uns fürder an! (Mit uns zieht die neue Zeit. Arbeiterkultur in Österreich 1918-1934, Wien 1981)

Und damals war das ökonomische Elend, da sich der Kapitalismus noch nicht vollständig entwickelt hatte, wirklich erschreckend. Wie würde da wohl der damalige Reich auf die heutigen („Reichisten“-) Marxisten reagiert haben, die auf einer Wohlstandsinsel agitieren, als wären wir noch in der gleichen Welt wie damals!?! Und für solch bourgeois-esoterischen Dinge wie „Entfremdung“ oder „Warenfetisch“ hat sich Reich eh nicht interessiert. Ja, die Arbeitsdemokratie beruht geradezu auf der Entfremdung, bzw. der Arbeitsteilung! Man denke allein an die aus Marxistischer Warte vollends abwegige Reichsche Umformung des Begriffs „Klassenbewußtsein“ in „Fachbewußtsein“!

Letztendlich ist die Orgasmusfunktion Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Dies bedeutet natürlich nicht, daß unser ganzes Leben nur von „Sex“ bestimmt wird. Vielmehr pendelt Reichs Die Funktion des Orgasmus zufolge „die biologische Energie zwischen Arbeit und Liebesbetätigung hin und her. (…) Das Interesse ist jeweils eindeutig und konzentriert (…).“

Ohne ein Verständnis der Funktion des Orgasmus ist es unmöglich überhaupt irgendeine vernünftige Wirtschaftstheorie aufzustellen. Dementsprechend erinnern die politökonomischen Anregungen der Marxisten so verblüffend an die verantwortungslosen Vorschläge der Sexualwissenschaftler, die uns von der „Tyrannei der Genitalität“ befreien wollen. Für den marxistischen Sexualwissenschaftler Prof. Volkmar Sigusch ist z.B. die Liebe wörtlich:

eine Orgie gemeinster Quälereien. Sie ist voll raffinierter Erniedrigung, wilder Entmächtigung, bitterer Enttäuschung, boshafter Rache und gehässiger Aggression. Sie ist gierig, klebrig, verschlingend, maßlos, kurzatmig, empfindlich, heuchlerisch, unstillbar.

Dazu kämen „Gefühle der Not“ wie „Haß, Angst, Wut, Schuld, Schwäche, Niederlage, Neid und eifernder Sucht“ (z.n. Spiegel 22/86). Aus der gleichen Energiequelle kommen die Tiraden gegen den Kapitalismus!

Den Grundcharakter der Liebe hat der Orgonom D.L. Levinson wie folgt orgonometrisch gefaßt (Journal of Orgonomy, May 1983):

Unsere Wirklichkeit sieht kaum so idyllisch aus, denn das Wirtschaftsleben wird von zwei Seiten bedroht, von der „Rechten“ und der „Linken“. Im krassen Gegensatz zu Marx ist ja für Reich „klar, daß das ökonomische Elend Ergebnis statt Ursache der politischen Pest ist“ (Brief an Neill vom 8. Juli 1953). Curtis Barnes hat diesen Sachverhalt wie folgt angeschnitten:

Der konservative soziopolitische Pest-Charakter hat einen besonderen modus operandi in Bezug auf einen freiwilligen Austausch. Seine Rigidität, Brutalität und sein Mystizismus führen ihn zu der Auffassung des normalen Gebens und Nehmens des Tauschprozesses als Zeichen von Schwäche. („Toward a Functional View of Economics“, Journal of Orgonomy, May 1979)

Der funktionelle Gegensatz zu diesem Verhalten bildet der modern liberal character, der den Wettstreit und die natürliche Aggression auf dem freien Markt nicht ertragen kann, der sich nach der Stille des Todes, des DORs, des Kommunismus sehnt. Elsworth F. Baker schreibt über ihn:

Er will Vorrechte als ein Recht und nicht als etwas, das man sich im Wettstreit verdienen muß. (Der Mensch in der Falle

Diese Haltungen führen zu zwei wirklich ausbeuterischen Wirtschaftssystemen:

Und warum stellt sich dann die Orgonomie auf die Seite des heutigen Kapitalismus, wo doch beide Seiten nicht die Arbeitsdemokratie sich entfalten lassen? Weil das Wirtschaftssystem des Westens der Arbeitsdemokratie noch am nächsten kommt, genauso wie der konservative Charakter, so widerlich er auch im Einzelnen sein mag, von allen soziopolitischen Charaktertypen der Gesundheit noch am nächsten kommt. Er wechselt weniger rasch als der liberale Charakter zu extremen Positionen, zur Emotionellen Pest über. Entsprechend ist Friedrich August von Hayek zufolge der Kapitalismus das System, „in dem schlechte Menschen am wenigsten Schaden anrichten können“. Das entspricht völlig Reichs Aussage, sozialistische (sozialdemokratische) Regierungen würden für Politik und Emotionelle Pest weit stärker stehen, „als alles was wir bisher kannten“ (Brief an Neill vom 31. Jan. 1949).

Wer jetzt immer noch nicht begriffen hat, daß der Marxismus eine „dead cat“ ist, wie Reich am 24. Juli 1952 an Neill schrieb, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Und damit dieser tote Mist nicht „Ärgernis für ein paar kommende Jahrhunderte“ verursachen kann, muß er unbarmherzig vernichtet werden. Wie Reich in Charakteranalyse schrieb:

Wir (…) haben nie verhüllt, daß wir nicht an eine Befriedigung des menschlichen Seins glauben können, solange (…) [wir uns] nicht der universellen Pest bemächtigen und sie ebenso erbarmungslos bekämpfen, wie man Pestratten bekämpft.

Die Marxsche Arbeitswertlehre als Emotionelle Pest (Teil 3)

4. Januar 2011

Aus diesen Erläuterungen läßt sich erschließen, daß der Antikapitalismus der Marxisten, Nationalsozialisten, Katholiken, Anthroposophen, Globalisierungsgegner, etc. eine direkte Entsprechung ihrer „Antisexualität“ ist. Antikapitalismus, wie immer er auch rational begründet wird, hat stets einen antisexuellen Kern – ist im eigentlichen Sinne reaktionär. Antikapitalismus ist gegen das Leben selbst gerichtet. In welcher Gestalt er auch immer sein Haupt erhebt: er ist nichts weiter als Emotionelle Pest. Zwar wäre es irreführend, Kapitalismus und Arbeitsdemokratie gleichzusetzen, aber ein Großteil jener, die antikapitalistische Argumente vorbringen, verfolgen damit alles andere als „emanzipatorische“ Ziele. Was sie wirklich am Kapitalismus abstößt, ist die Apotheose des Lebens, die er verkörpert – aktuell die angebliche „Dekadenz“ der „neoliberal entfesselten Gesellschaft“ (!), die enge Seelen in die gleiche giftgrüne (und fast durchweg antisemitische) Raserei treibt, wie einst Fourier, Proudhon, Bakunin, Marx, Hitler und Konsorten.

„Aber es gibt doch unverzeihliche Auswüchse!“ Ja, die gibt es aber auch im Bereich der Sexualität. Die Lösung kann nicht in immer weiteren Einschränkungen und Regularien stehen, in mehr „Abpanzerung“, sondern darin die Ursache des Chaos zu beseitigen, d.h. die Panzerung selbst.

Ohne ein Verständnis der Funktion des Orgasmus ist es unmöglich überhaupt irgendeine vernünftige Wirtschaftstheorie aufzustellen. Dementsprechend erinnern die politökonomischen Anregungen der Marxisten so verblüffend an die verantwortungslosen Vorschläge der Sexualwissenschaftler, die uns von der „Tyrannei der Genitalität“ befreien wollen. Nicht von ungefähr spricht etwa Trotzki davon „mit Hilfe der sozialistischen Organisation die blinde elementare Spontaneität aus den ökonomischen Verhältnissen ausmerzen“ zu wollen (Joel Carmichael: Trotzki, Frankfurt 1973, S. 256). In der gleichen Stelle fordert Trotzki „aufklärerisch“ und an Freud gemahnend die „rationale“ Beherrschung der Triebe und sogar, trotzky-typisch spintisierend, die bisher autonomen Körperfunktionen unter bewußte Kontrolle zu bringen. Sozialismus als alle Bereiche des Lebens bestimmende „Yoga-Kultur“ (vgl. Reichs Äther, Gott und Teufel).

Bronislaw Malinowski, auf den sich Reich immer wieder berufen hat, leitete aus seiner Untersuchung der Trobriander den Wert, wie in Funktionelle Ökonomie (Teil 1) erwähnt, aus dem emotionalen Wesen des Menschen ab. Am Anfang der Wirtschaft stand also der „Fetischcharakter der Waren“ nicht ihr angeblicher „wahrer“ Wert! Man nehme etwa einen typischen Gebrauchsgegenstand, wie etwa einen Suppenlöffel. In unserer maschinellen Zivilisation ist er (mal von vernachlässigbaren Ausnahmen abgesehen, die meine Argumentation aber ohnehin eher noch unterstützen) ganz auf seine nackte Funktion reduziert, während bei den „Primitiven“ jeder Gegenstand von Ornamenten und Ausschmückungen übersät ist, die seine Funktion nur behindern können. Nur so ist auch der „Wert“ der Gegenstände zu verstehen: sie wurden rein „subjektivistisch“ bewertet, etwa so wie heute ein Kunstsachverständiger Gegenstände betrachtet.

Wie die Ethnographen immer wieder festgestellt haben, scheint der Hauptlebensinhalt primitiver Gesellschaften der ständige, wirtschaftlich vollkommen sinnlose, Austausch von Geschenken zu sein. Aus Berichten über die Trobriander und andere Naturvölker läßt sich schließen, daß für sie Reichtum und der mit ihm verbundene soziale Status sehr wichtig ist. Man schaue nur, wieviel Wert Naturvölker auf Kleidung, Schmuck und schöne Körperformen legen. Für sie sind Sein und Schein ein und dasselbe. Sie sind ein einziger Hohn auf Erich Fromms zutiefst triebfeindliches, pfaffenhaftes und von Marx inspiriertes „Haben oder Sein“!

Malinowski hat gezeigt, daß die „Primitiven“ nicht etwa essen, um zu leben, sondern weil sie nach oraler Triebbefriedigung streben. Entsprechend war der Austausch lebensnotwendiger „Lebens-Mittel“ (von denen ein Großteil verfault, weil sie aus Prestigegründen zur Schau gestellt werden) ein zufälliges Abfallprodukt des Austausches von Luxusprodukten (Armreifen, Trophäen, magische Formeln und Zaubermittel, etc.) – genauso wie die Fortpflanzung ein zufälliges Nebenprodukt der Sexualität ist.

Bereits die grundlegende Dualität von Sexualität und Hunger, von der Freud (und mit seiner „Fetischismus-Theorie“ gewissermaßen auch Marx) ursprünglich ausging, um die Neurosen zu erklären, war ein triebfeindliches Konstrukt. So hat auch Reich, der doch angeblich das erste Triebkonzept der Psychoanalyse wiederbelebt haben soll, sich kaum je auf diese angeblich natürliche Dichotomie bezogen.

Für den Urmenschen hatte Ernährung kaum etwas mit bewußter Erhaltung zu tun, sondern war ursprünglich reine Triebbefriedigung. Malinowski schreibt, daß den Trobriandern

nur verschwommen gegenwärtig (ist), daß Essen Ernährungswert besitzt. Sie wissen zwar, daß das Nichtvorhandensein von „Grundnahrungsmitteln“ Hungersnot bedeutet, die sie zutiefst fürchten, aber die wichtigste Bedeutung des Essens liegt darin, daß es ein lebendiger Genuß ist – und der wird durch die Zutat von „Delikatessen“ erhöht und ausgedehnt. (Korallengärten und ihre Magie, Frankfurt 1981, S. 51)

Mit anderen Worten: Ernährung, ist wie jeder andere Luxus auch, ein Teilbereich der Sexualität, d.h. des Strebens nach Lust.

Von Anfang an wird dergestalt die Ökonomie nicht von „rationalen“ Überlegungen und rein quantitativ faßbaren Faktoren bestimmt, sondern von Gefühlen. Daß die Wirtschaft nicht primär auf Nützlichkeitserwägungen beruht, paßt natürlich weit besser zu Reichs „biologistischen“ Grundintentionen als der Pseudo-Rationalismus von Marx. Und tatsächlich gab es schon zu Marx’ Zeiten eine entsprechende quasi „orgonomische“ Alternative zur Arbeitswertlehre.

Zeitgleich mit dem Aufkommen des psychologischen Denkens entstand um das Jahr 1870 eine „subjektive Wertlehre“ (die es bezüglich von Luxusgütern natürlich ansatzweise auch bei Adam Smith und den anderen klassischen Nationalökonomen gab). Da es einfach nicht gelingen wollte, zu erklären, wie genau in den Gütern „geronnene“ Arbeitszeit es schafft, auf dem Markt die Preise zu bestimmen. Die Ökonomen gaben die scholastische Arbeitswertlehre auf – genau zu dem Zeitpunkt als Marx mit seiner von vornherein hoffnungslos überholten, altertümlichen Wirtschaftslehre an die Öffentlichkeit trat. Ohnehin ist jede konsequent objektivistische Wertlehre a priori widersinnig, da Waren, die niemand will, wertlos sind, egal wie viel Arbeitszeit in sie investiert wurde. Sinn kann die Arbeitswertlehre grundsätzlich nur in einer sozialistischen Planwirtschaft machen – auf diese fatale Logik habe ich bereits angespielt.

Wie Marx mit dem offensichtlichen Unsinn „seiner“ auf die absurde Spitze getriebene Arbeitswertlehre fertiggeworden ist, macht m.E. das aus, was man heute „Marxismus“ nennt. Die von Marx sehr schwammig dargestellte sozialistische Utopie (merkwürdigerweise sind die Marxisten auf diesen Mangel an Konkretheit auch noch stolz) ist einfach eine auf maschinenhaften Niveau reorganisierte Gesellschaft, die der kruden Primitivität von Marx’ Arbeitswertlehre entspricht. Die offensichtliche Widerlegung von Marx’ Theorie durch die kapitalistische Wirklichkeit – wird zu einer Bestätigung der Marxschen Theorie und gleichzeitig zum zwingenden Motiv, die kapitalistische Gesellschaft in eine sozialistische umzuwandeln. Ein perfektes ideologisches Wahnsystem. Vielleicht das perfekteste, das je entwickelt wurde!

Der Realsozialismus, dessen Wirtschaftssystem Reich zufolge in „scharfem Gegensatz“ zur Weltsicht seiner geistigen Vätern „durch und durch mechanistisch“ ist (Christusmord, Freiburg 1978, S. 349), hat im Rahmen des Möglichen nur getreulich das nachvollzogen, was Marx’ gefordert hatte. Und im übrigen sahen bereits Marx’ Zeitgenossen bis ins Detail das voraus, was dann tatsächlich kommen sollte.

Proudhon meinte damals, der Kommunismus ließe sich

nie mit der Würde des Einzelnen und mit den Werten des Familienlebens vereinbaren; er strebe die Universalisierung des Elends an und die Unterdrückung des menschlichen Lebens in einem kasernenhaften Mittelmaß. Seine Befürworter hält er für Fanatiker der Macht, die zur Einführung der Allgewalt des Staates streben, der auf dem öffentlichen Eigentum basiert. In Wirklichkeit hebt der Kommunismus das Eigentum und dessen destruktive Folgen nicht nur nicht auf, sondern führt das Eigentum ad absurdum; im kommunistischen System besitzen die Individuen kein Eigentum, das gesamte Eigentumsrecht – oder vielmehr Unrecht – wird auf den Staat übertragen, der nicht nur zum Besitzer der materiellen Güter, sondern auch zum Besitzer seiner Bürger wird. Die einzelnen Menschen, ihre Bestrebungen, Talente, ihr Leben, das alles wird auf einen Schlag verstaatlicht. Das Prinzip des Monopols, welche Quelle allen sozialen Unheils ist, erfährt im Kommunismus seine höchste Steigerung; der Kommunismus ist nichts anderes als die Ankündigung des extremen Polizeidespotismus. (Leszek Kolakowski: Die Hauptströmungen des Marxismus (Bd. 1), München 1977, S. 237f)

Stalins Zwangsarbeitslager waren eben nicht nur eine „Kleine Mann-Entstellung“ von Marx’ „menschliche Arbeitskraft schafft Mehrwert“ (vgl. Christusmord, S. 322), sondern dessen zwangsläufige, in der Sache selbst angelegte Folge!

S21-Dialektik

12. Oktober 2010

Die Hegelsche Methode sollte sich dem 20. Jahrhundert, und damit auch Reich, durch den Marxismus vermitteln, denn

die Bemerkung von Engels entspricht der Wahrheit, daß er und Marx fast die einzigen gewesen seien, die an der von Hegel entdeckten Methode der Wissenschaft festgehalten haben in einer Periode, die sich ganz von Hegel entfernt hatte. (Dieter Henrich: Hegel im Kontext, Frankfurt 1981)

Im Verlauf dieser Übertragung wurde Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt, wobei die Frage ist, ob Hegels dialektische Methode eine solche Umkehrung überhaupt erlaubt und übersteht (ebd., S. 205).

Jedenfalls ist die dialektische Methode im Kommunismus zu einem rein machiavellistischen Rechtfertigungsinstrument entartet. Jedes Verbrechen, jede noch so niederträchtige Gemeinheit, jede Lüge, jedes noch so widersinnige Dogma der Kommunisten wurde „wissenschaftlich“ ins Gegenteil umgedeutet. Noch heute sieht man dies anhand der Hirnakrobatik der Political Correctness. Beispielsweise ist das verkehrstechnisch unausweichliche S21 in Stuttgart des Teufels, während die verkehrstechnisch unsinnige und für den Finanzhaushalt des Stadtstaates verheerende Stadtbahn in Hamburg, die von den Grün-Alternaiven durchgesetzt wurde, „progressiv“ ist.

Im Gegensatz zum Orgonomischen Funktionalismus ist die Dialektik der Verneinung des Lebens primär gegen etwas gerichtet. Hier schneidet sich die Ebene der Emotionellen Pest mit der liberalen Charakterdeformation (Rebellion gegen statt Wettstreit mit dem Vater – vgl. Elsworth F. Bakers Der Mensch in der Falle). So sieht Marx als Kern der menschlichen Entfremdung (bei ihm identisch mit der Arbeitsteilung) den Erwerbstrieb, der bei ihm in mythologischer Wahnform als „Kapital“ die Menschen aussaugt oder entmenschlicht, so wie sich Hegels Ich die Welt aneignet und sie entleert. Damit hat aber Marx, fußend auf tiefen mit dem „jüdischen“ Kapitalismus verbundenen Sexualängsten (ursprünglich nannte Marx das, was er später als „Kapitalismus“ bezeichnete, „Judentum“!), nichts als das initiiert, was aufzuheben er vorgab: die menschliche Entfremdung, indem er eine orgonotische Grundfunktion, die untrennbar mit unserer Sexualität verbunden ist und die von der Werbung entsprechend pestilent ausgebeutet wird, mit dem Bann des metaphysisch Bösen belegte. Darüberhinaus hat er seinen Fluch untrennbar mit der Arbeitsteilung verbunden, der Grundlage der Arbeitsdemokratie.

Aber nicht nur über den Umweg Marx wurde das Denken Gottes in das des Teufels pervertiert. Genau dasselbe kann man auch im „christlichen“ Katholizismus beobachten. Überhaupt gibt es, wie Reich in Christusmord beständig konstatiert, viele Gemeinsamkeiten zwischen Katholizismus und dem Kommunismus der guten alten Zeit: Funktionärswesen; das Verhältnis zwischen „Heiliger Schrift“, „Tradition“, „Orthodoxie“ und „Lehramt“; der Umgang mit Ketzerei; der ganze „amoralische Moralismus“. Und diese Gemeinsamkeiten erstrecken sich eben auch auf Denkstrukturen, z.B. bei den sprichwörtlichen dialektischen Verdrehungskünsten der Jesuiten. „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit!“ – ein solcher Satz, der ein Wort „logisch“ in sein genaues Gegenteil verkehrt, paßt sowohl zum Katholiken wie zum Marxisten.

Wie sehr das katholische Denken dialektisch geprägt ist, sieht man auch an der verdrehten Logik von Begriffen wie „jungfräuliche Mutter“, ganz zu schweigen von der ganzen Problematik der „Dreieinigkeit“ oder gar der Theodizee.

Ich erwähne das auch, weil eines Tages durchaus auch aus dem Orgonomischen Funktionalismus eine solche Kunst des Verdrehens erwachsen könnte. Wie man sich dagegen wehren kann? Ganz einfach: indem man eine Sache konsequent zuendedenkt – indem man sozusagen „ungepanzert“ denkt. Man nehme etwa das folgende Beispiel:

Der Marxismus rechtfertigt sich aus dem schlagenden Argument, die bürgerliche Demokratie wäre ja schön und gut, aber ihre Freiheit bedeute vor allem die Freiheit der Unternehmer die Arbeiter auszubeuten. Noch heute gewinnen die Kommunisten mit dieser Argumentation ihre Anhänger. Tatsächlich ist es eine denkbar diabolische Denkfigur: im Namen der Freiheit (d.h. der Befreiung der Arbeiter) wird die vollkommene Unfreiheit durchgesetzt.

In einer tieferen Schicht des Marxistischen Gedankensystems, d.h. beim frühen Marx, heißt es, der Mensch werde erst er selbst, wenn er seine Individualität aufgibt und ganz im „Gattungswesen“ Mensch aufgeht.

Nach Klaus Hornung führt die konsequente Entfaltung der Marxschen Prämissen, also Aufhebung der Trennung von Gesellschaft und Staat und Aufhebung der Gewaltenteilung (man denke aktuell an den „basisdemokratischen“ Aufstand gegen S21), mit der „Emanzipation als Aufgehen im Gattungsleben“ natürlich nicht zur Aufhebung der Herrschaft, sondern zur Tyrannei der Partei.

Marxens Anthropologie und Gesellschaftstheorie steht jedem Herrschaftswillen offen (…) und der Verdacht ist nicht unbegründet, daß sie letztlich schon Marx [der ernsthaft jeden Augenblick mit der Revolution rechnete] selbst als solche Legitimation dienen sollte. (Der faszinierende Irrtum, Freiburg 1978)

So bedeutet auch das heutige Geschwätz über „Basisdemokratie“ oder gar „Zivilgesellschaft“ (sic!) nichts als die Majorisierung von uns neurotischen Schafen durch ein paar pestilente Wölfe. Deshalb auch ihr Faszinosum „multikulturelle Gesellschaft“: die Nation soll verschwinden und dem „Gattungswesen“ platz machen.

Der Dreitakt

  1. Position: Urgesellschaft –
  2. Negation: Klassengesellschaft –
  3. Negation der Negation: Kommunismus,

läuft auf nichts anderes hinaus, als daß, wie Marx unvorsichtigerweise am Anfang seiner Laufbahn schrieb (er hat es nie veröffentlicht und später fast nichts mehr zum Kommunismus gesagt), zu Beginn der dritten Stufe der Mensch selber negiert wird, der Terror regiert (wie Milovan Djilas und andere sagen: Stalin ist nicht von Marx zu trennen), alles wird Gemeineigentum, aber besonders der Mensch (so ist auch die „Sexuelle Revolution“ am Anfang der SU zu verstehen!), die Ausbeutung ist total – und aus dieser Hölle wächst dann, nach Sankt Karl, irgendwie das herrschafts- und eigentumslose Paradies!

Marx war zu sehr Hegelianer, um nicht zu wissen, daß die totale Herrschaftslosigkeit identisch mit der totalen Unterdrückung ist. Modju fußte vollkommen auf dem Schreibtischtäter, als er seine SU als freiestes Land der Erde bezeichnete.

Marx, Freud, Reich (Teil 2)

20. März 2010

1951 schrieb Reich, daß die Kommunisten seit 1928 nicht aufgehört hätten, seine Ansichten zu bekämpfen, „offenbar in der Furcht vor der Konkurrenz zwischen dem Marxschen Ökonomismus und der Psychologie“ (Menschen im Staat, Frankfurt 1995, S. 114). Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist, wie das Amerikanische original „Marx’s economism“ in der deutschen Ausgabe von 1982 übersetzt wurde: „Wirtschaftstheorie von Marx“ (Menschen im Staat, Frankfurt 1982, S. 92).

Bereits 1930 mußte Reich in der Sexpol-Bewegung klarstellen,

daß die sexuelle Unterdrückung tiefer lag als die ökonomische Unterdrückung. Die Marxisten konnten das nicht ertragen. Die Marxisten akzeptierten mich, solange ich die Orgasmustheorie als zweitrangig hinter die ökonomischen und sozialen Faktoren plazierte. (Sharaf: „Further Remarks of Reich: Summer and Autumn, 1948”, Journal of Orgonomy, May 1971)

Man vergleiche dies mit der folgenden Aussage des Marxistischen „Reichianers“ und Wirtschaftsprofessors Bernd Senf aus dem Jahre 1982:

Die herrschende Ideologie ist so tief in den Strukturen unseres Denkens verankert, daß sie sich nicht von selbst auflöst, wenn die emotionale Struktur in Bewegung kommt. Auch eine (in bezug auf die Lockerung emotionaler Blockierung) wirksame Therapie befreit uns nicht von der Verbindung, die wir aufgrund der herrschenden Ideologie in unseren Köpfen haben und die uns mehr oder weniger blind machen gegenüber den tieferen Wurzeln der gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen. (Emotion 5, S. 114)

Wie eine entsprechende Auseinandersetzung mit dem Marxismus aussieht, läßt sich aus Reichs Vorwort zur revidierten Neuauflage von Massenpsychologie des Faschismus ableiten. Dort präsentiert Reich sein Modell von der Dreischichtung der menschlichen Charakterstruktur. Demnach wäre der Marxismus ohne jeden Zweifel der oberflächlichen Soziale Fassade zuzurechnen, ist doch für ihn, gemäß der 6. These über Feuerbach, der Mensch nur ein „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. Nicht von ungefähr warfen die Marxisten Reich stets „Biologismus“ und „kleinbürgerlichen Individualismus“ vor.

Was für Marx rational war (der durch unterschiedliche ökonomische Interessen bestimmte Klassenkampf), wurde für Reich zum Inbegriff der Irrationalität, während das, was für Marx irrational war (die Postulierung gemeinsamer Interessen zwischen den Klassen), für Reich die Essenz seiner Bio-Soziologie wurde: die alle Klassen übergreifende natürliche Arbeitsdemokratie.

Während Marx im oberflächlichen Sozialen haften blieb, drang Freud zwar in den Bereich der biologischen Antriebe des menschlichen Verhaltens vor, blieb dabei aber in der von den irrationalen, „sekundären“ Trieben entstellten Mittleren Schicht der Charakterstruktur stecken. Daß Psychoanalyse und Marxismus mit der Orgonomie inkompatibel sind, sieht man daran, wie Freud und Marx die gesellschaftlichen Probleme lösen wollten. Freud ging es um die Bewußtmachung des Verdrängten, um so das böse Tier im Menschen der gesellschaftlichen Kontrolle zu unterwerfen. Entsprechend ging es Marx darum, den Menschen zum emanzipierten Herrscher über die Natur zu machen, indem er die „Anarchie“ der kapitalistischen Wirtschaftsweise meistert.

Hatten die Marxisten aber schon Probleme mit ihrem Geistesbruder Freud, der doch immerhin lehrte, der Mensch müsse in die Natur eingreifen, konnten sie rein gar nichts mit der nun vollkommen dem menschlichen Zugriff entzogenen ahistorischen, naturgeschichtlichen Determiniertheit des Reichschen Modells anfangen: sie hassen den bioenergetischen Kern, das Tier im Menschen.

Diesen Haß auf die Biologie verdeutlicht die „kritische Marxistin“ Ira H. Cohen bei ihrem Versuch eine m.E. korrekte Verbindung von Marx und Freud herzustellen. Demnach kann nicht die Frage sein, ob eine Harmonie zwischen den biologischen Trieben und dem sozialen Sein herzustellen ist, wie Reich es anstrebte,

sondern ob die spezifische Modifikation, die das Realitätsprinzip verlangt, Selbstregulation oder moralistische Unterdrückung fördert. Mit anderen Worten ist das Problem nicht eine spezifische Konzeption der „menschlichen Natur“, sondern eine spezifische Art der sozialen Konditionierung. Freud bestand darauf, daß die Modifikation der Primärprozesse eine soziale Notwendigkeit war. Seine Vorstellung von den Primärprozessen entspricht tatsächlich Marx’ Vorstellung der menschlichen Natur als einer Verkörperung der Geschichte und Struktur der sozialen Beziehungen, in deren Rahmen sie sich ausdrückt.

Die Frage nach der Art der notwendigen sozialen Konditionierung werde nun durch „Reichs Libidotheorie“, also der Orgasmustheorie, verschleiert. Cohen weiter:

An die Stelle einer von der Geschichte bestimmten Charakterstruktur stellt Reich eine von Natur aus sich selbst regulierende Libido. Selbstregulierung wird nicht als ein menschliches Potential begriffen, das sich durch die Prozesse der individuellen und sozialen Entwicklung realisiert, sondern vielmehr als ein Naturgesetz des Lustprinzips, das in natürlicheren, prähistorischen Gesellschaften bis zum Auftauchen der Klassenbeziehungen verwirklicht wurde.

Die Selbstregulierung sei also nicht mehr der auf die Psyche einwirkenden sozialen Entwicklung unterworfen, sondern wohne „den naturgemäß und automatisch nach Entladung strebenden Instinkten selbst inne“ (Ideology and Unconsciousness, New York 1982, S. 180f)

Sexualökonomie und Marxismus sind absolut unvereinbar, bzw. nur vereinbar, wenn man Reich buchstäblich seines „Kerns“ beraubt.

Für Reich war die Biologie, waren die individuellen „Triebe“, das umfassendere Funktionsprinzip, das Soziale und Ökonomische nur oberflächlicher Überbau. Oder wie Reich es 1953 ausdrückte:

Die soziale Existenz des Lebewesens Mensch ist bioenergetisch betrachtet an sich nur ein kleiner Gipfel auf dem gigantischen Berg seines biologischen Daseins. (Ausgewählte Schriften, S. 24)

Zu dieser Zeit beklagte Reich denn auch in Menschen im Staat Marx’ „Unverständnis für die biologische Verwurzelung des Menschen, für seine Triebbestimmtheit“. Marx’ Theorien hielt er durchweg für „weit überholt durch die Entdeckung der kosmischen Lebensenergie“. Er machte nur eine einzige Ausnahme, die sogenannte „Arbeitswertlehre“.


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