Mit ‘Marx’ getaggte Artikel

Freud, Marx und die Spaltung der Orgonomie

18. April 2013

Reich ist es nicht immer leichtgefallen eindeutig zu sein. Er neigte zu unbefriedigenden Kompromissen. Das fängt schon mit der Edition seiner europäischen Bücher an, die er in Amerika neu herausgab. Einerseits stand er zu seinen psychoanalytischen und Marxistischen Einsichten und wollte seine intellektuelle Entwicklung wirklichkeitsgetreu dokumentiert wissen, andererseits schrieb er seine alten Schriften so um, daß es seinen neusten Erkenntnissen und Haltungen entsprach. Resultat sind merkwürdige Hybride, die man „so oder so“ lesen kann.

Reich läßt sich so interpretieren, daß die psychoanalytische Begrifflichkeit (libidinöse Entwicklungsstufen, psychische Struktur, der Ödipuskomplex, die Rolle der Übertragung, etc.) noch immer aktuelle Bedeutung haben, oder so, daß sie allenfalls von geschichtlichem Interesse sind. Darauf basiert beispielsweise der Streit zwischen den beiden vielleicht wichtigsten medizinischen Orgonomen zu Reichs Zeit: Elsworth F. Baker (Man in the Trap) und Chester M. Raphael (Wilhelm Reich: Misconstrued-Misesteemed).

Ähnlich ist es mit dem Einfluß von Marx auf Reich bestellt: manche ernsthafte Wissenschaftler können es angesichts von Reichs Schriften schlichtweg nicht nachvollziehen, wie die überwiegende Mehrzahl der Orgonomen es fertigbringt, nicht nur Marx links liegen zu lassen, sondern auch jede Marxistische Analyse als „pestilent“ anzugreifen.

Diese teilweise geradezu tragikomischen Diskrepanzen sind damit erklärbar, daß Reich unterschiedlichen Menschen je nach gegebener Situation unterschiedliche Signale vermittelte. (Ich habe mich mit dieser Problematik bereits an anderer Stelle beschäftigt.) Beispielsweise war Baker einer der wenigen Orgonomen, wenn ich es richtig überblicke abgesehen von Ola Raknes sogar der einzige Orgonom, mit einer abgeschlossenen psychoanalytischen Ausbildung. Auch war er von Reich dafür ausersehen, dessen frühe psychoanalytische Beiträge in Amerika neu herauszugeben. Entsprechend wird Reich Baker ein ganz anders gefärbtes Bild der Orgontherapie vermittelt haben als etwa dem nur oberflächlich in Psychoanalyse ausgebildeten Raphael.

Ähnlich ist die Sache mit Marx bestellt: Baker war, neben Michael Silvert, zu Reichs Zeiten der einzige Orgonom, der politisch rechts stand, alle anderen waren linksliberal. Es liegen Briefe von Reich an Baker vor, in denen er besorgt nachfragt, ob angesichts von Veröffentlichungen wie People in Trouble ihr Verhältnis gefährdet sei. Immer wieder bekundete Reich gegenüber Baker, aber auch gegenüber übereifrigen Linken unter seinen Anhängern, daß Marx für die heutige Zeit jede Bedeutung verloren habe. Geradezu gegensätzlich äußerte er sich gegenüber Victor Sobey, dem einzigen Orgonomen, der aus der Arbeiterklasse hervorgegangen war. Noch 1957 sagte er Sobey, daß er, Reich, noch immer ein „Marxist“ sei. Eine Erklärung, die angesichts von People in Trouble glaubwürdig ist, auch wenn die Schüler Bakers sagen, daß Reich sich niemals derartig geäußert haben könne.

Wie mit all dem umgehen? So wie Reich damit umgegangen ist! Es hängt immer von den Zusammenhängen ab! Heute werden Psychologen und Psychiater kaum bis gar nicht mehr in Psychoanalyse ausgebildet. Man begegnet Psychiatern, selbst Diplompsychologen, die selbst an psychoanalytischen Grundbegriffen scheitern! Entsprechend ist der Bezug auf eine psychoanalytische Begrifflichkeit heutzutage geradezu ein revolutionärer Akt. Hinzu kommt, daß die Psychoanalyse die praktische Arbeit ungemein erleichtert: wenn etwa die klassische charakteranalytische und biophysische Vorgehensweise im Sande verläuft, kann man beispielsweise mit dem Gegensatz von Über-Ich und Ichideal arbeiten, wie Reich es bereits 1925 in Der triebhafte Charakter beschrieben hat (siehe dazu die Ausführungen von Robert A. Harman: „Clinical Applications of Reich’s Work with Impulsive Characters: The Ego, Ego-Ideal, Superego and the Id”, Journal of Orgonomy, 46,1, Spring/Summer 2012).

Was hingegen Marx betrifft, hat seine Begrifflichkeit heutzutage eine Hegemoniestellung, die es praktisch unmöglich macht öffentlich bio-soziologisch zu argumentieren, d.h. von der bio-physischen Struktur des Menschen her:

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Wie Wilhelm Reich benutzt wird, um die Orgonomie zu zerstören

15. März 2013

Kaum hat man irgendeinen fruchtbaren Gedanken, etwa daß Frauen in die Familie gehören, um die Kinder großzuziehen, daß Kinder eine väterliche Autorität benötigen und daß es für Kinder nichts schlimmeres gibt, als schutzlos dem Gruppendruck von seiten anderer Kinder ausgesetzt zu sein, – kommt der nächste Reichianer und haut dir eines von Reichs Werken, etwa Die sexuelle Revolution, um die Ohren. Kaum denkt man über die Ökonomie nach, wird einem Reichs Haltung zu Marx unter die Nase gehalten. Und so in vielen weiteren Bereichen.

Es ist absurd sich auf diese Weise auf Reich zu berufen. Was wäre, wenn Reich 1932 gestorben wäre? Wären „Reichianer“ noch heute fanatische Kommunisten? Hätte Reich das ORANUR-Experiment nicht durchgeführt, würden sie heute noch vertreten, daß Orgonenergie-Akkumulatoren in den radiologischen Abteilungen von Krankenhäusern neben anderen Geräten zur physikalischen Therapie stehen sollten? Man kann Figuren wie Giordano Bruno und selbst Christus ganz anders sehen als Reich es getan hat. Erdreistet sich noch jemand, Lenin so zu zeichnen, wie es Reich getan hat? (Lenin war der einzige Revolutionär, der im Detail beschrieben hat, wie man etwa zaristische Polizeioffiziere ermorden kann.)

Reich ist seit über einem halben Jahrhundert tot und seine Ansichten sind nur noch von historischem Interesse. Das einzige was zählt, ist die Funktion des Orgasmus, die Entdeckung des Orgons und die Orgonometrie. Orgonomie ist nicht etwas, was auf den zeitlich spätesten jeweiligen Reich-Zitaten beruht und dann jederzeit durch eine nachträglich entdeckte noch spätere Aussage Reichs wieder infrage gestellt werden muß. Sie ist die selbständige Anwendung der Reichschen Methode. Aber jeder, der auf vollkommen korrekte Weise zu neuen Ergebnissen kommt, setzt sich der Gefahr aus, von „Reichianern“ zurechtgewiesen zu werden. Auf diese Weise wird jeder Fortschritt der orgonomischen Wissenschaft hintertrieben und die Orgonomie selbst sogar in ihrer Existenz gefährdet.

Es hat schon seinen Sinn, wenn heute medizinische Orgonomen ihre Patienten kaum noch berühren, jedenfalls drastisch weniger als sogenannte „Körpertherapeuten“. In diesem Zusammenhang auf Reich zu verweisen, dessen Therapie am Ende doch so vollkommen anders ausgesehen habe, ist vollkommen daneben, denn Reich behandelte nur ein bestimmtes Klientel, d.h. langwierige Fälle übergab er seinen Schülern, und es ging ihm primär um eine experimentelle Herangehensweise. Daß sich die Orgontherapie so entwickelt hat, wie sie sich entwickelt hat, läßt sich funktionell begründen. Hier die Orgonomie mit Rückverweis auf Reich „retten“ zu wollen, kann ihr nur schaden.

Dazu gehören auch Fragen der grundsätzlichen Strategie, etwa im Verhalten gegenüber Behörden. Reichs Umgang mit der FDA kann wohl kaum als Muster einer vernünftigen Vorgehensweise gelten! Sollten die Orgonomen in Amerika so manchem halbinformierten Dogmatiker folgen, etwa was den Orgonenergie-Akkumulator, den Cloudbuster und selbst das Berühren von Patienten betrifft, könnte das sehr schnell im Verschwinden der organisierten Orgonomie auf dem nordamerikanischen Kontinent münden. Die Orgonomie muß juristisch unangreifbar sein. Alles andere ist eine offene Einladung an die Emotionelle Pest!

Es stimmt, daß Reich am Ende die Orgonenergie in den Mittelpunkt stellen wollte, doch eine vernünftige Forschung, die dem skeptischen Blick insbesondere der Physiker widerstehen könnte, würde Unsummen verschlingen, mal abgesehen vom ungeheuren Zeitaufwand und der notwendigen Expertise. Das geht alles nicht ohne ein angemessenes gesellschaftliches Umfeld, das aktiv im Rahmen der sozialen Orgonomie geschaffen werden muß. Jede Orgonforschung verpufft in der sich immer mehr okular abpanzernden antiautoritären Gesellschaft, wenn sie nicht sogar den grassierenden Mystizismus unterfüttern würde („Feinstoffliches“). Nichts gegen Orgonphysik, aber zu behaupten, daß die orgonomische Soziologie zu sehr im Mittelpunkt stehe…

Man kann sogar mit dem Begriff „Kontakt“ die Kontaktlosigkeit vertreten:

Leidet jeder der Wilhelm Reich kritisiert an der Emotionellen Pest?

13. Februar 2013

Alle werden jetzt ein vehementes „Nein!“ oder zumindest eine Wiederholung von Reichs Ausführungen über „immanente Kritik“ erwarten. Hier soll es jedoch darum gehen, daß diese Frage selbst pestilent ist. Jeder Physiker würde sich dagegen verwahren, daß die von Newton entdeckten Gesetze der Mechanik von einem „Geisteswissenschaftler“ etwa aus moralischen oder ästhetischen Gründen kritisiert werden, wie es beispielsweise Goethe tat. Reich hat eine Entdeckung gemacht, die Funktion der orgastischen Plasmazuckung, die ihm praktisch universell Ablehnung und Verachtung eingebracht hat, obwohl ihre Wahrheit faktisch selbstevident ist.

Der Hinweis, daß Reich charakterliche Züge aufwies, die weniger angenehm waren. Beispielsweise, daß hier und da der beinharte Weltkriegsoffizier durchbrach oder die Doppelmoral und die übersteigerte Eifersucht, die fast alle Männer seiner Herkunft zu dieser Zeit kennzeichnete… Das hat nichts, aber auch rein gar nichts mit dem Wissenschaftler Wilhelm Reich zu tun! Dieses Psychologisieren und „Biographisieren“ ist eine bequeme Ausflucht, um das Wesentliche zu umgehen. Es geht um die „Kulturdiskussion“, wie sie im ersten Teil von Die sexuelle Revolution dokumentiert ist, nicht darum, wie in seiner Beziehung mit Freud Reichs Vaterkomplex zum tragen gekommen ist.

Es macht schlichtweg keinen Sinn darüber zu diskutieren, ob Kinder glücklich aufwachsen sollen oder nicht. Eins gibt das andere, es geht um Jugendliche, es geht um Erwachsene. Einem „Fanatismus“ oder „dünne Haut“ vorzuwerfen, nur weil man kompromißlos für das Lebendige eintritt, ist eine unglaubliche Unverschämtheit. Es ist die Emotionelle Pest!

Aber muß dann nicht zumindest eine inhaltliche Diskussion möglich sein, beispielsweise angesichts der neuen Erkenntnisse der Sexologie? Es ist erschreckend, welch merkwürdige Vorstellung manche Menschen sich von „Wissenschaft“ machen. Es geht nicht um Demokratie und Kompromißbildung, sondern um Fakten, um Wahrheit und Nichtwahrheit.

Man nehme etwa den Sammelband Der „Fall“ Wilhelm Reich, der sich kritisch mit Reich auseinandersetzt. Das gesamte Buch ist eine Unverschämtheit, d.h. es geht um die Person Reich und um die vollkommen irrelevanten persönlichen Meinungen irgendwelcher „Fachleute“. Es ist Emotionelle Pest und nichts außerdem.

Selbstverständlich hat Reich Fehler gemacht. Ach was! Aber man erzähle mir nicht, daß sich die „Kritiker“ für diese Fehler wirklich interessieren. Ihnen geht es schlicht darum, ganz im Gegenteil die Wahrheit in Diskredit zu bringen. Man kann etwa diskutieren, daß Reich jeweils Freud und Marx grundlegend mißverstanden oder etwa sich nicht ausreichend in die Physik eingearbeitet hat, aber darum geht es nicht wirklich. Den Kritikern geht es einzig und allein um die Entdeckung der Funktion der orgastischen Plasmazuckung – sie ist es, was sie stört. Deshalb versuchen sie Freuds Libidotheorie zu dekonstruieren, deshalb heben sie die Bedeutung des „Bewußtseins“ hervor, deshalb haben sie ein solch starkes Interesse an Reichs Privatleben, deshalb können sie das Orgon nur als mystische Kraft, aber nicht als reale Energie anerkennen.

Das „Kritik wird doch noch erlaubt sein!“ ist nur ein Ablenkungsmanöver. Darüber hinaus dient es dazu, Verwirrung zu stiften. Man soll in endlose Diskussionen verwickelt werden, die nur ein Ziel haben: immer weiter vom Wesentlichen wegzuführen. Außerdem ist es natürlich ein zynisches Spiel mit den persönlichen Unsicherheiten (d.h. sexuellen Schuldgefühlen!) und Zweifeln der „Anhänger“ Reichs.

Tatsächlich können all die „Kritiker“ Reich nicht ausstehen. Sie behaupten, dies sei so, weil er eine Atmosphäre der Grandeur um sich verbreite und behaupte, seine Entdeckungen seien welterschütternd. Ja, warum würde Reich sie wohl sonst veröffentlicht haben?! Manche halten den gängigen faden Käse für „Wissenschaft“, den einer vom anderen abschreibt.

Was die „Kritiker“ tatsächlich bis zur Weißglut treibt, ist, daß hier jemand für das Lebendige eintritt: offen, stolz und laut. Das war in der autoritären Gesellschaft, in dem jedem das Rückgrat gebrochen wurde, genauso ungeheuerlich, wie es heute ungeheuerlich ist, wenn jemand die Eier hat, sich den gängigen Sprachregelungen und dem Meinungsdiktat zu entziehen. Früher hat beispielsweise ein Schwuler, der den aufrechten Gang gelernt hatte, die Pest in Rage gebracht. Heute reicht es, „schamlos“ ein heterosexueller, nationalbewußter weißer Mann zu sein.

Die „Reich-Kritiker“ zeigen die Fratze des Kleinen Mannes in voller Ausprägung. Sie sagen: „Was nimmt sich dieser Kerl heraus! Wie kann er es wagen! Shocking!

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Wo bleibt Marx?

9. Februar 2013

In der neusten Ausgabe der Annals of the Insitute for Orgonomic Science stellt der australische Orgonforscher Dean Davidson eine berechtigte Frage: In den Veröffentlichungen des American College of Orgonomy sei, so Davidson in seinem Aufsatz „Foundations for a Functional Analysis of Economics“, ständig von einer „funktionellen Ökonomie“ die Rede, aber Marx wird von den Schülern Elsworth F. Bakers nie erwähnt. Wenn doch, dann allenfalls als Vertreter der mechano-mystischen Weltanschauung und als pestilenter Charakter. Wie kann das sein, wenn Reich in seinen Schriften bis zuletzt Marx‘ Werttheorie als die Grundlage jeder orgonomischen Überlegung zur Ökonomie hervorgehoben hat?!

Davidson führt aus, daß die besagten neueren Überlegungen zur Ökonomie, etwa über den „freien Austausch“ zwischen den Wirtschaftsteilnehmern, gut und richtig sein mögen, doch falle vollkommen unter den Tisch, daß dies nur unter vor-kapitalistischen (bzw. vor-patriarchalischen) Bedingungen im vollen Umfang gelten könne. Heute würden, so Davidson, die Wirtschaftsbeziehungen von jenen von den Menschen vollkommen unabhängigen Gesetzen bestimmt, die Marx entdeckt und auf die sich Reich immer wieder berufen habe: die Arbeitswertlehre und die Mehrwertlehre, der Unterschied zwischen Tauschwert und Gebrauchswert.

Klingt gut! Das Problem ist nur, daß eine oberflächliche Funktion (die von Marx angeblich entdeckten angeblichen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus) wichtiger sein soll als eine tiefere Funktion: der Charakter. Und selbst diese Formulierung ist fragwürdig, denn sie suggeriert, daß Marx in irgendeiner Weise praxisnäher („oberflächlicher“) sei. Doch aus dem charakterologischen Ansatz folgt unmittelbar eine gangbare Praxis, wie Reich in seiner Analyse des Scheiterns des Marxismus („Vulgärmarxismus“) in Die Massenpsychologie des Faschismus aufgezeigt hat, während aus der „polit-ökonomischen“ Analyse wirklich nur eins folgt: das gegenwärtige Wirtschaftssystem müsse zerstört werden. Die Marxsche Theorie ist jenseits der „Mobilisierung zur Revolution“ für die Praxis vollkommen folgenlos, denn kein Arbeiter benötigt irgendwelche wirren („dialektischen“) Theorien über den „Mehrwert“, um zu wissen, daß er ausgebeutet wird. Der Marxismus „beweist“ ihm nur eins, daß, egal welchen Lohn er in einer florierenden Wirtschaft auch immer bekommt, der Kapitalismus prinzipiell illegitim ist! Der Marxismus ist eine Lehre der Zerstörung und sonst nichts.

Und was soll diese ominöse Praxis des charakterologischen Ansatzes sein? Welch eine Frage! Es geht schlicht darum, die Arbeitsdemokratie zu verwirklichen, indem man sich beispielsweise dem allgegenwärtigen Drang zur Verantwortungslosigkeit entzieht. Wer behauptet, dieser angestrebte „freie Austausch“ müsse in einer kapitalistischen Gesellschaft Illusion bleiben, da diese von objektiven Gesetzmäßigkeiten bestimmt werde, die die Selbstverwirklichung der Individuen unmöglich mache, da alles dem unerbittlichen Diktat der Profitmaximierung unterworfen sei, sollte „den Laden dichtmachen“ und sich der KPD/ML oder so anschließen! Außerdem sollte er niemals eine Orgontherapie beginnen, denn in einer derartig kranken Welt, kann sich die Gesundheit eh nicht entfalten. Das gleiche gilt dann natürlich auch für Reichs Projekt „Kinder der Zukunft“.

Indem Marx die beiden Gegebenheiten „Wert“ und „Ausbeutung“ miteinander verbunden hat, hat er die Grundlagen der Arbeitsdemokratie zerstört, denn Wert ist mit unserer bioenergetischen Arbeitsfunktion verbunden, während es bei der Ausbeutung schlichtweg um eine Machtfrage geht („wieviel kriegt jeder vom Kuchen ab“). Werden diese beiden Sphären vermengt, kommt Moral dort ins Spiel, wo sie nicht hingehört: „Ich habe nicht nur für den Teil des Kuchens gearbeitet, den ich erhalte, sondern auch für den, den du ungerechterweise erhältst.“

In einer Welt, in der die beiden Gegebenheiten „Wert“ und „Ausbeutung“ getrennt werden, ist Raum für das Lebendige. Eine Welt, in der „Wert“ unlösbar mit „Ausbeutung“ verbunden ist, kann man nur noch zu zerstören trachten, um das Lebendige zu befreien. Das erklärt den ganzen religiösen Wahnwitz der Kommunisten, die 100 000 000 Menschen ermordet haben, um das Paradies auf Erden zu errichten. Es ist bezeichnend, daß sie dabei eine Welt geschaffen haben, in der nicht nur Menschenleben, sondern überhaupt nichts mehr einen „Wert“ hat.

Warum Reich nicht sehen konnte, daß zwischen Werttheorie und Rotem Faschismus ein Gleichheitszeichen gehört, ist biographisch zu erklären. Daß „Reichianer“ es nicht sehen können, ist nur charakterologisch erklärbar.

Und Marx selbst war nichts weiter als ein Haufen Scheiße:

Probleme der Arbeitsdemokratie in Rußland und China

22. Januar 2013

Für das alte China, das zentral durch die Lehren von Konfuzius geprägt war, war die Welt in ihrem Grundwesen „himmlische Ordnung“. Alles hatte, ganz ähnlich wie bei Aristoteles, seinen „natürlichen Platz“. Oben war oben und Unten war unten. Diese Ordnung konnte zwar gestört werden, blieb jedoch die naturgegebene und damit ewige Ordnung. Nach fast drei Jahrtausenden trat mit Mao die erste wirkliche Veränderung in China ein. Die Welt wurde nun in ihrem Grundwesen von Konflikten bestimmt gesehen. Insbesondere dem Konflikt zwischen Oben und Unten. Aus den Konflikten konnte sich Ordnung erst durch revolutionäre Umwälzungen ergeben, bei denen Oben und Unten ihre Positionen austauschten. Dieses Programm wurde während der Kulturrevolution brutal auf die Spitze geführt. Das Ergebnis wäre beinahe das Ende Chinas als Nation gewesen. (Man denke nur an das Schicksal des im Vergleich klitzekleinen Kambodschas unter den Maoisten!) Zum Glück dauerte die Kulturrevolution nur knapp eine halbe Generation und konnte deshalb nicht wirklich Fuß fassen.

Durch den Einfluß des Westens, insbesondere aber der neuen Heilslehre „Marxismus“, war es in China zu einer verhängnisvollen Umgestaltung gekommen. Sowohl die Zusammenarbeit als auch die Konkurrenz zwischen den Menschen wurde als Verrat am „Klassenkampf“ tabuisiert und durch die willkürlichen Vorgaben einer weltfremden „Elite“ ersetzt. Eine neue Panzerstruktur, die wie kein anderer Mao verkörperte, wurde zum Leitbild der Kultur. An die Stelle der stabilen sozusagen „erdigen“ Muskelpanzerung traten eine instabile „luftige“ Augenpanzerung und die mit ihr einhergehende Kontaktlosigkeit. China verlor die Orientierung und tapste wie ein zwar in Bewegung geratener, aber halluzinierender Riese dem Abgrund entgegen. Man denke nur an Maos „Großen Sprung“, das verrückteste, kontaktloseste Projekt der Menschheitsgeschichte!

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Ähnliches hatte sich zuvor in Rußland zugetragen. Lenin wurde zum Nachfolger Marxens („Marxismus-Leninismus“), indem er mit dem orthodoxen Marxismus brach und sich nicht um „materialistische“ Voraussetzungen kümmerte, sondern einzig und allein um seine eigenen fixen Ideen. Marx und Engels hatten Rußland wie die Pest gehaßt und in vieler Hinsicht sind die Bolschewiki mit ihrem denkbar „antimaterialistischen“ Voluntarismus Schüler des Marxschen Todfeindes Bakunin gewesen. Es gehört ein Höchstmaß an Kontaktlosigkeit dazu, eine „Marxistische“ Revolution ausgerechnet im rückständigsten Teil Europas, nach Marx und Engels dem Hort der Reaktion, auszurufen oder das ganze sogar im noch rückständigeren China zu versuchen. Ergebnis war ein unglaubliches Chaos, gefolgt von einem rigorosen Durchgreifen, das alle Grausamkeiten der Vergangenheit in den Schatten stellte, und 100 000 000 Tote.

Kaum weniger kontaktlos waren die Versuche des Voluntaristen Gorbatschow, den sich mühsam stabilisierenden Sauhaufen zu „reformieren“. Ihm blieb es vorbehalten, das zu zerstören, was die Kommunisten mit der „Neuen ökonomischen Politik“, der Zwangskollektivierung unter Stalin und der daran anschließenden „Volksdemokratie“ (an die Stelle der Todesdrohung trat ein allgegenwärtiges mafiöses System der Korruption) aus dem Chaos gemacht hatten, das sie von Lenin geerbt hatten. In dieser Hinsicht war Mao mit der Kulturrevolution sozusagen „sein eigener Gorbatschow“! Die „Reformen“ Maos und Gorbatschows dienten nur dem einen Ziel, die sich wieder „verkrustende“ Gesellschaft durchsichtiger zu machen und so die Kontrolle durch letztendlich eine Person an der Spitze zu ermöglichen. Alles entsprechend der obigen Illustration.

Die Frage ist, warum Rußland untergegangen ist (ohne seine Rohstoffe wäre Rußland heute ein einziges großes Armenhaus), China jedoch prosperiert.

Die Antwort ist einfach. Trotz allem blieb China unwandelbar, die Menschen blieben trotz der angeblichen „Kulturrevolution“ und dem zweifelhaften „modernen“ Charisma der kommunistischen Führer doch weitgehend muskulär gepanzert und konservativ. Zumal der Marxismus allein schon aus der Unmöglichkeit einer adäquaten Übersetzung den Chinesen imgrunde fremd blieb: „Revolution“ bedeutet für sie nicht mehr als „Dynastiewechsel“. Die Chinesen blieben vor allem individualistisch (was sich in China auf den Familienverband bezieht!), in der restlos atomisierten Gesellschaft Rußlands hingegen ist der Kollektivismus tief verankert, die Menschen sind passiv und warten darauf, daß ihnen gesagt wird, was sie tun sollen. Den Kommunisten gelang in Rußland etwas, wozu ihre Genossen in China einfach die Zeit und die Voraussetzungen fehlten: die endgültige Trennung der Menschen von ihrem biologischen Kern und damit auch voneinander.

Eine Gesellschaft wird durch „Simultanität“ zusammengehalten, d.h. (frei nach dem Orgonomen Robert A. Harman) unternehmen die Individuen als Teile der Gesellschaft Handlungen, von denen die Gesellschaft als ganzes und simultan alle anderen Individuen profitieren. Konkret ist das die Zusammenarbeit und der Wettstreit. Menschen arbeiten spontan zusammen und verzichten dabei spontan auf eigene kurzfristige Vorteile und gleichzeitig wetteifern sie um die besten Ergebnisse. Beides hat jeweils den Effekt, daß es (im statistischen Durchschnitt) allen mit der Zeit besser geht.

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Diese grundlegenden orgonotischen Funktionen können in der Gesellschaft nur zur Wirkung kommen, wenn ein Mindestmaß an orgonotischem Kontakt mit den eigenen Gefühlen und den Gefühlen der Mitmenschen vorhanden ist. In Rußland gelang den Kommunisten, nicht zuletzt Gorbatschow, der endgültig für Verwirrung gesorgt hat, die Kontaktlosigkeit zu zementieren. Ergebnis war eine denkbar unsolidarische und gleichzeitig extrem wettbewerbsfeindliche Gesellschaft, in der sich nur Kriminelle durchsetzen können. In China müssen Auslandschinesen zwar ebenfalls einen erschreckenden gesellschaftlichen Zerfall konstatieren, aber die Kontaktlosigkeit ist bei weitem nicht so schlimm wie in Rußland. Die obige Gleichung kann trotz allem noch greifen, weshalb der Kapitalismus in China florieren kann.

In Deutschland und weiten Teilen des restlichen Europa geschieht ähnliches wie einst in Rußland und China. Das Gift der Sozialdemokratie zerstört sowohl das Gemeinschaftsgefühl (der Staat kümmert sich ja!) als auch im Namen von Egalitarismus und „Gerechtigkeit“ den Wettstreit. In der Gesellschaft wird entsprechend alles „lockerer“, gleichzeitig nimmt die gesellschaftliche Selbstregulierung rapide ab und alles wird „von oben“ reguliert, sogar das Denken selbst (Political Correctness). In ihrem paranoiden Wahn warten sie nur darauf, die ersten „Feinde des sozialistischen Staates“ in Lager deportieren zu können!

Politisch korrekte „Arbeitsdemokratie“

10. Januar 2013

Reich sah den Realsozialismus schließlich als nichts anderes als „Roten Faschismus“, der mit dem ursprünglichen Intentionen von Marx, Engels und Lenin nichts mehr zu tun habe. Ein „feministisch“ reformierter Marxismus tritt uns in Marc Rackelmanns Diplomarbeit Der Konflikt des „Reichsverbandes für Proletarische Sexualpolitik“ (Sexpol) mit der KPD Anfang der dreißiger Jahre (Freie Universität Berlin, 1992) entgegen.

Rackelmann hat das gegensätzliche Politikverständnis von KP und Reich gut herausgearbeitet:

(…) dem Konflikt zwischen der straffen kommunistischen Organisationspolitik, für die Inhalte zweitrangig waren und dem Politikverständnis Reichs, das „von den Bedürfnissen zur Wirtschaft“ (Menschen im Staat, Frankfurt 1982, S. 127) gehen wollte, wobei Reich als pflichtgetreuer Leninist zunächst bereit gewesen ist, diese Organisationspolitik aktiv mitzutragen. Die unterschiedlichen Zielsetzungen von Reich und der KPD wurden erst im Verlauf der praktischen Arbeit offenbar und führten schließlich zum Bruch und zum Ausschluß Reichs aus der KPD. (S. 8)

Reichs

Vorgehensweise ist induktiv – von den, in seinem Verständnis, grundlegenden menschlichen Bedürfnissen ausgehend, kritisiert er die Gesellschaft dort, wo sie eine Befriedigung dieser Bedürfnisse verhindert und damit krank macht. Seine Zielgruppe sind damit die Menschen als sexuelle Wesen, letztlich also alle, und nicht als lohnabhängig warenproduzierende. Er kritisiert den Kapitalismus nicht als die Wurzel allen Übels, sondern als besondere Form des Patriarchats mit seinen Auswirkungen auf das Verhältnis von Mann und Frau und das Verhältnis der Menschen zu ihren Körpern. (S. 23)

Reich fand

Zugang zur Arbeiterbewegung und zum Marxismus über die Frage der menschlichen Grundbedürfnisse, deren Befriedigung er durch die kapitalistische Produktionsweise verhindert sah. Im Gegensatz zur traditionellen kommunistischen Politik interessierte ihn dabei weniger der Mensch (genauer: der Mann) als Warenproduzent – sondern die Auswirkungen dieser Wirtschaftsweise auf das alltägliche Leben. (S. 27)

Rackelmann hinterfragt auf der Grundlage einer feministischen Kritik das bis auf Marx zurückgehende patriarchalische Grundwesen der Arbeiterbewegung. Von den Marxisten sei rein verstandesmäßig vom Kopf her an den ganzheitlich körperlichen Menschen vorbei und von ihren Bedürfnissen abstrahierend geplant und alles Weibliche verdrängt und unterdrückt worden. Dabei kommt es bei Rackelmann zu einer ziemlich kitschigen Gleichsetzung: Frau = Familie = Masse = orgastische Hingabe = Körperlichkeit = dunkle Erdhaftigkeit = unberührte Natur, etc. Einerseits ist dieses fast schon Primärprozeßdenken Rackelmanns für jede selbstbewußte Frau eine sexistische Beleidigung und andererseits präsentiert hier Rackelmann eine romantische Verkleisterung der wahren Zustände.

Reich selbst mußte nach einer anfänglichen Idealisierung des Proletariats feststellen, daß „die Massen“ genauso, wenn nicht sogar mehr, gepanzert sind wie ihre „Unterdrücker“ – und genauso steht es mit den Frauen. Die Arbeitsdemokratie setzt weder auf bestimmte Ideologien („Feminismus“), noch auf bestimmte Gruppen der Gesellschaft („Basisdemokratie“), sondern auf jene Kern-Funktionen, die von der Panzerung nicht betroffen werden (die logischen und die Naturgesetze, die lebenserhaltenden Instinkte und die lebensnotwendige Arbeit), und jene rationalen Menschen, die diese Kernfunktionen verkörpern (also alle Menschen, die nicht oder nur minimal an der Emotionellen Pest erkrankt sind, d.h. dem Drang, der Lebensentfaltung aus Frustration einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen).

Arbeitsdemokratie bedeutet nicht, den Menschen die Verantwortung zu nehmen, indem man sie als Opfer hinstellt, sondern ihnen die Verantwortung aufzubürden. Und als solche naturwissenschaftlich-„medizinische“ Herangehensweise hat die Arbeitsdemokratie praktisch nichts zu tun mit Rackelmanns „feministischer“ Ideologie, die sogar noch oberflächlicher ist als die gängige irrationale Machtpolitik (sekundäre Schicht). Diese „intellektuelle“ Kontaktlosigkeit wird deutlich, wenn Rackelmann allen Ernstes behauptet, Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie sei ein Vorläufer der „basisdemokratischen Organisationsformen der neuen sozialen Bewegungen“ gewesen (S. 23). Rackelmann vertritt die politisch korrekte Fassade. Bezeichnend ist, daß seine Arbeit mit einem Motto ausgerechnet von Erich Fromm beginnt, dessen gesamtes System auf der sozusagen „Entkernung“ der Reichschen Gedanken beruht!

Bernd Guggenberger sagt zu den „basisdemokratischen Organisationsformen der neuen sozialen Bewegungen“: Die

moralische Selbstaufrüstung durch Inanspruchnahme einer imaginären „Allgemeinheit“ und „Eigentlichkeit“ hat die Neue Linke zu einem virtuos gehandhabten Instrumentarium systematischer Verunsicherung erweitert.

So

erfüllt die Berufung auf die „Basis“ für die Strategen der Systemüberwindung vor allem die Funktion, die fehlende Eigen-Legitimität auch für eine Position sicherzustellen, welche sich nicht auf die Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung berufen kann. (…) Die „Basisdemokratisierung“ (…) verkommt zum bloßen Instrument der Selbstversicherung der neuen Elite. (Weltflucht und Geschichtsgläubigkeit. Strukturelemente des Linksradikalismus, Mainz 1974)

Guggenberger fährt fort:

Die subkulturelle Version des Modells der Basisgruppen orientiert sich vor allem an Wilhelm Reichs Feststellung, das Klassenbewußtsein werde keineswegs allein durch die großen Kämpfe der Arbeiterklasse, durch Haupt- und Staatsaktionen der großen Politik bestimmt, sondern ganz wesentlich durch verinnerlichte Werte der Werbe-, Konsum- und Freizeitwelt, des sexuellen Bereichs, der Alltagsphäre. (Was ist Klassenbewußtsein?) Die bewußte Organisierung von „Basisprozessen“ auch außerhalb des direkten Machtkampfes war daher auch eine zentrale Forderung der Kommune 2.

Zur Untermauerung seiner Kritik am Marxismus verwendet Rackelmann Reichs Dreischichtenmodell der Charakterstruktur (S. 19). Die oberste Schicht, die soziale Fassade ist für Rackelmann die „bürgerliche Fassade“, z.B. des „konservativen Politikers im Bordell“. Daß damit aber auch Rackelmanns „feministisches“ Getue gemeint sein könnte, kommt gar nicht erst über den Horizont des Bewußtseins, denn schließlich ist man (und frau) ja authentisch. Er erfaßt zwar anhand der Marxistischen „Biologismus“-Kritik an Reich, daß die Kommunisten vom biologischen Kern getrennt sind, verleugnet aber gleich darauf selbst den bioenergetischen Kern, wenn er anprangert, „wie Menschenkörper zu faschistischen Männerkörpern zugerichtet werden“ (S. 22). Was um alles in der Welt ist ein „Menschenkörper“? Es gibt (wenn man mal von Hermaphroditen absieht) nur „Frauenkörper“ und nur „Männerkörper“! Der „Menschenkörper“ ist ein antibiologisches („faschistischer Männerkörper“!), verkopftes Konstrukt linker Theoretiker, die vollständig von ihrem Kern abgeschnitten sind.

Es geht hier nicht um Rackelmann, sondern um die Lebenslüge des gesamten politisch korrekten „Reichianismus“ in Deutschland, der im Namen des Lebendigen aus der Orgonomie eine linke Ideologie macht, die in ihrer Lebensfeindlichkeit dem Stalinismus in nichts nachsteht – nur, daß man sich noch weniger gegen sie wehren kann. Man denke nur daran, was feministische Kinderschutzgruppen oder extremistische Tierschützer, „Veganer“ und andere derartige Gruppen organisierter „Eigentlichkeit“ anrichten.

Zur Zeit der Sexpol wurde Reich von der KPD zur Mitgliederwerbung mißbraucht. Heute nimmt z.B. entsprechend die „neue“ Linke buchstäblich alles Wahre, Gute und Schöne mitsamt ihrer Vertreter in Beschlag. Diese Grundtendenz zum Mißbrauch des Lebendigen ist keine Stalinistische Entstellung, sondern gehört zum falschen, verlogenen Grundwesen des Marxismus („die soziale Fassade“). Deshalb sind Marxisten, gerade wenn sie sich Reich positiv zuwenden, die Todfeinde der Orgonomie. Diese „rote Faschisierung“ der Orgonomie ist ein umfassendes charakterologisches Problem, weniger eines der bewußten Marxistischen Ideologie.

Die „neuen sozialen Bewegungen“, insbesondere die Partei Die Grünen, haben gezeigt, worum es geht: Man gibt vor, den bioenergetischen Kern zu vertreten („Eigentlichkeit“ im Gegensatz zur „verlogenen bürgerlichen Gesellschaft“), tatsächlich vertritt man aber selbst nur die oberflächliche Fassade, die, wie Guggenberger ausgeführt hat, in den Dienst der Sekundären Schicht tritt. Auf diese Weise wird aus Reichs Konzept „Arbeitsdemokratie“ nichts andere als guter alter Roter Faschismus.

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Hegel und der Orgonomische Funktionalismus (Teil 3)

29. Dezember 2012

Teil 1

Teil 2

Hegels Methode ist ein „spekulatives Denken“, d.h. im damaligen Sprachgebrauch ein „überblickendes Denken“; ein Denken, das das Gemeinsame in den Erscheinungen sieht. In diesem Sinne war Hegel ein funktioneller Denker.

Grundlage seines Denkens war der Dreischritt aus „Einheit – Getrenntheit – höherer Einheit“, d.h. einer Einheit, in der das Getrennte auf eine höhere Ebene gehoben, es „aufgehoben“ wird. Diesen Dreischritt ging er in allen denkbaren Bereichen durch: von der Naturphilosophie (insbesondere Goethes Farbenlehre) bis hin zur Religions- und Philosophiegeschichte, wobei es ihm gelang, jeweils funktionelle Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichsten Bereichen offenzulegen.

Am Anfang steht die „einfache (unterschiedslose) Einheit“. Sie entspricht dem gängigen naiven, „wissenschaftlichen“ Denken, das keine Widersprüche zuläßt.

Es ist ein naives Denken, weil es nicht sieht, daß in jeder Einheit implizit die Zweiheit enthalten sein muß, sonst wäre sie nämlich keine Einheit. Jede „These“ bringt mit Notwendigkeit eine „Antithese“ mit sich. Ein „Innen“, impliziert immer ein „Außen“, Bewegung Stillstand, Licht Dunkelheit, Leben Tod, Freiheit Gebundenheit, etc. pp.

Dieser Umschlag ins Gegenteil bedingt den zweiten Schritt der Triade: die Unterschiede, das Wechselspiel von These und Antithese, wie sie im Gegensatz zum „einfachen Sein“ das „Dasein“ bestimmt.

Im menschlichen Geist bildet sich schließlich die „höhere (konkrete) Einheit“, in der die diversen Unterschiede jeweils in einer Synthese aufgehoben sind. Dieser „Geist“ ist aber nicht etwa der Gedanke des einzelnen Menschen, sondern „der Gedanke Gottes“, der letztendlich allem zugrundeliegt. Im Menschen wird sich sozusagen „das Sein“ seiner selbst bewußt, womit wir wieder am Anfang des Dreischritts wären. Beispielsweise gehen aus Sicht des Geistes (und damit auch real!) Innen und Außen auf die Gestalt zurück, Bewegung und Stillstand, Licht und Dunkelheit, Leben und Tod, Freiheit und Gebundenheit jeweils auf die Organisation, etc. pp.

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Dieses philosophische (und in mancher Beziehung gleichzeitig religiöse, genauer gesagt christliche) System ist kaum etwas anderes als eine mystische Verzerrung der Orgonometrie, d.h. der objektiven Logik der Natur. Natürlich war es Hegels Anspruch diese „objektive Logik der Natur“ letztgültig entschlüsselt zu haben, doch tatsächlich blieb seinem Nachfolger Reich dieser Schritt vorbehalten.

Jacob Meyerowitz hat das Denken des Menschen wie folgt orgonometrisch beschrieben:

meyermagie

Der Mensch denkt sozusagen auf „Ebenen“, von denen er jedoch nicht erfassen kann, daß es sich um Ebenen unterschiedlicher Tiefe handelt. Entsprechend wird auf abstrakte Weise alles mit allem verknüpft ohne Rücksicht auf die funktionelle Entwicklung (in diesem Beispiel gestaffelt in drei Ebenen, es könnten mehr sein), so als handele es sich um eine einzige Ebene. Die funktionelle Entfaltung, die „Bifurkationen“, „außerhalb der Ebenen“ fällt ganz aus dem Blick. Es ist Aufgabe der Orgonometrie sie wieder in den Blick zu bringen.

Hegel, der den Anspruch hatte, als erster Mensch wirklich wissenschaftlich, d.h. in Übereinstimmung mit der objektiven Realität, zu denken, hat die Orgonometrie in vieler Hinsicht vorweggenommen.

Er hat die Rolle des Gemeinsamen Funktionsprinzips (CFP) erfaßt. Zunächst als Funktion („das einfache Sein“), aus dem die Differenz und damit „das Dasein“ hervorgeht. Und dann, sozusagen in der „spekulativen Schau“, hat er diese einheitliche Funktion als Prinzip erkannt, in dem die spätere Entwicklung bereits enthalten ist. Das ganze dachte er als eine Entwicklung im Dreischritt, weil er im abstrakten Denken gefangen war, wobei er jedoch ansatzweise die funktionelle Entwicklung „außerhalb der Ebenen“ erfaßt hat. Das bezeichnet man heute als „Hegelsche Dialektik“, die über den Umweg des Dialektischen Materialismus (Marx, Engels und Lenin) zu Reich gelangte.

Das Gandalf-Syndrom

13. Dezember 2012

Gandalf ist eine große, neurotische Graueule. Er wurde von Kindesbeinen an von Menschen großgezogen und genießt Vollpension, wird gefüttert und gepflegt. Nichts kann den gefiederten Agoraphobiker aus seinem kleinen Backsteinschuppen in die freie Wildbahn herausbringen, vor der er eine Heidenangst hat. Er wird ewig Gefangener seiner eigenen Ängstlichkeit, seiner Bequemlichkeit und der vermeintlichen „Tierliebe“ seiner „Herrchen“ bleiben. Aus einem herrlichen Raubvogel ist eine bedauerliche Kreatur geworden. Sie braucht nie wieder hungern und frieren, ist keinen Feinden ausgesetzt, ist befreit von Sexualität und Rivalenkämpfen. Die bioenergetische Dynamik habe ich bereits an anderer Stelle beschrieben.

Das ist der Zustand, den der Sozialist, der „Sozialliberale“ und der Kommunist für jeden Menschen erträumt. Jedenfalls erträumen sie ein Leben, in dem niemand mehr von materiellen Sorgen und Rivalität bedrängt wird, sondern alle im „Volksheim“ leben. Die Menschen könnten dann ihre „wahren Bedürfnisse“ erkennen und ihre „wahre Natur“ entfalten. Resultat wird etwas sein, was man im Zoo und bei Haustieren beobachten kann – das Gandalf-Syndrom.

Was wird nicht alles in die Waagschale geworfen, um den Kapitalismus, diese „freie Wildbahn“ des Menschen, zu diskreditieren! Es ist offensichtlich, daß er Wohlstand schafft, wie kein anderes Gesellschaftssystem vor ihm. Um ihn trotzdem grundsätzlich infrage stellen zu können, wird das Wirtschaftssystem in seinem Kern angegriffen – vollkommen unabhängig von seinen Erfolgen: „Alles hat seinen Preis, aber nichts hat einen Wert!“ Das gibt sich zwar das Gewand einer „wissenschaftlichen Theorie“ (im Marxismus ist etwa von „Tauschwert“ die Rede), aber letztendlich läuft es auf die Aussage hinaus: „An [diesem Gegenstand] klebt Blut!!“ Das Blut der „Ausgebeuteten“ in der Dritten Welt, der Werktätigen, der durch die Umweltverschmutzung geschädigten, etc.

Tatsächlich ist das eine mystische Aussage. Ich schaue jetzt auf eine Plastikflasche mit „Vielzweckkleber“ der Firma „tesa“, die auf meinem Schreibtisch steht. Nichts, aber auch rein gar nichts, ändert sich an diesem Gegenstand, wenn er anstatt von mittelmäßig bezahlten Arbeitern in Ungarn von Kindersklaven in Indien hergestellt oder wie auch immer sonst hergestellt wurde. Ich brauche Kleber und der Preis bildete sich nach Angebot und Nachfrage, nicht weil der Ware irgendeine feinmaterielle Substanz anhaftet, die aus ihr etwas anderes macht als einen Gegenstand mit Gebrauchswert.

Was wird hier mit Theorien über den „Warenfetisch“ konstruiert? Es ist eine böse Welt da draußen und egal, was immer ist: Du machst dich schuldig, weil du nichts gegen dieses böse System unternimmst oder gar von ihm profitierst!

Welch ein lebensfeindlicher Irrsinn das ganze ist, sieht man daran, daß manche Menschen nicht etwa stolz darauf sind Hemden aus Bangladesch zu tragen (sie unterstützen dadurch eine aufstrebende Nation!), sondern sich ganz im Gegenteil schämen, weil sie von „Ausbeutung“ profitieren. Funktion dieser Gesinnung ist es, uns alle (einschließlich der Bangladeschis) sozusagen in „Gandalfs Backsteinschuppen“ zu halten: die Welt da draußen ist böse und gefährlich.

Der zweite, und heute immer mehr in den Vordergrund tretende, „grundsätzliche Einwand“ gegen den Kapitalismus betrifft das, was den Kapitalismus erst möglich macht: das Geld im allgemeinen und Kredit und Zins im besonderen.

Nach diesem Einwand macht sich, wer immer sich im Kapitalismus engagiert, d.h. einen Kredit aufnimmt oder vergibt, eines ungeheuerlichen Verbrechens schuldig, weil er teilhat an der unausweichlichen Zerstörung sämtlicher menschlicher und natürlicher Ressourcen. Das Argument lautet auf das Wesentliche reduziert wie folgt: „Hätte vor 2000 Jahren Josef nur einen einzigen Cent mit einem minimalen Zins angelegt, wäre der Gewinn, den heute seine Nachkommen einheimsen könnten, nur in mehreren Weltkugeln aus purem Gold darstellbar.“ Oder mit anderen Worten: Um mit der Finanzwirtschaft mit ihrem exponentiellen Wachstum Schritt halten zu können, muß die Realwirtschaft verzweifelt, und zum unausweichlichen Scheitern verurteilt, versuchen Schritt zu halten, d.h. versuchen Zins und Zinseszins zu bedienen, und dabei Mensch und Natur erbarmungslos ausbeuten.

Das klingt mathematisch zwingend, ist jedoch offensichtlicher Unsinn, denn es gibt keinen risikolosen Zins. In der wirklichen Welt, kann der imaginäre Nachfahre Josefs froh sein, wenn er nach 2000 Jahren überhaupt einen Cent erhält. Ein Euro wäre schon ein Weihnachtswunder!

Nichts zeigt besser als die Griechenlandkrise, wie vorsichtig die Anleger des berühmten „Josefpfennigs“ hätten agieren müssen. Die Finanzwirtschaft kann sich nur dann verselbständigen und es kann nur dann zu einem exponentiellen Wachstum kommen, wenn im Rahmen einer Keynesianischen Politik der Staat und die Notenbanken die besagten Anleger immer wieder von neuem retten. Das wird natürlich stets aus „sozialen“ Gründen getan, etwa um „General Motors und Detroit“ zu retten.

Letztendlich kommt hier auch nichts anderes als das Gandalf-Syndrom zum Ausdruck: Die parasitären Superreichen und die parasitäre Unterschicht können weiter im geschützten „Backsteinschuppen“ hausen, während für den produktiven Teil der Bevölkerung die Bedingungen dermaßen unerträglich werden, daß sie ebenfalls in den „Backsteinschuppen“ drängen. Am Ende steht der Kommunismus.

Kapitalismuskritiker, egal ob sie Marx oder Gesell auf ihre Fahnen geschrieben haben, sind nichts anderes als Rote Faschisten (oder zumindest die nützlichen Idioten von Roten Faschisten).

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Der Rote Faden: Auf dem Weg in die Arbeitsdemokratie

23. September 2012

Stephan Lackner wurde 1910 in Paris geboren. Studium der Philosophie in Berlin, Frankfurt und Gießen. Machte seinen Doktor im Jahr 1933. Emigrierte 1935 nach Paris, 1939 in die USA. Lebte seit 1940 in Santa Barbara, Kalifornien, wo er 2000 verstarb. Im Jahr 1981 schrieb er Bernd A. Laska, er habe als junger Schriftsteller sehr vom Einfluß Reichs profitiert. Auch die persönlichen Treffen seien sehr anregend gewesen. Lackners damals erschienenes Drama Der Mensch ist kein Haustier fand Reich, so Lackner, „von welthistorischer Richtigkeit“. Das folgende habe ich Laskas „Aus Briefen Reichs der Jahre 1935-1940“ (Wilhelm Reich Blätter, 2/81, S. 65-70) entnommen.

1937 schrieb Lackner einen Artikel über Reich, „Ein moderner Ketzer“, in einer deutschen Exilzeitschrift (Das neue Tagebuch, Paris, 6. Februar 1937). Reich reagierte positiv in seiner eigenen Zeitschrift. Persönlich antwortete er Lackner am 9. April 1937, er sei überrascht von Lackner unter die Philosophen verortet worden zu sein. Immerhin sei Lackner einer der wenigen, der das Wesentliche verstanden habe. Überraschenderweise reagierte Reich mit keinem Wort auf Lackners Behauptung in dem genannten Aufsatz, daß Reich sich irre: er, Reich, sei gar kein Marxist.

Für Marx waren die Triebe Widerschein der Umwelt, während es bei Reich grade um den Konflikt zwischen Trieb und Umwelt geht, entsprechend gilt es nicht nur, die Welt einfach nur zu verändern, sondern in einer ganz bestimmten Richtung zu verbessern, wie Bernd A. Laska ausgeführt hat („Zur Bestimmung des Status der Reichschen Theorie: II. ‘Früher’ contra ‘später’ Reich – Eine überflüssige Kontroverse“ Wilhelm Reich Blätter 2/80, S. 67-85).

Lackner führte 1937 aus:

Der Angelpunkt seines [Reichs] Systems ist der „Konflikt zwischen Trieb und Außenwelt“. Aber im „Feuerbach“ von Engels steht geschrieben: „Die Einwirkungen der Außenwelt auf den Menschen drücken sich in seinem Kopfe aus, spiegeln sich darin ab als Gefühle, Gedanken, Triebe, Willensbestimmungen.“ Selbst beim späten Engels, in dessen nicht mehr rein ökonomistischer Epoche, findet sich stets die Grundanschauung, daß die Triebe nichts sind als Überbau der ökonomischen Umweltbedingungen. (…)

Er gibt zwar zu, daß der ideologische Überbau auf die Basis zurückwirken könne; aber daß Folgen, die neue Folgen verursachen, damit eben zu gleichberechtigten Ursachen im vielfältigen Geflecht des Lebens werden, zu dieser Erkenntnis ist Engels nicht gekommen. Für Reich aber sind Triebe nicht nur keine „Folgen“, sondern identisch mit dem ursprünglichen, vegetativen Leben überhaupt. Reichs Ansatzpunkt ist mit den Dogmen des orthodoxen Marxismus schlechthin unvereinbar. (Lackner: „Ein moderner Ketzer“ Wilhelm Reich Blätter 2/81, S. 58-64)

Im bereits erwähnten Brief vom 9. April 1937 schrieb Reich, daß er bisher nur Kontakt mit führenden Persönlichkeiten der deutschen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) habe. Einige Zeit später trafen sich Reich und Lackner persönlich in Nizza, wo Reich Roger DuTeil besuchte.

Am 16. Februar 1937 schrieb Reich zwei jungen Freunden in der Schweiz, Hedy und Oscar Bumbacher, über den alte Sozialisten Fritz Brupbacher (1874-1945), den er sehr gut kenne. Brupbacher sei seit 40 Jahren in der Arbeiterbewegung und sei „derart von Bonzen und Bürokraten geprügelt und mißverstanden“ worden, daß es kein Wunder nehme, daß er in seinem Alter zeitweise seine Hoffnung verliere.

Am 25. November 1935 hatte Reich Brupbacher geschrieben:

Ich danke Ihnen sehr für das Buch [60 Jahre Ketzer]. Ich habe es in einem Zug durchgelesen und gestaunt, wie bis ins kleinste Detail ähnlich das Erleben der revolutionären Intellektuellen in den heutigen Parteien ist. An vielen Stellen tauchten bei mir peinliche Erinnerungen an österreichische und deutsche Verhältnisse auf. Sie haben mit ihrer scharfen Kritik zweifellos recht; doch ich frage mich, ob die völlig resignierende Haltung berechtigt ist (…) Vielleicht werden wir in zwanzig Jahren auch resignieren müssen. Doch dann werden wieder andere kommen und das Mühselige fortsetzen. Einmal wird es durchbrechen!

Am 5. Februar 1940, schrieb Reich an Brupbacher im gleichen Sinne, daß trotz des „Riesenunglücks“, das alle ihre gemeinsamen Hoffnungen betreffe, er trotzdem optimistisch bleibe. Im selben Brief sagt Reich, daß sein Konzept der Arbeitsdemokratie ihm helfe, „in meinem Arbeitskreis ein Stück Klarheit und Absonderung von der allgemeinen Verrücktheit aufrechtzuerhalten“.

An die Bumbachers schrieb Reich am 24. November 1939, daß Menschen „aller Kreise, bester Gesinnung und mit großen Fähigkeiten ausgestattet“ isoliert „herumsitzen“ und darauf warten, daß irgendeine Macht die Situation ändere. Er, Reich, glaube aber nicht, daß sich nichts machen ließe. Man müsse vielmehr die Zeit nutzen, um das Wissen zu erlangen, mit denen man die Probleme angehen könne. „(…) den Anschluß an die Kräfte, welche die Zukunft vorbereiten, kann man nur auf diese Weise finden.“

Am 27. November 1939 schrieb Reich an Lackner etwas, das zeigt, daß die besagten „Kräfte“ für Reich nicht mehr die sozialistischen Parteien sein konnten. Siehe zum folgenden auch die von mir referierte Aussage von Robert A. Harman. Reich:

Ich glaube z.B. nicht mehr, daß die Streiks, wie sie heute sind, mehr bedeuten als eine infantile Klage an die Beherrscher, sie [die Arbeiter] doch weniger schlecht und eingeengt Leben zu lassen. In ihnen kämpft kein Wille um Selbstbestimmung und Bereitschaft, die Verantwortung für die Produktion zu übernehmen. Ich weiß, es sind gefährliche Sätze, die ich hier niederschreibe. Doch was soll man mit der Enttäuschung an den Marxisten tun, die lautet: „Weshalb tut ihr alles, um die Verantwortungslosigkeit der Menschenmassen weiter zu erhalten?“ Es nützt ja nicht viel, das Bestehende [frei nach dem Historischen Materialismus] als notwendig hinzustellen, wenn man gleichzeitig erlebt, daß zum Anspruch ans Leben erwachende Millionenmassen die Diktaturen schaffen und halten.

Politik werde es solange geben, wie die Menschen Sklaven bleiben wollten. Er, Reich, habe zwar zugestandermaßen keine „praktische Antwort“, doch glaube er aus seiner klinischen Erfahrung heraus an die „natürlichen Fähigkeiten“ der Menschen, was kulturelle und organisatorische Leistungen betrifft. Wahrscheinlich würden die Verhältnisse die Menschen zur Freiheit zwingen. Man könne nicht mehr tun, als bis dahin „die Gesetze des freiheitlichen Lebens und die ihm widerstrebenden Tatsachen“ zu studieren.

Am 11. Februar 1939 schrieb Reich an die Bumbachers, die starken Einschränkungen im Betrieb seines Instituts seien „den eifrigen Anstrengungen von Mitgliedern der kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien zu verdanken, die der politischen Reaktion alle Argumente für die Aktion geliefert haben“. Siehe dazu auch meine entsprechenden Ausführungen im letzten Teil des Roten Fadens.

Reichs Selbstverständnis als Wissenschaftler (Teil 1)

11. September 2012

Reichs grundsätzliches Selbstverständnis als Wissenschaftler kommt wohl am besten in seinen 12 „Grundregeln“ zum Ausdruck, die ich hier gekürzt und paraphrasiert wiedergebe:

  1. Die Instrumente zur Beobachtung und Messung sollten die gleiche Qualität haben wie die sinnlosen Luxusgegenstände, die man sich erträumt und für die man bereit ist Unsummen auszugeben.
  2. Man soll auf die Antworten hören, die einen die Natur gibt und nicht auf das, was ein Lehrbuch aus dem anderen abschreibt.
  3. Man soll nicht versuchen besonders clever zu sein, sondern einfach und bescheiden.
  4. Man soll nicht darauf achten, was denn die Mitmenschen über einen sagen könnten.
  5. Zu Beginn soll man sich streng an die Vorgaben für das jeweilige Experiment halten. Später kann man dann den Versuchsaufbau variieren und „kontrollieren“.
  6. Entsprechend soll man sich zunächst auf seine Sinne verlassen, danach aber das beobachtete mit Hilfe von Instrumenten verifizieren, die von den Sinnen unabhängig sind.
  7. Man soll nicht Ideen über Dinge ausspinnen, die man selbst nie beobachtet hat.
  8. Vorgänge und Gegebenheiten muß man aus ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten heraus verstehen und nicht fremde Gesetzmäßigkeiten abstrakt auf sie übertragen.
  9. Erfährt man von einer neuentdeckten natürlichen Grundfunktion, muß man bereit sein, seine bisherigen Vorstellungen einer Revision zu unterziehen.
  10. Man darf seine Fehler nicht verdrängen, sondern muß aus ihnen lernen.
  11. Man muß sich stets darüber im Klaren sein, was man (noch) nicht weiß.
  12. Eine Autorität ist nur derjenige, der sich mit dem gegeben Phänomen wirklich befaßt hat. Bloße akademische Titel bedeuten in dieser Hinsicht gar nichts. („Rules to Follow in Basic Research“, Orgone Energy Bulletin, 3(1), Jan. 1951, S. 63f)

Reichs Durchhaltevermögen, das in der grundsätzlichen Überzeugung fundiert war, den richtigen Weg zu gehen, war das Geheimnis seines Erfolges, während andere aus Bequemlichkeit und Selbstzweifeln zu schnell aufgaben. Reich führte dazu 1938 aus:

Es mußte (…) zu einem methodischen Grundsatz meiner Arbeit werden, jede technische Errungenschaft der wissenschaftlichen Forschung zu übernehmen, jede praktische Beobachtung genau zu registrieren, jedoch, um nicht gestört zu werden, jede theoretische Auslegung zunächst unbeachtet zu lassen. Ich pflege, um von vornherein Schwierigkeiten der Arbeit zu beseitigen, meine Mitarbeiter ausdrücklich darum zu bitten, nur ihre Technik und ihre Tatsachenkenntnisse anzuwenden, jedoch in der Arbeit und mir gegenüber irgendwelche gelernten Theorien oder Anschauungen zu vergessen. So wurde es möglich, den Versuch durchzuführen, Ruß zu glühen und in Bouillon + KCl quellen zu lassen, ja sogar zu kultivieren. Es stellt sich nämlich heraus, daß diese sogenannte physikalische Bewegung (Brownsche Bewegung), die ja als solche immer vorhanden sein müßte, bei Veränderung der Bedingungen nicht vorhanden ist, daß die Kohle- und Rußstäubchen schön ruhig daliegen, daß sie sich nach einiger Zeit der Quellung zu rühren beginnen etc. und daß die Bewegung nach mehreren Wochen oder Monaten aufhört. Die Bequemlichkeit des Denkens in der naturwissenschaftlichen Arbeit ist gewiß eine Erscheinung, die man bei Durchbrüchen in unwahrscheinlich klingende Gebiete sehr deutlich zu spüren bekommt. Man hat also in der zweiten Art wissenschaftlicher Forschung nicht nur Tatsachen und Probleme zu bewältigen und nicht nur gegen überlieferte, oft falsche Anschauungen zu kämpfen und sie zu widerlegen, mehr: Neben dem eigenen Gefühl von der Richtigkeit und Korrektheit der Annahmen, das unbedingt vorhanden sein muß, hat man mit den unerläßlichen und quälenden Zweifeln an der eigenen Sache zu kämpfen, die einen sowohl sehr befruchten, aber auch sehr oft veranlassen können, die Arbeit in einem verfrühten Stadium abzubrechen. (Die Bionexperimente, S. 176)

Die Geschichte der Orgonomie ist nicht die Entfaltung eines Dogmas, sondern eine ständige Selbstwiderlegung von Hypothesen. Reich ist während seines gesamten Forscherlebens von einer dieser Widerlegungen zur nächsten geradezu gestolpert, sie trennten ihn von der Psychoanalyse und dem Marxismus, denen er absolut gehuldigt hatte, seine elektrischen Spekulationen der 1930er Jahre erwiesen sich als unhaltbar. Dann entdeckte er eine spezifisch biologische „isolierte“ Strahlung – die sich als allgegenwärtiger Background erwies; er meinte nur im Menschen würde diese Energie blockiert, um dann zu entdecken, daß das DOR auch unabhängig vom Menschen auftrat.

Sein Assistent und Biograph Myron R. Sharaf führt aus, daß sich Reichs Selbstverständnis vor allem durch den Widerstand und das Unverständnis seiner Umwelt formte. Reich war, wie gesagt, ursprünglich allzu erpicht darauf, nur die Gedanken fortzuführen, die Freud und Marx/Engels/Lenin ins Rollen gebracht hatten. Nur die scharfe Zurückweisung durch die Psychoanalytiker und Marxisten brachte ihn dazu sich auf sein ureigenstes Anliegen zu konzentrieren. Als er sich des Ausmaßes und der ganzes Bedeutung seiner Entdeckungen bewußt wurde, hörte er auf sich als „nichts besonderes“ zu betrachten, sondern fing an zu fragen, welche Qualitäten es der Person Wilhelm Reich ermöglicht hatten, etwas zu leisten, was ohne diese Person nie hätte geleistet werden können (Sharaf: „Thoughts about Reich“, Journal of Orgonomy, 11(2), November 1977, S. 240-245).

Seine Antwort auf diese Frage nach seiner „Einzigartigkeit“ lautete nicht etwa, daß er, Reich, ein besonders großes „Genie“ gewesen sei. Nein, es fing schon damit an, daß er anders atmete!

Ich habe immer sehr gut geatmet. Die Leute dachten, es hätte mit mir etwas Besonderes auf sich, weil ich so gut atmete. Ich bin einmal zu einem Arzt gegangen, weil ich eine Sehnsucht in der Brust spürte. Er hat es überhaupt nicht verstanden. (Sharaf: „Some Remarks of Reich: Summer 1948“, Journal of Orgonomy, 3(1), S. 116-119, March 1969)

Reich hatte einfach eine Qualität, die den meisten anderen Wissenschaftlern abgeht: ein „Offensein“ für die Naturprozesse.

Ich fühlte mich mehr als Übermittler einer bestimmten Logik denn als weiser Denker, der „überlegen“ wissenschaftliche Schlußfolgerungen zieht. (Menschen im Staat, S. 175)

Das, d.h. das Fühlen wie ein „Neugeborenes“, das noch außerhalb der Gesellschaft steht, beinhaltet wiederum eine neue Haltung zur „Wertfreiheit“ der Wissenschaft.

Wissenschaftlern seien, so Bernd A. Laska in einer Buchbesprechung, „nur zwei Möglichkeiten denkbar, wie sie ihr Geschäft erledigen können: als wertfreie oder als parteiliche Wissenschaft“.

Laska fährt fort:

Das Konzept der wertfreien Wissenschaft geht von dem Dogma aus, das Werten könne prinzipiell nicht Aufgabe der Wissenschaft sein. Es ist deshalb gezwungen, jedem mündigen Menschen grundsätzlich Autonomie im Werten zuzusprechen. Das Paradoxe an dieser Position ist, daß Autonomie erst dem „Mündigen“ zugestanden wird, also gerade demjenigen, der in einem Anpassungsprozeß seine Autonomie eingebüßt hat, während dem wahrhaft autonomen Neugeborenen Autonomie abgesprochen wird. (Laska: Wilhelm Reich Blätter, 3/81, S. 160)

Es gibt zwei Arten von Wissenschaft: die erstere ist ein Instrument, „im Dienste der Tendenz des Menschen, den Problemen des lebendigen Lebens auszuweichen.“ Entsprechend unterschied Reich, wie Laska weiter ausführt, „zwischen notwendigem Irren aus Unkenntnis und nichtnotwendigem Irren, das aus dieser Tendenz erwächst“ (Laska: „Zur Bestimmung des Status der Reichschen Theorie: I. Allgemeiner Überblick“, Wilhelm Reich Blätter, 1/80, S. 8-20).

Reichs psychoanalytische Kollegen, typische Intellektuelle, sahen seine praktische Beschäftigung mit der sozialen Frage als Verrücktheit an (Menschen im Staat, S. 102), wo es doch für einen Arzt die selbstverständlichste Sache der Welt sein sollte. Das gleiche gilt für Reichs Beschäftigung mit der Biologie: es sollte doch für einen Arzt selbstverständlich sein, sich mit den biologischen Grundlagen des Lebens direkt auseinanderzusetzen:


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