Mit ‘krankhafte Eifersucht’ getaggte Artikel

Christopher Turner: ADVENTURES IN THE ORGASMATRON (America), Teil 5

30. September 2011

Das einzige, was Christopher Turners Buch Adventures in the Orgasmatron, das imgrunde nichts anderes ist als eine Ansammlung zahlloser Zeitschriftenartikel, die von Reichs grob gezeichneter Biographie zusammengehalten werden, lesenswert macht, ist das Material aus dem von Aurora Karrer, Reichs letzter Frau, zusammengetragenen Archiv, auf das Turner durch puren Zufall gestoßen ist und das er als erster ausgewertet hat.

Karrer dokumentierte in Tagebucheintragungen ihr nervenaufreibendes Leben mit Reich zwischen 1955 und 1957, das gekennzeichnet war durch Alkoholexzesse, eine alles bestimmende Abwehrhaltung und Verfolgungswahn. Sie wollte sich zwar von ihm trennen, schaffte es aber nicht. Charakteristischerweise führt Turner nur Nagatives an, so daß man kaum nachvollziehen kann, was außer Mitleid und, so Turner, „Masochismus“ sie zu Reich hinzog. Turner schreibt ein Buch über Reich und die sexuelle Revolution, doch, wie auch sonst im Buch, kommt Reichs Liebesleben, das Verhältnis zu seinen Frauen jenseits seiner krankhaften Eifersucht, nie ins Blickfeld. Wenn man mal von folgender Stelle absieht:

“I think that he has come to love me as much as any woman he has ever known, or more,” Karrer reassured herself. “At times he’s so sweet and kind and loving.” Reich, she wrote, believed their life together was “the deepest and greatest love story of our time.” (S. 414)

Turner kann hier nur gemein Grinsen, denn Ende der 1970er Jahre zeichnete Karrer in ihren Notizen ein grundlegend anderes Bild als es ihr zu Lebzeiten Reichs in dem von ihr geplanten Buch The Genius: Personal Life and Loves of Wilhelm Reich vorgeschwebt hatte:

In this version Reich is no longer a “genius” but a conceited arrogant egotist, a fake, an abuser, a violent person who degraded those around him, someone who trapped everyone in a therapeutic web, a mentally unstable bully who made others feel as if it were they – not he – who were mad. Karrer claims an Olympian perspective on Reich not only as his last wife but as his last analyst: “I completed his analysis! If I hadn’t stayed with him he’d have shot himself. As I look back on it that’s what everyone was wishing he’d do – Eva, Ilse, Baker, the orgonomists, etc.” (S. 415)

Reich sei, Karrer zufolge, „so skrupellos und selbstsüchtig wie der Kultführer Jim Jones gewesen“ (ebd.).

Turner zitiert eine Liste, die Karrer von Reichs Fehlern und Untaten zusammengetragen hat (man vergleiche das mit meiner entsprechenden Kritik an Reich!):

Reich dachte, so listet Karrer in ihrer „Analyse“ auf, er sei der größte, war aber unglaublich selbstunsicher. Stets hatten die anderen Schuld. Er konnte seinen vier Frauen und drei Kinder nicht helfen, wollte aber die ganze Welt retten. Seiner Umgebung verbot er den normalen Kontakt mit ihren Familien und Freunden. Er litt unter Größenwahn und Leute folgten ihm, weil ihr eigenes Leben leer war. Er brachte sie dazu, ihn als den größten leben Menschen zu bezeichnen, zerstörte aber jeden einzelnen Menschen, der ihm nahe kam. Niemand wagte ihm zu wiedersprechen, da man sonst als Teil der „Verschwörung“ oder als „krank“ betrachtet wurde. Im Suff war er gewalttätig, hat seinen Hund Troll mit einer Eisenschlange geschlagen, was zum Tod des Hundes führte. Seine Frauen mußten vor ihm geschützt werden. Sie, Karrer ,sei die einzige gewesen, die er nicht zerstören konnte. Karrer:

I never succumbed – Wilhelm Reich could never make me look bad to myself because I saw him as sick. He knew I saw him that way. (S. 417)

Wer war Aurora Karrer? Reich hielt sie während der Konferenz auf Orgonon, wo sie sich 1955 kennenlernten, für gesund, während ihr Therapeut Elsworth Baker aufgrund seiner Erfahrungen mit ihr eine etwas andere Einschätzung hatte, diese gegenüber dem bereits verliebten Reich jedoch nicht zu äußern wagte. (S. 400)

Der Orgontherapeut Morton Herskowitz erzählte Turner:

To me I always felt that she was like a … I don’t know if she’d ever been Reich’s patient [sie war nicht!], but she was like somebody possessed with a positive transference. Just the way she constantly adored him. I remember, I thought she reminds me of some of my patients whose positive transference is too strong. (S. 399)

Sie war zunächst bei Baker in Therapie, der mußte sie aber an Raphael überweisen, weil Karrer ihm, Baker, gegenüber eine extrem starke positive Übertragung entwickelt und sie sich in ihn verliebt hatte, was eine Therapie der sehr attraktiven Frau unmöglich machte. Raphael ging es genauso, der sie deshalb an Oller weiterüberwies. Diese Frau war eine prädestinierte „Gläubige“, in dieser Hinsicht geradezu eine „Mystikerin“. Wehe, wenn solche Leute ihren Gauben verlieren!

Karrer, die sich nach Reichs Tod mit Eva Reich und Mary Higgins um den Posten der Treuhänderin des Reich-Nachlasses und die Kontrolle des Archivs bis hin zu gerichtlichen Auseinandersetzungen stritt, ließ sich in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre von den Orgonomen um Baker als „Frau Reich“ feiern. Vor etwa 25 Jahren erzählte mir jemand folgendes:

Lois Wyvell hätte ihm erzählt, daß Karrer sie einige Jahre zuvor um 10 000 Dollar gebeten habe, da ihr finanziell das Wasser bis zum Hals stünde. Wyvell, zeitlebens eine alleinstehende einfache Sekretärin, bat um einen Schuldschein. Es handelte sich schließlich um die Ersparnisse eines Lebens und ihre, Wyvells, Altersvorsorge! Darauf Karrer zornig: bei Reich hätte ein einfacher Handschlag gereicht! Damit waren mehr als zwei Jahrzehnte Freundschaft von seiten Karrers gekündigt. Bereits damals hatte ich mich gefragt, warum sie ausgerechnet Wyvell (auf, wie ich fand, absolut unverschämte Art und Weise) anpumpen wollte und sich nicht an einen der gutverdienenden Orgonomen gewandt hatte. Offensichtlich war sie zuvor von jedem einzelnen abgewiesen worden. So geht man nicht mit „Frau Reich“ um, die bis dahin wie die unantastbare „Grand Dame der Orgonomie“ behandelt worden war und mit der man sich gerne schmückte! Die Wut und Enttäuschung muß maßlos gewesen sein. Zu dieser Zeit machte sie die Notizen, in denen sie Reich und seine Anhänger auf denkbar gemeinste Art verunglimpfte.

Gut, ich spekuliere… Aber anders kann ich mir ihren plötzlichen Sinneswandel von der gefeierten Hohepriesterin des Reich-Kults zur abgeklärten Reich-Hasserin, von einer Reich-Gläubigen zur „Atheistin“, nicht erklären. Besonders bitter kommt es mir hoch, wenn ich daran denke, daß sie Freunden der Orgonomie stets Interviews verweigerte, „um das Andenken Reichs nicht zu beschmutzen“, wie Wyvell erklärte, jetzt aber ausgerechnet Turner das Material benutzen kann, um auf die geschändeten Leichenteile Reichs zum Schluß auch noch defäkieren zu können.

Dank Turner und Karrer bleibt Reich dem Leser so in Erinnerung:

Was bleibt, ist Reichs Flucht in den Alkohol, seine Eifersucht und sein „Verfolgungswahn“. Ich kann nur jedem raten, das IV. Kapitel, Abschnitt 3 der Charakteranalyse durchzulesen: „Der phallisch-narzißtische Charakter“ – Reichs Selbstanalyse. Was Reich angeblich „paranoide“ Anwandlungen betrifft, steht und fällt alles mit dem Realitätsgehalt der „Verschwörungen“ von Seiten der Psychoanalytiker, Kommunisten und der Pharmaindustrie. Zum letzteren Punkt erinnert sich beispielsweise der Orgonom Victor Sobey an einen von Reichs Anwälten, Green:

Mr. Green was the lawyer in Jersey and he was a Republican and he knew the top Republican officials, in fact he was a lawyer for the pharmaceutical companies in New Jersey. And one time, they had a national convention of The American Association of Pharmaceutical houses, and Mr. Green was also involved. (…) So the president of the American pharmaceutical industry was there, and Mr. Green went up to him and said, “I heard a lot of things about this orgonomy and Dr. Reich”. He [the president of the American pharmaceutical industry] said, “don’t worry about it, it’s nothing”. And he looked at me [Green] and said “but you know, if that was for real, we wouldn’t want it anyhow, we’d do everything to kill it.”

So etwas sucht man in Turners Buch vergebens. Wie sieht die Sache aus, wenn am Cloudbusting und den UFO-Sichtungen etwas dran ist? Oder an Episoden, wie dem extrem merkwürdigen Besuch von William Moise bei der Luftwaffe in Dayton, den Jerome Eden ausführlich beschreibt. Bei Turner fällt dieser Besuch gleich ganz unter dem Tisch! Turner geht es nur darum, Reich zu vernichten und dabei einen fairen Eindruck zu machen. Turners Buch atmet den Geist von Mildred Bradys begeistertem Brief, den sie nach der erfolgten Verurteilung Reichs an die FDA schrieb. Der Brief kündigt Turners Buch an:

There is a kind of journalistic excitement in learning that an article you wrote years ago has been instrumental in bearing such a fruit. The more I think about it, the more my fingers itch to do a book on the whole case … It would be a fine tale of really true ADVENTURE that ought to outsell any detective story … Let me give you the heartiest congratulations on a very tough job, very well done. (S. 408, Hervorhebung hinzugefügt)

Immerhin hätte Brady nicht solchen abartig hirnzerfressenden Schwachsinn von sich gegeben, wie Turner es wieder und wieder und wieder tut:

Whereas Reich offered the sexual revolution to the world in a box, [Herbert] Marcuse (…) lifted the lid and saw the horrors contained within it. (S. 441f)

Aaaaaaaarrrrrgggggggghhhhhhhhh…


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