Reich sah den Realsozialismus schließlich als nichts anderes als „Roten Faschismus“, der mit dem ursprünglichen Intentionen von Marx, Engels und Lenin nichts mehr zu tun habe. Ein „feministisch“ reformierter Marxismus tritt uns in Marc Rackelmanns Diplomarbeit Der Konflikt des „Reichsverbandes für Proletarische Sexualpolitik“ (Sexpol) mit der KPD Anfang der dreißiger Jahre (Freie Universität Berlin, 1992) entgegen.
Rackelmann hat das gegensätzliche Politikverständnis von KP und Reich gut herausgearbeitet:
(…) dem Konflikt zwischen der straffen kommunistischen Organisationspolitik, für die Inhalte zweitrangig waren und dem Politikverständnis Reichs, das „von den Bedürfnissen zur Wirtschaft“ (Menschen im Staat, Frankfurt 1982, S. 127) gehen wollte, wobei Reich als pflichtgetreuer Leninist zunächst bereit gewesen ist, diese Organisationspolitik aktiv mitzutragen. Die unterschiedlichen Zielsetzungen von Reich und der KPD wurden erst im Verlauf der praktischen Arbeit offenbar und führten schließlich zum Bruch und zum Ausschluß Reichs aus der KPD. (S. 8)
Reichs
Vorgehensweise ist induktiv – von den, in seinem Verständnis, grundlegenden menschlichen Bedürfnissen ausgehend, kritisiert er die Gesellschaft dort, wo sie eine Befriedigung dieser Bedürfnisse verhindert und damit krank macht. Seine Zielgruppe sind damit die Menschen als sexuelle Wesen, letztlich also alle, und nicht als lohnabhängig warenproduzierende. Er kritisiert den Kapitalismus nicht als die Wurzel allen Übels, sondern als besondere Form des Patriarchats mit seinen Auswirkungen auf das Verhältnis von Mann und Frau und das Verhältnis der Menschen zu ihren Körpern. (S. 23)
Reich fand
Zugang zur Arbeiterbewegung und zum Marxismus über die Frage der menschlichen Grundbedürfnisse, deren Befriedigung er durch die kapitalistische Produktionsweise verhindert sah. Im Gegensatz zur traditionellen kommunistischen Politik interessierte ihn dabei weniger der Mensch (genauer: der Mann) als Warenproduzent – sondern die Auswirkungen dieser Wirtschaftsweise auf das alltägliche Leben. (S. 27)
Rackelmann hinterfragt auf der Grundlage einer feministischen Kritik das bis auf Marx zurückgehende patriarchalische Grundwesen der Arbeiterbewegung. Von den Marxisten sei rein verstandesmäßig vom Kopf her an den ganzheitlich körperlichen Menschen vorbei und von ihren Bedürfnissen abstrahierend geplant und alles Weibliche verdrängt und unterdrückt worden. Dabei kommt es bei Rackelmann zu einer ziemlich kitschigen Gleichsetzung: Frau = Familie = Masse = orgastische Hingabe = Körperlichkeit = dunkle Erdhaftigkeit = unberührte Natur, etc. Einerseits ist dieses fast schon Primärprozeßdenken Rackelmanns für jede selbstbewußte Frau eine sexistische Beleidigung und andererseits präsentiert hier Rackelmann eine romantische Verkleisterung der wahren Zustände.
Reich selbst mußte nach einer anfänglichen Idealisierung des Proletariats feststellen, daß „die Massen“ genauso, wenn nicht sogar mehr, gepanzert sind wie ihre „Unterdrücker“ – und genauso steht es mit den Frauen. Die Arbeitsdemokratie setzt weder auf bestimmte Ideologien („Feminismus“), noch auf bestimmte Gruppen der Gesellschaft („Basisdemokratie“), sondern auf jene Kern-Funktionen, die von der Panzerung nicht betroffen werden (die logischen und die Naturgesetze, die lebenserhaltenden Instinkte und die lebensnotwendige Arbeit), und jene rationalen Menschen, die diese Kernfunktionen verkörpern (also alle Menschen, die nicht oder nur minimal an der Emotionellen Pest erkrankt sind, d.h. dem Drang, der Lebensentfaltung aus Frustration einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen).
Arbeitsdemokratie bedeutet nicht, den Menschen die Verantwortung zu nehmen, indem man sie als Opfer hinstellt, sondern ihnen die Verantwortung aufzubürden. Und als solche naturwissenschaftlich-„medizinische“ Herangehensweise hat die Arbeitsdemokratie praktisch nichts zu tun mit Rackelmanns „feministischer“ Ideologie, die sogar noch oberflächlicher ist als die gängige irrationale Machtpolitik (sekundäre Schicht). Diese „intellektuelle“ Kontaktlosigkeit wird deutlich, wenn Rackelmann allen Ernstes behauptet, Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie sei ein Vorläufer der „basisdemokratischen Organisationsformen der neuen sozialen Bewegungen“ gewesen (S. 23). Rackelmann vertritt die politisch korrekte Fassade. Bezeichnend ist, daß seine Arbeit mit einem Motto ausgerechnet von Erich Fromm beginnt, dessen gesamtes System auf der sozusagen „Entkernung“ der Reichschen Gedanken beruht!
Bernd Guggenberger sagt zu den „basisdemokratischen Organisationsformen der neuen sozialen Bewegungen“: Die
moralische Selbstaufrüstung durch Inanspruchnahme einer imaginären „Allgemeinheit“ und „Eigentlichkeit“ hat die Neue Linke zu einem virtuos gehandhabten Instrumentarium systematischer Verunsicherung erweitert.
So
erfüllt die Berufung auf die „Basis“ für die Strategen der Systemüberwindung vor allem die Funktion, die fehlende Eigen-Legitimität auch für eine Position sicherzustellen, welche sich nicht auf die Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung berufen kann. (…) Die „Basisdemokratisierung“ (…) verkommt zum bloßen Instrument der Selbstversicherung der neuen Elite. (Weltflucht und Geschichtsgläubigkeit. Strukturelemente des Linksradikalismus, Mainz 1974)
Guggenberger fährt fort:
Die subkulturelle Version des Modells der Basisgruppen orientiert sich vor allem an Wilhelm Reichs Feststellung, das Klassenbewußtsein werde keineswegs allein durch die großen Kämpfe der Arbeiterklasse, durch Haupt- und Staatsaktionen der großen Politik bestimmt, sondern ganz wesentlich durch verinnerlichte Werte der Werbe-, Konsum- und Freizeitwelt, des sexuellen Bereichs, der Alltagsphäre. (Was ist Klassenbewußtsein?) Die bewußte Organisierung von „Basisprozessen“ auch außerhalb des direkten Machtkampfes war daher auch eine zentrale Forderung der Kommune 2.
Zur Untermauerung seiner Kritik am Marxismus verwendet Rackelmann Reichs Dreischichtenmodell der Charakterstruktur (S. 19). Die oberste Schicht, die soziale Fassade ist für Rackelmann die „bürgerliche Fassade“, z.B. des „konservativen Politikers im Bordell“. Daß damit aber auch Rackelmanns „feministisches“ Getue gemeint sein könnte, kommt gar nicht erst über den Horizont des Bewußtseins, denn schließlich ist man (und frau) ja authentisch. Er erfaßt zwar anhand der Marxistischen „Biologismus“-Kritik an Reich, daß die Kommunisten vom biologischen Kern getrennt sind, verleugnet aber gleich darauf selbst den bioenergetischen Kern, wenn er anprangert, „wie Menschenkörper zu faschistischen Männerkörpern zugerichtet werden“ (S. 22). Was um alles in der Welt ist ein „Menschenkörper“? Es gibt (wenn man mal von Hermaphroditen absieht) nur „Frauenkörper“ und nur „Männerkörper“! Der „Menschenkörper“ ist ein antibiologisches („faschistischer Männerkörper“!), verkopftes Konstrukt linker Theoretiker, die vollständig von ihrem Kern abgeschnitten sind.
Es geht hier nicht um Rackelmann, sondern um die Lebenslüge des gesamten politisch korrekten „Reichianismus“ in Deutschland, der im Namen des Lebendigen aus der Orgonomie eine linke Ideologie macht, die in ihrer Lebensfeindlichkeit dem Stalinismus in nichts nachsteht – nur, daß man sich noch weniger gegen sie wehren kann. Man denke nur daran, was feministische Kinderschutzgruppen oder extremistische Tierschützer, „Veganer“ und andere derartige Gruppen organisierter „Eigentlichkeit“ anrichten.
Zur Zeit der Sexpol wurde Reich von der KPD zur Mitgliederwerbung mißbraucht. Heute nimmt z.B. entsprechend die „neue“ Linke buchstäblich alles Wahre, Gute und Schöne mitsamt ihrer Vertreter in Beschlag. Diese Grundtendenz zum Mißbrauch des Lebendigen ist keine Stalinistische Entstellung, sondern gehört zum falschen, verlogenen Grundwesen des Marxismus („die soziale Fassade“). Deshalb sind Marxisten, gerade wenn sie sich Reich positiv zuwenden, die Todfeinde der Orgonomie. Diese „rote Faschisierung“ der Orgonomie ist ein umfassendes charakterologisches Problem, weniger eines der bewußten Marxistischen Ideologie.
Die „neuen sozialen Bewegungen“, insbesondere die Partei Die Grünen, haben gezeigt, worum es geht: Man gibt vor, den bioenergetischen Kern zu vertreten („Eigentlichkeit“ im Gegensatz zur „verlogenen bürgerlichen Gesellschaft“), tatsächlich vertritt man aber selbst nur die oberflächliche Fassade, die, wie Guggenberger ausgeführt hat, in den Dienst der Sekundären Schicht tritt. Auf diese Weise wird aus Reichs Konzept „Arbeitsdemokratie“ nichts andere als guter alter Roter Faschismus.
