Mit ‘Karl Marx’ getaggte Artikel

Wo bleibt Marx?

9. Februar 2013

In der neusten Ausgabe der Annals of the Insitute for Orgonomic Science stellt der australische Orgonforscher Dean Davidson eine berechtigte Frage: In den Veröffentlichungen des American College of Orgonomy sei, so Davidson in seinem Aufsatz „Foundations for a Functional Analysis of Economics“, ständig von einer „funktionellen Ökonomie“ die Rede, aber Marx wird von den Schülern Elsworth F. Bakers nie erwähnt. Wenn doch, dann allenfalls als Vertreter der mechano-mystischen Weltanschauung und als pestilenter Charakter. Wie kann das sein, wenn Reich in seinen Schriften bis zuletzt Marx‘ Werttheorie als die Grundlage jeder orgonomischen Überlegung zur Ökonomie hervorgehoben hat?!

Davidson führt aus, daß die besagten neueren Überlegungen zur Ökonomie, etwa über den „freien Austausch“ zwischen den Wirtschaftsteilnehmern, gut und richtig sein mögen, doch falle vollkommen unter den Tisch, daß dies nur unter vor-kapitalistischen (bzw. vor-patriarchalischen) Bedingungen im vollen Umfang gelten könne. Heute würden, so Davidson, die Wirtschaftsbeziehungen von jenen von den Menschen vollkommen unabhängigen Gesetzen bestimmt, die Marx entdeckt und auf die sich Reich immer wieder berufen habe: die Arbeitswertlehre und die Mehrwertlehre, der Unterschied zwischen Tauschwert und Gebrauchswert.

Klingt gut! Das Problem ist nur, daß eine oberflächliche Funktion (die von Marx angeblich entdeckten angeblichen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus) wichtiger sein soll als eine tiefere Funktion: der Charakter. Und selbst diese Formulierung ist fragwürdig, denn sie suggeriert, daß Marx in irgendeiner Weise praxisnäher („oberflächlicher“) sei. Doch aus dem charakterologischen Ansatz folgt unmittelbar eine gangbare Praxis, wie Reich in seiner Analyse des Scheiterns des Marxismus („Vulgärmarxismus“) in Die Massenpsychologie des Faschismus aufgezeigt hat, während aus der „polit-ökonomischen“ Analyse wirklich nur eins folgt: das gegenwärtige Wirtschaftssystem müsse zerstört werden. Die Marxsche Theorie ist jenseits der „Mobilisierung zur Revolution“ für die Praxis vollkommen folgenlos, denn kein Arbeiter benötigt irgendwelche wirren („dialektischen“) Theorien über den „Mehrwert“, um zu wissen, daß er ausgebeutet wird. Der Marxismus „beweist“ ihm nur eins, daß, egal welchen Lohn er in einer florierenden Wirtschaft auch immer bekommt, der Kapitalismus prinzipiell illegitim ist! Der Marxismus ist eine Lehre der Zerstörung und sonst nichts.

Und was soll diese ominöse Praxis des charakterologischen Ansatzes sein? Welch eine Frage! Es geht schlicht darum, die Arbeitsdemokratie zu verwirklichen, indem man sich beispielsweise dem allgegenwärtigen Drang zur Verantwortungslosigkeit entzieht. Wer behauptet, dieser angestrebte „freie Austausch“ müsse in einer kapitalistischen Gesellschaft Illusion bleiben, da diese von objektiven Gesetzmäßigkeiten bestimmt werde, die die Selbstverwirklichung der Individuen unmöglich mache, da alles dem unerbittlichen Diktat der Profitmaximierung unterworfen sei, sollte „den Laden dichtmachen“ und sich der KPD/ML oder so anschließen! Außerdem sollte er niemals eine Orgontherapie beginnen, denn in einer derartig kranken Welt, kann sich die Gesundheit eh nicht entfalten. Das gleiche gilt dann natürlich auch für Reichs Projekt „Kinder der Zukunft“.

Indem Marx die beiden Gegebenheiten „Wert“ und „Ausbeutung“ miteinander verbunden hat, hat er die Grundlagen der Arbeitsdemokratie zerstört, denn Wert ist mit unserer bioenergetischen Arbeitsfunktion verbunden, während es bei der Ausbeutung schlichtweg um eine Machtfrage geht („wieviel kriegt jeder vom Kuchen ab“). Werden diese beiden Sphären vermengt, kommt Moral dort ins Spiel, wo sie nicht hingehört: „Ich habe nicht nur für den Teil des Kuchens gearbeitet, den ich erhalte, sondern auch für den, den du ungerechterweise erhältst.“

In einer Welt, in der die beiden Gegebenheiten „Wert“ und „Ausbeutung“ getrennt werden, ist Raum für das Lebendige. Eine Welt, in der „Wert“ unlösbar mit „Ausbeutung“ verbunden ist, kann man nur noch zu zerstören trachten, um das Lebendige zu befreien. Das erklärt den ganzen religiösen Wahnwitz der Kommunisten, die 100 000 000 Menschen ermordet haben, um das Paradies auf Erden zu errichten. Es ist bezeichnend, daß sie dabei eine Welt geschaffen haben, in der nicht nur Menschenleben, sondern überhaupt nichts mehr einen „Wert“ hat.

Warum Reich nicht sehen konnte, daß zwischen Werttheorie und Rotem Faschismus ein Gleichheitszeichen gehört, ist biographisch zu erklären. Daß „Reichianer“ es nicht sehen können, ist nur charakterologisch erklärbar.

Und Marx selbst war nichts weiter als ein Haufen Scheiße:

The Journal of Orgonomy (Vol. 32, No. 2, Fall/Winter 1998)

25. August 2012

In einem editorischen Vorwort zur Übersetzung von Reichs 1935 verfaßten Schrift Masse und Staat („From the History of Orgonomy: Masses and State: To the Question of the Role of the Mass Structure in the Revolutionary Movement”, S. 131-150) reiht der Orgonom Robert A. Harman Reichs damaligen „Marxismus“ in die Geschichte der orgonomischen Soziologie ein:

Es sei Reich bereits in den 1930er Jahren darum gegangen, wie die Werktätigen ihr Leben selbst in die Hand nehmen, beispielsweise die Fabrik, in der sie arbeiten, selbst leiten. Reich:

Allein die Frage: „Wie richten wir unseren Betrieb ein, wenn wir und nicht die Kapitalisten über ihn zu verfügen haben? Welche Schwierigkeiten werden wir zu überwinden haben? Wie rationalisieren wir den Betrieb, um die Arbeit zu erleichtern? Welche Kenntnisse müssen wir noch erwerben, um den Betrieb auch führen zu können? Wie richten wir es mit dem Wohnen, Speisen, mit der Kinderpflege usw. ein?“ hätten den ersten Ansatz dazu bedeutet, der Belegschaft des Betriebes das Gefühl zu geben: „Dieser Betrieb ist einmal unser.“

Nicht viel anders war Reichs Haltung in den 1950er Jahren, als er meinte, die Arbeiter in Amerika würden genug verdienen, um die Fabriken selbst zu übernehmen, wenn sie denn bereit wären, die Verantwortung zu tragen. Nicht die Kapitalisten, sondern ihre eigene charakterstrukturelle Verantwortungsscheu würde sie davon abhalten.

Der einzige Unterschied ist, daß es in den 1930er Jahren es andere waren, die meinten, daß Aussagen wie die oben zitierte, die auf die „psychische Verfassung“ und „Einstellung“ (d.h. die Charakterstruktur) der Arbeiter abzielten, dem Grundwesen des Marxismus widersprachen. In den 1950er Jahren war es hingegen Reich selbst, der konstatierte, daß Marx’ Ansatz „mittlerweile“ vollständig irrelevant geworden sei.

In Masse und Staat fragt Reich, warum die Arbeiter die Fabriken im revolutionären Prozeß nicht in eigene Regie übernehmen. Harman:

Zwanzig Jahre später brachte er denselben funktionellen Gedankengang auf neuartige Bedingungen zur Anwendung, um die Bedeutung des Marxismus neu einzuschätzen: In den 1950er Jahren stellte Elsworth Baker Reich die Frage, was Marx’ Platz in der Geschichte sei. Reich antwortete, daß Marx Arbeit aus dem folgenden Grund irrelevant geworden sei: Im Amerika der 1950er Jahre gäbe es Fabriken, wo die Arbeiter ausreichend verdienten, um es ihnen möglich zu machen, schließlich die Fabriken selbst zu kaufen, wenn sie willens seien, die Verantwortung auf sich zu nehmen, sie selbst zu leiten.

Für das Marxistische Konzept der „Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen“ war im Reichschen Oeuvre nie recht Platz, weil seine Sichtweise sich auf eine tiefere (biologische) Ebene richtete, die beide Klassen umfaßte: die Panzerung. Marx‘ Sichtweise impliziert, daß jeweils eine Klasse die Rationalität verkörpere, d.h. das progressive Element. Aus der biosoziologischen Perspektive Reichs hingegen, ist die Irrationalität umfassend, was sich vor allem daran zeigt, daß die Massen freiheitsunfähig agieren. Deshalb ist Marx irrelevant.

In anderer Hinsicht blieb Reich Marxist, wie er auch ganz offen 1953 in Menschen im Staat bekundete: er war und blieb ein Verfechter der Marxschen Arbeits- und Mehrwerttheorie. Ich habe das an anderen Stellen wiederholt diskutiert, beispielsweise hier.

Es ist deshalb alles andere als ein Widerspruch, wenn er sich dem konservativsten seiner damaligen Anhänger, Elsworth Baker, gegenüber explizit von Marx distanzierte, während er Victor Sobey, der politisch eher links stand, noch 1957 bei ihrem letzten Gespräch mit auf dem Weg gab, er, Reich, sei nach wie vor Marxist. Siehe dazu meinen Blogeintrag L. Ron Hubbard und Karl Marx.

Funktionell betrachtet ging es ihm in beiden Fällen um das gleiche: die Arbeitsdemokratie.

Baker bekräftigte er darin, weiterhin den anti-arbeitsdemokratischen „klassenkämpferischen“ Impetus der „Progressiven“ zu bekämpfen. Es ist schlichtweg undenkbar, daß sich Reich heute auf die Seite der Occupy-Bewegung („Eat the rich!“) schlagen würde!

An Sobey war die Mahnung gerichtet, bei all dem nicht den Wahrheitskern des Marxismus zu opfern: die lebendige Produktivkraft – Arbeitskraft – bei Karl Marx, die biologische Energie, die von der Panzerung blockiert wird. Siehe dazu meinen Blogeintrag Wie ist es zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise gekommen?.

Das alles ist logisch in sich konsistent und es ist vollkommen überflüssig, wenn „Bakers Leute“ mündlich bekunden, „so etwas“ hätte Reich zu Sobey nie sagen können. Genauso überflüssig ist es aber auch, wenn die Gegenseite ihrerseits Bakers Kritik am „Progressismus“ als „einseitig“ denunziert.

Zum Dialektischen Materialismus

12. August 2012

Genau zu der Zeit als Reich den Dialektischen Materialismus in die Naturwissenschaft einführen wollte, begannen die Marxisten, darin eine ausschließlich philosophische, rein abstrakt-logische Sache zu sehen, einfach weil sich herausstellte, daß praktisch kein einziges Beispiel, das Engels zum „naturwissenschaftlichen“ Beleg des Dialektischen Materialismus vorgebracht hatte, stichhaltig war. Naturwissenschaftlich war der Kommunismus widerlegt. Bei manchen Reichianern jedoch gehören die Marx-Engels-Werke scheinbar immer noch zu den heiligen Schriften – mehr noch als bei den Kommunisten selbst. Marx und Engels bringen diese „Reichianer“ unverbrüchliche Loyalität entgegen, während sie Reich in Grund und Boden kritisieren.

Es ist bezeichnend, daß auch Reich selbst offenbar mit dem Dialektischen Materialismus nichts anfangen konnte und ihn sehr schnell umformte, bis schließlich wirklich nichts mehr vom Dialektischen Materialismus übrigblieb. Interessanterweise heben die besagten „Reichianer“ zwar den Dialektischen Materialismus hervor, aber welche Rolle er denn genau spielt und was er überhaupt ist, wird nie ausgeführt.

Reich hat später selbst bekundet, und es ist auch aus den zeitgenössischen Veröffentlichungen ersichtlich, daß er schon vor 1927 funktionell gedacht hat, bevor er sich mit dem Dialektischen Materialismus auseinandersetzte. Auch frage ich mich, was für eine Forschungsmethode der Dialektische Materialismus eigentlich sein soll, wenn er in seinem ureigensten Gebiet, dem Historischen Materialismus, zu Ergebnissen führte, die Reich schließlich ablehnte (z.B. die Lehre vom Klassengegensatz und seiner dialektischen Auflösung).

Ich kann in der gerne vorgebrachten Unterscheidung zwischen Dialektischen Materialismus als „geschichtlichem Konzept“ und als „Forschungsmethode“, und überhaupt im Verwenden des Begriffs „dialektisch“ (statt „funktionell“) nur ein Motiv erkennen: ein politisches. Nach dem Motto: Marx hat die Dialektik im Bereich des Ökonomischen angewendet und Reich im Bereich des Biologischen.

Selbst wenn die Dialektik auf das allerprimitivste Niveau heruntergeschraubt und gesagt wird, daß „sich alles verändert“, paßt Reich nicht hinein, etwa, wenn man daran denkt, daß er, fast schon „Schopenhauerianisch“, sagt, der Christusmord hätte sich überall und zu jeder Zeit exakt genauso ereignen können, sich gesellschaftlich also nichts wirklich verändert hat in der gepanzerten Gesellschaft.

Schauen wir uns den zentralen dialektischen Satz in Marx’ Kapital an:

Die kapitalistische Produktions- und Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigene Arbeit gegründeten Privateigentums (= Ausbeutung der Arbeitskraft der Proletarier, PN). Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation. Es ist Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf Grundlage der Errungenschaften der kapitalistischen Ära, der Kooperation freier Arbeiter und ihrem Gemeineigentum an der Erde und den durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmitteln. (Frankfurt 1978, S. 705)

Das ist die zentrale Aussage des Historischen Materialismus: „Die Expropriateurs werden expropriiert“ (ebd.). Es geht um die Ermordung von 100 000 000 Menschen im Namen einer primitiven pseudo-materialistischen Scholastik; einer Art pseudo-materialistischer Religion mit absoluter Heilsgewißheit.

Findet der Leser die obige triadische Denkfigur (Position – Negation – Negation der Negation) auch nur ansatzweise irgendwo in der Sozialen Orgonomie? Diese Hybris, die einzig mögliche zukünftige „trichterförmige“ Entwicklung der Menschheit erkannt zu haben?

Ist die bescheidene Suche nach CFPs (Gemeinsamen Funktionsprinzipien) nicht etwas grundsätzlich anderes? Ist deren „fächerförmige“ Entwicklung (in den Grenzen des CFP) nicht zukunftsoffen?

Wie ist es zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise gekommen?

3. Juli 2012

Alexander Solschenizyn zufolge liegt die Marxistische Analyse immer falsch. Man betrachte einmal die gängige Marxistische Erklärung der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus, die darauf hinausläuft, daß die Automatisierung rapide zugenommen hat, deshalb der Markt gesättigt ist und damit die Arbeit knapp wird. Es könne deshalb kein Mehrwert, der ausschließlich aus der menschlichen Arbeitskraft hervorgehen kann, mehr erwirtschaftet werden. Der Kapitalismus sei damit am Ende. Das Kapital versuche zwar verzweifelt sich am „Kapitalmarkt“ sozusagen durch „Selbstbefruchtung“ zu vermehren, doch das sei zum Scheitern verurteilt und mache den Fall ins Nichts für den Kapitalismus nur um so steiler. Die „Arbeitsgesellschaft“ habe ausgedient und eine neue planwirtschaftliche Gesellschaftsordnung sei unausweichlich.

Diese Marxistische Analyse hat einen wahren Kern, auf den Reich als einziger hingewiesen hat. Es dreht sich wirklich alles um die Arbeitsfunktion. Damit steht jedoch etwas im Mittelpunkt, was die Marxisten, für die Menschen nur „Charaktermasken“ ihrer objektiven Rolle im wirtschaftlichen Gefüge sind, nie begriffen haben bzw. nie nachvollziehen konnten: die Charakterstruktur der Massen.

Dazu eine bezeichnende Begegnung mit einem alten Bekannten von mir. Ein Beamter im gehobenen Dienst mit lebenslanger Absicherung, einem sehr hohen Einkommen, großen Ersparnissen, die gewinnbringend angelegt wurden, einer lächerlich geringen Arbeitsbelastung. Eines Tages drückt mir dieser Kerl seine neue Bibel in die Hand, nach der er mittlerweile sein ganzes Arbeitsleben ausgerichtet habe: Die Entdeckung der Faulheit: Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun von Corinne Maier. Ich solle mich doch auch nicht mehr von meinem Chef terrorisieren lassen. Passiver Widerstand sei angesagt! Der Bestseller kommt aus Frankreich, wo eh die meisten für den Staat arbeiten und die 35 Stundenwoche gilt!

Der Kapitalismus kollabiert aus dem gleichen Grund wie der Sozialismus kollabiert ist: aus mangelnder „Arbeitsmoral“. Oder wie das Leitmotiv der Werktätigen in der „DDR“ lautete: „Ihr tut so, als würdet ihr uns bezahlen und wir tun so, als würden wir für euch arbeiten!“

Das Wort „Arbeitsmoral“ ruft zwar weitgehend die richtigen Assoziationen hervor, ist jedoch in der Hinsicht irreführend, daß es hier nicht um eine moralische, sondern um eine bioenergetische Frage geht. Während in der alten autoritären Gesellschaft vor allem die Sexualität geschädigt war, ist es in der neuen antiautoritären Gesellschaft, die sich seit etwa 1960 ausgeformt hat, die Arbeitsfunktion. Ich habe mich darüber bereits in Der Rote Faden: Aldous Huxley ausgelassen.

In der antiautoritären Gesellschaft, die tatsächlich aus „materiellen Gründen“ entstanden ist, kommt es zu einer alle Gesellschaftsschichten umspannenden Einstellung der Verantwortungslosigkeit, zu Anspruchsdenken und Rebellion gegen vermeintliche „Ausbeutung“ (selbst von höheren Beamten!). Hinzu kommt, daß jene, die in der voll ausgeprägten antiautoritären Gesellschaft aufgewachsen sind, d.h. die Generation Facebook, von vornherein gar nicht mehr arbeitsfähig sind. Mit diesen Vollidioten, man denke nur an die „Piraten“, kann niemand mehr etwas anfangen.

Auch wenn einem immer wieder rührselige Geschichten über Leute gezeigt werden, die sich todarbeiten: in Ländern wie Griechenland, wo die Arbeitsfunktion schon immer gestört war, ist sie durch den Einfluß sozialistischer Politiker in den letzten Jahren vollends zusammengebrochen. Allgemein kranken die „Südländer“ der Europäischen Union unter einer mangelnden Arbeitsmoral, was vor allem eine Auswirkung der jahrhundertealten katholischen Unkultur ist.

Ganz ähnlich sieht es in Amerika aus. Deutsche Unternehmen sind immer wieder entsetzt, wie schlecht die Leute ausgebildet sind, was für einen geringen Arbeitsethos sie haben und wie niedrig allgemein die Produktivität ist. Beispielsweise ist die Challenger-Katastrophe unmittelbar auf den alles durchdringenden Pfusch zurückzuführen. Diese Unkultur, in der alles nur ein „Job“ ist, der lustlos erledigt wird, wurde vor Jahren beispielsweise in dem Buch Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig aus dem Jahr 1974 angeprangert und, wie der Titel schon zeigt, denkbar ungeeignete Gegenmittel vorgeschlagen.

Würde man der Marxistischen Analyse folgen und die „Arbeitsgesellschaft“ überwinden, käme es zu einer dramatischen Verschärfung des heimlichen Dauerstreiks und zum endgültigen, vielleicht irreversiblen Kollaps der Gesellschaft. Milliarden Menschen, die ihr Überleben einzig und allein dem Kapitalismus verdanken, würden elendig verrecken. Da die Menschen unfähiger sind denn je, ihre eigenen Angelegenheiten zu handhaben, würde sich der Sozialismus eh als nichts anderes entpuppen als eine Art Neo-Feudalismus – wie er sich in der EUdSSR ohnehin bereits abzeichnet.

Ralf Dahrendorf hat 2009 versucht, die damals anhebende Wirtschaftskrise auf „Mentalitäten“ zurückzuführen: „verhaltensprägende Leitkulturen, die bei Minderheiten beginnen, dann aber ganze Gesellschaften erfassen“. In der alten (in unserem Sprachgebrauch: in der triebgehemmten autoritären) Gesellschaft habe der „Sparkapitalismus“ vorgeherrscht, wie ihn Max Weber im Zusammenhang mit der protestantischen Ethik beschrieben hat. Diese besage, daß „das kapitalistische Wirtschaften eine verbreitete Bereitschaft verlangt, unmittelbare Befriedigung aufzuschieben“.

In dem, was wir als „triebhafte antiautoritäre Gesellschaft“ bezeichnen, hat sich ein grundlegender Mentalitätswandel zugetragen. Zunächst wurde immer mehr Wert auf Konsum gelegt, was die protestantische Arbeitsmoral untergrub. Auf diesen „Konsumkapitalismus“ folgte dann, angefangen in den 1980er Jahren, der „Pumpkapitalismus“:

der Schritt vom Realen zum Virtuellen, von der Wertschöpfung zum Derivathandel. Die Haltung, die sich ausbreitete, erlaubte den Genuß nicht nur vor dem Sparen, sondern überhaupt vor dem Bezahlen. „Enjoy now, pay later!“ wurde zur Maxime. Sie erfaßte alle Bürger, auch die, die das heute nicht gerne hören. Sie wurde dann aber zur Einladung an die subtilen Konstruktionen derer, die sich darauf kaprizierten, aus Geld Geld zu machen. Genauer gingen die daran, aus Geld, das ihnen nicht gehörte und das es vielleicht gar nicht gab, Geld zu machen, das sie in die Welt der Superreichen katapultierte.

Ein Zurück zur protestantischen Ethik werde es, so Dahrendorf weiter, zwar kaum geben.

Wohl aber ist eine Wiederbelebung alter Tugenden möglich und wünschenswert. (…) Arbeit, Ordnung, Dienst, Pflicht bleiben Erfordernisse der Voraussetzungen des Wohlstandes; der Wohlstand selbst aber bedeutet Genuß, Vergnügen, Lust und Entspannung. Menschen arbeiten hart, um im strengen Sinn überflüssige Dinge zu schaffen. (…) Zum Sparkapitalismus werden wir nicht zurückkehren, wohl aber zu einer Ordnung, in der die Befriedigung von Bedürfnissen durch die nötige Wertschöpfung gedeckt ist.

Ohne es zu ahnen, kommt Dahrendorf hier dem Kern des Problems und seiner Lösung sehr nahe. Ich habe den Zusammenhang zwischen Arbeit, Konsum und der Reichschen Orgasmustheorie an anderer Stelle ausführlich ausgeführt.

Zusammenfassend kann man mit Dahrendorf sagen, daß es grundsätzlich drei Theorien der Krise gibt, die man mit den Namen Marx, sowie (wie ich finde) Freud und Reich verbinden kann:

  • Marx hatte recht, als er auf die Arbeitskraft als Quelle allen Reichtums hinwies. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß uns eine Marxistische Analyse irgendwo hinführt. Oder wie Dahrendorf süffisant anmerkt:
    Hatte nicht Karl Marx schon prophezeit, daß es mit dem Kapitalismus ein schlimmes Ende nehmen werde? Das war zwar vor anderthalb Jahrhunderten, in denen allerlei geschehen ist, aber manche kümmert die kleine Verzögerung wenig.

  • Freud hatte recht, als er darauf hinwies, daß Menschen aus irrationalen, letztendlich infantilen, Gründen heraus handeln. Beispielsweise wird die Krise, die im September 2008 ihren Anfang nahm, mit falschen Entscheidungen von Politikern und ganz ernsthaft etwa auf „persönliche Animositäten zwischen dem Lehman-Chef Richard Fuld und dem damaligen Finanzminister Henry Paulson“ zurückgeführt. Zu erwähnen ist auch das Treiben von Finanzbetrügern wie Bernard Madoff, etc.
  • Für Reich sind beide Ansätze bis zu einem gewissen Grade weiterführend, doch dies nur, wenn man stets die zugrundeliegende Regulierung der biologischen Energie in den Massenindividuen, d.h. die Charakterstruktur der Massen, im Auge behält. Letztendlich geht es um biologische Probleme der Arbeitsenergie und um das, was Dahrendorf mit dem Begriff „Mentalität“ umschreibt, d.h. um bio-soziale Prozesse.

Berliner „Orgonomie“: Nach Reich (Teil 2)

28. Juni 2012

Was sonst noch über Nach Reich sagen? Es ist in weiten Teilen ein überaus verdienstvolles Buch. Kein Wunder, denn für 70 Prozent des Materials hat das American College of Orgonomy das Copyright. Um das möglich zu machen, wurde das Journal of Orgonomy schlechtweg enteignet. Nur auf S. 306 von Nach Reich wird sich für eine Abdruckerlaubnis aus einem Buch aus dem Jahre 1953 (sic!) bedankt. Alle anderen Copyright-Inhaber wurden einfach übergangen, denn die sitzen weit weg in Amerika und können sich nicht wehren, wie Jenkins, London, ein Großverlag mit Vertretungen in Deutschland.

Nicht nur, daß die ACO-Redaktionsmitglieder die Artikel bearbeitet, umgeschrieben und ediert haben und jetzt so unfreiwillig zu Mitarbeitern des Buchprojekts wurden – teilweise wurden aus den Artikeln des Journal of Orgonomy sogar die editorischen Anmerkungen von Baker & Co. übernommen! Übrigens sollte Anfang der 1980er Jahre genau solch ein Buch beim renommierten Verlag Payot in Frankreich erscheinen. Kurz vor dem Druck entschied sich dann der französische Verlag Paul Mathews‘ antikommunistische Artikel aus dem Kompendium zu streichen, da diese politisch nicht opportun waren. Das ACO hat daraufhin die Veröffentlichung verboten.

Daß eine solche restriktive Haltung ganz im Sinne Reichs ist, kann man etwa aus dessen Reaktionen auf Paul Ritters und David Boadellas Aktivitäten in England ablesen (siehe den Band Zeugnisse einer Freundschaft). Jetzt vertritt ausgerechnet Boadella mit einem Aufsatz über Pornographie die soziale Orgonomie in Nach Reich.

Boadellas Artikel ist schlicht degoutant. Zum Beispiel Herbert Marcuse vollkommen kritiklos neben Reich zu stellen, desgleichen Alexander Lowen, den besagten Ritter und Reimut Reiche (sic!) und die entsprechende pseudo-Marxistische Sauce – mit der man ebensogut das Gegenteil ideologisch untermauern könnte! Wo Pornographie wirklich hingehört, zeigt folgende orgonometrische Gleichung nach Reichs Massenpsychologie des Faschismus:

1946 erinnert sich Reich in seiner Rede an den Kleinen Mann:

Ein künftiger, derzeit noch verhinderter Führer, voll begeistert für die Diktatur des Proletariats, war auch für die Sexualökonomie begeistert. Er kam zu mir und sagte: „Sie sind wunderbar! Karl Marx hat den Menschen gesagt, wie sie ökonomisch frei sein können. Und Sie haben den Menschen gesagt, wie sie sexuell frei sein können. Sie haben gesagt: Geht hin und vögelt nach Belieben.“ (Fischer TB, S. 60)

Was bedeutet es, wenn nun Linke wie Reiche, Marcuse und Boadella gegen diese links-liberale, anarcho-linke Haltung polemisieren? Es ist eine Stalinistische Kritik – und der Artikel Boadellas argumentiert ja auch tatsächlich Marxistisch. Boadellas Artikel ist in Nach Reich der einzige, der in einem engeren Sinne die soziale Orgonomie vertritt – und ausgerechnet dieser Artikel bringt den Roten Faschismus zum Ausdruck!

Auf S. 372 wäre James Prescotts Aufforderung zur Nacktheit in der Familie Anlaß zu einer orgonomischen Fußnote gewesen, weil Kinder die Geschlechtsorgane von Erwachsenen eben tunlichst nicht sehen sollten. Eine Haltung, die Reich selbst als auch die heutigen Orgonomen einnehmen. Auch die anderen Forderungen Prescotts sind nicht nur kindisch und blauäugig, sondern auch zutiefst wahrheits- und freiheitshausiererisch. Ziemlich typisch für den verantwortungslosen, liberalistischen, oberflächlichen Pseudokontakt der politisch korrekten Gutmenschen. Wie viele zusätzliche Transvestiten, unheilbar hysterische Frauen und verzweifelte Machos werden Prescotts gutgemeinte Erziehungsvorschläge erzeugen?!

Nach Reich ist manchmal geradezu komisch, wenn z.B. James DeMeo erst seine nun ja wirklich unbestreitbar „systematische und wissenschaftliche“ Saharasiatheorie vorstellt – und gleich danach Hanspeter Seiler mit einer denkbar „unsystematischen und unwissenschaftlichen“ und auch unorgonomischen Theorie kommt. Sein Kosmonenraum ist mechanistisch und ohnehin prinzipiell unnachweisbar, – aber die Urmenschen sollen diese Kosmonen, die trilliarden-milliarden mal kleiner als der Splitter eines Sandkorns sind, gesehen und künstlerisch abgebildet haben, oder Kosmonen-Wirbel, die die Größe von Elektronen haben! Natürlich haben die Urvölker nicht subatomare „Kosmonen“, sondern die allseits sichtbaren Orgonwirbel und die atmosphärischen „Orgonpartikel“ dargestellt.

Auf S. 435 will Seiler erklären, warum es denn ausgerechnet auf dem amerikanischen Kontinent keine „Spiralkulturen“ gegeben habe: weil „der relativ geschlossene amerikanische Kontinentalblock wenig geographisch isolierte soziokulturelle Nischen aufweist, welche ein längeres Fortbestehen einer nicht-patriarchalischen Minderheitskultur ermöglicht hätte“. Nicht nur, daß das prinzipieller Blödsinn ist, darüber hinaus hatte vorher DeMeo im gleichen Buch das genaue Gegenteil bewiesen! S. 479 stellt dann DeMeo wieder seine Saharsia- und Seilers Spiralkultur-Theorie auf die gleiche Stufe als Weiterentwicklung der Orgonomie.

Ich stehe auf, gehe zum Bücherschrank und hole mir das Buch Zauber vergangener Reiche und betrachte mir die Abbildungen zu den amerikanischen Kulturen: ich sehe eine Gesichtsmaske mit Mosaiken belegt – die Spiralen auf den Wangen zeigt; der zapotekische Vegetationsgott ist voller Wellen und stilisierter S-förmiger Spiralen; die gefiederte Schlange Quetzalcoatl ist eine einzige verstrudelte Welle mit lauter Spiralen; die Reliefs der Mayas sind total verschnörkelt voller Spiralen; an den Tempeln hängen merkwürdige spiralförmige „Elefantenrüssel“ und sie sind voll reliefartiger eckiger Spiralmuster; ein aztekisches Schild ist mit einer eckigen Spirale verziert. Ich nehme Cerams Der erste Amerikaner: Tongefäß aus einem Pueblo mit klassischen Spiralen; Keramik aus dem Südwesten der USA mit Hund, dessen überlanger Schwanz zu einer Spirale geringelt ist; Keramik aus Arizona mit den so typischen indianischen zackigen Hakenkreuz-Spiralen; Tonwaren aus New Mexico mit zackigen und runden Spiralen; Tonfigur der Hohokam über und über mit Spiralen bedeckt; dutzendfach Töpferware der Hohokam voller Spiralen genauso wie sie Seiler in seinem Buch abbildet; Schlangen-Mound aus Ohio am Ende mit einer klassischen Spirale; Räuchergefäß der Hohokam mit klassischem Spiralband. Irgendwie fühle ich mich für dumm verkauft! Zum Beispiel die Töpferware der chinesischen Spiralkultur der Yang-Shoa auf S. 434, die Seiler zur Illustration seiner Theorien einfügt, wirkt geradezu typisch – indianisch!

Zentral in Seilers Aufsatz ist seine Interpretation der Abb. auf S. 440 als sexuelle Vereinigung. Nun, Bronislaw Malinowski fand, daß die Trobriandrische Mythologie und Kunst gerade durch einen auffälligen Mangel an sexuellen Anspielungen gekennzeichnet ist. (Da die Trobriander orgastisch potent waren, war ihr Kopf frei von Pornographie!) Ich glaube deshalb, daß die Abb. auf S. 440 etwas ganz anderes darstellt, als Seiler glaubt: ein Mann wird im Schlaf von einer der „fliegenden Hexen“ angegriffen, die sich von den Organen ihrer Mitmenschen ernähren. Es sieht ja auch ganz so aus, als würde eine Hexe auf einem Schlafenden knien und ihm das Herz, die Leber oder so rausreißen. Der größte Alptraum der Trobriandrischen Kanufahrer.

In seiner Einleitung, die Bernd Senfs Einführung in „Die Forschungen Wilhelm Reichs“ folgt, stellt DeMeo u.a. das Kriterium der „immanenten Kritik“ als Elle wissenschaftlicher Auseinandersetzung heraus. Wenig später auf S. 511 widersprechen dem Heiko Lassek und Michael Gierlinger „mit aller Entschiedenheit“ (!). Nachdem sie diverse andere Ansätze präsentiert haben, halten sie auf S. 527 die Frage nach Reichs Wissenschaftlichkeit sogar für „problematisch“ – nach Kriterien, die denen, die DeMeo angeführt hat, diametral entgegengesetzt sind!

Auf S. 530 behaupten Lassek und Gierlinger, Reich hätte die Bione als „Grundbaustein aller Zellen“ betrachtet – was einfach nicht stimmt. Bione sind eine Re-Organisation des Zellplasmas auf einer niederen Stufe. Zellen sind eine Re-Organisation des Bionplasmas auf einer höheren Stufe. „Bausteine“ sind Mechanismus pur.

Außer den Fotos von 1995 haben Lassek und Gierlinger nichts über ihre Forschungstätigkeit von 1980-84 zu berichten, was dem Leser unangenehm auffällt, zumal der zweite Artikel von einer atemberaubenden Inhaltsleere ist. Aus seinen Bion-Video-Filmen hätte Lassek wahrhaftig mehr berichten können.

S. 595f: Was ist eine „elektronische Mikrobenanalyse“? Auch in der Übersetzung von Bernard Grads Artikel kommt mir einiges merkwürdig vor. Wie man z.B. auf S. 599 molds, was doch wohl Schimmelpilze heißt, mit „Schablonen und Mustern“ übersetzen kann, wird wohl ein Rätsel bleiben. Desgleichen in der Übersetzung von Blasbands Arbeit: dort wird z.B. auf S. 608 die übliche internationale Längeneinheit Angström (bzw. „angstrom“) doch tatsächlich mit „Engström“ (sic!) übersetzt! Mit sowas, kann man in naturwissenschaftlichen Kreisen wahrhaftig keinen Respekt für die Orgonomie gewinnen!

Nach Reich S. 617: im Original ist von „cell-wall-deficient bacteria“ die Rede. Nach Reich übersetzt doch tatsächlich mit „zellwandschädigenden Bakterien“! Diese Übersetzungskünste sind mir erst nach 600 Seiten aufgefallen. Der Übersetzer verbindet eine bulldozernde Selbstsicherheit mit einer atemberaubenden naturwissenschaftlichen Ignoranz: S. 773 erklärt er den Autoklavierungstest des Blutes als „Sterilisationstest“!

Abschließend könnte man einwenden, daß doch das gute und orgonomisch authentische Material in Nach Reich das schlechte und entstellende wettmachen würde. Nein, es ist in der gepanzerten Welt stets umgekehrt: das gute Material potenziert die Wirkung und Durchschlagskraft des schlechten Materials. Genau aus diesem Grund wollte Reich Leute wie Ritter und Boadella weghaben.

Reich und Marx (Teil 1)

8. März 2012

Reich ist die Unhaltbarkeit seiner Beziehung zu Marx nie ganz aufgegangen, wohl aber den echten Marxisten in seiner unmittelbaren Umgebung, wie z.B. Willy Brandt:

Damals, Mitte der dreißiger Jahre im Osloer Exil, war Brandt fasziniert von den „sexualökonomischen“ Diskussionsbeiträgen des Psychoanalytikers [Wilhelm Reich], wenngleich dem jungen Marxisten [Brandt] der „Klassenkampf“ wichtiger erschien als die „sexuelle Frage“. Zusammen mit dem Historiker Johan Vogt, einem späteren Universitätsprofessor, übersetzte Brandt – quasi als Beleg für die „richtige Gesinnung“ – das Hauptwerk von Karl Marx, Das Kapital, ins Norwegische. Immerhin als Erstausgabe.

So Rudolf Schröck in der Heyne-Biographie über Willy Brandt (München 1991, S. 71f), – der also Marx übersetzt hat, explizit um Reichs sexualökonomische Theorien zu widerlegen!

Orgonomie und Marxismus sind wirklich vollkommen unvereinbar. Während Reich vom Konflikt der äußeren gesellschaftlichen Verhältnisse mit den inneren Bedürfnissen ausging, die das Ziel der erstrebten gesellschaftlichen Veränderung vorgeben, war Marx’ Ausgangspunkt ja grade die Kritik exakt dieses „idealistischen Utopismus“ und die Rückführung des Innenlebens (d.h. der Triebe) auf die Umwelt und die historischen Prozesse, deren bloßer Widerschein es sei. Während Reich vom funktionellen Ganzen ausging, kritisierte Marx genau solche „idealistische Ganzheitsschau“ und baute sein System auf der Ware als „einfachstem ökonomischen Konkretum“ auf. Was ganz allgemein „Idealismus“ betrifft hat sich aus orgonomischer Sicht grade Marx einer auf den Kopf gestellten Weltsicht schuldig gemacht, denn er hat die bloßen Symptome der gesellschaftlichen Misere als deren Ursache verkauft – die Welt von den Füßen auf den Kopf gestellt.

Der Kapitalismus krankt an seinen kranken Menschen, z.B. daß im freien Medienmarkt mit den vielen Privatsendern der Pöbel alles auf das niedrigst mögliche Niveau drückt. Freie Marktwirtschaft kann nur funktionieren, wenn richtig „bewertet“ wird, z.B. wäre in einer rationalen Gesellschaft Heroin wertlos, egal wie rar es ist, während wissenschaftliche Publikationen keine überteuerten Ladenhüter wären. Ein anderes Beispiel ist, daß das organisierte Verbrechen von den Perversionen lebt, die der Sexualunterdrückung entspringen. Freie Marktwirtschaft ist nur in einer sexuell gesunden Gesellschaft möglich. Marxisten sind wie verklemmte Spießer, die behaupten, daß Pornographie Ursache der sexuellen Nöte sei, in Wirklichkeit ist sie nur ein Symptom. Die Marxisten kleben an solchen Symptomen („Ausbeutung“), dringen aber nie zu den sexualökonomischen Ursachen vor.

Was nun Reichs Hinwendung zu Marx betrifft muß man aber auch sehen, daß zu seiner Zeit nur der Marxismus die dialektische Sichtweise explizit vertrat. Doch implizit war sie auch bei Freud und der ganzen deutschen Geistestradition vorhanden und bei Kammerer gab es z.B. fast schon so etwas wie eine „Dialektische Energetik“. Außerdem hat der Marxismus als (vorgeblich) wissenschaftliches System der Wirtschaft und der Geschichte gut als Gegengewicht zu Reichs psychobiologischen Konzepten gepaßt. Ohne diese „materialistische“ Untermauerung wäre Reich schließlich gescheitert, weil er sich in einem wirklichkeitsfernen Gestrüpp verfangen hätte. Man betrachte etwa das System von C.G. Jung und andere derartige weltanschauliche Konstruktionen auf der Grundlage psychologischer Konzepte. Der Marxismus hat Reich davon abgehalten, ein in sich stimmiges, aber ansonsten realitätsfernes Gedankensystem zu errichten, eine „Weltanschauung“.

Diese Gefahr sieht man noch heute in der Orgonomie, wo alle politischen Fragen ausschließlich vom „soziopolitischen Charakter“ her gesehen werden, so als würden rein materielle Interessengegensätze keine Rolle spielen. Was Not tut, ist ein neues orgonomisches Verständnis der Geschichte und eine neue orgonomische Wirtschaftstheorie, d.h. neben die „Charakteranalyse“ muß eine „ökonomische Analyse“ und eine „Geschichtsanalyse“ treten, also ein wissenschaftliches Äquivalent zum pseudowissenschaftlichen Ideologiegebäude des Marxismus – nicht einfach nur die Extrapolation von der Behandlungscouch des Orgonomen auf die Gesellschaft.

Ich glaube, es gibt bei Reich neben diesem rationalen auch ein irrationales Moment, sich dem Marxismus zuzuwenden. Man bekommt den Eindruck, daß Reich sich zum Kommunismus bekannt hat, um mit seiner eigenen Angst vor der Orgasmustheorie fertigzuwerden. Ist es nicht auffallend, daß ausnahmslos alle Marxisten die Libidotheorie und erst recht die Orgasmustheorie abgelehnt haben? Reich ist in seiner großen Krise 1926-27, als er immerhin schon reife 30 war, Marxist geworden. Was geschah damals? Brach wirklich Reichs soziales Gewissen durch? Schließlich war er damals schon längere Zeit Mitglied der Sozialistischen Partei (wie viele Psychoanalytiker). Waren die Kommunisten wirklich so attraktiv? 1927 trat Reichs enger Freund Willy Schlamm aus der Partei aus, da sich schon damals der Stalinismus abzeichnete. Brauchte Reich vielleicht in seiner schlimmsten existentiellen Krise so etwas wie einen „religiösen“ Halt?

Der Kommunismus ist in drei Teilen dogmatisch aufgebaut:

  1. Dialektischer Materialismus, wie er von Engels kanonisiert wurde;
  2. Historischer Materialismus, wie er in Marx’ Kapital dargestellt ist; und
  3. Wissenschaftlicher Kommunismus, die Revolutionstheorie Lenins.

Ausgerechnet der mittlere und auf den ersten Blick für Psychoanalyse und Orgasmustheorie wichtigste Teil fällt bei Reich praktisch ganz weg, ausgenommen einem ziemlich läppischen Artikel über Marx’ Mehrwerttheorie aus dem Jahre 1936 (der später in Menschen im Staat nochmals veröffentlicht wurde). Der Historische Materialismus wird nie wirklich ins Reichsche Werk integriert, so wie Reich es mit dem Dialektischen Materialismus und dem Problem des Klassenbewußtseins (Wissenschaftlicher Kommunismus) getan hat. Marx’ Politökonomie hat Reich also kaum zu den Kommunisten gezogen, z.B. kommt die theoretisch Reich so naheliegende Entfremdungstheorie, soweit ich es überblicke, mit keinem Wort bei Reich vor, das gleiche gilt für den „Fetischcharakter der Ware“. Reich als „Freudo-Marxisten“ zu bezeichnen, hat etwas Absurdes.

Demgegenüber scheinen Engels’ Bemühungen um die dogmatische Begründung der Marxschen Lehre in einer Art neuen Scholastik namens „Dialektischer Materialismus“ und Lenins Schaffung eines „jesuitischen“ Parteimythos (der z.B. Hitler entscheidend inspiriert hat), die vor dem Hintergrund des pseudowissenschaftlichen Systems von Marx den Kern einer religiösen Bewegung bildeten, ganz anders auf Reich gewirkt zu haben. Der Kommunismus bot mit diesen beiden Elementen erstens eine alle Widersprüche erklärende dogmatische Sicherheit, wie sie sonst nur der Katholik vor dem Zweiten Vatikanum kannte (Dialektischer Materialismus), und zweitens eine erlösende Unio mystica mit dem Corpus Christi, der Partei.

Diese Elemente brachten Reich zur Partei, ein Reich der grade dem Tod von der Schippe gesprungen war (TBC) und der wohl zum ersten Mal selbst eine scheiß Angst vor der Orgasmustheorie bekam, deren Bedeutung ihm erst durch das negative Feedback von Freud und seinen Kollegen aufging. Man kann sich wohl kaum vorstellen, in was für einer Todesangst sich der 30jährige Reich befand. Da bot die KP das rettende Ufer in geistiger Hinsicht und viel sozialen Aktivismus zur Ablenkung.

Die späteren „Reichisten-Marxisten“ haben den Widerspruch zwischen Sexualität und kommunistischer Ideologie auf zweierlei Weise aufzuheben versucht:

Erstens funktioniere der Sozialismus nur deshalb nicht, weil es nicht gleichzeitig eine sexuelle (biologische) Revolution neben der ökonomischen gegeben habe. Dem halten die Orgonomen entgegen, ob sich denn sexuell (biologisch) freie Menschen überhaupt dem sozialistischen Kollektiv unterwerfen wollen und ob solche Menschen überhaupt die Krücken des Sozialismus benötigten – der eine Reaktion auf die Freiheitsunfähigkeit des Menschen ist und auf ihr beruht.

Der zweite Reichistische Beitrag zum Sozialismus beinhaltet, daß es neben der politischen auch eine wirtschaftliche Demokratie („Arbeitsdemokratie“) geben müsse – daß die Demokratie nicht hinter den Fabriktoren aufhören dürfe. Dem ist entgegenzuhalten, daß die Arbeitsdemokratie eben nicht in dem Sinne demokratisch ist, daß jeder alles entscheiden kann oder daß über alles abgestimmt wird (es wäre z.B. das exakte Gegenteil von Arbeitsdemokratie, wenn die Drucker mitbestimmten, was gedruckt wird). Gleichheitsgrundsatz und Arbeitsdemokratie schließen sich geradezu aus. Und die Erreichung der Gleichheit funktioniert eben nur durch die antisexuelle Einebnung des Trieblebens: das sexuelle Tier mit seinem Drang nach Prestige, Individualität und Macht muß sozialisiert werden.

Sexualität und Arbeit (Teil 2)

4. Februar 2012

Es gibt biologistische und es gibt kulturalistische Wirtschaftstheorien.

Für die ersteren steht Hans Hass, der übergangslos das „Konkurrenzgeschehen“, etwa in einem Korallenriff, mit dem „Konkurrenzgeschehen“, etwa in der Automobilwirtschaft, verbindet. Hass hat beide Bereiche tatsächlich empirisch untersucht, während die „klassischen“ Theoretiker, angefangen mit Adam Smith, einfach davon ausgingen, daß es sich beim Wirtschaftsgeschehen um „natürliche“ Prozesse handle, obwohl Smith natürlich noch keine Ahnung von Evolution hatte.

Für eine kulturalistische Wirtschaftstheorie steht der Name Karl Marx: da ist nichts organisch gewachsen, sondern Resultat von Katstrophen („Revolutionen“), die jeweils neues Recht setzten, das teilweise das Gegenteil des vorangegangenen Rechts war.

Es ist offensichtlich, daß beide Ansätze etwas für sich haben. Jedoch ist ihre Bedeutung ziemlich eingeschränkt. Reich hat Anfang der 1930er am eigenen Leibe erfahren, wie imgrunde bedeutungslos eine mit schier unglaublicher Verblendung verteidigte kulturalistische Wirtschaftstheorie sein kann. Letztendlich setzt sich „die Biologie“ doch durch.

Biologistische Wirtschaftstheorien kranken jedoch daran, daß „Biologie“ nicht gleich „Biologie“ ist. Ja, funktionell gesehen, geschieht im Korallenriff genau dasselbe wie in der Automobilindustrie und das konkrete Verhalten der Wirtschaftssubjekte kann man vor dem Hintergrund des Geschehens in einer Schimpansenhorde so gut beschreiben, daß sich überprüfbare Voraussagen machen lassen.

Es treten bei dieser biologistischen Betrachtung jedoch zwei Probleme auf:

  1. ist der Mensch gepanzert und die Folgen der Panzerung werden von kulturalistischen Wirtschaftstheorien weit besser erfaßt (siehe beispielsweise André Orléans Kritik an der quasi als „Naturwissenschaft“ auftretenden Klassik und Neoklassik); und
  2. werden von den biologistischen Theorien die bioenergetischen Grundlagen alles Wirtschaftsgeschehens nicht erfaßt.

Kurz gesagt gehen sowohl kulturalistische als auch biologistische Wirtschaftstheorien davon aus, daß die Wirtschaftssubjekte zur Arbeit gezwungen werden, sei dies nun durch gesellschaftlichen Zwang („Recht“) oder durch den Druck der äußeren Umwelt („natürliche Auslese“). Letztendlich weil die Theoretiker selbst gepanzert sind, ist es ihnen grundsätzlich fremd, daß jemand aus innerem Drang und aus purer Freude tätig sein könnte und daß er durch diese „Verausgabung“ nicht etwa einen Verlust erleidet, sondern ganz im Gegenteil einen Gewinn.

Reich hat den ungepanzerten Menschen, in Gestalt von Jesus Christus, wie folgt beschrieben:

Christus gibt großzügig. Er kann großzügig geben, weil seine Fähigkeit, Lebensenergie aus dem Universum aufzunehmen, unbegrenzt ist. Christus meint nicht, daß er etwas Besonderes tut, wenn er anderen von seiner Kraft gibt. Er macht es gern. Mehr noch: er selbst braucht dieses Geben, denn er ist voller Kraft, bis zum Überfluß. Er verliert nichts, wenn er reichlich gibt. Im Gegenteil, er wird stärker und reicher, wenn er anderen gibt; nicht nur durch Freude am Geben. Er lebt auf von diesem Geben, denn seine Energie wandelt sich nun schneller um. Je mehr Kraft und Liebe er abgibt, desto mehr neue Kraft bekommt er aus dem Universum, desto größer und inniger ist sein Kontakt mit der Natur um ihn herum und desto klarer ist sein Bewußtsein von Gott, der Natur, der Luft, den Vögeln, den Blumen und den Tieren. Zu all dem hat er engen Kontakt, er nimmt es mit seinem orgonotischen Ersten Sinn wahr, sicher in seinen Reaktionen, harmonisch in seiner Selbstregulation und unabhängig von irgendeinem veralteten „du sollst“ oder „du sollst nicht“. (Christusmord, Freiburg i.B. 1978, S. 59f)

Arbeit funktioniert nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie die Sexualität: es ist Orgonenergie, die nach Befriedigung strebt (bioenergetische Expansion) und durch diese Aktivität den natürlichen bioenergetischen Expansionszustand (Vagotonie) aufrechterhält.

Selbstverständlich sind wir darüber hinaus auch dem, wenn man so will, „sympathikotonen“ Druck der Umwelt und der gesellschaftlichen Verhältnisse ausgesetzt, doch das sind nur sekundäre bzw. tertiäre Einflußgrößen, – die im übrigen außerhalb der Orgonomie voll erfaßt werden, während die wichtigste, die primäre Einflußgröße vollkommen unter den Tisch fällt. Wagt man die letztere zu erwähnen oder gar auf ihren primären und vordringlichen Status hinzuweisen, wird man mit hochmütigem Hohn überschüttet. Das ist so, weil „von rechts nach links“ die Theorien immer verwickelter werden:

L. Ron Hubbard und Karl Marx

20. August 2011

Der berühmte Scientologe Joe Feshbach ist gestern im Alter von 55 Jahren an einem Herzanfall gestorben. Er war ein „OT8“ (die höchste „spirituelle“ Stufe, die ein Scientologe erreichen kann) und er war ein Vertreter dessen, was den gegenwärtigen Kapitalismus so hassenswert macht. Feshbach hat mit sogenannten „Leerverkäufen“ an der Börse ein Milliardenvermögen gemacht. Dabei geht es darum, durch entsprechende Spekulationen Gewinn daraus zu schöpfen, daß bestimmte Aktien nicht etwa steigen, sondern fallen. Man leiht sich dazu (als nachvollziehbares Beispiel) eine Aktie im Wert von EUR 100 für eine geringe Gebühr von EUR 2 und verkauft dann diese Aktie ebenfalls für EUR 100, braucht dann aber nach einem dramatischen Kursverfall nur EUR 60 ausgeben, um sie zurückzukaufen und dem ursprünglichen Eigentümer der Aktie zurückzugeben. Gewinn innerhalb von ein paar Tagen: EUR 38. Mit der entsprechenden Anzahl von Aktien kann man jede Menge Nullen dranhängen! Beim gewinnbringenden Kursverfall kann man natürlich mit dem streuen entsprechender Gerüchte und mafiösen Methoden nachhelfen und so das eigene Risiko minimieren. Es ist die schiere Boshaftigkeit, Niedertracht und Destruktivität – mit der Feshbach zum Milliardär wurde und die organsierte Emotionelle Pest mit Riesensummen unterstützen konnte; Scientology, wo er derartiges Verhalten gelernt hat.

Neulich war ich Zeuge, wie ein Vertreter für Büroartikel mit einem Neuling spricht: Wenn er das Produkt an den Kunden verkauft, erhält er eine Provision von gerade mal EUR 150. Wenn er dem Kunden jedoch zusätzlich noch ein „B-Scan“ (was immer das auch ist) andrehe, würde die Provision sich auf EUR 450 verdreifachen. „Die Kunden brauchen das zwar gar nicht, aber Du mußt geschickt vorgehen und ihnen sagen, Du würdest dich für sie einsetzen und dafür sorgen, daß sie zusätzlich noch einen B-Scan erhalten. Mein Gott, wir werden doch auch ständig beschissen!“

Es geht hier nicht nur um schlichten Betrug. Nein, diese Vertreter geben sogar vor einen selbstlosen Freundschaftsdienst zu leisten; sich extra für den Kunden ins Zeug zu legen, weil ihnen der Kunde ja persönlich so sympathisch sei!

Daß so die Arbeitsdemokratie im Kern ausgehöhlt wird, braucht nicht näher ausgeführt zu werden. Es ist aber auch so, daß sich diese neunmalklugen Vertreter selbst Schaden zufügen.

Das haben neulich ausgerechnet Mark Fisher und Mike Rinder beschrieben. Fisher war zeitweise Sicherheitschef der geheimen Zentrale von Scientology (ein veritables Gefangenenlager hinter Stacheldraht!) und Rinder war bis vor wenigen Jahren Sprecher von Scientology und Leiter des scientologischen Nachrichtendienstes OSA. Das „Office of Special Affairs“ ist das Nonplusultra von Emotioneller Pest.

Rinder stand an der Spitze dieses Systems und konnte sich trotzdem befreien, weil er noch nicht vollständig von seinem bioenergetischen Kern abgetrennt war. Eine Abtrennung, die die beiden anfangs erwähnten Vertreter mit Macht für sich selbst bewerkstelligen wollen! Nachdem Fisher und Rinder den Kult verlassen hatten, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatten, ohne Ausbildung, ohne Beruf, fanden sie schließlich eine Beschäftigung als Autoverkäufer. Anläßlich dem öffentlichen Hype um einen scientologischen „Verkaufsguru“, der die anfangs beschriebenen Tricks der Emotionellen Pest als Verkaufsrezept für Vertreter und Verkäufer – verkauft, schreibt Fisher in einem Leserkommentar:

Es ist wahrlich nicht verwunderlich, daß dieser Typ ein Anhänger von DM ist (David Miscavige, der gegenwärtige Führer des Kults). Er paßt zum Rollenmuster für Verkäufer, die Leute dazu bringen etwas zu kaufen und Geld für etwas auszugeben, das sie gar nicht benötigen. (…)

Meiner Erfahrung als Verkäufer nach ist die Kommunikation mit dem Kunden der Schlüssel, um herauszufinden, was sie BENÖTIGEN und WOLLEN und ihnen dann das passende Produkt anzubieten, das zu ihren Bedürfnissen UND zu ihren finanziellen Möglichkeiten paßt.

Das beinhaltet auch Ehrlichkeit gegenüber dem Kunden und den Gebrauch von ARC (Scientology-Sprech für Herstellung von Kontakt) zum gegenseitigen Verständnis und daß der Kunde kauft und darüber hinaus zurückkommen wird und seine Freunde vorbeigeschickt.

Der Verkäufer muß auch selbst an das Produkt, das er verkauft, glauben und das Gefühl haben, daß er etwas verkauft, was einen guten Tausch zwischen der Firma und dem Kunden darstellt und keine Abzocke. Auch muß er das Produkt und seine Vorteile aus dem Effeff kennen.

Die Art des Verkaufens in diesem Video ist die Verkaufsart, die ich hasse.

Ich war im letzten Jahr vielleicht nicht die Nummer 1 der Verkäufer in meiner Firma, aber ich gehörte zu den Top 5 und einige jener, die besser als ich abschnitten, hatten mehr Auftragsstornierungen und Beschwerden, weil es ihnen um die schnelle Mark ging, statt das Produkt korrekt zu verkaufen und sicherzustellen, daß der Kunde zufrieden war.

Dieser Typ mag die Abschlüsse dieser Verkäufer ansteigen lassen, ich würde aber gerne entsprechende Erhebungen sehen, die zeigen, wie zufrieden ihre Kunden wirklich waren.

Ich bin nicht überrascht, daß Mike Rinder die Nummer 1 in seinem Autohaus war. Ich wette, er tat mehr von dem, was ich oben beschrieben habe und weniger von dem, was dieser Typ pusht.

Darauf Rinder:

Mark – ich stimme Dir zu 100 Prozent zu. Der gesamte scheiß Müll in der Welt, den Motivationsvortragende verbreiten, ist kein Ersatz für einen comm cycle (Scientology-Sprech für den Austausch zwischen zwei Individuen), für wirkliches Interesse und Menschen aufrichtig helfen zu wollen. Ich habe vielen Leuten gesagt, daß es von ihnen eine schlechte Entscheidung wäre einen Wagen zu kaufen, der, den sie hatten, war OK und sie hatten nicht das Geld für einen neuen. Ich würde niemandem ein Auto verkaufen, wenn ich nicht glaube, daß es die richtige Entscheidung für ihn ist. Cardone (der Typ aus dem obigen Video) und all die anderen versuchen den Leuten einzubleuen, daß du jedem etwas andrehen kannst, wenn du ihn überzeugst mit gespielter Begeisterung, zustimmendem Nicken, ihn dazu bringst mit dir übereinzustimmen (du hörst wie oft er sagt: „Sie stimmen mir zu, nicht wahr?“) und den anderen „Tricks“, die alle zum Einsatz bringen.

Auch Menschen, die bis über beide Ohren in die Organisierte Emotionelle Pest verstrickt sind, können sich wieder aus ihr befreien. Fisher und Rinder kamen buchstäblich aus der Hölle („Haß, Zerstörung und Verblendung“) und wissen deshalb „Liebe, Arbeit und Wissen“ zu schätzen. Durch den starken Kontrast haben sie ein Gefühl für die Arbeitsdemokratie, ähnlich wie Menschen, die während des Kalten Krieges dem Realsozialismus entkommen sind. Der eingangs erwähnte Vertreter, der sein Leben lang die Vorteile der Arbeitsdemokratie genossen hat, tut hingegen alles, um die Quellen unseres Lebens zu vergiften. „Es bescheißen doch alle!“ Genau diese Einstellung, die von Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit, Bitterkeit und Defätismus geprägt ist, verwandelt unsere Gesellschaft langsam aber sicher in jene Hölle, aus der Fisher und Rinder entflohen sind.

Dieses Beispiel über das Verhältnis von Arbeitsdemokratie und Emotionelle Pest zeigt dreierlei:

  1. Ideologie ist weit mächtiger als Realität. Obwohl Fisher und Rinder wie kaum jemand ermessen können, wie zerstörerisch die scientologische Ideologie ist, hängen sie ihr doch weiterhin an. Im Vergleich zu dem, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, sind ihre tatsächlichen Lebensumstände und Erfahrungen fast bedeutungslos.
  2. Es stimmt einfach nicht, daß sich im Kapitalismus die besonders Skrupellosen durchsetzen. Jemand, der seinen Kunden übers Ohr haut, mag kurzfristig einen besonders hohen Profit aus seiner Skrupellosigkeit schlagen, aber er hat diesen Kunden und dessen Freunde für immer verloren, gleichzeitig wird er deshalb für seine Geschäftspartner zunehmend unprofitabel. Was natürlich voraussetzt, daß die Kunden nicht vollkommen verblendet sind → Punkt 1.
  3. Marxistisch verbildete Menschen reagieren auf derartige Aussagen nur mit Verachtung: Es gelte alle Umstände zu ändern, in denen der Mensch bla bla bla… Hört mit eurem pseudo-materialistischen Geschwafel auf! Wir selbst bestimmen unsere „Umstände“ → Punkt 2.

Das zeigt mal wieder wie vollkommen inkompatibel Orgonomie und Marxismus sind. Doch Reich hat sich bis zuletzt zu Marx bekannt. Man lese Menschen im Staat und die Aussage des Orgonomen Victor Sobey, daß Reich ihm in seinem letzten Gespräch vor seinem Gang ins Gefängnis bekundet habe, er, Reich, sei noch immer ein Marxist. Reichs Biograph Myron Sharaf hat einem Freund von mir berichtet, daß Reich ihm in deren letzten Gespräch genau das gleiche gesagt habe: „Remember, I am still a Marxist!“

Mich erinnert diese absurde Selbsteinschätzung an das Bekenntnis von Fisher und Rinder zu L. Ron Hubbard, dem Begründer der Scientology. Reichs Selbstverortung ist absurd, weil sie (außer ein paar sektiererischen „Reichianern“) von wirklich keinem einzigen ernstzunehmenden Marxisten bestätigt wird. Und das nicht etwa nur „wegen dem Orgon“, sondern von der Analyse der unrevidierten angeblich „Marxistischen“ Schriften Reichs her. Man siehe etwa die Marxistisch versierte Darstellung in Christiane Rothländers Buch Karl Motesiczky 1904-1943.

Reich glaubte naiv an die proto-Stalinistische Einordnung von Marx in die Geistesgeschichte, an die geschönte Marx-Biographie und manipulierte Geschichte der Arbeiterbewegung, wie man sie etwa bei dem Marx-Hagiographen Franz Mehring findet. Ideologische Märchen wie die, die sich um L. Ron Hubbard ranken!

Das American College of Orgonomy, eine Leninistische Organisation

2. August 2011

„Reichianer“, die mich immer wieder von neuem auf die ungeheure Bedeutung von Karl Marx für Reichs Werk hinweisen, bringe ich gerne mit einer Frage und einem Hinweis aus dem Konzept.

  1. Zwar spricht Reich selbst von diesem Einfluß, insbesondere in Menschen im Staat, aber ich könne ihn jenseits dieser Behauptung nirgends ausmachen. Wo schlägt sich denn der Historische Materialismus Marxens genau in der Orgonomie nieder? Erst recht die Arbeitswertlehre?! Reichs sozialpsychologische Konzepte und das Konzept der Arbeitsdemokratie haben sich entwickelt, weil die Marxschen Voraussagen hinsichtlich des Verhältnisses von „Unterbau“ und „Überbau“ sich in keinem einzigen Punkt bewahrheitet haben. (Die Bedeutung von Friedrich Engels und dem Dialektischen Materialismus wollen wir hier draußen vor lassen!)
  2. Ein ganz anderer Denker hat unübersehbare Spuren in Reichs Werk hinterlassen. Ein Mann, dessen Erwähnung die besagten „Reichianer“ ganz und gar nicht goutieren, den sie teilweise sogar verabscheuen: Lenin! Werke wie Die Massenpsychologie des Faschismus („subjektiver Faktor in der Geschichte“!) und Was ist Klassenbewußtsein? sind ohne ihn schlicht undenkbar. Insbesondere zeigt sich aber der ungeheure Einfluß Lenins auf das Reichsche Werk anhand der organisatorischen Struktur der Orgonomie angefangen bei der „Sexpol“ bis zur heutigen Orgonomie.

Das ist mir bei der Lektüre des wirklich sehr empfehlenswerten Buches Karl Motesiczky 1904-1943 von Christiane Rothländer von neuem aufgegangen. (Bei dieser Gelegenheit ist mir auch ein schwerwiegender Fehler in diesem Blog aufgefallen: Reich hat sich definitiv mit Trotzki getroffen!)

Rothländer zufolge war der erste Schritt zum Aufbau einer internationalen Sexpol-Organisation die Gründung der Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie im April 1934 (ebd., S. 161). Dabei orientierte sich Reich an Lenins Schrift Womit beginnen? von 1901:

  1. muß jede revolutionäre Partei zunächst eine Zeitschrift ins Leben rufen.
  2. dient dieses Kampforgan der Propaganda nach außen und dem organisatorischen Aufbau und Zusammenhalt nach innen.
  3. dient es einerseits der politischen Erziehung der Massen und bietet diesen gleichzeitig ein Forum, um auf gesellschaftliche Mißstände aufmerksam zu machen.
  4. bildet das Kampforgan das Gerüst der sich entwickelnden Organisation, anhand dessen sie sich „entwickeln, vertiefen und erweitern“ kann.
  5. bildet das Kampforgan die ideologische Führung der Organisation, hinter ihr steht eine engumgrenzte zentrale Gruppe, der Führungskader.
  6. wird ein Netz „örtlicher Vertrauensleute“ aufgebaut, die mit dem Führungskader in persönlicher Verbindung stehen (ebd., S. 167f).

Nach diesem Muster formierte sich Mitte der 1930er Jahre in Skandinavien die Sexpol als geschlossene Organisation – und 30 Jahre später das American College of Orgonomy (ACO) in Amerika.

Rothländer führt aus (ebd., S. 172-177), daß zwei Besonderheiten die Sexpol vom originalen Konzept Lenins abhoben:

  1. versuchte sie so weit wie möglich unbürokratisch zu sein (in Reichs späterer Begrifflichkeit „arbeitsdemokratisch“) und verzichtete deshalb weitgehend auf Statuten, formale Hierarchien, „Parteigerichtsverfahren“, etc.
  2. entsprach es der Natur der Reichschen Arbeit, die sich aus der Psychoanalyse heraus entwickelt hatte, daß jeder, der im Namen der Organisation sprechen und agieren wollte, nicht nur eine entsprechende Schulung durchlaufen haben mußte, sondern vor allem auch eine Therapie. Es reichte nicht, daß die besagte Therapie („Umstrukturierung“, wie es schon damals hieß) bei irgendeinem Psychoanalytiker (inklusive ehemaligen Schülern Reichs!) durchgeführt wurde. Vielmehr mußte der Kandidat zu Reich selbst oder einem der gegenwärtig von Reich selbst ausdrücklich anerkannten Schüler gehen.

Beides führte, wie Rothländer überzeugend ausführt, zur Erstarrung und Isolierung der Sexpol.

  1. Ein geregeltes Parteileben hätte zwar, so Rothländer, eine gewisse Bürokratisierung mit sich gebracht, aber so wären auch die Voraussetzungen für eine innerparteiliche Demokratie, „Fraktionsbildung“ und eine „ideologische“ Weiterentwicklung, die nur aus solchen innerparteilichen Kämpfen hervorgehen kann, gegeben gewesen. Gerade wegen der Vermeidung von „Bürokratie“ („Gesetzlichkeit“) entwickelte sich eine auf Willkür beruhende autoritäre Organisation, in der alles auf Reich persönlich ausgerichtet war.
  2. Weiter verschärft wurde dies durch das Patient-Therapeut-Verhältnis und nicht zuletzt die dadurch sehr begrenzte Aufnahmekapazität der Organisation. Schulungen können schnell und weitgehend ohne Rücksicht auf die Person erfolgen. Die „charakterliche Umstrukturierung“ war auf wenige beschränkt, von denen wiederum nur einige die Therapie erfolgreich abschließen konnten und dafür einen ungeheuren (nicht zuletzt finanziellen) persönlichen Aufwand betreiben mußten.

Gewisserweise hat Reich Lenins Konzept weiter zugespitzt.

Wenn man die Geschichte des ACO verfolgt, hat sich hier alles so wiederholt, wie Rothländer es für die Sexpol ausführlich beschreibt. Elsworth F. Baker, der Ende der 1940er Jahre von Reich damit beauftragt worden war, eine neue Generation von Medizinischen Orgonomen auszubilden, erkannte als Ausbildung nur die Therapie bei ihm selbst bzw. bei dazu von ihm ausdrücklich dazu autorisierten Therapeuten an. Zunächst wurde das Journal of Orgonomy ins Leben gerufen, erst dann das ACO. Das ACO war eine arbeitsdemokratische Organisation, wurde aber letztendlich einzig und allein von Baker dominiert. „Abweichungen“ wurden nicht ausdiskutiert, sondern führten unmittelbar zum Verlassen der Gruppe. „Fraktionsbildungen“ endeten zwangsläufig in einer sofortigen Spaltung. Der Tod Bakers führte zu weiteren Mitgliederverlusten.

Und dies obwohl der Gründer des ACO, ein selbst für amerikanische Verhältnisse erzkonservativer Mann, denkbar weit von jedem linken, gar „Leninistischen“ Gedankengut entfernt war. Er hat einfach das weitergeführt, was ihm Reich mit seinem „Orgone Institute“, der „Wilhelm Reich Foundation“, etc. vorgelebt und in seinen Schriften festgelegt hatte. Kritiker des ACO wissen zumeist gar nicht, was sie da eigentlich kritisieren. Das, weniger der Inhalt ihrer Anwürfe, macht es so schwer sie ernst zu nehmen, wenn sie etwa an die „Arbeitsdemokratie“ (bzw. das, was sie dafür halten!) appellieren oder entsetzt sind, wenn die Therapie bei „irgendeinem“ Orgontherapeuten nicht als solche anerkannt wird. (So als wenn das zu Reichs Zeiten anders gewesen wäre!)

Was ist die Alternative? Nach Reichs Tod hat es diverse mehr oder weniger informelle, d.h. dezidiert „nicht-Leninistische“ „orgonomische Gruppen“ gegeben, die sich parallel, teilweise in ausgesprochener Opposition zum ACO gebildet haben. Deren Grundproblem war und ist, daß sie, wenn man so sagen kann, „gar nicht existieren“. In der Öffentlichkeit, selbst der „orgonomischen Öffentlichkeit“, sind sie so gut wie gar nicht präsent. Das, was sie vertreten, ist teilweise mehr als fragwürdig, denn sie haben die Tendenz die Orgonomie bis zur Unkenntlichkeit zu verwässern. Sie sind damit in doppelter Hinsicht ein Beispiel für das, was Reich und Baker mit ihren „Leninistischen“ Organisationsprinzipien vermeiden wollten: den Wärmetod der Orgonomie.

Es geht m.E. kein Weg an drei Elementen vorbei, ohne die die Orgonomie sozusagen als „Signal“ im „allgemeinen Rauschen“ untergehen wird:

  1. ohne Organisation ist die Orgonomie nur „ein Konzept von vielen“, nur ein weiterer „alternativer Ansatz“.
  2. eine solche Organisation kann nur aus einem regelmäßig erscheinenden Organ hervorgehen und von diesem getragen werden.
  3. das Organ und damit die Organisation muß Sprachrohr einer zentralen Führungsgruppe sein.

Die Gefahr einer „Erstarrung“ sehe ich nicht. Ganz im Gegenteil: mit ein oder zwei Ausnahmen kann ich mich an überhaupt keine wie auch immer geartete Weiterentwicklung der Orgonomie außerhalb des ACO erinnern. Die Gefahr liegt ganz woanders: ein pestilenter Charakter (Emotionelle Pest) könnte sich an die Spitze der Orgonomie setzen. Immerhin ist es jedoch so gut wie ausgeschlossen, daß ein solcher eine Orgontherapie anfängt, geschweige denn erfolgreich durchläuft (ich spreche hier nicht unbedingt von orgastischer Potenz, sondern von der Meisterung eines Großteils der persönlichen neurotischen Probleme!), und außerdem wird es mit Sicherheit nach Reich und Baker keine „zentrale Persönlichkeit“ mehr in der Orgonomie geben. Angesichts des Wesens der Orgonomie (bzw. des Wesens ihres Forschungsgegenstandes, der organismischen und kosmischen Orgonenergie) ist eine „Formalisierung“, „Bürokratisierung“ keine Option.

Selbstverständlich ist das alles „abstrakt betrachtet“ suboptimal, aber leider bewegt sich die Orgonomie in Feindesland. Die gepanzerte Gesellschaft will die Orgonomie nicht – und die Orgonomie will diese gepanzerte Gesellschaft nicht. Unter solchen Umständen die Orgonomie anders „betreiben“ zu wollen, als Reich und Baker es getan haben, nämlich „liberal und offen“, ist naiv, selbstmörderisch – und letztendlich pestilent, weil so die Kinder der Zukunft keinerlei Chance haben. Die Orgonomie befindet sich in der gleichen Situation wie die Sozialdemokratie in Rußland Anfang des letzten Jahrhunderts.

Die pestilente Ideologie der pseudo-liberalen Linken

6. April 2011

Ein bezeichnendes Beispiel für den Linksliberalismus ist der Streit um den Begriff „Leitkultur“, der vor einem Jahrzehnt diskutiert wurde. Die Konservativen sprachen „vage“ von einer in elf Jahrhunderten organisch gewachsenen deutschen Kultur, die es zu bewahren gelte, wenn nicht alles im Chaos versinken solle. Die öffentlich-rechtlichen Mundwerker hingegen fragten hämisch, ob auch „Pizza und Döner“ zur deutschen Leitkultur zu zählen seien. Die Konservativen brachten ihre (wie auch immer verzerrten) Kern-Gefühle zum Ausdruck, während die Linken, typisch für ihre vollkommene Abtrennung vom eigenen bioenergetischen Kern, nach „konkreten Definitionen“ verlangten, über die dann „Diskurse“ zu führen seien. Die einen bezogen sich quasi arbeitsdemokratisch auf die „spontanen Ordnungen“, die wir nicht beliebig verändern können, die anderen gebärdeten sich als die mechanistischen Sozialingenieure, die sie von ihrer Struktur her sind. In den Augen dieser Menschenfreunde sind wir kaum mehr als Laborratten!

Der „eifernde Gott“ des Konservativen durchschaut den (gepanzerten) Menschen und sieht seine (Un-) Natur. Deshalb der unbedingte Glaube des Konservativen an die geschichtliche Kontinuität, die Institutionen und ihre „zivilisatorische“ Funktion gegen diese Unnatur. Der Progressive hingegen ist unfähig die (irrationale) Triebstruktur des (gepanzerten) Menschen zu erfassen. Daher sein naiver Glaube an das Gute im Menschen und sein entsprechender Fortschrittsoptimismus, z.B. der Glaube an das „multikulturelle Miteinander“ mit Muslimen und an deren Ehrlichkeit. In der Zuwanderungspolitik geht es ihm nicht nüchtern um „richtig oder falsch“, sondern hysterisch um „anständig oder unanständig“ oder gar um den „Aufstand der Anständigen“.

Diese Argumentationsfigur (wenn man denn überhaupt von „Argumentation“ sprechen kann!) brandmarkt jeden, der sie verwendet als Vertreter der Emotionellen Pest. Die Pest erkennt man daran, daß die vorgeschobenen Motive nicht mit den wirklichen Motiven übereinstimmen. Beispielsweise geht es in der Erziehung („Erziehung“) selten um das Wohl des Kindes („es ist zu Deinem Besten!“), sondern meist um die Bequemlichkeit oder den Ehrgeiz der Eltern. Man glaube nicht, daß es den Sozialingenieuren, die uns wie Kinder behandeln, um unser Wohl, unsere „Wohlfahrt“ geht!

Die Vordenker des „Wohlfahrtsstaates der Zukunft“ wollen den Menschen nicht erfassen, weil er arm ist, sondern weil er gefährdet ist – sie macht also alle Menschen zu Sozialfällen und das in ihrer ganzen sozio-psycho-somatischen Existenz: es geht, so ein Ideologe der staatlichen Wohlfahrt, um das „gesamtmenschliche Wohlbefinden, um das physische, psychische und das soziale Wohlbefinden des Menschen“ (z.n. Gerd Habermann: Der Wohlfahrtsstaat, Frankfurt 1994, S. 237). Habermann, Kritiker des Wohlfahrtsstaates, resümiert:

Sofern moderne Sozialpolitiker noch über ihre Prämissen und die Wünschbarkeit ihrer Ziele nachdenken, kommt eine rationalistische Humanitäts- und Emanzipationsphilosophie zum Vorschein. „Freiheit“ bedeutet dann nicht mehr Freiheit von physisch-politischem Zwang durch andere Menschen, sondern soviel wie materielle Versorgtheit oder Macht über die Umstände. Es wäre demnach ein bettelarmer Vagabund, der von Gelegenheitsarbeit lebt, „unfrei“, ein kommandierter, aber wohlversorgter Soldat in seiner Kaserne „frei“ – ein Beispiel von Hayeks. (ebd., S. 239)

Der Weg führt, wie schon die zeitgenössischen Kritiker Karl Marx‘ konstatierten, in letzter Konsequenz zum „Kasernenkommunismus“. Das ist das wirkliche Ziel (das wirkliche Motiv) des linken Pseudoliberalismus.

Das Bild rundet sich, wenn man den sexualökonomischen Aspekt betrachtet:

Der Feminismus hat die Beziehung zwischen den Geschlechtern und Generationen nachhaltig gestört. Jeder harmlose Flirt kann ähnlich fatale Folgen zeitigen, als lebten wir in einem islamistischen Land. (Tatsächlich sieht man erstaunlich viele Feministinnen eines Tages im islamischen Kopftuch!)

Man nehme etwa den Fall Assange, der wegen „Vergewaltigung“ auf dem ganzen Planeten verfolgt wird. Tatsächlich geht es um Kabbeleien wegen Kondomen, die er während des Geschlechtsverkehrs mit zwei Verehrerinnen wieder abgestreift habe. Demnach steht jeder Mann, der in Schweden seiner Heterosexualität frönt, mit einem Bein im Gefängnis!

Anderes Beispiel: Welcher Vater kann noch unbefangen mit seiner Tochter umgehen?

Und genau das war das verborgene wirkliche Motiv des Feminismus: dem Leben die Spontanität zu nehmen und es dergestalt dem verkrüppelten Biosystem einer Alice Schwarzer anzupassen. Dergestalt ist der Feminismus geradezu das Musterbeispiel für Emotionelle Pest.

Warum waren es ausgerechnet die Politlesben, die etwa gegen den Paragraphen 218 oder gar gegen sexuelle Belästigung den lautesten Protest einlegten? Wie Felix Stern es ausdrückt:

Ihnen ging es um die Zerstörung der heterosexuellen Beziehungen an sich, wozu die Verächtlichmachung des Gebärens ein Mittel zum Zweck war. Mit Parolen wie „Gebärzwang“, „ausbeuterische Reproduktion des Patriarchats“ oder „männliches Domestizierungsinstrument gegenüber der Frau“ sollten die Heteropartnerschaften getroffen werden, die in den Augen der Lesben die größten Gefahren für die feministische Kulturrevolution darstellten. (Penthesileas Töchter, München 1996, S. 64f)

Es wäre doch legitim zu fragen, ob die Erwerbstätigkeit der Frauen und die damit verbundene Zerstörung des Familienlebens nicht ursächlich mit der Jugendgewalt verbunden ist. Aber eine solche Frage würde den Kern der lebensfeindlichen feministischen Ideologie treffen. Oder man erwähne in diesem Zusammenhang das spontane Spielverhalten von Mädchen (Spiele mit Puppen) und Jungen (Kriegsspiele). Unausdenklich!

Sogar die Parteilichkeit (im orwellschen linken Neusprech „die ideologiekritische Perspektive“) ist da in der „feministischen Wissenschaft“, ganz analog zur einstigen „marxistisch-leninistischen Wissenschaft“. Oder man denke nur wie von feministischen Kinderschutzgruppen „geforscht“ wird: ist einmal der widerliche Verdacht ausgesprochen, gibt es kein Zurück mehr. Ein einziger Stalinistischer Alptraum! Das ist in keinster Weise eine Übertreibung, wenn erst mal das „gleichgeschaltete“ Jugendamt sich einmischt. Die Emotionelle Pest folgt einem strukturellen Zwang.


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