Was sonst noch über Nach Reich sagen? Es ist in weiten Teilen ein überaus verdienstvolles Buch. Kein Wunder, denn für 70 Prozent des Materials hat das American College of Orgonomy das Copyright. Um das möglich zu machen, wurde das Journal of Orgonomy schlechtweg enteignet. Nur auf S. 306 von Nach Reich wird sich für eine Abdruckerlaubnis aus einem Buch aus dem Jahre 1953 (sic!) bedankt. Alle anderen Copyright-Inhaber wurden einfach übergangen, denn die sitzen weit weg in Amerika und können sich nicht wehren, wie Jenkins, London, ein Großverlag mit Vertretungen in Deutschland.
Nicht nur, daß die ACO-Redaktionsmitglieder die Artikel bearbeitet, umgeschrieben und ediert haben und jetzt so unfreiwillig zu Mitarbeitern des Buchprojekts wurden – teilweise wurden aus den Artikeln des Journal of Orgonomy sogar die editorischen Anmerkungen von Baker & Co. übernommen! Übrigens sollte Anfang der 1980er Jahre genau solch ein Buch beim renommierten Verlag Payot in Frankreich erscheinen. Kurz vor dem Druck entschied sich dann der französische Verlag Paul Mathews‘ antikommunistische Artikel aus dem Kompendium zu streichen, da diese politisch nicht opportun waren. Das ACO hat daraufhin die Veröffentlichung verboten.
Daß eine solche restriktive Haltung ganz im Sinne Reichs ist, kann man etwa aus dessen Reaktionen auf Paul Ritters und David Boadellas Aktivitäten in England ablesen (siehe den Band Zeugnisse einer Freundschaft). Jetzt vertritt ausgerechnet Boadella mit einem Aufsatz über Pornographie die soziale Orgonomie in Nach Reich.
Boadellas Artikel ist schlicht degoutant. Zum Beispiel Herbert Marcuse vollkommen kritiklos neben Reich zu stellen, desgleichen Alexander Lowen, den besagten Ritter und Reimut Reiche (sic!) und die entsprechende pseudo-Marxistische Sauce – mit der man ebensogut das Gegenteil ideologisch untermauern könnte! Wo Pornographie wirklich hingehört, zeigt folgende orgonometrische Gleichung nach Reichs Massenpsychologie des Faschismus:

1946 erinnert sich Reich in seiner Rede an den Kleinen Mann:
Ein künftiger, derzeit noch verhinderter Führer, voll begeistert für die Diktatur des Proletariats, war auch für die Sexualökonomie begeistert. Er kam zu mir und sagte: „Sie sind wunderbar! Karl Marx hat den Menschen gesagt, wie sie ökonomisch frei sein können. Und Sie haben den Menschen gesagt, wie sie sexuell frei sein können. Sie haben gesagt: Geht hin und vögelt nach Belieben.“ (Fischer TB, S. 60)
Was bedeutet es, wenn nun Linke wie Reiche, Marcuse und Boadella gegen diese links-liberale, anarcho-linke Haltung polemisieren? Es ist eine Stalinistische Kritik – und der Artikel Boadellas argumentiert ja auch tatsächlich Marxistisch. Boadellas Artikel ist in Nach Reich der einzige, der in einem engeren Sinne die soziale Orgonomie vertritt – und ausgerechnet dieser Artikel bringt den Roten Faschismus zum Ausdruck!
Auf S. 372 wäre James Prescotts Aufforderung zur Nacktheit in der Familie Anlaß zu einer orgonomischen Fußnote gewesen, weil Kinder die Geschlechtsorgane von Erwachsenen eben tunlichst nicht sehen sollten. Eine Haltung, die Reich selbst als auch die heutigen Orgonomen einnehmen. Auch die anderen Forderungen Prescotts sind nicht nur kindisch und blauäugig, sondern auch zutiefst wahrheits- und freiheitshausiererisch. Ziemlich typisch für den verantwortungslosen, liberalistischen, oberflächlichen Pseudokontakt der politisch korrekten Gutmenschen. Wie viele zusätzliche Transvestiten, unheilbar hysterische Frauen und verzweifelte Machos werden Prescotts gutgemeinte Erziehungsvorschläge erzeugen?!
Nach Reich ist manchmal geradezu komisch, wenn z.B. James DeMeo erst seine nun ja wirklich unbestreitbar „systematische und wissenschaftliche“ Saharasiatheorie vorstellt – und gleich danach Hanspeter Seiler mit einer denkbar „unsystematischen und unwissenschaftlichen“ und auch unorgonomischen Theorie kommt. Sein Kosmonenraum ist mechanistisch und ohnehin prinzipiell unnachweisbar, – aber die Urmenschen sollen diese Kosmonen, die trilliarden-milliarden mal kleiner als der Splitter eines Sandkorns sind, gesehen und künstlerisch abgebildet haben, oder Kosmonen-Wirbel, die die Größe von Elektronen haben! Natürlich haben die Urvölker nicht subatomare „Kosmonen“, sondern die allseits sichtbaren Orgonwirbel und die atmosphärischen „Orgonpartikel“ dargestellt.
Auf S. 435 will Seiler erklären, warum es denn ausgerechnet auf dem amerikanischen Kontinent keine „Spiralkulturen“ gegeben habe: weil „der relativ geschlossene amerikanische Kontinentalblock wenig geographisch isolierte soziokulturelle Nischen aufweist, welche ein längeres Fortbestehen einer nicht-patriarchalischen Minderheitskultur ermöglicht hätte“. Nicht nur, daß das prinzipieller Blödsinn ist, darüber hinaus hatte vorher DeMeo im gleichen Buch das genaue Gegenteil bewiesen! S. 479 stellt dann DeMeo wieder seine Saharsia- und Seilers Spiralkultur-Theorie auf die gleiche Stufe als Weiterentwicklung der Orgonomie.
Ich stehe auf, gehe zum Bücherschrank und hole mir das Buch Zauber vergangener Reiche und betrachte mir die Abbildungen zu den amerikanischen Kulturen: ich sehe eine Gesichtsmaske mit Mosaiken belegt – die Spiralen auf den Wangen zeigt; der zapotekische Vegetationsgott ist voller Wellen und stilisierter S-förmiger Spiralen; die gefiederte Schlange Quetzalcoatl ist eine einzige verstrudelte Welle mit lauter Spiralen; die Reliefs der Mayas sind total verschnörkelt voller Spiralen; an den Tempeln hängen merkwürdige spiralförmige „Elefantenrüssel“ und sie sind voll reliefartiger eckiger Spiralmuster; ein aztekisches Schild ist mit einer eckigen Spirale verziert. Ich nehme Cerams Der erste Amerikaner: Tongefäß aus einem Pueblo mit klassischen Spiralen; Keramik aus dem Südwesten der USA mit Hund, dessen überlanger Schwanz zu einer Spirale geringelt ist; Keramik aus Arizona mit den so typischen indianischen zackigen Hakenkreuz-Spiralen; Tonwaren aus New Mexico mit zackigen und runden Spiralen; Tonfigur der Hohokam über und über mit Spiralen bedeckt; dutzendfach Töpferware der Hohokam voller Spiralen genauso wie sie Seiler in seinem Buch abbildet; Schlangen-Mound aus Ohio am Ende mit einer klassischen Spirale; Räuchergefäß der Hohokam mit klassischem Spiralband. Irgendwie fühle ich mich für dumm verkauft! Zum Beispiel die Töpferware der chinesischen Spiralkultur der Yang-Shoa auf S. 434, die Seiler zur Illustration seiner Theorien einfügt, wirkt geradezu typisch – indianisch!
Zentral in Seilers Aufsatz ist seine Interpretation der Abb. auf S. 440 als sexuelle Vereinigung. Nun, Bronislaw Malinowski fand, daß die Trobriandrische Mythologie und Kunst gerade durch einen auffälligen Mangel an sexuellen Anspielungen gekennzeichnet ist. (Da die Trobriander orgastisch potent waren, war ihr Kopf frei von Pornographie!) Ich glaube deshalb, daß die Abb. auf S. 440 etwas ganz anderes darstellt, als Seiler glaubt: ein Mann wird im Schlaf von einer der „fliegenden Hexen“ angegriffen, die sich von den Organen ihrer Mitmenschen ernähren. Es sieht ja auch ganz so aus, als würde eine Hexe auf einem Schlafenden knien und ihm das Herz, die Leber oder so rausreißen. Der größte Alptraum der Trobriandrischen Kanufahrer.
In seiner Einleitung, die Bernd Senfs Einführung in „Die Forschungen Wilhelm Reichs“ folgt, stellt DeMeo u.a. das Kriterium der „immanenten Kritik“ als Elle wissenschaftlicher Auseinandersetzung heraus. Wenig später auf S. 511 widersprechen dem Heiko Lassek und Michael Gierlinger „mit aller Entschiedenheit“ (!). Nachdem sie diverse andere Ansätze präsentiert haben, halten sie auf S. 527 die Frage nach Reichs Wissenschaftlichkeit sogar für „problematisch“ – nach Kriterien, die denen, die DeMeo angeführt hat, diametral entgegengesetzt sind!
Auf S. 530 behaupten Lassek und Gierlinger, Reich hätte die Bione als „Grundbaustein aller Zellen“ betrachtet – was einfach nicht stimmt. Bione sind eine Re-Organisation des Zellplasmas auf einer niederen Stufe. Zellen sind eine Re-Organisation des Bionplasmas auf einer höheren Stufe. „Bausteine“ sind Mechanismus pur.
Außer den Fotos von 1995 haben Lassek und Gierlinger nichts über ihre Forschungstätigkeit von 1980-84 zu berichten, was dem Leser unangenehm auffällt, zumal der zweite Artikel von einer atemberaubenden Inhaltsleere ist. Aus seinen Bion-Video-Filmen hätte Lassek wahrhaftig mehr berichten können.
S. 595f: Was ist eine „elektronische Mikrobenanalyse“? Auch in der Übersetzung von Bernard Grads Artikel kommt mir einiges merkwürdig vor. Wie man z.B. auf S. 599 molds, was doch wohl Schimmelpilze heißt, mit „Schablonen und Mustern“ übersetzen kann, wird wohl ein Rätsel bleiben. Desgleichen in der Übersetzung von Blasbands Arbeit: dort wird z.B. auf S. 608 die übliche internationale Längeneinheit Angström (bzw. „angstrom“) doch tatsächlich mit „Engström“ (sic!) übersetzt! Mit sowas, kann man in naturwissenschaftlichen Kreisen wahrhaftig keinen Respekt für die Orgonomie gewinnen!
Nach Reich S. 617: im Original ist von „cell-wall-deficient bacteria“ die Rede. Nach Reich übersetzt doch tatsächlich mit „zellwandschädigenden Bakterien“! Diese Übersetzungskünste sind mir erst nach 600 Seiten aufgefallen. Der Übersetzer verbindet eine bulldozernde Selbstsicherheit mit einer atemberaubenden naturwissenschaftlichen Ignoranz: S. 773 erklärt er den Autoklavierungstest des Blutes als „Sterilisationstest“!
Abschließend könnte man einwenden, daß doch das gute und orgonomisch authentische Material in Nach Reich das schlechte und entstellende wettmachen würde. Nein, es ist in der gepanzerten Welt stets umgekehrt: das gute Material potenziert die Wirkung und Durchschlagskraft des schlechten Materials. Genau aus diesem Grund wollte Reich Leute wie Ritter und Boadella weghaben.