Aus dem im letzten Roten Faden zitierten Brief Franz Jungs an seine Frau, vom 15. April 1955 frägt er Cläre, ob sie sich noch erinnere, daß in den 1920er Jahren „ein Buch von Wilhelm und Anni (sic!) Reich (beide orthodoxe Studenten von Freud)“ mit Theorien über Kindererziehung ein ziemliches Aufsehen hervorgerufen habe. Es habe die grundlegende Frage nach der Teilnahme der Kinder an den sexuellen Beziehungen ihrer Eltern aufgeworfen (Franz Jung: Briefe und Prospekte. Dokumente eines Lebenskonzeptes, Werke Bd. 11, Hrsg. von Sieglinde und Fritz Mierau, Hamburg 1988).
Das ist ein wirklich typisches Beispiel dafür, wie Reichs zeitweise Weggefährten, auch Leute, die sich als seine Freunde verstanden und ihm (zumindest vordergründig) wohlgesonnen waren, seine Theorien derartig verzerrten, daß jeder anständige Mensch, d.h. jeder Konservative, sich dazu aufgefordert fühlen mußte, Himmel und Hölle zu mobilisieren, um Reich das Handwerk zu legen.
Ein anderes Beispiel ist Manès Sperber, der berühmte Anhänger von Alfred Adler. Er gehörte zu den 15 bis 20 KPD-Genossen, die zur kommunistischen Zelle in Berlin gehörten, bei der auch Reich Mitglied war. Des weiteren gehörten dazu beispielsweise auch Gustav Regler, Ernst und Carola Bloch, Arthur Koestler, Erich Weinert, Ernst Busch (der kommunistische Kampfsänger), der Kunstgeschichtler Max Schroeder und Alfred Kantorowicz (Alfred Kantorowicz: Nachtbücher. Aufzeichnungen im französischen Exil 1935-1939, Hamburg 1995, S. 26-27). Sperber hielt auch Vorträge an der Marxistischen Arbeiterschule MASCH, die bereits in Der Rote Faden: Arthur Garfield Hays Erwähnung fand. Neben Reich lehrten dort auch Georg Lukács, Karl August Wittfogel und Jürgen Kuczinski (N.N.: Manès Sperber 1905-1984. Eine Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien, 1987, S. 29).
In der Lubjanka brachte sogar Herbert Wehner Reich und Sperber in Beziehung. Im Dezember 1937 wurde er vom Hotel Lux in die Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes verfrachtet, wo er einen langen Bericht über „Trotzkistische Schädlinge“ verfassen mußte. U.a. ging es um Leute, die Verbindungen ins „imperialistische Ausland“ hatten. Wehner wußte nur von der Schwester des bereits in Haft befindlichen Arztes Ernst Ascher aus der wolgadeutschen Stadt Saratow zu berichten. Sie hatte Wehner um Hilfe gebeten. Wehner:
Damals gab ich ihr keine Auskunft, ersuchte sie aber, Korrespondenz mit dem Bruder einzustellen, falls sie welche unterhalten habe. Ebenfalls veranlaßte ich ihre Dispensierung von der Arbeit in einem internat. Komitee … Beziehung zu Ascher unterhielt wahrscheinlich auch ein Schriftsteller Manes Sperber, der sich sehr für ihn einsetzte und der im Ausland Beziehungen zu dem Trotzkisten Reich (lebt in Norwegen) hat. („Lange Nacht in der Lubjanka“, Der Spiegel, Nr. 2, 1994)
Tatsächlich taucht Sperber 1936 in Reichs Zeitschrift auf und zwar in Gunnar Leistikows Aufsatz über Reich als „Rufer in der Wüste“. Dabei geht es darum, daß Reich den Versuch gemacht habe eine „marxistische, naturwissenschaftliche Psychologie auf dialektisch-materialistischer Grundlage zu begründen“. Jedoch habe ihn (Leistikow), wie Leistikow in einer nachträglichen Fußnote einfügt, Sperber darauf aufmerksam gemacht, „daß in der russischen Zeitschrift Psichologija andere Versuche in diese Richtung gemacht worden seien (Gunnar Leistikow: „Ein Rufer in der Wüste und sein Ruf“, Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie, Bd. 3, S. 100-113).
Aber zurück nach Berlin zu den Diskussionsabenden in der Parteizelle, zu der auch Reich und Sperber gehörten. Sperber erinnert sich an „Willy Reichs“ damaliges Auftreten:
Bei einer von Parteileuten organisierten Besprechung im engeren Kreise kam es zu einer ernsten Auseinandersetzung zwischen uns. Am Ende sagte ich: „Willy, wenn du die Sexualität politisieren willst, tue es. Was auch immer es bedeuten mag, es kann unserem Kampf nicht schaden, sondern eher nützen. Wenn du aber die Politik sexualisieren willst, so begehst du einen doppelten Irrtum, einen psychologischen und einen politischen. Ich bin dagegen.“ Er reagierte sehr scharf und brachte ein, wie er glaubte, ebenso frappierendes wie überzeugendes Argument: Der propagandistische Erfolg der Nazis, erklärte er, wird äußerst gefördert, wenn nicht gar bestimmt dadurch, daß das Hakenkreuz als Sexualsymbol auf die Massen eine ungeheure Anziehung ausübe, indes unser Hammer und unsere Sichel unter diesem Gesichtspunkt völlig wirkungslos und daher unbrauchbar seien. (z.n. Christiane Rothländer: Karl Motesiczky 1904-1943. Eine biographische Rekonstruktion, Wien 2010, S. 99)
Warum immer wieder diese Mißverständnisse, die Reich als nicht ernstzunehmenden Deppen, Psychopathen, Geisteskranken dastehen lassen? Konnte sich Reich nicht deutlich ausdrücken? Nun, im krassen Kontrast zu vielen seiner Zeitgenossen hat sich Reich ausgesprochen klar und verständlich ausgedrückt. Was hier am Werk ist, ist schlicht und ergreifend die Panzerung, spezifischer die Sexualscheu, die es unmöglich macht, einfachste Zusammenhänge zu erfassen. So gut wie alle Kritiker Reichs sagen nichts über Reich, dafür aber alles über sich selbst aus.
Insbesondere Linke projizieren ihre seltsam verschrobene Charakterstruktur in Reichs Aussagen hinein. Reich hat ein ganzes Buch über diese Problematik geschrieben: Rede an den Kleinen Mann.
Was das „Hakenkreuz als Sexualsymbol“ betrifft: Reich hat dem ein ganzes Kapitel in Die Massenpsychologie des Faschismus gewidmet. Der gesamte organisierte Mystizismus, vom Hinduismus über den Katholizismus bis hin zum Nationalsozialismus und der modernen „esoterischen Bewegung“, schöpft seine gesamte Kraft aus den unterdrückten und pervertierten („tantrischen“) Sexualenergien der Massen. Dagegen die „Vernunft“ mobilisieren zu wollen, wie Freud und die Kommunisten es versucht haben, kann nur in genau jene Katastrophe führen, deren Zeugen Reich und Sperber damals waren. Nicht Reich macht sich lächerlich, sondern der „Aufklärer“ Sperber!
Wie Reich am Ende von Die Massenpsychologie des Faschismus (Ausgabe von 1933) ausführt, ist das Problem das indifferente („unpolitische“) Massenindividuum, das gelangweilt mit den Schultern zuckt, wenn ihm rational seine sozialen Probleme auseinandergesetzt werden, aber Feuer und Flamme ist, wenn der Faschist mit den Mitteln der „Gläubigkeit“ und der Mystik, also im Namen und im Gewand der „Ehre“, sexuelle, libidinöse Bedürfnisse anspricht. Das ist so, weil das Massenindividuum bewußt oder unbewußt vollkommen von seinem sexuellen Elend okkupiert ist. Reich wollte den Faschisten dieses Instrument aus der Hand schlagen, indem er (als einziger) die wirklichen Probleme des Massenindividuums ansprach und so diesem lächerlichen Affentheater ein Ende setzte. Im Gegensatz zu Stubengelehrten wie Sperber, die rein gar nichts Konstruktives anzubieten hatten, hat er in seiner Sexpol-Arbeit gezeigt, daß sein Ansatz gangbar und erfolgversprechend ist. Angesichts dessen ist Sperbers Ironie und Herablassung schlecht ungeheuerlich. Kindergartenniveau!
Worum es damals wirklich ging, zeigt schlaglichtartig folgende Aussage von Friedrich Christian, Prinz zu Schaumburg-Lippe, 1963:
Mir sagte einmal ein namhafter Kommunist: „Der Goebbels sagt uns den tieferen Sinn unseres eigentlichen Wollens, und das ist so verblüffend, daß wir uns durch die KPD verraten fühlen.“ (z.n. Frank Schütze: Joseph Goebbels, Zützen 2003)
Aber weiter mit Jungs Brief an seine Frau, vom 15. April 1955: Später erschien Reich in New York und habe, so Jung, wie eine direkte Kopie von Otto Grosz (Otto Gross) gewirkt. Reich habe, so Jung, ein Buch über „Orgiasm“ (sic!) geschrieben, das direkt von Otto Gross hätte kommen können. Die „orgiastische“ (sic!) Form des Geschlechtes als Basis des Lebens, fast als Religion, als das politische Binden der Gesellschaft („ein wenig wie Fourier usw.“), mit einer fanatischen Gefolgschaft in der New Yorker Boheme. Man würde davon Manifestationen in der heutigen Schriftstellergeneration der USA finden. Heute, 1955, sei das Buch tabu, völlig unterdrückt, fände jedoch als Bibel in einigen anarchistischen Kreisen Beachtung. Er, Jung, höre jetzt in San Francisco mehr darüber als zu seiner Zeit in New York. Im Anschluß an einige Prozesse sei Reich (eine Parallele zu Otto Gross) in ein Irrenhaus verfrachtet worden, sei jetzt (1955) aber seit einiger Zeit wieder draußen und befasse sich mit biologischen Fragen, beispielsweise der Wüste in der menschlichen Seele (Anspielung auf „Die emotionale Wüste“).
Das schrieb Jung 1955! Daran sieht man, was damals für Gerüchte von Leuten wie Annie und Thomas Rubinstein in die Welt gesetzt wurden!
Schließlich findet sich in der Korrespondenz Jungs etwas, was auf die heutige „Wilhelm-Reich-Bewegung“ vorverweist:
Am 8. Aug 1960 schrieb Jung an Ruth Fischer, daß er vielleicht zur französischen Insel St. Marguerite, die zu den Virgin Islands gehört, reise. In diesem Zusammenhang erwähnt er einen gewissen „Dr. Kowalski“, einen polnischen Arzt aus Paris, der sich auf der Insel mit einer kleinen Kolonie von Anhängern von Wilhelm Reich niedergelassen habe. Vielleicht könne er, Jung, dort eine Anstellung finden. Der Kowalski habe ihn angeschrieben. Er kenne Kowalski durch Jean und Paul Ritter, den (angeblichen, PN) Repräsentanten Reichs in England. Jemand scheine dort über ihn, Jung, gesprochen zu haben (Franz Jung: Briefe 1913-1963. Werke Bd. 9/1, Hrsg. von Sieglinde und Fritz Mierau, Hamburg 1996).
Reich wollte nachweislich nie und nimmer irgendetwas mit dieser Art von Leuten zu tun haben. Das gilt sowohl für „Reichianer“ wie die Ritters und Konsorten (vgl. Zeugnisse einer Freundschaft) als auch für die Beatnik-Schriftsteller, die Jung erwähnt. Zu letzterem hat sich Reich im Orgone Energy Bulletin ausgelassen. Und nicht zuletzt wollte Reich nichts mit Leuten wie Manès Sperber zu tun haben, denen Reichs Gedankenwelt absolut fremd war. Es ist, als würden sich zwei außerirdische Rassen begegnen, die nichts, aber auch rein gar nichts gemein haben. Eine wirkliche Kommunikation ist ausgeschlossen.
Man lese einen beliebigen Bericht über Reich in der Presse. Was geht bloß in diesen kranken, verkorksten Köpfen vor!



