Mit ‘Kapitalismus’ getaggte Artikel

Polysaccharide, Kapitalismus und Faschismus

12. Mai 2013

Kun Zhao von der UCLA, Northwestern University und Boo Shan Tseng von der University of Washington haben zusammen mit weiteren Forschern herausgefunden, daß sich Bakterien in etwa so organisieren wie kapitalistische Ökonomien, d.h. „die Reichen werden immer reicher“.

Auf Oberflächen wandern Bakterien umher und finden zu Gemeinschaften zusammen, den sogenannten „Biofilmen“, die sehr widerstandsfähig sind, insbesondere was Antibiotika betrifft. Bakterien hinterlassen bei ihren Wanderungen Spuren aus speziellen Polysacchariden, an denen sich andere Bakterien ausrichten. Um manche Bakterien, die im richtigen Augenblick am richtigen Ort sind, sich aber ansonsten in nichts von anderen Bakterien unterscheiden, bilden sich durch positive Rückkoppelung Mikrokolonien, die schließlich zu Biofilmen werden, in denen die einzelnen Bakterien von einer Hülle aus Polysacchariden geschützt werden.

Die Biofilme entwickeln sich, so die Forscher, in Übereinstimmung mit dem Zipfschen Gesetz, das beispielsweise verwendet wird, um zu beschreiben, warum eine kleine Gruppe von Menschen den Großteil des Reichtums einer Gesellschaft kontrolliert. Entsprechend ziehe eine kleine Anzahl von Bakterien den meisten Nutzen aus den gemeinschaftlich produzierten Polysacchariden. Um bisher resistente Biofilme zu bekämpfen, könne man deshalb Konzepte nutzen, die Wirtschaftswissenschaftler ausgearbeitet haben.

Diese Forschungsarbeit ist nicht nur deshalb faszinierend, weil sie verschiedene Disziplinen miteinander verbindet, indem sie gemeinsame Funktionsprinzipien (CFPs) aufdeckt, sondern vor allem auch deshalb, weil diese CFPs zu den grundlegendsten Eigenschaften orgonotischer Prozesse gehören: die Überlagerung und das orgonomische Potential. Orgonenergie-Einheiten ziehen sich gegenseitig an (Überlagerung) und dergestalt zufällig entstandene Orgonenergie-Konzentrationen werden zu Kondensationskeimen, zu denen immer mehr Orgonenergie hinfließt (orgonomisches Potential):

baktueberpoten

Dies geschieht in allen Systemen, die man sich selbst überläßt. Sei es in einer Petrischale oder in einer Wirtschaft. Deshalb ist es auch vollkommen illusionär, daß sich in einer entwickelten Gesellschaft ohne Zwang, d.h. ohne die eine oder andere Form von „rotem Faschismus“, der Reichtum gleichverteile. Alles, was man tun kann, ist zu verhindern, daß sich die gegebene Verteilung verfestigt und die Reichen mit Gewalt den Status quo zu erhalten suchen („schwarzer Faschismus“).

Wo bleibt Marx?

9. Februar 2013

In der neusten Ausgabe der Annals of the Insitute for Orgonomic Science stellt der australische Orgonforscher Dean Davidson eine berechtigte Frage: In den Veröffentlichungen des American College of Orgonomy sei, so Davidson in seinem Aufsatz „Foundations for a Functional Analysis of Economics“, ständig von einer „funktionellen Ökonomie“ die Rede, aber Marx wird von den Schülern Elsworth F. Bakers nie erwähnt. Wenn doch, dann allenfalls als Vertreter der mechano-mystischen Weltanschauung und als pestilenter Charakter. Wie kann das sein, wenn Reich in seinen Schriften bis zuletzt Marx‘ Werttheorie als die Grundlage jeder orgonomischen Überlegung zur Ökonomie hervorgehoben hat?!

Davidson führt aus, daß die besagten neueren Überlegungen zur Ökonomie, etwa über den „freien Austausch“ zwischen den Wirtschaftsteilnehmern, gut und richtig sein mögen, doch falle vollkommen unter den Tisch, daß dies nur unter vor-kapitalistischen (bzw. vor-patriarchalischen) Bedingungen im vollen Umfang gelten könne. Heute würden, so Davidson, die Wirtschaftsbeziehungen von jenen von den Menschen vollkommen unabhängigen Gesetzen bestimmt, die Marx entdeckt und auf die sich Reich immer wieder berufen habe: die Arbeitswertlehre und die Mehrwertlehre, der Unterschied zwischen Tauschwert und Gebrauchswert.

Klingt gut! Das Problem ist nur, daß eine oberflächliche Funktion (die von Marx angeblich entdeckten angeblichen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus) wichtiger sein soll als eine tiefere Funktion: der Charakter. Und selbst diese Formulierung ist fragwürdig, denn sie suggeriert, daß Marx in irgendeiner Weise praxisnäher („oberflächlicher“) sei. Doch aus dem charakterologischen Ansatz folgt unmittelbar eine gangbare Praxis, wie Reich in seiner Analyse des Scheiterns des Marxismus („Vulgärmarxismus“) in Die Massenpsychologie des Faschismus aufgezeigt hat, während aus der „polit-ökonomischen“ Analyse wirklich nur eins folgt: das gegenwärtige Wirtschaftssystem müsse zerstört werden. Die Marxsche Theorie ist jenseits der „Mobilisierung zur Revolution“ für die Praxis vollkommen folgenlos, denn kein Arbeiter benötigt irgendwelche wirren („dialektischen“) Theorien über den „Mehrwert“, um zu wissen, daß er ausgebeutet wird. Der Marxismus „beweist“ ihm nur eins, daß, egal welchen Lohn er in einer florierenden Wirtschaft auch immer bekommt, der Kapitalismus prinzipiell illegitim ist! Der Marxismus ist eine Lehre der Zerstörung und sonst nichts.

Und was soll diese ominöse Praxis des charakterologischen Ansatzes sein? Welch eine Frage! Es geht schlicht darum, die Arbeitsdemokratie zu verwirklichen, indem man sich beispielsweise dem allgegenwärtigen Drang zur Verantwortungslosigkeit entzieht. Wer behauptet, dieser angestrebte „freie Austausch“ müsse in einer kapitalistischen Gesellschaft Illusion bleiben, da diese von objektiven Gesetzmäßigkeiten bestimmt werde, die die Selbstverwirklichung der Individuen unmöglich mache, da alles dem unerbittlichen Diktat der Profitmaximierung unterworfen sei, sollte „den Laden dichtmachen“ und sich der KPD/ML oder so anschließen! Außerdem sollte er niemals eine Orgontherapie beginnen, denn in einer derartig kranken Welt, kann sich die Gesundheit eh nicht entfalten. Das gleiche gilt dann natürlich auch für Reichs Projekt „Kinder der Zukunft“.

Indem Marx die beiden Gegebenheiten „Wert“ und „Ausbeutung“ miteinander verbunden hat, hat er die Grundlagen der Arbeitsdemokratie zerstört, denn Wert ist mit unserer bioenergetischen Arbeitsfunktion verbunden, während es bei der Ausbeutung schlichtweg um eine Machtfrage geht („wieviel kriegt jeder vom Kuchen ab“). Werden diese beiden Sphären vermengt, kommt Moral dort ins Spiel, wo sie nicht hingehört: „Ich habe nicht nur für den Teil des Kuchens gearbeitet, den ich erhalte, sondern auch für den, den du ungerechterweise erhältst.“

In einer Welt, in der die beiden Gegebenheiten „Wert“ und „Ausbeutung“ getrennt werden, ist Raum für das Lebendige. Eine Welt, in der „Wert“ unlösbar mit „Ausbeutung“ verbunden ist, kann man nur noch zu zerstören trachten, um das Lebendige zu befreien. Das erklärt den ganzen religiösen Wahnwitz der Kommunisten, die 100 000 000 Menschen ermordet haben, um das Paradies auf Erden zu errichten. Es ist bezeichnend, daß sie dabei eine Welt geschaffen haben, in der nicht nur Menschenleben, sondern überhaupt nichts mehr einen „Wert“ hat.

Warum Reich nicht sehen konnte, daß zwischen Werttheorie und Rotem Faschismus ein Gleichheitszeichen gehört, ist biographisch zu erklären. Daß „Reichianer“ es nicht sehen können, ist nur charakterologisch erklärbar.

Und Marx selbst war nichts weiter als ein Haufen Scheiße:

Grundelemente einer orgonomischen Soziologie (Teil 4)

16. Januar 2013

Man kann unsere Beziehung zum gigantischen Organismus der Arbeitsdemokratie über das zentrale Moment der natürlichen Selbststeuerung verstehen: das Ganze und seine Teile existieren in gegenseitiger Abhängigkeit.

Versucht etwa das Ganze auf Kosten einzelner Teile zu leben, wird es sich nur selber schädigen. Das gleiche gilt für das Teil, das nicht überleben könnte, wenn es im Widerspruch zum Ganzen stünde. Dies wiederholt sich auf allen Ebenen:

sozioteilganz

Beispiele sind:

  • Deutschland, das Anfang des 20. Jahrhunderts das europäische Gleichgewicht zu zerstören drohte;
  • die Marktwirtschaft kann ohne den „ehrbaren Kaufmann“ nicht existieren, die Demokratie nicht ohne den „gesetzestreuen Bürger“ – „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ ist der Beginn von Anarchie und Diktatur;
  • wir alle kennen die Unmöglichkeit eines gedeihlichen Zusammenlebens, wenn es keine Leitkultur gibt, an der sich alle orientieren (beispielsweise ein gewisses Maß an Großmut und Ritterlichkeit im alltäglichen Umgang mit vollkommen Fremden – Dinge die außereuropäischen Kulturen teilweise vollkommen fremd sind);
  • für die organischen und zellulären Ebenen gilt ganz allgemein: Krankheit ist der Zerfall der Ganzheit, der Einheit, des einheitlichen Funktionierens und Reorganisation auf niederen Ebenen. Am Ende steht die Apoptose, der Zerfall der Zellen in ihre Organellen.

So sind weltweites politisches Chaos, Anarchismus, Drogensucht und krebsiger Gewebezerfall in T-Bazillen unvereinbar mit Selbststeuerung, zumal sie ihre ebenfalls anti-arbeitsdemokratischen Gegenteile heraufbeschwören: hegemonistischer Imperialismus, Polizeistaat, Spießertum und bösartige Geschwulste. Auf die Wirtschaft übertragen lehnt deshalb die Orgonomie einen rücksichtslosen „Manchester-Kapitalismus“ des Jeder-gegen-jeden genauso ab wie einen rigiden kollektivistischen Staatskapitalismus.

In Die Massenpsychologie des Faschismus hat Reich diesen Sachverhalt wie folgt beschrieben:

Es ist (…) die politische Zerklüftung der Gesellschaft, die die Staatsidee, und es ist umgekehrt wieder die Staatsidee, die die soziale Zerklüftung erzeugt. Es ist ein circulus vitiosus, aus dem man nur herausspringen kann, wenn man sowohl der Zerklüftung wie der Staatsidee auf den Grund geht und beide auf einen gemeinsamen Nenner zurückführt. Dieser dritte Nenner ist (…) die irrationale Charakterstruktur der Menschenmassen.

Orgonometrisch kann man dies wie folgt fassen:

characterirrasta

Um also den über der Gesellschaft stehenden Staat unnötig zu machen, muß man die Charakterstrukturen der Menschen verändern. Ohne vorher dieses angegangen zu haben, den Staat abschaffen zu wollen, würde nur zu mehr Chaos und von dort zur Gegenreaktion führen, und so weiter im Kreis, bzw. in der Falle. Nur durch eine Änderung des CFPs (Gemeinsamen Funktionsprinzips) ist dem schädlichen Kreis zu entrinnen:

characterrasta

Ein CFP bestimmt die potentiell unendlichen Variationen, die das ganze System bilden:

org18

Das CFP ist der eine Zentralpunkt, an dem man alles „aus den Angeln heben kann“. Die Gesellschaft ist nicht durch Manipulationen an den Variationen veränderbar, man verfängt sich nur im Netz, sondern einzig durch eine radikale Veränderung, einen Austausch der Wurzel (radix).

Genau auf diese Weise wurde seit Anfang der 1960er Jahre geradezu systematisch eine autoritäre Gesellschaft in eine anti-autoritäre Gesellschaft umgewandelt: durch eine fundamentale Änderung der Kindererziehung (sozusagen der „Charakterproduktion“) wurde das CFP der Gesellschaft und damit alles verändert. Man frage einen beliebigen Therapeuten: heute gibt es kaum noch die klassischen Neurosen, während alle Arten von „Frühstörungen“, Suchterkrankungen und schrillen Symptomen wuchern. Mit den desorganisierten Menschen hat sich entsprechend die Gesellschaft verändert, die wiederum die Charakterbildung der Kinder bestimmt – und so weiter im Teufelskreis.

Revolutionäre Veränderungen sind möglich! Schließlich umfaßt eine Generation gerade mal lächerliche 30 Jahre! Jeder kann etwas tun, schlicht dadurch, daß er nicht mitmacht bei der gegenwärtigen „Kultur“. Stichworte sind „Straight Edge“, das Hochhalten bürgerlicher Tugenden und das Angehen gegen die „Sentimentalisierung“ („Betroffenheit“) im öffentlichen Diskurs. Ich verweise auf Reichs Schrift Was ist Klassenbewußtsein?.

Nachdem sich innerhalb der Familie die „Charakterproduktion“ verändert hat, funktioniert der Charakter autonom und entwickelt eine Eigendynamik, die vollkommen unabhängig von sozioökonomischen Bedingungen ist. Reich hat das in der Massenpsychologie des Faschismus dargestellt.

Was hat konkret den etwa 1960 beginnenden Umbruch von einer autoritären (triebgehemmten) in eine antiautoritäre (triebhafte) Gesellschaft zunächst in Amerika und dann im gesamten Westen hervorgerufen? Es war der Triumphzug der mechanistischen, „maschinenhaften“ Lebensanschauung, wie Reich ihn in Massenpsychologie des Faschismus beschreibt. Der Mensch verstand sich zunehmend als Maschine, was zu einer Loslösung vom bioenergetischen Kern führte.

Dazu die folgende Stelle beim Doyen der amerikanischen Verhaltenspsychologie, John B. Watson, der 1928 in seinem viel beachteten Buch Psychological Care of Infant and Child die amerikanischen Mütter warnte:

Man kann Kinder auf vernünftige Art und Weise behandeln. Behandeln Sie sie wie junge Erwachsene. Kleiden und baden Sie sie vorsichtig und umsichtig. Verhalten Sie sich selbst stets sachlich und freundlich-streng. Küssen und umarmen Sie sie niemals, und lassen Sie sie auch nicht auf Ihrem Schoß sitzen. Wenn es sich nicht vermeiden läßt, küssen Sie sie auf die Stirn, wenn Sie gute Nacht sagen. Schütteln Sie ihnen morgens die Hand. Geben Sie ihnen einen Klaps auf den Kopf, wenn sie eine schwierige Aufgabe besonders gut gelöst haben. Versuchen Sie es. Innerhalb einer Woche werden Sie feststellen, wie einfach es ist, Ihrem Kind gegenüber vollkommen sachlich und doch freundlich zu sein. Sie werden sich zutiefst dafür schämen, wie rührselig und gefühlsduselig Sie früher mit ihm umgegangen sind (…) Deshalb dürfen Sie nie vergessen, wenn Sie in Versuchung geraten, Ihr Kind zu verwöhnen, daß Mutterliebe ein gefährliches Werkzeug ist. Ein Werkzeug, das eine niemals verheilende Wunde aufreißen kann, welche die Kindheit unglücklich und die Jugend zum Alptraum machen kann, ein Werkzeug, das die berufliche Zukunft Ihres Sohnes oder Ihrer Tochter und ihre Chancen auf Eheglück zunichte machen kann. (z.n. Jeffrey M. Masson: Wenn Väter lieben, München 2000, S. 237)

Hinzu kam der verhängnisvolle Einfluß der Psychoanalyse, man solle durch zu große Nähe nicht den Ödipuskomplex provozieren, und überhaupt die Manie, alles zu „analysieren“. Das Resultat waren haltlose, verunsicherte Menschen, die zwar alles „hinterfragen“, aber niemals zum Kern der Sache vordringen.

Politisch korrekte „Arbeitsdemokratie“

10. Januar 2013

Reich sah den Realsozialismus schließlich als nichts anderes als „Roten Faschismus“, der mit dem ursprünglichen Intentionen von Marx, Engels und Lenin nichts mehr zu tun habe. Ein „feministisch“ reformierter Marxismus tritt uns in Marc Rackelmanns Diplomarbeit Der Konflikt des „Reichsverbandes für Proletarische Sexualpolitik“ (Sexpol) mit der KPD Anfang der dreißiger Jahre (Freie Universität Berlin, 1992) entgegen.

Rackelmann hat das gegensätzliche Politikverständnis von KP und Reich gut herausgearbeitet:

(…) dem Konflikt zwischen der straffen kommunistischen Organisationspolitik, für die Inhalte zweitrangig waren und dem Politikverständnis Reichs, das „von den Bedürfnissen zur Wirtschaft“ (Menschen im Staat, Frankfurt 1982, S. 127) gehen wollte, wobei Reich als pflichtgetreuer Leninist zunächst bereit gewesen ist, diese Organisationspolitik aktiv mitzutragen. Die unterschiedlichen Zielsetzungen von Reich und der KPD wurden erst im Verlauf der praktischen Arbeit offenbar und führten schließlich zum Bruch und zum Ausschluß Reichs aus der KPD. (S. 8)

Reichs

Vorgehensweise ist induktiv – von den, in seinem Verständnis, grundlegenden menschlichen Bedürfnissen ausgehend, kritisiert er die Gesellschaft dort, wo sie eine Befriedigung dieser Bedürfnisse verhindert und damit krank macht. Seine Zielgruppe sind damit die Menschen als sexuelle Wesen, letztlich also alle, und nicht als lohnabhängig warenproduzierende. Er kritisiert den Kapitalismus nicht als die Wurzel allen Übels, sondern als besondere Form des Patriarchats mit seinen Auswirkungen auf das Verhältnis von Mann und Frau und das Verhältnis der Menschen zu ihren Körpern. (S. 23)

Reich fand

Zugang zur Arbeiterbewegung und zum Marxismus über die Frage der menschlichen Grundbedürfnisse, deren Befriedigung er durch die kapitalistische Produktionsweise verhindert sah. Im Gegensatz zur traditionellen kommunistischen Politik interessierte ihn dabei weniger der Mensch (genauer: der Mann) als Warenproduzent – sondern die Auswirkungen dieser Wirtschaftsweise auf das alltägliche Leben. (S. 27)

Rackelmann hinterfragt auf der Grundlage einer feministischen Kritik das bis auf Marx zurückgehende patriarchalische Grundwesen der Arbeiterbewegung. Von den Marxisten sei rein verstandesmäßig vom Kopf her an den ganzheitlich körperlichen Menschen vorbei und von ihren Bedürfnissen abstrahierend geplant und alles Weibliche verdrängt und unterdrückt worden. Dabei kommt es bei Rackelmann zu einer ziemlich kitschigen Gleichsetzung: Frau = Familie = Masse = orgastische Hingabe = Körperlichkeit = dunkle Erdhaftigkeit = unberührte Natur, etc. Einerseits ist dieses fast schon Primärprozeßdenken Rackelmanns für jede selbstbewußte Frau eine sexistische Beleidigung und andererseits präsentiert hier Rackelmann eine romantische Verkleisterung der wahren Zustände.

Reich selbst mußte nach einer anfänglichen Idealisierung des Proletariats feststellen, daß „die Massen“ genauso, wenn nicht sogar mehr, gepanzert sind wie ihre „Unterdrücker“ – und genauso steht es mit den Frauen. Die Arbeitsdemokratie setzt weder auf bestimmte Ideologien („Feminismus“), noch auf bestimmte Gruppen der Gesellschaft („Basisdemokratie“), sondern auf jene Kern-Funktionen, die von der Panzerung nicht betroffen werden (die logischen und die Naturgesetze, die lebenserhaltenden Instinkte und die lebensnotwendige Arbeit), und jene rationalen Menschen, die diese Kernfunktionen verkörpern (also alle Menschen, die nicht oder nur minimal an der Emotionellen Pest erkrankt sind, d.h. dem Drang, der Lebensentfaltung aus Frustration einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen).

Arbeitsdemokratie bedeutet nicht, den Menschen die Verantwortung zu nehmen, indem man sie als Opfer hinstellt, sondern ihnen die Verantwortung aufzubürden. Und als solche naturwissenschaftlich-„medizinische“ Herangehensweise hat die Arbeitsdemokratie praktisch nichts zu tun mit Rackelmanns „feministischer“ Ideologie, die sogar noch oberflächlicher ist als die gängige irrationale Machtpolitik (sekundäre Schicht). Diese „intellektuelle“ Kontaktlosigkeit wird deutlich, wenn Rackelmann allen Ernstes behauptet, Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie sei ein Vorläufer der „basisdemokratischen Organisationsformen der neuen sozialen Bewegungen“ gewesen (S. 23). Rackelmann vertritt die politisch korrekte Fassade. Bezeichnend ist, daß seine Arbeit mit einem Motto ausgerechnet von Erich Fromm beginnt, dessen gesamtes System auf der sozusagen „Entkernung“ der Reichschen Gedanken beruht!

Bernd Guggenberger sagt zu den „basisdemokratischen Organisationsformen der neuen sozialen Bewegungen“: Die

moralische Selbstaufrüstung durch Inanspruchnahme einer imaginären „Allgemeinheit“ und „Eigentlichkeit“ hat die Neue Linke zu einem virtuos gehandhabten Instrumentarium systematischer Verunsicherung erweitert.

So

erfüllt die Berufung auf die „Basis“ für die Strategen der Systemüberwindung vor allem die Funktion, die fehlende Eigen-Legitimität auch für eine Position sicherzustellen, welche sich nicht auf die Zustimmung der Mehrheit der Bevölkerung berufen kann. (…) Die „Basisdemokratisierung“ (…) verkommt zum bloßen Instrument der Selbstversicherung der neuen Elite. (Weltflucht und Geschichtsgläubigkeit. Strukturelemente des Linksradikalismus, Mainz 1974)

Guggenberger fährt fort:

Die subkulturelle Version des Modells der Basisgruppen orientiert sich vor allem an Wilhelm Reichs Feststellung, das Klassenbewußtsein werde keineswegs allein durch die großen Kämpfe der Arbeiterklasse, durch Haupt- und Staatsaktionen der großen Politik bestimmt, sondern ganz wesentlich durch verinnerlichte Werte der Werbe-, Konsum- und Freizeitwelt, des sexuellen Bereichs, der Alltagsphäre. (Was ist Klassenbewußtsein?) Die bewußte Organisierung von „Basisprozessen“ auch außerhalb des direkten Machtkampfes war daher auch eine zentrale Forderung der Kommune 2.

Zur Untermauerung seiner Kritik am Marxismus verwendet Rackelmann Reichs Dreischichtenmodell der Charakterstruktur (S. 19). Die oberste Schicht, die soziale Fassade ist für Rackelmann die „bürgerliche Fassade“, z.B. des „konservativen Politikers im Bordell“. Daß damit aber auch Rackelmanns „feministisches“ Getue gemeint sein könnte, kommt gar nicht erst über den Horizont des Bewußtseins, denn schließlich ist man (und frau) ja authentisch. Er erfaßt zwar anhand der Marxistischen „Biologismus“-Kritik an Reich, daß die Kommunisten vom biologischen Kern getrennt sind, verleugnet aber gleich darauf selbst den bioenergetischen Kern, wenn er anprangert, „wie Menschenkörper zu faschistischen Männerkörpern zugerichtet werden“ (S. 22). Was um alles in der Welt ist ein „Menschenkörper“? Es gibt (wenn man mal von Hermaphroditen absieht) nur „Frauenkörper“ und nur „Männerkörper“! Der „Menschenkörper“ ist ein antibiologisches („faschistischer Männerkörper“!), verkopftes Konstrukt linker Theoretiker, die vollständig von ihrem Kern abgeschnitten sind.

Es geht hier nicht um Rackelmann, sondern um die Lebenslüge des gesamten politisch korrekten „Reichianismus“ in Deutschland, der im Namen des Lebendigen aus der Orgonomie eine linke Ideologie macht, die in ihrer Lebensfeindlichkeit dem Stalinismus in nichts nachsteht – nur, daß man sich noch weniger gegen sie wehren kann. Man denke nur daran, was feministische Kinderschutzgruppen oder extremistische Tierschützer, „Veganer“ und andere derartige Gruppen organisierter „Eigentlichkeit“ anrichten.

Zur Zeit der Sexpol wurde Reich von der KPD zur Mitgliederwerbung mißbraucht. Heute nimmt z.B. entsprechend die „neue“ Linke buchstäblich alles Wahre, Gute und Schöne mitsamt ihrer Vertreter in Beschlag. Diese Grundtendenz zum Mißbrauch des Lebendigen ist keine Stalinistische Entstellung, sondern gehört zum falschen, verlogenen Grundwesen des Marxismus („die soziale Fassade“). Deshalb sind Marxisten, gerade wenn sie sich Reich positiv zuwenden, die Todfeinde der Orgonomie. Diese „rote Faschisierung“ der Orgonomie ist ein umfassendes charakterologisches Problem, weniger eines der bewußten Marxistischen Ideologie.

Die „neuen sozialen Bewegungen“, insbesondere die Partei Die Grünen, haben gezeigt, worum es geht: Man gibt vor, den bioenergetischen Kern zu vertreten („Eigentlichkeit“ im Gegensatz zur „verlogenen bürgerlichen Gesellschaft“), tatsächlich vertritt man aber selbst nur die oberflächliche Fassade, die, wie Guggenberger ausgeführt hat, in den Dienst der Sekundären Schicht tritt. Auf diese Weise wird aus Reichs Konzept „Arbeitsdemokratie“ nichts andere als guter alter Roter Faschismus.

arbeitsrot

Das Gandalf-Syndrom

13. Dezember 2012

Gandalf ist eine große, neurotische Graueule. Er wurde von Kindesbeinen an von Menschen großgezogen und genießt Vollpension, wird gefüttert und gepflegt. Nichts kann den gefiederten Agoraphobiker aus seinem kleinen Backsteinschuppen in die freie Wildbahn herausbringen, vor der er eine Heidenangst hat. Er wird ewig Gefangener seiner eigenen Ängstlichkeit, seiner Bequemlichkeit und der vermeintlichen „Tierliebe“ seiner „Herrchen“ bleiben. Aus einem herrlichen Raubvogel ist eine bedauerliche Kreatur geworden. Sie braucht nie wieder hungern und frieren, ist keinen Feinden ausgesetzt, ist befreit von Sexualität und Rivalenkämpfen. Die bioenergetische Dynamik habe ich bereits an anderer Stelle beschrieben.

Das ist der Zustand, den der Sozialist, der „Sozialliberale“ und der Kommunist für jeden Menschen erträumt. Jedenfalls erträumen sie ein Leben, in dem niemand mehr von materiellen Sorgen und Rivalität bedrängt wird, sondern alle im „Volksheim“ leben. Die Menschen könnten dann ihre „wahren Bedürfnisse“ erkennen und ihre „wahre Natur“ entfalten. Resultat wird etwas sein, was man im Zoo und bei Haustieren beobachten kann – das Gandalf-Syndrom.

Was wird nicht alles in die Waagschale geworfen, um den Kapitalismus, diese „freie Wildbahn“ des Menschen, zu diskreditieren! Es ist offensichtlich, daß er Wohlstand schafft, wie kein anderes Gesellschaftssystem vor ihm. Um ihn trotzdem grundsätzlich infrage stellen zu können, wird das Wirtschaftssystem in seinem Kern angegriffen – vollkommen unabhängig von seinen Erfolgen: „Alles hat seinen Preis, aber nichts hat einen Wert!“ Das gibt sich zwar das Gewand einer „wissenschaftlichen Theorie“ (im Marxismus ist etwa von „Tauschwert“ die Rede), aber letztendlich läuft es auf die Aussage hinaus: „An [diesem Gegenstand] klebt Blut!!“ Das Blut der „Ausgebeuteten“ in der Dritten Welt, der Werktätigen, der durch die Umweltverschmutzung geschädigten, etc.

Tatsächlich ist das eine mystische Aussage. Ich schaue jetzt auf eine Plastikflasche mit „Vielzweckkleber“ der Firma „tesa“, die auf meinem Schreibtisch steht. Nichts, aber auch rein gar nichts, ändert sich an diesem Gegenstand, wenn er anstatt von mittelmäßig bezahlten Arbeitern in Ungarn von Kindersklaven in Indien hergestellt oder wie auch immer sonst hergestellt wurde. Ich brauche Kleber und der Preis bildete sich nach Angebot und Nachfrage, nicht weil der Ware irgendeine feinmaterielle Substanz anhaftet, die aus ihr etwas anderes macht als einen Gegenstand mit Gebrauchswert.

Was wird hier mit Theorien über den „Warenfetisch“ konstruiert? Es ist eine böse Welt da draußen und egal, was immer ist: Du machst dich schuldig, weil du nichts gegen dieses böse System unternimmst oder gar von ihm profitierst!

Welch ein lebensfeindlicher Irrsinn das ganze ist, sieht man daran, daß manche Menschen nicht etwa stolz darauf sind Hemden aus Bangladesch zu tragen (sie unterstützen dadurch eine aufstrebende Nation!), sondern sich ganz im Gegenteil schämen, weil sie von „Ausbeutung“ profitieren. Funktion dieser Gesinnung ist es, uns alle (einschließlich der Bangladeschis) sozusagen in „Gandalfs Backsteinschuppen“ zu halten: die Welt da draußen ist böse und gefährlich.

Der zweite, und heute immer mehr in den Vordergrund tretende, „grundsätzliche Einwand“ gegen den Kapitalismus betrifft das, was den Kapitalismus erst möglich macht: das Geld im allgemeinen und Kredit und Zins im besonderen.

Nach diesem Einwand macht sich, wer immer sich im Kapitalismus engagiert, d.h. einen Kredit aufnimmt oder vergibt, eines ungeheuerlichen Verbrechens schuldig, weil er teilhat an der unausweichlichen Zerstörung sämtlicher menschlicher und natürlicher Ressourcen. Das Argument lautet auf das Wesentliche reduziert wie folgt: „Hätte vor 2000 Jahren Josef nur einen einzigen Cent mit einem minimalen Zins angelegt, wäre der Gewinn, den heute seine Nachkommen einheimsen könnten, nur in mehreren Weltkugeln aus purem Gold darstellbar.“ Oder mit anderen Worten: Um mit der Finanzwirtschaft mit ihrem exponentiellen Wachstum Schritt halten zu können, muß die Realwirtschaft verzweifelt, und zum unausweichlichen Scheitern verurteilt, versuchen Schritt zu halten, d.h. versuchen Zins und Zinseszins zu bedienen, und dabei Mensch und Natur erbarmungslos ausbeuten.

Das klingt mathematisch zwingend, ist jedoch offensichtlicher Unsinn, denn es gibt keinen risikolosen Zins. In der wirklichen Welt, kann der imaginäre Nachfahre Josefs froh sein, wenn er nach 2000 Jahren überhaupt einen Cent erhält. Ein Euro wäre schon ein Weihnachtswunder!

Nichts zeigt besser als die Griechenlandkrise, wie vorsichtig die Anleger des berühmten „Josefpfennigs“ hätten agieren müssen. Die Finanzwirtschaft kann sich nur dann verselbständigen und es kann nur dann zu einem exponentiellen Wachstum kommen, wenn im Rahmen einer Keynesianischen Politik der Staat und die Notenbanken die besagten Anleger immer wieder von neuem retten. Das wird natürlich stets aus „sozialen“ Gründen getan, etwa um „General Motors und Detroit“ zu retten.

Letztendlich kommt hier auch nichts anderes als das Gandalf-Syndrom zum Ausdruck: Die parasitären Superreichen und die parasitäre Unterschicht können weiter im geschützten „Backsteinschuppen“ hausen, während für den produktiven Teil der Bevölkerung die Bedingungen dermaßen unerträglich werden, daß sie ebenfalls in den „Backsteinschuppen“ drängen. Am Ende steht der Kommunismus.

Kapitalismuskritiker, egal ob sie Marx oder Gesell auf ihre Fahnen geschrieben haben, sind nichts anderes als Rote Faschisten (oder zumindest die nützlichen Idioten von Roten Faschisten).

home

Nachtrag zu „Die sozio-politische Charakterologie Elsworth F. Bakers am Beispiel der Bundestagsparteien“

5. Dezember 2012

Man meint, den Streit Liberalismus gegen Konservativismus dadurch umgehen zu können, indem man („Schluß mit der Politik!“) einfach die Lebensfeindlichkeit schlechthin bekämpft oder positiver ausgedrückt: für das Leben einsteht, egal ob es nun von rechts oder von links bedroht wird. Aber ist nicht a priori „politisch sein“ identisch mit „links sein“? Die Linken sagen doch selber immer, daß eine apolitische Haltung zu reaktionären Ansichten führt. Politik bestimmt unser Leben wie kaum etwas, wir sollen aber nicht versuchen sie zu begreifen?

Um effektiv für das Leben und gegen das Antileben eintreten zu können, muß man:

  1. die pestilenten Mechanismen in ihren Einzelheiten erkennen; und
  2. sich im konkreten Leben, jenseits nebelhafter Grundsätzlichkeit, so neurotisch wie es nun mal ist, für eine Seite in einer bestimmten Situation entscheiden. Genauso wie sich Reich immer entschieden hat.

Mit grundsätzlichen (einfachen) Überlegungen kommt man im Leben halt nicht immer weiter.

Menschen denken gemeinhin nach dem mechano-mystischen Ausschließlichkeitsprinzip, anstatt funktionell („dialektisch“) zu denken. Für sie scheint es so zu sein, daß sich:

  1. der Liberale als „guter Mensch“ und der Faschismus einander ausschließen. In Wirklichkeit können sie aber sehr wohl funktionell identisch sein. Etwas, was Leute nicht verstehen, die immer beklagen, Reich hätte wahllos jeden Linken als Roten Faschisten bezeichnet.
  2. der rigide konservative und der weiche genitale Charakter einander ausschließen. In Wirklichkeit können auch sie funktionell identisch sein, z.B. dann, wenn sie im Gegensatz zum Liberalen die Freiheit und nicht den „Frieden“ an die erste Stelle setzen.

In Die Massenpsychologie des Faschismus hat Reich drei Charakterschichten postuliert und sowohl mit soziologischem Verhalten als auch mit Gesellschaftssystemen in Zusammenhang gebracht:

  1. die oberflächlichste, die Fassade: das Reich der liberalen Gesinnung; soziales System: die liberale Gesellschaftsordnung;
  2. die perverse mittlere Schicht: faschistische Gesinnung; Gesellschaftssystem: Faschismus; und
  3. die tiefste, primäre Schicht: Genitalität; Arbeitsdemokratie.

Diese Einteilung ist die Grundlage für die Beurteilung der Politik in der Orgonomie.

Zur „Fassade“ ist zu sagen, daß es hier zwei Arten des Liberalismus gibt, die das Gesetz der gleichzeitigen Gegensätzlichkeit und Identität (mit der zweiten Schicht) aufzeigen:

  1. Der Gegensatz: der genuine Liberale, der seinen rationalen Platz in einer gesunden Gesellschaft hat, um den Konservativen in Schach zu halten, versucht ehrlich seine mittlere Schicht durch intellektuelle Abwehr unter Kontrolle zu halten. Leider Gottes ist diese Abwehr aber äußerst labil und schlägt leicht in ihr Gegenteil um. Damit haben wir:
  2. Die Identität: die Abwehr wird zum Diener der mittleren Schicht. In „Modju at Work in Journalism“ schreibt Reich dazu:
    Das Motiv fair und rational zu erscheinen, ist nicht etwa fair und rational zu sein, sondern nur den Anschein des Fairen und Rationalen zu wahren, um auf besonders gerissene Weise zu verbergen, daß man unfair und zerstörerisch irrational ist. (Orgone Energy Bulletin, Vol. 5, March 1953)

Deshalb haut also die Orgonomie immer so „einseitig“ auf die Linke ein:

  1. weil der Liberalismus doch nur der Zuckerguß über einer stinkenden Eiterbeule ist;
  2. weil er sehr schnell nach unten in die mittlere Schicht abgleiten kann; und
  3. weil dies der Liberalismus auf eine unglaublich teuflische Weise tut: all die „Gutheit” wird benutzt, um so effektiver böse sein zu können – man schaue sich nur die „Friedensoffensiven“ der Sowjetunion an!

Das erklärt, warum die Orgonomie gegen die Linke ist (jedenfalls tendenziell). Warum tendiert sie dann mehr zur Rechten?

In der obigen Reichschen Einteilung in die drei Charakterschichten fällt natürlich auf, daß dort kein Platz für das Reich des Konservativen ist. Aus persönlicher Erfahrung heraus werden die meisten den Konservativen wie folgt beschreiben:

  1. rigid und sexuell verklemmt;
  2. mystisch veranlagt (Primärprozeßdenken: Mutter = Nation, Vater = Staat); und
  3. autoritär.

Der erste Punkt weist darauf hin, daß eine muskuläre, anstatt einer intellektuellen Abwehr vorliegt. Der zweite Punkt auf einen verzerrten Kontakt mit dem Kern, der sich nicht nur in Religiosität zeigt, sondern auch in der Verbindung mit dem Ahnenerbe. Ist es nicht naheliegend den konservativen Charakter aus diesen Gründen zwischen die mittlere Schicht und den Kern einzuordnen? Und kommt er damit nicht der Genitalität am nächsten?

soziopol

Seine Rigidität und sein Konservatismus schützt den Konservativen „nach oben“ in die mittlere Schicht abzugleiten und zum Nazi zu werden.

In der Welt, wie sie nun mal ist, müssen wir, wenn wir den Genitalen Charakter suchen, wohl vorerst mit dem Konservativen vorlieb nehmen. Das ist auch der Grund dafür, daß man faktisch die Arbeitsdemokratie mit dem Kapitalismus gleichsetzen kann. Eine entsprechende Frage von mir hat Charles Konia wie folgt beantwortet:

Der Kapitalismus ist eine Kernfunktion im ökonomischen Bereich. Die Arbeitsdemokratie ist eine Kernfunktion im tieferen, umfassenderen bio-sozialen Bereich.

Kommen wir nun, immer noch unter dem strukturellen Gesichtspunkt „tiefer-höher“, zu einer mehr therapeutischen Sichtweise:

Dazu wollen wir den liberalen Charakter mit dem Schizophrenen vergleichen, wobei aber nicht vergessen werden darf, daß es genauso viele liberale wie konservative Schizophrene gibt:

  1. beide können oberflächlich manchmal ziemlich gesund wirken, da sie nicht so rigid gepanzert sind wie der Zwangs- bzw. der konservative Charakter;
  2. beide sind unglaublich kontaktlos;
  3. deshalb können sie weit destruktiver sein als ihre neurotischen Pendants; und
  4. beide müssen zuerst neurotisch bzw. konservativ werden, bevor sie die Genitalität erreichen können.

Leider ist es dabei so, daß der so freie Schizophrene erst zum beschränkten Spießer werden muß (wie Reich es in Charakteranalyse beschreibt), während der Liberale zuerst seine angeblich fortschrittliche Haltung aufgeben muß, was ihn sicherlich auch nicht sympathischer werden läßt.

The Journal of Orgonomy (Vol. 30, No. 2, Fall/Winter 1996)

17. August 2012

Man kann die Bedeutung von James Burnham für die orgonomische Soziologie kaum unterschätzen. Erst vor kurzem hat Charles Konia jene aufgefordert, die seine „politisch einseitige“ Haltung nicht verstehen, Burnhams 1964 erschienenes Buch Suicide of the West zu lesen.

In dieser Ausgabe des Journal of Orgonomy wurde ein ganzes Kapitel aus Burnhams Buch abgedruckt: „The Guilt of the Liberal“ (S. 179-193). Der zentrale Satz des Kapitels lautet:

Für die westliche Zivilisation in der gegenwärtigen Weltlage ist folgendes die wichtigste praktische Konsequenz, die aus dem in der liberalen Ideologie und Psyche verankerten Schuldgefühl zu ziehen ist: daß der Liberale, und die Gruppe, Nation oder Zivilisation, die mit liberalen Doktrin und Werten infiziert ist, gegenüber jenen moralisch entwaffnet dasteht, die der Liberale im Vergleich mit sich selbst als benachteiligt betrachtet.

Das ist der „Selbstmord des Westens“: daß der Westen, vergiftet von der allgegenwärtigen von Schuldgefühlen zerfressenen linksliberalen Ideologie, jeden als moralisch höherwertig anerkennt, der sich vorgeblich für die Schwachen einsetzt (wie die Kommunisten) oder selbst schwach ist (wie die Islamisten, die der Linksliberale als in die Verzweiflung getriebene Opfer des Kolonialismus bzw. „Neokolonialismus“ betrachtet).

Diese Schuldgefühle entsprechen, wie Konia in einer editorischen Einleitung schreibt, der Wahrnehmung von orgonotischer Erregung in der gepanzerten Muskulatur. Wird der Panzer in der Orgontherapie aufgelöst, verschwinden gleichzeitig die irrationalen Schuldgefühle auf Nimmerwiedersehen. Der Konservative hat Gott, der ihm die Schuld verzeiht, der „aufgeklärte“ Linke (in Amerika der liberal) hingegen sucht „Vergebung“ durch seinen soziopolitischen Aktivismus, der zwar vollkommen gaga und letztendlich selbstmörderisch ist – aber es geht schließlich um sein „Seelenheil“!

Bereits 1945 besprach Harry Obermayer Burnhams Buch von 1943 The Machiavellians in Reichs International Journal of Sex-economy and Orgone Research (Vol. 4, S. 216-220). Gegen Burnhams Rehabilitierung der „realistischen“ Sichtweise vom Denkern wie Machiavelli, Mosca, Michels, Sorel und Pareto wendet Obermayer ein, daß es für Reich nicht unabänderlich sei, daß eine Elite regieren müsse, da man die Massen von ihrer strukturellen Verantwortungslosigkeit befreien könne.

Elsworth F. Baker erwähnt Burnham und dessen 1941 erschienenes The Managerial Revolution in Der Mensch in der Falle. Die Betriebsleiter-Elite, die Burnham beschreibt, sei, so Baker, „die organisierte ‚emotionale Pest‘“ (S. 264).

Paul Mathews schrieb zu diesem Themenkomplex:

[Reich] betrachtete in Anbetracht der vorherrschenden Charakterstruktur die Tendenz, sowohl in Skandinavien als auch in den Vereinigten Staaten, vom Privat- zum Staatskapitalismus überzugehen als verhängnisvoll. Diesen Prozeß betrachtete er als den eigentlichen Mechanismus, durch den ein faschistischer Staat kreiert wird – wie in Nazi-Deutschland und der Sowjetunion. Obwohl er keine großen Sympathien für engstirnige Kapitalisten hegte, setzte Reich sie nicht mit Faschisten gleich. Vielmehr betrachtete er sie als Anhänger einer ökonomischen Philosophie und Praxis, von denen man in einer gepanzerten Welt genausoviel erwarten konnte wie von Sozialisten. Für Reich hingen die Übel des Staatskapitalismus nicht von seinen kapitalistischen Zügen ab, sondern von der Unfähigkeit der Massen ihr eigenes Leben zu organisieren, so daß immer mehr Macht den Bürokraten überantwortet wird, die sich in Führer verwandeln. (The Journal of Orgonomy, 5,1, S. 111, May 1971)

Mathews verweist dabei neben Reich auf Friedrich Hayeks The Road to Serfdom und auf Burnhams The Managerial Revolution.

Baker zitiert Burnham auch als Zeuge für und Analytiker des pseudoliberalen „modern liberal character“. Tatsächlich hatte Baker diesen ziemlich nichtssagenden Begriff von Burnham übernommen!

In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick darauf, wie die Stalinisten in der Nachkriegszeit den „Trotzkisten“ Burnham einschätzten. Tatsächlich war Burnham in den 1930er Jahren ein enger Freund Trotzkis bevor sich Burnham, der sowieso nie ein vollkommen überzeugter Marxist war, vom Kommunismus löste.

In dem 1956 in Ost-Berlin erschienenen Sammelband Gegen die Philosophie des Verfalls (Beiträge zur Kritik der Gegenwärtigen bürgerlichen Philosophie) schreibt der ungarische Soziologe Alexander Szalai, Burnham und sein Buch The Managerial Revolution seien deshalb von Interesse, da dessen Konzept kaum mehr sei als eine Neuformulierung der ursprünglichen Theorie Karl Kautskys (1854-1938).

Kautsky war in den 1890er Jahren der Mann, der die deutsche sozialdemokratische Ideologie aus der Marxistischen Matrix formte. Die Theorie von Burnham/Kautsky sei, so der orthodoxe Marxist, d.h. Stalinist Szalai, eine Revolution von oben, initiiert durch die unvermeidliche Anhäufung und Zentralisierung der Macht. In Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften übernähmen die Betriebsleiter die Macht an den Kapitaleignern vorbei. Sie kooperieren und organisieren eine kapitalistisch-sozialistische Planwirtschaft, so daß eine blutige Revolution nach sowjetischem Vorbild nicht mehr notwendig sei, um sich der Marxistischen Utopie zu nähern. „Die siegreiche Revolution der Direktoren, ihre gefestigte und organisierte Macht, würde schließlich eine kapitalistische Planwirtschaft möglich machen, und zwar innerhalb des bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, ohne Erschütterungen oder wesentliche Änderungen des Systems.“ Um das zu erreichen, müssen Kleinunternehmen, individuelle Kapitalisten, dezentralisierte Strukturen, usw. beseitigt werden.

Wer da nicht an die heutige europäische Sozialdemokratie und Obama denkt, ist blind!

Faschismus in uns

1. August 2012

Zu den zweifelhaften Schätzen, die uns bei Reichs hundertstem Geburtstag beschert wurden, zählt Willi Schnack: Faschismus in uns. Studien zum Problemkreis Faschismus, Frankfurt: R.G. Fischer Verlag, 1998, 179 S. Autoren müssen bei diesem Verlag die Druckkosten selbst tragen.

Der Autor wurde 1939 in Rostock geboren. Seit 1966 lebt er in der Bundesrepublik Deutschland und ist hier als Realschullehrer tätig. Als Schüler vom „Hitler-Faschismus“ zutiefst erschüttert, schwor er sich… In dieser Studie greift er die Faschismus-Theorie von Wilhelm Reich auf. In seiner Danksagung erwähnt er u.a. Dr. Dorothea Fuckert.

Da hat sich jemand wirklich Mühe gegeben, doch das Buch ist trotzdem eine einzige Enttäuschung. Da braucht Schnack 10 Jahre und investiert Tausende von Euro: für eine zusammengestoppelte Zitatensammlung. Und wenn er selber mal formulieren muß, kommen Sätze wie:

Auch die Angst – ein ständiger „Begleiter“ neurotischer Menschen – wird durch den Charakterpanzer gebunden und zugleich bewirkt dieser so seine Bildung und Erhaltung. (S. 31)

Im übrigen ist Schnack Humanist, der sich in Reich verliebt hat. Er will die „Werte der westlichen Kultur“ auf der Seite von „Linken und anderen aufrechten Bürgern“ (sic!) verteidigen, gegen die rechte Gefahr – wenn der Kapitalismus „wieder schamlos sein wahres Gesicht offenbart“ (S. 86) – die „Ich-Gesellschaft“.

Woher kommt es, daß die Interpretationen so divergieren können: daß die einen „linke“ und die anderen „rechte“ Konsequenzen aus der Lektüre der Massenpsychologie des Faschismus ziehen können?

Die ersteren sahen (beispielsweise) im jugoslawischen Bürgerkrieg den Ausdruck „nationalistischer Reaktion“ und wenden sich entsprechend an „Linke und andere aufrechte Bürger“, wählen Grünrot und setzen im Alltag die Politische Korrektheit durch, um „den Anfängen zu wehren“.

Die letzteren werden es den Linken angesichts (beispielsweise) des jugoslawischen Bürgerkrieges niemals verzeihen, daß sie es in Jahrzehnten nicht geschafft haben, die Menschen freiheitsfähiger zu machen, sondern ganz im Gegenteil sie abhängiger, infantiler und verantwortungsloser gemacht haben, als sie je waren. Reich hat die Kommunisten und ihre „liberalen“ Unterstützer genau aus diesem Grunde abgrundtief gehaßt und als „rote Faschisten“ bezeichnet.

Nein, Reich hat die Linken nicht gehaßt, weil sie in ihrer mechanistischen Verblendung die Bedeutung der Massenpsychologie nicht erkannt haben. Er hat sie gehaßt, weil sie alles in ihrer Macht taten, um Leute wie Reich mundtot zu machen, wie sie überhaupt alles Lebendige in ihrer Umgebung zerstört haben.

Heute erschöpft sich linke Politik in Forderungen an den Staat und die faschistische Aufstachelung von Ressentiment in den neurotischen Massen gegen „die Erfolgreichen“. „Antifaschismus“, wie der von Schnack, richtet sich letztendlich gegen den „Kapitalismus“, d.h. die Massen sollen ihr Leben nicht selbst in die Hand nehmen, sondern sich in ein sozialdemokratisches „Volksheim“ eingliedern. Und wenn sie ihre ureigensten Interessen durchsetzen wollen, werden sie als „Faschisten“ diffamiert.

Wie ist es zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise gekommen?

3. Juli 2012

Alexander Solschenizyn zufolge liegt die Marxistische Analyse immer falsch. Man betrachte einmal die gängige Marxistische Erklärung der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus, die darauf hinausläuft, daß die Automatisierung rapide zugenommen hat, deshalb der Markt gesättigt ist und damit die Arbeit knapp wird. Es könne deshalb kein Mehrwert, der ausschließlich aus der menschlichen Arbeitskraft hervorgehen kann, mehr erwirtschaftet werden. Der Kapitalismus sei damit am Ende. Das Kapital versuche zwar verzweifelt sich am „Kapitalmarkt“ sozusagen durch „Selbstbefruchtung“ zu vermehren, doch das sei zum Scheitern verurteilt und mache den Fall ins Nichts für den Kapitalismus nur um so steiler. Die „Arbeitsgesellschaft“ habe ausgedient und eine neue planwirtschaftliche Gesellschaftsordnung sei unausweichlich.

Diese Marxistische Analyse hat einen wahren Kern, auf den Reich als einziger hingewiesen hat. Es dreht sich wirklich alles um die Arbeitsfunktion. Damit steht jedoch etwas im Mittelpunkt, was die Marxisten, für die Menschen nur „Charaktermasken“ ihrer objektiven Rolle im wirtschaftlichen Gefüge sind, nie begriffen haben bzw. nie nachvollziehen konnten: die Charakterstruktur der Massen.

Dazu eine bezeichnende Begegnung mit einem alten Bekannten von mir. Ein Beamter im gehobenen Dienst mit lebenslanger Absicherung, einem sehr hohen Einkommen, großen Ersparnissen, die gewinnbringend angelegt wurden, einer lächerlich geringen Arbeitsbelastung. Eines Tages drückt mir dieser Kerl seine neue Bibel in die Hand, nach der er mittlerweile sein ganzes Arbeitsleben ausgerichtet habe: Die Entdeckung der Faulheit: Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun von Corinne Maier. Ich solle mich doch auch nicht mehr von meinem Chef terrorisieren lassen. Passiver Widerstand sei angesagt! Der Bestseller kommt aus Frankreich, wo eh die meisten für den Staat arbeiten und die 35 Stundenwoche gilt!

Der Kapitalismus kollabiert aus dem gleichen Grund wie der Sozialismus kollabiert ist: aus mangelnder „Arbeitsmoral“. Oder wie das Leitmotiv der Werktätigen in der „DDR“ lautete: „Ihr tut so, als würdet ihr uns bezahlen und wir tun so, als würden wir für euch arbeiten!“

Das Wort „Arbeitsmoral“ ruft zwar weitgehend die richtigen Assoziationen hervor, ist jedoch in der Hinsicht irreführend, daß es hier nicht um eine moralische, sondern um eine bioenergetische Frage geht. Während in der alten autoritären Gesellschaft vor allem die Sexualität geschädigt war, ist es in der neuen antiautoritären Gesellschaft, die sich seit etwa 1960 ausgeformt hat, die Arbeitsfunktion. Ich habe mich darüber bereits in Der Rote Faden: Aldous Huxley ausgelassen.

In der antiautoritären Gesellschaft, die tatsächlich aus „materiellen Gründen“ entstanden ist, kommt es zu einer alle Gesellschaftsschichten umspannenden Einstellung der Verantwortungslosigkeit, zu Anspruchsdenken und Rebellion gegen vermeintliche „Ausbeutung“ (selbst von höheren Beamten!). Hinzu kommt, daß jene, die in der voll ausgeprägten antiautoritären Gesellschaft aufgewachsen sind, d.h. die Generation Facebook, von vornherein gar nicht mehr arbeitsfähig sind. Mit diesen Vollidioten, man denke nur an die „Piraten“, kann niemand mehr etwas anfangen.

Auch wenn einem immer wieder rührselige Geschichten über Leute gezeigt werden, die sich todarbeiten: in Ländern wie Griechenland, wo die Arbeitsfunktion schon immer gestört war, ist sie durch den Einfluß sozialistischer Politiker in den letzten Jahren vollends zusammengebrochen. Allgemein kranken die „Südländer“ der Europäischen Union unter einer mangelnden Arbeitsmoral, was vor allem eine Auswirkung der jahrhundertealten katholischen Unkultur ist.

Ganz ähnlich sieht es in Amerika aus. Deutsche Unternehmen sind immer wieder entsetzt, wie schlecht die Leute ausgebildet sind, was für einen geringen Arbeitsethos sie haben und wie niedrig allgemein die Produktivität ist. Beispielsweise ist die Challenger-Katastrophe unmittelbar auf den alles durchdringenden Pfusch zurückzuführen. Diese Unkultur, in der alles nur ein „Job“ ist, der lustlos erledigt wird, wurde vor Jahren beispielsweise in dem Buch Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig aus dem Jahr 1974 angeprangert und, wie der Titel schon zeigt, denkbar ungeeignete Gegenmittel vorgeschlagen.

Würde man der Marxistischen Analyse folgen und die „Arbeitsgesellschaft“ überwinden, käme es zu einer dramatischen Verschärfung des heimlichen Dauerstreiks und zum endgültigen, vielleicht irreversiblen Kollaps der Gesellschaft. Milliarden Menschen, die ihr Überleben einzig und allein dem Kapitalismus verdanken, würden elendig verrecken. Da die Menschen unfähiger sind denn je, ihre eigenen Angelegenheiten zu handhaben, würde sich der Sozialismus eh als nichts anderes entpuppen als eine Art Neo-Feudalismus – wie er sich in der EUdSSR ohnehin bereits abzeichnet.

Ralf Dahrendorf hat 2009 versucht, die damals anhebende Wirtschaftskrise auf „Mentalitäten“ zurückzuführen: „verhaltensprägende Leitkulturen, die bei Minderheiten beginnen, dann aber ganze Gesellschaften erfassen“. In der alten (in unserem Sprachgebrauch: in der triebgehemmten autoritären) Gesellschaft habe der „Sparkapitalismus“ vorgeherrscht, wie ihn Max Weber im Zusammenhang mit der protestantischen Ethik beschrieben hat. Diese besage, daß „das kapitalistische Wirtschaften eine verbreitete Bereitschaft verlangt, unmittelbare Befriedigung aufzuschieben“.

In dem, was wir als „triebhafte antiautoritäre Gesellschaft“ bezeichnen, hat sich ein grundlegender Mentalitätswandel zugetragen. Zunächst wurde immer mehr Wert auf Konsum gelegt, was die protestantische Arbeitsmoral untergrub. Auf diesen „Konsumkapitalismus“ folgte dann, angefangen in den 1980er Jahren, der „Pumpkapitalismus“:

der Schritt vom Realen zum Virtuellen, von der Wertschöpfung zum Derivathandel. Die Haltung, die sich ausbreitete, erlaubte den Genuß nicht nur vor dem Sparen, sondern überhaupt vor dem Bezahlen. „Enjoy now, pay later!“ wurde zur Maxime. Sie erfaßte alle Bürger, auch die, die das heute nicht gerne hören. Sie wurde dann aber zur Einladung an die subtilen Konstruktionen derer, die sich darauf kaprizierten, aus Geld Geld zu machen. Genauer gingen die daran, aus Geld, das ihnen nicht gehörte und das es vielleicht gar nicht gab, Geld zu machen, das sie in die Welt der Superreichen katapultierte.

Ein Zurück zur protestantischen Ethik werde es, so Dahrendorf weiter, zwar kaum geben.

Wohl aber ist eine Wiederbelebung alter Tugenden möglich und wünschenswert. (…) Arbeit, Ordnung, Dienst, Pflicht bleiben Erfordernisse der Voraussetzungen des Wohlstandes; der Wohlstand selbst aber bedeutet Genuß, Vergnügen, Lust und Entspannung. Menschen arbeiten hart, um im strengen Sinn überflüssige Dinge zu schaffen. (…) Zum Sparkapitalismus werden wir nicht zurückkehren, wohl aber zu einer Ordnung, in der die Befriedigung von Bedürfnissen durch die nötige Wertschöpfung gedeckt ist.

Ohne es zu ahnen, kommt Dahrendorf hier dem Kern des Problems und seiner Lösung sehr nahe. Ich habe den Zusammenhang zwischen Arbeit, Konsum und der Reichschen Orgasmustheorie an anderer Stelle ausführlich ausgeführt.

Zusammenfassend kann man mit Dahrendorf sagen, daß es grundsätzlich drei Theorien der Krise gibt, die man mit den Namen Marx, sowie (wie ich finde) Freud und Reich verbinden kann:

  • Marx hatte recht, als er auf die Arbeitskraft als Quelle allen Reichtums hinwies. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß uns eine Marxistische Analyse irgendwo hinführt. Oder wie Dahrendorf süffisant anmerkt:
    Hatte nicht Karl Marx schon prophezeit, daß es mit dem Kapitalismus ein schlimmes Ende nehmen werde? Das war zwar vor anderthalb Jahrhunderten, in denen allerlei geschehen ist, aber manche kümmert die kleine Verzögerung wenig.

  • Freud hatte recht, als er darauf hinwies, daß Menschen aus irrationalen, letztendlich infantilen, Gründen heraus handeln. Beispielsweise wird die Krise, die im September 2008 ihren Anfang nahm, mit falschen Entscheidungen von Politikern und ganz ernsthaft etwa auf „persönliche Animositäten zwischen dem Lehman-Chef Richard Fuld und dem damaligen Finanzminister Henry Paulson“ zurückgeführt. Zu erwähnen ist auch das Treiben von Finanzbetrügern wie Bernard Madoff, etc.
  • Für Reich sind beide Ansätze bis zu einem gewissen Grade weiterführend, doch dies nur, wenn man stets die zugrundeliegende Regulierung der biologischen Energie in den Massenindividuen, d.h. die Charakterstruktur der Massen, im Auge behält. Letztendlich geht es um biologische Probleme der Arbeitsenergie und um das, was Dahrendorf mit dem Begriff „Mentalität“ umschreibt, d.h. um bio-soziale Prozesse.

Die antiautoritäre Gesellschaft am Beispiel des Ärztestandes

23. Juni 2012

ein Gastbeitrag von Dr. med. Mann

Hört man das Wort „antiautoritäre Gesellschaft“, denkt man an Rebellion oder gar „Emanzipation“. Manche werden sich fragen, ob dieser Begriff nicht ein fataler Fehlgriff ist, um eine Gesellschaft zu beschreiben, die (unter dem Deckmäntelchen der „Demokratisierung“) immer mehr Lebensbereiche reglementiert und bürokratisiert; was sich letzten Endes als weitaus repressiver entpuppt, als es die vielbeklagte „Repression in der bürgerlichen Gesellschaft“ je gewesen ist. Am Beispiel des Arzt-Berufs läßt sich zeigen, welch totalitäre Züge die antiautoritäre Gesellschaft annimmt, trotz vordergründig gegenteiliger Assoziationen bei dem Begriff „antiautoritär“.

Kaum ein Berufsstand war in der autoritären Gesellschaft geachteter als der des Arztes. Dabei spielten zwar Standesdünkel und Mystizismus („Halbgötter in Weiß“) hinein, aber diesem verzerrten Kontakt zum bioenergetischen Kern entsprach dennoch eine gewisse arbeitsdemokratische Rationalität. Es galt, was der Arzt sagte und verordnete. Das sorgte für einen gewissen Dezentralismus und autonome Strukturen. Kein Gesetzgeber, keine Regierung oder Versicherung kam auf den Gedanken, das fachärztliche Urteil anzuzweifeln oder an seiner Gültigkeit zu zweifeln. Patienten folgten widerspruchslos den Anordnungen und Verordnungen des Fachmanns.

Das hat sich grundlegend geändert und zeigt plastisch die fatalen Auswirkungen der antiautoritären Gesellschaft. Zunächst einmal versteht sich der Patient zunehmend als „kritischer Kunde“ und tritt mit einem entsprechend übersteigerten Anspruchsdenken an den Arzt heran, dem ganz offen Wunderkuren abverlangt werden, weil der Patient möglichst gar nichts tun (und nichts an sich und seinem „ungesunden Lebenswandel“ ändern) will – außer den Arzt zu kritisieren. Hiervon kann jeder Arzt „ein Lied singen“, der z.B. mit der „Einstellung“ eines Diabetes mellitus zu tun hat. Dazu passend, verstehen sich viele Ärzte und sogar Psychotherapeuten mittlerweile nicht mehr als „Heiler“, sondern als hochspezialisierte „Dienstleistungs-Anbieter“.

Dabei tritt der Arzt zunehmend in Konkurrenz mit Ratschlägen aus den Massenmedien und jeder Menge anderer „Fachleute“. Oder mit anderen Worten, seine Autorität wird ständig infrage gestellt. Fast jeder Patient (v.a. die jüngeren), der selber nullkommanull Erfahrungen mit Psychopharmaka hat, meint den Arzt (dessen entsprechende Empirie auf Tausenden von Fällen sowie auf seiner Kenntnis unzähliger wissenschaftlicher Studien beruht) gleich im Erstgespräch belehren zu müssen, daß das von ihm vorgeschlagene Medikament laut Google-Recherche ja „fürchterliche Nebenwirkungen“ habe. Tatsächlich ist deren Auftretens-Wahrscheinlichkeit jedoch gegebenenfalls geringer als diejenige, daß man sich beim Autofahren beide Beine bricht.

Der Arzt wird sogar als „Agent der Pharmaindustrie“ verdächtigt, d.h. als Geschäftemacher im Verbund mit „bösen Mächten“. An die Wirksamkeit der Medikation wird sowieso nicht mehr geglaubt, und es gibt ein ewiges Ringen um die „Compliance“ (also Krankheitseinsicht und Mitarbeit) des Patienten. Dieser Aspekt ist auch volkswirtschaftlich von großer Relevanz, da verschiedenen Untersuchungen zufolge etwa jede zweite ärztlich verschriebene Tablette nicht im Magen des Patienten landet, sondern im Müll oder der Toilette entsorgt wird.

Daraus sich ergebende ausbleibende Therapieerfolge werden natürlich dem Arzt angelastet: „die da oben“ haben immer schuld! Wenn man in ein Flugzeug steigt, funktioniert die Arbeitsdemokratie: jeder Passagier vertraut ganz selbstverständlich dem Piloten sein Leben an, da dieser ja im Gegensatz zu den Insassen „von der Pike auf gelernt“ hat, ein Flugzeug zu steuern. Im Gesundheitswesen ist es hingegen ganz anders: fast jeder Patient sieht sich selber als „kleinen Arzt“ oder Psychologen. So beklagte Wilhelm Reich schon zu seinen Zeiten, daß sich jeder „kleine Mann“ für einen psychiatrischen Experten hält, nur weil er selber Emotionen hat.

Hinzu kommt, daß genau wegen dieser grundsätzlich antiautoritären Haltung das Leben zunehmend „kollektiviert“ und bürokratisiert wird. Sie wirkt sich dadurch nicht etwa „emanzipatorisch“ aus, sondern läuft im Gegenteil auf eine totalitäre Kontrolle sämtlicher Lebensbereiche hinaus. Heutzutage verbringt ein Arzt fast die Hälfte seiner Arbeitszeit nicht etwa mit der Behandlung von Patienten, sondern damit, unzählige Schreiben zu verfassen und Formulare auszufüllen, um sich gegenüber viel weniger fachlich qualifizierten Sachbearbeitern von gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen (die den Patienten und die Begleitumstände seiner Erkrankung gar nicht persönlich kennen), der Kassenärztlichen Vereinigung, Rentenversicherungsträgern, der Ärztekammer, Gerichten, Gutachtern für Psychotherapie-Anträge, dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen usw. ständig dafür zu rechtfertigen, ob die von ihm gestellte Diagnose und die darauf basierende Behandlung auch richtig ist.

Schon bei der Auswahl des geeigneten Medikaments ist der Facharzt nicht etwa frei (früher gab es mal die so genannte „Therapie-Freiheit“ des Arztes), sondern hat sich an verbindliche „Behandlungs-Leitlinien“ der Fachgesellschaften zu halten, wenn er nicht „mit einem Bein im Gefängnis stehen“ will. Das unsägliche „Punkte-System“ der Kassenärztlichen Vereinigungen mit Fallpauschalen bzw. „DRGs“ (Diagnosis Related Groups), „Richtgrößen-Volumen“ „Budgetierungen“ und entsprechenden Regreß-Forderungen bei deren Überschreitung, tun ihr Übriges, um den VerwaltungsAufwand (und den Frust des Arztes) extrem in die Höhe zu treiben.

Daß das „Gesundheits“-Wesen v.a. aus diesen Gründen hoffnungslos überbürokratisiert, organisiatorisch „gepanzert“, korrupt und konsekutiv viel zu teuer ist, ist eine der „heiligen Kühe“, die in der öffentlichen Diskussion tabu sind – schließlich geht es doch um den „Erhalt von Arbeitsplätzen“ (also z.B. die der über 100.000 „SOFAs“ = SozialversicherungsFachangestellten), was das Herz jedes Gewerkschafters und Sozialdemokraten höher schlagen läßt.

Parallel dazu hat der Gesetzgeber (ebenfalls im Rahmen der genannten „Demokratisierung“) neulich dafür gesorgt, daß die „Patienten-Rechte“ noch weiter gestärkt werden. Was sich auf den ersten Blick gut anhört, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als veritabler Schwachsinn. Jeder Patient kann jeden Arzt „einfach so“ wegen eines vermeintlichen Behandlungsfehlers auf unglaubliche Summen Schadensersatz verklagen. Pikanterweise muß dazu nicht etwa (wie im sonstigen Rechtssystem selbstverständlich) der Patient nachweisen, daß ein solcher Fehler geschehen ist, sondern der Arzt muß vielmehr vor Gericht selber den positiven Nachweis erbringen, daß er korrekt behandelt und nichts falsch gemacht hat! Was natürlich in der Konsequenz dazu führt, daß die umfangreiche schriftliche Dokumentation wichtiger wird als die Behandlung selber. Welcher Kassenpatient kennt nicht die (daraus resultierende) groteske Situation, daß der Facharzt während des Erstgesprächs den Patienten kaum noch ansieht, sondern bereits auf seiner PC-Tastatur wie wild Daten und Abrechnungsziffern eintippt? Dies ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie die Kontroll- und Regulationswut der Institutionen in Wahrheit zur zunehmenden Panzerung der Arzt/Patient-Beziehung führt, die doch eigentlich das „A und O“ einer jeden guten Behandlung darstellt.

Besonders perfide an dieser Art des systematischen Totalitarismus ist, daß man heute (im Gegensatz zu den Zeiten der autoritären Gesellschaft) nicht mehr auf einzelne „autoritäre“ Herrscher bzw. Individuen wütend sein kann, da die Entmündigung des Bürgers im ach so „demokratisch aufgeklärten“ Zeitalter sehr viel subtiler erfolgt durch die Allmacht der allgegenwärtigen Institutionen (die noch dazu vorgeben, sie täten das alles ja im Sinne der Bürger bzw. Patienten-Rechte).

So kommt es, daß Gesetze und Vorschriften zunehmend den Gestaltungsfreiraum des Arztes einschränken und ihn zu einem bloßen Rädchen im Getriebe machen, das zu funktionieren hat und das ja nichts aus eigenem Antrieb unternehmen darf. Gegenwärtig wird er sogar von umfassendem „Qualitäts-Management“ und „Zertifizierungs-Maßnahmen“ gepiesakt, was wirklich jeden Handschlag standardisiert und vor allem eins bedeutet: zusätzlicher Papierkram, der von der eigentlichen Arbeit abhält. Das Fachwissen und die Erfahrung des Einzelnen gelten nichts mehr. Er hat sich standardisieren zu lassen und muß sich vor irgendwelchen Gremien rechtfertigen, wenn er aus der Reihe tanzt.

Zu allem Überfluß nimmt der Druck von Seiten der privaten Versicherungen zu, und der Arzt muß sich immer mehr gegenüber irgendwelchen Sachbearbeitern rechtfertigen, weil beispielsweise die Medikation (ihrer Meinung nach!) nicht mit der Diagnose harmoniert. Da diese Auseinandersetzungen grundsätzlich über den Patienten laufen, wird so die Autorität des Arztes und das Vertrauen in den Arzt zusätzlich unterminiert.

Und schließlich kommt etwas zum Tragen, was insbesondere in Amerika den Arztberuf zu einem veritablen Alptraum gemacht hat: Patienten, die für ihr Leid ganz „antiautoritär“ immer andere verantwortlich machen, beginnen die rechtlichen Mittel auszuschöpfen. Groteskerweise geht es bei etwaigen Gerichtsverhandlungen aber gar nicht um den Arzt, sondern um seine Haftpflichtversicherung, die möglichst wenig an Entschädigung zahlen will und entsprechend den Arzt weiter entmündigt. Selbst wenn er einen Fehler gemacht hat, darf er den nicht offen einräumen! Er und andere dürfen aus seinen Fehlern nicht klug werden.

Eines der Hauptresultate von alledem sind explosionsartig steigende Kosten (nicht zuletzt aufgrund der der Haftpflicht), die gegenwärtig z.B. die Gilde der freiberuflichen Hebammen buchstäblich auslöschen. Dies und die damit einhergehenden schreienden Ungerechtigkeiten werden natürlich „dem Kapitalismus“ angelastet, was die antiautoritäre Ideologie weiter unterfüttert und nach mehr bürokratischer „Abhilfe“ ruft – so daß sich der Teufelskreis immer weiter fortsetzt.

Man kann sich den „Lösungsansatz“ etwaiger Reformer schon denken: es wird natürlich alles darauf hinauslaufen, „autoritäre Strukturen“ noch radikaler zu hinterfragen und die fachliche Autorität der Ärzte noch mehr zur Disposition zu stellen. Auf diese Weise zerstört die antiautoritäre Gesellschaft die Arbeitsdemokratie in einer scheinbar unaufhaltsamen Abwärtsspirale, während die frühere autoritäre Gesellschaft zumindest eine Karikatur der Arbeitsdemokratie bewahrte.

Am Ende wird vor allem einer der Dumme sein: der Patient und Steuerzahler, um den sich ja angeblich alles dreht und der alles bezahlen muß. Tatsächlich geht es aber bei dieser Angelegenheit jedoch nur um eines, nämlich um das auf den gesellschaftlichen Schauplatz verlagerte ödipale Drama – die „antiautoritäre Emanzipation“ mit ihrer infantilen Rebellion gegen die „Vaterfigur“ Arzt.

Die „Organmediziner“ sind in ihrer Position ziemlich sicher, da letztendlich doch die Realität, etwa in Gestalt eines Blinddarmdurchbruchs, die Oberhand behält und so für den Erhalt einer gewissen arbeitsdemokratischen Ordnung sorgt. Ganz anders sieht es aber im Bereich der Psychiatrie (sowie Psychotherapie, Psychosomatik udgl.) aus, die seit Beginn der antiautoritären Ära, also seit etwa 1960, von absurden Bewegungen wie der „Anti-Psychiatrie“ oder dem „Sozialistischen Patientenkollektiv Heidelberg“ und wirren Pseudo-Philosophen wie Michel Foucault grundsätzlich in Frage gestellt wird. Wer es wagt, „psychische Gesundheit“ zu definieren, steht gleich als „Nazi“ da.


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 31 Followern an