Mit ‘Kant’ getaggte Artikel

Zwei Arten von Debitismus (Teil 3)

23. März 2013

Trotz des im zweiten Teil herausgearbeiteten Gegensatzes haben die Theorien von Gunnar Heinsohn und Robert A. Harman eine in vieler Hinsicht identische Struktur: den „Debitismus“, d.h. es dreht sich alles um den Gläubiger-Schuldner-Kontrakt, der den Kern der Ökonomie ausmacht. Der entscheidende Unterschied ist, daß Heinsohn nicht erkennt, daß damit entscheidend die Charakterstruktur der Menschen ins Zentrum der Ökonomie rückt. Zur Problematik der Emotionellen Pest hat die Heinsohnsche Eigentumsökonomie schlichtweg nichts zu sagen.

Da es, behauptet Heinsohn, ohne Schulden kein Geld gäbe, sei auch die Verschuldung von Staaten und Privatpersonen nicht das Problem, solange die Schulden nachhaltig verwendet und nicht etwa in sinnlosen Sozialprogrammen verschleudert werden. Der Staat, auf den ja das Eigentum zurückgeht, soll gegensteuern, wenn das Eigentum, hauptsächlich aufgrund des Zinsmechanismus, zu unebenmäßig verteilt ist und das ganze System zu kippen droht, weil es schlichtweg zu wenig Eigentümer gibt, d.h. „die Zäune zwischen den Parzellen“ hinfällig geworden sind. Letztendlich muß der Staat, wie am Anfang der Eigentumsgesellschaft, das Eigentum erneut verteilen („neue Zäune ziehen“) und das Spiel beginnt von vorne. Spätestens hier wird die ganze seltsam in der Luft schwebende Heinsohnsche Konstruktion, die Recht auf Willkür gründet, fragwürdig, denn bei einem Kollaps der Wirtschaft werden von ganz alleine jene Mechanismen greifen, etwa der Goldstandard oder untereinander konkurrierendes Privatgeld, die die Österreichische Schule beschrieben hat.

Die Österreichische Schule, deren bekannteste Vertreter Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek waren, kommt der arbeitsdemokratischen Anschauung zwar sehr nahe, bezeichnenderweise verzichtet sie auch weitgehend auf Mathematik, jedoch bleibt hier am Ende gegen den Machtmißbrauch nur ein hilfloser Appell an die Moral und die Ethik. Das Problem der Emotionellen Pest ist jedoch kein psychologisches Problem („Weltanschauung“), sondern ein biologisches. Es angehen zu wollen, umfaßt Bereiche, die weit über den der reinen Wirtschaftstheorie und wohlfeiler Verhaltensmaximen a la Kant hinausgehen. Sie auch nur anzuschneiden, läßt einen sofort als „Reichianischen Sektierer“ dastehen, sind doch „Sektierer“ dadurch gekennzeichnet, daß sie „nicht bei der Sache bleiben“.

Zum Abschluß möchte ich nochmals auf das Anfangsproblem zurückkommen: daß die Vorstellung eines „natürlichen Homo oeconomicus“ anthropologisch unhaltbar sei, da sie von den ethnographischen Erhebungen in keinster Weise gedeckt werde. Die von der Österreichischen Schule und letztendlich auch von Robert A. Harman als „naturgegeben“ gefeierte Eigentumsökonomie muß dann entsprechend wie ein Einbruch der „Unnatur“ wirken. Als lebenslanger „Hans Hassianer“ sehe ich das genaue Gegenteil: den erneuten Durchbruch der Naturgesetze. Ich verweise auf meinen Aufsatz Hans Hass und der energetische Funktionalismus:

Aus Sicht der Energontheorie ist die Wirtschaft die unmittelbare Fortführung der Evolution und der „Berufskörper Schuster“ unterliegt imgrunde den gleichen „betriebswirtschaftlichen“ Zwängen wie der „Berufskörper Seeanemone“, Hai, Kellerassel und so fort. Wirtschaftlicher Erfolg beruht aus dieser Sicht auf einem einzigen Faktor: der Aufschlüsselung der Energiequelle. Beim Hai sind das Fische, beim Schuster Kunden. Der Unterschied zwischen einer altertümlichen Besitzgesellschaft und einer modernen Eigentumsgesellschaft ist demnach folgender: in der ersteren verhalten sich die Menschen wie Tiere, die wie alle anderen Tiere auch die natürlichen Ressourcen aufschlüsseln, während in einer kapitalistischen Gesellschaft Kunden aufgeschlüsselt werden. Damit ändert sich alles, „denn Fische werden gefressen und sind dann weg“, während zufriedene Kunden wiederkommen und dazu beitragen, daß immer mehr Kunden kommen. Das und das Geld erklärt den Erfolg des Kapitalismus, denn Geld wirkt als überwertiges Schlüsselsignal, das wirklich alles Erstrebenswerte zusammenfaßt (Sex, Behausung, Nahrung, Prestige, etc.). Dafür reiben sich die Menschen auf.

In Stammesgesellschaften sind die Tiere der Art Homo sapiens, wie alle anderen Herdentiere auch, vor allem damit beschäftigt, die ständig vor dem inneren Zerfall bedrohte Gruppe zusammenzuhalten. Dem dient vor allem der Tausch, d.h. die gegenseitige Verpflichtung und damit Bindung. In der Eigentumsgesellschaft zerfällt diese „gute alte Zeit“ und das Individuum mit „parzellierten Grundstücken“ tritt in Erscheinung. Nominell existiert die Tierart „Menschen“ zwar fort, aber aus evolutionsbiologischer Sicht tritt nun eine vollkommen neue Fauna in Erscheinung: die Welt der Ökonomie, in der es nicht anders zugeht als zwischen den Tierarten, die etwa ein Korallenriff bevölkern. Aus dieser Perspektive wird auch die klassische Ökonomie wieder in ihre alten Rechte gesetzt, da die ethnographischen Erhebungen über Stammesgesellschaften vollständig irrelevant werden.

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Zusammenfassend:

  1. Man betrachte Wölfe, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, die Struktur des Rudels zu sichern. Genauso sind auch Stammesgesellschaften fast ausschließlich damit beschäftigt, den Zusammenhalt der überlebensnotwendigen Gemeinschaft durch ritualisierte Tauschakte aufrechtzuerhalten.
  2. Wölfe leben davon, im Rudel Wild zu erlegen. Horden von Homo sapiens leben zusätzlich je nachdem vom Fischen, Sammeln, Ackerbau und Viehzucht. Anders als diese Tiere darf der Homo oeconomicus, d.h. das Glied einer Eigentumsökonomie, nicht mehr auf Raub aus sein, wenn er seine Energiequelle optimal erschließen will.

In der ersten Phase der Evolution (bei Pflanzen und Tieren) geht es darum, die Schwachstellen der Nahrungsquelle möglichst effizient auszunutzen. In der zweiten Phase der Evolution (bei den Berufskörpern) geht es darum, die Schwachstellen der „Nahrungsquelle“ (also des Kunden) zu beseitigen und sie (d.h. dem Kunden) an den Lieferanten der Ware zu binden: auf diese Weise profitieren beide Seiten von einem rationalen Tauschvorgang. Ein Unterschied zur üblichen Wirtschaftstheorie, wie sie auch Heinsohn vertritt, besteht darin, daß, während sich bei ihr primär alles um den Gewinn dreht, sich der Energontheorie zufolge der Berufstätige und das Unternehmen nach dem Bedarf und der bestmöglichen Befriedigung des Kunden richten müssen, um langfristig erfolgreich zu sein. Entsprechend gestaltet sich der Tausch in der Eigentumsgesellschaft („Marktwirtschaft“).

Träumereien von einer Rückkehr zu einer Art Stammesökonomie, haben die innere Dynamik des Geschehens nicht erfaßt. Ebensogut könnte man fordern, daß die Menschen wieder auf allen Vieren rumlaufen!

Das grundsätzliche Problem mit Hass ist, daß er zwar erkannt hat, daß der Energiemetabolismus die Grundlage der Ökonomie ist, er dabei aber offen läßt, um was für eine Art von Energie es sich dabei eigentlich handelt. Harman hat dargelegt, daß sich in der Ökonomie orgonotische Erregung durch Tauschakte ausbreitet und daß dieser Vorgang von jenen gestört wird, die aus charakterstrukturellen Gründen Erregung nicht ertragen können und sie deshalb aus ihrer Umgebung zu verbannen trachten (Emotionelle Pest). Aus dieser Sicht bietet sich uns schließlich folgendes Bild:

In Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht habe ich dargelegt, wie sich die Naturgeschichte als Versuch darstellt, die ursprüngliche orgastische Potenz der Einzeller auf der Ebene der Mehrzeller wiederherzustellen, was erst in Gestalt des „orgasmischen Menschen“ vollständig geglückt ist. Wie sich das auf der Ebene der „Hyperzeller“ wiederholt, läßt sich aus Harmans Ausführungen erschließen.

Es bleibt die Frage, wie denn gepanzerte Menschen eine imgrunde funktionierende Ökonomie haben herstellen können? Umgekehrt wird ein Schuh draus! Das Wirtschaftssystem ist nicht menschengemacht, genausowenig wie der menschliche Organismus menschengemacht ist. Das einzige Problem sind die Eingriffe durch emotionell pestkranke Menschen, die Emotionelle Pest. Entsprechend sind auch alle Versuche das Wirtschaftssystem zu ändern letztendlich Emotionelle Pest.

Hier ein Beispiel für die unlösbare Verbindung von Arbeitsdemokratie und Marktwirtschaft. Ab Minute 59:30 begleitet der BBC-Reporter Louis Theroux den schlimmsten Rassisten Amerikas, Gründer der White Aryan Resistance bei dessen Tagesgeschäft als Fernsehmonteur und wundert sich, wie gut er mit seinen „nicht-arischen“ Kunden zurechtkommt, sogar mit ihnen befreundet ist. Theroux bezeichnet ihn daraufhin als Heuchler, während der Rassist ihm entgegenhält, er, der BBC-Reporter, sei weltfremd. So sei das halt in der wirklichen Welt. Der lebensnotwendige Tausch zwischen den Menschen führt sie über alle Ideologien hinweg zusammen und verhindert den Bürgerkrieg, der in einer „solidarischen“ Gesellschaft sofort ausbricht.

Wenn alles Natur ist, wie kann es dann Widernatur geben?

29. Juni 2012

Das folgende ist eine Ergänzung zu Wenn sich die Natur gegen sich selbst richtet und geht auf eine Anfrage aus meiner schier unüberschaubar großen Leserschaft zurück.

Frager: In der Orgonomie wird Pathologie mit dem Verweis auf Panzerung erklärt. Diese behindere die natürlichen selbstregulatorischen Vorgänge, sei also etwas „widernatürliches“. Wenn aber alles Natur ist, wie kann es dann Widernatur geben?

Peter: Selbstverständlich kann nichts „der Natur“ fremd gegenüberstehen, aber hier verwenden wir einen philosophischen, allumfassenden Naturbegriff, der jede mögliche Erfahrung übersteigt. Reich hingegen folgt einem ganz pragmatischen Gebrauch dieser Begriffe, der unmittelbar mit bioenergetischem Kontakt verbunden ist.

Die Position, daß es in der Natur keine Widernatur geben könne, ist allein schon deshalb – widersinnig, weil man sich mit der Behauptung, daß grundsätzlich alles zur allumfassenden Natur gehört, selbst außerhalb dieser allumfassenden Natur stellt, so als würde man nicht dazugehören, über der Natur stehen und könnte sie deshalb überblicken. Doch diese Illusion des „draußen vor“ geht auf die biophysische Struktur der Proponenten derartiger Anschauungen zurück.

Reich hatte von Anfang an darauf bestanden, daß es sinnlos ist, derartig hochabstrakt und abgehoben zu philosophieren. Von Anfang an hat er solche Bemerkungen von der Art „Das Unbewußte kann es nicht geben, weil dieser Begriff philosophisch gesehen ein Widerspruch in sich selbst ist!“ beiseite geschoben und als das abgetan, was sie in Wirklichkeit sind: pathologische Zwangsgrübelei. – Oder anders ausgedrückt: die Behauptung, daß alles Natur ist, ist zutiefst – widernatürlich. Es ist abstraktes, philosophisches Denken, das von einer haltlosen Scheinlogik bestimmt wird. Das, was Reich als „bloße formale Logik“ bezeichnet hat, im Gegensatz zur funktionellen Logik.

Das ganze erinnert an eine Einsicht, die dem Leben von C.S. Lewis die alles endscheidende Wende gab. Der große Apologet des Christentums erinnerte sich an seine Zeit als Atheist:

Mein Einwand gegen Gott war, daß das Universum so brutal und ungerecht zu sein schien. Aber woher nahm ich diese Vorstellung von Recht und Unrecht? Jemand bezeichnet eine Linie nicht als krumm, wenn er keine annähernde Vorstellung von einer geraden Linie hat. Mit was habe ich das Universum verglichen, als ich es als ungerecht bezeichnete? (Mere Christianity)

Lewis hatte Gott, etwas „Überweltliches“, für sich entdeckt, wobei die Gleichsetzung von Sittlichkeit und Geometrie („eine gerade Linie“) kein Zufall ist, sondern natürlich auf Kant („der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“) und von dort weiter zurück auf die antike Philosophie verweist.

Für Reich ging ein solches „Denken“ auf die Loslösung der Wahrnehmung von der bioenergetischen Erregung zurück, was zu einer Aufspaltung des Welterlebens in „Welt“ hier und „Jenseits“ dort führt:

Der jenseitige Gott legt dann an die Welt die Elle der Moral an. Auf diese Weise wird aus einer pathologischen Störung (okulare Panzerung) ein ganzes Gedankengebäude, das das Leben von Milliarden Menschen bestimmt.

Was in uns gegen die Ungerechtigkeit und Brutalität rebelliert, etwa wenn der Wind einen Baum fällt, der ein glücklich spielendes Kind erschlägt, ist zwar tatsächlich „das Göttliche“ in uns, doch das steht nicht außerhalb der Natur. Dies ist eine grundsätzlich andere Weltsicht als die von Lewis und Konsorten. Ich habe versucht sie in Warum ich kein Christ bin zum Ausdruck zu bringen, mehr schlecht als recht. Sie hat etwas mit Geometrie („dem gestirnten Himmel“) und unserem Mitgefühl zu tun, aber nichts mit dem psychopathologischen Alptraum des Mystizismus. Die Widernatur ist unser Feind. Egal wie sie zum Ausdruck kommt, ob in „logischen“ Widerlegungen der Orgonomie oder in irgendwelchen Vorstellungen von „Gott“. Oder mit anderen Worten: unterschiedslos alle Philosophien und Religionen beruhen auf einem psychischen Defekt und sollten nicht allzu ernst genommen werden, selbst wenn sie scheinbar die „Logik“ auf ihrer Seite haben.

Einige Gedanken zu den Einflüssen auf den frühen Reich

7. April 2012

Wie die posthume Veröffentlichung der Frühen Schriften und von Leidenschaft der Jugend gezeigt hat, bildeten Stirner, Nietzsche und Ibsen das Dreigestirn über Reichs Jugend. In den 1920er Jahren hatte Reich in seiner Studierstube in Wien Nietzsches heroisierende Totenmaske hängen:

Hinzu kamen F.A. Lange und Henri Bergson. Bis zuletzt blieb Langes Geschichte des Materialismus einer der zentrale Texte des Orgonomischen Funktionalismus (und ist es heute noch für die Orgonomen). Dabei darf nicht aus dem Auge gelassen werden, daß Langes Buch nicht nur eine grandiose Apologie, sondern gleichzeitig auch eine ausführliche Kritik am Materialismus ist. Das zentrale Thema Langes war die materialistisch-mechanistische Beschreibung des Seelischen und die Trennung zwischen „idealistischen“ Kategorien wie etwa „gesund“ und „krank“.

Bei Lange hatte Reich gleich am Anfang seiner Karriere gelernt, daß nichts in der Welt von einer atomistisch-mechanischen Naturauffassung zu einem Verständnis des Seelischen führen kann, – was Reich zu einer funktionalistischen Naturauffassung führte. Außerdem lernte er von dem Kantianer Lange, daß sich uns die Natur grundsätzlich nur mit Hilfe von Kategorien erschließt und es deshalb nur darauf ankommen kann, inwieweit solche Kategorien wirklich unbedingt notwendig und „paßgenau“ sind, – was Reich zu seiner funktionalistischen Methodik führte, der man oft eine zu schematische bzw. „kategorische“ Herangehensweise vorwarf. Daher Reichs Benutzung von Idealtypen und Betonung „charakteristischer“ Merkmale.

Bergsons Schriften Materie und Gedächtnis, Zeit und Freiheit und die Schöpferische Entwicklung habe Reich, nach eigener Aussage, damals „außerordentlich genau“ studiert.

Ich fühlte instinktiv die Korrektheit seiner Anstrengungen, sowohl den mechanischen Materialismus wie den Finalismus abzulehnen. Bergsons Erläuterungen des Empfindens der Dauer im seelischen Erleben und der Ganzheit des Ichs bestätigten meine inneren Wahrnehmungen von der nichtmaschinellen Natur des Organismus. (…) Meine heutige (1941) Theorie von der psychophysischen Identität und Ganzheit hat ihren Ursprung in Bergsonschen Gedanken (…). Ich galt eine Zeitlang als „verrückter Bergsonianer“, weil ich Bergson im Prinzip zustimmte, ohne jedoch sagen zu können, wo seine Lehre eine Lücke hatte. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer-TB, S. 28)

Reich hat von Anfang an mit dem Gegensatz von Mechanismus und Vitalismus gekämpft. Deswegen fühlte er sich zu Freud hingezogen. War Freud doch einerseits von seiner Herkunft als langjähriger Laborassistent von Ernst Brücke her ein Verfechter des physikalischen Reduktionismus in der Biologie – und andererseits ein prononcierter Psychologe. Entsprechend war seine Libidotheorie sozusagen „Vitalismus ohne Finalismus und Mystizismus“. Man denke in diesem Zusammenhang nur an Freuds Auseinandersetzung mit Adler und Jung. Zu der Zeit als Reich sein Schüler wurde, ahnte Freud in einem besonders luziden Moment sogar etwas von dem, was kommen sollte:

Die Biologie ist wahrlich ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, wir haben die überraschendsten Aufklärungen von ihr zu erwarten und können nicht erraten, welche Antworten sie auf die von uns an sie gestellten Fragen einige Jahrzehnte später geben würde. (Freud: Jenseits des Lustprinzips)

Doch m.E. wird all dies von einer wichtigeren Frage überlagert, die mit dem anfangs erwähnten „Dreigestirn“, insbesondere aber Stirner verknüpft ist: Sowohl Materialismus als auch Vitalismus verkleistern eher die eine Frage, die insbesondere Freud ganz zentral am Herzen lag. Leute wie er glauben, daß das Funktionieren biologischer und sozialer „Organisationen“ von „formgebenden Strukturen“ abhängig ist, während Reich an die Selbstregulierung glaubte. Dieser Gegensatz ist wichtiger als der zwischen Materialismus und Vitalismus. Es ist der Glaube an „Gott“, „die Menschheit“, „Ethik“, „immaterielle Wirkstrukturen“, „höhere Werte“, „Gesetze der Geschichte“, etc. pp. auf der einen Seite und einem radikalen Vertrauen in die Natur auf der anderen Seite.

Hier müßte m.E. auch eine Kritik an Reich ansetzen: Daß er mit seinen Anleihen bei Freud und Marx, und später mit Anleihen an der platonisch/christlichen Tradition, diesen Gegensatz verwischt hat (z.B. als er allen Ernstes das Machwerk My Sister and I von „Nietzsche“ zu seinen „10 Büchern“ zählte, mit Hochachtung über „indische Weise“ sprach, Mahatma Gandhi pries, etc. pp.), so daß sich seine Todfeinde bei ihm ohne allzugroße Manipulationen bedienen und sogar einnisten können. Ich denke dabei z.B. an die Vermengung von Orgonomie und Anthroposophie (und allen möglichen anderen Dreck).

Wie konnte es soweit kommen? Ich glaube, Reich war stets auf der Suche nach besseren, passenderen „Kategorien“ und öffnete sich schließlich sogar der theologischen Begrifflichkeit. Leider vergessen seine Schüler allzugern den rein „operationalistischen“ Charakter dieser Kategorien. Und das bringt mich zum Kern des Problems: als „Stirnerianer“ waren ihm diese Kategorien nicht „heilig“, sondern dienten ihm einfach nur als profane Werkzeuge zur Bewältigung der Welt. Seine Jünger (und in Ansätzen leider auch Reich selbst) haben jedoch alles „heilig“ gesprochen, z.B. seine Rede von „Gott“. Sie haben vom Theaterstück die Kulissen konserviert und sie weiter ausgebaut, – aber der Geist des Stückes, die Intention des Autors, des Stückeschreibers ist verlorengegangen. Deshalb zielen auch alle Reich-Kritiker und Reich-Jünger, die sich an den funktionslos gewordenen Kulissen abarbeiten, mit ihren, je nachdem, Angriffen oder Lobhudeleien vollkommen ins Leere.

Äther, Gott und Teufel

21. Februar 2012

In Äther, Gott und Teufel gibt Reich folgende Definition der Religion:

Jede echte Religion entspricht der kosmischen, der „ozeanischen“ Erfahrung des Menschen. Jede echte Religion enthält die Erfahrung des Einsseins mit einer allgegenwärtigen Macht und zugleich einer zeitweiligen, schmerzlichen Trennung von dieser Macht. Die ewige Sehnsucht nach Rückkehr zum eigenen Ursprung („Rückkehr in den Mutterleib“; „Rückkehr zur guten Erde, aus dem man stammt“; „Rückkehr in die Arme Gottes“, usw.) nach dem Wiedereingebettetsein im „Ewigen“, durchzieht alle menschliche Sehnsucht. Sie wirkt am Grunde der großartigen intellektuellen und künstlerischen Schöpfungen des Menschen; sie ist der Kern aller Sehnsucht der Jugendzeit; sie beflügelt alle großen gesellschaftlichen Entwürfe. Es scheint so, als strebe der Mensch danach, seine Trennung vom kosmischen Ozean zu begreifen; Vorstellungen wie „Sünde“ haben ihren Ursprung in einem Versuch, diese Trennung zu erklären. Es muß einen Grund dafür geben, daß der Mensch nicht mit „Gott“ vereint ist; es muß einen Weg geben, diese Vereinigung wieder herzustellen, zurückzukehren, heimzukommen. In diesem Kampf zwischen dem kosmischen Ursprung und der individuellen Existenz des Menschen kam irgendwie die Vorstellung vom „Teufel“ auf. Es ist das gleiche, ob man „Inferno“ oder „Hölle“ oder „Hades“ sagt. (S. 128, Übersetzung verbessert)

Wir haben also:

  1. ozeanische Gefühle und die Sehnsucht nach der Rückkehr in den Ozean; und
  2. der Konflikt zwischen kosmischem Ursprung und Individuation.

Reich mußte zunächst annehmen, daß dieser Konflikt naturgegeben sei und „irgendwie“ die Irrationalität (den „Teufel“) hervorgerufen habe. Später, nach dem ORANUR-Experiment, wurde deutlich, daß Reich zwei Dinge vermengt hatte, die man streng voneinander trennen muß, will man nicht ein heilloses Durcheinander anrichten:

  1. Leben ist nichts anderes als Orgonenergie, die vom übrigen Orgonenergie-Ozean durch eine materielle Membran getrennt ist. Dies ist der Ursprung der „ozeanischen Gefühle“ und der Sehnsucht nach der Rückkehr in den Ozean. Sie kommt am reinsten in der Musik zum Ausdruck und hat nichts, aber auch rein gar nichts, mit Panzerung zu tun:
  2. Konflikthaftigkeit und Verzweiflung kommen erst mit der Panzerung ins Spiel, die die freie Pulsation der Membran verhindert und alles häßlich macht und teuflisch verzerrt. Panzerung ist abgestorbene, giftig gewordene Orgonenergie (DOR). Aus dem Gegeneinander von Orgonenergie und DOR entspringen die herzzerreißenden religiösen Konflikte, die das Überleben auf dem Planeten gefährden. Sich über sie lustig zu machen ist unangebracht, da ihre Quelle ebenfalls die ozeanische Sehnsucht ist:

Nach der Religion ist die Physik das zweite Thema von Äther, Gott und Teufel. Reichs „Orgonphysik“ beruht auf einer Voraussetzung und umfaßt eine Hoffnung:

  1. man betreibt Orgonphysik, wenn man ungepanzert ist, d.h. ein ungestörter Austausch zwischen der organismischen („hier drinnen“) und der kosmischen („dort draußen“) Orgonenergie stattfindet. Während der wahre Naturforscher einfach Kontakt mit seiner Umgebung aufnimmt, zwingt uns die Panzerung, frei nach Kant, dazu, die Natur zu foltern, bis sie ihre Geheimnisse preisgibt.
  2. jedoch weicht die Beschäftigung mit der Orgonphysik den sadistischen Panzer desjenigen auf, der an sie systematisch herangeführt und dabei durch eine psychiatrische Orgontherapie unterstützt wird. Reich hat zu dieser Überwindung des „Reiches des Teufels“ folgendes gesagt:

Mit dem Ankämpfen gegen die Entdeckung der kosmischen Orgonenergie wird ausausweichlich ein allmählicher, aber höchst effektiver Prozeß einsetzen, in dem sich die starre Panzerung der Charakterstrukturen löst. Auch die härteste, gemeinste und grausamste Charakterstruktur wird sich gezwungenermaßen mit der grundlegenden Tatsache konfrontiert sehen, daß eine Lebensenergie existiert, und damit wird zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die Verhärtung in der menschlichen Charakterstruktur aufbrechen, sie wird weicher, nachgiebiger werden, wird beginnen zu weinen, sich Sorgen zu machen, das Leben aus seinen Fesseln zu befreien, wenn auch vielleicht zunächst noch auf feindselige, mörderische Weise. Die medizinischen Orgonomen werden in diesem Lösungsprozeß wertvolle Hilfe leisten. (Die kosmische Überlagerung, S. 146)

Dieses Wechselspiel von Orgonphysik und Orgontherapie war das Programm der Orgonomen nach Reichs Tod, wie es vom Emblem des American College of Orgonomy symbolisiert wird:

Hegel und der Orgonomische Funktionalismus (Teil 1)

8. August 2011

Hegel hat nicht nur, wörtlich, vom „Ur-Teilen“ gesprochen, sondern in seiner Seinslogik auf hochabstrakte Weise den zentralen Bestand des Orgonomischen Funktionalismus vorweggenommen. In der Einführung zu Wissenschaft der Logik (Erster Teil: Die objektive Logik. Erstes Buch) schreibt er über den Anfang allen Seins:

Der Anfang ist nicht das reine Nichts, sondern ein Nichts, von dem Etwas ausgehen soll; das Sein ist also auch schon im Anfang enthalten. Der Anfang enthält also beides, Sein und Nichts; ist die Einheit von Sein und Nichts (…) Die Entgegengesetzten, Sein und Nichtsein, sind also in ihm (dem Anfang) in unmittelbarer Vereinigung; oder er ist ihre ununterschiedene Einheit. Die Analyse des Anfangs gäbe somit den Begriff der Einheit des Seins und Nichtseins – oder, in reflektierter Form, der Einheit des Unterschieden- und des Nichtunterschiedenseins – oder der Identität der Identität und Nichtidentität. (Werke in zwanzig Bänden, Bd. 5, Frankfurt: Suhrkamp, 1969, S. 73f)

Natürlich ist dieses abstrakte Herumphilosophieren kaum erträglich, aber trotzdem: wollte man diesen Hegelschen Gedankengang graphisch fassen, hätte man das Symbol des Orgonomischen Funktionalismus und infolge die orgonometrischen Formeln vor sich. Ich finde dies besonders spannend in Bezug auf den Marxismus und Dialektischen Materialismus: Reich hat sich mühsam aus dem Dialektischen Materialismus, der nichts anderes als eine Verballhornung der Hegelschen Philosophie ist, befreien müssen, um zu jenem durchzudringen – was sich gleich am Anfang von Hegels zentralem Werk zur „Logik des Seins“ findet!

Die Lehre von der Einheit der Gegensätze ist so alt wie das menschliche Denken selber, denn es enthält a priori als Grundvoraussetzung allen Erkennens, die funktionelle Gegensätzlichkeit und Identität von Subjekt und Objekt. Dies ist bei Reich bereits im Keim seiner Sexualitätstheorie angelegt, in der psychosomatischen Identität und Gegensätzlichkeit (Sexualität und Angst):

Dies offenbarte sich Reich nicht nur in der psychotherapeutischen Behandlung, sondern auch in „der Charakteranalyse im biologischen Funktionsbereich“, d.h. bei den „bio-elektrischen“ Untersuchungen in den 1930er Jahren (Orgonomic Functionalism, Vol. 2):

Dies hat schließlich zur theoretischen Begründung der orgonomisch-funktionalistischen Forschung geführt (Orgonometric Equations, Die kosmische Überlagerung):

Nachdem die Dualisten DesCartes und Kant diese Einheit aufgebrochen hatten, waren es Fichte, Schelling und Hegel, die von neuem „dialektisch“ dachten. Aus Hegel entwickelten Marx und Engels den (Historischen und) Dialektischen Materialismus. 1942 schreibt Reich dazu:

Der dialektische Materialismus, den Engels in seinem Anti-Dühring in den Grundzügen entwickelt hatte, entwickelt sich zum energetischen Funktionalismus. (Massenpsychologie des Faschismus)

Dies ist ein recht bemerkenswerter Satz, denn an anderer Stelle schreibt Reich 1947, daß er zwischen 1919 und 1923 die gleichzeitige Identität und Gegensätzlichkeit von Empfindung und Erregung und damit eine neue Denktechnik entdeckte,

die keine Vorläufer in der Naturwissenschaft hatte. (…) Den dialektischen Materialismus von Friedrich Engels (ANTI-DÜHRING) lernte ich erst viele Jahre später, etwa 1927, kennen. (Orgone Energy Bulletin, Vol. 2, S. 7)

Das Michelson-Morley-Experiment (Teil 1)

8. Juni 2011

Ist das Orgon als Medium für elektromagnetische Strahlung haltbar, falls die Speziellen Relativitätstheorie bestand haben sollte? Das Problem der Orgonomie mit der Relativitätstheorie liegt m.E. nicht im Bereich der „Abschaffung“ des Äthers, sondern in einer Parmenidischen Verhärtung des Äthers selbst. Bei zunehmender Durchdringung der physikalischen Probleme forderten die Maxwellschen Gleichungen von den Physikern, daß sie die Bewegung des Äthers ständig weiter einschränkten, bis Lorentz den revolutionären Schritt tat und

die höchst radikale und vorher noch nie mit dieser Bestimmtheit geäußerte Behauptung aufstellte: Der Äther ruht absolut im Raum. (Max Born: Die Relativitätstheorie Einsteins, Berlin 1964, S. 176)

Aus diesem starren dreidimensionalen Äther von Lorentz wurde dann ohne jeden Bruch die starre vierdimensionale Raumzeit Einsteins.

In der Speziellen Relativitätstheorie werde, so Einstein,

der Begriff des Geschehens und Werdens zwar nicht völlig aufgehoben, aber doch kompliziert. Es erscheint deshalb natürlicher, das physikalisch Reale als ein vierdimensionales Sein zu denken statt wie bisher als das Werden eines dreidimensionalen Seins. Dieser starre vierdimensionale Raum der speziellen Relativitätstheorie ist gewissermaßen ein vierdimensionales Analogon des H.A. Lorentzschen starren dreidimensionalen Äthers. (Einstein: Über die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie)

Nachdem Giordano Bruno den starren Äther der Himmelssphären aufgelöst hatte, ist nach 300 Jahren nicht nur dieser Kristalläther zurückgekehrt, sondern in der Gestalt Einsteins ist nach 2400 Jahren Parmenides selbst auferstanden.

Die „Relativitätstheorie“ sollte zutreffender „Invarianztheorie“ wegen der Invarianz der physikalischen Gesetze und der Lichtgeschwindigkeit heißen, was immerhin funktionelle Gegebenheiten abdeckt. Es wäre sogar „Absolutheitstheorie“ angebracht, wenn man an den mechano-mystischen Hyperraum denkt, der nichts Funktionelles mehr an sich hat. Relativität (kein herausgehobenes Inertialsystem), Invarianz (Gesetze gelten überall) und Absolutheit (das vierdimensionale Sein) machen sich um den Fixpunkt Lichtgeschwindigkeit fest. Diese Rolle der Lichtgeschwindigkeit spiegelt sich z.B. auch in der modernen Metrologie wider, in der seit 1983 die Lichtgeschwindigkeit per Definition exakt 299792458 m/sec ist. Auf diesem Wert als absolutem Bezugspunkt bauen sich alle anderen Meßgrößen auf. Diese Invarianz hat ihre funktionelle Berechtigung, doch Einstein mißbrauchte sie für die Konstruktion eines Hyperraumes, aus dem er die wirkliche Welt hinausprojizierte.

Die dreidimensionalen Objekte der Wirklichkeit sind demnach Projektionen einer vierdimensionalen „Superwirklichkeit“, so wie ein dreidimensionales Drahtgitter ein zweidimensionales Muster auf einen Projektionsschirm wirft. Dieses zweidimensionale Gebilde auf der Projektionswand kann sich verformen, die Linien können sich im Verhältnis zueinander bewegen, doch diese Bewegung ist Illusion, denn in der „Superwirklichkeit“ des Drahtgitters bleibt alles starr im gleichen Abstand zueinander. So kann man nachvollziehen, wieso für Einstein zeitliche Vorgänge eine Illusion sind – in den jenseitigen Himmelssphären bleibt alles unveränderlich aufeinander zugeordnet.

Newton und Einstein stehen beide in vollständiger Übereinstimmung mit der Philosophie Kants, in der zwar Raum und Zeit zu den transzendentalen Kategorien gehören nicht jedoch die Bewegung, denn bei Kants „Hyperraum“ geht es ja gerade um die Strukturierung der „fließenden Scheinwelt“. In seinem Einstein gewidmeten Galilei-Buch erwähnte Rudolf Lämmel 1927, die Frankfurter Zeitung habe die Relativitätstheorieaus ihren Spalten verbannt, „weil sie wider Kant erscheint und Kant vielen heutigen Philosophen ebenso unfehlbar ist, wie zu Galileis Zeiten Aristoteles es war“ (Galilei, Berlin 1927, S. 16). Man stieß sich daran, daß nach der Relativitätstheorie Raum und Zeit nicht mehr scharf auseinandergehalten werden konnten, doch verkannte man, daß Einsteins Raumzeit noch weit starrer, transzendentaler und „kategorischer“ war, als Raum und Zeit getrennt bei Kant. Die Spezielle Relativitätstheorie gab vor, die starren, absoluten Begriffe Newtons von Raum und Zeit aufgelöst zu haben. In Wirklichkeit wurden sie aber nur durch eine weit starrere Absolutheit ersetzt.

Man kann die Allgemeine Relativitätstheorie als Aufweichung der Speziellen betrachten, denn in ihr gilt die Invarianz der Lichtgeschwindigkeit nicht. Aber diese Erweiterung der Relativität wird dadurch erkauft, daß der Energiebegriff ad absurdum geführt wird. In der Allgemeinen Relativitätstheorie ist Materie letztlich nur eine Krümmung im Hyperraum und wo es keine Materie gibt, gibt es nach der Speziellen Relativitätstheorie auch keine Energie – die Schöpfungsfunktion wird sozusagen abgewürgt.

Die Allgemeine Relativitätstheorie verdeckt die nichtinertiale, schöpferische Energie, die sich in der Überlagerungsfunktion ausdrückt, während die Spezielle Relativitätstheorie korrekt die sekundäre Energie/Materie beschreibt. Sie ist für „ruhende Bewegung“, für abgestorbenes, beharrendes Orgon, für DOR zuständig. Die Lichtgeschwindigkeit ist ein Trägheitsphänomen dieser sekundären Energie. Das Medium, der Träger des Lichts wird erst dann zugänglich, wenn wir den Bereich der unbeschleunigten gradlinigen Bewegung verlassen.

Reich selbst hat parallel zwei Vorschläge gemacht, um den negativen Ausgang des Michelson/Morley-Experiments zu erklären. Jener Erklärung zufolge, die charakteristischerweise nach Reichs Tod nie wieder aufgegriffen wurde, ist das Licht eine im strengen Sinne lokale Erstrahlung, also gar nicht von einer Ätherdrift betroffen. Wie man sich den Unterschied zwischen lokaler Erstrahlung und der sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitenden Erregung, die die Erstrahlung hervorruft, vorstellen kann, verdeutlicht folgendes Beispiel: Schließt der Leser jetzt die Augen, sieht er nicht etwa gar nichts, sondern die Welt der „Nachbilder“, die noch lange weiterleuchten, nachdem die Erregung längst vorbei ist. So gesehen sind die Nachbilder unabhängig von der Erregung, die sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitet. Sie sind die durch elektromagnetische Strahlung hervorgerufene Erstrahlung unserer Sehnerven.

Reichs funktioneller Ansatz entspricht der „funktionalistisch operationalistischen“ Aussage Max Borns, daß die Behauptung, es gäbe im leeren Raum feststellbare Schwingungen, jede mögliche Erfahrung überschreite.

Licht oder elektromagnetische Kräfte sind immer nur an der Materie nachweisbar. Der leere, von der Materie völlig freie Raum ist überhaupt kein Gegenstand der Beobachtung. Feststellbar ist nur: Von diesem materiellen Körper geht eine Wirkung aus und trifft an jenem materiellen Körper einige Zeit später ein. Was dazwischen geschieht, ist rein hypothetisch, oder, schärfer ausgedrückt, willkürlich. Das bedeutet, die Theorie darf das Vakuum mit Zustandsgrößen, Feldern, oder dergleichen nach freiem Ermessen ausstatten, mit der einzigen Einschränkung, daß dadurch die an materiellen Körpern beobachteten Veränderungen in einem straffen, durchsichtigen Zusammenhang gebracht werden. (Born, S. 192f)

Reichs zweitem Erklärungsansatz zufolge sollte der Lichtäther im Verhältnis zur Erdoberfläche fast ruhen, sodaß kein von Michelson und Morley registrierbarer Ätherwind auftrete. Der Äther sollte sich nur wenig schneller als der Wind (2 Meter pro Sekunde) bewegen, der ja der materielle Ausdruck von schnelleren Orgon-Strömungen ist.

Orgonenergie und Abstraktion

4. April 2011

Aus vorangegangenen Blogeinträgen könnte der Eindruck erwachsen, die Orgonomie sei sozusagen „anti-Platonistisch“. Im folgenden soll gezeigt werden, daß geradezu das Gegenteil der Fall ist.

Giordano Bruno hat viele erkenntnistheoretische Einsichten Kants über den Zusammenhang von Status des Geistes und Erfassung der Umwelt vorweggenommen. Jochen Kirchhoff zufolge hob Bruno hervor, „daß wir Spiegeln gleichen, auf denen sich die Dinge abbilden, daß Struktur und Form unserer sinnlich-rationalen Erkenntnisorgane die Eigenarten des gespiegelten Bildes bestimmen“ (Giordano Bruno, rororo, S. 56). In Äther, Gott und Teufel hat Reich ähnliches gesagt und ergänzt, daß man zwischen einem glatten Spiegel und einem unebenen Spiegel unterscheiden müsse (S. 56f). Der erstere entspricht dem ungepanzerten, der letztere dem gepanzerten Organismus und seiner Wahrnehmung der Umwelt.

Das ungepanzerte Lebendige empfindet sich und die Umwelt grundsätzlich anders als der gepanzerte Organismus. (ebd.)

Natürlich darf man das Bild des Spiegels nicht allzu wörtlich nehmen, denn, wie Goethe im Faust sagt: „alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ Ein Satz, den Leon Wurmser wie folgt kommentiert:

Die Welt der Fakten und Daten, unsere „Realität“, kann nur mit Hilfe von Metaphern und Symbolen erfaßt werden. Es gibt kein Sehen ohne Interpretieren: es gibt keine primären Gegebenheiten, nur symbolisch strukturierte Bilder. („Plädoyer für die Verwendung von Metaphern in der psychoanalytischen Theoriebildung“, Psyche, Aug. 1983)

Wie sich dieser Gedanke (der Wurmser Anlaß gibt, doch nur wieder in den Platonismus abzugleiten) in den Orgonomischen Funktionalismus einfügt, verdeutlicht uns der bildende Künstler William Steig, der die orgonomisch-funktionelle Annäherung an die Natur so beschrieb:

Innerlich ist jeder wie ein Künstler tätig und schafft ständig geistige Bilder seiner sich bewegenden und verändernden Umgebung. Diese Bilder sind nicht „photographisch“, sondern „abstrakt“, denn es wird Bewegung, Richtung, Gestalt, Gefüge, etc. hervorgehoben – das Gefühl der Sache. („Some Notes on Art Inspired by Reich“, Orgone Energy Bulletin, Vol. 4, No. 1 January 1952, S. 32)

Der Maler destilliert das Wesentlichste aus der Natur heraus und gelangt so in einen tieferen Funktionsbereich, ohne diesen zu mechanisieren, ohne „Höheres“ in ihn hineinzutragen. (So kann man bestimmen, was Kunst und was Schund ist!) Siehe auch meine Beschreibung des Konstruktivismus in Von Freud zu Reich (Teil 7).

Was im orgonomischen Sinne „Abstraktion“ im Gegensatz zu „Spiegeltreue“ ist, wird noch deutlicher, wenn wir von der bildenden Kunst zur Musik übergehen. Trotzdem Musik vollkommen unanschaulich ist und sich jeder konkreten, in Worte zu fassenden Vorstellung entzieht, ist sie bei aller Abstraktion doch unmittelbarer „Bewegungsausdruck des Lebendigen“. In Charakteranalyse sagt Reich, „daß der musikalische Ausdruck mit letzten Tiefen des Lebendigen zusammenhängt“ (S. 475). Diese Art von Abstraktion, die Bewegungsausdruck ist, ist etwas vollkommen anderes als die Platonistische Abstraktion, die unveränderliches Sein verkörpert. Der Bewegungsbegriff verbirgt sich hinter der hochabstrakten Hegelschen Dialektik, der Bewegungsausdruck hinter den „hochabstrakten Begriffen“ der Orgonometrie (von denen Reich z.B. in „Melanor, Orite, Brownite and Orene“, CORE, Vol. 7, S. 30 spricht).

Letztendlich läuft alles darauf hinaus, wie der Denker, Wissenschaftler und Künstler mit seinen eigenen Emotionen (= Bewegung der Orgonenergie) umgeht.

In seinem Gedenkartikel über den vor kurzen verstorbenen abstrakten Maler Kenneth Noland, der mit der Orgonomie eng verbunden war, beschreibt dies der Orgonom Robert A. Harman sehr schön:

Für Noland, wie auch für jeden anderen großen Maler, war die Leinwand das Werk selbst, keine Vorrichtung, die, wie eine Maschine in einer Fabrik, dazu bestimmt war, um die Aufgabe „auszuführen“, die Emotionen dem Betrachter vor Gesicht zu stellen. Der Gegensatz liegt in zwei vollkommen unterschiedlichen Lebensweisen begründet. In der ersten Lebensweise ist eine Emotion etwas das lebt und sich bewegt, eine spontane Bewegung des Organismus und seiner Arbeit, etwas das man in der Arbeit selbst entdeckt. (…) In der zweiten Lebensweise ist eine Emotion ein „Objekt“, etwas „dort“, eine Sache oder ein Ort, der immer unerreichbar bleibt, welches das hilflose und frustrierte Menschentier „sich bemüht“ zu „bekommen“ bzw. „zu ihm zu gelangen“. („In Memoriam: Kenneth Noland (1924-2010)“, The Journal of Orgonomy, Vol. 42, No. 2, Fall 2009/Winter 2010)

Es geht einfach darum, ob man in Harmonie mit der Natur empfindet, denkt und handelt, d.h. funktionell, – oder ob alles durch den „widernatürlichen“ Panzer „hindurchgedrückt“, bzw. durch ihn hindurch wahrgenommen und dabei hoffnungslos entstellt und zerstückelt wird. Das erstere führt zu funktionellen Formulierungen (Abstraktionen), das letztere zu mechanistischen und mystischen.

Auch wenn von der Tendenz her auf dem ersten Blick eher das Gegenteil der Fall zu sein scheint („es ist nur abstrakt!“), ist der gepanzerte Organismus zur Abstraktion gar nicht in der Lage!

Die Identitätsphilosophie und das Orgon (Teil 2)

30. März 2011

Parmenides’ Schüler Zenon begründete die Dialektik damit, daß er die Widersprüchlichkeit des Bewegungsbegriffes aufzeigte. Die Atomtheorie war ein Versuch, diese Widersprüche zu umgehen und Bewegung und Sein in Gestalt sich bewegender Seinspartikel (die Atome) miteinander zu versöhnen. Hegel ging das Problem weit radikaler an, indem er zwar zunächst einräumte, daß Zenon tatsächlich einen Widerspruch im „Begriff der Bewegung“ nachgewiesen hatte, „nur daß damit nichts gegen die Bewegung, sondern umgekehrt das Dasein des Widerspruchs erwiesen sei“. Die Tolerierung dieses Widerspruchs macht die Hegelsche Dialektik aus. Hans-Georg Gadamer führt dazu aus:

Am Phänomen der Bewegung wird die Selbstheit des Geistes ihrer gleichsam zum ersten Male und in unmittelbarer Anschaulichkeit gewiß, und zwar dadurch, daß der Versuch, Bewegung als etwas anzusprechen, was ist, zum Widerspruch führt. Was sich bewegt, dem kommt nicht in seinem Sinn das Prädikat, hier zu sein, zu und auch nicht, dort zu sein. Bewegung selber ist überhaupt kein Prädikat des bewegten, kein Zustand, in dem sich ein Seiendes befindet, sondern eine Seinsbestimmung höchst eigener Art: Die Bewegung ist „der Begriff der wahren Seele der Welt; wir sind gewohnt, sie als Prädikat, Zustand anzusehen (– weil unser Auffassen und Ansprechen als solches prädiziert und damit fixiert, H.G.G.), aber die ist in der Tat das Selbst, das Subjekt als Subjekt, das Bleiben eben des Verschwindens“ (Hegel). (Hegels Dialektik, Tübingen 1980)

Indem also der Geist sich mit der Bewegung befaßt, wird ihm gegenwärtig, daß er eben diese Bewegung ist – die Einheit von Metaphysik und Logik.

So hatte Hegel alles Sein, auch das der Lukrezschen Atome und der Brunoschen Monaden, mit der „Bewegung als wahrer Seele der Welt“ überwunden. Aber diese Abkehr von allen Resten des Parmenidischen Denkens verfing sich auf einer viel tieferen Ebene ins Sein, indem es die „Metaphysik“ an die Gesetze des Denkens band. Was es damit auf sich hat, zeigt Jacob Meyerowitz in seiner orgonometrischen Analyse der Hegelschen Dialektik (Before the Beginning of Time, Easton, PA 1994):

Meyerowitz:

Das Konzept Synthese ist ein Ausdruck nach der Tätigkeit (post-action expression) – ein Ausdruck, der als eine vergangene, strukturalisierte Abstraktion funktioniert, der nach ← dem CFP schaut, was das „Umgekehrte“ der Richtung → der Entwicklung ist.

Hegel meint also der „Bewegung“ gerecht zu werden, stellt sich aber der natürlichen Entwicklungsrichtung ihrer Entfaltung entgegen. (Daran haben auch die „materialistischen“ Nachfolger Hegels nichts geändert!) So verfing sich ein hoffnungsvoller Ansatz, endlich zu einer funktionellen Naturbetrachtung durchzudringen, in den „ungebändigten spekulativen, metaphysischen Extravaganzen“ (Leon Wurmser) von Hegel. Erst Reich gelang es, unser Denken der Entwicklungsrichtung, in der sich die natürlichen Funktionen entfalten, anzupassen.

Es bleibt jedoch Hegels Verdienst Metaphysik und Logik miteinander verbunden zu haben und auf mystisch verzerrte Weise bis zur Orgonenergie und ihrer Identität mit „orgastischem Funktionieren“ vorgedrungen zu sein. Für Hegel ist der Geist

der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist, und weil jedes, indem es sich absondert, ebenso unmittelbar sich auflöst – ist er ebenso die durchsichtige und einfache Ruhe. (Phänomenologie des Geistes, z.n. Walter Kaufmann: Nietzsche, Darmstadt 1988, S. 279)

Dies ist das „Bleiben des Vergehens“, von dem Hegel spricht, wobei er eine Ahnung gibt von jener primordialen Ebene, in der die Orgasmustheorie ihre tiefste orgonotische Funktionsverankerung findet. Nietzsche hat etwas ganz ähnliches erschlossen und vertreten. Die Übereinstimmung mit der Hegelschen Philosophie ist wirklich verblüffend, wobei Nietzsches Philosophie nicht eine der Ideen und Gedanken ist, sondern eine Lebensphilosophie. Reich schließlich vertrat die Lebensforschung.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, wie Hegel zum konkreten Orgon stand, das damals mit dem Begriff des materiellen „Äthers“ abgedeckt wurde, und wie zur Erforschung dieses Äthers. Tatsächlich schien ihm schon damals so etwas wie die Reichsche Orgonomie vorzuschweben. Hegel verstand unter „Äther“ den ersten Schritt im Prozeß der Realisierung des „absoluten Geistes“, der sich nun als „materialisiertes Absolutes“ in der nichtmetaphysischen Wirklichkeit ausdrückt und in dieser Entfaltung von der Naturphilosophie verfolgt wird.

Bereits das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus, welches wechselweise Hegel, Hölderlin und Schelling zugeschrieben wird, träumt von einer Physik der Zukunft, die diese Entfaltung fassen kann:

Ich möchte unserer langsamen an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben. So – wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung, die Data gibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern erwarte.

Diese physikalischen Anwandlungen der idealistischen Philosophen finden ihre spiegelverkehrte Entsprechung bei den neueren Physikern, wenn z.B. Max Planck schreibt: „Die Findung der Wahrheit ist nur noch durch den Sprung in das Reich der Metaphysik gesichert.“ Einstein: „Zu den elementaren Gesetzen führt kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition.“ Carl Friedrich von Weizsäcker:

Die großen Fortschritte der Wissenschaft geschehen nicht, indem man ängstlich am Beweisbaren klebt. Sie geschehen durch kühne Behauptungen, die den Weg zu ihrer eigenen Bestätigung oder Widerlegung selbst erst öffnen.

Selbstverständlich sollte sich die Orgonphysik tunlichst jeder naturphilosophischen Spekulation enthalten, der Reich explizit abhold war, andererseits ist die empiristische Verödung eine reale Gefahr für sie. Dabei sollte es zu denken geben, daß die Empirie (z.B. die Messung von To-T am ORAC) und die Theorie (z.B. die obigen Überlegungen über die Hegelsche Dialektik) ein und dieselbe Bezeichnung von Reich erhielten: Orgonometrie. Orgonometrie ist auf der einen Seite die „substantielle“ quantitative, auf der anderen die „funktionale“ formale Erforschung der Orgonenergie. Außerdem hat der Orgonomische Funktionalismus unleugbar auch philosophische Elemente, obwohl Reich genausowenig Philosoph war wie Goethe. Und schließlich haben Philosophen wie Schelling und Nietzsche (der Anfang der 1880er Jahre noch ernsthaft mit einem Chemiestudium anfangen wollte) Philosophie sozusagen aus Verlegenheit betrieben, weil die Naturwissenschaft noch nicht bis zur Orgonomie entwickelt war. In diesem Sinne ist die Orgonomie nicht nur das Ende, sondern auch die Erfüllung aller Philosophie.

Immerhin lagen schon erste tastende Versuche in einer neuen Physik, wie sie das Älteste Systemprogramm verlangte, bei Goethes naturwissenschaftlichen Bemühungen vor. Wobei die ganze deutsche Klassik von jener Brunoschen „Identitätsphilosophie“ durchdrungen war, die schließlich im Orgonomischen Funktionalismus auslaufen sollte. Gemeint ist das Erbe von Renaissance, Scholastik und Antike das hinab reicht bis auf Heraklit, dessen Philosophie man dahin zusammenfassen kann, daß sich aus der Ur-Energie ständig die Vielheit nach dem Gesetz von der Einheit der Gegensätze entfaltet, wobei sich alle Entwicklung aus dem Widerstreit gegensätzlicher Kräfte ergibt.

Das funktionelle Denken vor Reich, das man an den Ecknamen Heraklit, Bruno und Hegel festmachen kann, läßt sich durch die Begriffe Ganzheit, Widerspruch, „triadisches Denken“, dynamische Sichtweise und insbesondere am „principium coincidentiae oppositorum“ festmachen, das durch Bruno an Spinoza, Goethe, Schelling und die gesamte deutsche Klassik weitergegeben wurde. Das Prinzip von der Einheit der Gegensätze wirkte insbesondere auf den von Goethe hochgeschätzten Johann Georg Hamann und seine Auseinandersetzung mit Kant ein. In einem Brief an Herder erachtete Hamann Brunos Principium sogar als philosophisch wertvoller als die ganze Kantsche Vernunftkritik.

Tanz den Adolf Hitler! (Teil 1)

18. März 2011

Es ist vollkommen irrelevant, was in den Köpfen der Volkstribunen faschistischer Bewegungen, etwa Hitler und Goebbels, vor sich geht. Wichtig ist, was die Massen bewegt. Ohne diesen Resonanzboden würde das irre Gekreische der vermeintlichen „Führer“ folgenlos verhallen.

Man nehme etwa den in Der Blaue Faschismus vorgestellten modernen Hitleristen Maginaug. Was er zum Ausdruck bringt, will sagen, die krankhaften Gefühle und Phantasien, die er zum Ausdruck bringt, sind wichtiger als jede historisch-kritische Analyse des Phänomens „Hitler“:

Der Hitlerismus war der Versuch von Früh-Evoluten, den weißen, arischen Menschen zum Schmetterling, zum Gott-Bewußtsein zu führen. Es gab viele positive Aspekte im Hitlerismus, Ahnenerbe und Lebensborn waren nur zwei dieser Aspekte. Natürlich gab es viele Fehler, aber das Ziel, der Wille war richtig, und gescheitert ist der Hitlerismus daran, daß alle Raupen und an dem Raupendasein der Menschen profitierende, verdienende sich zusammenschlossen, um gegen den Hitlerismus einen globalen Krieg zu führen.

Heute ist das Internet voll von ähnlichen Aussagen!

Oder:

Hitler war ein Freund der Bäume, des Waldes, der Tiere, er war Vegetarier und wollte die Menschen seiner Rasse zu höheren und größeren Zielen führen.

Man müsse dem Hitlerismus zugute halten, daß er „die Wichtigkeit und das Mysterium des Blutes“ erkannt habe. Hitler „und die seinen“ wollten

die Menschen zum Natürlichen, zur Natur zurückführen, und zwar zu unserer eigenen Natur, welche von ihrem Urprinzip her die Natur eines Jägers ist, eines natürlichen wilden und freien Jägers, wild, frei, aggressiv, ungezähmt.

Und tatsächlich hat Hitler im Gespräch mit Hermann Rauschning über die geplante neue „lebenspositive“ Pädagogik in seinen „Ordensburgen“ referiert:

Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend. (…) Das freie, herrliche Raubtier muß erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und schön will ich meine Jugend. Ich werde sie in allen Leibesübungen ausbilden lassen. Ich will eine athletische Jugend. (…)So merze ich Tausende von Jahren der menschlichen Domestikation aus. So habe ich das reine, edle Material der Natur vor mir. Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich mir die Jugend. Am liebsten ließe ich sie nur das lernen, was sie ihrem Spieltrieb folgend sich freiwillig aneignen. Aber Beherrschung müssen sie lernen. Sie sollen mir in den schwierigsten Proben die Todesfurcht besiegen lernen. Das ist die Stufe der heroischen Jugend. Aus ihr wächst die Stufe des Freien, des Menschen, der Maß und Mitte der Welt ist, des schaffenden Menschen, des Gottmenschen. In meinen Ordensburgen wird der schöne, sich selbst gebietende Gottmensch als kultisches Bild stehen und die Jugend auf die kommende Stufe der männlichen Reife vorbereiten. (z.n. Joachim Köhler: Wagners Hitler, München 1997, S. 344, Hervorhebungen hinzugefügt)

Nun, Rauschnigg, auf dessen Buch Gespräche mit Hitler übrigens auch Reich hereingefallen ist, hat seine Gespräche mit Hitler frei erfunden bzw. aus Mein Kampf und anderen Quellen kompiliert, aber es ist, wie gesagt, eh weitgehend egal, was Hitler wirklich gedacht hat. Wichtig ist einzig der „Mythus“. (Kurioserweise würde der Wagnerianer Hitler selbst dem vielleicht sogar zustimmen!) Hitler ist bloßer Ausdruck von geschichtlichen Strömungen, sozusagen der „Vorsehung“.

Hitlers „Gottmensch“ ist der unappetitliche Verdauungsrückstand, der von Gott blieb, nachdem er in den Kopf der deutschen Idealisten geraten war. Bei Kant verfügt das „selbstgewisse“ Subjekt Descartes’ über „Erkenntnisse a priori“ unabhängig von aller Erfahrung in der Außenwelt, daraus wurde Fichtes „sich selbst setzendes Subjekt“, Hegels „sich selbst entfaltender Geist“ und schließlich bei Stirner der „alles zerstörende Einzige“. Stirners „Ich hab’ Mein Sach’ auf Nichts gestellt!“ ist eine individualistische Neuformulierung der über Hegel vermittelten universalistischen „negativen Theologie“ Eriugenas. Entsprechend schreibt Stirner am Ende seines Der Einzige und sein Eigentum, daß die behauptete Unfaßbarkeit und Vollkommenheit Gottes dem „Einzigen“ eigen sei, der als Eigner seiner Gewalt „in sein schöpferisches Nichts zurückkehrt, aus welchem er geboren wird“. (siehe dazu Am Anfang stand der Neuplatonismus (Teil 2))

Nietzsche hat diese „negative Egologie“ in eine positive umgeformt, indem er den theologischen Bezugsrahmen zu einem biologischen machte:

Das „Ich“ unterjocht und tötet: es arbeitet wie eine organische Zelle: es raubt und ist gewalttätig. Es will sich regenerieren – Schwangerschaft. Es will seinen Gott gebären und alle Menschheit ihm zu Füßen sehen. Die befreiten Ichs kämpfen um die Herrschaft. (Studienausgabe Bd. 10, S. 14)

Das ist schon fast Hitlers Konzept des „Gottmenschen“. Fehlt nur noch das Aufgehen des Ichs in Größeres, wie „Rasse, Blut und Boden“. Nietzsche sah einen „mächtigen Gebieter, einen unbekannten Weisen“, das „Selbst“, hinter jenem unerkennbaren, metaphysischen Ich: „In deinem Leib wohnt er, dein Leib ist er“ (Also sprach Zarathustra I, „Von den Verächtern des Leibes“). Reich hat dies in seinem Schritt von der Charakteranalyse zur Vegetotherapie und schließlich zur Orgontherapie konkret mit Sinn erfüllt und ist dann einen Schritt weitergegangen: der Körper, Nietzsches „Selbst“, wird wiederum von den Gesetzen der kosmischen Orgonenergie bestimmt.

Der „Gottmensch“ der deutschen Tradition von Fichte bis Hitler ist jedoch von seinem Körper abgeschnitten und verfolgt ihn (und letztendlich auch die kosmische Orgonenergie, bzw. „Gott“) mit einem unbändigen Haß. Dieser „Selbst“-Haß und Gotteshaß ist das Geheimnis von Hitlers Antisemitismus. Die großen Rabbiner haben gesagt, daß, weil sich die Menschen nicht an Gott vergreifen könnten, sie sich an Gottes Volk halten würden, an seinen Sohn Israel. Das gleiche gilt für den Feigling, der nicht selbst seinen Körper vernichten kann, sondern stattdessen Stellvertreter seines Selbst opfern muß.

Maginaugh:

Er (Hitler) baute Lager, ja Opfertempel, er tötete diese (Juden) nicht einfach, sondern weihte sie quasi dem Herrn des Dunklen und des Todes und erlöste sie damit von ihrem Fluch.

Es ist auffallend, daß alle Charakterisierungen des Juden, auf die Nazis am besten selbst zutreffen. Das gilt schon für Wagner, dessen Vernichtungsphantasien gegen die Juden Beckmesser, Alberich, Mime und Klingsor sich ganz offensichtlich gegen Selbstporträts richteten. Gleiches trifft auf Rudolf Steiner zu. Man muß nur Photos von ihm mit seinen Zeichnungen von „Ahriman“ vergleichen, um zu sehen, daß dieser Steiners eigenes gehaßtes Selbst war. Genauso war es mit Hitler und den „Juden“ bestellt.

Mit ziemlicher Sicherheit waren Hitler die wirklichen Juden als solche ziemlich egal und es ist sinnlos bei Hitler nach einem persönlichen Motiv zu suchen (z.B. ließ er den jüdischen Arzt Eduard Bloch 1940 ausreisen, der den Brustkrebs behandelt hatte, an dem Hitlers über alles geliebte Mutter gestorben war). Man kann alles, was Hitler über die Juden gesagt hat, als korrekte Selbstbeschreibung Hitlers betrachten: die Juden seien „hinterhältig, feige und grausam“. Schon vom Äußeren her, mit seiner niedrigen Stirn und in seinem ganzen schmierigen Gehabe, hatte er rein gar nichts „Arisches“ an sich. Hitler, den niemand jemals auch nur mit nacktem Oberkörper oder bei irgendeiner sportlichen Tätigkeit gesehen hatte und der, wie viele Zeugen übereinstimmend bekunden, ständig unter unerträglichem Mundgeruch litt, kämpfte gegen das Krankhafte, Kriecherische, Minderwertige, Unsportliche, gegen die „jüdische Verwesung“ – gegen sein Selbst.

Reichs Kritik am Kapitalismus und am Antikapitalismus

14. Februar 2011

Kritik am Kapitalismus ist eine Selbstverständlichkeit. Beispielsweise sprach bereits Kant davon, der Mensch habe keinen „Preis“, sondern „Würde“:

Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde. (Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, z.n. Beatrix Himmelmann: Freiheit und Selbstbestimmung, Freiburg 1996, S. 355)

Menschen, die in dieser Tradition der Aufklärung stehen, fühlen sich zwangsläufig zu Marx hingezogen.

Es muß 1942 gewesen sein, als Reich dem Anfang der 1930er Jahre verfaßten Originalmanuskript der Massenpsychologie des Faschismus hinzufügt hat, daß „die Entwertung des Konkurrenten, meist einer jeder Ehrlichkeit bare Handlung, ein wesentliches Werkzeug des ‚Geschäfts‘ [ist]“ (S. 67). Womit er eine antikapitalistische Passage des Originals weiter verschärfte.

Dies impliziert, daß er damals noch immer ein vehementer Kritiker des Kapitalismus war. Er war dies, weil die Mechanismen dieses Systems die „natürlich gewachsene und organisch funktionierende Organisation in der gesellschaftlichen Basis“ (ebd., S. 279) zerstören.

So einfach ist seine in der Tradition der Aufklärung stehende Kritik am Kapitalismus. Genauso einfach ist seine Kritik an den “progressiven” Sozialisten:

Ich verstehe nicht, wie es Progressive fertigbringen, die einfachen Gegebenheiten der allgegenwärtig wirksamen Beziehungen zwischen den Menschen nicht zu sehen, die nur darauf warten, mit sozialer Macht ausgestattet zu werden. (American Odyssey, S. 388)

Reich glaubte, daß seine Kritik, sowohl am Kapitalismus als auch an den sozialistischen Kapitalismuskritikern, mit dem „grundlegenden Marx“ übereinstimmt. Er brachte dies sogar in einer seiner letzten schriftlichen Äußerungen, seiner Eingabe an den Supreme Court, zum Ausdruck.

Aber was für eine Art von „Ur-Marxismus“ (oder wie immer man es bezeichnen will) soll das sein?! Ich kann mir nichts „un-Marxistischeres“ vorstellen als eine „natürlich gewachsene und organisch funktionierende Organisation in der gesellschaftlichen Basis, die nur darauf wartet, mit sozialer Macht ausgestattet zu werden“.

Und das ganze auch noch von der Psychologie her gesehen:

Versteht man unter „Freiheit“ vor allem die Verantwortung jedes einzelnen Erdenbürgers für die rationale Führung der persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Existenz, dann gibt es keine größere Angst als die vor der Einrichtung der allgemeinen Freiheit. (Massenpsychologie des Faschismus, S. 284)

Was ist Marxismus? Das man gesellschaftliche Phänomene eben nicht von der Befindlichkeit von einzelnen Menschen oder von Menschengruppen aus betrachtet. Beispielsweise kann es aus Marxistischer Sicht keinen anti-deutschen Rassismus von Seiten der „Migranten“ (Gasthartzvierler) geben, wenn man etwa an das Geschehen auf Schulhöfen denkt. Dazu schreiben zwei offensichtlich Marxistisch orientierte Journalisten:

Was in dieser Debatte als „Deutschenfeindlichkeit“ bezeichnet wird, ist mitnichten Rassismus. „So können Angehörige des gesellschaftlich hegemonialen Bevölkerungsteils – in Deutschland also weiße Deutsche – zwar individuelle Ausgrenzungserfahrungen machen, sie sind jedoch keinem strukturellen Rassismus ausgesetzt, der beispielsweise auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt wirksam ist“. Rassismus ist immer in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext rassistischer Machtverteilung zu stellen, es funktioniert nicht, ihn anhand der Zahlenrelationen zwischen Mehr- und Minderheiten auf besagten Schulhöfen umgekehrt entdecken zu wollen.

Man muß, wenn man Marxistisch argumentieren will, gesellschaftliche Phänomene von den umfassenden Machtverhältnissen (vom Klassenkampf) her betrachten und nicht, wie Reich es tut, von der Befindlichkeit von Individuen oder auch Gruppen!

Stichwort Klassenkampf: Reich hat in der dritten Auflage der Massenpsychologie des Faschismus sogar den Begriff „Klassenbewußtsein“ durch „Fachbewußtsein“ bzw. durch den der „sozialen Verantwortung“ ersetzt.

Aus Marxistischer Sicht macht diese Ausdrucksweise keinerlei Sinn. Tatsächlich hat Marx ganze Bände damit gefüllt, gegen die darin zum Ausdruck kommende Sichtweise anzukämpfen. Man kann entsprechend Spuren von Reichs späterem Konzept „Arbeitsdemokratie“ bei Proudhon und anderen Linken finden (kollektivistische Anarchisten, Sozialisten, prä-Marxistische Kommunisten) sowie bei Bastiat und anderen Rechten (Libertäre). Marx hat versucht, diese beiden “proto-arbeitsdemokratischen” Denkrichtungen zu vernichten und zwar mit genau der gleichen hirnzersetzenden Denkfigur, die die beiden oben zitierten dummdreisten Journalisten im Kampf gegen angebliche „Rassisten“ anwenden – um den wirklichen Rassismus zu verteidigen.

Marx hätte über Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie das gleiche gesagt, was er über Bastiat in der Einführung zum Kapital geschrieben hat: er hätte Reich als den „flachsten und daher gelungensten Vertreter vulgärökonomischer Apologetik“ betrachtet.

Ein letzter Punkt: Zu einer Zeit, als westliche Marxisten damit begannen, den Marxismus in eine Art „Kulturtheorie“ umzuformen, und sich immer mehr auf Marx‘ frühe pseudo-Hegelianische Ergüsse über „Entfremdung“, „Fetischismus“ und anderes esoterisches Zeugs kaprizierten, stellte Reichs Reduktion des gesamten Marxismus auf den ökonomischen Kern der Marxschen Theorie (nämlich die Werttheorie) einen denkbar lauten Kontrapunkt dar, der als solcher m.E. noch gar nicht wahrgenommen wurde. Will sagen, Reichs Marx-Kapitel in Menschen im Staat war nicht nur ein Protest gegen den Stalinismus (ein Protest, der ins Leere ging), sondern im Nachhinein betrachtet auch einer gegen jenen „Kultur-Marxismus“, der mittlerweile (Stichwort „Political Correctness“) den gesamten gesellschaftlichen Diskurs dominiert.

Mit Menschen im Staat und insbesondere dem besagten Kapitel „Die lebendige Produktivkraft (Arbeitskraft) bei Karl Marx“ brachte Reich seinen Protest gegen „Kultur-Marxisten“ wie Fromm und Marcuse und die restlichen „Freudo-Marxisten“ zum Ausdruck, die keinerlei Beziehung zur Arbeiterbewegung und überhaupt zum allgemeinen Arbeitsprozeß hatten.


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