Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia zum Karfreitag:
Mit ‘Jesus’ getaggte Artikel
Lebenshilfe im NACHRICHTENBRIEF (Teil 2)
30. Oktober 2012Hinter dem Krach der Gedanken und dem Gewirr der Gefühle, die unser Inneres beherrschen, findet sich unser wahres Wesen, das mit dem wahren Wesen des Universums eins ist: die Stille. – Das beschreibt in etwa den Kerngehalt der „Weisheiten“, mit denen uns Osho, Sai Baba, Da Free John, Eckhart Tolle, der Dalai Lama, Zen-Meister, die Gurus der Hare Krishna-Bewegung, etc. pp. beglücken. Es besteht kein Anlaß, diese „Lehre“ per se in Frage zu stellen. Offensichtlich macht sie Menschen glücklich, die ansonsten kaum Glück finden könnten.
Wir alle kennen das befreiende Gefühl, wenn wir uns voller Sorgen wegen einer Nichtigkeit abhetzen, plötzlich inne werden und uns selbst sagen: „Was mache ich hier eigentlich!“ Die „Weisheitslehren“ sind dasselbe sozusagen „im Großen“ und auf das gesamte Leben bezogen.
Das Problem bei der Sache ist nur, daß, was im Kleinen gesund und wahr ist, zu einer gewaltigen Lüge entartet, wenn es zur Lebensmaxime wird. Das Leben geht weiter, egal wie sehr wir uns bemühen, „Ruhe“ herzustellen. Die vermeintlichen „Dämonen“, d.h. Gedanken und Gefühle, insbesondere sexueller Natur, überfluten ein System, in dem alles eingeebnet wurde. Es ist kein Zufall, daß so gut wie jeder „Meister“ schließlich als Monster enttarnt wird, das kleine Jungs vergewaltigt und andere Scheußlichkeiten begeht.
Geisteskranke erkennt man u.a. daran, daß sie mit sich selbst reden. Sie sind nie im Hier und Jetzt, sondern in einer ständigen Reflexion gefangen. Genauso geht es uns: ständig reden wir mit uns selbst, „sind in unserem Kopf“. Es ist geradezu ein Wunder, daß wir bei diesem ständigen Abwägen und „Krach in unserem Kopf“ überhaupt etwas zuwege bringen. Die gesamte „östliche Weisheitslehre“ dreht sich darum, „innere Stille“ herzustellen. Das wird dadurch erreicht, indem dem Ersatzkontakt „innerer Dialog“ durch – vollendete Kontaktlosigkeit ein Ende gesetzt wird.
Warum dem „inneren Dialog“ nicht ein Ende setzen, indem er durch einen wirklichen Dialog ersetzt wird, d.h. durch Hinwendung zum Mitmenschen? Wie auch das Christentum lehrt: der Mitmensch ist die eine und einzige Weg der Erlösung. Die Liebe ist die Antwort auf alle Fragen, die Erlösung aus aller Bedrängnis. Das ist der Kern des Christentums: Gott ist Mensch geworden. Es gibt keinen anderen Weg zu Gott.
Mumps, Reiki und UFOs
19. Oktober 2012In Äther, Gott und Teufel weist Reich darauf hin, daß unsere Vorstellungen von „Dämonen und Engeln“ eine Funktion der Panzerung sind. Natürliche Kernfunktionen werden verzerrt, entstellt und unser mechano-mystisches (gepanzertes) Empfinden und Denken sorgt dafür, daß diese verzerrten Impulse „personalisiert“ werden. Wir wähnen uns entsprechend von fremden Impulsen und Stimmen aus dem Inneren bedrängt und von Kobolden und Elfen umzingelt. Treiben es diese Wesenheiten zu bunt, landen wir in der Psychiatrie oder wir geben Vorträge über „Esoterik“.
So weit so gut, aber ist das alles? Reichs Analyse von Ende der 1940er Jahre basierte auf der etwas abwegigen Vorstellung, daß es außerhalb des Menschen, d.h. unabhängig von seiner Panzerung keine Verzerrung und Entstellung in der Natur gäbe. Diese Vorstellung änderte sich mit dem ORANUR-Experiment Anfang 1951 und die daran anschließende Entdeckung des DOR, d.h. einer giftigen, lebensfeindlichen Abart der Orgonenergie, die auch unabhängig vom Menschen in der Natur auftritt.
Was ist dann mit den „Dämonen und Engeln“?
Ich habe nur einmal in meinem Leben einen Dämon gesehen. Ich war fünf Jahre alte, lag mit Mumps im Bett, befand mich entsprechend in einem „veränderten Bewußtseinszustand“, als sich die Wand über meinem Bett öffnete und ein vielleicht 20 cm großer „Kobold“ erschien und wieder in der Wand des Kinderzimmers verschwand. Ich habe mich nie recht davon überzeugen können, daß das wirklich ein rein subjektives Ereignis war, denn weder vorher noch nachher hatte ich etwas auch nur ansatzweise Ähnliches erlebt. Außerdem vergißt man irreale Dinge, bloße Halluzinationen, während mich dieser Gnom nicht losgelassen ist.
Wer sich, wie ich, über Jahrzehnte mit der „UFO-Literatur“ auseinandergesetzt hat, dem fällt es schwer, die Vorstellung von „übernatürlichen Wesenheiten“ einfach abzutun, nur weil sie nicht ins eigene Weltbild passen. Ich habe mich damit in Ea und die Wellenfunktion auseinandergesetzt.
Betrachtet man die „UFO-Sache“ unvoreingenommen, fallen zwei Dinge ins Auge: das Phänomen ist extrem elusiv und hat alle Merkmale eines „magischen Rituals“.
Scharfe und eindeutige UFO-Fotos sind durchweg Fälschungen, während jene Aufnahmen, bei denen sich auch die fanatischsten Skeptiker die Zähne ausbeißen, verschwommen und deshalb letztlich ebenfalls wertlos sind. Und über „UFO-Aktivitäten“, oder gar die der „Besucher“, brauchen wir erst gar nicht reden: Verkehrsflugzeuge belästigen, Entnahme von Bodenproben, Untersuchung der menschlichen Genitalien, Verstümmelung von Tieren, das Überbringen „spiritueller Botschaften“. Ich glaube, noch nie hat ein UFO bzw. ein „Besucher“ irgend etwas Sinnvolles getan!
Apropos sinnlos: man gestatte mir einen halsbrecherischen Gedankensprung zum Reiki! Was ist „Reiki“? Es ist so etwas wie „spirituelle Orgonomie“ („spirituelles Chi“). Der Reiki-Meister ist ein Kanal für „heilendes Chi“ (Orgonenergie). Wirksam wird die Heilung über „Reiki-Heilungsgeister“, die heraufbeschworen und angerufen werden. Infolge der „Initiation“ besetzen diese Wesen langsam aber sicher ihre Opfer. Es kommt zu Besessenheitsphänomenen und zu „Begegnungen“ in der Außenwelt, die sich in nichts von den „Begegnungen der dritten Art“ unterscheiden. Was sind diese „Wesen“? „Dämonen“, „unreine Geister“, wie die Handvoll Christen behaupten, die es noch gibt?
Diese Christen haben ohne Zweifel die tiefste und „kosmischte“ Sichtweise, aber auch diese ist mystisch und damit „dämonisch“. Was tatsächlich bei Reiki, dem tantrischen Buddhismus, Core-Energetics und all dem anderen bösen Mumpitz geschieht, ist Resultat der Zersplitterung („Kanalisierung“) der einheitlichen orgonotischen Strebung beim Durchdringen der Panzerung:
Wir selbst sind, unser „Ich“ ist, eine Funktion der besagten einheitlichen orgonotischen Strebung. An Schizophrenen kann man unmittelbar beobachten, wie das Ich in tausend Stücke zerfällt, wenn diese einheitliche orgonotische Strebung durch eine extrem starke okulare Panzerung hindurchtreten muß.
Gott und „Jesus“ symbolisieren die einheitliche orgonotische Strebung. Die „Dämonen“ sind eine Funktion der Zersplitterung. Es sind verschiedene „Iche“. Wie sie eine quasi physikalische Existenz fristen können, etwa als „UFOnauten“, habe ich in Ea und die Wellenfunktion erläutert: sie existieren am unscharfen Rande der Realität. Ich verweise auch auf die fünf Abschnitte von Die DOR-Menschen. Was heute UFO-Fälle sind, waren früher Visionen der Hölle und ihrer unaussprechlichen Qualen:
Jeder, der irgendeine Verbindung mit dem Okkulten aufnimmt (Schutzengel, Astrologie, Tarot, Hexerei, Voodoo, Schamanismus, Channeling, Talismane, Handlesen, Spiritismus, abergläubische Befürchtungen, Halloween, Harry Potter, Märchen, Magie, Esoterik, Anthroposophie, Yoga, Geistheilung, St. Germaine, Drogen, etc. pp.), ist auf dem Weg seine Seelen zu zerstören. Heißt das, daß ich an „die geistige Welt“ glaube? Nein! Andersherum wird ein Schuh draus: es geht um energetische Phänomene, um Schwingungen. Wer mit jenen Kräften mitschwingt, die der zersplitternden Panzerung entstammen und umgekehrt das einheitliche Funktionieren des Organismus („Gott“, „Jesus“) untergraben, – der ist verloren. Es ist kein Zufall, daß unsere zunehmend verDORende „Kultur“ immer „spiritueller“ wird, daß kaum noch eine Unterhaltungssendung ohne Hexen und Dämonen auskommt. „Harry Potter“, wo man hinschaut! Es ist alles eine Funktion des DOR.
Um dem Schluß entgegenzuwirken, ich würde hier ständig gegen „den Osten“ wettern, hier ein sehr schönes Video eines KungFu-Meisters, das er eine Woche aufnahm, nachdem er das erste Mal von Reich hörte. Kampfsportler kennen die organismische Orgonenergie aus Erfahrung:
Aus dem Führerhauptquartier der Antiorgon-Naziliga: Die drei Grundlagen des Nationalsozialismus (Teil 1)
15. Mai 2012Die heutige antiautoritäre und angeblich „antifaschistische“ Gesellschaft ist in dreierlei Hinsicht funktionell identisch mit dem Nationalsozialismus:
- Im Vergleich zur „bürgerlichen“ Gesellschaft steht die Rebellion im Vordergrund, nicht der „Untertanengeist“. Es hängt alles vom Willen ab.
- Entsprechend tritt an die Stelle der Unterwerfung unter den Vatergott eine diffuse, „biologistisch“ geprägte „grüne“ Naturmystik.
- „Der Sohn“, der vom „Gesetz“, das durch das Judentum verkörpert wird, befreit, tritt in den Mittelpunkt. Man denke an den penetranten Jugendkult.
Dabei geht es jeweils um Elemente, die bereits in der bürgerlichen, autoritären Gesellschaft angelegt waren. Es ändert sich nur die Gewichtung. Beispielsweise entsteht, Reich zufolge, durch die Sexualunterdrückung im Patriarchat „die Struktur des Untertanen, der gleichzeitig sklavisch gehorcht und rebelliert“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 19).
Je nachdem was im Vordergrund steht, die Unterwerfung oder die Rebellion, hat man es mit einer autoritären oder antiautoritären Gesellschaft zu tun. Wobei natürlich stets beide Elemente vorhanden sind. Es handelt sich also nicht um einen absoluten, sondern um einen funktionellen Gegensatz.
Mit dieser Gegenüberstellung spielte Reich 1935 natürlich auf den sich damals europaweit ausbreitenden Faschismus an mit seiner unverkennbar revolutionären Rhetorik. In der NSDAP hat es stets einen gewichtigen „antibürgerlichen“ Flügel gegeben, zu dem nicht zuletzt Hitler selbst gehörte. Dieser Zug ist derartig prominent, daß immer wieder von neuem die Frage aufgeworfen wird, ob es sich beim Nationalsozialismus überhaupt um eine rechtsextreme und nicht vielmehr um eine linke Erscheinung handelt, die gleichberechtigt neben Sozialdemokratie und Bolschewismus zu verorten ist. Ich bin darauf bereits in Waren die Nazis „Rechte“? eingegangen.
Die damaligen Sozialisten waren sich dieser Nähe zu Hitler durchaus bewußt, darunter auch Reich. Spezifisch für Reich ist eine zweite Einsicht:
In der nationalsozialistischen Ideologie steckt ein rationaler Kern, der der reaktionären Bewegung ihren großen Schwung verleiht und sich in der Phrase der „Verbundenheit von Blut und Boden“ ausdrückt. (ebd., S. 24)
Siehe dazu auch Karl Motesiczky. In diesem Zusammenhang denke man an die anhaltende „Esoterik“-Welle oder die wirklich einfach nur als grotesk zu bezeichnende Popularität von C.G. Jung. Es herrscht heute der gleiche Geist, der die „nationalsozialistische Bewegung“ animiert hat.
Leni Riefenstahl beschreibt ihre erste Begegnung mit Hitler als Teilnehmerin einer politischen Versammlung wie folgt:
Ich war verblüfft zu sehen, welche Macht Hitler über seine Zuhörer hatte. Wie ein Hypnotiseur besaß er die Gabe, sein Publikum zu behexen bis es tat, was er wollte. Es war sehr erschreckend und ich selbst war empfänglich für diese Ausstrahlung. Es war nicht nur eine ionisierte Atmosphäre, sondern eine äußerst seltene Beziehung zwischen dem Mann auf der Tribüne und den Menschen im Saal. Meine Erregung war sehr stark, so stark in der Tat, daß ich mich wenig um den Inhalt seiner Rede kümmerte. Ich fragte mich: „Wer ist er wirklich?“ (z.n. Bernhard Horstmann: Hitler in Pasewalk, Düsseldorf 2005, S. 131)
Anhand solcher Zeugenaussagen und „Bekenntnisse“ wird evident, daß der Nationalsozialismus weit mehr war als nur eine politische Bewegung und Hitler weit mehr als nur ein „politischer Führer“.
Hitler konnte nur so wirken, weil er auf eine diffuse Weise „Befreiung“ versprach bzw. verkörperte. In vieler Hinsicht kann man ihn durchaus mit Christus vergleichen. Sowohl Hitlers Selbstidentifikation mit Jesus als auch die Wahrnehmung Hitlers als neuer Jesus ist eindeutig.
Bereits 1923 meinte Hitler in einem von Dietrich Eckart unter dem Titel Der Bolschewismus von Moses bis Lenin veröffentlichten „Zwiegespräch zwischen Hitler und mir“, daß zwar auch das Christentum ein Teil der „jüdischen Weltverschwörung“ sei,
Jesus freilich war kein Jude, er war „Arier“. Doch nicht Jesus hatte das Christentum geschaffen, sondern Paulus. Paulus aber predigte Pazifismus und Gleichmacherei; er raubte dem römischen Reich seine stärkste Stütze, den heroischen, wehrhaften Geist, führte so seinen Untergang herbei und brachte die Juden ihrem Ziel, der Weltherrschaft, einen Schritt näher. (z.n. Norman Cohn: Die Protokolle der Weisen von Zion, Köln 1969)
Der Nationalsozialismus war also die Rückkehr zu Jesus. In der Jesus-Bewegung sah Hitler den Tischgesprächen zufolge eine lokale „arische“ Oppositionsbewegung gegen das Judentum, die auf Nachkommen gallischer Legionäre zurückging, die in Galiläa lebten. Dann wäre Paulus gekommen und hätte Jesu Lehre „judaisiert und verfälscht“ und in eine jüdische Oppositionsbewegung gegen das arische Rom verkehrt.
Heutzutage wird derartiger Unsinn, derartige „alternative Geschichtsinterpretation“, millionenfach verbreitet. Kaum eine U-Bahnfahrt, bei der nicht irgend jemand Sakrileg und ein ähnliches strunz dummes Machwerk liest. Allein schon hier wird der Antiautoritarismus evident: es geht gegen das „etablierte Wissen“, die Kirche, den patriarchalen Gott und aus Jesus dem Opferlamm wird Jesus der Rebell.
Nietzsche über Christus (Teil 2)
9. April 2012Wie kann man dazu kommen Jesus anzugreifen?! Dessen Botschaft doch war: Freigebigkeit, Bedürfnislosigkeit und freiwillige Armut („Selig sind die Hungrigen“); Offenheit und Vorurteilslosigkeit des Herzens („Suche und du wirst finden, klopfe, und die Tür wird dir geöffnet“, Mt 7,7; „Richte nicht, damit du nicht gerichtet wirst“, Mt 7,1); sowie die Absage an Rache und Vergeltung („Wer dir auf die Wange schlägt, dem halte auch die andere Wange hin“, Mt 5,39).
Überzeugende Analysen des pestilenten Verhaltens Jesu hat der ehemalige Dominikaner Hans Conrad Zander (Ecce Jesus, Reinbek, 1992) geliefert.
Jesu Wunder geschehen, wie Zander, anhand persönlich bei indischen Wunder-Gurus erlebtem, beschreibt, dermaßen schnell, im hektischen Menschengewühl, daß sie nicht unterscheidbar sind von ganz gewöhnlichen Wundern der Trickzauberer, bei denen Geschwindigkeit alles ist. Und genauso wie die indischen Wunderheiler zieht auch Jesus stets überstürzt weiter, damit nicht ruchbar wird, daß wirklich nichts geschehen ist. Modju in Aktion, Marke Hitler! (Zander zieht tatsächlich diesen Vergleich, wenn er den armen Krüppel, der sich von einem Wunderheiler verarschen läßt, neben ein geschlagenes Volk stellt, das sich einem politischen Scharlatan an den Hals wirft.)
Was Jesu Äußeres betrifft hat Celsus überliefert, was auch das Stillschweigen des Evangeliums nahelegt, daß Jesus „unedel, häßlich und klein“ war (vgl. Zander, S. 75-77).
Der Geist in Jesu Umgebung ist durch und durch sektiererisch klein, bar jeder Größe. Wenn Jesus in Mt 23,12 den anderen Demut predigt, fragt man sich, ob nicht er selbst mit all seinen Flüchen und Selbsterhöhungen am meisten dieser Predigt bedurft hätte. Stets wirft er anderen seine Sünden vor. Reichs „der ist kein Kleiner Mann, der weiß, daß er ein Kleiner Mann ist“, macht aus Jesus eine Mikrobe.
Jesus sagt, daß sich die Liebe gut bezahlt machen wird (Mt 5,46). Diese „Liebe“ ist eine dreckige Lüge. Hinter ihr steckt nur Haß und Neid. Während im antiken und ursprünglich jüdischen Weltbild der Tod der große Gleichmacher war (alle gingen in das Schattenreich der Unterwelt), hob Christus dies in seiner unendlichen Rachsucht auf. So krampft sich einem bei der Lektüre des Neuen Testaments die Seele zusammen, da nicht auch nur der kleinste Fetzen von Großmütigkeit bei diesen intellektualisierenden Kleinbürgern, die sich nach persönlicher Unsterblichkeit sehnen, zu finden ist. Speiübel kann einem werden: „eins tut Not“ (Lk 10,42). Die totale Egozentrik, das ekelige Bemühen von Krämerseelen um das eigene „Seelenheil“. Nietzsche:
Das Christentum gab jedem das Recht, sich unsäglich wichtig zu nehmen: er ist ein „ewiges Wesen“! ein „Genius“, eine „Persönlichkeit“. (Studienausgabe, Bd. 9, S. 186)
Nietzsche hat Christus als Modju erkannt:
Christus trug nicht nur Gott, sondern auch Satan in seinem Busen: das ist die Gegenrechnung bei diesem moralischen Hyperidealismus: die absolute Verdammung des Menschen, das odium generis humani. Um die Menschheit eines solchen Opfers eines Gottes wert zu fühlen, mußte man sie ins Tiefste verachten und vor sich herabwürdigen. (Studienausgabe, Bd. 9, S. 233)
Und weiter:
Wie streng ist man gegen Calvin wegen einer Hinrichtung! Und Christus verwies alle, die nicht an ihn glaubten, in die Hölle – und Menschen, noch furchtbarer als er, fügten hinzu: „mit rückwirkender Kraft“. (ebd., S. 245)
Christi
wunder Punkt ist, daß die Menschen ihm nicht glauben wollen, während er sich selber glaubt: und hierbei wird seine Phantasie grausam und düster, und er dichtet die Hölle für die, welche nicht an ihn glauben. (ebd., S. 257)
Nietzsche:
Welche Gemeinheit! Gott will Liebe von den Menschen – und hat für die, welche sie versagen, die Hölle in Bereitschaft! Wie Tiberius und Nero! Ist es nicht achtbar, einem solchen Tyrannen sich zu weigern? Gott als der gerechte und der Richter ist kein Gegenstand der Liebe! Es ist undelikat! Er hätte sich des Richtens begeben müssen! Christus empfand nicht fein genug! In diesen Dingen sind wir feiner. (Studienausgabe, Bd. 9, S. 388)
Und weiter über Jesus:
Sein Mangel an Bildung schützt ihn davor, sich die Entstehung einer Leidenschaft vorzustellen und sich selber einmal objektiv zu sehen: er steht nie über sich (…). Das Furchtbarste, ewig Unsühnbare der Menschen wurde das Verschmähen seiner Liebe – dies ist ein gemeiner Zug. Ebenso seine Verdächtigung der Reichen, des Geistes, des Fleisches – seine Milde und Nachsicht ist kurz und ganz egoistisch. (ebd., S. 257f)
Wer solchen Wert darauf legt, daß an ihn geglaubt werde, daß er den Himmel für diesen Glauben gewährleistet, und jedermann, sei es selbst ein Schächer am Kreuze. – Der muß an einem furchtbaren Zweifel gelitten und jede Art von Kreuzigung kennengelernt haben: er würde sonst seine Gläubigen nicht so teuer kaufen. (Morgenröte, A 67)
Wie in jeder Sekte gibt es auch im Christentum von Anfang an ein Denkverbot (1 Kor 1,17-25). Schon Jesus fordert, wie später die Kirche, das „sacrificium intellectus“, das Opfer der eigenen Vernunft. Man zerstört die intellektuelle Kritikfähigkeit, damit die eigene Oberflächlichkeit als Tiefe imponiert. Die ganze Weisheit Jesu ist monoton immer dieselbe Gedankenfigur: um zu leben, mußt du sterben; um das Ziel zu erreichen, mußt du aufhören, danach zu streben; um frei zu werden, mußt du dich mir vollkommen unterwerfen; um zu verstehen, mußt du das Denken aufgeben; man muß sich selbst verlieren, um sich selbst zu finden – und all das leere Geschwätz, bis jeder dröge Schwachsinn wie die allertiefste Weisheit wirkt, á la Osho.
„Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 18,14), hat Nietzsche entschlüsselt zu: „Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden“ (Menschliches, Allzumenschliches, A 87). Alles dient der Macht, sogar die nur scheinbare, in Wirklichkeit nämlich entwaffnende, Unterwerfung unter die Macht (Mt 5,3841). Man verschleiert seine eigentliche Absicht und gibt z.B. seine revolutionären Ideen als orthodox aus (Mt 5,1737). Ständig predigt Jesus anderen Feindesliebe, verflucht aber seine eigenen Feinde pausenlos. Er verflucht sowohl die Reichen (Lk 6,24) als auch die Armen (Mt 25,29f).
Ganz besonders hat mich immer Jesu Anmaßung angewidert, die hinter der herablassenden Hinwendung zu den in jeder Beziehung „Armen“ steckt. So wie er, kann nur ein anmaßender Gernegroß reden, der seine adlige Herkunft als Nachkomme Davids ständig vor Augen hat. Gnadenvoll verspricht er den Armen das Paradies (Mk 9,1). André Gide hat z.B. von sich gesagt, was ihn zum Kommunismus gebracht hätte, sei nicht Marx, sondern das Evangelium gewesen. Schon die Frühsozialisten Saint-Simon, Owen und Fourier wollten Jesu Verheißung im Diesseits verwirklichen. Und der unmittelbare Vorgänger Marxens, Weitling schrieb 1846 sogar Das Evangelium eines armen Sünders mit einem Jesus, der die sozialistische Botschaft verbreitet. Ein Messias, frei von der Verzauberung durch Mammon. Reich vergleicht Jesus und Marx des öfteren miteinander. Wie die Vision geendet hat, zeigt die Episode Apg 5,1-11 aus der Urgemeinde, in der in aller Unmenschlichkeit ein terroristischer Urkommunismus herrschte.
„Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“ Wie kann man besser sozial sein und sich gleichzeitig asozial über die „Geringen“ stellen?! So wie Jesus sich den Huren und „Zöllnern“ zuwendet, muß er ein von Moral triefendes Ekelpaket gewesen sein. Wer kennt nicht die ganz besondere Freundlichkeit, die „gute Menschen“ z.B. gegenüber „Schwarzen“ an den Tag legen: so als wären diese irgendwie behindert. Nietzsche: „Der Mitleidende fühlt sich als der Stärkere“ (Studienausgabe, Bd. 8, S. 347). Nietzsche sagt sehr schön, die Gnade sei „ursprünglich ein Zeichen der Verachtung“ (ebd., S. 592). Jesu Nächstenliebe gilt immer nur der Gruppe, den Armen, nie dem Einzelnen. „Wir können dem Nächstem immer nur helfen, indem wir ihn in eine Gattung (Kranke, Gefangene, Bettler, Künstler, Kinder) einordnen und dergestalt erniedrigen“ (Studienausgabe, Bd. 9, S. 51).
Diese unmenschliche Kontaktlosigkeit Jesu bringt Zander sehr schön auf den Punkt:
Beherrschung unter dem Vorwand der Betreuung, Belästigung unter dem Vorwand des Mitleids, Einmischung ins Innerste unter dem Vorwand der Nächstenliebe – das ist der Alltag der Kirche. Und die Kirche ist nicht etwa so, weil sie Jesus verraten hätte. Jesus selber war schon so. (S. 139)
Nietzsche schrieb noch treffender über das christliche Mitleid:
Die mitleidigen, im Unglück jederzeit hilfreichen Naturen sind selten zugleich die sich mitfreuenden: beim Glück der anderen haben sie nichts zu tun, sind überflüssig, fühlen sich nicht im Besitz ihrer Überlegenheit und zeigen deshalb leicht Mißvergnügen. (Menschliches, Allzumenschliches, A 321)
Nietzsche am Ende seines Antichrist über die Christen (und gleichzeitig natürlich auch über die „humanistischen“ Ableger des Christentums):
Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren Korruptionen, sie hat den Willen zur letzten auch nur möglichen Korruption gehabt. Die christliche Kirche ließ nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. (…) Der Parasitismus als einzige Praxis der Kirche; mit ihrem Bleichsuchts-, ihrem „Heiligkeits“-Ideal jedes Blut, jede Liebe, jede Hoffnung zum Leben austrinkend. Das Jenseits als Wille zur Verneinung jeder Realität; das Kreuz als Erkennungszeichen für die unterirdischte Verschwörung, die es je gegeben hat – gegen Gesundheit, Schönheit, Wohlgeratenheit, Tapferkeit, Geist, Güte der Seele, gegen das Leben selbst… Diese ewige Anklage des Christentums will ich an alle Wände schreiben, wo es nur Wände gibt – ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen… Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die eine große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist – ich heiße es den einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit…
Nietzsche über Christus (Teil 1)
8. April 2012Bei Nietzsche kann man ein eigentümliches Schwanken in seiner Einschätzung von Jesus konstatieren. Jesus hätte seine Lehre widerrufen, hätte er die Erde liebengelernt. „Edel genug war er zum Widerrufen!“ (Also sprach Zarathustra, Studienausgabe, S. 95). Nietzsche meint aber auch:
(…) ein Typus Mensch, der mir nicht Ekel machen soll, (ist) gerade der Gegensatz Typus zu den Ideal-Götzen von ehedem, einem Typus Cesare Borgia hundertmal ähnlicher als einem Christus. (Brief an Malwida von Meysenbug vom 20.10.1888)
Anfänglich betrachtete Nietzsche, der vom verkitschten Jesus-Bild des 19. Jahrhunderts geprägt war, Christus als „den edelsten Menschen“ (Menschliches, Allzumenschliches, A 475). Für Nietzsche ist Christus eindeutig ein guter Mensch mit einem warmen Herzen, doch (oder gerade deshalb)
förderte (er) die Verdummung der Menschen (…). Sein Gegenbild, der vollkommene Weise – dies darf man wohl vorhersagen – wird ebenso notwendig der Erzeugung eines Christus hinderlich sein. (Menschliches, Allzumenschliches, A 235)
Das christliche Himmelreich auf Erden wird also die Entwicklung dessen verhindern, was Nietzsche später als „Übermensch“ bezeichnet hat.
Auf diese Periode, in der Nietzsche Jesus als harmlosen Idioten betrachtete, folgt eine sehr kritische, in der er Jesus als „großen Egoisten“ bezeichnet (Studienausgabe, Bd. 9, S. 550).
Der Egoismus ist verketzert worden, von denen die ihn übten (…); sie brauchten die entgegengesetzte Gesinnung bei den Menschen, die ihnen Funktion leisten sollten. (ebd., S. 557)
Wenn ein Idealist der Praxis nicht Skeptiker aus Instinkt ist, so wird er zum Narren der Eitelkeit und hält sich für Gottes Sohn. (ebd., S. 116)
Doch konnte sich Nietzsche nie entscheiden, wen er für die „psychologische Erfindung“ des Christentums verantwortlich machen sollte: Jesus oder Paulus (Fröhliche Wissenschaft, A 353).
Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth oder an seinem Apostel Paulus, daß sie den kleinen Leuten so viel in den Kopf gesetzt haben. (Studienausgabe, Bd. 12, S. 506)
Doch schließlich fand Nietzsche zu seiner ursprünglich positiven Einschätzung zurück, indem er alles Negative auf Paulus schob, während aus Jesus der Idiot mit reinem Herzen wurde, eine gefährliche „Unschuld vom Lande“, die gar nicht weiß, was sie anrichtet.
Mit Karl Löwith kann man den Unterschied zwischen Reich und Nietzsche in Bezug auf Jesus wie folgt ausdrücken:
Für Hegel [wie auch entsprechend für Reich] bedeutet die Menschwerdung Gottes in Christus die einmal für immer zustande gekommene Versöhnung der menschlichen und göttlichen Natur; für Nietzsche bedeutet sie, daß der Mensch gekreuzigt und gebrochen wurde in seiner wahren Natur. (Nietzsches Philosophie der Ewigen Wiederkehr des Gleichen, Hamburg 1978, S. 43)
In dieser Betrachtungsweise hat Nietzsche einen Vorgänger in Giordano Bruno.
Bruno zog das Alte dem Neuen Testament vor. Ganz wie Nietzsche, der meinte, das Neue mit dem „Alten“ Testament zu einem Buch zusammengeleimt zu haben, sei „vielleicht die größte Verwegenheit und ‘Sünde wider den Geist’“ (Jenseits von Gut und Böse, A 52). Nietzsche bewundert die Größe der Hebräischen Bibel, dagegen findet er im Gegensatz dazu im Neuen Testament nur
lauter kleine Sekten-Wirtschaft, lauter Rokoko der Seele, lauter Verschnörkeltes, Winkliges, Wunderliches, lauter Konventikel-Luft, nicht zu vergessen einen gelegentlichen Hauch bukolischer Süßlichkeit, welcher (…) nicht sowohl jüdisch als hellenistisch ist. Demut und Wichtigtuerei dicht nebeneinander; eine Geschwätzigkeit des Gefühls, die fast betäubt; Leidenschaftlichkeit, keine Leidenschaft, peinliches Gebärdenspiel. (Genealogie der Moral, III A 22)
Zu Lk 6,23 („Desgleichen taten ihre Väter den Propheten auch“) merkt er an: „Unverschämtes Gesindel! Es vergleicht sich bereits mit den Propheten“ (Antichrist, A 45).
Das Judentum hat mehr Scheu und Abstandsbewußtsein für alles, was mit Gott und seinem Gesalbten zusammenhängt. Über dem Messias steht Gott als der hochheilige und allmächtige Herr, während sich beim Christentum eine Art kleinbürgerliche Tuchfühlungstendenz gegenüber Gott abzeichnet, was Nietzsche bekanntlich scharf ironisierte. (H.J. Gamm: Der braune Kult, Hamburg, 1962, S. 211f)
Die Juden unterwerfen sich Gott als leibeigene Sklaven (Lev 25,55), während die Christen aus Willen zur Macht Gott eklig nah auf die Pelle rücken. Paulus wird mit Christus eins und
mit dem Einswerden ist jede Scham, jede Unterordnung, jede Schranke von ihm genommen, und der unbändige Wille der Herrschsucht offenbart sich als ein vorwegnehmendes Schwelgen in göttlichen Herrlichkeiten. (Morgenröte, A 68)
Paulus wiederholt hier nur das, was Christus mit seiner „Sohnschaft“ vorexerziert hatte.
Giordano Bruno war vielleicht der einzige Ketzer (die ja praktisch durchweg gläubige Christen waren), der aus christlicher Sicht zu Recht verbrannt wurde. Er hatte Jesus Christus, dem er den Codenamen „Orion“ gab, verflucht und mit abgrundtiefer Verachtung überschüttet, als billigen Gaukler, der sich selbst zum höchsten Gott gemacht und damit die Natur entgöttlicht hatte. Christus war für Bruno ein Mensch „von niedrigster und gemeinster Natur und Denkart“ (Jochen Kirchhoff: Bruno, rororomono, S. 124). Wie Bruno wohl darauf reagieren würde, daß Reich ihn im Christusmord als Seelenbruder neben Christus gestellt hat?!
Bruno hat nie widerrufen und ist trotz schwerer Folterungen stolz und ungebrochen gestorben. Ein Augenzeuge beschreibt seine Verbrennung am 8. Februar 1600 nach achtjähriger Einkerkerung wie folgt:
Heute also ist er zum Scheiterhaufen oder Brandpfahl geführt worden. Als hier dem schon Sterbenden das heilige Kruzifix vorgehalten wurde, wandte er mit verachtender Miene sein Haupt. (Kirchhoff, S. 52)
Als 1889 das berühmte Bruno-Denkmal auf dem Campo dei fiori, wo Bruno verbrannt worden war, errichtet wurde, schrieb Papst Leo XIII an alle Gläubigen der Welt:
[Bruno] hat weder irgendwelche wissenschaftlichen Leistungen aufzuweisen, noch hat er sich irgendwelche Verdienste um die Förderung des öffentlichen Lebens erworben. Seine Handlungsweise war unaufrichtig, verlogen und vollkommen selbstsüchtig, intolerant gegen jede gegenteilige Meinung, ausgesprochen bösartig und voll von einer die Wahrheit verzerrenden Lobhudelei. (ebd., S. 140)
Bis zur Aufhebung des katholischen Index 1965 war die Lektüre Brunos für Katholiken verboten.
Wer war Jesus? (Teil 2)
13. März 2012Kurz zusammengefaßt hat der christliche Gott eine Natur, die drei „Personen“ teilen: Vater, Sohn und Geist. Wobei jedoch der Vater die einzige Quelle des Seins ist:
- Der Vater gebiert den Sohn – der Sohn gebiert aber nicht den Vater.
- Der Vater sendet den Geist aus – der Geist sendet aber nicht den Vater aus.
Da die westliche Kirche vor 1000 Jahren die Trinität in Unordnung brachte („der Geist geht vom Vater und vom Sohn aus“) kam es zur großen Kirchenspaltung zwischen Osten und Westen. (Die tragischerweise erst den Triumph der mohammedanischen Pest ermöglichte!)
Das „Gebären“ und das „Aussenden“ des Vaters erfolgt nicht in der Zeit, sondern ist ewig: d.h. die Trinität hat keinen Anfang und kein Ende. Was man sich darunter vorstellen kann, macht die orgonometrische Formulierung deutlich:
Die orgonometrische Entwicklung nach rechts kann, muß aber nicht ein Zeitpfeil sein. Reich hat hier eine Dimension „jenseits“ von Zeit und Raum offengelegt.
Diese Art zu denken ist aus der Theologie hervorgegangen, ist über Hegel, Engels und Lenin zu Reich übergegangen und wurde schließlich zur Orgonometrie.
Die Formulierung der Trinität wurde notwendig, um (im Rahmen der biblischen Vorgaben) jene Frage widerspruchslos beantworten zu können, um die sich das Christentum dreht: „Wer ist Jesus?“ Jesus ist die Fleischwerdung der zweiten Person Gottes, also des „Sohnes“. Er ist nicht einfach eine „Inkarnation Gottes“, wie etwa der Hindugott Vishnu Inkarnationen hat, sondern in Gestalt des Sohnes ist er eins mit der Natur Gottes, aber gleichzeitig ist er auch ganz Mensch, so wie jeder andere Mensch auch. Der einzige, wirklich der einzige Unterschied zu anderen Menschen ist, daß er ohne Sünde ist.
„Ohne Sünde sein“, bedeutet aus Sicht der Orgonomie, ohne Panzerung zu sein. Es fehlt die Mauer zwischen „mir“ und meiner „wahren Natur“. Die Zeitgenossen Jesu konnten das, d.h. den genitalen Charakter, nur in Begriffen der Theologie verstehen – so ist das Christentum entstanden. Eine Art pervertierter „Proto-Orgonomie“!
Ein inkarnierter Gott, wie etwa Krishna, ist schlichtweg eine Monstrosität und an sich beliebig und – bedeutungslos. Man gehe nur einmal die diversen Inkarnationen der griechischen und indischen Götter durch. Die Vorstellung Jesus sei Prophet, also ein Bauchredner Gottes, gewesen, trifft ebenfalls nicht das, was Jesu Jünger erlebten, zumal Jesus kaum weltbewegendes „verkündet“ hat. Was blieb war die Trinität und die Zweinaturenlehre („Jesus ist ganz Gott und ganz Mensch“), die das Christentum von allen anderen Religionen grundsätzlich unterscheidet.
Wer Jesus war, zeigt sich in den Ikonen der orthodoxen Kirche:
Ikonen zeigen, abgesehen von Nebenfiguren einer Szene, wie etwa Judas und die jeweiligen Mörder der Märtyrer, ausschließlich Jesus, Heilige und Engel. Es gibt weder Schatten noch Perspektive, da eine Welt jenseits von Zeit und Raum gezeigt wird. Die Figuren strahlen von innen und gehen in einem strahlenden Hintergrund auf.
Ikonen gehen auf die Verklärung Jesu zurück, als Jesus auf einem Hügel vor seinen Jüngern Petrus, Johannes und Jakobus seine zweite, seine göttliche Natur offenbarte und er „erstrahlte“. Der prinzipiell unsichtbare Gott wurde sichtbar. Ikonen zeigen auch Heilige, weil ein Teil des göttlichen Feuers auf sie übergegangen ist (deshalb sind sie Heilige!) und sie nun ebenfalls von innen heraus erstrahlen. Sie sind damit Teil eines Bereichs Jenseits von Zeit und Raum, der vor der Schöpfung nur vom dreieinigen Gott (und den Engeln) ausgefüllt wurde. Den „lichtdurchlässigen“ („energiedurchlässigen“) Seligen bedeutet dieses Licht ewige Freude, den „gepanzerten“ Sündern, die durch das Licht unerträglich geblendet werden, ewige Qualen. Den genitale Charakter erfüllt es mit Wonne, wenn ihn die Orgonenergie durchströmt, der gepanzerte Mensch wird hingegen von den orgonotischen Strömungen buchstäblich zerrissen.
Der zweite Jesus (Teil 2)
30. Januar 2012Zur Befreiung vom Gesetz und zum Zusammengehen von Mensch und Gott tritt als Drittes die Rückkehr zur Himmelskönigin hinzu. In der Kabbala wird die Schechina (die Herrlichkeit Gottes) als „Himmelsmutter“ bezeichnet und nimmt eine ganz zentrale Rolle ein. In Sabbatais persönlichem Leben war es Sara, seine Maria Magdalena.
Sara war als Sechsjährige bei den Chmelnizkij-Massakern verwaist, wurde von einem Kloster aufgenommen, floh mit 10 aus den Klostermauern. Sie wurde von Juden nach Amsterdam gebracht, wo sie verkündete, sie wäre als Frau für den Messias bestimmt. Von dort kam sie nach Livorno, um „des Messias Braut zu werden“. Als Zwi davon hörte, ließ er sie zu sich nach Kairo holen und heiratete sie. Es hieß wohl in der jüdischen Gemeinde, sie habe sich als Prostituierte durchgeschlagen, doch Zwi behauptete, gerade dies sei messianische Fügung, daß er wie der Prophet Hosea eine unzüchtige Frau heimführe (Heinrich Graetz: Volkstümliche Geschichte der Juden, Bd. VI, München 1985, S. 57f).
Hier könnte man jetzt nach Manier von Reichs Christusmord Zwi als Genitalen Charakter darstellen. Doch Zwi war (wie auch Jesus?!) nach allem, was wir wissen, ein impotenter, homosexueller und psychotischer Modju mit einer unglaublich charismatischen Ausstrahlung, wie sie dieser Charakterstruktur eigen ist. Abertausende von Juden hat er mit seinen leeren Versprechungen in den Ruin, in die seelische Verzweiflung und in den Tod getrieben und wären nicht ein paar wenige konservative Rabbiner bei Verstand geblieben, hätte er beinahe das durch Inquisition und Chmelnizkij-Aufstand bereits geschwächte Judentum vollends vernichtet. Was sein messianisches Pendant Jesus wohl zu seiner Zeit alles angerichtet hat! Und inwieweit ist Jesus für die Zerstörung Israels durch Titus verantwortlich?! Zwi war der charakterliche Todfeind der Genitalität. Ist dies, wenn man es auf Jesus überträgt, die einfache Lösung des Rätsels, von dem Reich in Christusmord (S. 82) spricht: wieso sich auf der Grundlage des vorgeblich genitalen Lebens Christi eine antigenitale Kirche hat entwickeln können?
Zwis Charakter zeigte sich nicht nur in seinem Verhalten, sondern auch in seiner Lehre, die darauf beruhte, man müsse zuerst ins Böse hinabsteigen, um zu spiritueller Freiheit gelangen zu können. Dieser Abstieg in die Mittlere Schicht erzeugt aber nichts als unheilvolles Chaos, wie ja die Geschichte des Sabbatianismus gezeigt hat, ebenso auch alle folgenden revolutionären Bewegungen insbesondere der Marxismus, die pervertierte säkulare Form jüdisch-christlichen Messianismus.
Besonders schlimm trieb es Jakob Frank (1726-1791) aus Ostgalizien, wo 150 Jahre später Reich geboren werden sollte. Frank stammte aus einer Sabbatianischen Familie und begründete als „Reinkarnation“ Sabbatai Zwis eine abgewandelte Form des Sabbatianismus. Er lebte ein noch verruchteres, noch lügnerisches Leben als Zwi, da eine verruchte Zeit der messianischen Zeit vorangehen sollte.
Beide wollten das rabbinische Judentum auflösen und den Talmud vernichten. Frank nihilierte das gesamte Judentum durch Übertretung aller guten Sitten, aller Gebote und Verbote, selbst der Inzestschranke.
Dabei mischten sich uralte vorderasiatische, matriarchalische Kultkomponenten mit hinein. Die Anhänger Jakob Franks umtanzten bei ihren Sexorgien auf der Basis der Promiskuität zugleich ein nacktes Frauenzimmer, das sie für die weibliche Hypostase der Gottheit hielten. (Salicia Landmann Jesus und die Juden, München 1987, S. 207)
Aus der Schechina Gottes wurde die lebendige „Matronita“, Franks Tochter Eva, die die Frankisten bei ihren Riten anbeteten.
Frank erklärte das Gesetz für tot und stattdessen die „Heiligkeit der Sünde“. Nach alter gnostischer Theorie waren die „Heiligen Funken“ in der Welt verschüttet worden und nun gelte es, sie wieder einzusammeln, indem man sich der Verderbnis ganz hingebe und sie so dialektisch aufhebe. „Durch die Sünde würde die Errettung kommen. Aus dem großen Sünden würde eine Welt hervorgehen, in der es keine Sünde mehr gäbe“ (David Bakan: Sigmund Freud and the Jewish Mystical Tradition, Princeton 1958, S. 107). Dies ist natürlich die Theorie aller modernen religiösen oder säkularen terroristischen Ideologien.
Als die Rabbiner sich gegen Jakob Frank wandten, den Bann aussprachen und sogar erfolgreich versuchten, die katholische Inquisition auf diese „neue Sekte“ aufmerksam zu machen, diente sich Frank in Notwehr der Katholischen Kirche an und rächte sich blutig, indem er Greuelmärchen über den Inhalt des Talmuds verbreitete. Es würde Christenmord und der Gebrauch von Christenblut vorgeschrieben. Im übrigen seien er und seine Anhänger mit ihrem sabbatianischen Glauben beinahe auch schon Christen, – was ja stimmte. Sie behaupteten, der Sohar lehre die Dreieinigkeit und daß eine Person der Gottheit Fleisch geworden sei. Schließlich nahmen sie 1759 den christlichen Glauben ganz an. Als besondere Vergünstigung für getaufte Juden wurden sie vom polnischen Adel adoptiert und übernahmen so adlige Familiennamen. Heimlich glaubten sie aber weiter, daß sich die besagte Person der Gottheit in allen Messiasanwärtern, also nicht nur in Jesus verkörpert habe und daß nun Frank der „Heilige Herr“ sei. Nach der Taufe blieben sie eine geschlossene Gruppe und heirateten nur untereinander.
Dabei handelte Frank nach dem Vorbild von Zwi, der als jüdischer Messias aus Angst vor dem vom türkischen Sultan angedrohten Foltertod zum Islam übergetreten war. Die islamischen Nachfolger der Sabbatianer, die selbst diese Charakterlosigkeit als messianisch akzeptierten, waren die 1683 in Saloniki formierten jüdischen Moslems „Dönmeh“, die eine geschlossene Gruppe bildeten, da sie nur untereinander heirateten. So lebten die Ideen Zwis in einer moslemischen Sekte fort.
Aus den katholischen Frankisten ging z.B. als Nachkomme der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz hervor, der das geteilte Polen mit dem leidenden Christus gleichsetzte. Landmann:
Ich zweifle daran, daß man an polnischen Schulen diese Wurzeln des polnischen Nationalismus in einer ketzerischen, pseudomessianischen jüdischen Bewegung der Jugend offenbart. Aber trotzdem beschäftigt man sich im heutigen sozialistischen Polen intensiv mit dem Frankismus. Als nämlich die Französische Revolution losbrach, kamen etliche von Franks Adepten zur Überzeugung, in Paris breche die eigentliche und wahre Welterlösung an, sie zogen nach Frankreich, nahmen an den revolutionären Auseinandersetzungen auf Seiten der Aufständischen teil, und einer von ihnen starb, gleichzeitig und zusammen mit Robespierre, auf der Guillotine. (S. 215)
Landmann weiter:
Im heutigen sozialistischen Polen zelebriert man aber etliche Frankisten, die den religiösen Background der Lehre ihres Meisters preisgaben, zur Überzeugung gelangten, daß die Französische Revolution die Welterlösung einleite, und für sie kämpften und starben. Durchaus richtig erkennen die polnischen sozialistischen Ideologen in diesen revolutionären Frankisten Vorläufer von Karl Marx, der von der Weltrevolution unter sozialistischem Vorzeichen das endzeitliche Paradies auf Erden erwartete. (S. 216)
Die religionsgeschichtliche Forschung hat gezeigt, daß Sabbatai Zwi und Jakob Frank als Vorläufer von Theodor Herzl große Bedeutung haben. Frank und seine Anhänger vollzogen eine äußerliche Massenkonversion zum Katholizismus in der Hoffnung, im Bunde mit Rom das messianische Reich aufzurichten. Und Zwi suchte die religiöse und nationale Wiedergeburt von Israel zu fördern, indem er seine Anhänger dazu aufforderte, durch äußerlichen Übertritt zum Islam die Sultanswürde in jüdische Hand zu bringen, um dann ein neues Israel errichten zu können. Aus den Reihen der Dönmeh ging um die Jahrhundertwende der türkische Minister Dschawid Bey hervor. Er war in der türkischen Regierung, mit der die Zionisten erfolgreich über erste Niederlassungen in Palästina verhandelten. So schloß sich der Kreis.
Der zweite Jesus (Teil 1)
29. Januar 2012Wer war Jesus? Was ist vor 2000 Jahren wirklich passiert? Die Antwort könnte in einem Geschehen zu finden sein, das sich vor etwa vier Jahrhunderten zutrug und diesmal sehr gut dokumentiert:
Von Kabbalisten war das Jahr 1648 als Zeit der Wunder festgelegt worden, in der die Messianische Ära beginnen sollte. In diesem Jahr stand ein gewisser Sabbatai Zwi (1626-76), der aus Smyrna in der Türkei stammte, in einer Synagoge in Saloniki auf und sprach den mystischen Namen Gottes aus, wie es nur einst der Hohepriester durfte, bzw. eines Tages der Messias tun dürfte, und machte sich so zum Messias-Anwärter. Daraufhin wurde der Bann gegen ihn gesprochen, genauso wie bei Jesus, nachdem dieser vor dem Sanhedrin den Heiligen Namen aussprach, was er in Mt 10,25 angekündigt hatte. (Die großen Zaddikim der Chassiden werden „Baal Schem“ genannt, „Meister des [Heiligen] Namens“. Mit diesem hat Rabbi Löw in der Sage den Golem zum Leben erweckt.)
In Saloniki beging Sabbatai Zwi
seine mystische Vermählungsfeier mit der Thora. Kabbalistisch sollte es bedeuten, daß die Thora, die Himmelstochter, mit dem Messias, dem Sohn des Himmels, in einem unzertrennlichen Bund vereinigt sei, oder daß er die Fleisch gewordene Thora sei und diese ersetzen könne. (Heinrich Graetz: Volkstümliche Geschichte der Juden, Bd. VI, München 1985, S. 55f)
Zwi feierte Heilige Hochzeit mit der Thora, die man sich kabbalistisch, der spätbiblischen Tradition folgend, als weiblich personifizierte Weisheit vorstellte. Andererseits behauptet er aber auch selbst, die fleischgewordene Thora zu sein und diese zu ersetzen (ebd., S. 56).
Das schlimme Schicksal der Juden ausgerechnet 1648, nämlich der Kosakensturm unter Chmelnizkij, hatte so manchem Juden gezeigt, daß die Thora tot ist. So konnte nur noch der Messias helfen, denn die Befolgung des göttlichen Gesetzes hatte nichts gebracht. Es kam soweit, daß sich unter kabbalistischen Vorzeichen das Judentum vom Gesetz trennte. Dessen Grundwesen sich sowieso weniger im Gesetz als vielmehr im Sabbat zeigt, in dem sich Gott und Schöpfung versöhnen und das messianische Reich vorweggenommen wird. Maimonides sagte, zu den wenigen Dingen, an die der Jude glauben müsse, um Jude zu sein, gehöre der Glaube an das Kommen des Messias. An dieser Stelle setzte Sabbatai sein gegen das Rabbinertum gerichtetes Zersetzungswerk an.
Es gehört schon seit dem Neuen Testament zu den Hauptgedanken des Antisemitismus, daß Jesus kein Jude (mehr) war. Jene Philosemiten aber, die zurecht auf die Jüdischkeit Jesu hinweisen, verkennen, daß es gerade zur Dialektik des jüdischen Messianismus gehört, daß der Messias aus dem von der Thora bestimmten Judentum heraustritt, wie z.B. der „Jude“ Sabbatai Zwi. Gerade diese Kritiker haben das Judentum genausowenig verstanden, wie die Antisemiten.
Das kabbalistische Hauptwerk, der Sohar, geht mit seiner mündlichen Überlieferung auf das alexandrinische Zeitalter etwa 200 v.Chr., also in eine Zeit vor Jesus, zurück. Sein Grundgedanke habe, so Graetz, gelautet, „daß in der Gnadenzeit, in der Welt der Ordnung, die Gesetze des Judentums, die Ritualien über Erlaubtes und Verbotenes, vollständig ihre Bedeutung verlieren würden“ (Graetz, S. 64). Sabbatai war ein solcher, das Gesetz auflösender Messias.
Die Sabbatianer stellten die lästerliche Theosophie auf, die Gottheit sei dreifältig in drei Personen, dem Uralten der Tage (vgl. Dan 7,13), dem heiligen König und in einer weiblichen Person, Schechina. Der heilige König, der Messias, sei der wahre Gott, der Erlöser und Befreier der Welt, der Gott Israels, ihm allein müsse Anbetung zuteil werden, der Uralte dagegen habe sich zurückgezogen und Sabbatai zu seinem Stellvertreter eingesetzt. (Graetz, S. 65)
Der „lästerliche Hauptgedanke“ der Sabbatianer war, „daß der höchste Gott, die erste Ursache, mit dem Weltall in keinerlei Verbindung stehe, sondern eine zweite Person in der Gottheit, der Gott Israels genannt, habe die Welt erschaffen, das Gesetz für Israel offenbart“. In Sabbatai Zwi, dem Messias, habe sich nun die zweite Person der Gottheit verkörpert und durch sein Erscheinen habe die Bedeutung der Thora aufgehört (Graetz, S. 117).
Es war immer so, daß mit der Befreiung vom Gesetz das engere Zusammengehen von Gott und Mensch parallel lief. Nietzsche:
Jesus hatte ja den Begriff der „Schuld“ selbst abgeschafft, – er hat jede Kluft zwischen Gott und Mensch geleugnet, er lebte diese Einheit vom Gott als Mensch als seine „frohe Botschaft“. (Antichrist, A 41)
Christentum → Orgonomie
3. Januar 2012Wie sich das „mystische“ Judentum aus dem „funktionalistischen“ Matriarchat entwickelt hat, habe ich an anderer Stelle dargestellt.
Nachdem die Römer den „Unruheherd im Nahen Osten“ grausamst befriedet und den Tempel in Jerusalem im Jahre 70 zerstört hatten, stand das Judentum vor dem Aus. Es überlebten nur zwei kleine Sekten, zwei Abspaltungen vom Pharisäertum: die Christen, die eine neue hebräische Nation aufbauten, nämlich die Kirche; und die Gruppe, aus der sich im Laufe der Zeit das talmudische Judentum entwickeln sollte. Die Christen befreiten sich vom alttestamentarischen Gesetz, während sich die Juden immer mehr in das Gespinst „des Gesetzes“ einsponnen. Die beiden Gruppen haßten sich fürderhin, wie sich nur praktisch identische Gruppen hassen können. Man denke an Trotzkisten und Stalinisten oder Schiiten und Sunniten.
Es ist eine der größten Ironien der Geschichte, daß das Römische Weltreich schnell christianisiert (quasi „judaisiert“) war. Das sollte das zersplitternde Imperium ideologisch zusammenhalten, jedoch eignet sich kaum eine Lehre bzw. Religion weniger dazu als das „gesetzlose“ Christentum, das von Anbeginn in zahllose Sekten zerfiel und nur mit Hilfe von Konzilen mühsam zusammengehalten werden konnte. Der Islam war anfangs auch kaum mehr als eine (wenn auch etwas sehr absonderliche) christliche Sekte. Er konnte sich u.a. deshalb so schnell bis zum Atlantik hin ausbreiten, weil er mit seiner simplen Theologie eine willkommene Alternative zur verwirrenden christlichen Sektenwirtschaft war. Die mörderische Ideologie des Islam haben wir in jeder Hinsicht nur dem Christentum zu verdanken, das von ihm seit 1400 wie ein dunkler, bedrohlicher Schatten verfolgt wird.
Im Osten erstarrte das Christentum nicht zuletzt durch den Druck, den der Islam unaufhörlich auf es ausübte, zur Orthodoxie. Mag sein, daß die Orthodoxie die einzige in sich konsistente Theologie besitzt, die das Christentum zustande gebracht hat, jedoch wurde das mit einer geradezu „chinesischen“ Erstarrung erkauft: eine unwandelbare Welt, die keinerlei Impulse zur zivilisatorischen Weiterentwicklung geliefert hat.
Ganz anders sah es westlich Ostroms in der Welt der Barbaren aus: die Westkirche war, angefangen bei der durch und durch gnostischen (manichäischen) Theologie von Augustinus, ein Refugium für Wirrköpfe. Augustin war der erste westliche Mensch, der erste „Individualist“, der erste, der eine „Autobiographie“ schrieb. Die Reihe der Ketzer nach ihm ist lang und auch die Dogmen der Katholischen Kirche rufen bei einem Orthodoxen nur Kopfschütteln hervor.
Allen Westkirchen gemeinsam ist das häretische Dogma vom „Sühneopfer“ Christi, der am Kreuz sterben mußte, um einen rachsüchtigen Gott, einen himmlischen Hitler, Stalin oder Pol Pot, zu „versöhnen“. Die Lehre der Westkirche ist dermaßen widerwärtig, daß jeder anständige Mensch über kurz oder lang zum Atheisten werden muß. Oder, um mit Nietzsche zu sprechen: sie werden aus christlicher Moral heraus zu Atheisten.
Diese Selbstzersetzung des Christentums wurde durch die Reformation beschleunigt, denn die entkleidete die grausamen Dogmen alles religiösen Brimboriums und stellten sie, frei von benebelnden Myrrhe-Schwaden, ungewollt bloß. Sei es in der „Kreuzes-Theologie“ Luthers oder in der „Prädestinationslehre“ Calvins. Aus der Distanz betrachtet ist deren Gott ein wahrhaftiger Teufel!
Hinzu kam, daß mit der Reformation die Kirche wieder zu zersplittern begann. Heute gibt es 25 000 (sic!) protestantische Kirchen mit jeweils einer eigenständigen Theologie. Jährlich kommen Hunderte neue hinzu! Wenn heute christliche Fundamentalisten die „Atomisierung“ und den Wertezerfall der westlichen Welt beklagen, – sollten sie zuerst einmal in den Spiegel schauen!
Besonders kraß ist die Atomisierung in Amerika, wo gegen allen äußeren Anschein das Christentum in seinen letzten Zügen liegt. Selbst der eifrigste Christ kann dieses Chaos nicht mehr ernst nehmen. Das ganze wird nur noch durch Show und die Erzeugung pseudoreligiöser Emotionen zusammengehalten. Und worum geht es dabei immer und ausschließlich? Um „Ich, ich, ich, ich, ich!!!“ – um die „Erlösung“ des Einzelnen. Man kann sich gar nicht weiter vom Evangelium entfernen!
Ein besonders krasses Beispiel für die geistige Verwirrung, die das Christentum im Kern zerfrißt, ist das Überhandnehmen von Endzeitspekulationen. Für einen orthodoxen Christen erfüllten sich die Prophezeiungen des Alten Testaments zu einem Gutteil mit Geburt, Wirken, Kreuzestod und Wiederauferstehung Christi sowie der Kirchengeschichte. Die Prophezeiungen des Neuen Testaments beziehen sich auf das zweite Kommen Christi und erfüllen sich teilweise bereits in der Liturgie, in der Christus Fleisch und Blut wird. Im modernen Protestantismus hingegen löst sich das Christentum in einem psychotischen Gebrabbel über die unmittelbar bevorstehende Endzeit auf. Bibelstellen werden willkürlich durcheinander gemischt und jeder wird zum eigenen Propheten. Christen sind in Amerika die Dorfdeppen der Nation geworden. Die Fernsehprediger tragen das Christentum zu Grabe.
Was löst das Christentum ab? Um diese Frage sinnvoll beantworten zu können, muß man sich vergegenwärtigen, daß die Westkirche etwas zuwege gebracht hat, was in der Menschheitsgeschichte ohne jedes Beispiel ist. Weder das oströmische Reich und danach die Moskowiter, weder China, Indien oder die muslimische Welt, geschweige denn die restlichen Kulturen, hätten das in Äonen jemals hervorbringen können: die Wissenschaft. Nur im Westen gab es ausreichend „freie Geister“ und nur das Christentum brachte die zwei Ingredienzien der Wissenschaft mit: einen „dynamischen Monotheismus“ und das Ernstnehmen der Materie.
Das Altertum hätte niemals aus sich die Naturwissenschaft hervorbringen können, da ihm die Vorstellung eines abstrakten, alles umfassenden einheitlichen „Naturgesetzes“ fremd war. Dieses konnte sich nur aus der Vorstellung eines monotheistischen Gottes entwickeln. Außerdem gab es im Christentum etwas, was allen anderen Kulturen fremd ist: die Heiligung der Materie. Entweder zählt nur der „Geist“, wie in Indien, oder die Materie wird einzig und allein als Bühne für ethische Probleme betrachtet, wie in China. Aus dem letzteren hat sich beispielsweise die Alchimie entwickelt.
Die Heiligung der Materie kommt besonders im christlichen Reliquienkult zum Ausdruck. Materie ist mehr als ein bloßer platonistischer Schatten oder „das Werk Gottes“, denn Gott selbst ist Mensch, ganz und gar 100prozentig Mensch, geworden, womit Materie an sich etwas Heiliges ist. Hinzu kommt, daß das Denken des westlichen Menschen durch die Beschäftigung mit der Natur Christi (ganz Mensch und gleichzeitig ganz Gott, sowie den Zumutungen der Dreieinigkeit) nicht nur „dialektisch“ geschult wurde, sondern er lernte auch sozusagen „Gott zu denken“, d.h. sich mit „dem Absoluten“ gedanklich auseinanderzusetzen. Zusammen mit der beschriebenen, „atheistischen Selbstauflösung“ des Christentums („kritisches, selbständiges Denken“) entwickelte sich geradezu zwangsläufig die Naturwissenschaft. Sie, und sie allein, ist legitimer Erbe des Christentums.
Bleiben zwei letzte Elemente: Bisher haben wir das Christentum als sozusagen „Abenteuer des Intellekts“ behandelt. Natürlich ist es weit mehr: es ist eine Sache des Herzens. Außerdem ist das Christentum ohne die Person Jesus undenkbar.
Die mechanistische Naturwissenschaft, die aus dem Christentum hervorgegangen ist, hat keinen Platz für das, was die Menschen auf verzerrte Weise „in ihren Herzen“ (im Solar plexus) erfahren, als ungreifbaren „Gott“ mißdeuten und ödipal besetzen: die kosmische Orgonenergie. Die Christen haben entsprechend auch die Person Jesus mystifiziert. In Christusmord hat ihn Reich von diesen Mißdeutungen wieder befreit.
Daß die Orgonomie an die Stelle des Christentums tritt und dieses ersetzt, bedeutet nicht, daß „orgonomische Kirchen“ errichtet werden oder daß Wilhelm Reich zum Propheten ernannt, gar zu einem neuen „Heiland“ gemacht wird. Die Orgonomie ist keine Religion und wird nie eine werden. Es ist eine Naturwissenschaft – und, wie gesagt, die Naturwissenschaft ist die einzige legitime Erbin des Christentums. Der verzerrte Kernkontakt der Religion wird durch wirklichen Kernkontakt ersetzt, die Perversion „Mystizismus“ wird verschwinden und durch Lebensglück ersetzt werden. Siehe dazu Die Massenpsychologie des Faschismus: Die Sexualökonomie im Kampf gegen die Mystik.










