Mit ‘Jahwe’ getaggte Artikel

Die Charakteranalyse der Bibel

24. Oktober 2011

Der amerikanische Psychoanalytiker Andrew Peto hat die beiden unterschiedlichen Kulte von Juda und Israel auf zwei disparate Versuche zurückgeführt, den Ödipuskomplex zu bewältigen (Josef Dvorak: Satanismus, Frankfurt 1989, S. 152).

Wenn in Ex 4,24-26 Moses’ Frau Zippora ihren Sohn Gershom beschneidet, entspricht dies psychologisch der Identifikation des Sohnes mit der Mutter und führt zum „Jahwe allein“-Kult von Juda, wo sich der Sohn passiv homosexuell als „Braut Gottes“ dem Vatergott unterwirft. (In der Kabbala wird die jüdische Gemeinde mit der Schechina gleichgesetzt, dem weiblichen Gegenstück Gottes. Von deutschen Rabbis wird Schechina mit „Einwohnung Gottes“ übersetzt, die mit den Juden in alle Exile zieht: Gott wohnt bei der Judenheit: Gott wohnt der Judenheit bei: Gottes Beiwohnung: Gottes Beischlaf!)

In Juda wird also dem ödipalen Konflikt von vornherein ausgewichen, im Gegensatz zum Kult Israels, das den Stier anbetete. Wie sich in Gen 32,25-29 zeigt, wo Jakob mit Gott (dem Vater) kämpft, männlich die Gefahr der Kastration von sich abwendet und dem kastrierenden Vater sogar den Segen abringt.

Die Psychoanalyse spiegelt den Höhepunkt und den Niedergang des jüdisch-christlichen Patriarchats wider. Ende des 19. Jahrhunderts fiel in der Ansicht der Gebildeten die Bedeutung der Mutter für das Kind fast auf den Nullpunkt. Die ursprüngliche Psychoanalyse Freuds ist ein getreues Abbild dieser männlichen Ausschließlichkeit. Erst Leute wie Jung, Rank und Klein sollten mit ihrer Betonung des Präödipalen die Mutter wiederentdecken. Doch was sie fanden, war nicht das matriarchale Paradies, sondern die kastrierende Zippora, während für Freud weiterhin ihr Gemahl Moses das Urbild des Kastrierenden darstellte. Der Urvater, der, Freud zufolge, bei den Juden die Beschneidung eingeführt hatte.

Auffallend ist die enge Korrelation zwischen Beschneidung und Homosexualität. Es gibt ohne Übertreibung praktisch keinen moslemischen Mann, der keine homosexuellen Erfahrungen gemacht hat. (Man schaue sich etwa die Lebensgeschichte von Hamed Abdel-Samad an.) Auch in Amerika sind fast alle Männer (wenn auch nicht aus religiösen, sondern aus pseudomedizinischen Gründen) beschnitten, gleichzeitig grassieren Homosexualität und Homosexuellenhaß (= Homosexualität). Die ganze amerikanische Kultur ist vom Drang geprägt einen anderen Mann zu verletzten, „in ihn einzudringen“ oder selbst verletzt zu werden. Man denke nur an das unverkennbar homoerotische Ereignis „Duell“ in den Western.

Die Eroberung des „matriarchalen“ Westens Amerikas im 19. Jahrhundert läßt sich mit dem Vordringen der arabischen Wüstenstämme in die umliegenden matriarchalen Kulturen vergleichen. Die Rolle, die die Homosexualität in solchen reinen Männergesellschaften von Eroberern spielt, kann man gar nicht überbewerten. Dazu gehört auch die tiefe, puritanische Religiosität der Amerikaner und Araber, die von homosexuellen Untertönen nur so gesättigt ist. Wie widernatürlich ist es doch, wenn Männer einen Mann („Gott“) anbeten, dem sie ständig ihre Liebe bekunden und von dem sie Liebe erflehen:

Du bist mein Gott, dich suche ich! Ich sehne mich nach dir mit Leib und Seele; ich dürste nach dir wie ausgedörrtes, wasserloses Land. (Ps 63,2)

Der Gläubige erscheint vor Gott als Sohn, der ihn, seinen Vater, innig liebt (Jer 3,4), mit Anklängen an eine homoerotische Unterwerfung:

Du hast mich verführt, Herr, und ich habe mich verführen lassen, du hast mich gepackt und mir Gewalt angetan. Nun spottet man über mich, alle lachen mich aus. (Jer 20,7)

Aber auch umgekehrt kann sich der Gläubige als päderastischer Gott fühlen, wenn ihm im moslemischen Paradies ein „Kreis ewigglühender Jünglinge aufwartet, so schön wie Perlen, in ihren Muscheln verborgen“ (Sure 52,25 und 76,209).

In seiner 1910 geschriebenen Studie über „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci“, der vielleicht homosexuell war, beschreibt Freud, wie das männliche Kind unter dem Einfluß des Kastrationskomplexes, der ihn um seine Männlichkeit zittern läßt, jene unglücklichen Geschöpfe verachten lernt, nämlich die Frauen, an denen nach seiner Meinung die Kastration bereits vollzogen worden ist (Studienausgabe, Bd. X, S. 121). Wenn Freud in einer anschließenden Fußnote unmittelbar auf die Juden zu sprechen kommt, klingt hier eine Verbindung zwischen Frauenverachtung, Homosexuellenhaß und Antisemitismus an. Die Fußnote aus dem Jahr 1919 lautet:

Es scheint mir unabweisbar anzunehmen, daß hier auch eine Wurzel des bei abendländischen Völkern so elementar auftretenden und sich so irrational gebärdenden Judenhasses zu suchen ist. Die Beschneidung wird von den Menschen unbewußterweise der Kastration gleichgesetzt. Wenn wir uns getrauen, unsere Vermutungen in die Urzeit des Menschengeschlechts zu tragen, kann uns ahnen, daß die Beschneidung ursprünglich ein Milderungsersatz, eine Ablösung, der Kastration sein sollte.

Der Beschnittene steht so unbewußt für den Unbeschnittenen zwischen Mann und Frau, ist verachteter Homosexueller, ist „Jude“.

Diese verwickelten Zusammenhänge zeigen sich auch, wenn die Juden einerseits als die Vertreter des Patriarchats dingfest gemacht werden (antisemitische Tendenzen im Feminismus), andererseits die Juden aber als Volk mit „weibischem Charakter“ bezeichnet werden (Gerda Weiler: Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 344).

In den 1930er Jahren wollte der Psychoanalytiker Immanuel Velikovsky ein Buch über Die Masken der Homosexualität schreiben, in dem er darstellen wollte, wie die unterdrückte Homosexualität Quelle der Lust, körperlichen Schaden zuzufügen, und des Hasses zwischen Nationen wird, wo die eine den Triumph über die andere als verweichlicht empfundene Nation sucht:

Ist nicht die Mordlust der Türken, die ein armenisches Dorf massakrieren, gesteigert durch diese Unterschiedlichkeiten in der unbewußten völkischen Konstitution? Ist nicht Deutschland mit dem nationalen Emblem eines Adlers, der die Krallen spreizt, um sie seinem Opfer ins Fleisch zu bohren, ein natürlicher Feind Frankreichs mit seiner Mädchengestalt in phrygischer Mütze oder, als Alternative, mit seinem Hahn, einem lauten aber wenig furchteinflößenden, beinahe komischen Ersatz für eine männliche Gestalt? (…) In der Reihe kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Israel und den arabischen Staaten wurden die letzten wiederholt und gründlich von den Juden versohlt, deren Image durch Jahrhunderte der Diaspora das eines verfolgten und vergewaltigten Volkes war. Hierunter hat die so lange hochgehaltene Selbsteinschätzung der Araber als einer männlichen Rasse so sehr gelitten, daß keine Konzession seitens Israels sie beschwichtigen konnte. (Das kollektive Vergessen, Frankfurt 1987, S. 133)

Die von Velikovsky aufgedeckten Hintergründe zeigen sich auch in folgendem Graffiti an der Nürnberger Führertribüne: „Türken raus – Sieg Heil – Fickt die Türken in den Arsch!“ (Spiegel 4/89, S. 71). So blickt man zu schwachen „weibischen“ „Untermenschen“ hinab. Umgekehrt erscheint das Volk, das einen unterworfen und versklavt hat, als hyperpotenter Superman. So spricht Ezechiel (23,20) von den Ägyptern, „deren Glied so groß wie das eines Esels ist und die so brünstig sind wie Hengste“.

Die „Vergeistigung“ der Gottesvorstellung in Juda war nichts weiter als ein Rückfall in die passive Analität mit passiv femininer Unterwerfung, zwanghaften Ritualen und Gesetzen und mit masochistischer Religiosität. Es fand eine kollektive Kastration statt, die noch heute aus den Gläubigen solche gebrochenen Gestalten mit der typisch weinerlichen Stimme und Gedrücktheit macht. Von gläubigen Christen geht die gleiche depressive Grundstimmung aus, wie von Menschen, die in ihrer Kindheit sexuell mißbraucht worden sind. Sie identifizieren sich mit dem Sohn, der von seinem Vater an ein Kreuz genagelt und zu Tode gefoltert worden ist.

Ein Dämon, den wir erst vernichten können, wenn wir die historische Genese des Fluchs, die historische Genese Gottes durchschaut haben. Hier hat die Orgonomie eher Schaden angerichtet, mit ihrem fatalen Hang alles zu ontologisieren, was funktionell der verfrühten, bzw. zu tiefen Deutung in der Charakteranalyse entspricht. Gott wird zum „kosmischen Orgon“ gemacht und auf diese Weise wird er nur noch fester in den Seelen der Menschen verankert. Das „Kosmische“ fand im radikalen Monotheismus des „kosmischen“ Jahwe seine erste Ausprägung. Aus einem Gott, der seinen Platz auf Bergen, in Wolken und schließlich im Tempel hatte, wurde ein Gott, der über der Welt thront. Doch dies war paradoxerweise ein ähnlicher Abfall vom Grundwesen der jüdischen Religion wie später die Ausformung eines „kosmischen Messias“ durch die Christen. Aus einem Menschen wurde Gott – der schlimmste Götzendienst, den man sich vorstellen kann. Die Moslems gingen sogar noch weiter und beteten einen „kosmischen Gegenstand“ an, den „unerschaffenen“ Koran. So wie Gabriel Maria heterosexuell den Christus brachte, brachte Gabriel Mohammed den Koran, diesmal mit homoerotischen Untertönen, wie Salman Rushdie in seinen Satanischen Versen gezeigt hat.

Die Beschneidung

13. Oktober 2011

Der unmittelbarste Angriff auf das Leben eines Kindes ist die Verstümmelung seines Genitals. Und nichts anderes als eine Verstümmelung ist das Abschneiden der schützenden und hochsensiblen Vorhaut bei Jungen. (Es ist tatsächlich eine Frage, ob beschnittene Männer wirklich „Zärtlichkeit“ entwickeln können.) In der Antike betrachteten die römischen und griechischen Proselyten die Beschneidung als eine widerwärtige, entehrende Verstümmelung, was den Christen einen Großteil ihrer frühen Anhängerschaft eintrug, denn hier konnte man „Jude“ werden und trotzdem der Beschneidung entgehen.

Othmar Keel und Max Küchler zufolge gewann die Beschneidung seit der Zeit der babylonischen Gefangenschaft (als andere Bundeszeichen fehlten) für die Juden ihre große Bedeutung mit absolutem Pflichtcharakter (Synoptische Texte aus der Genesis, Fribourg 1971, S. 141). Siehe 1 Makk 1,50f und Apg 15,1. „Die Priesterschrift entstand gegen Ende dieser Zeit und hat deshalb die Praxis der Beschneidung mit der ganzen Absolutheit (Gen 17,14) schriftlich in den Bundesschuß mit Abraham vorverlegt“ (ebd.). Aber schon lange Zeit vorher wurde sie, wie Lev 12,3 zeigt, wie selbstverständlich vollzogen.

Michael Grant schreibt, der Ritus der Beschneidung sei seit dem dritten Jahrtausend im Orient bekannt.

Auch die Bibel, die ausdrücklich hervorhebt, daß man sich hierbei steinzeitlicher Feuersteinmesser bediente, weiß davon, daß man den Brauch auch anderswo kannte – dies ganz besonders bei den Völkern in ariden Wüstengebieten und halbariden Steppen am Wüstenrand. (Das Heilige Land, Bergisch Gladbach 1988)

Dies stimmt natürlich genau mit den Thesen James DeMeos überein. Besonders interessant ist aber der Hinweis auf die Altertümlichkeit dieses Brauchs („steinzeitliche Feuersteinmesser“).

DeMeo sieht in der Beschneidung die Nachwirkung alter Blutrituale, die mit der Lossprechung des Mannes für den Kontakt mit dem als giftig betrachteten Vaginalblut verbunden waren, also extremen Ängsten vor dem „Mysterium Frau“ und vor der Sexualität entstammten (The Saharasia Connection, University of Kansas 1986, S. 168f). Hatte ein Mann Geschlechtsverkehr mit einer Frau, blieben beide bis zum Abend unrein, wenn er aber während ihrer Monatsblutung mit ihr Verkehr hatte, wurde er für sieben Tage unrein. Die Frau selbst war natürlich schon allein durch die Monatsblutung unrein und diese Unreinheit übertrug sich auf alles, was mit ihr in Berührung kam (Lev 15,18-24). Jesus hat diese Phobie überwunden (Mt 9,20-22).

In Der Mann Moses und die monotheistische Religion sieht Freud hinter der „Heiligung“ des Volkes durch die von Moses durchgeführte Beschneidung einen symbolischen Ersatz für die Kastration, die der „Urvater“ über seine Söhne verhängt hatte. „Wer dies Symbol [der Beschneidung] annahm, zeigte damit, daß er bereit war, sich dem Willen des Vaters zu unterwerfen, auch wenn er ihm das schmerzlichste Opfer auferlegte“ (Studienausgabe Bd. IX, S. 567).

Wir haben es wohl nur Paulus, wenn nicht sogar Jesus selbst, zu verdanken, daß wir nicht als Halbkastraten unser Leben fristen müssen. Im übrigen hat die Beschneidung natürlich wenig bis nichts mit Moses zu tun und beschränkt sich nicht auf die Juden (und die Ägypter, von denen sie Freud zufolge die Beschneidung übernommen haben sollen), sondern sie war im ganzen Nahen Osten verbreitet. Jer 9,25 zählt zu den Beschnittenen „die Ägypter und die Leute von Juda, die Edomiter, die Ammoniter, die Moabiter und die Stämme in der Wüste, die sich ihre Schläfen rasieren“. Die Beschneidung wurde also praktisch von allen Völkern im Umkreis Israels praktiziert.

Wegen Paulus waren jedoch in Europa die Juden die einzigen Beschnittenen. Was eine der Hauptquellen des Antisemitismus ausmachte. Die Beschneidung gemahnte an die gefürchtete Kastration und rührte damit an ein gern vergessenes Stück der urzeitlichen Vergangenheit (Freud, Bd. IX, S. 539). Hinzu kam das Image als „Gottesmörder“, die aus dem Schlachten von Tieren eine heilige und, da die Tiere geschächtet wurden, grausig blutige Angelegenheit machte.

Unbewußt verband sich so die Angst vor der Beschneidung mit der existentiellen Angst in einem Menschenopfer dargebracht zu werden. Freud hat ja entdeckt, daß der Kastrationskomplex wirklich die ganze Existenz betrifft – das Kind (im Erwachsenen) um sein Leben fürchtet. Und tatsächlich verbirgt sich hinter der Beschneidung ein verdrängtes Menschenopferritual. Genauso wie das Jungtier an seinem achten Lebenstag Jahwe geopfert wurde (Ex 22,29), wurde ursprünglich auch das erstgeborene Kind geopfert. Später wurde daraus die Beschneidung am achten Tag (Gunnar Heinsohn: Was ist Antisemitismus? , Frankfurt 1988, S. 55).

Hyam Maccoby hat nachzuweisen versucht, daß Zippora erst durch eine Manipulation der alttestamentlichen Redaktoren dazu kam, ihrem Sohn die Vorhaut abzuschneiden. Und zwar als Ersatz für die Opferung des Kindes durch Moses. Um dies grausige Geschehen zu verdecken, wanderte das Opfermesser in die Hand Zipporas und schnitt nur die Vorhaut ab (The Sacred Executioner, London 1982).

Beide Interpretationen (Beschneidung als magisches Wegwaschen des Mentruationsblutes, Beschneidung als Ersatz für das Menschenopfer) finden ihre Gemeinsamkeit in einer dritten Theorie:

Mir will es eher so scheinen, als wäre die Beschneidung weniger ein Ritual, das einen eindeutig patriarchalen Hintergrund hat, sondern vielmehr ein spätmatriarchales Element darstellt. Die feministische Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth schreibt, daß der Vatergott, der die Muttergöttin verdrängt, als erstes ihr weitverbreitetes Machtsymbol, den Blitz, bzw. die „Doppelaxt“, übernimmt, „mit dem sie tötete oder kastrierte“ (Für die Musen, Frankfurt 1988, S. 48). Beispielsweise war es in Kanaan fester Bestandteil des Fruchtbarkeitskultes, daß Männer kastriert wurden, um als männliche Tempelprostituierte der Göttin zu dienen. Und auch sonst waren, wie noch heute, die priesterlichen Tätigkeiten so geartet, daß die Priester die sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale ausbildeten, weil die rituellen Techniken weibliche Hormone erzeugten.

Beschneidung ist Ausdruck der Sehnsucht zurück ins Matriarchat: der Mann blutet wie die Frau, durch seinen Tod kehrt er dahin zurück wo er herkam. Es war ein verqueres Fruchtbarkeitsritual wie in Sündenfall und Fruchtbarkeit ausgeführt.

Gottes Gesetz

6. Oktober 2011

Gott ist nichts als der Zuckerguß über dem Teufel. Man vergleiche nur die 10 Gebote mit all dem Schrecklichen, was in Jahwes Namen in der Bibel geschieht. Die Bibel ist ein zutiefst obszönes Buch.

Mit diesem Widerspruch (der „Gott des Lebens“ ein Todfeind des Lebens) werden wir erst fertig, wenn wir zwischen zwei unvereinbaren Religionen unterscheiden, die in der Bibel ihren Niederschlag gefunden haben: der matriarchalen und der levitischen. Diesem sich gegenseitig ausschließenden zweierlei Religionsverständnis hat Elsworth F. Baker in seinem Buch Der Mensch in der Falle Ausdruck verliehen, als er „Religion“ in den folgenden beiden Sätzen gegenteilig definierte:

  1. „Das kosmische Gefühl (der innerste Kontakt) ist die Grundlage aller Religionen.“ (S. 119)
  2. „(…) die Entwicklung eines Gewissens oder Über-Ichs, [heißt] Verdrängung, Zivilisation und die Geburt der Religion (…)“ (S. 72)

In seiner Sammlung von Aphorismen The Value of Values, die zwischen Nietzsche und Reich vermitteln sollen, hat Jerome Eden bestritten, daß man die zweite Erscheinung überhaupt Religion nennen darf:

Keine organisierte Körperschaft, die auf der Grundlage von Prinzipien arbeitet, die der Natur und dem Gott der Natur zuwiderlaufen, darf sich als wahre „Religion“ bezeichnen. Eine natürliche Religion beruht auf der Lebensformel oder sie kann sich nicht in Übereinstimmung mit dem Leben befinden.

Man kann aber auch das gesamte Phänomen „Religion“ als Äußerungsform der Emotionalen Wüste betrachten. Heide Göttner-Abendroth schreibt dazu:

„Re-ligio“ bedeutet so etwas wie „Rückbeziehung, Rückbindung“. Eine Rückbindung ist aber erst dann erforderlich, wenn die primäre Bindung verlorengegangen ist (wie es die Paradiesvertreibung in der Bibel anschaulich macht). Und die primäre Bindung kann nur dann verlorengehen, wenn die Gottheit etwas Fernes, Hohes, Fremdes, Transzendentes geworden ist, das man wieder suchen muß, kurz: wenn die Gottheit etwas grundsätzlich anderes ist als man selbst. (Für die Musen, Frankfurt 1988, S. 54)

Durch die Wüstenpanzerung hindurch versucht sich der Mensch an seinen Kern („Gott“ als kosmisches Gefühl) zurückzubinden. Durch die Panzerung wird Gott zum „ganz anderen“. Diese „Transzendenz“ kam mit dem Patriarchat in die Welt – und Gott verschwand aus der Welt. James DeMeo schreibt, der patriarchale Gott sei dadurch gekennzeichnet, daß er nicht innerhalb der Natur gegenwärtig ist, sondern außerhalb der Natur, so daß es religiöser Spezialisten („Leviten“) bedürfe, die zwischen diesem fernen, unerreichbaren Gott und dem Menschen vermitteln (The Saharasia Connection, University of Kansas 1986, S. 228). Schließlich fällt auch diese Vermittlung weg und der Mensch lebt nur noch nach Prinzipien, nach dem Gesetz, der Schrift (Levitentum wird zu Rabbinertum, Katholizismus zu Protestantismus, Feudalismus zu Liberalismus).

Man geht fehl, wenn man glaubt, daß das Recht des „du sollst“ mehr Menschlichkeit schaffen würde. In Wirklichkeit ist es auch nur Mord. Organisierter Mord, Menschenopfer, die der Göttin Justitia dargebracht werden. Prinzipiell gibt es keinen Unterschied zwischen z.B. der Ehebrecherin, die in Saudi Arabien in einem Menschenopferritual gesteinigt wird, und einem beliebigen Rechtsfall in einem anderen Rechtsstaat. Das Recht ist nichts weiter als institutionalisierte Gewalt, die Fortsetzung des Krieges, den das gepanzerte „Leben“ gegen das Lebendige führt, mit anderen Mitteln.

Der krasseste aktuelle Fall ist wohl die hochethische Abtreibungsgesetzgebung. Im Vergleich der Kulturen hat DeMeo festgestellt, daß in jenen Gesellschaften, wo „das ungeborene Leben geschützt wird“, in einem überdurchschnittlichen Ausmaß Feinde getötet, gefoltert und verstümmelt werden. Je friedlicher Völker sind, desto geringer ist die Strafe für den Abortus (ebd., S. 198).

Das Gegenmodell (wenn dies das richtige Wort ist) für die hierarchische Struktur von Offenbarung, Vermittlung und Befolgung oder aber für den liberalen Rechtsstaat ist eine Gesellschaft, die auf der Wissenschaft (im Sinne Nietzsches als „gesunder Begriff von Ursache und Wirkung“) beruht. Gerda Weiler hat diese matriarchale Geistesart selbst im Alten Testament gefunden, vor allem im Buch der Sprichwörter. In Spr 24,30-34 z.B. beschreibt der Ich-Erzähler, wie er am „Feld eines Faulpelzes“ vorüber ging, das vollkommen verwüstet war. „Ich sah es und zog meine Lehre daraus“, nämlich kein Faulpelz zu sein. Weiler kommentiert diese naive Volksweisheit wie folgt:

Ein Mensch hat einen sinnvollen Zusammenhang erkannt, er hat gesehen, daß Fleiß eine nützliche Tugend ist. Er sagt: „Ich!“ – Ich habe gesehen und danach gehandelt. Als Empfehlung gibt er es weiter an ein Du. Aber er sagt nicht: Du mußt! Du sollst! Er weist auf die Folgen der Faulheit in: Die Armut wird dich überkommen, wie ein Wanderer kommt über Nacht. (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 377)

In einer von der Wissenschaft geprägten Gesellschaft braucht es kein „Du sollst“ zu geben, kein Gesetz, kein Recht. Solange wir noch ein Rechtsstaat sind, bleiben wir mit einem Bein im Mittelalter!

Als Beispiel für solche wissenschaftlichen Gesellschaften verweist Weiler auf verschiedene Untersuchungen: auf Henry Lewis Morgans Arbeit über die mutterrechtlich organisierten Irokesen, eine Arbeit über das prä-römische Gallien sowie eine Arbeit über „die älteste israelitische Stammesordnung“ (ebd., S. 370).

Die Irokesen kannten keinerlei Gesetze. (Es ist äußerst interessant, daß Franklin und Jefferson manche ihrer Ideen für die Ausformulierung der amerikanischen Verfassung aus dem hochentwickelten sozialen Leben der Irokesen geschöpft haben.) Die Religion der Druiden „entbehrte jeder ethischen Grundlage“. Das alte Israel war an keine „höhere Moral“ gebunden. (Über die Zeit vor David heißt es: „Es gab zu jener Zeit noch keinen König in Israel, und jeder tat, was er wollte.“ Ri 17,6 und 21,25, der Schlußsatz des Buches von den Richtern.) Als Beispiel sei auch auf die kleinasiatischen Lykier verwiesen, über die es in der Antike hieß: „Sie haben keine Gesetze, nur Gebräuche, und werden von alters her von den Frauen beherrscht“ (z.n. Hans Biedermann: Die Großen Mütter, München 1989, S. 173). Das Matriarchat ist eine Gesellschaft ohne Gesetz. Darauf ist Christus zurückgegangen – „dem Christen ist kein Gesetz gegeben“.

Jesus konnte so denken, weil er an das Gute im Menschen glaubte. Er dachte vom Kern her, während das Alte Testament (mit den genannten Ausnahmen) in der Schicht der sekundären Triebe steckenblieb und nicht darüber hinaus denken konnte.

Das Gottesbild der Bibel

1. Oktober 2011

Mit der der Loslösung vom israelitischen Mutterboden, von der Mutter Natur, mit dem Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat verselbständigt sich, wie Gerda Weiler orgonomisch vollkommen korrekt schreibt,

die aggressive Potenz des Menschen, die notwendig ist, um positiv die Aufgaben des Lebens anzugreifen, sie löst sich aus dem Zusammenhang des natürlichen Ablaufs von Werden und Vergehen und schlägt ins Negative um, in jene desintegrierte Aggressionsfähigkeit, die vorwiegend darauf gerichtet ist, den „Feind“ anzugreifen. (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 259f)

Die komplementäre Seite dieses Sadismus ist der Mystizismus. Der Sadismus entspricht dem Drang des Mystikers zum „Jenseits der Panzerung“ durchzubrechen bei Umgehung der Genitalfunktion.

Auch hierzu sagt Weiler orgonomisch vollkommen richtig:

Die Verzückung des Mystikers ist vergleichbar dem Erlebnis eines Menschen, den man geblendet hat, um ihn dann in die Gärten des Paradieses zu führen, daß er ihre Schönheit genieße. Er hat innere Bilder. Er hat Ahnungen. Das umfassende, ganzheitliche Wissen bleibt ihm versagt. Denn alle Erfahrung ist immer auch sinnlich. (ebd., S. 272)

Diese Entfremdung des Menschen vom „Göttlichen“ findet sich auch in der Kunst wieder. Je mehr das Patriarchat Fuß faßte, desto abstrakter wurde die künstlerische Darstellung. Die „urwüchsige“ abstrakte Kunst Afrikas ist nachweisbar nichts weiter als eine kulturelle Verfallserscheinung. Im Judentum und Islam wurde nicht nur Gott zum bildlosen absoluten Abstraktum, sondern gleichzeitig wurde jede bildnerische Kunstbetätigung tabuisiert, bis es allenfalls ungegenständliche Muster gab. Das Christentum ist dann aus dieser Entwicklung wieder ausgeschert. Im Bild Christi und Marias kann sich der Gläubige wieder mit der Gottheit identifizieren.

Heide Göttner-Abendroth hat der Identifizierung des matriarchalen Menschen mit der Gottheit im folgenden Gedicht auf wunderbare Weise Ausdruck verliehen:

die erde zittert, wo ich gehe in diesen zonen der reife, und wirft sanfte merkliche wellen
durch alle dinge vibriert es in mir, wo immer auf den driftenden schollen ich gerade bin
du bist das rätsel unter meinen füßen, der abgrund in mir, wo ich bin bist du überall
– denn Du Gaia bist Ich (Für die Musen, Frankfurt 1988, S. 36)

Im Patriarchat wird demhingegen Gott zu „dem ganz anderen“. Es ist ein entfremdeter Gott, der auf Kosten des Menschen lebt. Mit dem Selbstwertgefühl der Menschen ist es unter so einem Gott aus, es ist aus mit ihrem „Hochmut“ gegenüber Gott; „und ihr Stolz wird erniedrigt“, bis „der Herr allein wird groß sein“ (Jes 2,17f). Wir sind sein Eigentum, wir „gehören ihm wie Kinder ihrem Vater“ (Dtn 14,1) – oder wie Viehzeug ihrem Besitzer:

Jeder Ochse kennt seinen Besitzer und jeder Esel die Futterkrippe seines Herrn. Israel aber will nicht begreifen, wem es gehört. (Jes 1,3)

Der biblische Mensch sagt: „Ich habe meine Sache auf Dich gestellt“ (Jer 20,12). Der matriarchale Mensch sagt: „Ich habe meine Sache auf Mich gestellt“ (Stirner). So verkündigt Kardinal Giacomo Biffi aus Bologna 1989 in einer seiner berühmten Strafpredigten von der Kanzel herab:

Die Frau von heute ist grundsätzlich schlecht. Sie unterwirft sich nicht mehr dem Herrn mit einem ergebenen „Ich bin dein“, sondern sie schreit nur herum: „Ich gehöre mir selbst“.

Der Kardinal wurde noch bösartiger:

Frauen sind Verbündete des Todes, weil sie über ihren Leib selbst entscheiden wollen. Sie sind verdorben, alle Sünderinnen.

Im entwickelten Patriarchat existiert das Ich nicht mehr; allenfalls in Gestalt des Führers oder Gottes. Dieses „Über-Ich“ sagt, was zu tun ist. Weiler:

Der patriarchale Mensch verlernt unter der Gesetzlichkeit seiner aufgesetzten und aufgezwungenen Ordnung, in sich selbst hineinzuhorchen (…), er verlernt das Hinhorchen auf ein Du, die sensible Anpassung an die der Natur innewohnenden Ordnungsprinzipien. Er braucht nur noch eines: Gehorsam. Die eigene Verantwortung wird ihm erspart, wenn er nur dem Gesetz des patriarchalen Jahwe gehorcht.

Dies entspringt nomadischer Tradition, denn für den Nomaden Arabiens ist ganz allgemein das Fehlen jedes Ich-Bewußtseins zu konstatieren. Es herrscht Sippenbewußtsein, dessen Beziehung zum Über-Ich Nietzsche wie folgt umrissen hat: „Einstmals war das Ich in der Herde versteckt: und jetzt ist im Ich noch die Herde versteckt“ (Umwertung aller Werte, dtv, S. 299). Gleichzeitig ist dieses arabische Bewußtsein untrennbar mit dem Führerkult verknüpft. Schon Jesaja 3,6 erkannte, daß sich in einer Krise (wie z.B. die Verwüstung Arabiens) alle Männer in einer Sippe an einen einzigen klammern und sagen: „Sei du unser Anführer, bring Ordnung in dieses Chaos!“

Die patriarchale Entwicklung führte dazu, daß in der Bibel schließlich nicht mehr der wankelmütige Führer, sondern das unpersönliche göttliche Gesetz die Ordnung bringt. Dies entspricht der Verinnerlichung des Vaters, die in der individuellen Entwicklung zur Ausprägung eines Über-Ich führt, das natürlich mit der Panzerung funktionell identisch ist. Demnach ist also Gott der höchste Ausdruck von Kontakt- und Verantwortungslosigkeit, Entfremdung und Abpanzerung vom Leben, oder wie Nietzsche im Ecce Homo sagt:

Der Begriff „Gott“ erfunden als Gegensatzbegriff zum Leben – in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht!

Der Pesthauch der Bibel (Teil 1)

25. September 2011

Die gesamte Bibel atmet den Hauch der Wüste. Ich kann mich noch gut an meinen Religionsunterricht erinnern. Was uns da als „Frohe Botschaft“ verkauft wurde, hinterließ bei mir nichts als einen faden Nachgeschmack von Trockenheit, Dürre, Wüste und vor allem Grauen. Ich bin sicher, daß jeder als Kind mit dem untrüglichen Sinn des noch relativ ungepanzerten Lebens diesen Mumiengeruch wahrgenommen hat.

Was hält denn die Bibel, Altes und Neues Testament, konzeptionell zusammen? Die Geschichte des Wüstendämons „Asasel“. Am „Versöhnungstag“ wurde ihm ein „Sündenbock“ dargebracht, auf dem zuvor vom Priester alle Sünden des Volkes übertragen worden waren (Lev 16). Genauso wurde, Paulus zufolge, Jesus mit den Sünden des Volkes beladen und (dem Wüstendämon) Jahwe geopfert.

Oder nehmen wir das Abendmahl, mit dem ich mich bereits an anderer Stelle beschäftigt habe. – Unter dem Druck der Wüste ist es mit Sicherheit zu Fällen von Kannibalismus gekommen. Noch in Dtn 28,53-57 hallen diese ersten alptraumhaften Schrecknisse des aufdämmernden Patriarchats nach, wenn wir dort als weiteren „Fluch des Ungehorsams“ über Ereignisse lesen, die aus späteren Dürrekatastrophen im Nahen Osten durch unbezweifelbare Zeugenaussagen belegt sind:

In der Hungersnot, die während der Belagerung in euren Städten herrscht, werdet ihr das Fleisch eurer eigenen Kinder essen, die der Herr, euer Gott, euch geschenkt hat. Der vornehmste Mann, der auf seine feine Lebensart stolz ist, wird sich nicht scheuen, seinen eigenen Sohn zu verzehren; er wird eifersüchtig darüber wachen, daß keiner von seinen Verwandten einen Bissen davon bekommt, nicht einmal die geliebte Frau und die übrigen Kinder. So groß wird die Not sein in den Städten, die von euren Feinden belagert werden. Die verwöhnteste Dame, die vor lauter Vornehmheit keinen Fuß auf die Erde setzt, wird in der höchsten Not ihre Nachgeburt verzehren und sogar das Kind, das sie soeben geboren hat; sie wird es in aller Heimlichkeit tun und nicht einmal dem geliebten Mann und den übrigen Kindern etwas davon gönnen.

Den Höhepunkt der Blutorgie, die die Bibel beschreibt, stellte der „Bann“ dar. Zu diesem Komplex zitiere ich aus der Sachkunde zur Biblischen Wissenschaft, einer Unterrichtshilfe für Religionslehrer von Hans-Jochen Gamm:

Der „Heilige Krieg“ galt den Israeliten als eine kultische Handlung. Das Heer befand sich dabei unter strenger, sakraler Ordnung. Die Krieger waren geweiht (Jos 3,5), auch ihre Waffen (2 Sam 1,21). Nach einer Niederlage fastete das Heer (Ri 20,26). Vor dem Kampf wurden Opfer dargebracht (1 Sam 7,9; 13,9). Als besonders wichtig galt die Gottesbefragung (Ri 20,27). Auf Grund des zusagenden Gottesbescheides verkündete der Heerführer: „Jahwe hat (…) in eure Hand gegeben“ (Jos 2,24; 6,2.16; Ri 7,9-15; 1 Sam 14,12; 17,46). Man meinte, daß Jahwe vor dem Heer dem Feind entgegenzog (Dtn 20,4; Ri 4,14) – und scheute sich die Krieger zu zählen, weil das Wunder Jahwes nicht rationalisiert werden durfte (2 Sam 24,1ff). Die heiligen Kriege galten als Jahwes Kriege (1 Sam 25,28), die Feinde als Jahwes Feinde (Ri 5,31; 1 Sam 30,26). Deshalb sollte das Heer sich nicht fürchten (Ex 14,13; Jos 8,1; 10,25; 11,6). Man glaubte, daß Jahwe durch Verwirrung der Feinde, durch Finsternis, Gewitter, Erdbeben, Steinschlag (Hagel oder Meteorite?) zugunsten der Geweihten in die Schlacht eingriff (Ex 23,27; Jos 10,10f; 24,7; Ri 4,15; 1 Sam 7,10; 14,15-20). Der geweihte Krieger meinte, er käme Jahwe zu Hilfe (Ri 5,23). Den Höhepunkt und Abschluß des Kampfes bildete der Bann, die Übereignung der Beute an Jahwe, deshalb wurden die gebannten Menschen und Tiere getötet; Wertgegenstände gingen in den Schatz Jahwes ein (Jos 6,18f). Nur „Heilige Kriege“, nicht die profanen, endeten mit der Bannung. (München 1965, S. 67)

Der Ausrottungsbefehl Jahwes hat sich auf das ganze Land Kanaan erstreckt. Die Bewohner des Landes gab er preis, „so daß ihr sie vernichten und ihr Land in Besitz nehmen könnt“ (Dtn 12,29). Die Beschreibung dieser heiligen Endlösung (die im übrigen nie so total stattgefunden hat, sondern nur in der Phantasie der heiligen Männer, die das Alte Testament verfaßt und kompiliert haben) überlasse ich der Heiligen Schrift:

Der Süden Kanaans wird erobert: Nachdem Josua Jericho ausgeplündert, alle seine Einwohner umgebracht und die Stadt verbrannt hatte, dasselbe mit der Stadt Ai getan und fünf Kanaaniterkönige gefangen und hingerichtet hatte,

griff Josua die Stadt Makkeda an und eroberte sie. Am König und an allen Einwohnern ließ er den Bann vollstrecken. Alle wurden getötet; niemand konnte entkommen. Josua bereitete dem König von Makkeda dasselbe Schicksal wie dem König von Jericho. Von Makkeda zog Josua mit dem Heer der Israeliten vor die Stadt Libna und griff sie an. Der Herr gab auch Libna und ihren König in die Gewalt der Israeliten. Sie töteten alle Einwohner und ließen niemanden entkommen. Dem König von Libna bereiteten sie dasselbe Schicksal wie dem König von Jericho. Von Libna aus zogen sie vor die Stadt Lachisch, umzingelten sie und griffen sie an. Am zweiten Tag der Belagerung gab der Herr die Stadt in die Gewalt der Israeliten. Sie eroberten sie und töteten genau wie in Libna alle Einwohner. Auch König Horam von Geser, der den Leuten von Lachisch zu Hilfe eilte, wurde von Josua besiegt, seine Truppen wurden bis auf den letzten Mann aufgerieben. Von Lachisch aus zogen sie in die Stadt Eglon, umzingelten sie und griffen sie an. Sie eroberten sie am gleichen Tag und vollstreckten an allen Einwohnern den Bann, genau wie sie es in Lachisch getan hatten. Von Eglon aus zogen sie vor die Stadt Hebron, griffen sie an und eroberten sie. Sie vollstreckten den Bann an der Stadt genau wie in Eglon und töteten den König und alle Bewohner, auch die der umliegenden Ortschaften, keiner konnte entkommen. Darauf kehrten sie um und griffen die Stadt Debir ab. Sie eroberten sie mit den umliegenden Ortschaften und vollstreckten den Bann an ihrem König und allen Bewohnern. Wie in Hebron ließ Josua niemanden entkommen. Er bereitete Debir und seinem König dasselbe Schicksal wie Libna und seinem König. Auf diese Weise eroberte Josua das ganze Land (…). Er besiegte alle Könige und ließ niemanden in diesem ganzen Gebiet am Leben; an allen vollstreckte er den Bann, wie der Herr, der Gott Israels, es befohlen hatte. In einem einzigen Feldzug eroberte Josua diese Gebiete und besiegte alle Könige, die dort regiert hatten; denn der Herr, der Gott Israels, kämpfte für sein Volk. (Jos 10,28-42)

Der Norden Kanaans wird erobert: Die Könige Nordkanaans versuchten die Eindringlinge aus ihrem Gebiet herauszuhalten, aber Josua gelang ein Überraschungsangriff auf ihr Lager und sie wurden in die Flucht geschlagen.

Dann kehrte Josua um und eroberte die Hazor, die damals alle Städte in dieser Gegend samt ihren Königen beherrschte. Er erschlug ihren König, und die Männer Israels vollstreckten an allen Einwohnern den Bann. Niemand blieb am Leben; die Stadt wurde verbrannt. Auch alle anderen Städte eroberte Josua und ließ ihre Könige und alle Einwohner töten, wie es Moses, der Diener des Herrn, befohlen hatte. Diese Städte wurden jedoch nicht verbrannt; sie stehen noch heute auf ihren Hügeln. Die Israeliten nahmen alle wertvollen Dinge und alles Vieh für sich; aber von den Menschen ließen sie keinen am Leben. So hatte der Herr es seinem Diener Mose befohlen, und Mose hatte den Befehl an Josua weitergegeben. Josua hielt sich genau an alle Weisungen, die Mose vom Herrn erhalten hatte. Josua eroberte das ganze Land von Süden bis Norden (…). Alle Könige dieses Gebietes nahm Josua gefangen und tötete sie. Er mußte jedoch lange gegen sie kämpfen. Außer der Hiwiterstadt Gibeon schloß keine andere Stadt mit den Israeliten Frieden. Alle mußten erobert werden. Der Herr hatte ihre Bewohner so starrsinnig gemacht, daß sie den Israeliten Widerstand leisteten; denn er wollte, daß sie alle dem Bann verfielen und ohne Erbarmen vernichtet würden. So hatte er es Mose befohlen. Damals vernichtete Josua auch die Anakiter, die in den Städten Hebron, Debir und Anab und in anderen Orten im Bergland von Juda und Israel lebten. Er vollstreckte den Bann an ihnen und ließ niemand von ihnen übrig. Nur die Anakiter in Gaza, Gat und Aschdod entkamen dem Untergang. Josua eroberte das ganze Land, wie der Herr es Mose angekündigt hatte. Er gab es den Israeliten als Besitz und teilte jedem Stamm sein Gebiet zu. Die Israeliten lebten nun in Ruhe und Frieden. (Jos 11,10-23)

Es ist die deuteronomistischen Tradition der Leviten, die von Israel als dem „erwählten Volk“ spricht (obwohl doch die Leviten selbst nicht zur Summe der Israeliten hinzugezählt werden, Num 1,49). Es sei „ein Volk von ganz besonderer Art, das sich mit anderen Völkern nicht vermischt“ (Num 23,9). Ein Volk, das Gott „hoch über alle anderen Völker erheben will, die er geschaffen hat“ (Dtn 26,19), „kein anderes Volk wird danach noch zur Herrschaft kommen und (sein) Reich ablösen. Es beseitigt alle anderen Reiche, aber es selbst bleibt für alle Zeiten bestehen“ (Dan 2,44). Ein Volk, ein Reich, ein Führer (Jos 1,16-18) – und die Untermenschen, oder wie die Bibel sie nennt: das „Un-Volk“ (Dtn 32,21). Bei Sach 14,9-17 finden wir schließlich folgende imperialistische Wahnphantasie:

Dann wird der Herr über alle Völker der Erde König sein. Es wird keinen anderen Herrn neben ihm geben, und man wird keinen anderen Gott mehr auf der Erde verehren. Das ganze Land (…) verwandelt sich in eine Ebene, Jerusalem selbst aber bleibt erhöht und überragt das übrige Land. (…) Die Völker (…), die gegen Jerusalem herangezogen sind, wird der Herr mit einer schrecklichen Krankheit schlagen. Ihr Fleisch verfault, während sie noch auf ihren Füßen stehen; die Augen und die Zunge, die sie eben noch bewegt haben, zerfallen ganz plötzlich. Der Herr wird sie so sehr erschrecken, daß sie völlig verwirrt sind und einer über den anderen herfällt. Auch die Männer von Juda werden Jerusalem verteidigen helfen, und man wird als Beute die Schätze aller Nachbarvölker einbringen, eine große Menge Gold, Silber und kostbare Gewänder. (…) Die Überlebenden aus den Völkern, die gegen Jerusalem herangezogen sind, werden jedes Jahr nach Jerusalem pilgern, um das Laubhüttenfest zu feiern und den Herrn der ganzen Welt als ihren König zu verehren. Wenn ein Volk sich weigert, zu kommen und dem Herrn Ehre zu erweisen, wird auf sein Land kein Regen fallen(!).

Wettergott und Über-Ich

15. September 2011

Zwischen Reichs frühen psychoanalytischen Forschungen, über die Verankerung der patriarchalischen Gesellschaft in der Struktur der Kinder und seinen letzten Arbeiten über „Wetter-Veränderung“ (Cosmic Orgone Engeneering) sowie seiner Entdeckung des „atmosphärischen Panzers“ (DOR besteht eine enge Beziehung. Der moralische, sexualfeindliche Gott, den Reich in Die Massenpsychologie des Faschismus beschreibt, war einst ein Wettergott, der für Fruchtbarkeit und Lebensfreude stand.

Nach der Sintflut garantiert Gott in Gen 9,11-17 den Bestand der Jahreszeiten und bietet als Beglaubigungszeichen den Regenbogen. Gerda Weiler zufolge spricht hier

der matriarchale Jahwe mit dem Menschen, der Gott, der in heiliger Hochzeit seine Wiedergeburt erfährt. Denn nur die Liebe als das eigentlich schöpferische Agens kann das Versprechen einlösen, daß der Tag aus jeder Nacht wiedergeboren wird, daß auf jeden Winter ein neuer Sommer folgt, auf jede Dürre neue Fruchtbarkeit, auf Erstarrung und Tod neues Leben. (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 140)

Es ist bezeichnend, daß der spätere patriarchale Gott Jahwe, den wir heute so ausschließlich mit der Wüste assoziieren, einst nicht viel mehr als ein Wettergott war, der Regen spendet:

Als du vom Bergland Seir auszogst, Herr, und zu uns kamst von Edoms grünen Steppen, da zitterte die ganze Erde, vom Himmel stürzten Wasserfluten nieder, die Wolken gossen ihren Regen aus. Die Berge schwankten, als der Herr sich nahte, der Gott, den Israel verehrt, der seinem Volk am Sinai erschien. (Ri 5,4f)

Auch Jahwes späterer Kollege Allah war ein Wettergott, „der vom Himmel Wasser hat herabkommen lassen und dadurch die Erde, nachdem sie abgestorben war, wieder belebt hat“ (Sure 29,63).

Erst nachträglich wurde dies mit der Ethik verbunden, bis Jahwe und Allah schließlich zum bloßen moralischen „Über-Ich“ wurden.

Wenn die Weisungen des Herrn befolgt werden, dann wird er „zur rechten Zeit“ (Wetterchaos, „Sintflut“!) Regen auf die Felder schicken (Dtn 11,13f). Fällt aber kein Regen auf das Land, dann deshalb, weil die Israeliten Jahwe nicht gehorcht haben (1 Kön 8,35). Jahwe wird erst dann Regen spenden, nachdem sich die Israeliten von den anderen Göttern abgewendet haben (Jes 30,22f). Ohnehin gilt Jahwe unter allen Göttern der Welt als einziger, der es regnen lassen kann (Jer 14,22). Jahwe ist der Atmosphärengott, zu dem man betet, er solle ein Gewitter schicken (1 Sam 12,17f).

Wie Zeus und Thor schleudert Jahwe Blitze gegen seine Feinde (Ps 144,6). Er, der im Wolkendunkel wohnt (1 Kön 8,12), reitet durch den Sturm und läßt es Blitzen und Donnern (Ps 18,10-15). Aber neben diesem furchterregenden Aspekt gibt es natürlich auch den des Vegetationsgottes, dem man im Laubhüttenfest huldigt (Lev 23,33ff). Auch Jahwes Sohn Jesus wurde als solcher Vegetationsheros in Jerusalem empfangen, als die Leute Zweige von den Büschen rissen und vor ihm auf den Weg legten (Mk 11,8).

Daneben gibt es bei Jesus ebenfalls den furchterregenden Aspekt, wenn er davon spricht, der Menschensohn werde „plötzlich und für alle sichtbar kommen, wie ein Blitz, der von Ost nach West über den Himmel zuckt“ (Ps 24,27). Wie einst der Gewittergott Baal kommt nun der Menschensohn mit den Wolken des Himmels (Dan 7,13). Und wie einst der grollende Gott letztendlich doch Regen und neues Leben brachte, versöhnt Christus den gerechten („zürnenden“) mit dem gnadenvollen („lebensspendenden“) Aspekt Gottes.

Die Bibel spiegelt tatsächlich ein kosmisches Geschehen wider. Das ist ihr eigentlicher „spiritueller“ Gehalt!

Monotheismus und Panzerung

9. September 2011

Durch die Panzerung des Organismus kommt es zu einer Zersplitterung von Wahrnehmung und Erregung. Diese Dynamik kommt beispielsweise im ständigen Widerstreit von Monotheismus und Polytheismus zum Ausdruck. Die bioenergetische Zersplitterung wird wieder aufgehoben, indem willkürlich aus den durch die Panzerung hervorgebrachten Teilstrebungen eine einzige herausgehoben wird, so daß schließlich an die Stelle von bioenergetischem Kontakt angebliche „Offenbarungen“ und Sadismus treten („Ersatzkontakt“). Um Gott „muß gerungen werden“, seine Botschaft „muß durchgesetzt werden“.

Man kann das Alte Testament als Geschichte des Abfalls Israels von der Muttergöttin lesen, zu der erst Christus zurückgekehrt ist, was sich symbolisch am katholischen Marienkult ablesen läßt. Es zeigt sich auch daran, daß im Katholizismus ein Bruch mit dem Monotheismus, der größten Errungenschaft des Alten Testaments, zu konstatieren ist. Das fängt mit der Dreieinigkeit an, woran sich ein kaum kaschierter polytheistischer Götterhimmel aus Erzengeln und Heiligen (z.B. dem „Wettergott“ Petrus) anschließt, über dem eine regelrechte „Göttermutter“ als „Muttergottes“ thront.

Was nicht heißen soll, daß der Polytheismus matriarchal ist. Eher im Gegenteil, denn wie sich vernachlässigte Kinder Puppen und Stofftieren zuwenden, müssen auch die verwaisten Kinder der Großen Mutter bei Götzen und Fetischen Zuflucht nehmen.

Im Matriarchat gab es keine männlichen Götter, sondern allenfalls den „Heros der Göttin“, wie z.B. Hera ihren Herakles hatte. Mit der zunehmenden Vergöttlichung dieser männlichen Nebenfiguren im Verlauf der Patriarchalisierung bildete sich das polytheistische Pantheon aus, z.B. der Olymp in Griechenland. Noch in den Psalmen ist der biblische Gott nur Teil einer Götterversammlung, er ist nur der höchste der Götter, der mächtigste aller Herren (Ps 82,1; 136,2f).

In einer der Urschriften der Bibel (dem „Elohisten“) wird Gott als Elohim bezeichnet, eine Pluralform von El, was einfach „Gott“ bedeutet. Bei den fanatischen Jahwisten geht aber selbst diese letzte patriarchale Toleranz verloren und es heißt: „Wer anderen Göttern opfert außer dem Herrn, muß aus Israel ausgerottet werden“ (Ex 22,19). Und Moses befiehlt: „Tötet alle von euren Leuten, die sich mit dem Baal eingelassen haben!“ (Num 25,5). Jahwe ist ein Gott, der in seinem Eifer die Kinder bis ins vierte Glied mit seinem Haß verfolgt! (Ex 20,5f). Das ist die ach so grandiose Errungenschaft des Monotheismus!

Die patriarchalen Großreligionen, die den frühpatriarchalen Pantheon ablösen, tendieren, wie Heide Göttner-Abendroth schreibt, alle zum Monotheismus.

Der Monotheismus, vielgepriesen und für eine höchste männliche Geistesfrucht gehalten, hat als Grundlage die Verabsolutierung des frühpatriarchalen Vatergottes, der neben sich keine anderen Götter mehr duldet. Alle anderen Götter, von denen dieser Vatergott letztlich stammt, werden als „heidnisch“ ausgemerzt. Monotheismen sind aber immer gekennzeichnet von Zentralismus und Fanatismus: Individuelle Glaubensregungen werden nicht mehr geduldet, was geglaubt wird, ist vorgeschrieben. Die Einhaltung der Glaubensdogmen überwacht eine eifernde Priesterkaste, welche je nach Bedarf inquisitorische Institutionen herausbildet. (…) Monotheistische Religionen sind typischerweise immer Staatsreligionen. Ihre Macht gewinnt die Priesterkaste aus der Verquickung mit der politischen Herrschaft („Thron und Altar“). Für die monarchische politische Herrschaft ist die monotheistische Staatsreligion stets ein willkommenes Instrument zur eigenen Legitimation. Alle monotheistischen Großreligionen sind daher ideologische Legitimationsreligionen für zentralistische patriarchale Herrschaft, die nach dem Motto antrat: „Ein Gott! ein Reich! ein König!“ Aus dem verabsolutierten Gott zieht sie dann das Recht, Andersdenkende und Andershandelnde zu liquidieren. (Die Göttin und ihr Heros, München 1984)

Ein Kennzeichen der monotheistischen Großreligionen ist ihre Naturferne. So griffen z.B. die Propheten Israels den kanaanitischen Baalskult nicht zuletzt deshalb an, weil er so eng mit dem Kreislauf der Natur verbunden war (Michael Grant: Das heilige Land, Bergisch Gladbach 1988, S. 44f). Dem hingegen wurzelte die Jahwe-Religion nicht in der Natur, als vielmehr einzig und allein in der Geschichte der hebräischen Nomadenvölker. Meines Erachtens liegt der Grund für diesen Unterschied zwischen Baals- und Jahwe-Religion darin, daß der jeweilige Stammesgott, von der Bibel „Gott der Väter“ genannt, der später in einem einzigen nationalen Gott aufging, die Aufgabe hatte, die Stammesgemeinschaft zu neuen Weideplätzen zu führen. Nach der Eroberung Kanaans wurde dies direkt auf den „Weg durch die Geschichte ins irdische Paradies“ übertragen. Im Unterschied dazu waren die kanaanitischen Ackerbauern an der Fruchtbarkeit und den Zyklen des Landes interessiert, was sich in ihrer Baals-Religion widergespiegelt hat. Dies ist das ganze „Geheimnis“ der jüdischen Religion.

Ganz allgemein sind die Jahreszyklen der Vegetation für die Nomaden Arabiens nur von geringer Bedeutung. So ist es auch zu erklären, warum den Muslimen in Mekka kaum Widerstand entgegenschlug, als sie die „heidnischen Fruchtbarkeitsidole“ zerstörten. Mit zunehmender Verwüstung hatte zwangsläufig die alte Fruchtbarkeitsreligion jede soziale Verankerung verloren. Auch die israelische Religion verdankt ihren Erfolg auf diese Weise direkt dem Vordringen der Wüste.

Die Männer, die sich mit der matriarchalen Welt „emanzipierten“, mußten sich gleichzeitig von der Natur „emanzipieren“, denn das Matriarchat ruhte fast ganz im natürlichen Recht, im Naturrecht. Man kann auch nicht von einer matriarchalen Religion im eigentlichen Sinne sprechen, denn die matriarchale „Religion“ war integraler Bestandteil des Lebens und insbesondere der Landwirtschaft. Sie war einfach ein Hilfsmittel, das die Lücken in der damaligen Wissenschaft ausfüllen und darüber hinaus helfen sollte, das gemeinschaftliche Leben zu organisieren. Für die Landwirtschaft der Trobriander hat Bronislaw Malinowski dies in Bezug auf ihre Magie nachgewiesen (Korallengärten und ihre Magie, Frankfurt 1981).

Demgegenüber hat die Religion des Patriarchats keinen „Sitz im Leben“. Allenfalls wurde z.B. im jüdischen Neujahr die Schöpfungsgeschichte vorgetragen, um die Gemeinde an der Schöpfungskraft Jahwes teilhaben zu lassen. Aber dies spielte sich doch in rein abstrakten Ebenen ab, während die matriarchale Religion immer konkret und „handfest“ war. Allein schon die Abstammung vom Vater und mythologisch die Schöpfung durch den Vater ist abstrakt. Bloße Worte. Die Bibel eine Wort-Wüste. Erst in Christus „ist das Wort Fleisch geworden“ (Joh 1,14) – um von den Pfaffen gleich wieder abgetötet zu werden. Mit jedem Neugeborenen wird es Fleisch – das die Pfaffen dann gleich wieder abtöten.

Der Garten Eden (Teil 3)

28. Juli 2011

In hellenistischer Zeit beteten manche Juden ihren Gott unter dem Namen „Zeus Sabazios“ an. Was, wegen des Namenstabus, nicht verwunderlich wäre, jedoch hat der alexandrinische jüdische Autor Aristeas (etwa 110 v.Chr., möglicherweise aber auch später) darüber hinaus Jahwe mit Zeus richtiggehend gleichgesetzt. Trotz aller kulturellen und religiösen Unvereinbarkeiten ergänzten sich doch die beiden Gottesvorstellungen hervorragend. Elsworth F. Baker bringt in seiner Diskussion über den Ursprung der Panzerung z.B. die Geburt Athenas aus der Stirn von Zeus in direkte Verbindung mit der Geburt Evas aus Adam. (Die Stirngeburt der Athene hat ihre Entsprechung in Indien, wo Lakschmi als Lotusblüte aus der Stirn Vischnus hervorgeht.) Die beiden Geschichten sind in ihrer archetypischen Apotheose des Patriarchats funktionell identisch. Der Mann wird wirklich vergöttlicht – indem er die Rolle der Mutter übernimmt. Darüber hinaus bringen diese beiden Grundmythen einen Aspekt zur Sprache, aus dem man Baker zufolge „die gleichlaufende Entwicklung von Wissen (Erkenntnis) und Panzerung und den Ursprung des Patriarchats“ ableiten kann.

Der Orgonom Morton Herskowitz hat Reichs diesbezügliche Theorie aus Die kosmische Überlagerung sehr klar zusammengefaßt:

Reich hat das Problem des Ursprungs der Panzerung mit der Vermutung angegangen, die er für „mehr als leere Spekulation“ aber für „weniger als anwendbare Theorie“ hielt, daß an jenem Punkt in der dunklen Vergangenheit, als der Mensch gerade die Fähigkeit erlangte, über seine unmittlbare Gegebenheiten hinaus zu denken, d.h. nicht nur darüber nachzudenken, wie man am besten aus einer bedrohlichen Lage herauskomme oder wie man eine sich unmittelbar stellende Arbeit zu erledigen habe, sondern als das Denken ein „Ding an sich“ wurde – er wußte, daß er wußte – die Wahrnehmung derartig beängstigend war, daß er sich gegen dieses innere Angstgefühl abpanzerte und der Prozeß sich in der Spezies fortgesetzt hat. Die Übereinstimmung dieser Annahme mit dem biblischen Verlust von Eden, weil der Mensch von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gekostet hat, ist faszinierend und gestattet uns die direkte Übertragung von Wissen als Wissen anstatt der biblischen Vorstellung von Wissen als Sexualität. (Journal of Orgonomy, Nov. 1975)

Das Denken trennt sich, aus Angst von dem überwältigt zu werden, was es sieht, von der Matrix der Natur, vom „Mutterboden“, und entspricht somit der Abpanzerung von der Natur, dem Panzer. Das Denken wird zu einem „Ding an sich“ außerhalb der Natur. Die Unnatur herrscht. Der Mann gebiert die Frau, das Denken gebiert die Gebärerin. Die Sexualität hat keinerlei Bedeutung mehr.

Diese Überlegungen sind zweifellos sehr faszinierend, mir will es aber so scheinen, als seien Reich, Baker und Herskowitz unbewußt selbst dem patriarchalen Denken zum Opfer gefallen, wonach Geist und Natur letztlich unvereinbare Gegensätze und Widersacher sind und die zerstörerische Natur in das harmonische Reich des Geistes eingebrochen ist (Plato und „Freud“), bzw. der zerstörerische Geist in das harmonische Reich der Natur (Klages und „Reich“). Orgonomisch kann man aber Natur und Geist nicht voneinander trennen (was im übrigen Reich in Die kosmische Überlagerung darlegt!).

Ganz im Sinne des Reichschen Funktionalismus wird diese Dichotomie zwischen „matriarchaler Natur“ und „patriarchalem Geist“ aufgebrochen, wenn wir uns den Mythos von Zeus und Athene in seiner Gesamtheit anschauen. Athene wurde nämlich erst aus dem Haupt von Zeus geboren, nachdem dieser vorher die Göttin der Weisheit, Metis verschlungen hatte, als diese mit Athene schwanger ging. So wurde die Weisheit erst über einen kuriosen Umweg dem Manne zugeordnet. Im Patriarchat darf Wissen nur vom Mann ausgehen. Ursprünglich war es aber die Frau, die die Kultur in die Welt brachte. Erst nachträglich wurde die Weisheit in Gestalt der Athene durch einen mythologischen Trick der Männerwelt zugeschoben und perverserweise wurde die Göttin so zur Verbreiterin der patriarchalen Ideologie umfunktioniert (Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, München 1984, S. 28f).

In Variationen wurde dieser Kunstgriff in allen patriarchalen Kulturen angewendet. So wurde die ägyptische Weisheitsgöttin Maat, die ursprünglich die Mutter des Sonnengottes Re war, zu Res Tochter gemacht, die seine Weisheit weiterzugeben hatte. Genauso wurde ja auch ihre jüdische Entsprechung, die Weisheit, Sophia, zum bloßen Geschöpf Jahwes und verbreitete sein Gesetz. In Wirklichkeit war es natürlich so, daß Jahwe parasitär aus den kulturellen Errungenschaften der matriarchalen Weisheit schöpfte.

Außerdem kann man sagen, daß der patriarchale Gott eine Todesangst vor dem Denken hat. An dieser Stelle möchte ich einen längeren Abschnitt aus Nietzsches Antichrist (48 und 49) zitieren. Für Nietzsche handelt Gen 3 „von der Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft“. Gottes Angst vor der Wissenschaft sei nur Ausdruck der Angst von Priestern des Aberglaubens vor der wissenschaftlichen Aufklärung. Insbesondere mit der Erschaffung des Weibes habe Gott einen Fehlgriff getan, denn jeder Priester wisse, daß das Weib „seinem Wesen nach Schlange, Heva“ ist; jeder Priester wisse, daß vom Weib jedes Unheil in die Welt kommt, folglich auch die Wissenschaft. Nietzsche schreibt weiter:

Erst durch das Weib lernte der Mensch vom Baume der Erkenntnis kosten. – Was war geschehen? Den alten Gott ergriff eine Höllenangst. Der Mensch selbst war sein größter Fehlgriff geworden, er hatte sich einen Rivalen geschaffen, die Wissenschaft macht gottgleich, – es ist mit Priestern und Göttern zu Ende, wenn der Mensch wissenschaftlich wird! – Moral: die Wissenschaft ist das Verbotene an sich – sie allein ist verboten. Die Wissenschaft ist die erste Sünde, der Keim aller Sünde, die Erbsünde. Dies allein ist Moral. – „Du sollst nicht erkennen“ – der Rest folgt daraus. – Die Höllenangst Gottes verhinderte ihn nicht, klug zu sein. Wie wehrt man sich gegen die Wissenschaft? das wurde für lange sein Hauptproblem. Antwort: fort mit dem Menschen aus dem Paradies! Das Glück, der Müßiggang bringt auf Gedanken – alle Gedanken sind schlechte Gedanken… Der Mensch soll nicht denken. – Und der „Priester an sich“ erfindet die Not, den Tod, die Lebensgefahr der Schwangerschaft, jede Art von Elend, Alter, Mühsal, die Krankheit vor allem – lauter Mittel im Kampfe mit der Wissenschaft! Die Not erlaubt dem Menschen nicht, zu denken… Und trotzdem! entsetzlich! Das Werk der Erkenntnis türmt sich auf, himmelstürmend, götter-andämmernd [der Turmbau zu Babel (Gen 11)] – was tun! – Der alte Gott erfindet den Krieg, er trennt die Völker, er macht, daß die Menschen sich gegenseitig vernichten (– Priester haben immer den Krieg nötig gehabt…). Der Krieg – unter anderem ein großer Störenfried der Wissenschaft! – Unglaublich! Die Erkenntnis, die Emanzipation vom Priester, nimmt selbst trotz Kriegen zu. – Und ein letzter Entschluß kommt dem alten Gotte: „der Mensch ward wissenschaftlich – es hilft nichts, man muß ihn ersäufen!“… [die Sintflut (Gen 6f)]

So enthalte der Anfang der Bibel die ganze Psychologie des Priesters, der den Menschen unglücklich halten muß, um ihn von der Wissenschaft (dem „gesunden Begriff von Ursache und Wirkung“) abzuhalten. Das sei die Logik des Priestertums.

Man errät bereits, was, dieser Logik gemäß, damit erst in die Welt gekommen ist – die „Sünde“… Der Schuld- und Strafbegriff, die ganze „sittliche Weltordnung“ ist erfunden gegen die Wissenschaft – gegen die Ablösung des Menschen vom Priester… Der Mensch soll nicht hinaus-, er soll in sich hineinsehen; er soll nicht klug und vorsichtig, als Lernender, in die Dinge sehn, er soll überhaupt gar nicht sehn: er soll leiden… Und er soll so leiden, daß er jederzeit den Priester nötig hat. – Weg mit den Ärzten! Man hat einen Heiland nötig. – Der Schuld- und Straf-Begriff, eingerechnet die Lehre von der „Gnade“, von der „Erlösung“, von der „Vergebung“ – Lügen durch und durch und ohne jede psychologische Realität – sind erfunden, um den Ursachen-Sinn des Menschen zu zerstören: sie sind das Attentat gegen den Begriff Ursache und Wirkung! – Und nicht ein Attentat mit der Faust, mit dem Messer, mit der Ehrlichkeit in Haß und Liebe! Sondern aus den feigsten, listigsten, niedrigsten Instinkten heraus! Ein Priester-Attentat! Ein Parasiten-Attentat! Ein Vampyrismus bleicher unterirdischer Blutsauger!… Wenn die natürlichen Folgen einer Tat nicht mehr „natürlich“ sind, sondern durch Begriffs-Gespenster des Aberglaubens, durch „Gott“, durch „Geister“, durch „Seelen“ bewirkt gedacht werden, als bloß „moralische“ Konsequenzen, als Lohn, Strafe, Wink, Erziehungsmittel, so ist die Voraussetzung zur Erkenntnis zerstört – so hat man das größte Verbrechen an der Menschheit begangen. – Die Sünde, nochmals gesagt, diese Selbstschändungs-Form des Menschen par excellence, ist erfunden, um Wissenschaft, um Kultur, um jede Erhöhung und Vornehmheit des Menschen unmöglich zu machen; der Priester herrscht durch die Erfindung der Sünde. –“

In den orgonomischen Diskursen über Gen 3 schleicht sich aber nicht nur die patriarchale Dichotomie zwischen Natur und Geist ein, sondern auch die zwischen Freiheit und Eingebundensein. Der Mensch habe vor dem Essen der Frucht in Harmonie mit der Natur, mit „Gott“ gelebt, habe dann diesen engen Kontakt verloren und sei abgepanzert und auf sich selbst zurückgeworfen und in eine für ihn leere Welt hinausgetreten. Wir haben aber in Teil 1 schon festgestellt, daß es hier auch ganz entscheidend um den Wert der Autonomie geht. Also um den zentralen Punkt, auf den sich alle orgontherapeutischen Anstrengungen ausrichten. Am Ende bedarf der Patient

nunmehr der Stütze des Glaubens an einen allmächtigen Gott und der moralischen Hemmung nicht mehr. Er ist Herr im eigenen Haus und lernt, seinen sexuellen Haushalt selbst zu regulieren. Die Charakteranalyse [bzw. die Orgontherapie] (…) löst die Gottesbindung, die eine Fortsetzung der Vaterbindung ist. (Massenpsychologie des Faschismus, S. 170, Hervorhebungen hinzugefügt)

Was ist das anderes als vom Baum der Erkenntnis zu essen? Dem biblischen Verdikt des Vatergottes „Du gehörst mir!“ (Jes 43,1) wird das autonome „Ich bin Eigner meiner selbst!“ (Stirner) entgegengehalten.

Ganz in Übereinstimmung mit diesem Ansatz meinen denn auch Othmar Keel und Max Küchler in ihrem Genesis-Kommentar, mit der „Erkenntnis von Gut und Böse“, die mit dem Essen der Frucht verbunden ist, wäre ganz speziell das Erkennen (als Prozeß von der Erfahrung bis zur Beurteilung und Lenkung) von allem, was für den Menschen entweder nützlich („gut“) oder schädlich („böse“) ist, gemeint. „Erkenntnis von Gut und Böse“ bedeutet also so viel wie Autonomie (Synoptische Texte aus der Genesis, Fribourg 1971).

Der Mensch kann sie – wenigstens bis zu einem gewissen Grad – erlangen, aber um Gott zu sein, bedürfte er der entsprechenden Einsicht und Macht, sie sinnvoll zu betätigen. Da ihm diese aber fehlen, führt die Anmaßung von Autonomie zur Erfahrung seines Nacktseins (ebd.).

Orgonomisch ist dem natürlich entgegenzuhalten, daß die Autonomie (Kontakt mit dem eigenen Ich) untrennbar mit dem Kontakt zur Umwelt (Eingebundensein) verknüpft ist.

In Übereinstimmung mit Keel und Küchler gibt auch die Einheitsübersetzung Gen 3,5 interpretierend wie folgt wieder – als tatsächliches Protevangelium der gekreuzigten Schlange Christus:

Sobald ihr [vom Baum der Erkenntnis] eßt, werden euch die Augen aufgehen, und ihr werdet alles wissen, genau wie Gott. Dann werdet ihr euer Leben selbst in die Hand nehmen können.

Später erweist sich die Schlange wieder als gnostischer Gegenspieler des Schöpfergottes, wenn sie in der Gestalt des Jesus verkündet: „Ihr sollt so vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt 5,48 in der Lutherübersetzung).

Der Garten Eden (Teil 1)

26. Juli 2011

Der Apfel, den Eva Adam reicht, ist, der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth zufolge, das Liebessymbol, das die Liebesgöttin ihrem Heros überreicht, um ihm zum Vollzug der Heiligen Hochzeit aufzufordern. Gleichzeitig sei der Apfel aber auch ein Todessymbol, bzw. ein Sinnbild der Hoffnung auf die Wiedergeburt, das dem Heros „zur Zeit der Weizenernte“ (Gen 30,14) gereicht wird, nach der er in der Trockenzeit in die Unterwelt ziehen muß (Die Göttin und ihr Heros, München 1984). (Die patriarchalen Bearbeiter der Bibel haben daraus in Gen 30,14-17 eine total konfuse Geschichte zwischen Lea, Rahel, Ruben und Jakob gemacht.) Religionsgeschichtlich ist es nur folgerichtig, daß der „neue Adam“, Jesus, zum Passafest sterben mußte, mit dem man wahrscheinlich einst die Ernte feierte (vgl. Dtn 16,1).

Wenn sich Jahwe in 1 Sam 2,6f nicht nur anmaßt zu töten, sondern auch lebendig zu machen, in die Totenwelt zu verbannen und den betreffenden aus dem Tod wieder ins Leben zurückzurufen, darf man nicht vergessen, daß dies ursprünglich ein Geschehen zwischen der dreifaltigen Göttin und ihrem Heros war. Und interessanterweise findet sich die hier angegebene Stelle in einem Gebet der Hanna, der angeblichen Mutter Samuels. (Sie wird wohl eher die Königsmutter des „Erlösers“ Saul gewesen sein!)

Gelang dem Vatergott die Usurpation nicht sofort, nahm er sich die Göttin zur Gattin. Jahwe scheint einst so eine Gattin gehabt zu haben. Selbst der monotheistischste aller Götter, der vormalige Mondgott Allah, hatte seine Allat, die altarabische Sonnengöttin, bevor Mohammed ihn von seiner Frau befreite und unter dem Banner des Halbmondes die konsequenteste Ausformung des Patriarchats verbreitete. Und was Jahwe betrifft, spricht Andrew Greenley in seinem Buch über Maria davon, einige Erforscher der alten semitischen Religionen seien sich darüber einig, „daß die ‘Schehina’ (die Macht oder Herrlichkeit Jahwes) einmal die weibliche Gefährtin dieses wilden, kämpferischen Wüstengottes gewesen ist“ (Köln 1979).

In der seit dem 6. Jh.v.Chr. israelitischen Militärkolonie Elefantine, der südlichsten Stadt Ägyptens, wurde unter dem Namen Anat der personifizierte Jahwewille als seine Gattin sogar ganz offen verehrt. Anat ist natürlich die kanaanitische Liebes- und Kriegsgöttin. Dies entspricht dann fast genau der indischen „Schakti“.

Aber zurück in den Garten Eden: Sowohl die Evangelien als auch Gen 3 beschreiben die Entwicklung von der Kindheit (keine Scham, Unterdrückung durch die Oberen, Zerstörung der Autonomie, Nacktheit als Unterwerfung) bis zur Erwachsenheit (Scham, Rebellion, Erlangung der Autonomie, Schutz vor den Blicken) und die Strafe durch den (internalisierten) Vater (= Gott). Beide Erzählungen wirken wie psychoanalytische ödipale Dramen über die gnostische Befreiung des Menschen. Beide enthalten den Schlüssel für die Überwindung des Patriarchats.

In seinem Buch über Die Frauen in der Antike schreibt Ernst E. Vardiman über Gen 3 ganz im Sinne Reichs:

Der Eva-Mythos führt wie alle Mythen auf ein historisches dichterisch umgestaltetes Ereignis zurück und bedeutet den Untergang des Mutterrechts. Im Mutterrecht wird die Abstammung der Blutsverwandten nur von der weiblichen Linie hergeleitet, in der Genesis aber wird entgegen dem biologischen Gesetz das Urmännliche nicht von einer Frau, dagegen das Urweibliche aus dem Manne geboren. In der patriarchischen Revolution entspringt die Urfrau dem Manne wie Pallas Athene dem Kopf des Vatergottes Zeus. (Düsseldorf 1982)

Göttner-Abendroth sieht die Paradies-Geschichte am Anfang der Genesis als patriarchale Deformation einer ursprünglich weiblichen Matrix:

Die ursprünglichen Funktionen (Schlange bedeutet phallischer Eros, Eva ist die Liebesgöttin, Apfel ist das Liebes- und Todessymbol, Adam ist der Heros) werden ins Gegenteil pervertiert (Schlange ist der Teufel, Eva wird zum sündigen, irdischen Weib, Apfel bedeutet Versuchung, Adam ist der Mann und Herr). (Für die Musen, Frankfurt 1988)

Der Göttin Eva wurde alles geraubt und sie wurde dann noch für die Katastrophe verantwortlich gemacht, die die Welt beim Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat ereilte. Aus dem Himmel stürzte sie in die Hölle und zusammen mit ihrem Fall kehrten sich auch alle Werte um. Alles was vorher gut war galt nun als böse: der Sündenfall.

In seinem 1953 veröffentlichten Buch Christusmord gelingt es Reich nicht über verwirrende Fragen hinauszukommen, einfach weil er an den Text zu naiv herangeht und ihn wie eine Naturerscheinung als gegeben hinnimmt, ohne seine ideologische Funktion am Anfang der Bibel zu hinterfragen. Gen 3 beschreibt weniger, wie der Mensch in die Falle geraten ist, sondern es gehört vielmehr selbst zur ideologischen Untermauerung der Falle. Das gleiche wie bei Reich gilt für die Ausführungen Elsworth F. Bakers, die mehr um die Entwicklung der mentalen Funktion kreisen. Leider übernimmt Baker genauso wie Reich die Wertungen des Jahwisten. So bewertet auch Baker das Essen der Frucht vom Baum der Erkenntnis negativ. Zwar in einem anderen Sinne als es der Jahwist tut, nämlich als „Entwicklung eines Gewissens oder Über-Ich, was Verdrängung, Zivilisation und die Geburt der Religion heißt“, aber halt doch negativ (Der Mensch in der Falle, S. 70-72). Dem hingegen ist wohl eher das Gegenteil richtig, nämlich das Essen der Frucht als „positive“ Überwindung des Gewissens – „du sollst nicht vom Baum der Erkenntnis essen“.

Immerhin läßt sich Bakers Interpretation mit Dtn 1,39 (eine Stelle, die fast schon an die Aussagen Jesu über die Kinder gemahnt) rechtfertigen, wo davon die Rede ist, daß kleine Kinder nicht den Unterschied zwischen Gut und Böse kennen. Aber im Gesamtzusammenhang wird doch klar, daß hier auf die blinde Gefolgschaft und den Mangel an Autonomie bei patriarchalen Wunschkindern abgezielt wird.

Ein weiteres Manko der bisherigen orgonomischen Interpretation von Gen 3 ist die summarische Gleichsetzung von Nacktheit und Sexualität. Streng biblisch gesehen hat Nacktheit etwas mit Bloßstellen und der Demütigung des Feindes zu tun. Im alten Orient wurden Gefangene entblößt fortgeführt (Jes 20,4). Wenn sich also Adam und Eva vor dem Sündenfall ihrer Nacktheit nicht schämen, dann wohl, weil ihr Feind Jahwe noch nicht auf den Plan getreten ist. Umgekehrt kann man aber auch sagen, daß Adam und Eva an Autonomie gewinnen, wenn sie ihre Scham bedecken, so wie ja auch Kinder mit wachsendem Ich-Bewußtsein bemüht sind ihre Intimsphäre zu wahren.

Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen ist es schwer zu entscheiden, ob Sexualverneinung oder natürliche „funktionale“ Scham mitspielt, wenn z.B. Jahwe ängstlich darauf bedacht ist, nicht das Geschlecht seiner Priester zu sehen. Es ist nicht ohne unfreiwillige Komik wenn Jahwe sagt; „Baut mir keine hohen Altäre mit Stufen, damit der Priester nicht hinaufsteigen muß und dabei seine Scham entblößt“ (Ex 20,26). (Vielleicht liegt hier auch eine Erinnerung an den Vollzug der Heiligen Hochzeit auf den stufenförmigen Tempeltürmen Babylons vor.) Des weiteren verfügt Jahwe, für die Priester leinene Kniehosen anzufertigen, damit die Scham bedeckt ist, wenn sie in das Heilige Zelt gehen oder am Brandopferaltar Dienst tun (Ex 28,42).

Der umgekehrte Fall (nicht der Gottvater sieht die Scham des „Sohnes“, sondern der Sohn sieht die Scham des Vaters) liegt in Gen 9,22 vor, wo Ham Noahs Blöße sieht und dafür aus der Familiengemeinschaft ausgestoßen wird.

Man kann die ganze Sache mit der Nacktheit und der Scham im Garten Eden als Element eines ödipalen, inzestschwangeren Familienkonflikts betrachten. Vielleicht versteckt sich ja Adam mit seiner Gefährtin vor den Augen Jahwes, weil es die Augen eines männlichen Rivalen sind und Adam nach dem Genuß der Frucht vom Baum der Erkenntnis nun genau weiß, was hier gespielt wird (Walter Beltz: Gott und die Götter, Düsseldorf 1977, S. 93).

Die Bibel berichtet ja auch kaum verhüllt darüber, daß Gott mit der Neuen Eva, Maria, geschlafen und ein Kind gezeugt hat. Und wie jeder sexualängstliche patriarchale Mann steht auch Jahwe auf Jungfrauen. Dazu schrieb der christlich-lateinische Dichter und Bischof Fortunas Venantius im 6. Jahrhundert:

Wie selig ist die Jungfräulichkeit, die würdig befunden wurde, Gott ein Kind zu gebären. Die keuschen Jungfrauen sind Gottes Tempel schlechthin. Dort fühlt er sich heimisch. Mit großer Freude betritt er die Pfade, die von keinem anderen [Mann!] begangen wurden. Ihre Gliedmaßen sind sein Eigentum, unbesudelt und ungeteilt mit irgendeinem [anderen!] Mann. Voll Zuneigung küßt er ihre Brust. Nur in einem Haus mit Jungfrauen will er verweilen. Dort ist er König. (sic!)

Am Abend kam der patriarchale Mondgott (Gen 3,8) und fragt Adam: „Wo bist du?“ Immerhin eine erstaunliche Frage für einen allwissenden Gott. Offenbar hatte Adam Autonomie und Unabhängigkeit gewonnen, als er vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte. Er antwortete Gott: „Ich hörte dich kommen, da bekam ich Angst und versteckte mich, weil ich nackt bin!“ In der Genesis wird hierfür eine hebräische Vokabel benutzt, die sowohl „nackt“ als auch „klug“ bedeuten kann. In Gen 3,5 hatte die Schlange ja versprochen, daß Adam und Eva die Augen aufgehen und sie alles wissen würden.

Aus dieser Perspektive hat die Nacktheit dann auch tatsächlich eine erotische Konnotation, denn das in diesem Zusammenhang benutzte hebräische Wort „jeda“ kann sowohl Erkenntnis als auch Zeugen bedeuten (Vardiman). Und an derartiges muß auch die damalige jüdische Zuhörerschaft gedacht haben, als vor 3000 Jahren diese Paradiesgeschichte erzählt wurde. Man denke nur an Jes 57,5, wo Jesaja den „Götzendienern“ vorwirft, „unter jedem großen Baum zu Ehren der Götzen zu huren“.

Die matriarchalen Wurzeln des Christentums

8. Juli 2011

In Die Matriarchinnen Israels haben wir gesehen, wie zählebig das Matriarchat im alten Israel war. Selbst die beginnende jüdischer Orthodoxie konnte diese matriarchale Überlieferungskette nicht unterbrechen. Noch zur Zeit des Heiligen Hieronymus im 4 Jahrhundert n.Ch. versammelten sich in der Nähe von Betlehem (!) Frauen, um den blutigen Tod des Adonis zu beweinen, des Geliebten der Aphrodite. Adonis ist identisch mit Tammuz, dem „Liebling der Frauen“ (Dan 11,37). Der Hain von Betlehem, in dem die Felshöhle der Geburt Christi lag, war dem Adonis geweiht. Die Geburtshöhle entsprach nach alten Kulten dem gebärenden Mutterleib der großen Göttin.

Der ganze Wiedergeburtsmythos des Christentums ist zweifellos auf spätmatriarchale Ursprünge zurückzuführen, die es dem Christentum ermöglicht haben sich in den Randgebieten Saharasias problemlos einzunisten. Sei dies bei den Griechen mit ihren Mysterienkulten oder bei den Germanen, deren Siegfriedlegende sozusagen einen Übergang vom Christus des Fruchtbarkeitskultes (Überwindung der unfruchtbaren Jahreszeit) zum Christus aus Reichs Christusmord darstellt. Es würde sich lohnen, unter diesem Gesichtspunkt Richard Wagners Ring etwas genauer zu betrachten.

Die Ungewißheit um den Vater Jesu entspricht einem alten kultischen Muster des Orients: Gilgamesch, Sargon, etc. kannten alle ihren Vater nicht. Es war Tradition, daß junge Mädchen vor der Hochzeit als Tempelprostituierte im Ischtartempel dienen mußten. Ihr erstgeborener wurde als Kind Gottes betrachtet – daß gegebenenfalls geopfert (z.B. gekreuzigt), sozusagen zurückgegeben werden mußte. Der Psalm 22, den Jesus am Kreuz angestimmt hat, geht mit Sicherheit auf altorientalische Kultgesänge um die Himmelskönigin und ihren Fruchtbarkeitsheros zurück. Er wird nach der Melodie „Eine Hirschkuh am Morgen“ gespielt, was auf eine tiergestaltige Urmutter verweist.

Das Christentum steht in einer Kontinuität, die ständig geleugnet wird, obwohl erst diese „heidnische“ Kontinuität das Christentum, das gerne als hellenistisch-jüdischer Synkretismus denunziert wird, auf feste dogmatische Grundlagen stellt. Nehmen wir nur die Ankündigung der Christusgestalt bei Sacharja, „die Klage um den Durchbohrten“. In der Endzeit wird Gott die Bewohner Jerusalems mit Reue erfüllen, „weil sie meinen Beauftragten durchbohrt haben“ (vgl. Joh 19,37).

Sie werden um ihn trauern, wie man um den einzigen Sohn trauert, sie werden weinen und klagen wie um einen Erstgeborenen. Die Klage Jerusalems um ihn wird so groß sein wie die Klage um Hadad-Rimmon in der Ebene von Megiddo. (Sach 12,10f).

Dazu gibt die Einheitsübersetzung den Kommentar, Hadad-Rimmon sei der phönizische Gott der Vegetation (griechisch Adonis), „dessen ‘Sterben’ im Herbst rituell beweint (vgl. Ez 8,14) und dessen Auferstehung jedes Frühjahr gefeiert wird. Mit Megiddo verbunden ist auch der Tod des bedeutenden Königs Joschija, der noch spät in Klageliedern besungen wird (2 Chr 35,20-25).“ Hier fließen spätmatriarchaler Fruchtbarkeitskult vom sterbenden und auferstehenden Gott, altisraelitische Königsideologie und christlicher Mythos in eins. Der Menschensohn ist Adonis und Adonis ist Adonai und Adonai ist Jahwe – und Jahwe ist identisch mit dem Menschensohn Jesus.

Das Christentum ist demnach so etwas wie ein Urjudentum. Fast die gesamte Jesusliteratur leidet darunter, daß man vermeint ins rabbinische Judentum zurückzukehren, wenn man auf die Ursprünge Jesu zurückginge. Dabei vergißt man, daß neben dem Christentum nur rein zufällig eine weitere Tradition des Judentums den Fall des Tempels überlebt hat und daß das talmudische Rabbinertum nur eine Strömung von vielen im Judentum repräsentiert.

Ein heutiger Jude mag die Einzelheiten des Alten Testaments besser einordnen können als ein Christ, aber das übergreifende Verborgene des Textes versteht ein Christ sicherlich besser. Es ist tatsächlich der Schlüssel zu Jesus, aber nicht in dem Sinne, wie es uns von mit Schuldkomplexen beladene Theologen weismachen wollen.

Zum Beispiel wird von solchen Autoren, die aus Jesus einen pharisäischen Rabbiner (der sich nur mit seinen apokalyptischen Anwandlungen etwas von den anderen abhob) machen wollen, Jesus vollkommen unrabbinisches Verhalten gegenüber Frauen nie erwähnt. Wenn das Weib in der Gemeinde unmittelbar nach Jesu Tod wie im Judentum keine Rolle spielte, warum verlangt dann der judäische Ex-Pharisäer Paulus ausdrücklich, daß das Weib in der Gemeinde zu schweigen habe? (1 Kor 14,33f). Es war der einzige Judäer unter den ansonsten galiläischen Jüngern Jesu, der feindselig reagierte, als Frauen Jesus Liebe entgegenbrachten (Joh 12,1-8).


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