Mit ‘Hans-Georg Gadamer’ getaggte Artikel

Die Identitätsphilosophie und das Orgon (Teil 2)

30. März 2011

Parmenides’ Schüler Zenon begründete die Dialektik damit, daß er die Widersprüchlichkeit des Bewegungsbegriffes aufzeigte. Die Atomtheorie war ein Versuch, diese Widersprüche zu umgehen und Bewegung und Sein in Gestalt sich bewegender Seinspartikel (die Atome) miteinander zu versöhnen. Hegel ging das Problem weit radikaler an, indem er zwar zunächst einräumte, daß Zenon tatsächlich einen Widerspruch im „Begriff der Bewegung“ nachgewiesen hatte, „nur daß damit nichts gegen die Bewegung, sondern umgekehrt das Dasein des Widerspruchs erwiesen sei“. Die Tolerierung dieses Widerspruchs macht die Hegelsche Dialektik aus. Hans-Georg Gadamer führt dazu aus:

Am Phänomen der Bewegung wird die Selbstheit des Geistes ihrer gleichsam zum ersten Male und in unmittelbarer Anschaulichkeit gewiß, und zwar dadurch, daß der Versuch, Bewegung als etwas anzusprechen, was ist, zum Widerspruch führt. Was sich bewegt, dem kommt nicht in seinem Sinn das Prädikat, hier zu sein, zu und auch nicht, dort zu sein. Bewegung selber ist überhaupt kein Prädikat des bewegten, kein Zustand, in dem sich ein Seiendes befindet, sondern eine Seinsbestimmung höchst eigener Art: Die Bewegung ist „der Begriff der wahren Seele der Welt; wir sind gewohnt, sie als Prädikat, Zustand anzusehen (– weil unser Auffassen und Ansprechen als solches prädiziert und damit fixiert, H.G.G.), aber die ist in der Tat das Selbst, das Subjekt als Subjekt, das Bleiben eben des Verschwindens“ (Hegel). (Hegels Dialektik, Tübingen 1980)

Indem also der Geist sich mit der Bewegung befaßt, wird ihm gegenwärtig, daß er eben diese Bewegung ist – die Einheit von Metaphysik und Logik.

So hatte Hegel alles Sein, auch das der Lukrezschen Atome und der Brunoschen Monaden, mit der „Bewegung als wahrer Seele der Welt“ überwunden. Aber diese Abkehr von allen Resten des Parmenidischen Denkens verfing sich auf einer viel tieferen Ebene ins Sein, indem es die „Metaphysik“ an die Gesetze des Denkens band. Was es damit auf sich hat, zeigt Jacob Meyerowitz in seiner orgonometrischen Analyse der Hegelschen Dialektik (Before the Beginning of Time, Easton, PA 1994):

Meyerowitz:

Das Konzept Synthese ist ein Ausdruck nach der Tätigkeit (post-action expression) – ein Ausdruck, der als eine vergangene, strukturalisierte Abstraktion funktioniert, der nach ← dem CFP schaut, was das „Umgekehrte“ der Richtung → der Entwicklung ist.

Hegel meint also der „Bewegung“ gerecht zu werden, stellt sich aber der natürlichen Entwicklungsrichtung ihrer Entfaltung entgegen. (Daran haben auch die „materialistischen“ Nachfolger Hegels nichts geändert!) So verfing sich ein hoffnungsvoller Ansatz, endlich zu einer funktionellen Naturbetrachtung durchzudringen, in den „ungebändigten spekulativen, metaphysischen Extravaganzen“ (Leon Wurmser) von Hegel. Erst Reich gelang es, unser Denken der Entwicklungsrichtung, in der sich die natürlichen Funktionen entfalten, anzupassen.

Es bleibt jedoch Hegels Verdienst Metaphysik und Logik miteinander verbunden zu haben und auf mystisch verzerrte Weise bis zur Orgonenergie und ihrer Identität mit „orgastischem Funktionieren“ vorgedrungen zu sein. Für Hegel ist der Geist

der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist, und weil jedes, indem es sich absondert, ebenso unmittelbar sich auflöst – ist er ebenso die durchsichtige und einfache Ruhe. (Phänomenologie des Geistes, z.n. Walter Kaufmann: Nietzsche, Darmstadt 1988, S. 279)

Dies ist das „Bleiben des Vergehens“, von dem Hegel spricht, wobei er eine Ahnung gibt von jener primordialen Ebene, in der die Orgasmustheorie ihre tiefste orgonotische Funktionsverankerung findet. Nietzsche hat etwas ganz ähnliches erschlossen und vertreten. Die Übereinstimmung mit der Hegelschen Philosophie ist wirklich verblüffend, wobei Nietzsches Philosophie nicht eine der Ideen und Gedanken ist, sondern eine Lebensphilosophie. Reich schließlich vertrat die Lebensforschung.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, wie Hegel zum konkreten Orgon stand, das damals mit dem Begriff des materiellen „Äthers“ abgedeckt wurde, und wie zur Erforschung dieses Äthers. Tatsächlich schien ihm schon damals so etwas wie die Reichsche Orgonomie vorzuschweben. Hegel verstand unter „Äther“ den ersten Schritt im Prozeß der Realisierung des „absoluten Geistes“, der sich nun als „materialisiertes Absolutes“ in der nichtmetaphysischen Wirklichkeit ausdrückt und in dieser Entfaltung von der Naturphilosophie verfolgt wird.

Bereits das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus, welches wechselweise Hegel, Hölderlin und Schelling zugeschrieben wird, träumt von einer Physik der Zukunft, die diese Entfaltung fassen kann:

Ich möchte unserer langsamen an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben. So – wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung, die Data gibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern erwarte.

Diese physikalischen Anwandlungen der idealistischen Philosophen finden ihre spiegelverkehrte Entsprechung bei den neueren Physikern, wenn z.B. Max Planck schreibt: „Die Findung der Wahrheit ist nur noch durch den Sprung in das Reich der Metaphysik gesichert.“ Einstein: „Zu den elementaren Gesetzen führt kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition.“ Carl Friedrich von Weizsäcker:

Die großen Fortschritte der Wissenschaft geschehen nicht, indem man ängstlich am Beweisbaren klebt. Sie geschehen durch kühne Behauptungen, die den Weg zu ihrer eigenen Bestätigung oder Widerlegung selbst erst öffnen.

Selbstverständlich sollte sich die Orgonphysik tunlichst jeder naturphilosophischen Spekulation enthalten, der Reich explizit abhold war, andererseits ist die empiristische Verödung eine reale Gefahr für sie. Dabei sollte es zu denken geben, daß die Empirie (z.B. die Messung von To-T am ORAC) und die Theorie (z.B. die obigen Überlegungen über die Hegelsche Dialektik) ein und dieselbe Bezeichnung von Reich erhielten: Orgonometrie. Orgonometrie ist auf der einen Seite die „substantielle“ quantitative, auf der anderen die „funktionale“ formale Erforschung der Orgonenergie. Außerdem hat der Orgonomische Funktionalismus unleugbar auch philosophische Elemente, obwohl Reich genausowenig Philosoph war wie Goethe. Und schließlich haben Philosophen wie Schelling und Nietzsche (der Anfang der 1880er Jahre noch ernsthaft mit einem Chemiestudium anfangen wollte) Philosophie sozusagen aus Verlegenheit betrieben, weil die Naturwissenschaft noch nicht bis zur Orgonomie entwickelt war. In diesem Sinne ist die Orgonomie nicht nur das Ende, sondern auch die Erfüllung aller Philosophie.

Immerhin lagen schon erste tastende Versuche in einer neuen Physik, wie sie das Älteste Systemprogramm verlangte, bei Goethes naturwissenschaftlichen Bemühungen vor. Wobei die ganze deutsche Klassik von jener Brunoschen „Identitätsphilosophie“ durchdrungen war, die schließlich im Orgonomischen Funktionalismus auslaufen sollte. Gemeint ist das Erbe von Renaissance, Scholastik und Antike das hinab reicht bis auf Heraklit, dessen Philosophie man dahin zusammenfassen kann, daß sich aus der Ur-Energie ständig die Vielheit nach dem Gesetz von der Einheit der Gegensätze entfaltet, wobei sich alle Entwicklung aus dem Widerstreit gegensätzlicher Kräfte ergibt.

Das funktionelle Denken vor Reich, das man an den Ecknamen Heraklit, Bruno und Hegel festmachen kann, läßt sich durch die Begriffe Ganzheit, Widerspruch, „triadisches Denken“, dynamische Sichtweise und insbesondere am „principium coincidentiae oppositorum“ festmachen, das durch Bruno an Spinoza, Goethe, Schelling und die gesamte deutsche Klassik weitergegeben wurde. Das Prinzip von der Einheit der Gegensätze wirkte insbesondere auf den von Goethe hochgeschätzten Johann Georg Hamann und seine Auseinandersetzung mit Kant ein. In einem Brief an Herder erachtete Hamann Brunos Principium sogar als philosophisch wertvoller als die ganze Kantsche Vernunftkritik.

Marx und die Orgonbiophysik (Teil 2)

23. Dezember 2010

Marx’ Arbeitsbegriff ist geradezu auf die Zerstörung der Biologie gerichtet. Für Hegel bedeutet Arbeit den Vollzug der Negation der Negation der Idee, d.h. die Konstituierung des nun nicht mehr nur subjektiven, sondern absoluten Geistes durch die Aufhebung seiner Negation: der objektiven Natur. Es entspringt einer primitiven Marxistischen Fehlinterpretation der Hegelschen Philosophie, wenn man dies ausschließlich als Arbeit der Gedanken faßt, sondern es ist durchaus auch materielle Arbeit gemeint, wenn auch „die Erfahrung, die das Bewußtsein hier macht, (…) die von der Geistigkeit aller Handarbeit“ ist (Hans-Georg Gadamer: Hegels Dialektik, Tübingen 1980).

Obwohl bei Hegel der Mensch durch seine Tätigkeit die Natur „negiert“, wird das immerhin durch Hegels Monismus abgeschwächt, demzufolge die Natur letztendlich „entäußerter Geist“ ist. Bei Marx, der Hegel angeblich vom Kopf auf die Füße gestellt hat, fehlt diese untergründige Einheit von Mensch und Natur vollständig. Was bleibt, ist der vollkommen entwurzelte Mensch als Zerstörer der Natur. So betrachtet wirkt der Marxismus wie der sado-masochistische Alptraum eines restlos entfremdeten Nihilisten.

Für Bernd Guggenberg (Weltflucht und Geschichtsgläubigkeit, Mainz 1974) unterscheiden sich die Dialektiken von Hegel und Marx darin, daß bei Hegel dem Willen zur Synthese die Lösung unmittelbar vorliegt, während bei Marx sich der antithetische Wille „erst ihre Möglichkeit und Bedingung erkämpfen (muß), indem er sich dem Universum des Bestehenden entgegengestellt.“ (Man denke in diesem Zusammenhang an Reichs „Funktionalismus“ – der so vollkommen anders als Marx‘ zerstörerische Dialektik geartet ist!) Selbst, bzw. gerade, das angeblich „humanistische“ Aufbegehren gegen den angeblich „unmenschlichen“ Kapitalismus gehört hierher, denn für Marx ist der ausbeuterische Kapitalismus „Natur“, nichts als Natur. Für ihn ist die (im Kapitalismus kulminierende) Natur der Feind, der revolutionär überwunden werden muß. Oder anders (und geistesgeschichtlich korrekt) formuliert: für Marx sind Arbeit und Zerstörung Synonyme. Marxismus ist Emotionelle Pest in Reinform.

Die Arbeit ist bei Marx nicht nur antibiologisch und zerstörerisch angelegt, sie wird auch abgewertet auf das Niveau reiner Maschinentätigkeit. Ausgerechnet diesen Aspekt nimmt Reich jedoch in Schutz, wenn er 1945 schreibt:

Ich hatte eine hohe Meinung von Karl Marx als einem Wirtschaftstheoretiker des 19. Jahrhunderts. Heute jedoch betrachte ich seine Theorie als weit überholt durch die Entdeckung der kosmischen Lebensenergie. Ich glaube, daß von der Marxschen Theorie nur der lebendige Charakter der menschlichen Produktivkraft bestehen bleiben wird. (Menschen im Staat, S. 20).

Damit meint Reich die Marxsche Arbeits- und Mehrwerttheorie, wie er sie auf den Seiten 65 bis 69 in Menschen im Staat referiert:

    Arbeitswerttheorie:

  1. Der Wert einer Ware wird bestimmt durch die menschliche Arbeitskraft, die in ihr verausgabt wurde.
  2. Diese wird in durchschnittlicher gesellschaftlicher Arbeitszeit gemessen.
  3. Mehrwerttheorie:

  4. Tauschwert und Gebrauchswert sind bei allen toten Waren identisch, während der Gebrauchswert der lebendigen „Ware Arbeitskraft“ höher ist als ihr Tauschwert.
  5. Die in durchschnittlicher gesellschaftlicher Arbeitszeit gemessene Differenz fällt dem Kapitalisten zu, der dergestalt das Lebendige aussaugt.

Hegel hatte seine dialektische Methode entwickelt, um das starre, atomistische, mechanistische Denken zu überwinden und um die Welt als Komplex, als Ganzheit erfassen zu können. Und wie fängt der famose „Dialektiker“ Marx sein Kapital an? Mit folgendem Satz:

Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine „ungeheure Warensammlung“ (Marx 1859), die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.

Von hier aus versucht er dann baukastenartig sein System aufzubauen, was ihm natürlich nicht gelingen konnte. So ist sein Buch zwangsläufig ein unvollendetes Werk geblieben, das erst dann vollendet werden kann, wenn man die Gesellschaft so primitiv reorganisiert hat, daß sie in Marxschen Begriffen faßbar wird.

Es ist einer der Grundfehler der Mechanisten, gegen den Hegel angegangen ist, daß sie glauben, man könne einen Komplex verstehen, wenn man seine atomistische „Elementarform“ untersucht. Deshalb stand Marx in einer fundamental anderen Denktradition als Reich, nämlich in der der „Geometrisierung des Menschen“, vor der bereits LaMettrie zu Hochzeiten der sogenannten „Aufklärung“ gewarnt hatte (Ursula Pia Jauch: Jenseits der Maschine, München: Hanser, 1998). Diese Linie läßt sich bis zu Henri Bergson führen, dessen Philosophie maßgebenden Einfluß auf den jungen Reich hatte. Bergson wandte sich gegen die mechanistische „Vermessung“ des Menschen, gegen seine Einengung zur Maschine, gegen das, was man als „Entqualifizierung“ bezeichnen könnte. Für den Mechanisten zählt z.B. nur noch die Zeitspanne (Quantität), in der man eine Arbeit verrichtet und nicht mehr, wie man sie verrichtet (Qualität).

Wenn Reich also speziell auf den lebendigen Charakter der Arbeit abhebt, kann er sich nicht auf Marx‘ Arbeitswertlehre berufen, denn wie kann man sinnvoll von lebendiger menschentierlicher Arbeit sprechen, wenn man die Arbeit maschinenhaft auf die reine Quantität der verflossenen Zeit reduziert – wenn man nur von „abstrakter Arbeit“ spricht, wie es Marx mechanisierend und vermeintlich „verwissenschaftlichend“ explizit tut?! Dieses Kernstück der Marxistischen Ökonomie, die Mechanisierung, Quantifizierung, „Geometrisierung“ des Menschen, ist unvereinbar mit dem „Bergsonianismus“ Reichs!

Deshalb irrte sich Reich auch, als er schrieb:

Man wundert sich immer wieder über das sklavische Festhalten des Menschen an Schlagworte, wenn er etwas Neuem gegenübersteht. Zum Beispiel wird Wilhelm Reich als „Marxist“ bezeichnet, trotz seiner diversen veröffentlichten Stellungnahmen. (…) Wenn Wilhelm Reich ein „Marxist“ ist, ist er auch ein „Bergsonianer“. (N.N.: „The Position of Sex-Economy, A Clarification“,International Journal of Sex-economy and Orgone Research, Vol. 4, S. 213)

Das eine schließt das andere aus!

Wenn Reich in seinem Artikel über die Marxsche Arbeitswerttheorie Arbeit und Sexualität als oszillierende Funktionen nebeneinander stellt und beide auf die biologische Energie zurückführt (Menschen im Staat, S. 82), wird dies besonders deutlich. Man versuche nur den folgenden Satz von Marx auf die Sexualität zu übertragen:

Komplizierte Arbeit gilt nur als potenzierte, oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit, so daß ein kleines Quantum komplizierter Arbeit gleich einem größeren Quantum einfacher Arbeit.

Was ist das anderes als der lebenstötende mechanistische Ansatz von Sexualforschern wie etwa Masters und Johnson, wenn diese etwa den menschlichen Orgasmus zu erfassen versuchen?!


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