Wörtlich bedeutet Matriarchat „Herrschaft der Mütter“. Der Standardeinwand gegen die Existenz eines historischen Matriarchats ist nun, daß eine solche Herrschaft nicht allgemein belegbar sei und fast immer die Männer, immer die Könige im Vordergrund standen. Es läßt sich jedoch nachweisen, daß überall hinter diesen im Vordergrund stehenden Männern Frauen wirkten, die den Männern die Macht entlehnten, so daß die Männer nur sozusagen Exekutivorgan einer weiblichen Legislative waren, unter deren Würde es war, sich auf die Ebene der Politik hinabzubegeben und z.B. in der Neuzeit „Weiße“ zu empfangen: so daß diesen der betreffende Stamm als patriarchal organisiert erscheinen mußte.
Auf diese Weise kann man das Gottkönigtum matriarchal interpretieren: Der König war Vertreter der Himmelskönigin und gewann dadurch selbst göttlichen Status; so wie der Mond sein Licht von der Sonne erhält und dabei zur Sonne der Nacht wird, wurden die Könige zu irdischen Göttern, zu Verkörperungen von mythischen Menschensöhnen der Himmelskönigin: Osiris, Marduk, Tammuz, Adonis, Baal, Dionysos, etc.: „Dein Gott ist König“ (Jes 52,7).
Deshalb kann ich auch James DeMeos ausweichenden Begriffen „patristisch“ und „matristisch“ wenig abgewinnen. Es besteht kein Anlaß aufgrund einer oberflächlich männlich dominierten Welt auf die Postulierung eines allgemeingültigen Matriarchats zu verzichten. Zumal man mit Reich einräumen muß, daß, „wo immer Mutterrecht in Vaterrecht überging, es langer Zeiträume der Überleitung aller ökonomischen und sozialen Institutionen und Gebräuche bedurfte“ (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral). „Graue“ Übergänge können aber nie Grundlage einer Klassifikation sein.
Es läßt sich die Problematik des Matriarchats im alten Israel besonders gut an der „Gebira“, der Königsmutter zeigen. Die Gebira konnte Tochter, Ehefrau, Mutter oder Großmutter des herrschenden Königs sein, bis nach ihrem Tod (bzw. noch zu ihren Lebzeiten, für die Heilige Hochzeit) eine neue Gebira eingesetzt wurde.
Hanna scheint eine solche Gebira gewesen zu sein. Hanna war ursprünglich Priesterin in Silo. Sie war nicht Mutter von Samuel, sondern von Saul, d.h. „dem Erbetenen“ (vgl. 1 Sam 1,20). Die Geschichte seiner himmlischen Empfängnis diente nicht ohne Grund zur Vorlage der entsprechenden Empfängnis Christi durch den Heiligen Geist. Saul war (über Hanna) der Christus, der Gesalbte der Rahel (vgl. 1 Sam 10,1f), so wie Christus der Gesalbte der Frauen war (Mk 14,3-9). Bezeichnenderweise wird im Koran (z.B. Sure 5) Jesus nicht als „Sohn Gottes“, sondern als „Sohn der Maria“ bezeichnet. In Mk 6,3 wird er nicht wie damals (und noch heute in Israel) üblich als Sohn seines Vaters, sondern für damalige Verhältnisse ungeheuerlicherweise als Sohn Marias bezeichnet.
Mit Sicherheit betrachtete sich Jesus als „Sohn der Schechina“ (der „weiblichen“ Herrlichkeit Gottes): die Wolke, aus der die Stimme kam (Mk 9,7). Im Hebräerevangelium spricht Jesus von „meiner Mutter, dem Heiligen Geist“! Wenn an der betreffenden Stelle im Neuen Testament der Psalmenvers (Ps 2,7) paraphrasiert wird: „Gott sprach zu mir: ‘Du bist mein Sohn, ich habe dich heute geboren’“ (Übersetzung von Weiler), verweist dies doch nun wirklich auf die Mutter, denn welcher Vater „gebiert“! Gegenüber Nikodemus spricht Jesus ja auch vom „aus dem Geist geboren sein“ (Joh 3,3-8). Die Taube, als die der Heilige Geist herabkommt, war Symbol der Ischtar. Mit Jes 61,1f verkündet Jesus in Lk 4,18, der Geist sei über ihm, er unter ihm, bzw. unter ihr. Jesus reitet in Jerusalem unter der Prophezeiung ein: „Saget der Tochter (will heißen Mutter) Zion: Siehe, dein König (will heißen Sohn) kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel“ (Sach 9,9). In Gal 4,26 ist von „Jerusalem, unserer Mutter“ die Rede. Man siehe auch die Klagen über die „Herrin“ Jerusalem, deren Liebhaber sie jetzt verschmähen in Klgl 1f.
Die Göttin gewährt Zuflucht und Schutz unter ihren Flügeln (Ps 17,8; 57,2; 61,5; 63,8) „Die Frau wird den Mann umgeben“ (Jer 31,22). Der Mann in der Frau: unter dem Himmelszelt als Mensch, im Himmelszelt als Gestirnsgott (Himmelskönigin); der Mann in der Welt (Felsenhöhlen – Erdgöttin): die Einordnung des Menschen in die Natur. So ist auch die Taufe zu verstehen, die auf matriarchale Initiationsriten zurückgeht, wo der Mann ins Weibliche eintaucht und wiedergeboren wird.
Mit Sicherheit war David (1004-965) nicht Sohn Gottes (2 Sam 7,14), sondern Sohn der Himmelskönigin, was dann natürlich das Christentum in seinen Grundlagen verändert. Der Usurpator David legitimiert seine Macht quasi matriarchal, weniger durch seine militärischen Erfolge (die Bibel hat auch andere Beispiele für Räuberhauptmänner, die Könige wurden, z.B. Reson von Syrien, 1 Kön 11,23-25), sondern erst durch die so möglich gemachten Heiraten mit Königinnen und Töchtern aus den Herrschaftshäusern der eroberten Gebiete, die ihm als Königsmütter die Macht verleihen. Mit nur zwei Ausnahmen werden alle Namen der späteren judäisch-davidischen Könige aus dem Hause Davids zusammen mit ihren „Königsmüttern“ überliefert.
Der Name Ahinoam taucht in der Bibel zweimal auf: zuerst bei der Frau Sauls (1 Sam 14,50), dann bei der Frau seines Nachfolgers David (1 Sam 25,43). Davids Sohn Abschalom wiederum „besteigt“ den Thron des Vaters, indem er mit dessen Frauen öffentlich die Heilige Hochzeit ausführt (2 Sam 16,22), wie David in 2 Sam 12,11f prophezeit wurde. Davids Sohn Adonija wird von seiner Mutter Haggith zum König von Hebron geweiht (1 Kön 1,9-11). Sie ist die christliche „Jungfrau Maria“, die den Gesalbten, den Messias gebiert (Jes 7,14). Auf Davids Sohn Salomo (965-926) bezieht sich der Satz: „Ihr Frauen von Zion, kommt her, den König zu sehen und die Krone, mit der seine Mutter ihn schmückte“ (Hld 3,11). Salomo verehrte 1 Kön 11,5-7 zufolge die Göttin Astarte und „andere Götzen“.
Die politische Macht mag ziemlich früh in die Hand der Männer übergegangen sein, doch die konservativen matriarchalen Denkformen blieben sehr lange bestehen, da sie z.B. in der Sprache fast unlöschbar gespeichert waren. Es werden in Israel nicht viel andere Zustände geherrscht haben als in Ägypten, über das Ernst E. Vardiman schreibt:
Das konservative, traditionsgebundene und ohne Zweifel auch streng gesetzestreue Nilvolk lebte nach uralten religiösen Regeln, von denen sich viele noch aus matriarchalischer Zeit erhalten haben. (Die Frau in der Antike, Düsseldorf 1982)
Während offiziell der Sonnengott Re, der höchste Gott gewesen sei, galt die Volksverehrung in erster Linie der Isis. Nach Vardiman besaß die Frau in Ägypten seit alters her „eine viel höhere Wertschätzung als in allen anderen Teilen der antiken Welt“. Einmalig für die antike Welt war die Gleichberechtigung so gut wie garantiert – der Islam hat dem ein radikales Ende gesetzt. Von den toleranten Ägyptern hatten in der Zeit nach Alexander die Griechen eine gewisse Anerkennung der Rechtsfähigkeit der Frau übernommen.
Auch in Ägypten gab es die Gebira. Verhältnisse, die Immanuel Velikovsky wie folgt darstellt:
Beim Fehlen eines legitimen Erben – dem ältesten Sohn der Hauptkönigin – suchte sich der Prätendent durch die Heirat mit einem Mitglied des Königshauses zu legitimieren: entweder mit der Hauptkönigin selbst oder mit einer Prinzessin in direkter Abstammung vom letzten rechtmäßigen Pharao. (Ramses II. und seine Zeit, Frankfurt 1983, S. 242)
Auch der legitime Erbe heiratete bei den Pharaonen die Tochter des Pharao – also seine eigene Schwester. Im Hohelied ist nicht nur von der Krönung Salomos durch die Gebira, sondern auch ständig von „meiner Schwester“ die Rede, was auf den Brauch der königlichen Geschwisterehe verweist. Es ist nun die Frage, ob die Geschwisterehe üblich war, weil dies das Verhältnis von Himmelskönigin und ihrem inzestuösen Bruder/Sohngeliebten widerspiegelt, wie so viele „feministische“ Forscherinnen behaupten, oder nicht vielmehr umgekehrt der patriarchale Inzest in den matriarchalen Himmel versetzt wird! Man denke daran, wie der Davidsohn Amnon seine Schwester Tamar vergewaltigt hat (2 Sam 13). Starb die Königin, schlief der Vater mit seiner Tochter in der Heiligen Hochzeit. Die ganze Royalty beruhte von jeher auf Inzucht, was man noch heute an den degenerierten und von der Bluterkrankheit heimgesuchten Adelshäusern sehen kann.



