Mit ‘Hanna’ getaggte Artikel

Königinmutter und das Matriarchat (Teil 1)

10. Dezember 2011

Wörtlich bedeutet Matriarchat „Herrschaft der Mütter“. Der Standardeinwand gegen die Existenz eines historischen Matriarchats ist nun, daß eine solche Herrschaft nicht allgemein belegbar sei und fast immer die Männer, immer die Könige im Vordergrund standen. Es läßt sich jedoch nachweisen, daß überall hinter diesen im Vordergrund stehenden Männern Frauen wirkten, die den Männern die Macht entlehnten, so daß die Männer nur sozusagen Exekutivorgan einer weiblichen Legislative waren, unter deren Würde es war, sich auf die Ebene der Politik hinabzubegeben und z.B. in der Neuzeit „Weiße“ zu empfangen: so daß diesen der betreffende Stamm als patriarchal organisiert erscheinen mußte.

Auf diese Weise kann man das Gottkönigtum matriarchal interpretieren: Der König war Vertreter der Himmelskönigin und gewann dadurch selbst göttlichen Status; so wie der Mond sein Licht von der Sonne erhält und dabei zur Sonne der Nacht wird, wurden die Könige zu irdischen Göttern, zu Verkörperungen von mythischen Menschensöhnen der Himmelskönigin: Osiris, Marduk, Tammuz, Adonis, Baal, Dionysos, etc.: „Dein Gott ist König“ (Jes 52,7).

Deshalb kann ich auch James DeMeos ausweichenden Begriffen „patristisch“ und „matristisch“ wenig abgewinnen. Es besteht kein Anlaß aufgrund einer oberflächlich männlich dominierten Welt auf die Postulierung eines allgemeingültigen Matriarchats zu verzichten. Zumal man mit Reich einräumen muß, daß, „wo immer Mutterrecht in Vaterrecht überging, es langer Zeiträume der Überleitung aller ökonomischen und sozialen Institutionen und Gebräuche bedurfte“ (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral). „Graue“ Übergänge können aber nie Grundlage einer Klassifikation sein.

Es läßt sich die Problematik des Matriarchats im alten Israel besonders gut an der „Gebira“, der Königsmutter zeigen. Die Gebira konnte Tochter, Ehefrau, Mutter oder Großmutter des herrschenden Königs sein, bis nach ihrem Tod (bzw. noch zu ihren Lebzeiten, für die Heilige Hochzeit) eine neue Gebira eingesetzt wurde.

Hanna scheint eine solche Gebira gewesen zu sein. Hanna war ursprünglich Priesterin in Silo. Sie war nicht Mutter von Samuel, sondern von Saul, d.h. „dem Erbetenen“ (vgl. 1 Sam 1,20). Die Geschichte seiner himmlischen Empfängnis diente nicht ohne Grund zur Vorlage der entsprechenden Empfängnis Christi durch den Heiligen Geist. Saul war (über Hanna) der Christus, der Gesalbte der Rahel (vgl. 1 Sam 10,1f), so wie Christus der Gesalbte der Frauen war (Mk 14,3-9). Bezeichnenderweise wird im Koran (z.B. Sure 5) Jesus nicht als „Sohn Gottes“, sondern als „Sohn der Maria“ bezeichnet. In Mk 6,3 wird er nicht wie damals (und noch heute in Israel) üblich als Sohn seines Vaters, sondern für damalige Verhältnisse ungeheuerlicherweise als Sohn Marias bezeichnet.

Mit Sicherheit betrachtete sich Jesus als „Sohn der Schechina“ (der „weiblichen“ Herrlichkeit Gottes): die Wolke, aus der die Stimme kam (Mk 9,7). Im Hebräerevangelium spricht Jesus von „meiner Mutter, dem Heiligen Geist“! Wenn an der betreffenden Stelle im Neuen Testament der Psalmenvers (Ps 2,7) paraphrasiert wird: „Gott sprach zu mir: ‘Du bist mein Sohn, ich habe dich heute geboren’“ (Übersetzung von Weiler), verweist dies doch nun wirklich auf die Mutter, denn welcher Vater „gebiert“! Gegenüber Nikodemus spricht Jesus ja auch vom „aus dem Geist geboren sein“ (Joh 3,3-8). Die Taube, als die der Heilige Geist herabkommt, war Symbol der Ischtar. Mit Jes 61,1f verkündet Jesus in Lk 4,18, der Geist sei über ihm, er unter ihm, bzw. unter ihr. Jesus reitet in Jerusalem unter der Prophezeiung ein: „Saget der Tochter (will heißen Mutter) Zion: Siehe, dein König (will heißen Sohn) kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel“ (Sach 9,9). In Gal 4,26 ist von „Jerusalem, unserer Mutter“ die Rede. Man siehe auch die Klagen über die „Herrin“ Jerusalem, deren Liebhaber sie jetzt verschmähen in Klgl 1f.

Die Göttin gewährt Zuflucht und Schutz unter ihren Flügeln (Ps 17,8; 57,2; 61,5; 63,8) „Die Frau wird den Mann umgeben“ (Jer 31,22). Der Mann in der Frau: unter dem Himmelszelt als Mensch, im Himmelszelt als Gestirnsgott (Himmelskönigin); der Mann in der Welt (Felsenhöhlen – Erdgöttin): die Einordnung des Menschen in die Natur. So ist auch die Taufe zu verstehen, die auf matriarchale Initiationsriten zurückgeht, wo der Mann ins Weibliche eintaucht und wiedergeboren wird.

Mit Sicherheit war David (1004-965) nicht Sohn Gottes (2 Sam 7,14), sondern Sohn der Himmelskönigin, was dann natürlich das Christentum in seinen Grundlagen verändert. Der Usurpator David legitimiert seine Macht quasi matriarchal, weniger durch seine militärischen Erfolge (die Bibel hat auch andere Beispiele für Räuberhauptmänner, die Könige wurden, z.B. Reson von Syrien, 1 Kön 11,23-25), sondern erst durch die so möglich gemachten Heiraten mit Königinnen und Töchtern aus den Herrschaftshäusern der eroberten Gebiete, die ihm als Königsmütter die Macht verleihen. Mit nur zwei Ausnahmen werden alle Namen der späteren judäisch-davidischen Könige aus dem Hause Davids zusammen mit ihren „Königsmüttern“ überliefert.

Der Name Ahinoam taucht in der Bibel zweimal auf: zuerst bei der Frau Sauls (1 Sam 14,50), dann bei der Frau seines Nachfolgers David (1 Sam 25,43). Davids Sohn Abschalom wiederum „besteigt“ den Thron des Vaters, indem er mit dessen Frauen öffentlich die Heilige Hochzeit ausführt (2 Sam 16,22), wie David in 2 Sam 12,11f prophezeit wurde. Davids Sohn Adonija wird von seiner Mutter Haggith zum König von Hebron geweiht (1 Kön 1,9-11). Sie ist die christliche „Jungfrau Maria“, die den Gesalbten, den Messias gebiert (Jes 7,14). Auf Davids Sohn Salomo (965-926) bezieht sich der Satz: „Ihr Frauen von Zion, kommt her, den König zu sehen und die Krone, mit der seine Mutter ihn schmückte“ (Hld 3,11). Salomo verehrte 1 Kön 11,5-7 zufolge die Göttin Astarte und „andere Götzen“.

Die politische Macht mag ziemlich früh in die Hand der Männer übergegangen sein, doch die konservativen matriarchalen Denkformen blieben sehr lange bestehen, da sie z.B. in der Sprache fast unlöschbar gespeichert waren. Es werden in Israel nicht viel andere Zustände geherrscht haben als in Ägypten, über das Ernst E. Vardiman schreibt:

Das konservative, traditionsgebundene und ohne Zweifel auch streng gesetzestreue Nilvolk lebte nach uralten religiösen Regeln, von denen sich viele noch aus matriarchalischer Zeit erhalten haben. (Die Frau in der Antike, Düsseldorf 1982)

Während offiziell der Sonnengott Re, der höchste Gott gewesen sei, galt die Volksverehrung in erster Linie der Isis. Nach Vardiman besaß die Frau in Ägypten seit alters her „eine viel höhere Wertschätzung als in allen anderen Teilen der antiken Welt“. Einmalig für die antike Welt war die Gleichberechtigung so gut wie garantiert – der Islam hat dem ein radikales Ende gesetzt. Von den toleranten Ägyptern hatten in der Zeit nach Alexander die Griechen eine gewisse Anerkennung der Rechtsfähigkeit der Frau übernommen.

Auch in Ägypten gab es die Gebira. Verhältnisse, die Immanuel Velikovsky wie folgt darstellt:

Beim Fehlen eines legitimen Erben – dem ältesten Sohn der Hauptkönigin – suchte sich der Prätendent durch die Heirat mit einem Mitglied des Königshauses zu legitimieren: entweder mit der Hauptkönigin selbst oder mit einer Prinzessin in direkter Abstammung vom letzten rechtmäßigen Pharao. (Ramses II. und seine Zeit, Frankfurt 1983, S. 242)

Auch der legitime Erbe heiratete bei den Pharaonen die Tochter des Pharao – also seine eigene Schwester. Im Hohelied ist nicht nur von der Krönung Salomos durch die Gebira, sondern auch ständig von „meiner Schwester“ die Rede, was auf den Brauch der königlichen Geschwisterehe verweist. Es ist nun die Frage, ob die Geschwisterehe üblich war, weil dies das Verhältnis von Himmelskönigin und ihrem inzestuösen Bruder/Sohngeliebten widerspiegelt, wie so viele „feministische“ Forscherinnen behaupten, oder nicht vielmehr umgekehrt der patriarchale Inzest in den matriarchalen Himmel versetzt wird! Man denke daran, wie der Davidsohn Amnon seine Schwester Tamar vergewaltigt hat (2 Sam 13). Starb die Königin, schlief der Vater mit seiner Tochter in der Heiligen Hochzeit. Die ganze Royalty beruhte von jeher auf Inzucht, was man noch heute an den degenerierten und von der Bluterkrankheit heimgesuchten Adelshäusern sehen kann.

Der Garten Eden (Teil 1)

26. Juli 2011

Der Apfel, den Eva Adam reicht, ist, der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth zufolge, das Liebessymbol, das die Liebesgöttin ihrem Heros überreicht, um ihm zum Vollzug der Heiligen Hochzeit aufzufordern. Gleichzeitig sei der Apfel aber auch ein Todessymbol, bzw. ein Sinnbild der Hoffnung auf die Wiedergeburt, das dem Heros „zur Zeit der Weizenernte“ (Gen 30,14) gereicht wird, nach der er in der Trockenzeit in die Unterwelt ziehen muß (Die Göttin und ihr Heros, München 1984). (Die patriarchalen Bearbeiter der Bibel haben daraus in Gen 30,14-17 eine total konfuse Geschichte zwischen Lea, Rahel, Ruben und Jakob gemacht.) Religionsgeschichtlich ist es nur folgerichtig, daß der „neue Adam“, Jesus, zum Passafest sterben mußte, mit dem man wahrscheinlich einst die Ernte feierte (vgl. Dtn 16,1).

Wenn sich Jahwe in 1 Sam 2,6f nicht nur anmaßt zu töten, sondern auch lebendig zu machen, in die Totenwelt zu verbannen und den betreffenden aus dem Tod wieder ins Leben zurückzurufen, darf man nicht vergessen, daß dies ursprünglich ein Geschehen zwischen der dreifaltigen Göttin und ihrem Heros war. Und interessanterweise findet sich die hier angegebene Stelle in einem Gebet der Hanna, der angeblichen Mutter Samuels. (Sie wird wohl eher die Königsmutter des „Erlösers“ Saul gewesen sein!)

Gelang dem Vatergott die Usurpation nicht sofort, nahm er sich die Göttin zur Gattin. Jahwe scheint einst so eine Gattin gehabt zu haben. Selbst der monotheistischste aller Götter, der vormalige Mondgott Allah, hatte seine Allat, die altarabische Sonnengöttin, bevor Mohammed ihn von seiner Frau befreite und unter dem Banner des Halbmondes die konsequenteste Ausformung des Patriarchats verbreitete. Und was Jahwe betrifft, spricht Andrew Greenley in seinem Buch über Maria davon, einige Erforscher der alten semitischen Religionen seien sich darüber einig, „daß die ‘Schehina’ (die Macht oder Herrlichkeit Jahwes) einmal die weibliche Gefährtin dieses wilden, kämpferischen Wüstengottes gewesen ist“ (Köln 1979).

In der seit dem 6. Jh.v.Chr. israelitischen Militärkolonie Elefantine, der südlichsten Stadt Ägyptens, wurde unter dem Namen Anat der personifizierte Jahwewille als seine Gattin sogar ganz offen verehrt. Anat ist natürlich die kanaanitische Liebes- und Kriegsgöttin. Dies entspricht dann fast genau der indischen „Schakti“.

Aber zurück in den Garten Eden: Sowohl die Evangelien als auch Gen 3 beschreiben die Entwicklung von der Kindheit (keine Scham, Unterdrückung durch die Oberen, Zerstörung der Autonomie, Nacktheit als Unterwerfung) bis zur Erwachsenheit (Scham, Rebellion, Erlangung der Autonomie, Schutz vor den Blicken) und die Strafe durch den (internalisierten) Vater (= Gott). Beide Erzählungen wirken wie psychoanalytische ödipale Dramen über die gnostische Befreiung des Menschen. Beide enthalten den Schlüssel für die Überwindung des Patriarchats.

In seinem Buch über Die Frauen in der Antike schreibt Ernst E. Vardiman über Gen 3 ganz im Sinne Reichs:

Der Eva-Mythos führt wie alle Mythen auf ein historisches dichterisch umgestaltetes Ereignis zurück und bedeutet den Untergang des Mutterrechts. Im Mutterrecht wird die Abstammung der Blutsverwandten nur von der weiblichen Linie hergeleitet, in der Genesis aber wird entgegen dem biologischen Gesetz das Urmännliche nicht von einer Frau, dagegen das Urweibliche aus dem Manne geboren. In der patriarchischen Revolution entspringt die Urfrau dem Manne wie Pallas Athene dem Kopf des Vatergottes Zeus. (Düsseldorf 1982)

Göttner-Abendroth sieht die Paradies-Geschichte am Anfang der Genesis als patriarchale Deformation einer ursprünglich weiblichen Matrix:

Die ursprünglichen Funktionen (Schlange bedeutet phallischer Eros, Eva ist die Liebesgöttin, Apfel ist das Liebes- und Todessymbol, Adam ist der Heros) werden ins Gegenteil pervertiert (Schlange ist der Teufel, Eva wird zum sündigen, irdischen Weib, Apfel bedeutet Versuchung, Adam ist der Mann und Herr). (Für die Musen, Frankfurt 1988)

Der Göttin Eva wurde alles geraubt und sie wurde dann noch für die Katastrophe verantwortlich gemacht, die die Welt beim Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat ereilte. Aus dem Himmel stürzte sie in die Hölle und zusammen mit ihrem Fall kehrten sich auch alle Werte um. Alles was vorher gut war galt nun als böse: der Sündenfall.

In seinem 1953 veröffentlichten Buch Christusmord gelingt es Reich nicht über verwirrende Fragen hinauszukommen, einfach weil er an den Text zu naiv herangeht und ihn wie eine Naturerscheinung als gegeben hinnimmt, ohne seine ideologische Funktion am Anfang der Bibel zu hinterfragen. Gen 3 beschreibt weniger, wie der Mensch in die Falle geraten ist, sondern es gehört vielmehr selbst zur ideologischen Untermauerung der Falle. Das gleiche wie bei Reich gilt für die Ausführungen Elsworth F. Bakers, die mehr um die Entwicklung der mentalen Funktion kreisen. Leider übernimmt Baker genauso wie Reich die Wertungen des Jahwisten. So bewertet auch Baker das Essen der Frucht vom Baum der Erkenntnis negativ. Zwar in einem anderen Sinne als es der Jahwist tut, nämlich als „Entwicklung eines Gewissens oder Über-Ich, was Verdrängung, Zivilisation und die Geburt der Religion heißt“, aber halt doch negativ (Der Mensch in der Falle, S. 70-72). Dem hingegen ist wohl eher das Gegenteil richtig, nämlich das Essen der Frucht als „positive“ Überwindung des Gewissens – „du sollst nicht vom Baum der Erkenntnis essen“.

Immerhin läßt sich Bakers Interpretation mit Dtn 1,39 (eine Stelle, die fast schon an die Aussagen Jesu über die Kinder gemahnt) rechtfertigen, wo davon die Rede ist, daß kleine Kinder nicht den Unterschied zwischen Gut und Böse kennen. Aber im Gesamtzusammenhang wird doch klar, daß hier auf die blinde Gefolgschaft und den Mangel an Autonomie bei patriarchalen Wunschkindern abgezielt wird.

Ein weiteres Manko der bisherigen orgonomischen Interpretation von Gen 3 ist die summarische Gleichsetzung von Nacktheit und Sexualität. Streng biblisch gesehen hat Nacktheit etwas mit Bloßstellen und der Demütigung des Feindes zu tun. Im alten Orient wurden Gefangene entblößt fortgeführt (Jes 20,4). Wenn sich also Adam und Eva vor dem Sündenfall ihrer Nacktheit nicht schämen, dann wohl, weil ihr Feind Jahwe noch nicht auf den Plan getreten ist. Umgekehrt kann man aber auch sagen, daß Adam und Eva an Autonomie gewinnen, wenn sie ihre Scham bedecken, so wie ja auch Kinder mit wachsendem Ich-Bewußtsein bemüht sind ihre Intimsphäre zu wahren.

Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen ist es schwer zu entscheiden, ob Sexualverneinung oder natürliche „funktionale“ Scham mitspielt, wenn z.B. Jahwe ängstlich darauf bedacht ist, nicht das Geschlecht seiner Priester zu sehen. Es ist nicht ohne unfreiwillige Komik wenn Jahwe sagt; „Baut mir keine hohen Altäre mit Stufen, damit der Priester nicht hinaufsteigen muß und dabei seine Scham entblößt“ (Ex 20,26). (Vielleicht liegt hier auch eine Erinnerung an den Vollzug der Heiligen Hochzeit auf den stufenförmigen Tempeltürmen Babylons vor.) Des weiteren verfügt Jahwe, für die Priester leinene Kniehosen anzufertigen, damit die Scham bedeckt ist, wenn sie in das Heilige Zelt gehen oder am Brandopferaltar Dienst tun (Ex 28,42).

Der umgekehrte Fall (nicht der Gottvater sieht die Scham des „Sohnes“, sondern der Sohn sieht die Scham des Vaters) liegt in Gen 9,22 vor, wo Ham Noahs Blöße sieht und dafür aus der Familiengemeinschaft ausgestoßen wird.

Man kann die ganze Sache mit der Nacktheit und der Scham im Garten Eden als Element eines ödipalen, inzestschwangeren Familienkonflikts betrachten. Vielleicht versteckt sich ja Adam mit seiner Gefährtin vor den Augen Jahwes, weil es die Augen eines männlichen Rivalen sind und Adam nach dem Genuß der Frucht vom Baum der Erkenntnis nun genau weiß, was hier gespielt wird (Walter Beltz: Gott und die Götter, Düsseldorf 1977, S. 93).

Die Bibel berichtet ja auch kaum verhüllt darüber, daß Gott mit der Neuen Eva, Maria, geschlafen und ein Kind gezeugt hat. Und wie jeder sexualängstliche patriarchale Mann steht auch Jahwe auf Jungfrauen. Dazu schrieb der christlich-lateinische Dichter und Bischof Fortunas Venantius im 6. Jahrhundert:

Wie selig ist die Jungfräulichkeit, die würdig befunden wurde, Gott ein Kind zu gebären. Die keuschen Jungfrauen sind Gottes Tempel schlechthin. Dort fühlt er sich heimisch. Mit großer Freude betritt er die Pfade, die von keinem anderen [Mann!] begangen wurden. Ihre Gliedmaßen sind sein Eigentum, unbesudelt und ungeteilt mit irgendeinem [anderen!] Mann. Voll Zuneigung küßt er ihre Brust. Nur in einem Haus mit Jungfrauen will er verweilen. Dort ist er König. (sic!)

Am Abend kam der patriarchale Mondgott (Gen 3,8) und fragt Adam: „Wo bist du?“ Immerhin eine erstaunliche Frage für einen allwissenden Gott. Offenbar hatte Adam Autonomie und Unabhängigkeit gewonnen, als er vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte. Er antwortete Gott: „Ich hörte dich kommen, da bekam ich Angst und versteckte mich, weil ich nackt bin!“ In der Genesis wird hierfür eine hebräische Vokabel benutzt, die sowohl „nackt“ als auch „klug“ bedeuten kann. In Gen 3,5 hatte die Schlange ja versprochen, daß Adam und Eva die Augen aufgehen und sie alles wissen würden.

Aus dieser Perspektive hat die Nacktheit dann auch tatsächlich eine erotische Konnotation, denn das in diesem Zusammenhang benutzte hebräische Wort „jeda“ kann sowohl Erkenntnis als auch Zeugen bedeuten (Vardiman). Und an derartiges muß auch die damalige jüdische Zuhörerschaft gedacht haben, als vor 3000 Jahren diese Paradiesgeschichte erzählt wurde. Man denke nur an Jes 57,5, wo Jesaja den „Götzendienern“ vorwirft, „unter jedem großen Baum zu Ehren der Götzen zu huren“.


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