Wie kann man dazu kommen Jesus anzugreifen?! Dessen Botschaft doch war: Freigebigkeit, Bedürfnislosigkeit und freiwillige Armut („Selig sind die Hungrigen“); Offenheit und Vorurteilslosigkeit des Herzens („Suche und du wirst finden, klopfe, und die Tür wird dir geöffnet“, Mt 7,7; „Richte nicht, damit du nicht gerichtet wirst“, Mt 7,1); sowie die Absage an Rache und Vergeltung („Wer dir auf die Wange schlägt, dem halte auch die andere Wange hin“, Mt 5,39).
Überzeugende Analysen des pestilenten Verhaltens Jesu hat der ehemalige Dominikaner Hans Conrad Zander (Ecce Jesus, Reinbek, 1992) geliefert.
Jesu Wunder geschehen, wie Zander, anhand persönlich bei indischen Wunder-Gurus erlebtem, beschreibt, dermaßen schnell, im hektischen Menschengewühl, daß sie nicht unterscheidbar sind von ganz gewöhnlichen Wundern der Trickzauberer, bei denen Geschwindigkeit alles ist. Und genauso wie die indischen Wunderheiler zieht auch Jesus stets überstürzt weiter, damit nicht ruchbar wird, daß wirklich nichts geschehen ist. Modju in Aktion, Marke Hitler! (Zander zieht tatsächlich diesen Vergleich, wenn er den armen Krüppel, der sich von einem Wunderheiler verarschen läßt, neben ein geschlagenes Volk stellt, das sich einem politischen Scharlatan an den Hals wirft.)
Was Jesu Äußeres betrifft hat Celsus überliefert, was auch das Stillschweigen des Evangeliums nahelegt, daß Jesus „unedel, häßlich und klein“ war (vgl. Zander, S. 75-77).
Der Geist in Jesu Umgebung ist durch und durch sektiererisch klein, bar jeder Größe. Wenn Jesus in Mt 23,12 den anderen Demut predigt, fragt man sich, ob nicht er selbst mit all seinen Flüchen und Selbsterhöhungen am meisten dieser Predigt bedurft hätte. Stets wirft er anderen seine Sünden vor. Reichs „der ist kein Kleiner Mann, der weiß, daß er ein Kleiner Mann ist“, macht aus Jesus eine Mikrobe.
Jesus sagt, daß sich die Liebe gut bezahlt machen wird (Mt 5,46). Diese „Liebe“ ist eine dreckige Lüge. Hinter ihr steckt nur Haß und Neid. Während im antiken und ursprünglich jüdischen Weltbild der Tod der große Gleichmacher war (alle gingen in das Schattenreich der Unterwelt), hob Christus dies in seiner unendlichen Rachsucht auf. So krampft sich einem bei der Lektüre des Neuen Testaments die Seele zusammen, da nicht auch nur der kleinste Fetzen von Großmütigkeit bei diesen intellektualisierenden Kleinbürgern, die sich nach persönlicher Unsterblichkeit sehnen, zu finden ist. Speiübel kann einem werden: „eins tut Not“ (Lk 10,42). Die totale Egozentrik, das ekelige Bemühen von Krämerseelen um das eigene „Seelenheil“. Nietzsche:
Das Christentum gab jedem das Recht, sich unsäglich wichtig zu nehmen: er ist ein „ewiges Wesen“! ein „Genius“, eine „Persönlichkeit“. (Studienausgabe, Bd. 9, S. 186)
Nietzsche hat Christus als Modju erkannt:
Christus trug nicht nur Gott, sondern auch Satan in seinem Busen: das ist die Gegenrechnung bei diesem moralischen Hyperidealismus: die absolute Verdammung des Menschen, das odium generis humani. Um die Menschheit eines solchen Opfers eines Gottes wert zu fühlen, mußte man sie ins Tiefste verachten und vor sich herabwürdigen. (Studienausgabe, Bd. 9, S. 233)
Und weiter:
Wie streng ist man gegen Calvin wegen einer Hinrichtung! Und Christus verwies alle, die nicht an ihn glaubten, in die Hölle – und Menschen, noch furchtbarer als er, fügten hinzu: „mit rückwirkender Kraft“. (ebd., S. 245)
Christi
wunder Punkt ist, daß die Menschen ihm nicht glauben wollen, während er sich selber glaubt: und hierbei wird seine Phantasie grausam und düster, und er dichtet die Hölle für die, welche nicht an ihn glauben. (ebd., S. 257)
Nietzsche:
Welche Gemeinheit! Gott will Liebe von den Menschen – und hat für die, welche sie versagen, die Hölle in Bereitschaft! Wie Tiberius und Nero! Ist es nicht achtbar, einem solchen Tyrannen sich zu weigern? Gott als der gerechte und der Richter ist kein Gegenstand der Liebe! Es ist undelikat! Er hätte sich des Richtens begeben müssen! Christus empfand nicht fein genug! In diesen Dingen sind wir feiner. (Studienausgabe, Bd. 9, S. 388)
Und weiter über Jesus:
Sein Mangel an Bildung schützt ihn davor, sich die Entstehung einer Leidenschaft vorzustellen und sich selber einmal objektiv zu sehen: er steht nie über sich (…). Das Furchtbarste, ewig Unsühnbare der Menschen wurde das Verschmähen seiner Liebe – dies ist ein gemeiner Zug. Ebenso seine Verdächtigung der Reichen, des Geistes, des Fleisches – seine Milde und Nachsicht ist kurz und ganz egoistisch. (ebd., S. 257f)
Wer solchen Wert darauf legt, daß an ihn geglaubt werde, daß er den Himmel für diesen Glauben gewährleistet, und jedermann, sei es selbst ein Schächer am Kreuze. – Der muß an einem furchtbaren Zweifel gelitten und jede Art von Kreuzigung kennengelernt haben: er würde sonst seine Gläubigen nicht so teuer kaufen. (Morgenröte, A 67)
Wie in jeder Sekte gibt es auch im Christentum von Anfang an ein Denkverbot (1 Kor 1,17-25). Schon Jesus fordert, wie später die Kirche, das „sacrificium intellectus“, das Opfer der eigenen Vernunft. Man zerstört die intellektuelle Kritikfähigkeit, damit die eigene Oberflächlichkeit als Tiefe imponiert. Die ganze Weisheit Jesu ist monoton immer dieselbe Gedankenfigur: um zu leben, mußt du sterben; um das Ziel zu erreichen, mußt du aufhören, danach zu streben; um frei zu werden, mußt du dich mir vollkommen unterwerfen; um zu verstehen, mußt du das Denken aufgeben; man muß sich selbst verlieren, um sich selbst zu finden – und all das leere Geschwätz, bis jeder dröge Schwachsinn wie die allertiefste Weisheit wirkt, á la Osho.
„Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 18,14), hat Nietzsche entschlüsselt zu: „Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden“ (Menschliches, Allzumenschliches, A 87). Alles dient der Macht, sogar die nur scheinbare, in Wirklichkeit nämlich entwaffnende, Unterwerfung unter die Macht (Mt 5,3841). Man verschleiert seine eigentliche Absicht und gibt z.B. seine revolutionären Ideen als orthodox aus (Mt 5,1737). Ständig predigt Jesus anderen Feindesliebe, verflucht aber seine eigenen Feinde pausenlos. Er verflucht sowohl die Reichen (Lk 6,24) als auch die Armen (Mt 25,29f).
Ganz besonders hat mich immer Jesu Anmaßung angewidert, die hinter der herablassenden Hinwendung zu den in jeder Beziehung „Armen“ steckt. So wie er, kann nur ein anmaßender Gernegroß reden, der seine adlige Herkunft als Nachkomme Davids ständig vor Augen hat. Gnadenvoll verspricht er den Armen das Paradies (Mk 9,1). André Gide hat z.B. von sich gesagt, was ihn zum Kommunismus gebracht hätte, sei nicht Marx, sondern das Evangelium gewesen. Schon die Frühsozialisten Saint-Simon, Owen und Fourier wollten Jesu Verheißung im Diesseits verwirklichen. Und der unmittelbare Vorgänger Marxens, Weitling schrieb 1846 sogar Das Evangelium eines armen Sünders mit einem Jesus, der die sozialistische Botschaft verbreitet. Ein Messias, frei von der Verzauberung durch Mammon. Reich vergleicht Jesus und Marx des öfteren miteinander. Wie die Vision geendet hat, zeigt die Episode Apg 5,1-11 aus der Urgemeinde, in der in aller Unmenschlichkeit ein terroristischer Urkommunismus herrschte.
„Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“ Wie kann man besser sozial sein und sich gleichzeitig asozial über die „Geringen“ stellen?! So wie Jesus sich den Huren und „Zöllnern“ zuwendet, muß er ein von Moral triefendes Ekelpaket gewesen sein. Wer kennt nicht die ganz besondere Freundlichkeit, die „gute Menschen“ z.B. gegenüber „Schwarzen“ an den Tag legen: so als wären diese irgendwie behindert. Nietzsche: „Der Mitleidende fühlt sich als der Stärkere“ (Studienausgabe, Bd. 8, S. 347). Nietzsche sagt sehr schön, die Gnade sei „ursprünglich ein Zeichen der Verachtung“ (ebd., S. 592). Jesu Nächstenliebe gilt immer nur der Gruppe, den Armen, nie dem Einzelnen. „Wir können dem Nächstem immer nur helfen, indem wir ihn in eine Gattung (Kranke, Gefangene, Bettler, Künstler, Kinder) einordnen und dergestalt erniedrigen“ (Studienausgabe, Bd. 9, S. 51).
Diese unmenschliche Kontaktlosigkeit Jesu bringt Zander sehr schön auf den Punkt:
Beherrschung unter dem Vorwand der Betreuung, Belästigung unter dem Vorwand des Mitleids, Einmischung ins Innerste unter dem Vorwand der Nächstenliebe – das ist der Alltag der Kirche. Und die Kirche ist nicht etwa so, weil sie Jesus verraten hätte. Jesus selber war schon so. (S. 139)
Nietzsche schrieb noch treffender über das christliche Mitleid:
Die mitleidigen, im Unglück jederzeit hilfreichen Naturen sind selten zugleich die sich mitfreuenden: beim Glück der anderen haben sie nichts zu tun, sind überflüssig, fühlen sich nicht im Besitz ihrer Überlegenheit und zeigen deshalb leicht Mißvergnügen. (Menschliches, Allzumenschliches, A 321)
Nietzsche am Ende seines Antichrist über die Christen (und gleichzeitig natürlich auch über die „humanistischen“ Ableger des Christentums):
Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren Korruptionen, sie hat den Willen zur letzten auch nur möglichen Korruption gehabt. Die christliche Kirche ließ nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. (…) Der Parasitismus als einzige Praxis der Kirche; mit ihrem Bleichsuchts-, ihrem „Heiligkeits“-Ideal jedes Blut, jede Liebe, jede Hoffnung zum Leben austrinkend. Das Jenseits als Wille zur Verneinung jeder Realität; das Kreuz als Erkennungszeichen für die unterirdischte Verschwörung, die es je gegeben hat – gegen Gesundheit, Schönheit, Wohlgeratenheit, Tapferkeit, Geist, Güte der Seele, gegen das Leben selbst… Diese ewige Anklage des Christentums will ich an alle Wände schreiben, wo es nur Wände gibt – ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen… Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die eine große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist – ich heiße es den einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit…




