Mit ‘Freud’ getaggte Artikel

Der Rote Faden: Der rote Reich

15. Mai 2013

Nach dem Krieg gab es in Wien Unruhen und „Revolution“. Zum Beispiel kam es am 15. Juni 1919 zu einem kommunistischen Putsch-Versuch, der sich vor allem um die Wiener Universität zentrierte, da die KPÖ mehr oder weniger eine „Studentenpartei“ war. Viele später sehr prominente Kommunisten wie die Eisler-Geschwister, Karl Frank und William Schlamm begannen damals ihrer Karriere. Wie aus Reichs autobiographischen Aufzeichnungen Leidenschaft der Jugend abzulesen ist, war er mit vielen von ihnen befreundet und kokettierte zu dieser Zeit mit dem Kommunismus, er schloß sich aber nicht an, weil er zu sehr vom radikalen Individualismus Max Stirners und dem Psychologismus Freuds beeinflußt war.

Viele, wenn nicht die meisten, der Psychoanalytiker waren Sozialdemokraten. Beispielsweise war Paul Federn sehr aktiv. Und auch Freud selbst war der Sozialdemokratie freundlich gesonnen (obwohl er in den 1930er Jahren mit den Dollfuß-Faschisten sympathisierte). Circa 1924 (m.W. konnte bisher niemand das genaue Datum bestimmen) trat auch Reich der SDAP, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs, bei und engagierte sich in der Jugendarbeit (vgl. Myron Sharaf: Fury on Earth). Wien war „rot“, d.h. von der SDAP geprägt, während der Rest des Landes durch die konservativen Christsozialen kontrolliert wurde. Die KPÖ blieb eine Randerscheinung. Mittlerweile war sie zur Partei einiger Intellektueller geworden, um die sich desillusionierte arbeitslose Arbeiter und Lumpenproletarier scharrten; eine Bande von Desperados, die nichts zu verlieren hatten. Die Rhetorik der SDAP war zwar sehr radikal, aber ihre tatsächliche Handlungsweise blieb extrem defensiv und kompromißlerisch bis zur Selbstaufgabe.

Im März 1925 tötete ein junger Nazi namens Otto Rothstock den jüdischen Journalisten und Schriftsteller Hugo Bettauer. Bettauer gab ein sehr populäres Magazin über Fragen des Lebens, insbesondere aber des Sexuallebens heraus. Ein Großteil der Patienten von Reichs Psychoanalytischem Ambulatorium für Arme kam durch Bettauers Publikation. Reichs Freund Bettauer wurde im Namen der Moral getötet. Die nationalistischen Christsozialen und sogar einige Stimmen der bürgerlich-liberalen Presse feierten den Mordanschlag als Akt der moralischen Selbstverteidigung des Volkes. Und im angeblich „Roten Wien“ war es möglich, daß der Attentäter zwar verurteilt, dann aber als verrückt eingestuft und in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen wurde, wo er prompt als geistig normal diagnostiziert wurde. Nach nur eineinhalb Jahren war er wieder ein freier Mann. Es war offensichtlich, daß der Staatsanwalt und der Richter Rothstocks Tat verstanden, dessen moralischen Furor teilten und ihm sehr gewogen waren.

Später verteidigte Rothstocks Anwalt auch die Nationalisten, die in eine Ansammlungen von Sozialdemokraten geschossen hatten (siehe Menschen im Staat). Die Verteidigung hatte einen ähnlichen Erfolg wie bei Rothstock. Das war der letzte Tropfen, es kam angesichts dieser „Klassenjustiz“ zu Unruhen und das städtische Gerichtsgebäude wurde von empörten Demonstranten abgefackelt. Auch Reich muß über diese beiden Fälle empört gewesen sein. Zufällig wurde er Zeuge des Aufstandes und sah, daß im „Roten Wien“ die sozialdemokratische Polizei in die Menge schoß, um vorsätzlich Arbeiter zu töten. Das trieb ihn in die Arme der Kommunisten.

Dabei wurde er von der kommunistischen Ärztin Marie Frischauf-Pappenheim angeleitet. Ende 1928 gründeten beide die „Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“. Nach außen hin war sie „sozialistisch“, aber nur Kommunisten waren in ihr aktiv und nur das kommunistische Organ Die Rote Fahne machte für die Gesellschaft Werbung. Die Gesellschaft war der Hintergrund, der es Reich ein Jahr später ermöglichte die Gruppierung „Revolutionäre Sozialdemokraten“ zu begründen. Reich wurde daraufhin aus der SDAP ausgeschlossen, da dies eindeutig einen Versuch darstellte, eine kommunistische Fraktion innerhalb der SDAP zu bilden. Reich setzte jedoch seine Aktivitäten „innerhalb“ der SDAP fort und schließlich traten die „Revolutionären Sozialdemokraten“, einschließlich Reich, im April 1930 offiziell der KPÖ bei. Reich brachte neue Mitglieder in die Partei, aber schon bald wurde dieser Erfolg durch Stalinistische Säuberungen wieder zunichte gemacht.

Enttäuscht ging Reich im Herbst 1930 nach Berlin, wo die KP tatsächlich eine echte Massenbewegung war. Doch auch dort sollte ihm ähnliches widerfahren. Er übernahm die Leitung der kommunistischen Unterwanderung der hauptsächlich sozialdemokratisch geprägten Sexualreformbewegung. Wieder war der Erfolg eher mäßig und die Partei war lediglich daran interessiert, neue Mitglieder für ihre Frontorganisationen zu gewinnen, während Reich wirklich an der Sexualreform interessiert war und dies vor allem auch innerhalb der KPD. Das zu einer Zeit, als die Führung der Partei gegen die moralischen, d.h. endmoralisierenden Auswirkungen der „Wilden 20er“ und für revolutionäre und militärische Disziplin und Moral kämpfte.

1932 versuchte Reich sogar mit Hilfe seines Sexpol-Zentrums in Berlin die Partei zu demokratisieren: die Funktionäre sollten keine Anordnungen erteilen, sondern zunächst einmal auf die Arbeiter mit ihren täglichen Bedürfnissen und Erfahrungen hören. Reich und seine Schriften wurden verboten und Anfang 1933 war klar, daß Reich an die Wand gestellt worden wäre, wenn statt der Nationalsozialisten die Kommunisten an die Macht gekommen wären. Trotzdem glaubte Reich nach wie vor, daß er noch einigen Einfluß in der Partei habe. So schrieb er beispielsweise im Oktober 1933 an Trotzki:

Ich bin noch Mitglied der KPD, stehe jedoch in schwerster Opposition und bin nur deshalb noch nicht ausgeschlossen worden, weil erstens sich kein Kompetenter findet, der meine sexualpolitische Theorie kritisieren kann, und zweitens, weil mein Einfluß zu groß ist. Die Sache soll sich demnächst entscheiden.

Wenige Wochen später wurde er aus der dänischen KP ausgeschlossen. Er war noch nicht aus der deutschen KP ausgeschlossen worden, weil diese fast vollständig zerstört worden war und alles im Chaos lag. Wie zur Zeit des Untergangs der „DDR“ hatten die deutschen Kommunisten keine Vorbereitungen für die Zeit nach ihrer Niederlage getroffen, – da eine Niederlage dem Historischen Materialismus gemäß ausgeschlossen war.

In Dänemark lernte Reich die Kommunisten zu hassen. Die kommunistische „Rote Hilfe“ war nur für Parteimitglieder tätig. Diejenigen, die kein Mitgliedsbuch vorzeigen konnten, wurden abgewiesen. Aber welcher Narr würde sein Mitgliedsbuch bei sich tragen, wenn er von der Gestapo verfolgt wird? Noch grotesker war die Frage, ob die Partei dem jeweiligen Genossen gestattet hatte, Deutschland zu verlassen! „Ach, Du bist von der revolutionären Front fahnenflüchtig, während Deine Genossen in den Konzentrationslagern zu Tode gefoltert werden!“ Reich war einfach schockiert über diese unmenschliche, kontaktlose und verächtlich Bürokratie (vgl. Menschen im Staat). So wurde er zum „Trotzkisten“. Natürlich, trat er nicht der Trotzkistischen Vierten Internationale bei und sicherlich war Reich Trotzki nicht orthodox genug, aber dennoch war Reich für die Stalinisten ein Trotzkistischer Feind und Verräter. Reich erwog sogar die Idee eine neue KP zu formieren. Sozusagen erneut „Revolutionäre Sozialdemokraten“, aber diesmal gegen die Stalinisten gerichtet.

Während dieser Zeit, siehe z.B. seine Korrespondenz mit Sergej Eisenstein, hatte Reich noch Kontakte innerhalb der Sowjetunion. Oder wie er später in sein Tagebuch notierte: „1934, als ich noch in engen Kontakt mit den Menschen Rußlands, seinen Institutionen und seiner Literatur stand” (American Odyssey, S. 236). Ende 1935 verbreitete er seine Schrift Masse und Staat: Zur Frage der Rolle der Massenstruktur in der sozialistischen Bewegung. Circa 100 Exemplare wurden verbreitet und gingen, neben „ausgewählten Genossen“ in der kapitalistischen Ländern, in die Sowjetunion „an die wichtigsten führenden Stellen“. Dergestalt schickte er Stalin, was später Kapitel 9 der Mass-psychology of Fascism werden sollte! (Die von Higgins zu verantwortenden Ausgaben sind konfus in ihrer Kapitel-Einteilung.) Dasselbe Kapitel, welches zehn Jahre später die Redaktion der Stalinistischen Zeitschrift New Republic dermaßen empörte und Auslöser der Brady-Kampagne war.

In einem Brief an A.S. Neill vom 19. Oktober 1950 sollte Reich sagen: „Ich selbst habe schon in Europa Angst vor dem Kommunismus gehabt (…).“

rotersexrev

Freud, Marx und die Spaltung der Orgonomie

18. April 2013

Reich ist es nicht immer leichtgefallen eindeutig zu sein. Er neigte zu unbefriedigenden Kompromissen. Das fängt schon mit der Edition seiner europäischen Bücher an, die er in Amerika neu herausgab. Einerseits stand er zu seinen psychoanalytischen und Marxistischen Einsichten und wollte seine intellektuelle Entwicklung wirklichkeitsgetreu dokumentiert wissen, andererseits schrieb er seine alten Schriften so um, daß es seinen neusten Erkenntnissen und Haltungen entsprach. Resultat sind merkwürdige Hybride, die man „so oder so“ lesen kann.

Reich läßt sich so interpretieren, daß die psychoanalytische Begrifflichkeit (libidinöse Entwicklungsstufen, psychische Struktur, der Ödipuskomplex, die Rolle der Übertragung, etc.) noch immer aktuelle Bedeutung haben, oder so, daß sie allenfalls von geschichtlichem Interesse sind. Darauf basiert beispielsweise der Streit zwischen den beiden vielleicht wichtigsten medizinischen Orgonomen zu Reichs Zeit: Elsworth F. Baker (Man in the Trap) und Chester M. Raphael (Wilhelm Reich: Misconstrued-Misesteemed).

Ähnlich ist es mit dem Einfluß von Marx auf Reich bestellt: manche ernsthafte Wissenschaftler können es angesichts von Reichs Schriften schlichtweg nicht nachvollziehen, wie die überwiegende Mehrzahl der Orgonomen es fertigbringt, nicht nur Marx links liegen zu lassen, sondern auch jede Marxistische Analyse als „pestilent“ anzugreifen.

Diese teilweise geradezu tragikomischen Diskrepanzen sind damit erklärbar, daß Reich unterschiedlichen Menschen je nach gegebener Situation unterschiedliche Signale vermittelte. (Ich habe mich mit dieser Problematik bereits an anderer Stelle beschäftigt.) Beispielsweise war Baker einer der wenigen Orgonomen, wenn ich es richtig überblicke abgesehen von Ola Raknes sogar der einzige Orgonom, mit einer abgeschlossenen psychoanalytischen Ausbildung. Auch war er von Reich dafür ausersehen, dessen frühe psychoanalytische Beiträge in Amerika neu herauszugeben. Entsprechend wird Reich Baker ein ganz anders gefärbtes Bild der Orgontherapie vermittelt haben als etwa dem nur oberflächlich in Psychoanalyse ausgebildeten Raphael.

Ähnlich ist die Sache mit Marx bestellt: Baker war, neben Michael Silvert, zu Reichs Zeiten der einzige Orgonom, der politisch rechts stand, alle anderen waren linksliberal. Es liegen Briefe von Reich an Baker vor, in denen er besorgt nachfragt, ob angesichts von Veröffentlichungen wie People in Trouble ihr Verhältnis gefährdet sei. Immer wieder bekundete Reich gegenüber Baker, aber auch gegenüber übereifrigen Linken unter seinen Anhängern, daß Marx für die heutige Zeit jede Bedeutung verloren habe. Geradezu gegensätzlich äußerte er sich gegenüber Victor Sobey, dem einzigen Orgonomen, der aus der Arbeiterklasse hervorgegangen war. Noch 1957 sagte er Sobey, daß er, Reich, noch immer ein „Marxist“ sei. Eine Erklärung, die angesichts von People in Trouble glaubwürdig ist, auch wenn die Schüler Bakers sagen, daß Reich sich niemals derartig geäußert haben könne.

Wie mit all dem umgehen? So wie Reich damit umgegangen ist! Es hängt immer von den Zusammenhängen ab! Heute werden Psychologen und Psychiater kaum bis gar nicht mehr in Psychoanalyse ausgebildet. Man begegnet Psychiatern, selbst Diplompsychologen, die selbst an psychoanalytischen Grundbegriffen scheitern! Entsprechend ist der Bezug auf eine psychoanalytische Begrifflichkeit heutzutage geradezu ein revolutionärer Akt. Hinzu kommt, daß die Psychoanalyse die praktische Arbeit ungemein erleichtert: wenn etwa die klassische charakteranalytische und biophysische Vorgehensweise im Sande verläuft, kann man beispielsweise mit dem Gegensatz von Über-Ich und Ichideal arbeiten, wie Reich es bereits 1925 in Der triebhafte Charakter beschrieben hat (siehe dazu die Ausführungen von Robert A. Harman: „Clinical Applications of Reich’s Work with Impulsive Characters: The Ego, Ego-Ideal, Superego and the Id”, Journal of Orgonomy, 46,1, Spring/Summer 2012).

Was hingegen Marx betrifft, hat seine Begrifflichkeit heutzutage eine Hegemoniestellung, die es praktisch unmöglich macht öffentlich bio-soziologisch zu argumentieren, d.h. von der bio-physischen Struktur des Menschen her:

Neither Left Nor Right: Preventing America's Decline Into Socialism

Neither Left Nor Right: Preventing America's Decline Into Socialism

Bei Amazon kaufen

Zwei Arten von Debitismus (Teil 1)

19. März 2013

Wenn ich die orgonomische Wirtschaftstheorie, wie sie von Charles Konia und Robert A. Harman auf der Grundlage von Reichs Erkenntnissen dargelegt wurde, richtig verstanden habe, ist das gegenwärtige Wirtschaftssystem bruchlos aus dem Austausch zwischen den ersten Menschengruppen hervorgegangen. Ursprünglich setzte sich die Menschheit aus kleinen Clans zusammen, die sich mehr oder weniger feindlich gesonnen waren. Ganz ähnlich den Zuständen, die wir bei Schimpansenhorden beobachten. Die einzelnen Clans fanden erst durch komplizierte Heiratsregeln und durch quasi „Kreditgeschäfte“ dauerhaft zueinander und konnten einigermaßen friedliche Gesellschaften bilden. Bei den besagten „Kreditgeschäften“ ging es um Geschenke, die den Beschenkten implizit verpflichteten ein wertvolleres Gegengeschenk zu geben. Das war sozusagen der erste „Zinsstreß“, ging es doch um die Gefahr des Gesichtsverlusts und des sozialen Todes (der zwangsläufig den physischen Tod nach sich zog, denn auf sich allein gestellt, konnte niemand überleben).

Durch die Zusammenarbeit der Clans kam es zu wachsender Arbeitsteilung und die „Kreditgeschäfte“ betrafen schließlich auch Güter: Wildbret, Fisch, Töpferwaren, Früchte, etc. Beispielsweise läßt sich der „Handel“ mit Sperrspitzen über ganze Kontinente hinweg nachweisen. Das, was ursprünglich die Clans zusammengeführt und zusammengehalten hatte, organisierte nun die Arbeitsdemokratie: ein unüberschaubares Netz gegenseitiger Verpflichtungen. Schließlich kam durch das Marktgeschehen das Geld auf, um den Austausch zu vereinfachen und zu vereinheitlichen. Gestört wurde das System durch immer neue Einbrüche der Emotionellen Pest. Die Emotionelle Pest bewirkte, daß das freiwillige Geben eine immer geringere Rolle spielte und stattdessen das Nehmen ausuferte.

Der Ausgangspunkt von Harmans Argumentation sind die beiden folgenden Stellen aus Reichs Massenpsychologie des Faschismus:

Die Summe aller natürlichen Arbeitsbeziehungen nennen wir Arbeitsdemokratie, als die Form der natürlichen Organisation der Arbeit. Diese Arbeitsbeziehungen sind ihrem Wesen nach funktionell und nicht mechanisch. Sie können nicht willkürlich organisiert werden, sie ergeben sich spontan aus dem Arbeitsprozeß selbst. Die wechselseitige Abhängigkeit eines Tischlers von einem Schmied, eines Naturforschers vom Glasschleifer, eines Malers von der Produktion des Farbstoffes, eines Elektrikers von der Metallarbeit ist an sich durch die Verwobenheit der Arbeitsfunktionen gegeben. (Fischer TB, S. 312)

Dieses Gewebe wechselseitiger Abhängigkeiten und Verpflichtungen formiert sich spontan und kann nicht künstlich geschaffen bzw. durch Vorgaben, gar Befehle hergestellt werden. Wenn es doch versucht wird, geschieht allenfalls das gleiche wie bei den Primitiven, wenn man diese willkürlich organisieren will: sie gehen, wenn sie denn gezwungen werden, in den inneren Streik. An einem ähnlichen Zwang ist beispielsweise die „DDR“ zugrundgegangen: ihr tut so, als wenn ihr uns bezahlt und wir tun so, als wenn wir für euch arbeiten.

[W]enn weiter die Arbeitsfunktionen an sich und unabhängig vom Menschen rational sind, dann stehen vor uns zwei riesenhafte Betätigungsgebiete des menschlichen Lebens, einander todfeindlich, gegenüber: die lebensnotwendige Arbeit als rationale Lebensfunktion hier; die emotionelle Pest als irrationale Lebensfunktion dort. (ebd., S. 330)

Entsprechend ist heute Wirtschaftswissenschaft das Studium der Wechselwirkung zwischen der Arbeitsdemokratie und der Emotionellen Pest:

ArbeitsHeinhar

Die orgonomische Wirtschaftstheorie steht heute jedoch vor einer ähnlichen Situation wie Reich Mitte der 1920er Jahre. Damals war Reich angesichts von Freuds Totem und Tabu mit dem Problem konfrontiert, daß seine Orgasmustheorie anthropologisch unhaltbar zu sein schien, waren doch die Primitiven (also jene, die dem „orgastisch potenten Naturzustand“ vermeintlich am nächsten standen) „patriarchal, neurotisch und pervers“. Ihre Leben schien von Männerwillkür, neurotischem Aberglauben und beispielsweise von grausamen Genitalverstümmelungen beherrscht zu sein. Damals wurde der „edle Wilde“ Rousseaus vollständig dekonstruiert. Das Bild des Wilden verdüsterte sich derartig, daß selbst Freuds Todestriebtheorie glaubhaft wirkte.

Es muß für Reich wie eine Erlösung gewesen sein, als er auf die Arbeit von Bronislaw Malinowski über die Trobriander stieß, die seine Orgasmustheorie vollauf bestätigte. In den 1980er Jahren konnte James DeMeo dann die Stichhaltigkeit des Reichschen Ansatzes durch eine kulturvergleichende Studie nachweisen, die sämtliche ethnographisch untersuchten Völkerschaften umfaßte.

Wenn man sich nun daran macht, im Anschluß an die klassischen Wirtschaftstheorien seit Adam Smith eine orgonomische Wirtschaftstheorie zu formulieren, wonach der rationale Austausch zwischen den Menschen (die Arbeitsdemokratie) durch die Emotionelle Pest gestört wird, steht man vor einem ganz ähnlichen Problem, denn die Ethnologie zieht ebenfalls seit Anfang des letzten Jahrhunderts die Vorstellung eines rational handelnden (tauschenden) Wilden in Zweifel. Tauschhandlungen habe es nur im Rahmen der Sitte und Ritualen gegeben und es sei dabei um Dinge wie Ehre, Ehrgeiz, Angst vor Gesichtsverlust, etc. gegangen. Tausch galt also weniger dem materiellen Erhalt der Gemeinschaft, als vielmehr dem sozialen Ausgleich.

Erst mit der Zivilisation sei das Element der rationalen Wirtschaftsführung hinzugetreten, Kosten-Nutzen-Analyse, Bereicherung, Kapitalakkumulation, etc. Die klassische Ökonomie hätte dann mit viel Phantasie einen rationalen „Homo oeconomicus“ an den Anfang der Entwicklung gestellt. Diesem war es zwar ebenfalls um den sozialen Ausgleich zu tun („Geben und Nehmen zum gemeinsamen Vorteil“), doch ging dies vom rational kalkulierenden Subjekt aus. Quasi wurde der zeitgenössische Kaufmann zurück in den Urwald versetzt losgelöst von allen Stammesstrukturen.

Ende der 1920er Jahre postulierte Reich, sich auf Malinowski berufend, einen „Urkommunismus“ bei den Trobriandern, d.h. eine solidarische Gemeinschaft, in der, wenn man so sagen kann, die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ verwirklicht war. Malinowski selbst sollte in seinem 1935 erschienenen Buch Korallengärten und ihre Magie (Bodenbestellung und bäuerliche Riten auf den Trobriand-Inseln), das m.W. Reich nie gelesen hat, dieser Interpretation entschieden entgegentreten. Auch lehnte Malinowski die gegenteilige Interpretation ab, daß es sich bei den Wilden um eine Art rücksichtslosen „Urkapitalisten“ handele. Beispielsweise ist ein aufwendiges hochseetüchtiges Kanu nicht einfach „Allgemeingut“, sondern es gehört einer Person, die jedoch in einem schier unentwirrbaren Gestrüpp von Verpflichtungen gegenüber jenen eingebunden ist, die ihr beim Bau des Kanus geholfen haben. In seiner orgonomischen Wirtschaftstheorie geht Robert Harman im Detail darauf ein. Die Trobriandrische Gesellschaft wird von einem Netz gegenseitiger Verpflichtungen organisiert, durch ein universelles Geben und Nehmen.

Am Ende seines Buches über die Ökonomie der Trobriander schrieb Malinowski etwas, was später noch in einem ganz anderen Zusammenhang Bedeutung gewinnen wird:

Abschließend möchte ich noch hervorheben, daß sich im Licht dieser Analyse zeigt, wie vergeblich die Unterscheidung zwischen kommunistischem und Privateigentum ist. Ich hätte durchweg zeigen können, wie jeder Anspruch, jede Beziehung zwischen Mensch und Boden betontermaßen sowohl individuell wie kollektiv ist. Die Konzeption der ursprünglichen Heraufkunft (der Clans aus dem Inneren der Erde, PN) impliziert eine große Verwandtschaftsgruppe, den Subclan, der uranfänglich von einem Individuum, der Urahne – vielleicht auch ihrem Bruder –, repräsentiert wird, und den heute gleichermaßen ein Individuum repräsentiert, das Oberhaupt. Diese Gruppe ist nach Geschlecht und Alter differenziert und in kleinere Lineages unterteilt. Und innerhalb des Subclans gibt es sogar individuelle Besitztitel auf Land, und das Land selbst ist gleichsam aus Rücksicht auf den Wunsch nach individuellen Unterscheidungen aufgeteilt. Obwohl nämlich der persönliche Parzellenbesitz in gewisser Weise unserer eigenen Vorstellung von letztgültigen Verhältnissen im Bodenrecht am nächsten kommt, ist er doch auf den Trobriand-Inseln nur von allergeringster ökonomischer Relevanz. Dennoch ist dieser Umstand hier äußerst wichtig, da er belegt, wie wenig der sog. Urkommunismus in der Wirtschaftseinstellung der Eingeborenen vorkommt. Geradezu zum Ärger der anthropologischen Theoretiker insistiert der Trobriander darauf, eine eigene Parzelle zu haben, die mit seinem Personennamen assoziiert ist. Bei der alten Entgegensetzung handelt es sich um einen schlechten und unklugen Kurzschluß; durchgehend haben wir gesehen, daß das eigentliche Problem nicht im Entweder-Oder von Individualismus und Kommunismus liegt, sondern in der Wechselbeziehung kollektiver und persönlicher Ansprüche. (Korallengärten und ihre Magie, Frankfurt 1981, S. 413)

Freuds verzweifelter Kampf gegen Reich, um sein Lebenswerk zu retten

17. Februar 2013

Warum hat Freud auf der Sexualtheorie mit einer derartig sektiererischen Ausschließlichkeit, etwa gegenüber Jung und Adler, bestanden? Weil die Sexualtheorie die einzige Möglichkeit für Freud war, sich gleichzeitig gegen drei existentielle Bedrohungen für die Psychoanalyse zu immunisieren:

  1. Bestand die Gefahr, daß sie sozusagen in ihren Mutterboden zurückfallen und versinken würde: dem „okkulten Schlamm“ des „Mesmerismus“, der 100 Jahre zuvor den damaligen „Skeptikern“ zum Opfer gefallen war. Nicht nur, daß Sexualität das Antidoton zu jeder Art von „Religion“ war, auch sorgten die von Freud postulierten „Partialtriebe“ (anale Libido, orale Libido, etc.) dafür, daß jede einheitliche Lebenskraft gedanklich „zerstückelt“, sozusagen „dekonstruiert“ („weganalysiert“) wurde. Der Geist Mesmers wurde dergestalt gebannt.
  2. Die Psychoanalyse war kaum mehr als die Analyse von „Texten“ (Deutung der „freien Assoziation des Patienten“). Der Rückgriff auf die Sexualität, das „Animalische“ schlechthin, sorgte dafür, daß Freud als mehr dastand denn als bloßer Philosoph a la Schopenhauer und Nietzsche. Er ging quasi mit „materiellen Stoffen“ um, nicht mit bloßen Konzepten.
  3. Gleichzeitig war es Freuds Bestreben, die Psychoanalyse vom Arztberuf und der Biologie zu emanzipieren, insbesondere der Neurologie, seinem ursprünglichen Fachgebiet. (Nachdem er Psychoanalytiker geworden war, sollte er sich nie wieder mit der Entwicklung der Naturwissenschaft beschäftigen!) Die Sexualität war etwas, was anatomisch nicht greifbar war. „Libido“ konnte Dinge „besetzen“ und Dingen „entzogen“ werden. Neue Anatomische Entdeckungen konnten dieses System nicht gefährden.

Tatsächlich sollte Jung zu einer Art „Religionsstifter“ werden und Adler zu einer Art „Lebensphilosoph“ (Gemeinschaftsgefühl, Wille zur Macht, Philosophie des Als-Ob, etc.). Bei Reich löste sich die Psychoanalyse in Anatomie auf. Von „Deutung“ blieb bei ihm fast nichts.

Reich sollte zwar, im Gegensatz zu Jung und Adler, an der Sexualtheorie festhalten (sogar konsequenter als Freud selbst!), jedoch hatte er ihr das für Freud Wesentliche genommen: Mit seiner Genitaltheorie hatte er sie zu einer einheitlichen Kraft gemacht. Damit war „Mesmer“ wieder da, „Philosophie“ wurde wieder möglich und nicht zuletzt wurde die Psychoanalyse „remedizinisiert“. Alle drei Punkte werden bereits in der ersten Ausgabe von Reichs Die Funktion des Orgasmus (1927) deutlich: die Funktion des Orgasmus verband die Partialtriebe in einem System „kommunizierender Röhren mit einem gemeinsamen Flüssigkeitsstand“, die Genitalität gab Anlaß für sexualreformerische Traktate und Gesellschaftskonstruktionen, Angst war wieder eine Sache „der Nerven“ bzw. der Intoxikation mit nicht abgebauten „Sexualstoffen“.

freudssexualtheorie

Leidet jeder der Wilhelm Reich kritisiert an der Emotionellen Pest?

13. Februar 2013

Alle werden jetzt ein vehementes „Nein!“ oder zumindest eine Wiederholung von Reichs Ausführungen über „immanente Kritik“ erwarten. Hier soll es jedoch darum gehen, daß diese Frage selbst pestilent ist. Jeder Physiker würde sich dagegen verwahren, daß die von Newton entdeckten Gesetze der Mechanik von einem „Geisteswissenschaftler“ etwa aus moralischen oder ästhetischen Gründen kritisiert werden, wie es beispielsweise Goethe tat. Reich hat eine Entdeckung gemacht, die Funktion der orgastischen Plasmazuckung, die ihm praktisch universell Ablehnung und Verachtung eingebracht hat, obwohl ihre Wahrheit faktisch selbstevident ist.

Der Hinweis, daß Reich charakterliche Züge aufwies, die weniger angenehm waren. Beispielsweise, daß hier und da der beinharte Weltkriegsoffizier durchbrach oder die Doppelmoral und die übersteigerte Eifersucht, die fast alle Männer seiner Herkunft zu dieser Zeit kennzeichnete… Das hat nichts, aber auch rein gar nichts mit dem Wissenschaftler Wilhelm Reich zu tun! Dieses Psychologisieren und „Biographisieren“ ist eine bequeme Ausflucht, um das Wesentliche zu umgehen. Es geht um die „Kulturdiskussion“, wie sie im ersten Teil von Die sexuelle Revolution dokumentiert ist, nicht darum, wie in seiner Beziehung mit Freud Reichs Vaterkomplex zum tragen gekommen ist.

Es macht schlichtweg keinen Sinn darüber zu diskutieren, ob Kinder glücklich aufwachsen sollen oder nicht. Eins gibt das andere, es geht um Jugendliche, es geht um Erwachsene. Einem „Fanatismus“ oder „dünne Haut“ vorzuwerfen, nur weil man kompromißlos für das Lebendige eintritt, ist eine unglaubliche Unverschämtheit. Es ist die Emotionelle Pest!

Aber muß dann nicht zumindest eine inhaltliche Diskussion möglich sein, beispielsweise angesichts der neuen Erkenntnisse der Sexologie? Es ist erschreckend, welch merkwürdige Vorstellung manche Menschen sich von „Wissenschaft“ machen. Es geht nicht um Demokratie und Kompromißbildung, sondern um Fakten, um Wahrheit und Nichtwahrheit.

Man nehme etwa den Sammelband Der „Fall“ Wilhelm Reich, der sich kritisch mit Reich auseinandersetzt. Das gesamte Buch ist eine Unverschämtheit, d.h. es geht um die Person Reich und um die vollkommen irrelevanten persönlichen Meinungen irgendwelcher „Fachleute“. Es ist Emotionelle Pest und nichts außerdem.

Selbstverständlich hat Reich Fehler gemacht. Ach was! Aber man erzähle mir nicht, daß sich die „Kritiker“ für diese Fehler wirklich interessieren. Ihnen geht es schlicht darum, ganz im Gegenteil die Wahrheit in Diskredit zu bringen. Man kann etwa diskutieren, daß Reich jeweils Freud und Marx grundlegend mißverstanden oder etwa sich nicht ausreichend in die Physik eingearbeitet hat, aber darum geht es nicht wirklich. Den Kritikern geht es einzig und allein um die Entdeckung der Funktion der orgastischen Plasmazuckung – sie ist es, was sie stört. Deshalb versuchen sie Freuds Libidotheorie zu dekonstruieren, deshalb heben sie die Bedeutung des „Bewußtseins“ hervor, deshalb haben sie ein solch starkes Interesse an Reichs Privatleben, deshalb können sie das Orgon nur als mystische Kraft, aber nicht als reale Energie anerkennen.

Das „Kritik wird doch noch erlaubt sein!“ ist nur ein Ablenkungsmanöver. Darüber hinaus dient es dazu, Verwirrung zu stiften. Man soll in endlose Diskussionen verwickelt werden, die nur ein Ziel haben: immer weiter vom Wesentlichen wegzuführen. Außerdem ist es natürlich ein zynisches Spiel mit den persönlichen Unsicherheiten (d.h. sexuellen Schuldgefühlen!) und Zweifeln der „Anhänger“ Reichs.

Tatsächlich können all die „Kritiker“ Reich nicht ausstehen. Sie behaupten, dies sei so, weil er eine Atmosphäre der Grandeur um sich verbreite und behaupte, seine Entdeckungen seien welterschütternd. Ja, warum würde Reich sie wohl sonst veröffentlicht haben?! Manche halten den gängigen faden Käse für „Wissenschaft“, den einer vom anderen abschreibt.

Was die „Kritiker“ tatsächlich bis zur Weißglut treibt, ist, daß hier jemand für das Lebendige eintritt: offen, stolz und laut. Das war in der autoritären Gesellschaft, in dem jedem das Rückgrat gebrochen wurde, genauso ungeheuerlich, wie es heute ungeheuerlich ist, wenn jemand die Eier hat, sich den gängigen Sprachregelungen und dem Meinungsdiktat zu entziehen. Früher hat beispielsweise ein Schwuler, der den aufrechten Gang gelernt hatte, die Pest in Rage gebracht. Heute reicht es, „schamlos“ ein heterosexueller, nationalbewußter weißer Mann zu sein.

Die „Reich-Kritiker“ zeigen die Fratze des Kleinen Mannes in voller Ausprägung. Sie sagen: „Was nimmt sich dieser Kerl heraus! Wie kann er es wagen! Shocking!

EPE003

Kann man funktionelles Denken erlernen?

15. Oktober 2012

Kann man funktionelles Denken lernen? Nein! und Ja!

Funktionelles Denken gehört zu den grundlegenden Funktionen des Organismus wie Atmen und Gehen. Man kann sie, entgegen den Behauptungen von Atemlehrern und Bewegungslehrern, natürlich nicht lernen, sondern allenfalls aus ihrer Panzerung befreien, so daß die „Ausdruckssprach des Lebendigen“ wieder zum Zuge kommt.

Aber man kann sich natürlich seiner Manierismen bewußt werden und sie unterlassen und auch Gymnastik, Kampfsport, Streckübungen, Sport, Tanzen, Schwimmen, etc. können, wenn richtig angewendet, sicherlich dazu beitragen, die natürlichen Funktionen zu kräftigen. Siehe dazu Therapie?

Und genauso ist es mit dem funktionellen Denken: man kann es nicht lernen, wie man Algebra lernt, aber Algebra, wenn richtig angewendet, kann einem nur helfen klarer zu denken.

Das Grundproblem des Denkens ist jedoch ein „außerlogisches“ Problem: die Menschen denken nicht logisch und denken Dinge nicht zu Ende, weil sie eine Todesangst vor der Konsequenz haben. Das begann schon mit der Orgasmustheorie, als Reich der einzige Psychoanalytiker (einschließlich Freud selbst) war, der die Psychoanalyse zuende gedacht und die entsprechenden Schlußfolgerungen gezogen hat. Reich war nicht intelligenter, als all die IQ-Monster, die ihn umgaben, aber er hatte im Gegensatz zu Ihnen keine Angst vor Konsequenz.

Es ist selbstevident, daß man diese Orgasmusangst-Freiheit nicht lernen kann.

Aber genauso, wie man eine gesellschaftliche Atmosphäre schaffen kann, in der Menschen freier atmen, kann man auch eine schaffen, in der Menschen konsequenter denken. Heute in Zeiten der Political Correctness und des Gender Mainstreaming ist konsequentes Denken aber gesellschaftlich geächteter als jemals zuvor.

Und letztendlich zwingt das Leben selbst dazu funktionell zu denken: man würde schlicht sterben, wenn man nicht so denkt, wie die Natur funktioniert. Deshalb kam Reich auch so gut mit „einfachen Menschen“ zurecht. „Denker“ können sich sonstwas zusammenspinnen, ein Handwerker muß sich der Arbeitsdemokratie und den Naturprozessen anpassen und entsprechend funktionell denken.

Oder nehmen wir mal mich: Ich war bis vor kurzem über viele Jahre überzeugt, daß das Journal of Orgonomy auf einem grundsätzlich falschen Gleis fährt. Die neuen orgonometrischen Formulierungen, die die Pulsation auf einer höheren funktionellen Ebene verorten, als dies Reich getan hatte, konnte ich mit meinem angeblichen „funktionellen Denken“ nicht nachvollziehen. Dank meiner Orgontherapie weiß ich mittlerweile, daß Dr. Konia und seine Mitarbeiter recht haben. Dabei habe ich nie auch nur annäherungsweise über „Orgonometrisches“ mit meinem Orgontherapeuten gesprochen. Das Denken ist eine sekundäre Funktion des organismischen Funktionierens. Besser: ein Ausdruck des organismischen Funktionierens, genauso wie das Gehen und das Atmen.

Reichs Selbstverständnis als Wissenschaftler (Teil 2)

12. September 2012

Über die unmögliche Position der Orgonomie im Wissenschaftsbetrieb mit ihren nur ungepanzerter Empfindung zugänglichen Ansatz schrieb Jerome Greenfield:

Ein Mann, der sich als sexuell normal betrachtet, d.h. erektiv und ejakulativ potent ist, weiß vielleicht nicht, was man mit „orgastischer Potenz“ meint und denkt, daß man übertreibt, romantisiert oder eben sexuelle Schwierigkeiten hat. Der Begriff selbst, den Reich definierte als „die Fähigkeit, den unwillkürlichen Bewegungen beim Orgasmus völlig nachzugeben sowie zur vollständigen Entladung der sexuellen Erregung am Höhepunkt des Sexualaktes zu gelangen“, dieser Begriff wird wirklich und als Unterschied von normaler Potenz erfaßbar nur aufgrund eigener subjektiver Erfahrung. Diese Dialektik trifft für viele – keinesfalls alle, möchte ich hinzufügen – Beobachtungen Reichs an Orgonfunktionen zu, die nur für relativ wenig abgepanzerte Menschen wahrnehmbar sind. Und weil Abpanzerung in unserer Kultur nicht nur endemisch, sondern weitgehend nicht als biopathische Erscheinung anerkannt ist, bedeutet das, daß große Gebiete der Lebenswahrnehmung von der allgemeinen Erfahrung ausgeschlossen sind, selten ihren Weg in die Wissenschaft finden und meist auf das Gebiet der Künste verwiesen werden, wo subjektive Wahrnehmungen eher gelten gelassen werden. (Greenfield: „Über Probleme als ‘Reichianer’“, Wilhelm Reich Blätter, 5/76, S. 96-101)

Bernd A. Laska hat den bemerkenswerten Schluß gezogen, Reich sei gewisserweise naturwissenschaftlicher als die gleichzeitige „Naturwissenschaft“ gewesen. Zur Definition dessen, was Reich als „naturwissenschaftlich“ verstanden habe, nennt Laska Stichwörter wie „rational, holistisch, konsequent diesseitig, nichtmetaphysisch“.

Nicht gemeint ist offensichtlich die Übernahme von Methoden und Prinzipien, die bei der Erforschung spezieller Aspekte des Naturgeschehens bisher verwendet wurden, nur weil sie dort erfolgreich waren. So sind Richtungen wie Psychophysik, Reflexologie oder experimentelle Psychologie, obwohl mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeitend, im Sinne Reichs „nicht naturwissenschaftlich genug“, weil sie Funktionen isoliert erforschen und sich nicht organisch in umfassendere Theorien einfügen. (Laska: Wilhelm Reich, rororobildmono, S. 21f)

Siehe auch Siegfried Bernfelds und Serjei Feitelbergs Artikel „Über psychische Energie, Libido und deren Meßbarkeit“ (Imago, Bd. 16, 1930, S. 66-118), sowie ihr gemeinsames Buch Energie und Trieb – Psychoanalytische Studien zur Psychophysiolgie (Wien 1930) und die daran anschließenden Diskussionen im Imago und der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse.

Diese Art von „Naturwissenschaft“ war für Reich Anathema. Übrigens begann Reich als strenger materialistischer Mechanist, der es noch 1922 ablehnte, Libido in quantitativen Begriffen aufzufassen, wie es die Physik bei der Energie tut (Frühe Schriften, S. 162).

Von dem Adlerianer Thomas Kornbichler, Autor der Studie Wilhelm Reich – Enfant terrible der Psychoanalyse, wurde Reich dessen „Szientismus“ vorgeworfen. Reich habe den „psychoanalytischen Szientismus“ auf die Spitze getrieben. Sein naturwisenschaftliches Weltbild sei rationalistisch und biologistisch gewesen, ein „enges Korsett, in das er die Fülle des ganzen Lebens einzuzwängen versuchte“ (Berlin 1989, S. 13).

Hingegen wurde Reich 1927 von Eugen Bleuler gelobt:

Zum Unterschied von manchen neueren Arbeiten der Freudschüler verlegt sich R. nicht nur aufs Behaupten, sondern er sucht, wenigstens im Hauptteile, ernstlich Beweise zu geben, die allerdings mit den nicht untersuchten Grundbegriffen der Psychoanalyse stehen und fallen. (z.n. in Wilhelm Reich Blätter, 3/80, S. 155)

In die gleiche Kerbe schlug 1928 Arthur Kronfeld:

Wenn auch Einzelbeobachtungen und Erklärungsversuche – oft etwas schematisch und konventionell – in die Sprache der Libidotheorie gekleidet sind, so ist doch das Bestreben des Verfassers rühmlich, jede Formulierung kasuistisch zu belegen und alle spekulativen Formulierungen zu vermeiden. (…) Er warnt, namentlich gegen Rank gerichtet, vor methodisch ungenauem Deuten, das häufig von „einer bloßen Analogie auf Identität“ schließt, und ist ständig sorgsam bemüht, das wirklich Tatsächliche über seine Probleme zusammenzutragen. (ebd., S. 156)

Im Gegensatz zu Freud verstand sich Reich immer als Arzt, nicht als Psychologe. Während Freud in seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse hervorhob, die Psychoanalyse unterscheide sich von den „anderen“ ärztlichen Disziplinen dadurch, daß das Hören und das Wort im Mittelpunkt stehen und in der normalen ärztlichen Ausbildung alles auf den direkten Augenschein ausgerichtet sei (Fischer Taschenbuch, 1992, S. 14f), legte Reich grade auf diesen unmittelbaren Augenschein aller höchsten Wert.

Reich schaute den Patienten an, während Freud dem Patienten nur zuhörte. Reich faßte den Patienten an, während Freud nur durch Worte intervenierte. In diesem Sinne war Reich ein weit konventionellerer Arzt als Freud. Freud beklagte, daß das Medizinstudium den angehenden Psychoanalytiker vom Kern der Psychoanalyse wegbringe und stattdessen biologisch, anatomisch, chemisch und physikalisch indoktriniere (ebd. S. 18f). Reich sah grade in dieser spezifisch ärztlichen Sichtweise die Grundvoraussetzung einer erfolgreichen Anwendung der Psychoanalyse (siehe die damalige Diskussion zur Laienanalyse).

Übrigens hat Reich als Student verlangt, daß die Prüfungen verschärft werden, „indem an die Kandidaten Anforderungen höchsten Ausmaßes gestellt werden, durch Einführung von obligaten, strengen und recht häufigen Kolloquien“ („Zwei kaum bekannte Arbeiten des jungen Reich“, Wilhelm Reich Blätter, 2/80, S. 58-66).

Bernd A. Laska hat den Vorwurf, Reich hätte sich nicht mit seinen Berufskollegen, d.h. anderen Wissenschaftlern auseinandergesetzt, zurückgewiesen und darauf verwiesen, daß man sich nur die Jahre bis zu Reichs Ausschluß aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung anschauen müsse: es sei geradezu umgekehrt gewesen (Laska: Wilhelm Reich Blätter, 3/81, S. 139).

Dazu auch Freud über seine eigenen Erfahrungen:

Mir schien es (…), als ob die sogenannte wissenschaftliche Polemik im ganzen recht unfruchtbar sei. Abgesehen davon, daß sie fast immer höchst persönlich betrieben wird.

Freud weiter:

Sie werden nun gewiß urteilen, daß eine solche Ablehnung literarischer Diskussion einen besonders hohen Grad von Unzugänglichkeit gegen Einwürfe, von Eigensinn oder, wie man es in der liebenswürdigen wissenschaftlichen Umgangssprache ausdrückt, von „Verranntheit“ bezeugt. Ich möchte Ihnen antworten, wenn Sie einmal eine Überzeugung mit so schwerer Arbeit erworben haben werden, wird Ihnen auch ein gewisses Recht zufallen, mit einiger Zähigkeit an dieser Überzeugung festzuhalten. Ich kann ferner geltend machen, daß ich im Laufe meiner Arbeiten meine Ansichten über einige wichtige Punkte modifiziert, geändert, durch neue ersetzt habe, wovon ich natürlich jedesmal öffentlich Mitteilung machte. Und der Erfolg dieser Aufrichtigkeit? Die einen haben von meinen Selbstkorrekturen überhaupt nicht Kenntnis genommen und kritisieren mich noch heute wegen Aufstellungen, die mir längst nicht mehr dasselbe bedeuten. Die anderen halten mir grade diese Wandlungen vor und erklären mich darum für unzuverlässig. (Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, S. 235)

Freud sagt dann noch: „An den grundlegenden Einsichten habe ich bisher nichts zu ändern gefunden und hoffe, es wird auch weiterhin so bleiben“ (ebd. S. 236). Er führt die „allgemeine Auflehnung“ gegen die Psychoanalyse auf die „dritte Kränkung“ zurück, die nach Kopernikus und Darwin die Menschheit durch ihn, Freud erlitten habe (ebd. S. 273f). Reich hat diese Kränkung auf die Spitze getrieben:

Reichs Selbstverständnis als Wissenschaftler (Teil 1)

11. September 2012

Reichs grundsätzliches Selbstverständnis als Wissenschaftler kommt wohl am besten in seinen 12 „Grundregeln“ zum Ausdruck, die ich hier gekürzt und paraphrasiert wiedergebe:

  1. Die Instrumente zur Beobachtung und Messung sollten die gleiche Qualität haben wie die sinnlosen Luxusgegenstände, die man sich erträumt und für die man bereit ist Unsummen auszugeben.
  2. Man soll auf die Antworten hören, die einen die Natur gibt und nicht auf das, was ein Lehrbuch aus dem anderen abschreibt.
  3. Man soll nicht versuchen besonders clever zu sein, sondern einfach und bescheiden.
  4. Man soll nicht darauf achten, was denn die Mitmenschen über einen sagen könnten.
  5. Zu Beginn soll man sich streng an die Vorgaben für das jeweilige Experiment halten. Später kann man dann den Versuchsaufbau variieren und „kontrollieren“.
  6. Entsprechend soll man sich zunächst auf seine Sinne verlassen, danach aber das beobachtete mit Hilfe von Instrumenten verifizieren, die von den Sinnen unabhängig sind.
  7. Man soll nicht Ideen über Dinge ausspinnen, die man selbst nie beobachtet hat.
  8. Vorgänge und Gegebenheiten muß man aus ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten heraus verstehen und nicht fremde Gesetzmäßigkeiten abstrakt auf sie übertragen.
  9. Erfährt man von einer neuentdeckten natürlichen Grundfunktion, muß man bereit sein, seine bisherigen Vorstellungen einer Revision zu unterziehen.
  10. Man darf seine Fehler nicht verdrängen, sondern muß aus ihnen lernen.
  11. Man muß sich stets darüber im Klaren sein, was man (noch) nicht weiß.
  12. Eine Autorität ist nur derjenige, der sich mit dem gegeben Phänomen wirklich befaßt hat. Bloße akademische Titel bedeuten in dieser Hinsicht gar nichts. („Rules to Follow in Basic Research“, Orgone Energy Bulletin, 3(1), Jan. 1951, S. 63f)

Reichs Durchhaltevermögen, das in der grundsätzlichen Überzeugung fundiert war, den richtigen Weg zu gehen, war das Geheimnis seines Erfolges, während andere aus Bequemlichkeit und Selbstzweifeln zu schnell aufgaben. Reich führte dazu 1938 aus:

Es mußte (…) zu einem methodischen Grundsatz meiner Arbeit werden, jede technische Errungenschaft der wissenschaftlichen Forschung zu übernehmen, jede praktische Beobachtung genau zu registrieren, jedoch, um nicht gestört zu werden, jede theoretische Auslegung zunächst unbeachtet zu lassen. Ich pflege, um von vornherein Schwierigkeiten der Arbeit zu beseitigen, meine Mitarbeiter ausdrücklich darum zu bitten, nur ihre Technik und ihre Tatsachenkenntnisse anzuwenden, jedoch in der Arbeit und mir gegenüber irgendwelche gelernten Theorien oder Anschauungen zu vergessen. So wurde es möglich, den Versuch durchzuführen, Ruß zu glühen und in Bouillon + KCl quellen zu lassen, ja sogar zu kultivieren. Es stellt sich nämlich heraus, daß diese sogenannte physikalische Bewegung (Brownsche Bewegung), die ja als solche immer vorhanden sein müßte, bei Veränderung der Bedingungen nicht vorhanden ist, daß die Kohle- und Rußstäubchen schön ruhig daliegen, daß sie sich nach einiger Zeit der Quellung zu rühren beginnen etc. und daß die Bewegung nach mehreren Wochen oder Monaten aufhört. Die Bequemlichkeit des Denkens in der naturwissenschaftlichen Arbeit ist gewiß eine Erscheinung, die man bei Durchbrüchen in unwahrscheinlich klingende Gebiete sehr deutlich zu spüren bekommt. Man hat also in der zweiten Art wissenschaftlicher Forschung nicht nur Tatsachen und Probleme zu bewältigen und nicht nur gegen überlieferte, oft falsche Anschauungen zu kämpfen und sie zu widerlegen, mehr: Neben dem eigenen Gefühl von der Richtigkeit und Korrektheit der Annahmen, das unbedingt vorhanden sein muß, hat man mit den unerläßlichen und quälenden Zweifeln an der eigenen Sache zu kämpfen, die einen sowohl sehr befruchten, aber auch sehr oft veranlassen können, die Arbeit in einem verfrühten Stadium abzubrechen. (Die Bionexperimente, S. 176)

Die Geschichte der Orgonomie ist nicht die Entfaltung eines Dogmas, sondern eine ständige Selbstwiderlegung von Hypothesen. Reich ist während seines gesamten Forscherlebens von einer dieser Widerlegungen zur nächsten geradezu gestolpert, sie trennten ihn von der Psychoanalyse und dem Marxismus, denen er absolut gehuldigt hatte, seine elektrischen Spekulationen der 1930er Jahre erwiesen sich als unhaltbar. Dann entdeckte er eine spezifisch biologische „isolierte“ Strahlung – die sich als allgegenwärtiger Background erwies; er meinte nur im Menschen würde diese Energie blockiert, um dann zu entdecken, daß das DOR auch unabhängig vom Menschen auftrat.

Sein Assistent und Biograph Myron R. Sharaf führt aus, daß sich Reichs Selbstverständnis vor allem durch den Widerstand und das Unverständnis seiner Umwelt formte. Reich war, wie gesagt, ursprünglich allzu erpicht darauf, nur die Gedanken fortzuführen, die Freud und Marx/Engels/Lenin ins Rollen gebracht hatten. Nur die scharfe Zurückweisung durch die Psychoanalytiker und Marxisten brachte ihn dazu sich auf sein ureigenstes Anliegen zu konzentrieren. Als er sich des Ausmaßes und der ganzes Bedeutung seiner Entdeckungen bewußt wurde, hörte er auf sich als „nichts besonderes“ zu betrachten, sondern fing an zu fragen, welche Qualitäten es der Person Wilhelm Reich ermöglicht hatten, etwas zu leisten, was ohne diese Person nie hätte geleistet werden können (Sharaf: „Thoughts about Reich“, Journal of Orgonomy, 11(2), November 1977, S. 240-245).

Seine Antwort auf diese Frage nach seiner „Einzigartigkeit“ lautete nicht etwa, daß er, Reich, ein besonders großes „Genie“ gewesen sei. Nein, es fing schon damit an, daß er anders atmete!

Ich habe immer sehr gut geatmet. Die Leute dachten, es hätte mit mir etwas Besonderes auf sich, weil ich so gut atmete. Ich bin einmal zu einem Arzt gegangen, weil ich eine Sehnsucht in der Brust spürte. Er hat es überhaupt nicht verstanden. (Sharaf: „Some Remarks of Reich: Summer 1948“, Journal of Orgonomy, 3(1), S. 116-119, March 1969)

Reich hatte einfach eine Qualität, die den meisten anderen Wissenschaftlern abgeht: ein „Offensein“ für die Naturprozesse.

Ich fühlte mich mehr als Übermittler einer bestimmten Logik denn als weiser Denker, der „überlegen“ wissenschaftliche Schlußfolgerungen zieht. (Menschen im Staat, S. 175)

Das, d.h. das Fühlen wie ein „Neugeborenes“, das noch außerhalb der Gesellschaft steht, beinhaltet wiederum eine neue Haltung zur „Wertfreiheit“ der Wissenschaft.

Wissenschaftlern seien, so Bernd A. Laska in einer Buchbesprechung, „nur zwei Möglichkeiten denkbar, wie sie ihr Geschäft erledigen können: als wertfreie oder als parteiliche Wissenschaft“.

Laska fährt fort:

Das Konzept der wertfreien Wissenschaft geht von dem Dogma aus, das Werten könne prinzipiell nicht Aufgabe der Wissenschaft sein. Es ist deshalb gezwungen, jedem mündigen Menschen grundsätzlich Autonomie im Werten zuzusprechen. Das Paradoxe an dieser Position ist, daß Autonomie erst dem „Mündigen“ zugestanden wird, also gerade demjenigen, der in einem Anpassungsprozeß seine Autonomie eingebüßt hat, während dem wahrhaft autonomen Neugeborenen Autonomie abgesprochen wird. (Laska: Wilhelm Reich Blätter, 3/81, S. 160)

Es gibt zwei Arten von Wissenschaft: die erstere ist ein Instrument, „im Dienste der Tendenz des Menschen, den Problemen des lebendigen Lebens auszuweichen.“ Entsprechend unterschied Reich, wie Laska weiter ausführt, „zwischen notwendigem Irren aus Unkenntnis und nichtnotwendigem Irren, das aus dieser Tendenz erwächst“ (Laska: „Zur Bestimmung des Status der Reichschen Theorie: I. Allgemeiner Überblick“, Wilhelm Reich Blätter, 1/80, S. 8-20).

Reichs psychoanalytische Kollegen, typische Intellektuelle, sahen seine praktische Beschäftigung mit der sozialen Frage als Verrücktheit an (Menschen im Staat, S. 102), wo es doch für einen Arzt die selbstverständlichste Sache der Welt sein sollte. Das gleiche gilt für Reichs Beschäftigung mit der Biologie: es sollte doch für einen Arzt selbstverständlich sein, sich mit den biologischen Grundlagen des Lebens direkt auseinanderzusetzen:

Die Orgonomie ist die endgültige Wahrheit!

30. August 2012

Dieser Ausspruch stammt von Elsworth F. Baker, der bei einer Rede vor dem American College of Orgonomy der Frage nachging, warum einige Orgonomen die Orgonomie wieder verlassen (Journal of Orgonomy, 11(2), November 1977).

Wie kann jemand, der geistige Gesundheit für sich beansprucht, behaupten, die Orgonomie sei die endgültige Wahrheit?

Dazu müssen wir zu Vater und Mutter zurückkehren, aus deren Verbindung zunächst die Sexualökonomie und schließlich die Orgonomie hervorgegangen ist: Psychoanalyse und Marxismus.

Engels, Lenin, Trotzki und nicht zuletzt Reich waren der Auffassung, daß der Dialektische Materialismus nicht nur eine Denkmethode wie jede andere sei, eine „abstrakte Logik“, sondern, daß er die objektive Entwicklung der Natur unmittelbar widergibt. Reich läßt sich 1938 darüber eingehend in Die Bione aus.

„Kritische“ Marxisten haben sich stets gegen diese Interpretation gewandt, die ihres Erachtens den wissenschaftlichen Grundintentionen von Marx‘ zuwiderläuft.

Ähnliches findet sich in der Psychoanalyse, obwohl dort m.W. eine entsprechende Debatte fehlt: Freud hatte Probleme Affekte, d.h. kurz andauernde, heftige Emotionen, etwa plötzlicher Schrecken oder Ekel („Eine Schlange!!“), ansteckende Freude, etc. aus seiner Triebtheorie abzuleiten, da Affekte in einem „symbolischen“ Sinnzusammenhang stehen. Freud nahm gemäß seiner dualistischen Grundtendenz Zuflucht in abstrusen Theorien über die Phylogenese. Das „Keimplasma“ sei von außen punktuell geprägt worden. Hier stellt sich die Frage, ob der nach außen greifenden Libido nicht vielmehr quasi „monistisch“ selbst Struktur und damit „Sinnhaftigkeit“ und eine gewisse „Logik“ inhärent ist. Wie das konkret aussieht, hat Reich in den späteren Zusätzen zur Charakteranalyse und insbesondere in Die kosmische Überlagerung gezeigt.

Reich war, vielleicht als einziger, eindeutig der Meinung, daß der Marxismus und die Psychoanalyse sozusagen „aus sich selbst heraus“ eine Logik entwickeln. Nicht von ungefähr finden sich immer wieder Stellen in seinem Werk, wo er sich als willenloses Werkzeug einer „objektiven Logik“ sieht.

Es geht um diese Logik, nicht darum, daß die Orgonomie Antworten auf alle Welträtsel hat – sie hat sie eindeutig nicht. Es geht um die Frage, ob man charakterstrukturell in der Lage ist, sich der besagten objektiven Logik hinzugeben, sie zu verkörpern und möglichst unverzerrt zum Ausdruck zu bringen.

Sämtliche Orgonomen, die zum damaligen Zeitpunkt die Orgonomie wieder verlassen hatten, hatten, Baker zufolge, eine liberale Charakterstruktur, d.h. ihre intellektuelle Abwehr stand im Vordergrund. Entsprechend konnte für sie die Orgonomie unmöglich die „abschließende Wahrheit“ sein.

Am Ende stellt sich natürlich die Frage, ob das ganze nicht, oh Schreck, ein „totalitäres Konzept“ ist. Dezidiert nicht, denn den naheliegensten, offensichtlichsten Niederschlag der orgonomischen objektiven Logik in der menschlichen Sphäre findet sich in der „natürlichen (!) Arbeitsdemokratie“.

Wer den Orgonomen „Totalitäres“ andichtet, sitzt schlicht einem Vorurteil auf und hat nie mit einem Orgonomen diskutiert – und in einer kritischen Frage Recht behalten. Es gibt keine orgonomische Autorität außerhalb der objektiven Logik.

Andererseits sind wir alle Menschen und Reich, war, wie alle Genies, ganz besonders menschlich – allzumenschlich… An anderer Stelle habe ich mich eingehend mit totalitären Zügen innerhalb der Orgonomie auseinandergesetzt.

Noch zwei Punkte:

Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Glaubenslehren bzw. Ideologien könnte man daran festmachen, daß die Wissenschaft ihre Logik nicht aus sich selbst zieht, sondern sich am Maßstab der abstrakten Logik messen läßt. Dann stellt sich natürlich die Frage, woher diese Logik kommt, wo bzw. wie sie in der Natur verankert ist. Unversehens landet man so zwangsläufig in einer Platonistischen Weltsicht. Nichts gegen abstrakte Logik und Mathematik, aber zu glauben, daß sie einen per se vor Spökenkiekerei bewahren, ist illusorisch.

Überhaupt abstrakte Logik: Im Laufe meines Lebens habe ich schon einige schier endlos sich hinziehende Diskussionen mit rationalen und wissenschaftlich gebildeten Leuten hinter mir, die einer linearen und in sich kohärenten Logik folgten. Ich war stets der Uneinsichtige, der „über zig Ecken herum denkt“. „Ach Peter, Du immer mit Deiner Dialektik!“ Und „trotzdem“ habe ich am Ende immer recht behalten, d.h. die Wirklichkeit, die „dialektischen“ (funktionellen) Gesetzmäßigkeiten folgt, hat mir recht gegeben! Um diesen narzißtischen Absatz zu komplementieren: Ich verweise auf die Diskussionen zwischen dem „uneinsichtigen“ Niels Bohr auf der einen und Einstein und anderen linear denkenden Physikern auf der anderen Seite!

Zweitens der vulgärmarxistische Einwand: „Da fehlt die historische Sichtweise!“ Leuten, die so etwas sagen, geht es darum, alles gnadenlos zu relativieren, indem sie es in den „geschichtlichen Kontext“ stellen. Dabei weiß jeder, der nicht vollkommen ideologisch verblendet ist, daß es Konstanten in der Geschichte gibt. Die Soziologie hat die Biologie als Hintergrund, dazu gehören nicht zuletzt die Charakterstrukturen und Gegebenheiten wie die Emotionelle Pest. Das sind „überzeitliche Wahrheiten“, wie Reich es etwa in dem denkbar „unhistorischen“ Buch Christusmord beschrieben hat; wenn man so will, ewige Wahrheiten!

Und selbst auf dem ureigensten Gebiet des Marxismus, der Wirtschaftsgeschichte: Hat eine Bäckerei, ein Zirkus, eine Reederei, etc. zur Zeit des Römischen Reiches wirklich so viel anders gewirtschaftet als heute? Natürlich ist es unsinnig geschichtliche Veränderungen zu leugnen, beispielsweise ist in diesem Blog ständig vom Übergang von der autoritären zur antiautoritären Gesellschaft die Rede, aber wie manche das Diktum „unhistorisch“ als Todschlagargument benutzen, ist kaum weniger unsinnig. Es hat was, sich von wirren Sektierern, wirres Sektierertum vorhalten lassen zu müssen!

Reich der „schreckliche Vereinfacher“

8. August 2012

Wie die Komplexität der orgonomischen Fragestellung auf praktische Weise in das wirkliche Leben integrieren? Man müsse doch auch die andere Seite sehen, diese Sichtweise wäre doch einfach zu vereinfachend, so schematisch dürfe man das nicht sehen, dem Kritiker würden x Gegenbeispiele einfallen, etc. Wobei immer wieder neue Fragenkomplexe angerissen werden.

Das geschieht immer im Namen der „Wirklichkeit“ und der „Praktikabilität“. Die Wirklichkeit sei eben viel komplexer als unsere schönen Theorien und unsere vereinfachten Schemata wären viel zu grobschlächtig, um wirklich praktikabel zu sein.

Eben weil sie Kliniker und Pragmatiker waren, haben Reich und Elsworth F. Baker die Neurotiker auf eine einfache orgonometrische Gleichung reduziert (der abgewehrte und der abwehrende Trieb, der die Charakterstruktur bestimmt) – und die genaueren Klassifikationen draußen vor gelassen, weil man praktisch mit ihnen nichts anfangen kann. Es geht darum, sich vom unwesentlichen „Noise“ nicht erschlagen zu lassen und konsequent zum funktionellen Kern des Problems vorzudringen und dort anzusetzen.

Man nehme eine beliebige politische Affäre: natürlich kann man sich, wie es jeder Journalist tut, auf die „Wirklichkeit“ und damit auf den umfassenden Täuschungszusammenhang einlassen – oder man kann sich davon befreien und die Sache funktionell betrachten. Warum, zum Beispiel, haben sich die Konservativen auf mafiöse Methoden eingelassen? Das funktionelle Problem war die Linke in den 1970er und 1980er Jahren, die alles tat, um den Roten Faschismus im Osten zu stützen und im Inland durchzusetzen. Man stelle sich mal vor, die „realistische“ SPD hätte sich durchgesetzt und wir hätten die Staatsbürgerschaft der DDR anerkannt! Dagegen mußte und muß mit allen Mitteln mobil gemacht werden – was dann zu einem Selbstläufer wurde. – Was sonst so in den Zeitungen steht und im Fernsehen gesendet wird, geht, wie stets, am Kern des Problems vorbei. Hier ist es die aktionistische Linke, auf die die Rechte lediglich reagiert.

Und so in allem: der Funktionalist muß stets zu dem Kern des Problems vordringen, den alle anderen systematisch umgehen! Natürlich wäre es idiotisch, etwa bei einer Diskussion über Alkoholismus darauf zu insistieren, dem läge meist eine „unbefriedigte orale Panzerung“ zugrunde. Aber während die anderen der Vielgestaltigkeit des Phänomens Alkoholismus haltlos ausgeliefert sind und schließlich zu mechanistischen Erklärungen (Rezeptoren im Hirn, genetische Veranlagung, etc.) Zuflucht nehmen müssen, um nicht im klinischen Chaos zu versinken – hat der medizinische Orgonom festen Boden unter den Füßen, von dem aus er die Diskussion in die richtige Richtung lenken kann.

Warum fühlten sich die 68er letztendlich immer mehr zu Marx und Freud als zu Reich hingezogen? Weil Marx Tausende von Buchseiten hochkomplex und bis in jede kleinste Einzelheit den kapitalistischen Produktionsprozeß durchleuchtet hat – ohne selbst je eine Fabrik von innen gesehen zu haben oder irgendeine über politische Versammlungen hinausgehende Verbindung zur „arbeitenden/realistischen Sphäre“ gehabt zu haben! Reichs „Marxismus“, der aus der konkreten Sozialarbeit geflossen ist, war den 68ern einfach zu platt und schematisch – während Marx als „tief“ und „wirklichkeitsnah“ galt.

Das gleiche trifft auf Freud zu, der herrlich differenziert über die Neurosen und Perversionen schreiben konnte – während Reich als langweilig und zu grob schematisierend galt. Allein schon der naive Begriff von „psychischer Gesundheit“!

Reich:

Die Wirkung des Militarismus beruht massenpsychologisch im wesentlichen auf einem libidinösen Mechanismus: die sexuelle Wirkung der Uniform, die erotisch aufreizende, weil rhythmisch vollendete Wirkung der Parademärsche, der exhibitionistische Charakter des militärischen Auftretens sind einer Hausgehilfin oder einer durchschnittlichen Angestellten bisher praktisch klarer geworden als unseren gebildeten Politikern. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 50)

Wenn es um Fragen der „Umstrukturierung des Kleinkindes“ gehe, also um das, was Reich später als Projekt „Kinder der Zukunft“ bezeichnen sollte, sollten wir uns, so Reich, nicht an die „reaktionär ausgebildeten Psychologen halten“, sondern beispielsweise an das natürliche Empfinden von „Bergarbeitern“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 250).

Mit Marx und Freud und ihren kochkomplexen Erklärungsansätzen konnten die 68er im „wirklichen Leben“ etwas anfangen – während der Primitivling Reich für sie nichts weiter als ein unrealistischer, unpraktikabler Monomane war, mit dem man im „täglichen politischen Kampf, in der täglichen Praxis, in der täglichen Klinik“ nichts anfangen konnte.

Oder mit anderen Worten: Reich untergräbt das eine Kapital, von dem „Intellektuelle“ leben. Sie sind als „Übersetzer“ schlichtweg überflüssig, wenn die Lebenszusammenhänge einfach und überschaubar werden. – Sie sind Todfeinde der Arbeitsdemokratie.

Ja, diese Leute reden von Diskurs – die intolerantesten Menschen, die man sich überhaupt denken kann, die Begründer der Political Correctness, sprechen von Diskurs! Das Ergebnis dieses „Diskurses“ ist vorgegeben: „Fortschritt“ und „Demokratie“! Tatsächlich geht es nur um eins: den „Einfluß der Intellektuellen“:


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 31 Followern an