Nach dem Krieg gab es in Wien Unruhen und „Revolution“. Zum Beispiel kam es am 15. Juni 1919 zu einem kommunistischen Putsch-Versuch, der sich vor allem um die Wiener Universität zentrierte, da die KPÖ mehr oder weniger eine „Studentenpartei“ war. Viele später sehr prominente Kommunisten wie die Eisler-Geschwister, Karl Frank und William Schlamm begannen damals ihrer Karriere. Wie aus Reichs autobiographischen Aufzeichnungen Leidenschaft der Jugend abzulesen ist, war er mit vielen von ihnen befreundet und kokettierte zu dieser Zeit mit dem Kommunismus, er schloß sich aber nicht an, weil er zu sehr vom radikalen Individualismus Max Stirners und dem Psychologismus Freuds beeinflußt war.
Viele, wenn nicht die meisten, der Psychoanalytiker waren Sozialdemokraten. Beispielsweise war Paul Federn sehr aktiv. Und auch Freud selbst war der Sozialdemokratie freundlich gesonnen (obwohl er in den 1930er Jahren mit den Dollfuß-Faschisten sympathisierte). Circa 1924 (m.W. konnte bisher niemand das genaue Datum bestimmen) trat auch Reich der SDAP, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs, bei und engagierte sich in der Jugendarbeit (vgl. Myron Sharaf: Fury on Earth). Wien war „rot“, d.h. von der SDAP geprägt, während der Rest des Landes durch die konservativen Christsozialen kontrolliert wurde. Die KPÖ blieb eine Randerscheinung. Mittlerweile war sie zur Partei einiger Intellektueller geworden, um die sich desillusionierte arbeitslose Arbeiter und Lumpenproletarier scharrten; eine Bande von Desperados, die nichts zu verlieren hatten. Die Rhetorik der SDAP war zwar sehr radikal, aber ihre tatsächliche Handlungsweise blieb extrem defensiv und kompromißlerisch bis zur Selbstaufgabe.
Im März 1925 tötete ein junger Nazi namens Otto Rothstock den jüdischen Journalisten und Schriftsteller Hugo Bettauer. Bettauer gab ein sehr populäres Magazin über Fragen des Lebens, insbesondere aber des Sexuallebens heraus. Ein Großteil der Patienten von Reichs Psychoanalytischem Ambulatorium für Arme kam durch Bettauers Publikation. Reichs Freund Bettauer wurde im Namen der Moral getötet. Die nationalistischen Christsozialen und sogar einige Stimmen der bürgerlich-liberalen Presse feierten den Mordanschlag als Akt der moralischen Selbstverteidigung des Volkes. Und im angeblich „Roten Wien“ war es möglich, daß der Attentäter zwar verurteilt, dann aber als verrückt eingestuft und in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen wurde, wo er prompt als geistig normal diagnostiziert wurde. Nach nur eineinhalb Jahren war er wieder ein freier Mann. Es war offensichtlich, daß der Staatsanwalt und der Richter Rothstocks Tat verstanden, dessen moralischen Furor teilten und ihm sehr gewogen waren.
Später verteidigte Rothstocks Anwalt auch die Nationalisten, die in eine Ansammlungen von Sozialdemokraten geschossen hatten (siehe Menschen im Staat). Die Verteidigung hatte einen ähnlichen Erfolg wie bei Rothstock. Das war der letzte Tropfen, es kam angesichts dieser „Klassenjustiz“ zu Unruhen und das städtische Gerichtsgebäude wurde von empörten Demonstranten abgefackelt. Auch Reich muß über diese beiden Fälle empört gewesen sein. Zufällig wurde er Zeuge des Aufstandes und sah, daß im „Roten Wien“ die sozialdemokratische Polizei in die Menge schoß, um vorsätzlich Arbeiter zu töten. Das trieb ihn in die Arme der Kommunisten.
Dabei wurde er von der kommunistischen Ärztin Marie Frischauf-Pappenheim angeleitet. Ende 1928 gründeten beide die „Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“. Nach außen hin war sie „sozialistisch“, aber nur Kommunisten waren in ihr aktiv und nur das kommunistische Organ Die Rote Fahne machte für die Gesellschaft Werbung. Die Gesellschaft war der Hintergrund, der es Reich ein Jahr später ermöglichte die Gruppierung „Revolutionäre Sozialdemokraten“ zu begründen. Reich wurde daraufhin aus der SDAP ausgeschlossen, da dies eindeutig einen Versuch darstellte, eine kommunistische Fraktion innerhalb der SDAP zu bilden. Reich setzte jedoch seine Aktivitäten „innerhalb“ der SDAP fort und schließlich traten die „Revolutionären Sozialdemokraten“, einschließlich Reich, im April 1930 offiziell der KPÖ bei. Reich brachte neue Mitglieder in die Partei, aber schon bald wurde dieser Erfolg durch Stalinistische Säuberungen wieder zunichte gemacht.
Enttäuscht ging Reich im Herbst 1930 nach Berlin, wo die KP tatsächlich eine echte Massenbewegung war. Doch auch dort sollte ihm ähnliches widerfahren. Er übernahm die Leitung der kommunistischen Unterwanderung der hauptsächlich sozialdemokratisch geprägten Sexualreformbewegung. Wieder war der Erfolg eher mäßig und die Partei war lediglich daran interessiert, neue Mitglieder für ihre Frontorganisationen zu gewinnen, während Reich wirklich an der Sexualreform interessiert war und dies vor allem auch innerhalb der KPD. Das zu einer Zeit, als die Führung der Partei gegen die moralischen, d.h. endmoralisierenden Auswirkungen der „Wilden 20er“ und für revolutionäre und militärische Disziplin und Moral kämpfte.
1932 versuchte Reich sogar mit Hilfe seines Sexpol-Zentrums in Berlin die Partei zu demokratisieren: die Funktionäre sollten keine Anordnungen erteilen, sondern zunächst einmal auf die Arbeiter mit ihren täglichen Bedürfnissen und Erfahrungen hören. Reich und seine Schriften wurden verboten und Anfang 1933 war klar, daß Reich an die Wand gestellt worden wäre, wenn statt der Nationalsozialisten die Kommunisten an die Macht gekommen wären. Trotzdem glaubte Reich nach wie vor, daß er noch einigen Einfluß in der Partei habe. So schrieb er beispielsweise im Oktober 1933 an Trotzki:
Ich bin noch Mitglied der KPD, stehe jedoch in schwerster Opposition und bin nur deshalb noch nicht ausgeschlossen worden, weil erstens sich kein Kompetenter findet, der meine sexualpolitische Theorie kritisieren kann, und zweitens, weil mein Einfluß zu groß ist. Die Sache soll sich demnächst entscheiden.
Wenige Wochen später wurde er aus der dänischen KP ausgeschlossen. Er war noch nicht aus der deutschen KP ausgeschlossen worden, weil diese fast vollständig zerstört worden war und alles im Chaos lag. Wie zur Zeit des Untergangs der „DDR“ hatten die deutschen Kommunisten keine Vorbereitungen für die Zeit nach ihrer Niederlage getroffen, – da eine Niederlage dem Historischen Materialismus gemäß ausgeschlossen war.
In Dänemark lernte Reich die Kommunisten zu hassen. Die kommunistische „Rote Hilfe“ war nur für Parteimitglieder tätig. Diejenigen, die kein Mitgliedsbuch vorzeigen konnten, wurden abgewiesen. Aber welcher Narr würde sein Mitgliedsbuch bei sich tragen, wenn er von der Gestapo verfolgt wird? Noch grotesker war die Frage, ob die Partei dem jeweiligen Genossen gestattet hatte, Deutschland zu verlassen! „Ach, Du bist von der revolutionären Front fahnenflüchtig, während Deine Genossen in den Konzentrationslagern zu Tode gefoltert werden!“ Reich war einfach schockiert über diese unmenschliche, kontaktlose und verächtlich Bürokratie (vgl. Menschen im Staat). So wurde er zum „Trotzkisten“. Natürlich, trat er nicht der Trotzkistischen Vierten Internationale bei und sicherlich war Reich Trotzki nicht orthodox genug, aber dennoch war Reich für die Stalinisten ein Trotzkistischer Feind und Verräter. Reich erwog sogar die Idee eine neue KP zu formieren. Sozusagen erneut „Revolutionäre Sozialdemokraten“, aber diesmal gegen die Stalinisten gerichtet.
Während dieser Zeit, siehe z.B. seine Korrespondenz mit Sergej Eisenstein, hatte Reich noch Kontakte innerhalb der Sowjetunion. Oder wie er später in sein Tagebuch notierte: „1934, als ich noch in engen Kontakt mit den Menschen Rußlands, seinen Institutionen und seiner Literatur stand” (American Odyssey, S. 236). Ende 1935 verbreitete er seine Schrift Masse und Staat: Zur Frage der Rolle der Massenstruktur in der sozialistischen Bewegung. Circa 100 Exemplare wurden verbreitet und gingen, neben „ausgewählten Genossen“ in der kapitalistischen Ländern, in die Sowjetunion „an die wichtigsten führenden Stellen“. Dergestalt schickte er Stalin, was später Kapitel 9 der Mass-psychology of Fascism werden sollte! (Die von Higgins zu verantwortenden Ausgaben sind konfus in ihrer Kapitel-Einteilung.) Dasselbe Kapitel, welches zehn Jahre später die Redaktion der Stalinistischen Zeitschrift New Republic dermaßen empörte und Auslöser der Brady-Kampagne war.
In einem Brief an A.S. Neill vom 19. Oktober 1950 sollte Reich sagen: „Ich selbst habe schon in Europa Angst vor dem Kommunismus gehabt (…).“












