Mit ‘Eugenik’ getaggte Artikel

Zuchtprogramme im Menschentierzoo

9. Mai 2013

Zu Reichs Zeiten, d.h. in der autoritären Gesellschaft von vor 80 Jahren, war Wissen um Empfängnis und mögliche Empfängnisverhütung in weiten Kreisen der Bevölkerung nur marginal vorhanden. Und selbst wenn: Empfängnisverhütungsmittel waren teuer und schwer zu beschaffen. Für junge Menschen sogar so gut wie unerschwinglich und unerreichbar. Teilweise wurde ihr Vertrieb, wenn nicht sogar die bloße Werbung für sie, als „Anstiftung zur Unmoral“ hart bestraft. Ein erfülltes Sexualleben war so gut wie ausgeschlossen und reihenweise kamen Kinder auf die Welt, die nur mit Haß und Verachtung behandelt wurden, – weil sie aus einem Akt hervorgegangen waren, der von diesen Gefühlen bestimmt gewesen war. Am Horizont zeichnete sich eine eugenische Katastrophe ab. Siehe dazu die Überlegungen des Sozialisten Otto Mainzer.

Unter diesen Bedingungen, die Reich in Schriften wie Die sexuelle Revolution eindringlich beschreibt, war es nur folgerichtig, alle Hoffnung in den Sozialismus zu setzen. Sexualökonomie und eine „sozialistische Ökonomie“ schienen für einander bestimmt.

Wie bereits an anderer Stelle angeschnitten, stellen sich die Verhältnisse heute, d.h. in der antiautoritären Gesellschaft drastisch anders dar, nämlich diametral entgegengesetzt. Heute führt die Hilfe des Staates für die „Armen und Benachteiligten“ geradezu zum Verzicht auf Verhütungsmittel, sind doch Kinder bares Geld wert und ein gutes Argument für weitere staatliche Unterstützung. Das ist keine bloße Theorie! Wenn man nach Amerika schaut, war das imgrunde zutiefst rassistische Argument der weißen Liberalen stets, daß schwarze Welfare Queens mit Verhütungsmitteln nicht umgehen könnten und deshalb der Staat für die Folgen ihres offensichtlich unkontrollierbaren Trieblebens aufkommen müsse. Nachdem die asozialen Wohlfahrtsprogramme von den Republikanern während der 1990er Jahre im Congress zusammengestrichen wurden: oh Wunder, urplötzlich wußten die jungen Damen mit Verhütungsmitteln umzugehen! Inzwischen hatten die durch staatliche Hilfe in vaterlosen „Familien“ herangewachsenen Kinder die Innenstädte Amerikas in veritable Höllen verwandelt. Es waren vom Sozialismus ungefähr jene Zustände erzeugt worden, wie Reich sie aus den Armenvierteln Wiens nach dem Ersten Weltkrieg kennengelernt hatte.

Nicht nur, daß der Asozialstaat dort Kinder „erzeugt“, wo sie nicht hingehören, nämlich in Schichten, die sich nicht fortpflanzen sollten, verhindert er gleichzeitig durch seine verbrecherische Enteignungspolitik (genannt „Steuerpolitik“) die Erzeugung von Kindern bei Facharbeitern, Angestellten und dem „Bürgertum“, muß er doch für eine Verbreiterung seiner Steuerbasis durch Einbindung der Frau in den Arbeitsprozeß sorgen. Da sind mehr als ein Kind, allerhöchstens zwei Kinder nicht tragbar! Schließlich sollen die Frauen Karriere machen und entsprechend Steuern zahlen!

Der sozialistische Staat zerstört wirklich alles, wofür der Name „Wilhelm Reich“ steht. Er nimmt in Gestalt von Kinderkrippen den Kindern ihre Mütter und schädigt die Kinder damit auf eine nicht wieder einholbare Weise. Da die Mütter kaum noch Zeit für die Kinder haben, kommt es beispielsweise zu einer Epidemie an Sprachentwicklungsstörungen. Bereits jedes dritte Kind soll betroffen sein. Und man erzähle mir nicht, daß die von ihren Kindern befreiten „Karrierefrauen“ wirklich glücklicher sind. Zumal „Karriere“ für die meisten bedeutet, öde Tage im Büro oder gar an der Supermarktkasse zu verbringen.

Das schlagende Gegenargument ist dann natürlich „Unabhängigkeit“. Die „Karriere“ mache die Frauen unabhängig vom Mann. Das wird aber durch eine Abhängigkeit vom Staat erkauft, der die Kinder ganztägig „betreuen“ soll. Verzichtet sie ganz auf Kinder, kann man ihr nur viel Spaß am einsamen und sinnleeren Lebensabend wünschen!

Die Frau sucht die Gene aus, mit deren Hilfe sie ihre Keimbahn fortsetzen will. Wenn sie vom Mann abhängig ist, wählt sie diesen und damit die Gene desto sorgfältiger. Jeder „soziale“ Eingriff unterminiert dergestalt die Höherzüchtung der Menschheit: er zerstört das, was seit zig Millionen Jahren die Evolution vorantreibt

Sozialismus ist kurz gesagt gleichbedeutend mit der Vermittlung falscher Signale und Anreize, so daß Menschen die falschen Entscheidungen treffen und Ressourcen falsch verteilt werden. Im Bereich der Ökonomie ist das offensichtlich. Warum sollte es im Bereich der Sexualökonomie so viel anders sein? Haben die Sozialisten von der SPD, den Grünen und der CDU/CSU auch nur den blassesten Schimmer davon, was sie da regulieren wollen? Auch nur einen Funken Demut angesichts der Natur des Menschen? Haben sie, mit Verlaub, noch alle Tassen im Schrank?

Zum Abschluß eine Gruppe, die sich ebenfalls nicht fortpflanzen sollte – und unter normalen Umständen dazu auch keine Chance hätte:

The Journal of Orgonomy (Vol. 16, No. 1, May 1982)

16. Januar 2012

Jerome Greenfield: „Wilhelm Reich: ‘Alien Enemy’” (S. 91-109).

Greenfield referiert und kommentiert die FBI-Akten und die Zeitzeugen zu Reichs Inhaftierung als „feindlicher Ausländer“ auf Ellis Island Ende 1941. Als Österreicher war Reich Bürger des Großdeutschen Reiches und damit potentiell Spion und Saboteur. Aus den Akten geht jedoch hervor, daß es den Behörden in diesem Fall um etwas ganz anderes zu tun war, geradezu um das Gegenteil: es ging um Reichs „kommunistische Machenschaften“, wobei die typisch bürokratische Verwechslung mit einem Kommunisten namens „William Reich“ eine zentrale Rolle spielte.

Reich konnte davon nichts ahnen und glaubte, seine alten Feinde, insbesondere die Psychoanalytiker, hätten ihre Beziehungen spielen lassen, um ihn endgültig fertigzumachen. Liest man Reichs damalige „paranoid“ angehauchten Ausführungen (Briefe und Tagebucheintragungen) ist man in die Welt seiner späteren gerichtlichen Auseinandersetzungen und Inhaftierung versetzt. (Alle Theorien über seinen Geisteszustand am Ende seines Lebens sind deshalb hinfällig!)

Wie sehr ihn das ganze damals belastete, zeigt ein Vergleich des damaligen „Mugshot“ mit späteren Bildern. Ellis Island löste einen regelrechten Alterungsschub aus. Das Gefühl des Ausgeliefertseins muß grenzenlos gewesen sein.

Was m.W. weder Greenfield noch andere Biographen erörtert haben: Man muß Reichs Behandlung mit der alptraumhaften Masseninhaftierung von japanisch-stämmigen Amerikanern parallel setzten. Das Vorgehen der US-Behörden unterscheidet sich in nichts von dem der Nazis, für die nach einer ganz ähnlichen verqueren „Logik“ die Juden ebenfalls „feindliche Ausländer“ waren, die für die Dauer des Krieges in Lager verfrachtet werden mußten.

Man denke im Vergleich auch an die Geschichte des deutsch-jüdischen Soziologen Alphons Silbermann, der nach Australien immigriert war. Anfang des Krieges wurde er zusammen mit Nazisympathisanten in einem Konzentrationslager (sic!) im Zentrum der australischen Wüste festgesetzt. In Deutschland ermöglichte eine derartige „normale Vorgehensweise“ den Holocaust.

Vergessen sei in diesem Zusammenhang auch nicht, daß Ellis Island eine unrühmliche Geschichte hatte. Die Amis waren an „nordischen Menschen“ interessiert, entsprechend wurden auf Ellis Island die Einwanderer nach „rassischen“ und eugenischen („rassenhygienischen“) Gesichtspunkten selektiert.

Die „eugenische Bewegung“ war mächtig und international und vor allem „progressiv“. Beispielsweise wurde im sozialdemokratischen Skandinavien zu Reichs Zeiten in dieser Hinsicht kaum eine andere Politik betrieben wie unter den Nazis, inklusive Zwangsterilisation von „antisozialen Elementen“.

Der Rote Faden: Rockefeller

22. Oktober 2011

Es gibt kaum etwas Naiveres als zu glauben, die gegenwärtige Schulwissenschaft sei ausschließlich ein „Produkt des Labors“. Vielmehr wurden durch mächtige Organisationen aufgrund außerwissenschaftlicher Überlegungen die Weichen gestellt. Bis heute werden Abweichler, wie einst in kommunistischen Staaten, verfolgt und ihre Existenz vernichtet. Es wird eine Atmosphäre geschaffen, in der genuine Wissenschaft so gut wie unmöglich ist. Kurioserweise erfolgt diese ideologische Ausmerze unter der frechen Überschrift „Skeptizismus“.

Der Wissenschaftshistoriker James Strick hat aufgezeigt, daß in den 1930er Jahren die Rockefeller Foundation weltweit der einzige (nichtstaatliche) Geldgeber in der biologischen Forschung war. Alle Versuche Reichs, Gelder für seine kostspielige Bionforschung zu erhalten, wurden abgeblockt, insbesondere von den beiden „antifaschistischen“ Genetikern Otto Mohr und dessen Protegé Leiv Kreyberg, die offensichtlich Angst davor hatten, daß ihr Kampf gegen die faschistische Eugenik durch Reich kompromittiert werden könnte.

Sowjetische Genetiker wollten, daß Mohr als einer der „progressivsten“ Kritiker der faschistischen Rassenideologie 1937 nach Moskau zu einem internationalen Genetik-Kongreß komme. Dieser Kongreß wurde aber wegen dem aufkommenden „Lysenkoismus“ und den Säuberungen abgesagt (Brigitte Johler: Wilhelm Reich Revisited, Wien 2008, S. 98f).

Die Rockefeller Foundation unterstützte nur Forschungen, die dem Reduktionismus folgten: Biologie → Chemie → Physik. Leben sollte nicht mehr sein als eine besondere Art von „Maschine“.

Christopher Turner hat in seiner neuen Reich-Biographie sehr ausführlich dargestellt, daß auch Reichs zweites Betätigungsfeld, die „sexologische“ Forschung, von der Rockefeller Foundation bestimmt wurde. Hier ist insbesondere Alfred Kinsey zu nennen, der, ursprünglich Insektenforscher, ein direktes Produkt des von der Rockefeller Foundation mit ihrer Finanzmacht durchgedrückten Reduktionismus war. Anfangs ging es der Rockefeller Foundation darum, die Bevölkerung zur weitgehenden sexuellen Abstinenz zu erziehen. Kinseys Veröffentlichungen hatten zwar den gegenteiligen Effekt (Adventures in the Orgasmatron, New York 2011), – aber die Auswirkung auf die genitale Gesundheit war langfristig noch verheerender.

Man kann davon ausgehen, daß die Rockefeller Foundation das 20. Jahrhundert geprägt hat: aus der Biologie wurde eine „Nekrologie“, die unser Selbstverständnis im Kern geformt hat und die einst so hoffnungsvolle „mentalhygienische Bewegung“ degenerierte zur Massenpropagierung von Perversionen und „recreational sex“. Aus der imgrunde mystisch orientierten autoritären Gesellschaft wurde die heute durch und durch mechanistische anti-autoritäre Gesellschaft. Aus den Freiheitsbestrebungen wurde eine Gesellschaft, die fast flächendeckend auf Droge ist.

Das 20. Jahrhundert hätte Reichs Jahrhundert sein können. Die biologische und die sexologische Forschung hätten ganz andere Wege einschlagen können. Wall Street und die Kommunisten haben das gemeinsam verhindert. Statt orgastische Potenz beherrscht die orgastische Impotenz den gesamten Diskurs bis heute.

Es geht hier nicht darum, daß irgendwelche „Geheimgesellschaften“ in Hinterzimmern sitzen und die Völker manipulieren. Es geht darum, daß jene extrem orgastisch Impotenten mit Gewalt und Manipulation an die Spitze der Wirtschaft und der Staaten gelangen, die vor allem ein Grundimpetus nach oben getrieben hat: die Todesangst vor autonomen Funktionen. Deshalb müssen sie die Arbeitsdemokratie („Liebe, Arbeit und Wissen“) mittels „Kinsey“, Sozialismus und mechanistischer Wissenschaft zerstören. Das verbindet Charaktere wie J.P. Morgan und Stalin. Politische und wirtschaftliche Zwänge und Interessen sind nur vorgeschoben.

Grundsätzlich ist das Elend von Verschwörungstheorien, daß sie mit mechanistischen Modellen arbeiten („x wirkt auf y, das auf z wirkt. z wirkt auf x zurück und gemeinsam rufen sie a hervor, etc.pp.“). Wie es typisch für den Mechanismus ist, werden solche „Schaltpläne“ immer verwickelter und schließlich wirkt alles auf alles ein. Verschwörungstheoretiker wählen dann nach eigenem Gusto ihre persönliche Kausalkette aus und streiten sich bis aufs Blut mit anderen, die andere Kausalketten ausgewählt haben. Der Student der Orgonomie läßt sich von vornherein nicht auf einen derartigen Unsinn ein, sondern arbeitet mit einfachen Funktionsschemata, die sich stets auf die drei Grundströmungen jeder Gesellschaft zurückführen lassen: Funktionalismus, Mechanismus und Mystizismus.

Da diese funktionellen Prozesse immer von Menschen repräsentiert werden, sind natürlich überall Strategen tätig. Beispielsweise wurde die Occupy Wall Street-Bewegung von der kommunistischen Obama-Regierung und ihren Freunden in Wall Street, der sie Milliarden, sogar Billiarden zugeschanzt hat, ins Leben gerufen, um der Tea Party-Bewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen und dafür zu sorgen, daß Obama Antichrist in einer zweiten Amtsperiode mit seinem Zerstörungswerk fortfahren kann.

Hierher gehören auch der etwa vom Bertelsmann-Konzern finanzierte „Kampf gegen Rechts“ und die „multikulturelle Gesellschaft“. Projekte, in denen „Rockefeller“ und die Kommunisten wieder Hand in Hand marschieren, um Völker in formbare Massen zu verwandeln. Kritischen Geistern werden Dinge wie „9/11“, „HARP“ oder beispielsweise „Chemtrails“ vor die Füße geworfen, damit sie mit Unsinn beschäftigt sind und sich vollständig diskreditieren. Die Massen sollen gefälligst David Icke studieren, statt etwa Wilhelm Reich!

Aber trotz der erwähnten „Strategen“: es ist ein grundsätzlicher Fehler rationalistisch an Verschwörungen heranzugehen. Verschwörungen sind in erster Linie „emotionale Verschwörungen“, die größtenteils auf nonverbalen Übereinkünften beruhen und auf gemeinsamen (charakter-) strukturellen Zwängen. Man denke nur ans alltägliche Mobbing oder die heimliche Kumpanei weiter Kreise, insbesondere in den Medien, mit linksterroristischen Bestrebungen. Man versteht sich!

Es ließe sich einwenden, daß doch Christopher Turner die Rolle der Rockefeller Foundation dargestellt habe. Ausgerechnet er als Feind Reichs! Wie passe das denn zusammen? Verschwörungen funktionieren schlichtweg nicht so, daß alles zusammenpaßt wie die Zahnräder in einem Uhrwerk. Es geht um gesellschaftliche Funktionen und ihre Repräsentanten. Verschwörungstheoretiker sind hingegen, ja, mechanistische Reduktionisten.

Der Rote Faden: Sozialdemokraten (Teil 1)

11. Juni 2011

Zwischen 1926 und 1928, also genau zu der Zeit von Reichs politischer Radikalisierung, begann die Arbeiterbewegung in Österreich und Deutschland Selbstmord zu begehen und damit den Weg für die Machtübernahme der Klerikalfaschisten und Nationalsozialisten zu ebnen. Man kann Reichs Geschichte nur richtig würdigen, wenn man versteht, daß genau hier das seine Anfänge nahm, was später als „Kalter Krieg“ bezeichnet wurde – und daß Reich eine zentrale Figur in diesem Spiel war.

  • 1926 gab sich die sozialdemokratische Partei Österreichs, die SDAP (die sich nach dem Krieg aus naheliegenden Gründen in „SPÖ” umbenannte) das „Linzer Programm“, dessen zentrale Botschaft lautete, daß die Sozialdemokraten nur auf demokratische Weise handeln würden. Nur wenn die reaktionäre antirepublikanische Gegenrevolution den Staat an sich reiße, würden die Sozialdemokraten mit allen Mitteln kämpfen – d.h. wenn es bereits zu spät ist. Die SPD folgte der gleichen Politik.
  • 1928 rief Stalin eine neue Politik der Kommunistischen Internationale (Komintern) ins Leben: der Kampf gelte nicht mehr primär den Faschisten, sondern den Sozialdemokraten (Fritz Keller: Gegen den Strom. Fraktionskämpfe in der KPÖ – Trotzkisten und andere Gruppen 1919-1945, Wien 1978).

Das ganze wurde durch den Umstand weiter akzentuiert, daß die SDAP mit ihrem „Austromarxismus“ zu den radikaleren sozialdemokratischen Parteien in Europa gehörte. Ihre Rhetorik war entsprechend stets sehr militant, während ihr reales Handeln von Defätismus geprägt war. Solange die Bourgeoisie demokratisch bleiben würde, bliebe auch die SDAP legalistisch. Die Kommunisten sagten von Anfang an zu dieser SDAP-Politik, daß es sowieso gar keine Demokratie gäbe, sondern nur die Diktatur des internationalen Finanzkapitals, die sich nur demokratisch drapiere. Mit dem „Aufstand“ vom 15. Juli 1927 sei die Maske endgültig gefallen und die wahre Natur des bürgerlichen Staates käme zum Vorschein.

Offensichtlich war für Reich, ein unmittelbarer Zeuge des Geschehens, dieser Vorfall ein überzeugendes Argument, so daß er von einem Sozialdemokraten zu einem Kommunisten wurde. Er sah nicht nur, daß die sozialdemokratische Regierung auf unbewaffnete Arbeiter schoß, sondern mußte auch einsehen, daß nun, wo die Bourgeoisie ihr wahres faschistisches Gesicht zeigte und nicht mehr demokratisch agierte, die sozialdemokratische Führung immer noch den legalistischen Vorgaben folgte, die Arbeiter nicht bewaffnete, etc.

F. Fürnberg, Vertreter der KPÖ in der Moskauer Zentrale der Komintern, vertrat die These, daß nun die österreichische Bourgeoisie ihre Macht spüre, deshalb den Kompromiß mit der Sozialdemokratie aufbreche und den Angriff wähle. Dies erzwinge eine neue Taktik der Kommunisten gegenüber der SDAP. Es gelte nicht mehr die SDAP als Gesamtheit zu bekämpfen, sondern man solle versuchen den linken Flügel der SDAP abzuspalten. Innerhalb der innerparteilichen Opposition seien Kristallisationspunkte zu bilden, um die sich die Massen sammeln, so daß eine Abspaltung herbeigeführt werden könne (Alexander Watlin: Die Komintern 1919-1929, Mainz 1993, S. 148). Reich sollte eine Hauptrolle in diesem Plan Moskaus spielen. Siehe dazu meine Ausführungen über die Revolutionären Sozialdemokraten.

Aber betrachten wir die Sache von der Warte der Sozialdemokraten: Der junge Reich war ein Protégé seines Lehranalytikers Paul Federn, einem engagierten Sozialdemokraten. Für Leute wie Federn wurde das Freudsche „Unbewußte“ zum „falsche Bewußtsein“ der Massen, das von Aufklärern wie ihm in ein „richtiges Bewußtsein“ durch Erziehung und Instruktion umzuwandeln sei. Wo Es war sollte Ich sein. Sozialistische Vernunft sollte an die Stelle animalischer Anarchie treten. Es ging um Bildung, Selbstbeherrschung, Triebregulation, Zucht und Ordnung. Als Reich mit seiner Orgasmustheorie auftrat und sich mit dem „triebhaften“ Lumpenproletariat zu beschäftigen begann, war das die ultimative Provokation. Als er sich dann auch noch der KPÖ annäherte, war endgültig Schluß. Dazu muß man wissen, daß die SDAP die „kleinbürgerlichen“ Arbeiter in Lohn und Brot vertrat, während die KPÖ größtenteils von den Arbeitslosen unterstützt wurde.

Siehe auch meine Ausführungen über Reichs Hochschullehrer Julius Tandler in Der Blaue Faschismus. Während für Leute wie Tandler und Federn ethische Gesichtspunkte die biologische Zukunft der Menschheit bestimmen sollten, war Reichs Herangehensweise streng wissenschaftlich, wie wir im letzten Teil gesehen haben. Die „sozialdemokratische Ethik“ hatte eindeutig antisexuelle Züge.

Der Sozialist Tandler sprach stets voll Verachtung vom „rücksichtslosen und unverantwortlichen Lumpenproletariat“. 1929 war Tandler ganz begeistert von der Prohibition in Amerika. Bereits 1905 während seiner Arbeit in der Arbeitervereinigung der Abstinenzler beschäftigte er sich als Anatom mit „humanen Kastrationsmethoden“ für Alkoholiker (beispielsweise mit Röntgenstrahlen). 1928 trat er für die „Ausmerzung” aller biologisch Minderwertigen ein: Süchtige, Berufsverbrecher, Sexualstraftäter, geistig Zurückgebliebene, schwere Epileptiker. Tandler machte dabei nie deutlich, wie er sich das praktisch vorstellte. Er wollte der Generationenfolge von Alkoholikern ein Ende setzen, indem ihr Sexualleben kontrolliert werde, da dies jedoch nicht praktikabel war, dachte er auch an gesellschaftspolitische Maßnahmen (Doris Byer: Rassenhygiene und Wohlfahrtspflege, Frankfurt a.M. 1988). Mag sein, daß er dabei an die erwähnten „humanen Kastrationsmethoden” dachte oder vielleicht auch heimlich, wie ganz offen sein sozialistischer Mitstreiter George Bernard Shaw, an die Vernichtung minderwertigen Lebens in Gaskammern.

In ihrer Studie „Zur Entstehung eines sozialdemokratischen Machtdispositivs in Österreich bis 1934” stellt Doris Byer fest, daß die Gefühle, die Tandler und seine sozialdemokratischen Mitstreiter, für das „Lumpenproletariat“ hegten, immer mit dem Abscheu vor Kontrollverlust zu tun hatten, insbesondere was Trunksucht und Sexualität betraf. Mit Schrecken dachten sie daran, daß Proletariat und Mittelklasse aufgrund individueller wirtschaftlicher Überlegungen immer weniger Kinder bekommen, die bedenken- und gewissenlosen Lumpenproletarier sich jedoch ungehemmt fortpflanzen.

Byer merkt an, daß die sozialdemokratische Stadtverwaltung Wiens sich vehement gegen Konzepte wandte, bei denen, wie in Reichs Sexualberatungsstellen, zwischen einem mächtigen jedoch unwissenden Subjekt (Reich) und einem machtlosen jedoch wissenden Subjekt (dem Lumpenproletarier) vermittelt wurde. (Man denke in diesem Zusammenhang etwa an Reichs Diskussionen mit „Zadniker“, aus denen Reich ungeheuer viel gelernt hat, was er in Menschen im Staat beschreibt.) Für die Sozialdemokraten, echten „Roten Faschisten”, ging es hingegen nur um Instruktion von oben nach unten. Die Massen haben zuzuhören und zu lernen! (Geistesgeschichtlich geht das Konzept des Sozialismus letztendlich auf Platos Theorie vom Philosophenstaat zurück. Imgrunde nichts anderes als der „Führerstaat“!)

Tandler, der sozialdemokratische Politiker und Arzt, sieht den Arzt als eine Art Vermittler zwischen dem Staat und dem Bürger, zwischen dem Individuum und dem Organismus der Nation. Er betrachtet den Arzt als einen „Manager des organismischen Kapitals“.

Tandler brachte das Sozialfürsorge-System häufig auf den Nenner „Rassenhygiene“. Es sei ein Schutzwall gegen den Zerfall der menschlichen Rasse. Als Wien 1922 ein eigenständiges Bundesland wurde, gründete Tandler, seit 1920 Stadtrat für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen, das neue Wohlfahrtsamt, das alle Sozialfürsorge-Einrichtungen leitete. Alle sozialen Beziehungen wurden der Wohlfahrtspflege unterstellt: Empfängnis, Geburt und das gesamte Leben bis hin zur Beerdigung. Geschlechtsverkehr wurde Sache der „Sexualhygiene“ und der „Ehehygiene“. Eine hohe Geburtenziffer des Proletariats war eines der Hauptziele.

1932 spitzten sich, so Byer, die Ängste von Tandler zu. Der Arzt sei dafür verantwortlich, die nicht mehr funktionierende natürliche Darwinistische Auslese durch künstliche Maßnahmen zu ersetzen. Seit Jahren hätte er auf die Gefahren der sich immer weiter ausbreitenden erblichen Minderwertigkeit hingewiesen, die die Zukunft der Nation gefährde. Die Anzahl der Minderwertigen steige beunruhigend, da die Eltern von Minderwertigen selbst minderwertig sind und deshalb keinen Sinn für Verantwortung haben (d.h. sie sind sexuell enthemmt). Er glaube nicht, daß wegen der heutigen Einstellung der Menschen, und vielleicht sogar der Einstellung in 100 Jahren, der Arzt jemals das Recht zugesprochen bekäme Minderwertige zu töten. Er sei jedoch der Meinung, daß wir immerhin das Recht haben Geburten zu verhindern. Minderwertige seien zu sterilisieren. Gegen die Zeugung von Minderwertigen zu sein, sei eine Tat der Selbstverteidigung der menschlichen Gesellschaft. Die kinderreichsten Familien gehören dem minderwertigen Lager zu. Dem muß entgegengetreten werden, so daß die höherwertigen Menschen und so das Überleben der Menschheit eine Chance habe.

Als die Austrofaschisten 1934 die Macht übernahmen, verlor Tandler alle seine politischen und akademischen Funktionen. Er starb 1936 in einem Moskauer Hotel. Zwei Jahre später traten in Österreich Sozialisten die Macht an, die von Tandlers Skrupeln frei waren. Nationalsozialisten waren vor allem eins: konsequente Sozialdemokraten!

Der Rote Faden: Reich und die „Nazis“

7. Juni 2011

Die diversen „Ehrenrettungen“ Reichs gehen mir unglaublich auf den Geist. Am verlogensten ist wohl die als „Antifaschist“. Es gehört zu den Versuchen der Linken, Reich irgendwie nutzbar zu machen. Genauso wie die KPÖ/KPD Reich ihn für sich nutzen wollte. Und zweitens: manche Leute können einfach nicht genug kriegen von Hitler und Konsorten. Es bringt Bewegung in die erstarrten Glieder. An sich ist dieses ständige Aufgeilen am Hitlerismus nichts weiter als eine sexuelle Perversion. Was dahinter steckt, nämlich der verzweifelte Versuch die Falle der „Zivilisation“ zu verlassen, zeigt folgendes „Schema der kulturpolitischen Entwicklung“ nach Reich (Die sexuelle Revolution):

Das Konzept, das hinter diesem Schema steht, kann man sich gut anhand von Kurt Hiller (1885-1972) vergegenwärtigen. Hiller, Jude, schwul und „Schopenhauerscher Sozialist“, war dem Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld eng verbunden. Wie so viele Homosexuelle hatte er quasi „Stirnerianische“ Anwandlungen. Beispielsweise lautete der ursprüngliche Titel seiner juristische Dissertation Das Recht über sich selbst. Es ging darum, daß das Strafrecht die Selbstbestimmung des Menschen stärker berücksichtigen müsse. Er begeisterte sich für die russische Revolution (ab 1927 warb der SPD-Anhänger sogar für die KPD) und für Mussolini.

Mussolini, man sehe sich ihn an, ist kein Kaffer, kein Mucker, kein Sauertopf, wie die Prominenten der linksbürgerlichen und bürgerlich-sozialistischen Parteien Frankreichs und Deutschlands und anderer Länder des Kontinents es in der Mehrzahl der Fälle sind; er hat Kultur. (…) Wenn ich mich genau prüfe, ist mir Mussolini, dessen Politik ich weder als Deutscher noch als Pazifist noch als Sozialist ihrem Inhalt nach billigen kann, als formaler Typus des Staatsmannes deshalb so sympathisch, weil er das Gegenteil eines Verdrängers ist. Ein weltfroh-eleganter Energiekerl, Sportskerl, Mordskerl, Renaissancekerl, intellektuell, doch mit gemäßigt-reaktionären Inhalten, ist mir lieber, ich leugne es nicht, als ein gemäßigt-linker Leichenbitter, der im Endeffekt auch nichts hervorbringt, was den Mächten der Beharrung irgend Abbruch tut.

In seinem Beitrag „Linke Leute von rechts“ über Nationalrevolutionäre wie Karl Otto Paetel und Otto Strasser fragte Hiller 1932:

„Links“, „rechts“ – diese Unterscheidung wird täglich dümmer. Wer kommt noch mit ihr aus? […] Wer taugt mehr, ein kommunistischer Nichtdenker oder ein nationalistischer Selbstdenker?

An Otto Strasser erinnert sich Reich in Die Massenpsychologie des Faschismus:

In manchen deutschen Versammlungen pflegten um 1930 kluge, ehrlich gesinnte, wenn auch nationalistisch und metaphysisch denkende Revolutionäre wie etwa Otto Strasser den Marxisten entgegenzuhalten: „(…) Euer Grundfehler ist, daß ihr die Seele und den Geist leugnet oder verlacht und ihn, der alles bewegt, nicht begreift.“ (S. 28)

Dieses Argument konnte man, Reich zufolge, nur dadurch entkräften, indem man den sexuellen Charakter dieses „Grundbewegers“ offenlegte (vgl. ebd. S. 139). Siehe dazu das obige „Schema“!

Karl Otto Paetel (1906-1975) war einer der führenden Köpfe der nationalbolschewistischen Bewegung mit Kontakten zu Ernst Jünger, dem linken Flügel der SA, den Strasser-Brüdern, Ernst Niekisch, etc. 1930 hatte Paetel die „Gruppe Sozialrevolutionärer Nationalisten“ (GSRN) gegründet. 1933-34 wurde er verschiedene Male verhaftet und flüchtete 1935 zunächst nach Prag, dann nach Kopenhagen, wo er vom 31. Juli bis 7. Okt. 1935 blieb:

Drei Monate verbrachte ich, ohne mich bei der Polizei zu melden, in Kopenhagen. Ich habe von dort nicht nur Tivoli und die vielen Radfahrer in Erinnerung, sondern auch eine Zeit äußerster Armseligkeit. Ich wohnte im Büro von Wilhelm Reich – ohne ihn selber je kennenzulernen –, wo mich ein Bekannter aus Berlin, der das Büro von „Sexpol“ verwaltete, untergebracht hatte. Auf einer Matratze auf dem Fußboden las ich damals zum ersten Mal Hamsun. (…) Ich hatte ursprünglich die Absicht gehabt, Kopenhagen nur als Durchgangsort zu benutzen, um nach Schweden zu gelangen, wo ich Freunde hatte. Aber mein „Wirt“, der mich inzwischen als Haussklaven fürs Reinemachen benutzte, damit ich die kärgliche Leberpastete abverdiente, wußte meine Abreise immer wieder hinauszuzögern. Nach vielem Hin und Her gelang es mir einen dänischen Anhänger der Sexuallehre von Reich, einen Psychiater, aufzutreiben, der sich bereit erklärte mich ohne Papiere nach Schweden einzuschleusen. (Karl O. Paetel: Reise ohne Uhrzeit. Autobiographie, Worms 1982, S. 213)

Es gab zu dieser Zeit wie selbstverständlich Kontakte zum linken Flügel des nationalsozialistischen Lagers.

Bruno Kreisky, von 1970 bis 1983 Bundeskanzler von Österreich, wurde einmal gefragt, wie er als Jude und Widerstandskämpfer denn mit all den alten Nazis in seinem Kabinett zusammenarbeiten könne. Seine Antwort, sinngemäß: Wir haben doch schon in den gleichen Gefängniszellen gesessen! Er sprach von der Zeit unter dem klerikal-faschistischen Dollfuß-Regime 1934 bis 1938 als Sozialisten und Nationalsozialisten dem gleichen Verfolgungsdruck ausgesetzt waren und größtenteils den gleichen „Idealen“ huldigten, insbesondere die Vereinigung mit Deutschland.

Es hat etwas Tragikomisches an sich, wenn Nachgeborene Männern wie Kreisky (oder gar Reich) Lektionen über „Antifaschismus“ erteilen wollen. Beispielsweise verstieg sich Helmut Dahmer zu der Aussage, Reich habe „die ‚subjektiv-revolutionäre‘ Verfassung der Nazi-Gefolgsleute (die Trotzki als ‚menschlichen Staub‘ apostrophierte) und die plebejisch-antikapitalistischen Elemente der faschistischen Propaganda und Politik überpointiert“ (Helmut Dahmer: Libido und Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1973, S. 407). Dazu zitiert er Menschen im Staat:

Dabei leistet der Faschismus, ohne es zu wollen, der Weiterentwicklung unschätzbare Dienste weit über sein Ende hinaus. Er zerstörte demokratische Illusionen, weckte die vegetative Lebenssehnsucht, entband die Jugend, vernichtete die Ausbeuter der sexuellen Misere. (S. 181)

Dahmer hätte auch auf eine Rezension von Karl Motesiczky einer dämonisierenden Hitler-Biographie verweisen können. Motesiczky:

Überflüssig zu sagen, daß eine solche Betrachtungsweise natürlich jeden Weg verbaut, die positiven, fortschrittlichen Momente im Nationalsozialismus zu sehen, die für große Teile der Jugend gerade im Kampf gegen die christliche Moral gegeben sind.

Ein Teil dieses „Positiven“ und „Fortschrittlichen“ erschließt sich uns, wenn wir die Arbeit des jüdischen Rechtsanwalts und Rechtsphilosophen Otto Mainzer (1903-1995) betrachten. Sein „erotisches Manifest“ Die sexuelle Zwangswirtschaft (Feldafing 1981) hatte Mainzer 1937 Reich zur Veröffentlichung unterbreitet. Es kam aus rein technischen Gründen nicht zur Veröffentlichung des Manuskripts, das ursprünglich den Titel Die Eroberung des Geschlechts trug.

Mainzers Ideen kamen nicht von Reich, hatten aber teilweise ihre Grundlage in dessen Vorarbeiten. Mainzer sieht sich selbst als verwandten Geist, nur grundsätzlicher auf Selbstbefreiung gerichtet und, im Unterschied zum Spezialisten Reich, philosophisch ausgreifender. Reich wird nur ein einziges Mal erwähnt bei der Auseinandersetzung mit dem Masochismus, aber große Teile des Werks sind mit Reich verknüpft.

Mainzer vertritt die Utopie einer „eugenischen Ordnung“ der Gesellschaft. Es gäbe nur eine einzige „soziale Frage“: der Entschluß zur Zeugung und sein Hintergrund. Über dem Gebot „Du sollst nicht töten!“ stehe „Du sollst nicht unbefugt das Leben geben!“ Mainzer zufolge sollten sich nur die fortpflanzen, die aus eigener Kraft einen Partner finden. Keine Machtstellung, kein Geld, kein Ehevertrag, etc. sollten hier eingreifen. Bei Befolgung würden nur die intelligenten und körperlich wohlgeratenen ihr Erbgut weitergeben. Ausschließlich die erotische Anziehung solle die Zukunft der Menschheit bestimmen, schreibt Mainzer. Reich war begeistert von Mainzers Arbeit. Reich selbst stimmte teilweise mit den deutschen Gesetzen zur Eugenik überein. Als Sozialist müsse man die Tendenz unterstützen, daß die Wissenschaft die Fortpflanzung bestimmt.

Funktionelles Denken: Die Massenpsychologie der Biologie

16. Februar 2011

Die Geschichte der Humangenetik stellt sich in drei Etappen dar:

  1. „Rassenhygiene“,
  2. Verhaltensforschung,
  3. Soziobiologie.

Alles begann mit dem „Sozialdarwinismus“ Herbert Spencers, der sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu der populärwissenschaftlichen Theorie schlechthin entwickeln sollte. Selbst der ansonsten gegen „moderne Ideen“ gefeite Nietzsche verhalf ihr zu mancher widerwärtiger Sumpfblüte. Spencer hatte eine sicherlich teilweise richtige Theorie in die Welt gesetzt, die aber wie geschaffen war, um vom Kleinen Mann mißbraucht zu werden. Man selber verkörperte das „lebenstüchtige Leben“ im Lebenskampf, während alles, was man emotional ablehnte, logischerweise objektiv lebensunwert war. Es war sozusagen die moderne Form der Calvinistischen Prädestinationslehre. Und tatsächlich wurde die Theorie ja ständig bestätigt: Arbeiterkinder waren erstaunlicherweise wirklich ungebildeter und Juden, die man ständig spüren ließ, daß sie „Juden“ waren, wirkten, offensichtlich rassisch erbbedingt, wirklich, oh Wunder, „jüdisch“. Der soziale Status Quo war biologisch gefordert und Staat und Industrie taten deshalb bald alles, um sich diese nützliche Theorie dienstbar zu machen.

So schrieb Krupp 1900 einen wissenschaftlichen Preis für Arbeiten aus, die sich mit den Lehren der Darwinschen Abstammungsprinzipien für die Gesetzgebung und Innenpolitik befassen sollten. Es gewann eine Arbeit, die die gerade wiederentdeckten Mendelschen Vererbungsgesetze mit Darwins Lehre verband, so daß die Eugenik ihre unangreifbare wissenschaftliche Basis gefunden hatte. Alle Merkmale, vom Kleinwuchs bis zur Trunksucht und Intelligenz, „mendelten“. In den 20er Jahren machte man dann erbbiologische Versuche mit bestrahlten Drosophila-Fliegen, aus denen zu ersehen war, daß sich rezessive Mutationen langsam unsichtbar ansammelten, ohne viel Schaden anzurichten, bis sie schließlich in einer plötzlichen erbbiologischen Katastrophe kulminierten, die die Population zum Zusammenbruch brachte. Daraus schloß man, der „Volkskörper“ werde durch verdeckte Mutationen unterirdisch dermaßen vergiftet, weil ja die natürliche Auslese ausgeschaltet war, daß eines Tages das Volk zugrundegehen würde, wenn man nicht so schnell wie möglich harte „rassenhygienische“ Maßnahmen ergreifen würde. Da Vererbung untrennbar mit Sexualität verbunden ist, verband sich das ganze mit der durch den Verfall der „guten Sitten“ gesteigerten Sexualangst und Syphilis-Hysterie zu jenem explosiven Gebräu, dem Millionen zum Opfer fallen sollten.

Die nationalsozialistische Ideologie war, wie der Name ja schon sagt, an der Gruppe („Art“, „Rasse“) und weniger am Individuum orientiert. Dazu paßt auch, daß für sie ein organismisches Verständnis von „Staat und Volk“ konstituierend war. Die Ziellosigkeit der nationalsozialistischen „Revolution“ wurde damit gerechtfertigt, daß nach der „Befreiung“ der „Volkskörper“ selbstregulatorisch schon seinen eigenen Weg zur Gesundung finden würde – indem er alles „artfremde“ eliminiere. So ist es kein Wunder, wenn sich Reich 1933 in Massenpsychologie des Faschismus explizit gegen die Vorstellung vom Staat als „organismisches Ganzes“ wendet. Dies wäre ein Konzept der reaktionären Wissenschaft, das aus der „alten Wirtschaftsweise des Kleinbürgertums“ erwachsen sei. Demgegenüber gelte für die progressive Wissenschaft der „biologische“ Standpunkt nicht, „der Staat sei ein organismisches Ganzes“, denn das Proletariat sei in der Lage, „das Wesen des Staates als einer Zweiheit von Klassen zu sehen.“

Die biologistische Theorie, die dem nationalsozialistischen Staat zugrunde lag, fand jede Menge Wissenschaftler, die sie offensiv vertraten. Am bekanntesten ist vielleicht Konrad Lorenz, der Begründer der Verhaltensforschung, die Hans Hass zusammen mit Irenäus Eibl-Eibesfeldt zur „Humanethologie“ weiterentwickelt hat. Walter Hoppe bezeichnet Lorenz als „geistigen Helfer Hitlers“ und zitiert ihn wie folgt:

so müßte die Rassenpflege (…) auf eine schärfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger bedacht sein und der rassische Gedanke als Grundlage unserer Staatsform hat schon unendlich viel in dieser Richtung getan. (Wilhelm Reich, München 1984)

Hoppe macht jedoch einen Fehler, wenn er gegen Lorenz’ „angeborenen Aggressionstrieb“ anführt, selbst Raubtiere würden untereinander ein solches Verhalten nicht zeigen. Denn die „national-sozialistische“ Ideologie vom „Gemeinschaftsgefühl“ ist zwar aggressiv „national“ nach außen, aber eben auch solidarisch „sozialistisch“ nach innen gerichtet. Demgemäß hält die Verhaltensforschung ethisches Verhalten für angeboren. Ethik ist, nach Hass, gar keine Besonderheit des Menschen gegenüber dem Tier. Vielmehr verbindet sie

uns eng mit unseren rudelbildenden Vorfahren – bei denen diesbezügliche Regungen noch stärker ausgebildet sind. Weit eher erweisen sich Intelligenz und Vernunft als Antriebe für unethisches, rücksichtsloses und egoistisches Verhalten. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Der Mensch ist für den Verhaltensforscher von Natur aus alles andere als böse.

Ganz anders, nämlich nicht „national-sozialistisch“, sondern „individualistisch-kapitalistisch“ geartet, ist die Ideologie der „Soziobiologie“ – nach der der Mensch in der Tat durch und durch böse ist. Konnte „Zurück zur Natur!“ noch das Motto von Lorenz sein, wird die Natur von der Soziobiologie dämonisiert. Es gäbe danach keinerlei „natürliche Moral“ und wir müßten alles tun, um uns von unseren natürlichen Wurzeln zu trennen. Die Soziobiologie ist dergestalt extrem biologistisch und gleichzeitig das Nonplusultra der mechanistischen Maschinenkultur. Ein Widerspruch der sich vielleicht dadurch erklärt, daß der Begründer der Soziobiologie, Edward O. Wilson, ursprünglich Entomologe war, der seine Anschauungen am Leben der Ameisen und Bienen ausgebildet hat. (Siehe dazu meinen Artikel Die DOR-Menschen.)

Das Paradebeispiel, mit dem sich die Soziobiologen von den Verhaltensforschern absetzen, ist das Verhalten der „indischen Tempelaffen“. Übernimmt dort nach einem Kampf ein neues Männchen die Weibchen der Horde, bringt es alle Babys seines Vorgängers um und hetzt schwangere Weibchen so lange, bis sie ihre Leibesfrucht verlieren. Das dient wohl kaum der Arterhaltung, sondern einzig den Genen des betreffenden Männchens. Ganz allgemein gelte alles in der Natur nicht dem Wohl der Art, „der Volksgemeinschaft“, sondern dem der „egoistischen Gene“. So konkurrieren auch nicht die Arten miteinander, sondern nur die Individuen. Der Kampf jeder gegen jeden sei das Grundgesetz der Natur. Wobei jedoch die Individuen nichts als willenlose Marionetten der „egoistischen Gene“ sind.

Die Soziobiologie stellt sich als „große Synthese“ zwischen Biologie und Sozialwissenschaft dar und hat damit beim Publikum großen Anklang gefunden. Sie nimmt sozusagen jenen Platz ein, der dem Orgonomischen Funktionalismus zustehen würde. Wir haben es hier jedoch mitnichten mit einer großartigen Synthese, sondern primitivem biologistischen Reduktionismus zu tun, der sich zudem an einer mechanistischen Weltsicht orientiert, die die Physiker selber schon vor 50 Jahren aufgegeben haben und von dem auch viele Biologen mittlerweile Abstand nehmen, da die „Gene“ eben nicht jener „unbewegte Beweger“, jene „letzte unabhängige“ Instanz sind, als die sie von den Soziobiologen hingestellt werden.

Was Wilson mit seiner „Synthese“ erreichen wollte, hat vor ihm Hass viel beeindruckender und überzeugender vollzogen. So würde Hass z.B. nie eineiige Zwillinge als identische Individuen ansehen oder auch nur zur selben Spezies zählen, wenn sie unterschiedliche Berufe ergriffen haben. In der Energontheorie gehören Schuster und Fleischer unterschiedlichen „Tierarten“ an. Auf diese Weise wurde die Biologie und die Soziologie von Hass zu einer funktionellen Einheit verbunden.

Die Soziobiologie ist (Stichwort „egoistische Gene“) die faschistische Ideologie der Jetztzeit, die sich an den Nationalsozialismus (Stichwort „Eugenik“) und die rassistische Ideologie des 19. Jahrhunderts anschließt. Es handelt sich dabei um eine Abfolge dreier wissenschaftlich verbrämter Ideologien, die kurzschlußartig gesellschaftliche Prozesse mittels organismischer bzw. biologischer Konzepte erklären wollen.

Lamarck, Kammerer und Reich (Teil 2)

27. Oktober 2009

Die Lehre von der Vererbung erworbener Eigenschaften hat sich bis zum heutigen Tage, obwohl sie richtig ist, praktisch nicht durchsetzen können. (Der Krebs)

Bei dieser Verteidigung des Lamarckismus dachte Reich wohl an das Schicksal eines seiner wichtigsten frühen Anreger. 1919 hatte Reich den österreichischen Zoologen Paul Kammerer (1880-1926) persönlich kennengelernt, dem es gelungen war, die Vererbung erworbener Eigenschaften an Niederen Tieren und Amphibien experimentell nachzuweisen.

Vor kurzem ist der Biologe Alexander Vargas von der Universität von Chile nach Untersuchung der Laborbücher Kammerers zu dem Schluß gekommen, daß Kammerer ein früher Vertreter der im ersten Teil besprochenen Epigenetik war.

An Kammerers Biologievorlesungen erinnerte sich Reich „mit besonderer Vorliebe“. Ilse Ollendorff zufolge führte Reich sein bleibendes Interesse an der Biologie auf Kammerers Wirken zurück. In Der Krebs zitiert er Kammerer ausführlich.

Näheres über Kammerer kann der Leser in Arthur Koestlers Der Krötenküsser (München 1972) finden. Hier sei Kammerer nur kurz zitiert, um einen Eindruck von seiner Grundeinstellung zu vermitteln, die nachhaltig auf Reich gewirkt hat:

Entwicklung ist (…) nicht erbarmungslose Auslese, die alles Lebendige formt und vervollkommnet, nicht verzweifelter Kampf ums Dasein, der allein die Welt beherrscht. Alles Geschaffene strebt vielmehr aus eigener Kraft nach oben dem Lichte und der Lebensfreude zu und begräbt nur Unbrauchbares im Gräberfeld der Selektion.

Anfang der 1920er Jahre war Kammerer einer der berühmtesten aber auch umstrittensten Biologen der Welt. Zu einer Zeit als sich die Eugenik, d.h. die Züchtung wertvollen und die „Ausmerzung“ wertlosen Lebens zunehmend durchsetzte, vertrat Kammerer offensiv einen Lamarckismus, demzufolge beispielsweise die guten Eigenschaften, die eine gute Kindererziehung mit sich bringt, an zukünftige Generationen vererbt wird. Es war nur naheliegend, daß er 1926 an die Kommunistische Akademie der Wissenschaften in Moskau, die Institution für fortschrittliches Gedankengut, berufen wurde.

Leider konnte er diesen Posten nicht mehr ausfüllen, da er infolge des Skandals um einen angeblichen wissenschaftlichen Betrug Selbstmord verübte. Stattdessen wurde Iwan Wladimirowitsch Mitschurin zum führenden sowjetischen Lamarckisten. Unter Mitschurins Einfluß war die Parteilinie seit 1929 offiziell Lamarckistisch. Er stand so hoch in Kurs, daß seine Heimatstadt Koslow nach seinem Tod 1935 in Mitschurinsk umbenannt wurde. So heißt sie heute noch.

Diese Entwicklung war nicht verwunderlich, denn schon Engels hatte davon gesprochen, daß die Bedürfnisse des Vormenschen sich ihre Organe geschaffen hätten. Bereits 1906 hatte Stalin darauf hingewiesen, daß die Theorie des Neo-Lamarckismus an die Stelle des Neo-Darwinismus rücke, denn sie zeige, „wie quantitative Veränderungen qualitative hervorbringen“ (C.D. Darlington: Das Gesetz des Lebens, Wiesbaden 1959).

Als „humanistische Materialisten“ wollten die Sowjetmarxisten die Welt langfristig zum Guten wenden, und dazu bot damals nur der Lamarckismus einen realistischen Ansatzpunkt, wollte man nicht wie die Nazis Menschen züchten. Der Lamarckismus war das Ideal für die über Generationen inweg in die Zukunft blickenden Erziehungsdiktatoren der Sowjetunion. Aktuelle Verhaltensveränderungen würden sich verewigen und so das Sowjetsystem langfristig absichern.

Es ist nicht verwunderlich, daß der „bürgerliche“ Begründer des Behaviorismus, J.B. Watson, enthusiastisch Kammerers Ergebnisse über die Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften begrüßte. (Zu Watson siehe auch Die Funktion des Orgasmus in der Verhaltenstherapie.) Watson:

Wie viel würde es für die Pädagogen, für die Gesellschaft im allgemeinen bedeuten, wenn [Kammerers Resultate] richtig wären!

Reich reiht sich hier lückenlos ein. Noch 1949 hat Reich den berühmt-berüchtigten Hohenpriester des „Mitschurin-ismus“, Trofim Denissowitsch Lyssenko, in einem Brief an Neill gegen die amerikanischen Genetiker verteidigt. Reich beklagt nur, die Russen hätten rein politische Motive geleitet, die sie zufällig auf die richtige wissenschaftliche Seite geführt hätten.

Neben dem Einfluß des Vitalismus (wie ihn Kammerer vertrat) und des „Dialektischen Materialismus“ auf Reich ist natürlich in vorderster Linie Freud zu nennen. In der Psychoanalyse diente der Lamarckimus hauptsächlich dem Zweck, eine Art Ursünde auf den Grund des Unbewußten zu setzen. So führt Freud (noch ziemlich vage) in Totem und Tabu den Ödipuskomplex auf den „Vatermord in der Urhorde“ zurück, der so quasi angeboren ist. Explizit sollte sich Freud zwei Jahrzehnte später in Der Mann Mosese zum Lamarckimus bekennen, trotz der „gegenwärtigen Einstellung der biolgischen Wissenschaft (…), die von der Vererbung erworbener Eigenschaften auf die Nachkommen nichts wissen will.“

Freud brauchte den Fortbestand von Erinnerungsspuren aus der archaischen Erbschaft, um die Kluft zwischen Individual- und Massenpsychologie überbrücken zu können, d.h. um die Völker wie einzelne Neurotiker behandeln zu können. Freud:

Wir tun damit auch noch etwas anderes. Wir verringern die Kluft, die frühere Zeiten menschlicher Überhebung allzu weit zwischen Mensch und Tier aufgerissen haben. Wenn die sogenannten Instinkte der Tiere, die ihnen gestatten, sich von Anfang an in der neuen Lebenssituation so zu benehmen, als wäre sie eine alte, längst vertraute, wenn dies Instinktleben der Tiere überhaupt eine Erklärung zuläßt, so kann es nur die sein, daß sie die Erfahrung ihrer Art in die neue eigene Existenz mitbringen, also Erinnerungen an das von ihren Voreltern erlebte in sich bewahrt haben. Beim Menschentier wäre es im Grunde auch nicht anders. Den Instinkten der Tiere entspricht seine eigene archaische Erbschaft, sei sie auch von anderem Umfang und Inhalt.

Reich hat sich nie mit dem Mißbrauch des Lamarckismus durch die Stalinisten und Freudianer auseinandergesetzt. Dazu war er zu sehr in der jeweiligen Tradition verankert. Seine Kritik galt ausschließlich dem Mißbrauch des Darwinismus durch rechte reaktionäre Kreise im Sinne der Klassengesellschaft und des Rassenwahns. So unterscheidet Reich 1933 in seiner Massenpsychologie des Faschismus zwischen der Darwinschen Hypothese der natürlichen Zuchtwahl, die von Hitler rassistisch mißbraucht werden konnte, Reich nennt sie „reaktionär“, und dem Darwinschen Nachweis der Abstammung der Arten, der Reich zufolge „revolutionär“ gewesen sei.

lamarck


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