Mit ‘Emotion’ getaggte Artikel

The Journal of Orgonomy (Vol. 39, No. 2, Fall/Winter 2005)

15. Dezember 2012

Charles Konia befaßt sich in seinem Artikel „Applied Orgonometry IV: Mysticism“ (S. 60-69) u.a. mit einem recht überzeugenden Argument gegen die von Elsworth F. Baker entwickelte „sozio-politische Charakterologie“, derzufolge Konservative („verzerrter Kontakt zum Kern“) zum Mystizismus neigen, Liberale („fehlender Kontakt zum Kern“) eher zum Mechanismus. Seit den 1960er Jahren, d.h. seit dem Aufkommen der antiautoritären Gesellschaft, hat nämlich die Linke ein auffallendes Interesse für den Mystizismus gezeigt.

Wie diesen offensichtlichen Widerspruch erklären? Bakers Formulierungen gehen nicht tief genug, d.h. der alles entscheidende bioenergetische Unterschied zwischen Konservativen und Liberalen wird nicht klar formuliert: bei Konservativen steht die Emotion und das im Solar Plexus zentrierte „orgonotische System“ im Mittelpunkt, bei Liberalen die Sensation und das im Zentralen Nervensystem zentrierte „energetische Orgonom“. Siehe dazu beispielsweise meine Ausführungen in Die beiden bioenergetischen Systeme und das Elend der modernen Welt.

Entsprechend können sich Liberale durchaus vom Ersatzkontakt „Mystizismus“ angesprochen fühlen, solange dieser ein „Head Trip“ bleibt. Während der „emotionale Rechte“ sich dem „unergründlichen Ratschluß Gottes“ unterwirft, versucht der „zerebrale Linke“, der sich zum Mystizismus hingezogen fühlt, die Welt in ihrem Innersten zu ergründen. Ein Gutteil dessen, was heute unter dem Titel „Orgonomie“ und 100 Prozent dessen, was unter dem Titel „Reichianismus“ abläuft, entspricht dieser Art von mystischer Perversion. Es ist Neurose, wenn nicht Emotionelle Pest und nichts außerdem.

Im Gegensatz zu den Mystikern der Rechten glauben die Mystiker der Linken, daß man im Diesseits Gesundheit („Ganzheit“) und Glück erlangen kann: holistische Medizin, spirituelles Wachstum, „Heilung“, etc. Typischerweise geht es um das Erlangen eines „höheren Bewußtseins“. Die Wahrheit hänge von der Sichtweise des Einzelnen ab, alles ist „relativ“. Von den etablierten Religionen, insbesondere aber von „Gott, dem Vater“ will man nichts wissen. Alles sei machbar.

Allen Arten von Mystizismus ist gemeinsam, daß sie Ersatz für sexuelle Befriedigung sind. Oder mit anderen Worten: ohne orgastische Impotenz kein Mystizismus.

koniamystik

Der Panzer verzerrt die ursprünglichen sexuellen Empfindungen und an ihre Stelle tritt der mystische Ersatzkontakt. Dieser ist antisexuell und gleichzeitig eben das: Ersatz für Sexualität. Bei den einen ist die Angst vor der Sexualität unmittelbar an die autoritäre Vaterfigur bzw. „Gott“ gebunden, bei anderen sind es pseudowissenschaftliche Theorien, die die antisexuelle Haltung rationalisieren. Man denke nur einmal daran, wie linke „Reichianer“ die Orgonomie mit Tantra, Taoismus, Yoga, Buddhismus und anderem extrem antisexuellen Theorien „erweitern“!

Die Emotionen

29. Juli 2011

Sebastian hat folgende Fragen in bzw. an diesen Blog gestellt:

  • Reich schreibt: „Wir werden später zu zeigen haben, daß es die Funktion der Emotion ist, die das Ziel eines Triebes bildet und nicht umgekehrt, wie die Metaphysiker behaupten“ (Äther, Gott und Teufel, S. 54). Wann kommt dieses „später“ und wer sind in diesem Fall die Metaphysiker?
  • Als Funktion der Emotion nennt Reich Beispiele: Die Lust führt zur Entladung überschüssiger Zellenergie, Wut hat die Funktion lebensbedrohende Situationen zu bewältigen. Welche Funktionen erfüllen Angst (Wahrnehmung von Gefahr?), Trauer (Bewältigung des Verlustes von gewohntem Kontakt?) und Sehnsucht (Streben nach Kontakt?)?
  • Was für Bewegungszustände spiegeln die primären Emotionen wider? Lust, Sehnsucht, Wut = expansiv und Angst, Trauer = kontraktiv?
  • Wie muß ich mir das Verhältnis zwischen Emotion und Trieb vorstellen? Eine Emotion ist doch die Reaktion auf einen äußeren Reiz und der Trieb ein innerer, permanenter Reiz, oder? Wie hängen die beiden zusammen?
  • In Charakteranalyse geht Reich von Lust, Angst und Wut als die grundlegenden Emotionen aus. Wie ist er zu Trauer und Sehnsucht gekommen? Klinische Beobachtung?
  • Allgemein ist es der Übergang von primären und sekundären Trieben zu primären und sekundären Emotionen, der mich fragen läßt.
  • Bevor Reich von Emotionen spricht, spricht er von Affekten. Was unterscheidet diese beiden Begriffe?

Äther, Gott und Teufel ist der erste Teil des geplanten 3. Bandes von Die Entdeckung des Orgons. Der zweite Teil, in dem Reich die Entwicklung seiner Denkmethode von der Auseinandersetzung mit der Freudschen Triebtheorie bis zur Entdeckung des Orgons beschreibt, ist leider nur teilweise in Reichs Orgone Energy Belletin erschienen. Der vollständige Text wurde dann in den 1990er Jahren als Artikelserie in der Zeitschrift des Wilhelm Reich Infant Trust veröffentlicht, Orgonomic Functionalism: „The Developmental History of Orgonomic Functionalism“. Vielleicht erbarmt sich ja mal ein deutscher Verlag…

Erst einmal geht es Reich nicht einfach um „Funktionalismus“, sondern um energetischen Funktionalismus. Aus dieser Sichtweise hat etwa Wut nur sekundär die Funktion äußere Gefahren zu bewältigen, primär geht es um die expansive Bewegung der Energie in die Muskulatur hinein. Erst sekundär kommen Funktionen hinzu, wie etwa die Abwehr von Konkurrenz, und tertiär dann neurotische Mechanismen, wie etwa die Aufrechterhaltung der Verdrängung. Genauso ist Trauer zunächst einmal „einfach nur“ eine Kontraktion der Energie, erst sekundär kommen alle möglichen anderen Funktionen hinzu, etwa die „Vernünftigkeit“ eines Rückzugs, wenn das Nach-außen-Greifen keinen Sinn mehr macht.

Die Bewegung der Energie ist das Primäre. Daraus folgt dann alles weitere, was Biologen, Mediziner, Anthropologen, Soziologen, Psychologen und Theologen beschreiben. Nur daß diese die Vorgänge genau umgekehrt, nämlich „metaphysisch“ betrachten. Sie nehmen eine letztendlich psychologistische Erklärung und projizieren sie dann in die energetischen Vorgänge hinein. Plötzlich sieht es dann so aus, als hätte die Natur ein „Bewußtsein“ und „einen Willen“ = Metaphysik. Beispielsweise empfinden wir, von dieser „metaphysischen“ Warte aus betrachtet, genitale Lust als Anreiz zur Fortpflanzung: „Die Funktion der Lust ist die Fortpflanzung.“ Für Reich hingegen ist die Lust, die mit Energieentladung und damit Spannungsverminderung einhergeht, das Primäre, erst sekundär hat sich die Funktion der Fortpflanzung sozusagen „draufgepflockt“.

  1. Lust,
  2. Sehnsucht,
  3. Angst,
  4. Wut und
  5. Trauer

sind in dieser Reihenfolge die Grundemotionen.

An sich gibt es nur eine e-motion, nämlich die (1.) Lust, denn „Emotion“ bedeutet „Herausbewegen“.

Bei der (2.) Sehnsucht fließt die Energie in Brust und Arme und in Becken und Mund und wir haben es mit dem Verlangen nach Überlagerung zu tun, also nicht nur mit allgemeiner Lust, sondern mit spezifischer Liebe. Entsprechend kann es Sehnsucht erst bei Vertebraten geben, während Lust ein allgemeines Phänomen ist, das grundsätzlich alles Lebendige umfaßt (außer dem gepanzerten Menschen).

Zu der einen Emotion Lust kommt zweitens die (3.) Angst, die an sich „Remotion“ ist. Tatsächlich ist Angst aber kein reines Zurückfließen, sondern ein stauendes Rückfließen entgegen der primären lustvollen Emotion (Angst ist orgonomisch immer „Stauungsangst“). Entsprechend ist auch die „Remotion“ etwas universelles (wieder mit Ausnahme des gepanzerten Menschen – bzw. natürlich mancher gepanzerter Menschen).

(4.) Wut entsteht als ausbrechende Reaktion der Energie, die diese Stauung wieder aufzuheben bestrebt ist oder um die Überlagerung doch noch herzustellen. (Man beachte die „metaphysische“ Sprache, so als wäre die Energie eine „Person“. Die Orgonometrie soll uns von diesen „Sprachfallen“ befreien.) Der Organismus setzt sich durch, indem die Energie in die Muskulatur fließt. Wut kann sich also erst entwickelt haben, nachdem sich das Mesoderm zwischen das Entoderm und Ektoderm geschoben hat.

(5.) Trauer ist das Gegenteil von Sehnsucht und Wut, es gibt keine Möglichkeit der Überlagerung und der Organismus kontrahiert ohne Stauung. Entsprechend kann man vor Trauer buchstäblich sterben.

Es wird deutlich, warum Lust die einzige und grundlegende Emotion ist: die Energie fließt nach draußen. (Solange wir leben wird ununterbrochen im Zentrum des Körpers Energie „generiert“!)

Es ist zweitens klar, warum Lust und Angst die beiden grundlegenden Emotionen sind, denn zu dieser Expansion tritt natürlicherweise die Kontraktion (Angst) hinzu.

Es ist drittens klar warum Lust, Angst und Wut die drei grundlegenden Emotionen sind, denn Lust und Angst gehören selbstverständlich zum Organismus genauso wie die Wut, ohne die er in einer feindlichen Umwelt nicht überleben könnte.

Und es ist schließlich klar, warum Sehnsucht und Trauer als nicht unbedingt notweniger Luxus erst bei den späteren Organismen auftreten. (Was aber nicht bedeutet, daß sie weniger tief verankert sind. Wenn man Die kosmische Überlagerung liest, wird man sehen, daß Sehnsucht und Trauer durchaus fundamentaler sind, als hier dargestellt, nämlich Ausdruck der das Leben konstituierenden Separation von organismischer und kosmischer Orgonenergie durch die materielle Membran. Aber eine eingehender Erläuterung sprengt genauso den Rahmen dieses Artikels, wie der Hinweis, daß die Emotionen in der kosmischen Orgonenergie selbst angelegt sind, weil diese „erregbar“ ist, wie das ORANUR-Experiment gezeigt hat.)

Und es ist schließlich offensichtlich, warum die am Anfang präsentierte Aufstellung der Emotionen genau in dieser Reihenfolge für den Menschen wichtig ist. Jedenfalls war dies bei Reich selbst so, der sich, mangels anderer Möglichkeiten, selbst als Muster für gesundes, d.h. natürliches Funktionieren genommen hat. Bei ihm spielte die Sehnsucht eine zentrale Rolle, während beispielsweise Freud offensichtlich nie so etwas empfunden hat.

Bei vielen Neurotikern ist die Sache in der Reihenfolge wohl eher umgekehrt als in der obigen Aufstellung oder sie wissen beispielsweise gar nicht, was Sehnsucht ist. Bei anderen ist es Wut, die ihnen fremd bleibt, etc.

Der Trieb ist die motorische Seite der Lust bzw. der „E-motion“ an sich. Der Trieb ist unserem Bewußtsein als solcher nicht zugänglich im Gegensatz zur Emotion, weil wir, wie Reich sich ausdrückt, sein Objekt sind (Die Funktion des Orgasmus). Aber natürlich können wir ihn nach seinem Ziel benennen. Entsprechend spaltet sich die einheitliche organismische Expansionsfunktion durch die Konfrontation mit der Umwelt spontan in Objekt- und Selbststrebungen auf, was wir dann als „Objektliebe“ (etwa für die Mutter) und als „Selbstliebe“ empfinden.

Durch eine lebensfeindliche Umwelt richtet sich der eine Trieb gegen den anderen und erzeugt so die Panzerung:

  • der Sexualtrieb richtet sich gegen den Selbsterhaltungstrieb, was zu Narzißmus führt;
  • der Selbsterhaltungstrieb richtet sich gegen den Sexualtrieb, was zum Idealisieren führt.

Die so entstehenden Triebregungen werden dann ihrerseits von gegenteiligen Regungen blockiert und immer so weiter, bis wir das undurchdringliche Triebgestrüpp vor uns haben, das wir „Charakter“ nennen. In der Orgontherapie wird versucht, die durch die sich gegenseitig blockierenden Triebe hervorgerufene Affektstarre wieder aufzulösen.

Aus den beiden primären Grundtrieben entwickeln sich die diversen „sekundären“, d.h. neurotischen Triebe. Kann die Panzerung die Triebenergie nicht mehr halten, kommt es zu Affekten: schamhaftes Erröten, „Ausrasten“, hysterisches Lachen, krampfhaftes Weinen, etc. Derartige Affekte prägen den Verlauf der Orgontherapie. (Natürlich hat auch der genitale Charakter „Affekte“, d.h. Gefühlsausbrüche, aber sie sind der Situation angemessen, während der Neurotiker wegen seines Triebstaus eine „unberechenbare Zeitbombe“ ist.)

Ganz ähnlich wie bei den beiden Grundtrieben (die sich natürlich auf unendlich viele unterschiedliche Zielobjekte richten können!) auf der einen und dem verwirrenden Triebgeflecht auf der anderen Seite, sieht es auch bei den Emotionen aus. Es gibt nur die fünf Reichschen Grundemotionen (die je nach den Umständen natürlich jeweils unendlich mannigfaltig gefärbt sein können). Die Mischung, aus der die „weiteren“ Emotionen hervorgehen, etwa „Haß-Liebe“ oder „ängstliche Sehnsucht“, entspricht der kranken neurotischen Ambivalenz, während der ideale Gesunde nur klare eindeutige Gefühle kennt und sie auch dementsprechend ausdrückt.

Das spiegelt sich auch unmittelbar im Denken wider: der Neurotiker ist nicht in der Lage logisch und folgerichtig zu denken. Sein Denken ist kompliziert, entsprechend den verschachtelten „verwirrten“ Trieben, und ambivalent, entsprechend den „gemischten Gefühlen“. Das heißt nicht, daß er nuanciert denken kann, tatsächlich ist sein Denken gleichzeitig auch holzschnittartig, da sein Trieb- und Gefühlsleben nicht frei ist, d.h. nicht offen für die unendlich vielen Optionen und Nuancen, die uns diese wunderbare Welt bietet.

Buddha und die beiden Mandelkerne

6. Februar 2011

Neulich hat Klaus gefragt, wie genau Meditation und okulare Panzerung zusammenhängen.

Der Weg zur Gesundheit (d.h. zur orgastischen Potenz) bedeutet immer mehr Angst ertragen zu können. Man traut sich mehr, wodurch sich der Organismus zunehmend öffnet und es kommt entsprechend zu weniger „Rückstau“ (= Angst). In der Meditation wird diese Angstbewältigung umgangen und durch eine Scheinexpansion ersetzt. Das wird beispielsweise in diesem Aufsatz beschrieben.

Angst bedeutet, daß aus dem Kern Energie nach außen strömt, die bei „ängstlicher“ Kontraktion zurückgestaut wird („Stauungsangst“). Wenn die Expansion langsam aber sicher nachläßt, verschwindet auch die Angst. Die „Angstlosigkeit“ wird dann als Scheinexpansion empfunden. Beispielsweise sind Krebspatienten im Endstadium erstaunlich „gut gelaunt“. Für die indischen „Weisheitslehrer“ ist Leid schlichtweg inexistent. Beispielsweise habe der „Gottmensch“ Christus niemals gelitten.

Neuste Forschungen zeigen, daß es bereits nach achtwöchiger regelmäßiger Meditationspraxis zu strukturellen Veränderungen im Gehirn kommt. Während sich bei den Versuchsteilnehmern die Dichte der Grauen Substanz im Hippokampus und anderen Hirnregionen vergrößerte, nahm sie in der Amygdala ab. Die Zunahme der Dichte betrifft Hirnregionen, die mit „Re-Flektion“ zu tun haben: Erinnerung („re-mind“, „re-member“), Selbst-Beobachtung und Rück-Sichtnahme. Die Abnahme der Dichte betrifft die beiden Mandelkerne (Amygdala).

Die Amygdala ist wesentlich an der Entstehung der Angst beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren: sie verarbeitet externe Impulse und leitet die vegetativen Reaktionen dazu ein. Eine Zerstörung beider Amygdalae führt zum Verlust von Furcht- und Aggressionsempfinden und so zum Zusammenbruch der mitunter lebenswichtigen Warn- und Abwehrreaktionen. Forschungsergebnisse aus dem Jahr 2004 deuten darauf hin, daß die Amygdala an der Wahrnehmung jeglicher Form von Erregung, also affekt- oder lustbetonter Empfindungen, einschließlich des Sexualtriebes beteiligt sein könnte.

Nun, wirklich jede längere Tätigkeit verändert das Gehirn, beispielsweise haben Taxifahrer einen ausgesprochen großen Hippokampus, weil sie sich ständig erinnern und im Raum orientieren müssen. Entsprechend weisen die oben erwähnten hirnstrukturellen Veränderungen darauf hin, daß die Meditation zu genau dem führt, was ihre Vertreter von jeher behauptet haben: zu größerer Selbstkontrolle und weniger „Triebhaftigkeit“.

Dies wird auf ähnliche Art und Weise erreicht, wie der Schizophrene mit seinen anstürmenden Erregungen fertigwird: durch Augenpanzerung. Beim Schizophrenen ist die okulare Panzerung der letzte Rückzugspunkt des Organismus vor dem endgültigen Abgleiten in die Psychose, der letzte Damm, der vor der „Überschwemmung“ des Organismus mit alles zerstörender Angst schützt. Der Meditierende nutzt einen ähnlichen Mechanismus, um seine existentielle Angst zu überwinden und „Ruhe zu finden“.

Dieses Festklammern hat der indische Meditationslehrer Ramana Maharshi sehr schön beschrieben:

Während einer elementaren Todesangst habe er sich [im Alter von 16 Jahren] mit der Frage beschäftigt, was im Tod stirbt. Er sei zu der Antwort gekommen, daß zwar der Körper sterben möge, jedoch nicht der Geist bzw. das Bewußtsein. Später sagte er zu dem Erlebnis: „Das Selbst war etwas sehr Reales, das einzige Reale in meinem derzeitigen Zustand, und die gesamte bewußte Aktivität meines Körpers konzentrierte sich auf dieses Selbst. Seither ist die faszinierende Kraft dieses Selbst im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit geblieben [...] Das Aufgesaugt-Sein in das Selbst dauert seitdem ohne Unterbrechung an. Andere Gedanken erscheinen und verschwinden wieder, ähnlich wie die Noten eines Musikstücks, aber das Selbst ist wie ein Grundton unter den anderen Noten stets vorhanden und mischt sich mit diesen. Auch wenn mein Körper vom Reden, Lesen oder was auch immer eingenommen ist, ist mein ganzes Sein nicht minder auf das Selbst zentriert. Vor dieser Krise vermochte ich das Selbst nicht klar wahrzunehmen, und ich fühlte mich nicht bewußt vom Selbst angezogen.“

Das ganze kann man wie folgt funktionell beschreiben:

Charakteristischerweise ist Ramana Maharshi der „Berufskrankheit“ der indischen Heiligen erlegen: Krebs! Irgendwann war die somatische Erregung derartig kompromittiert, daß der Mann bei lebendigem Leibe verfault und mit dem milden Lächeln Buddhas krepiert ist.

Zu diesen Ausführungen paßt auch folgender Hinweis aus dem oben zitierten Wikipedia-Beitrag:

Primaten, denen die Amygdala zu Testzwecken entfernt wurde, können zwar Gegenstände sehen, sind aber nicht mehr in der Lage, deren gefühlsmäßige Bedeutung zu erkennen. Zudem verändert sich ihr Verhalten grundlegend und sie verlieren jegliche Aggression.

Ich erinnere an meine Ausführungen über die funktionelle Transformation von Emotion (Lust, Angst, Wut, Sehnsucht, Trauer) in Sensation (Sinneswahrnehmungen und das Wahrnehmen von „Zuständen“), die den „östlichen Weisheitslehren“ zugrundeliegt. Es verschwinden die Emotionen, was bleibt sind „Eindrücke“. Das wird von „meditativer Kunst“ und „meditativer Musik“ sehr gut vermittelt.

Man brauch sich nur den schier unerträglichen „scheinexpansiven“ Eckart Tolle anzuschauen, um den durch Meditation hervorgerufenen Geisteszustand verkörpert zu finden. Erschreckend wie dieser perverse Murx, das diametrale Gegenteil der Orgontherapie, Millionen immer tiefer in die Falle verstrickt.

Om Shanti!

Sensation oben, Emotion unten

12. Dezember 2010

Sensation (Empfindung, „Nervenerregung“) und Emotion (Gemütsbewegung, „Herausbewegung = e-motion“) sind grundlegend unterschiedliche Phänomene, die auf zwei separaten Funktionen der Orgonenergie beruhen: die Kreiselwelle und die Pulsation. Die Kreiselwelle strukturierte sich im Zentralen Nervensystem (Rückgrat und Gehirn), die Pulsation im Vegetativen Nervensystem. Das Zentrale Nervensystem steht für „Nervenerregung“, das Vegetative Nervensystem steht für „Gemütserregung“.

In Der politische Irrationalismus aus Sicht der Orgonomie diskutiere ich die soziopolitischen Auswirkungen dieser bioenergetischen Gegebenheiten, in Die Massenpsychologie des Buddhismus die „spirituellen“. In diesem Blogeintrag geht es um die soziologischen.

Michael W. Kraus (University of California, San Francisco) et al. führten drei Experimente durch:

  1. Besser situierte Studenten waren schlechter in der Lage die Emotionen von abgebildeten Gesichtern abzulesen.
  2. Ihnen gelang es schlechter, die Emotionen eines Fremden während eines in der Gruppe ablaufenden Vorstellungsgesprächs einzuschätzen.
  3. Wurde den Versuchsteilnehmern das Gefühl vermittelt, daß sie einer niedrigeren Klasse angehören als der, zu der sie tatsächlich gehörten, verbesserte sich ihr Vermögen Emotionen zu lesen.

Die Erklärung von Kraus und seinen Kollegen ist rein soziologisch: die Ärmeren müssen sich mehr auf Freunde als auf Geld verlassen, um ihre alltäglichen Bedürfnisse zu befriedigen. Beispielsweise können sie sich keine Babysitter mieten, sondern müssen Freunde fragen.

Aus bio-soziologischer Sicht ist Sensation oben, Emotion unten, weil es bei der Klasseneinteilung um „Hochnäsigkeit“ und „Coolness“, d.h. „Gemütsruhe“ geht. Es geht um „aristokratisches“, gehirnzentriertes, überlegenes und „überlegendes“ Auftreten gegenüber „denen da unten“, die Spielball ihrer animalischen Gemütsregungen sind.

Orgonmystik

11. Juni 2010

Im Tantra wird die Sexualität, die stets mit „Bewußtseinszuständen“ jenseits des Alltagsbewußtseins einhergeht, für die „geistige Befreiung“ benutzt. Das mag auf den ersten Blick geradezu „sexualpositiv“ aussehen, entspricht jedoch ganz im Gegenteil der extremsten Form der orgastischen Impotenz, denn es wird auf die genital-orgastische Entladung verzichtet, „um keine spirituelle Kraft zu verschwenden“. Es entspricht in etwa dem, was Freud „Sublimation“ genannt hat.

Von Seiten der „Esoterik“ wird nun versucht, auch die Orgonenergie selbst, die durch die Erforschung der orgastischen Plasmazuckung entdeckt wurde (Orgasmusformel, bioelektrische Experimente, Bion-Experimente), für „spirituelle“ Zwecke zu instrumentalisieren. Demnach ist die Orgonenergie sozusagen eine vermittelnde Zwischenschicht zwischen dieser Welt und der „geistigen Welt“. Die Orgonenergie wird zu etwas rein Subjektivem, das weitgehend bar einer physikalisch meßbaren Realität ist. Etwas, was dem „Geist“ erlaubt, sich in der materiellen Welt zu manifestieren.

Die Orgonomie war von Anfang an mit derartigen Vorstellungen konfrontiert. Schon Anfang der 20er Jahre setzte sich Reich mit vermeintlich „esoterischen“ Ansätzen in seinen Buchbesprechungen auseinander, die er für psychoanalytische Zeitschriften schrieb. In den 30er Jahren war Reichs Freund und Mitarbeiter Roger DuTeil ein Bergsonianer und „Spiritualist“. In seinem in der Originalausgabe Die Bione von 1938 veröffentlichten Aufsatz „Leben und Materie“, billigt er dem Leben eine metaphysische Sonderstellung zu. Reich selbst wollte diesen Aufsatz aus späteren Auflagen gestrichen wissen, was ja auch geschah, und im übrigen bestritt Reich schon damals ausdrücklich, daß „das Lebendige ein vom Nichtlebenden völlig abgetrenntes, eigens metaphysisch gegebenes Gebiet“ sei (ebd.). Sechs Jahre später sagt er in seinem Artikel „Orgonotic Pulsation“:

Wenn wir nicht vorsichtig vorgehen, könnten durchaus einige Generationen von Mystikern erstehen, die das Orgon metaphysisch, losgelöst von der nicht-lebenden Natur und nicht vom Standpunkt der Naturwissenschaft her verstehen. Und ich denke, wir haben bereits mehr als genug Mystizismus in dieser Welt. (Orgonomic Functionalism, No. 5, S. 44)

Der Artikel zeigt, wie sich Reich ganz von Zugeständnissen an sowohl den („dialektischen“) Materialismus als auch insbesondere den „Spiritualismus“ befreite. In „Orgonotic Pulsation“ strebt er danach, sich langsam von allen Begriffen, die irgendwelche Konnotationen mit materiellen oder „spirituellen“ Substanzen haben, zu befreien. Entsprechend spricht er von „orgonotischer Erregung von Isolatoren“ statt „Ladung“, und von „orgonotischer Anziehung und Abstoßung“ statt „Kontraktion und Expansion“. An anderer Stelle will er den Substanz-Begriff „vegetative Strömung“ durch die funktionelle „plasmatische Erregung“ ersetzt wissen (Der Krebs, S. 347).

Was machen nun die ach so innovativen „Weiterentwickler“ der Orgonomie? Sie fallen noch hinter die provisorische, von Substanzbegriffen geprägte Orgonomie der Anfänge zurück, reden von irgendwelchen Seelensubstanzen und müssen metaphysische „Formgesetze“ erfinden, die ihr „chaotisches“ mechano-mystisches Universum ordnen. Wie Reich schreibt: „Mit Zwecken läßt sich leicht alles erklären“ (ebd., S. 77f). Man braucht nicht mehr die Natur unbekannter Funktionen mühsam ergründen, vielmehr wird einem alles fertig auf dem Tablett serviert: es ist „Gottes Wille“, es ist der „Geist“, das „Naturgesetz“, dem alles folgt. Für Blitze ist der Donnergott verantwortlich! – Nichts anderes verbirgt sich hinter inhaltsleeren Begriffen wie „Wirkstruktur“. Was ist für die Struktur der Bion-Präparate verantwortlich? Jenseitige Strukturen!

In die gleiche Kategorie gehören die „Lösungen“ für das Rätsel des menschlichen Bewußtseins. Was ist Bewußtsein? Das „metaphysische Heinzelmännchen“ wie Reich es nennt,

das angeblich im Hintergrunde der Lebensfunktionen wirkt, denkt, fühlt, empfindet, reagiert. Das führt nirgends hin. (ebd., S. 400)

Nach Reich ist Bewußtsein das Zusammenfließen der diversen Sinneseindrücke und Emotionen in eine funktionelle Einheit (Äther, Gott und Teufel, Frankfurt 1983, S. 63). Sinneseindrücke und Emotionen führt Reich ihrerseits bis „auf die Bewegungsformen der Weichtiere und Protisten“ (Charakteranalyse, S. 519) und letztendlich auf die „Reizempfindlichkeit des rein physikalischen Orgons“ zurück (Äther, Gott und Teufel, S. 91).

Diese Leute sprechen von einem „primordialen Bewußtsein“, das Erinnerungen etwa so speichert wie ein Magnetband. Dabei hat Reich in der Charakteranalyse lang und breit ausgeführt, daß das Ich die Summe aller vergangenen Erlebnisse ist. Da wird nichts mechanisch „abgespeichert“, sondern in der Vergangenheit wurden bestimmte Weichen für die Strukturierung des sich entwickelnden Organismus gestellt, weshalb „Erinnerungen“ nichts anderes sind als die Wahrnehmung der aktuellen biophysischen Struktur des Organismus. Wie sollte es auch anders sein? Imgrunde sagen die „Weiterentwickler“ der Orgonomie natürlich auch nichts anderes, nur daß sie die Welt überflüssigerweise verdoppeln.

Die „Orgonmystiker“ fallen der Panzerung zum Opfer. Das, was sie wahrnehmen, ist die durch die Panzerung „umgebogene“ und verzerrte Orgonenergie, die entsprechend etwas Krankhaftes, „Okkultes“ an sich hat und auf ein „Jenseits“ ihrer selbst verweist – d.h. auf jenseits der Panzerung. Die vermeintliche Wahrnehmung der Orgonenergie entspricht hier der krankhaften Transformation von Emotion in Sensation.

Tantra ist Antisexualität, nämlich orgastische Impotenz, genauso wie die „Orgonesoteriker“ Antiorgonenergie sind, d.h. Panzerung.

Die folgende Abbildung beschreibt in etwa was geschieht:


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