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Der Familienroman der Menschheit

21. April 2013

Zu einem bestimmten Zeitpunkt, als sich der Mensch von der übrigen Natur abspaltete, begann er mit der Niederschrift seiner Geschichte. Aber warum traf das Niederschreiben der Geschichte mit dieser Abspaltung zusammen? Jetzt beginnt der Mensch mit einer Bewegung zurück zur Natur, obgleich er sich dessen nicht bewußt ist… Es ist ein enormes Problem – dieses zeitliche Zusammentreffen von Geschichtsschreibung und dem Abwenden von der Natur. (Wilhelm Reich, 1948 zu Myron Sharaf, Journal of Orgonomy, March 1969, S. 118f)

Für Freud war der Ödipus-Komplex das zentrale Geschehen. Er schlägt sich beispielsweise im „Familienroman der Neurotiker“ (1909) nieder, demzufolge der im realen Leben enttäuschende Vater tatsächlich ein ganz anderer ist, ein Held, ein König, etc. Für Reich war der zentrale Mythos der Menschheit geradezu gegensätzlich geartet: nicht der Sohn opfert in seiner Phantasie den Vater, sondern umgekehrt der Vater opfert ganz real den Sohn – der „Christusmord“. Für Reich war in dieser Hinsicht Christus und der Mord an ihm in der Tat „das Alpha oder das Omega“, ähnlich wie in der Psychoanalyse der Ödipus-Komplex das A und O ist.

Betrachtet man nun die Geschichte und die Mythen der Völker, stößt man auf eine Illustration von Reichs Buch Christusmord nach der anderen. Der zentrale Mythos des Christentums ist derartig in die Geschichte eingezeichnet, daß manche sogar davon ausgehen, die gesamte Weltgeschichte sei von Christen geschrieben, also kaum mehr als „der Familienroman der Menschheit“. Siehe dazu beispielsweise die Arbeit des russischen Mathematikers Anatolij T. Fomenko.

Vor einigen Jahren habe ich folgende Rezension eines Buches eines dieser Chronologiekritiker auf meine Netzseite plaziert, später dann aber wieder zurückgezogen, weil mir die Sache denn doch zu wenig zum Thema Orgonomie zu passen schien:

Christoph Pfister: DIE MATRIX DER ALTEN GESCHICHTE

Bei seinem geschichtskritischen Ansatz geht der promovierte Historiker Pfister von der folgenden persönlichen Beobachtung aus: In der Nähe von Bern fand man die Fundamente von drei „gallorömischen Vierecktempeln”, die angeblich im 3. Jahrhundert zerstört wurden. Über einem dieser Sakralbauten wurde, wieder angeblich, 1000 Jahre später (ca. 1340) eine Kapelle errichtet, die dann in der Reformationszeit zerstört wurde. Pfister fragte sich, wie um alles in der Welt man nach 1000 Jahren noch wissen konnte, wo ein Kultbau der Kelten oder Römer gestanden hatte. Das wäre für uns Heutige das Jahr 1003!

Wir haben es mit dem Gegensatz zwischen einer funktionalistischen Geschichtsforschung zu tun, die sich am archäologischen Befund, am eigenen Augenschein, am vorurteilsfreien, unverbildeten Menschenverstand, „an der Natur” orientiert und einer mechano-mystischen „Geschichtswissenschaft”, die sich an Bücher hält, die ein „Wissenschaftler” vom anderen abgeschrieben hat. Diese Kette beginnt mit den antiken und mittelalterlichen Schriftquellen, – die durchweg aus dem 16. oder 17. Jahrhundert stammen bzw. zu dieser Zeit „aufgetaucht” sind.

Die Grundaussage von Pfisters Buch lautet, daß einigermaßen gesicherte geschichtliche Kenntnisse bereits ausfransen, wenn man nur 400 Jahre zurückgeht. Mit jedweder Gewißheit ist endgültig Schluß ab etwa dem Jahr 1500 und Geschichte geht über in Geschichtsdichtung, die sich in ihrer Substanz kaum von den Romanen Tolkiens unterscheidet. Das einzige, was einer seriösen Geschichtsforschung bleibt, ist das Herausarbeiten der Konstruktionsmerkmale der beiden Perioden, „Mittelalter” und „Altertum”, die im 16. Jahrhundert erfunden wurden.

Damals ging man wohl so ähnlich vor wie heutigentags bei den diversen Star Trek-Fernsehserien und -Kinofilmen. Ausgehend von den Abenteuern von Captain Kirk, dem Vulkanier Spock und den anderen Crewmitgliedern von „Raumschiff Enterprise” wurde innerhalb von knapp vier Jahrzehnten eine facettenreiche zukünftige Geschichte der Menschheit kreiert, wobei man sich bei jeder Produktion jeweils an den vorangegangenen Machwerken orientierte. Das mußte natürlich immer wieder zu schmerzlichen Ungereimtheiten führen, die bei einer einheitlichen Planung nicht aufgetreten wären.

In der alten Geschichte findet man eine solche auffällige Verwerfung im Mittelalter, das, weil viel zu lang (1000 Jahre!), als daß man es durch einfache Verlängerung der Neuzeit in die Vergangenheit und Dehnung der Antike hätte schließen können, mehr schlecht als recht durch die Hilfskonstruktion „karolingische Zeit” aufgefüllt wurde. Entsprechend ist bei „Karl dem Großen” die Fiktionalität der alten Geschichte am augenfälligsten. Insbesondere Heribert Illig hat sich mit der Bloßlegung dieser grotesken Geschichtsfälschung hervorgetan. (Es ist traurig, daß er von Pfister mit keinem Wort erwähnt wird!)

In der Zeit der „Reformation” wurde der nicht näher bestimmbare und nur lokal organisierte synkretistische „Arianismus” – wie wir ihn vielleicht noch heute in der schiitisch-schamanistischen Mischreligion des anatolischen Alevismus vor uns haben? – durch die dogmatischen Religionen der Lutheraner, Calvinisten, Katholiken, Orthodoxen, Juden und nicht zuletzt auch der Sunniten und Schiiten mit Hilfe von Glaubenskriegen, Inquisition und „Hexenverbrennungen” ausgerottet. Um die alte Religion vergessen zu machen, wurde, ähnlich wie später in den Kolonialgebieten, die Erinnerung an die Vergangenheit von der organisierten und schwerbewaffneten Emotionellen Pest ausgelöscht und „Geschichte geschrieben”.

Wie die Blaupause der alten Geschichte geartet war und mit welcher Technik diese „Matrix” ausgefüllt wurde, kann man sich sehr schön anhand des besagten „Arianismus” vergegenwärtigen. Benannt wurde er nach Arianus, der im Jahre 325 unter KONSTANTIN zum Erzhäretiker erklärt wurde. Arianus entspricht ein Jahrtausend später (1415) dem fast namensgleichen Jan Hus, der auf dem Konzil in KONSTANZ inhaftiert und dann verbrannt wurde. Dieses fiktive Konzil wird auch im Buch Esra des Alten Testaments beschrieben, wo Jan Hus als Johanan (die hebräische Namensform von Johannes = Jan) auftritt, – der in einer „Tempelzelle” eingesperrt ist.

Dergestalt wurden die Epochen mit Variationen immer der gleichen Geschichten aufgefüllt, die der religiösen Erbauung dienten. Zum Beispiel: wer vom Glauben abfällt, den bestrafen die Ostgoten, Vandalen und Alemannen als Geißel Gottes, und da diese arianischen, bzw. heidnischen Völkerschaften in ihrem Unglauben verstockt blieben, verschwanden sie, im Gegensatz zu den katholischen Franken, schließlich aus der Geschichte. Mit Variationen und mit einem fiktiven Zeitkolorit verfremdet hat das Alte Testament den gleichen Inhalt. Wobei es natürlich die Ostgoten, Vandalen und Alemannen genausowenig gegeben hat, wie etwa Philister, Samaritaner oder Midianiter.

Allein schon die Zeitrechnung „ab Christi Geburt” ist ein zynischer Scherz! Sie wurde angeblich im Jahre 525 von dem in Rom wirkenden „skythischen (sic!) Mönch” Dionysius Exiguus eingeführt. Die Schrift aus dem 6. Jahrhundert, die diese Geschichte enthält, wurde aber erst im 17. Jahrhundert in Frankreich „entdeckt”. Zu einer Zeit, als das Zahlengerüst der alten Geschichte, an dem sich noch heute die Historiker orientieren, von dem Franzosen Denis Pétau, latinisiert Dionysius Petavius (1583-1652), ausgearbeitet wurde. In Pétau steckt das französische Wort „petit”, klein. Und was bedeutet das lateinische Wort „exiguus”? „Klein, schmächtig”!

Daß die gesamte Geschichtsschreibung wirklich nichts anderes ist als Dichtung im Dienste der Theologie, wird z.B. auch an der einzigen Quelle für das frühe Rom deutlich: Titus Livius, der angeblich im 1. Jahrhundert v.Chr. schrieb – und dessen Schriften im 16. Jahrhundert „entdeckt” wurden. Auffällig sind die vielen Parallelen zu den Erzählungen des zur gleichen Zeit (16. Jahrhundert!) verfaßten Alten Testaments. So entsprechen z.B. die sieben Könige Roms (die wiederum Alter Egos bei den spätrömischen Kaisern haben) den alttestamentarischen Königen.

Ein Hauptelement der Geschichte, die Livius zu erzählen hat, ist die Emanzipation der Plebejer (= Christen) gegenüber den Patriziern (= Heiden) während der sage und schreibe 400 Jahre andauernden römischen Republik. Die Plebejer ziehen dreimal in der Geschichte der Republik protestierend aus der Stadt (= Ägypten) auf einen von Livius nicht näher lokalisierten „heiligen Berg”, um für ihre Bürgerrechte zu demonstrieren. Schließlich erhalten sie den geforderten gesetzlichen Schutz, z.B. das „Zwölftafelgesetz”. Der heilige Berg der Plebejer = Christen, bzw. der Juden = „Judices” (die Richter, die das lateinische Recht, „Jus”, vertreten, „das Volk des Gesetzes”), ist der Vesuv = der Sinai. Der Auszug der Juden aus Ägypten ist in Wirklichkeit der Auszug aus der ägyptischen Religion. (Dazu muß man wissen, daß Rom wahrscheinlich einst eine ägyptische Provinz war.) Das Heilige Land „Kanaan” ist die Region Kampanien am Fuße des Vesuvs. Jerusalem ist das himmlische Rom.

Auch in der Figur des Jesus Christus finden sich viele römische Elemente, etwa die des Sklaven Spartakus (sozusagen ein Super-Plebejer), der gekreuzigt wurde, und die des armen Mönches Hildebrand, der zur Zeit der Ottonen, also tausend Jahre „nach Christus” nach Rom pilgerte und zum Papst Gregor VII. gewählt wurde. Auf ihn geht der weltliche Machtanspruch der Kirche, die strenge Hierarchie und nicht zuletzt das Zölibat zurück. (Die ins Auge springende schizoide Doppelgesichtigkeit Jesu – Spartakus/Cäsar, Mönch/Pontifex Maximus, Pazifist/herrschsüchtiger Gewaltmensch – wird von mit in Der verdrängte Christus thematisiert.)

Pfiester zufolge gehört das „antike Griechenland” ins 15. Jahrhundert und ist ein Produkt der Landnahme, die Spaniens, Frankreichs und Italiens, die von Griechenland, Kleinasien und die Levante bis hinunter nach Ägypten und weiter nach Tunis reichte. Diese Eroberungen zeigen sich, Pfister zufolge, in den vollendet spät-gotischen Prachtbauten im Nahen Osten, die zur Zeit der angeblichen Kreuzzüge vollkommen undenkbar sind, – und nicht zuletzt in den durchweg iberischen, gallischen und italischen Orts- und Landschaftsnamen dieser Gebiete. Auch erklärt sich mit der religiösen Rechtfertigung der imperialistischen Landnahme zwanglos, warum das Heilige Land Kampanien vom Fuße des Vesuvs in die Levante versetzt wurde („Kanaan”) und warum aus dem Höhenheiligtum Präneste, dem heutigen Palestrina in der Nähe Roms, das Land der Höhenheiligtümer „Palästina” wurde.

Die Expansion nach Osten, dieser Kampf zwischen dem Gallier („de Gaulle”!) Goliath und dem einheimischen „Palästinenser” David, war m.E. die Initialzündung für die Ausbildung des Islams. Ähnlich wie im 20. Jahrhundert der Marxismus in Osteuropa und der Dritten Welt war im 16. Jahrhundert der sich formierende Islam eine antiwestliche „Befreiungstheologie”, die vom Westen inspiriert und inhaltlich geformt wurde – bis zur „kulturrevolutionären” Auslöschung der eigenen Kultur des Mittleren Ostens, die konsequent nach westlich-christlichen Muster „arabisiert” wurde (ein Prozeß, der bis heute andauert!).

Was hat die Humanisten des 16. und 17. Jahrhunderts, also Leute wie den erwähnten Denis Pétau oder etwa seinen Vorläufer Joseph Justus Scaliger (der Begründer der „wissenschaftlichen Chronologie”), zu ihrer verheerenden Fälschungsaktion bewegt? Aus dem „reformatorischen” Geist der Zeit heraus konnte Geschichte nichts anderes sein als Heilsgeschichte. Offenbar wollte man den Kult um die mythische Christus-Figur sichern und zum alleinigen Glauben machen, indem man bis in die kleinsten Einzelheiten hinein eine mehrtausendjährige angeblich profane Geschichte um diese sozialrevolutionäre Erlösergestalt herum konstruierte. Eine Geschichte, die die christliche Theologie perfekt illustriert und „konkretisiert”. Dagegen hatten die anderen Kulte, etwa der des Mithras, nichts aufzubringen: Kopf schlägt Bauch! Geschichte schlägt Mythos! Der Appell an die asozialen „kulturrevolutionären” Entwurzelten schlägt gewachsene Strukturen! Oder mit anderen Worten: das Christentum ist die Urform des Roten Faschismus. (Wie schon Nietzsche feststellte, vgl. Der verdrängte Nietzsche.)

Hinter der Matrix standen „modern liberals” (siehe Der politische Irrationalismus aus orgonomischer Sicht). Das vollständig vom bioenergetischen Kern abgetrennte Denken zeigt sich in ihren im wahrsten Sinne des Wortes „abgehobenen” Konstruktionen und dem von ihnen geschaffenen Alp eines impotenten, verbitterten Intellektuellen-Gottes, der wirre Bücher voll Frauenverachtung, abartiger Gewaltphantasien und das „Jüngste Gericht” schreibt. Ein harter und rachsüchtiger Gott, der, wie Nietzsche in Also sprach Zarathustra anmerkt, sich eine Hölle zum Ergötzen seiner Lieblinge erbaute. (Zum [sexual-]ökonomischen Hintergrund der Vorliebe für die „unterdrückten Massen” im 16. Jahrhundert siehe Ökonomie und Sexualökonomie.)

Leider durchschaut Pfister den charakterologischen Hintergrund der Matrix nicht. Aber immerhin scheint ihre quasi „marxistische” Natur durch, wenn er z.B. im Zusammenhang mit dem fiktiven Spartakus-Aufstand schreibt: „Die Sklaven sind im Grunde immer siegreich, was beweist, daß das Christentum siegen wird. Nur die Zeit ist noch nicht reif für die religiöse Wende” (S. 92). Hier wird förmlich greifbar, daß später der Marxismus (der moderne „Spartakismus”, der zwangsläufig siegen wird, wenn „die Zeit reif ist”!) an der erfundenen christlich-humanistischen Heilsgeschichte weitergestrickt hat. Auf S. 390 sieht Pfister eine Parallele zwischen der einstigen dem Untergang geweihten Sowjetideologie und der heutigen theologisch inspirierten „Geschichtswissenschaft” – die ebenfalls dem Untergang geweiht ist. (Es ist sicherlich kein Zufall, daß Pfisters Hauptquelle, ohne die sein Buch undenkbar wäre, Fomenko ist. Russen wissen aus erster Hand, daß ganze Gesellschaften in einer „Matrix” leben können – in einem Gespinst aus Lüge und Manipulation.)

Was mich im Nachhinein skeptisch gemacht hat, ist beispielsweise die Aufarbeitung der Hexenprozesse. Mit den exakt datierten Gerichtsakten, die den Alltag, den religiösen Glauben und die politischen Verhältnisse dokumentieren, haben Historiker die „schwarze Legende“ widerlegt. Die Inquisition war schlimm, aber kein „Holocaust“, dem Millionen zum Opfer gefallen sind. Wer hätte all diese Geschichtsdokumente fälschen sollen? Und dann auch noch so, daß sie der offiziellen Geschichtschreibung widersprechen!

Chronologiekritiker sehen, wie einst Schopenhauer, daß ganz entgegen den Behauptungen Hegels sich die Geschichte in einer „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ zu erschöpfen scheint. Daraufhin fassen sie den Geschichtsverlauf so zusammen, daß sie uns schließlich eine konzise „Geschichte“ vorlegen können. Kann es nicht aber auch so sein, daß die Menschheit auf neurotische Weise immer und immer wieder das gleiche Christusmord-Geschehen durchexerzieren muß und daß dieser „Wiederholungszwang“ die Menschheitsgeschichte zu einer derartig öden und unlogischen Geschehensabfolge machte?

christusallber

Die wahre Bedeutung von „Christus starb für unsere Sünden“

29. März 2013

Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia zum Karfreitag:

Die wahre Bedeutung von „Christus starb für unsere Sünden“

Aus dem Führerhauptquartier der Antiorgon-Naziliga: Die drei Grundlagen des Nationalsozialismus (Teil 1)

15. Mai 2012

Die heutige antiautoritäre und angeblich „antifaschistische“ Gesellschaft ist in dreierlei Hinsicht funktionell identisch mit dem Nationalsozialismus:

  1. Im Vergleich zur „bürgerlichen“ Gesellschaft steht die Rebellion im Vordergrund, nicht der „Untertanengeist“. Es hängt alles vom Willen ab.
  2. Entsprechend tritt an die Stelle der Unterwerfung unter den Vatergott eine diffuse, „biologistisch“ geprägte „grüne“ Naturmystik.
  3. „Der Sohn“, der vom „Gesetz“, das durch das Judentum verkörpert wird, befreit, tritt in den Mittelpunkt. Man denke an den penetranten Jugendkult.

Dabei geht es jeweils um Elemente, die bereits in der bürgerlichen, autoritären Gesellschaft angelegt waren. Es ändert sich nur die Gewichtung. Beispielsweise entsteht, Reich zufolge, durch die Sexualunterdrückung im Patriarchat „die Struktur des Untertanen, der gleichzeitig sklavisch gehorcht und rebelliert“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 19).

Je nachdem was im Vordergrund steht, die Unterwerfung oder die Rebellion, hat man es mit einer autoritären oder antiautoritären Gesellschaft zu tun. Wobei natürlich stets beide Elemente vorhanden sind. Es handelt sich also nicht um einen absoluten, sondern um einen funktionellen Gegensatz.

Mit dieser Gegenüberstellung spielte Reich 1935 natürlich auf den sich damals europaweit ausbreitenden Faschismus an mit seiner unverkennbar revolutionären Rhetorik. In der NSDAP hat es stets einen gewichtigen „antibürgerlichen“ Flügel gegeben, zu dem nicht zuletzt Hitler selbst gehörte. Dieser Zug ist derartig prominent, daß immer wieder von neuem die Frage aufgeworfen wird, ob es sich beim Nationalsozialismus überhaupt um eine rechtsextreme und nicht vielmehr um eine linke Erscheinung handelt, die gleichberechtigt neben Sozialdemokratie und Bolschewismus zu verorten ist. Ich bin darauf bereits in Waren die Nazis „Rechte“? eingegangen.

Die damaligen Sozialisten waren sich dieser Nähe zu Hitler durchaus bewußt, darunter auch Reich. Spezifisch für Reich ist eine zweite Einsicht:

In der nationalsozialistischen Ideologie steckt ein rationaler Kern, der der reaktionären Bewegung ihren großen Schwung verleiht und sich in der Phrase der „Verbundenheit von Blut und Boden“ ausdrückt. (ebd., S. 24)

Siehe dazu auch Karl Motesiczky. In diesem Zusammenhang denke man an die anhaltende „Esoterik“-Welle oder die wirklich einfach nur als grotesk zu bezeichnende Popularität von C.G. Jung. Es herrscht heute der gleiche Geist, der die „nationalsozialistische Bewegung“ animiert hat.

Leni Riefenstahl beschreibt ihre erste Begegnung mit Hitler als Teilnehmerin einer politischen Versammlung wie folgt:

Ich war verblüfft zu sehen, welche Macht Hitler über seine Zuhörer hatte. Wie ein Hypnotiseur besaß er die Gabe, sein Publikum zu behexen bis es tat, was er wollte. Es war sehr erschreckend und ich selbst war empfänglich für diese Ausstrahlung. Es war nicht nur eine ionisierte Atmosphäre, sondern eine äußerst seltene Beziehung zwischen dem Mann auf der Tribüne und den Menschen im Saal. Meine Erregung war sehr stark, so stark in der Tat, daß ich mich wenig um den Inhalt seiner Rede kümmerte. Ich fragte mich: „Wer ist er wirklich?“ (z.n. Bernhard Horstmann: Hitler in Pasewalk, Düsseldorf 2005, S. 131)

Anhand solcher Zeugenaussagen und „Bekenntnisse“ wird evident, daß der Nationalsozialismus weit mehr war als nur eine politische Bewegung und Hitler weit mehr als nur ein „politischer Führer“.

Hitler konnte nur so wirken, weil er auf eine diffuse Weise „Befreiung“ versprach bzw. verkörperte. In vieler Hinsicht kann man ihn durchaus mit Christus vergleichen. Sowohl Hitlers Selbstidentifikation mit Jesus als auch die Wahrnehmung Hitlers als neuer Jesus ist eindeutig.

Bereits 1923 meinte Hitler in einem von Dietrich Eckart unter dem Titel Der Bolschewismus von Moses bis Lenin veröffentlichten „Zwiegespräch zwischen Hitler und mir“, daß zwar auch das Christentum ein Teil der „jüdischen Weltverschwörung“ sei,

Jesus freilich war kein Jude, er war „Arier“. Doch nicht Jesus hatte das Christentum geschaffen, sondern Paulus. Paulus aber predigte Pazifismus und Gleichmacherei; er raubte dem römischen Reich seine stärkste Stütze, den heroischen, wehrhaften Geist, führte so seinen Untergang herbei und brachte die Juden ihrem Ziel, der Weltherrschaft, einen Schritt näher. (z.n. Norman Cohn: Die Protokolle der Weisen von Zion, Köln 1969)

Der Nationalsozialismus war also die Rückkehr zu Jesus. In der Jesus-Bewegung sah Hitler den Tischgesprächen zufolge eine lokale „arische“ Oppositionsbewegung gegen das Judentum, die auf Nachkommen gallischer Legionäre zurückging, die in Galiläa lebten. Dann wäre Paulus gekommen und hätte Jesu Lehre „judaisiert und verfälscht“ und in eine jüdische Oppositionsbewegung gegen das arische Rom verkehrt.

Heutzutage wird derartiger Unsinn, derartige „alternative Geschichtsinterpretation“, millionenfach verbreitet. Kaum eine U-Bahnfahrt, bei der nicht irgend jemand Sakrileg und ein ähnliches strunz dummes Machwerk liest. Allein schon hier wird der Antiautoritarismus evident: es geht gegen das „etablierte Wissen“, die Kirche, den patriarchalen Gott und aus Jesus dem Opferlamm wird Jesus der Rebell.

Nietzsche über Christus (Teil 2)

9. April 2012

Wie kann man dazu kommen Jesus anzugreifen?! Dessen Botschaft doch war: Freigebigkeit, Bedürfnislosigkeit und freiwillige Armut („Selig sind die Hungrigen“); Offenheit und Vorurteilslosigkeit des Herzens („Suche und du wirst finden, klopfe, und die Tür wird dir geöffnet“, Mt 7,7; „Richte nicht, damit du nicht gerichtet wirst“, Mt 7,1); sowie die Absage an Rache und Vergeltung („Wer dir auf die Wange schlägt, dem halte auch die andere Wange hin“, Mt 5,39).

Überzeugende Analysen des pestilenten Verhaltens Jesu hat der ehemalige Dominikaner Hans Conrad Zander (Ecce Jesus, Reinbek, 1992) geliefert.

Jesu Wunder geschehen, wie Zander, anhand persönlich bei indischen Wunder-Gurus erlebtem, beschreibt, dermaßen schnell, im hektischen Menschengewühl, daß sie nicht unterscheidbar sind von ganz gewöhnlichen Wundern der Trickzauberer, bei denen Geschwindigkeit alles ist. Und genauso wie die indischen Wunderheiler zieht auch Jesus stets überstürzt weiter, damit nicht ruchbar wird, daß wirklich nichts geschehen ist. Modju in Aktion, Marke Hitler! (Zander zieht tatsächlich diesen Vergleich, wenn er den armen Krüppel, der sich von einem Wunderheiler verarschen läßt, neben ein geschlagenes Volk stellt, das sich einem politischen Scharlatan an den Hals wirft.)

Was Jesu Äußeres betrifft hat Celsus überliefert, was auch das Stillschweigen des Evangeliums nahelegt, daß Jesus „unedel, häßlich und klein“ war (vgl. Zander, S. 75-77).

Der Geist in Jesu Umgebung ist durch und durch sektiererisch klein, bar jeder Größe. Wenn Jesus in Mt 23,12 den anderen Demut predigt, fragt man sich, ob nicht er selbst mit all seinen Flüchen und Selbsterhöhungen am meisten dieser Predigt bedurft hätte. Stets wirft er anderen seine Sünden vor. Reichs „der ist kein Kleiner Mann, der weiß, daß er ein Kleiner Mann ist“, macht aus Jesus eine Mikrobe.

Jesus sagt, daß sich die Liebe gut bezahlt machen wird (Mt 5,46). Diese „Liebe“ ist eine dreckige Lüge. Hinter ihr steckt nur Haß und Neid. Während im antiken und ursprünglich jüdischen Weltbild der Tod der große Gleichmacher war (alle gingen in das Schattenreich der Unterwelt), hob Christus dies in seiner unendlichen Rachsucht auf. So krampft sich einem bei der Lektüre des Neuen Testaments die Seele zusammen, da nicht auch nur der kleinste Fetzen von Großmütigkeit bei diesen intellektualisierenden Kleinbürgern, die sich nach persönlicher Unsterblichkeit sehnen, zu finden ist. Speiübel kann einem werden: „eins tut Not“ (Lk 10,42). Die totale Egozentrik, das ekelige Bemühen von Krämerseelen um das eigene „Seelenheil“. Nietzsche:

Das Christentum gab jedem das Recht, sich unsäglich wichtig zu nehmen: er ist ein „ewiges Wesen“! ein „Genius“, eine „Persönlichkeit“. (Studienausgabe, Bd. 9, S. 186)

Nietzsche hat Christus als Modju erkannt:

Christus trug nicht nur Gott, sondern auch Satan in seinem Busen: das ist die Gegenrechnung bei diesem moralischen Hyperidealismus: die absolute Verdammung des Menschen, das odium generis humani. Um die Menschheit eines solchen Opfers eines Gottes wert zu fühlen, mußte man sie ins Tiefste verachten und vor sich herabwürdigen. (Studienausgabe, Bd. 9, S. 233)

Und weiter:

Wie streng ist man gegen Calvin wegen einer Hinrichtung! Und Christus verwies alle, die nicht an ihn glaubten, in die Hölle – und Menschen, noch furchtbarer als er, fügten hinzu: „mit rückwirkender Kraft“. (ebd., S. 245)

Christi

wunder Punkt ist, daß die Menschen ihm nicht glauben wollen, während er sich selber glaubt: und hierbei wird seine Phantasie grausam und düster, und er dichtet die Hölle für die, welche nicht an ihn glauben. (ebd., S. 257)

Nietzsche:

Welche Gemeinheit! Gott will Liebe von den Menschen – und hat für die, welche sie versagen, die Hölle in Bereitschaft! Wie Tiberius und Nero! Ist es nicht achtbar, einem solchen Tyrannen sich zu weigern? Gott als der gerechte und der Richter ist kein Gegenstand der Liebe! Es ist undelikat! Er hätte sich des Richtens begeben müssen! Christus empfand nicht fein genug! In diesen Dingen sind wir feiner. (Studienausgabe, Bd. 9, S. 388)

Und weiter über Jesus:

Sein Mangel an Bildung schützt ihn davor, sich die Entstehung einer Leidenschaft vorzustellen und sich selber einmal objektiv zu sehen: er steht nie über sich (…). Das Furchtbarste, ewig Unsühnbare der Menschen wurde das Verschmähen seiner Liebe – dies ist ein gemeiner Zug. Ebenso seine Verdächtigung der Reichen, des Geistes, des Fleisches – seine Milde und Nachsicht ist kurz und ganz egoistisch. (ebd., S. 257f)

Wer solchen Wert darauf legt, daß an ihn geglaubt werde, daß er den Himmel für diesen Glauben gewährleistet, und jedermann, sei es selbst ein Schächer am Kreuze. – Der muß an einem furchtbaren Zweifel gelitten und jede Art von Kreuzigung kennengelernt haben: er würde sonst seine Gläubigen nicht so teuer kaufen. (Morgenröte, A 67)

Wie in jeder Sekte gibt es auch im Christentum von Anfang an ein Denkverbot (1 Kor 1,17-25). Schon Jesus fordert, wie später die Kirche, das „sacrificium intellectus“, das Opfer der eigenen Vernunft. Man zerstört die intellektuelle Kritikfähigkeit, damit die eigene Oberflächlichkeit als Tiefe imponiert. Die ganze Weisheit Jesu ist monoton immer dieselbe Gedankenfigur: um zu leben, mußt du sterben; um das Ziel zu erreichen, mußt du aufhören, danach zu streben; um frei zu werden, mußt du dich mir vollkommen unterwerfen; um zu verstehen, mußt du das Denken aufgeben; man muß sich selbst verlieren, um sich selbst zu finden – und all das leere Geschwätz, bis jeder dröge Schwachsinn wie die allertiefste Weisheit wirkt, á la Osho.

„Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 18,14), hat Nietzsche entschlüsselt zu: „Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden“ (Menschliches, Allzumenschliches, A 87). Alles dient der Macht, sogar die nur scheinbare, in Wirklichkeit nämlich entwaffnende, Unterwerfung unter die Macht (Mt 5,3841). Man verschleiert seine eigentliche Absicht und gibt z.B. seine revolutionären Ideen als orthodox aus (Mt 5,1737). Ständig predigt Jesus anderen Feindesliebe, verflucht aber seine eigenen Feinde pausenlos. Er verflucht sowohl die Reichen (Lk 6,24) als auch die Armen (Mt 25,29f).

Ganz besonders hat mich immer Jesu Anmaßung angewidert, die hinter der herablassenden Hinwendung zu den in jeder Beziehung „Armen“ steckt. So wie er, kann nur ein anmaßender Gernegroß reden, der seine adlige Herkunft als Nachkomme Davids ständig vor Augen hat. Gnadenvoll verspricht er den Armen das Paradies (Mk 9,1). André Gide hat z.B. von sich gesagt, was ihn zum Kommunismus gebracht hätte, sei nicht Marx, sondern das Evangelium gewesen. Schon die Frühsozialisten Saint-Simon, Owen und Fourier wollten Jesu Verheißung im Diesseits verwirklichen. Und der unmittelbare Vorgänger Marxens, Weitling schrieb 1846 sogar Das Evangelium eines armen Sünders mit einem Jesus, der die sozialistische Botschaft verbreitet. Ein Messias, frei von der Verzauberung durch Mammon. Reich vergleicht Jesus und Marx des öfteren miteinander. Wie die Vision geendet hat, zeigt die Episode Apg 5,1-11 aus der Urgemeinde, in der in aller Unmenschlichkeit ein terroristischer Urkommunismus herrschte.

„Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“ Wie kann man besser sozial sein und sich gleichzeitig asozial über die „Geringen“ stellen?! So wie Jesus sich den Huren und „Zöllnern“ zuwendet, muß er ein von Moral triefendes Ekelpaket gewesen sein. Wer kennt nicht die ganz besondere Freundlichkeit, die „gute Menschen“ z.B. gegenüber „Schwarzen“ an den Tag legen: so als wären diese irgendwie behindert. Nietzsche: „Der Mitleidende fühlt sich als der Stärkere“ (Studienausgabe, Bd. 8, S. 347). Nietzsche sagt sehr schön, die Gnade sei „ursprünglich ein Zeichen der Verachtung“ (ebd., S. 592). Jesu Nächstenliebe gilt immer nur der Gruppe, den Armen, nie dem Einzelnen. „Wir können dem Nächstem immer nur helfen, indem wir ihn in eine Gattung (Kranke, Gefangene, Bettler, Künstler, Kinder) einordnen und dergestalt erniedrigen“ (Studienausgabe, Bd. 9, S. 51).

Diese unmenschliche Kontaktlosigkeit Jesu bringt Zander sehr schön auf den Punkt:

Beherrschung unter dem Vorwand der Betreuung, Belästigung unter dem Vorwand des Mitleids, Einmischung ins Innerste unter dem Vorwand der Nächstenliebe – das ist der Alltag der Kirche. Und die Kirche ist nicht etwa so, weil sie Jesus verraten hätte. Jesus selber war schon so. (S. 139)

Nietzsche schrieb noch treffender über das christliche Mitleid:

Die mitleidigen, im Unglück jederzeit hilfreichen Naturen sind selten zugleich die sich mitfreuenden: beim Glück der anderen haben sie nichts zu tun, sind überflüssig, fühlen sich nicht im Besitz ihrer Überlegenheit und zeigen deshalb leicht Mißvergnügen. (Menschliches, Allzumenschliches, A 321)

Nietzsche am Ende seines Antichrist über die Christen (und gleichzeitig natürlich auch über die „humanistischen“ Ableger des Christentums):

Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren Korruptionen, sie hat den Willen zur letzten auch nur möglichen Korruption gehabt. Die christliche Kirche ließ nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. (…) Der Parasitismus als einzige Praxis der Kirche; mit ihrem Bleichsuchts-, ihrem „Heiligkeits“-Ideal jedes Blut, jede Liebe, jede Hoffnung zum Leben austrinkend. Das Jenseits als Wille zur Verneinung jeder Realität; das Kreuz als Erkennungszeichen für die unterirdischte Verschwörung, die es je gegeben hat – gegen Gesundheit, Schönheit, Wohlgeratenheit, Tapferkeit, Geist, Güte der Seele, gegen das Leben selbst… Diese ewige Anklage des Christentums will ich an alle Wände schreiben, wo es nur Wände gibt – ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen… Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die eine große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist – ich heiße es den einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit…

Nietzsche über Christus (Teil 1)

8. April 2012

Bei Nietzsche kann man ein eigentümliches Schwanken in seiner Einschätzung von Jesus konstatieren. Jesus hätte seine Lehre widerrufen, hätte er die Erde liebengelernt. „Edel genug war er zum Widerrufen!“ (Also sprach Zarathustra, Studienausgabe, S. 95). Nietzsche meint aber auch:

(…) ein Typus Mensch, der mir nicht Ekel machen soll, (ist) gerade der Gegensatz Typus zu den Ideal-Götzen von ehedem, einem Typus Cesare Borgia hundertmal ähnlicher als einem Christus. (Brief an Malwida von Meysenbug vom 20.10.1888)

Anfänglich betrachtete Nietzsche, der vom verkitschten Jesus-Bild des 19. Jahrhunderts geprägt war, Christus als „den edelsten Menschen“ (Menschliches, Allzumenschliches, A 475). Für Nietzsche ist Christus eindeutig ein guter Mensch mit einem warmen Herzen, doch (oder gerade deshalb)

förderte (er) die Verdummung der Menschen (…). Sein Gegenbild, der vollkommene Weise – dies darf man wohl vorhersagen – wird ebenso notwendig der Erzeugung eines Christus hinderlich sein. (Menschliches, Allzumenschliches, A 235)

Das christliche Himmelreich auf Erden wird also die Entwicklung dessen verhindern, was Nietzsche später als „Übermensch“ bezeichnet hat.

Auf diese Periode, in der Nietzsche Jesus als harmlosen Idioten betrachtete, folgt eine sehr kritische, in der er Jesus als „großen Egoisten“ bezeichnet (Studienausgabe, Bd. 9, S. 550).

Der Egoismus ist verketzert worden, von denen die ihn übten (…); sie brauchten die entgegengesetzte Gesinnung bei den Menschen, die ihnen Funktion leisten sollten. (ebd., S. 557)

Wenn ein Idealist der Praxis nicht Skeptiker aus Instinkt ist, so wird er zum Narren der Eitelkeit und hält sich für Gottes Sohn. (ebd., S. 116)

Doch konnte sich Nietzsche nie entscheiden, wen er für die „psychologische Erfindung“ des Christentums verantwortlich machen sollte: Jesus oder Paulus (Fröhliche Wissenschaft, A 353).

Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth oder an seinem Apostel Paulus, daß sie den kleinen Leuten so viel in den Kopf gesetzt haben. (Studienausgabe, Bd. 12, S. 506)

Doch schließlich fand Nietzsche zu seiner ursprünglich positiven Einschätzung zurück, indem er alles Negative auf Paulus schob, während aus Jesus der Idiot mit reinem Herzen wurde, eine gefährliche „Unschuld vom Lande“, die gar nicht weiß, was sie anrichtet.

Mit Karl Löwith kann man den Unterschied zwischen Reich und Nietzsche in Bezug auf Jesus wie folgt ausdrücken:

Für Hegel [wie auch entsprechend für Reich] bedeutet die Menschwerdung Gottes in Christus die einmal für immer zustande gekommene Versöhnung der menschlichen und göttlichen Natur; für Nietzsche bedeutet sie, daß der Mensch gekreuzigt und gebrochen wurde in seiner wahren Natur. (Nietzsches Philosophie der Ewigen Wiederkehr des Gleichen, Hamburg 1978, S. 43)

In dieser Betrachtungsweise hat Nietzsche einen Vorgänger in Giordano Bruno.

Bruno zog das Alte dem Neuen Testament vor. Ganz wie Nietzsche, der meinte, das Neue mit dem „Alten“ Testament zu einem Buch zusammengeleimt zu haben, sei „vielleicht die größte Verwegenheit und ‘Sünde wider den Geist’“ (Jenseits von Gut und Böse, A 52). Nietzsche bewundert die Größe der Hebräischen Bibel, dagegen findet er im Gegensatz dazu im Neuen Testament nur

lauter kleine Sekten-Wirtschaft, lauter Rokoko der Seele, lauter Verschnörkeltes, Winkliges, Wunderliches, lauter Konventikel-Luft, nicht zu vergessen einen gelegentlichen Hauch bukolischer Süßlichkeit, welcher (…) nicht sowohl jüdisch als hellenistisch ist. Demut und Wichtigtuerei dicht nebeneinander; eine Geschwätzigkeit des Gefühls, die fast betäubt; Leidenschaftlichkeit, keine Leidenschaft, peinliches Gebärdenspiel. (Genealogie der Moral, III A 22)

Zu Lk 6,23 („Desgleichen taten ihre Väter den Propheten auch“) merkt er an: „Unverschämtes Gesindel! Es vergleicht sich bereits mit den Propheten“ (Antichrist, A 45).

Das Judentum hat mehr Scheu und Abstandsbewußtsein für alles, was mit Gott und seinem Gesalbten zusammenhängt. Über dem Messias steht Gott als der hochheilige und allmächtige Herr, während sich beim Christentum eine Art kleinbürgerliche Tuchfühlungstendenz gegenüber Gott abzeichnet, was Nietzsche bekanntlich scharf ironisierte. (H.J. Gamm: Der braune Kult, Hamburg, 1962, S. 211f)

Die Juden unterwerfen sich Gott als leibeigene Sklaven (Lev 25,55), während die Christen aus Willen zur Macht Gott eklig nah auf die Pelle rücken. Paulus wird mit Christus eins und

mit dem Einswerden ist jede Scham, jede Unterordnung, jede Schranke von ihm genommen, und der unbändige Wille der Herrschsucht offenbart sich als ein vorwegnehmendes Schwelgen in göttlichen Herrlichkeiten. (Morgenröte, A 68)

Paulus wiederholt hier nur das, was Christus mit seiner „Sohnschaft“ vorexerziert hatte.

Giordano Bruno war vielleicht der einzige Ketzer (die ja praktisch durchweg gläubige Christen waren), der aus christlicher Sicht zu Recht verbrannt wurde. Er hatte Jesus Christus, dem er den Codenamen „Orion“ gab, verflucht und mit abgrundtiefer Verachtung überschüttet, als billigen Gaukler, der sich selbst zum höchsten Gott gemacht und damit die Natur entgöttlicht hatte. Christus war für Bruno ein Mensch „von niedrigster und gemeinster Natur und Denkart“ (Jochen Kirchhoff: Bruno, rororomono, S. 124). Wie Bruno wohl darauf reagieren würde, daß Reich ihn im Christusmord als Seelenbruder neben Christus gestellt hat?!

Bruno hat nie widerrufen und ist trotz schwerer Folterungen stolz und ungebrochen gestorben. Ein Augenzeuge beschreibt seine Verbrennung am 8. Februar 1600 nach achtjähriger Einkerkerung wie folgt:

Heute also ist er zum Scheiterhaufen oder Brandpfahl geführt worden. Als hier dem schon Sterbenden das heilige Kruzifix vorgehalten wurde, wandte er mit verachtender Miene sein Haupt. (Kirchhoff, S. 52)

Als 1889 das berühmte Bruno-Denkmal auf dem Campo dei fiori, wo Bruno verbrannt worden war, errichtet wurde, schrieb Papst Leo XIII an alle Gläubigen der Welt:

[Bruno] hat weder irgendwelche wissenschaftlichen Leistungen aufzuweisen, noch hat er sich irgendwelche Verdienste um die Förderung des öffentlichen Lebens erworben. Seine Handlungsweise war unaufrichtig, verlogen und vollkommen selbstsüchtig, intolerant gegen jede gegenteilige Meinung, ausgesprochen bösartig und voll von einer die Wahrheit verzerrenden Lobhudelei. (ebd., S. 140)

Bis zur Aufhebung des katholischen Index 1965 war die Lektüre Brunos für Katholiken verboten.

Wer war Jesus? (Teil 1)

12. März 2012

Wenn man die synoptischen Evangelien liest, tritt einem eine einzige zentrale Frage entgegen: „Wer war Jesus?“ Das ist die Frage, die Jesus in einer der beiden Schlüsselszenen an seinen Hauptjünger Petrus stellt: „Wer bin ich?“ In der zweiten Schlüsselszene fragt zunächst der Oberpriester und dann Pilatus sinngemäß: „Wer bist du?“, was Jesus wiederum zu der Frage umkehrt: „Sage du mir, wer ich bin!“

Nun, die Evangelien sind Erbauungsliteratur, die den Leser dazu bringen soll, die Frage selbständig für sich zu beantworten: Jesus ist der Sohn Gottes, d.h. der einzige Zugang zu Gott. Aber durch diese Instrumentalisierung klingt doch durch, was Jesu Zeitgenossen bewegt hat und was schließlich zur Ausformulierung des Christentums geführt hat: „Wer ist das? Warum ist er so anders? Warum verhält er sich anders? Warum geht eine solche berückende Faszination von ihm aus? Warum spricht er mit einer solchen bezwingen Überzeugungskraft?“

In anderen Religionen geht es darum sich an das Gesetz zu halten, die Rituale zu befolgen, was man glaubt, ist einem letztendlich freigestellt. Ein extremes Beispiel in dieser Hinsicht ist der Hinduismus. Nur im Christentum dreht sich alles um dogmatische Fragen. Im Gegensatz zu den anderen großen Religionen ist das Christentum kein Lebensentwurf, kein Regelsystem, kein Erlösungsweg, sondern in erster Linie Dogma, d.h. alles dreht sich um die eine Frage wer Jesus war, d.h. wie genau sein Verhältnis zu Gott ist. Alles andere am Christentum ist vollkommen nebensächlich. Es dreht sich seit 2000 Jahren alles um die eine Frage, die bereits damals die Zeitzeugen in Galiläa und in Jerusalem umgetrieben hat: „Wer ist das?!“

Das, was vielleicht das abstoßendste am Christentum ist, macht dergestalt das Christentum für die Orgonomie interessant, denn die „dogmatische“ Frage, wer Jesus war, kann sich angesichts der Beschreibungen in den synoptischen Evangelien nur daran entzündet haben, daß er auf eine grundsätzliche Weise anders war als alle anderen. In damaliger Begrifflichkeit kann das nur bedeutet haben, daß er eine andere Beziehung zu Gott hatte als normale Sterbliche. Reich hat das in Christusmord diskutiert und mit zwei weiteren Problemen verknüpft: Warum wurde dieser „göttliche Mann“ auf eine derartig erniedrigende und grausame Art und Weise ermordet? Und was bedeutet die Auferstehung?

Die erstere Frage, ist die nach der „Emotionellen Pest“, die das Lebendige desto stärker bekämpft, je klarer und reiner es in Erscheinung tritt. Die zweite Frage verweist darauf, daß das Lebendige mit der kosmischen Orgonenergie („Gott“) identisch und damit unauslöschlich ist. Die Christen konnten diese Zusammenhänge nicht erfassen und mußten deshalb einem zerstörerischen Mystizismus anheimfallen, der alles negiert wofür Jesus stand: er war ein genitaler Charakter.

Darwin gegen Christus

2. März 2012

Man beobachte Herdentiere, etwa eine Gruppe von Enten oder ein Wolfsrudel, meistens gehen sie sehr fürsorglich miteinander um, aber kaum geht es ums Fressen und die Sexualität ist Schluß mit lustig. Den Schwachen wird nicht etwa Vortritt gewährt, sondern sie müssen sich ganz hinten anstellen, im Zweifelsfall werden sie sogar noch weiter erniedrigt. Es ist, als wolle „die Natur“ letztendlich immer alles Schwache ausmerzen.

In der (gepanzerten) menschlichen Gesellschaft war das nie anders. Es wurde allenfalls durch die Religionen, insbesondere das Christentum, in Schach gehalten. Seit Darwin wurde dieses „Ausmerzen des Schwachen“, aber selbst zu einer Art Religion, – zu einer „Weltanschauung“, von der beispielsweise Hitler durchdrungen war. Am Ende sollte Deutschland den „überlegenen Ostvölkern“ Platz machen. Sich gegen dieses „Naturgesetz“ zu stellen, führe zur Dekadenz und am Ende, nachdem auch das letzte „lebensunwerte Leben“ an der eigenen Schwäche verreckt sei, stünde ein Planet leblos wie der Mond.

Das beängstigende an dieser „Nazi-Ideologie“ (der Begriff „Nationalsozialismus“ wäre in diesem Fall wirklich unangebracht!) ist, daß sie durchaus der „menschlichen Natur“ entspricht. Auf die beziehen sich auch immer wieder neonazistische Ideologen: letztendlich würde in der Krise doch die „menschliche Natur“ durchbrechen und entsprechend die „nationalsozialistische Idee“ doch noch triumphieren, der „Rassegedanke“, der Antisemitismus, blablabla. Primitivster Darwinismus in Potenz.

Wie ungemein tief der Kampf der Starken gegen die Verlierer in uns verankert ist, hat nun eine Reihe von drei Studien von Forschern der Ohio State University, der Pierre Mendès-France University in Grenoble und der University Paris Descartes gezeigt. Sie fanden bei entsprechenden Testläufen mit Probanden, daß Gewinner sich gegenüber den Verlierern aggressiver verhalten als umgekehrt. Sozusagen „Klassenkampf von oben“. Wer ohnehin schon wackelig auf den Beinen ist, wird auch noch geschubst!

Die Verhaltensforschung hat gezeigt, daß dies überall in der Natur so ist: die, die in der Hierarchie „oben“ stehen, d.h. „die Gewinner“, treten nach unten. Es ist beispielsweise kein Vergnügen in der Rangordnung einer Schimpansenhorde ganz unten zu stehen.

Das ist aber nur die eine Seite der Natur, sozusagen die Seite der Gene. Die andere Seite war bisher eher das Terrain von Religion und Naturphilosophie. Reich war der erste, der diese andere Seite wissenschaftlich erforscht hat:

  1. Die Funktion des Orgasmus: bei einer geregelten Sexualökonomie sind die atavistischen Triebe energetisch nicht besetzt. Dieser Punkt erfordert eine weitschweifige Erläuterung, die ich in Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht versucht habe zu geben.
  2. Die Aufdeckung einer biologischen Funktionsebene unterhalb der Genetik: Bion-Experimente, bioelektrische Experimente, „kosmische Überlagerung“ (die Orgonom-Form). Siehe dazu ebenfalls Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht.

Wir können unsere „Darwinistische Natur“ (die trotzdem unlösbar zu uns gehört!) transzendieren hin zu einer „Christus-Natur“, ohne daß wir dabei auf irrationale Weise religiös werden müßten. Siehe dazu meinen Blogeintrag Warum ich kein Christ bin.

Was die oben erwähnte amerikanisch-französische Studie betrifft, wäre in diesem Zusammenhang interessant, ob es Unterschiede zwischen Menschengruppen mit einer grundsätzlich unterschiedlichen Sexualökonomie gäbe. Wenn Reich Recht hat, wären genital gesündere Menschen signifikant weniger aggressiv gegen Unterlegene als orgastisch besonders impotente Menschen. Die ersteren würden sich arbeitsdemokratisch verhalten.

Der Opfertod Christi (Teil 2)

16. Februar 2012

Reich zufolge liegt das Wesen aller Leidensreligionen in der masochistischen Herbeiführung dessen „was am tiefsten gefürchtet ist: die lustvolle Erlösung von Spannungen, die als Platzen oder Bersten empfunden und gefürchtet ist“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer-TB, S. 192). In seinem Buch Saharasia weist James DeMeo darauf hin, daß der ganze Nahe Osten seit Jahrtausenden von diesen psychosexuellen Mechanismen geprägt ist. Man könnte z.B. die Aktionen des Ayatollah Khomein gegenüber Amerika als Versuch interpretieren, einen amerikanischen Angriff zu provozieren,

als verborgenen, unbewußten Wunsch weggesprengt zu werden, um von der unerträglichen inneren sexuellen Spannung befreit zu werden. Im großen Maßstab scheint dieses Verhalten dem des sexuellen Masochisten zu entsprechen, der ausgepeitscht werden will, der absichtlich will, daß sein Fleisch zerrissen und zum Platzen gebracht wird, als der einzigen Möglichkeit, durch die er Erleichterung von inneren, sexuellen Spannungen erlangen kann. (The Saharasian Connection, University of Kansas, 1986, S. 530)

Der Irak hat im Golfkrieg Giftgas eingesetzt, um die fundamentalistisch-moslemischen Feinde ohne Blut sterben zu lassen und ihnen so den Spaß am Sterben zu vergällen, denn im Heiligen Krieg ist Blut eine Voraussetzung für das garantierte Eingehen ins Paradies.

Die Propheten Jahwes aber auch die Propheten Baals kasteiten sich so, daß ihre Körper mit blutigen Striemen übersät waren (Sach 13,6). Baalspropheten „ritzten sich nach ihrem Brauch die Haut mit Schwertern und Speeren, daß das Blut an ihnen herabfloß“ (1 Kön 18,28). So wie heute noch im Iran. Der Mensch ist voll Unheil (Jer 17,9) und muß wie eine Eiterbeule aufgerissen werden.

Nietzsche sagt zu Jesu Opfertod:

Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftet die reinste Lehre noch zu Wahn und Haß der Herzen. – Und wenn einer durchs Feuer geht für seine eigene Lehre, – was beweist dies! Mir ist’s wahrlich, daß aus eigenem Brande die eigene Lehre kommt. (Also sprach Zarathustra, Studienausgabe Bd. 4, S. 119)

Das sadistische Gegenstück des Masochismus Saharasias ist die Rache und die Häme.

Der Mensch nämlich ist das grausamste Tier. Bei Trauerspielen, Stierkämpfen und Kreuzigungen ist es ihm bisher am wohlsten geworden auf Erden; und als er sich die Hölle erfand, siehe, da war das sein Himmel auf Erden. (ebd., S. 272)

Der „harte und rachsüchtige“ Gott „erbaute sich eine Hölle zum Ergötzen seiner Lieblinge“ (ebd. S. 324). Dies zeigt besonders schön der Koran: die im Paradies sind, werden auf Ruhekissen liegend auf die Ungläubigen in der Hölle hinabsehen, um sie zu „verlachen“ (Sure 83,35f). Nietzsches zitiert Thomas von Aquin:

Die Seligen werden im himmlischen Reich die Strafen der Verdammten sehen, damit ihnen die Seligkeit um so besser gefalle. (Genealogie der Moral, I A 15)

Nach Nietzsche ist die christliche Apokalypse, die „wüsteste aller geschriebenen Ausbrüche, welche die Rache auf dem Gewissen hat“.

Wir wollen, daß der Todeskandidat mit vollem Bewußtsein stirbt. Wir wollen, daß er ganz außergewöhnlich leidet. Wie wollen auf ihn spucken. Diese Perversität bezieht sich selbst auf den eigenen Heiland. Jesus Christus mußte ein Verfluchter sein! (Gal 3,13). „Gott hat Christus (…) als Sünder verurteilt (…)“ (2 Kor 5,21). Nur vor diesem sadistischen „schwarzmagischen“ Hintergrund macht die Erlösung durch das Blut Christi überhaupt einen Sinn: freigekauft nicht durch Geld, „sondern mit dem kostbaren Blut eines reinen und fehlerlosen Opferlammes, dem Blut Christi“ (1 Petr 1,18f), „durch sein Blut sind wir erlöst“ (Eph 1,7). Seine Pein ist unser Ablaß.

Christentum ist Spannungslösung: der Spannung zwischen der gerechten und der barmherzigen Seite Gottes, die durch den Opfertod Christi gelöst wird. Christus, der Sohn Gottes, erwirbt als Schuldloser ein unendliches Maß an Verdiensten für die Schuldigen, womit der Gerechtigkeit durch einen Akt der Barmherzigkeit Genüge getan ist. „Gott hat Christus, der ohne Sünde war, an unserer Stelle als Sünder verurteilt, damit wir um Christi willen freigesprochen werden“ (2 Kor 5,21). Es ist wie der Vater, der „aus Liebe“ seine Kinder züchtigt, „denn welchen der Herr liebhat, den züchtigt er“ (Hebr 12,6), wobei ihm die Schläge, die er austeilt, mehr schmerzen als dem Kind – das zum Schmerz so gleich noch das Schuldgefühl eingetrichtert bekommt. Bis heute erdrückt jeden Christen das Gefühl, dem Opfer Christi würdig zu werden. Wegen Deiner Sünden mußte er so leiden!

Der Mensch war es, der zwei Jahrtausende am Kreuz hing: und ein gräßlicher Gott trieb seine Grausamkeit und nannte sie Liebe. (Nietzsche: Studienausgabe, Bd. 10, S. 424)

Die Massenpsychologie der Anthroposophie (Teil 1)

27. Oktober 2011

Rudolf Steiner glaubte, daß seine Gedanken ihm durch göttliche Kräfte eingegeben würden. Von Geburt an bis zu seinem Krebstod waren „geistige Wesenheiten“ seine ständigen Begleiter. während seiner Pubertät erlebte Steiner in der Beschäftigung mit der höheren Mathematik Befreiung von seinen drängenden Trieben. Statt genitaler erstrebte er mystische Erfüllung und „spirituelle Entladung“, während er, wohl aus persönlicher Erfahrung heraus, Sex mit Schwarzer Magie gleichsetzte.

1875 gründete Helena Petrowna Blavatsky die Theosophische Gesellschaft mit ihrer „Geheimen Lehre“ von Atlantis und dessen sieben „Wurzelrassen“, zu denen auch die „Herrenrasse“ zählte, die „Arier“. (Tatsächlich geht auf sie praktisch das gesamte Oeuvre der modernen „Esoterik“ zurück: etwa die „Hohlerde“ und David Icke ist nur ein fader Blavatsky-Aufguß.) Ein Freund Blavatskys, der Rosenkreuzer Franz Hartmann, gründete 1895 zusammen mit dem Wiener Fabrikanten Karl Kellner in Wien die Loge Ordo Templi Orientis (O.T.O.), deren Ordensgeheimnis tantrische Sexualmagie war. Aus dieser Geheimloge ist, neben Aleister Crowley (auf den wiederum die Scientology zurückgeht) Steiners Anthroposophie hervorgegangen. Eine weitere Abzweigung des O.T.O. war Lanz von Liebenfels Ordo Novi Templi (O.N.T.), der den Mutterboden der NSDAP formte. Jedenfalls gehörte das Hakenkreuz zum Logen-Wappen und aus dem Logenmotto „Heil und Sieg!“ wurde „Sieg Heil!“.

1920 schrieb der Anthroposoph Karl Heise (der später die Heraufkunft des Nazi-Regimes enthusiastisch begrüßen sollte) ein Buch über Entente-Freimaurerei und Weltkrieg, dessen Druck Steiner persönlich finanzierte und für das er das Vorwort schrieb. Das Buch handelt von „der britisch-freimaurerischen Verschwörung“ und zitiert dazu ausführlich Guido von List, den Logenbruder von Lanz von Liebenfels und Begründer des proto-nazistischen „Armanenordens“, dessen rassistische Sexualmagie ich an anderer Stelle beschrieben habe Der blaue Faschismus http://www.orgonomie.net/hdoblau.htm . Heute wird Heises Buch von neonazistischen Gruppen ständig neu verlegt.

Steiner hatte den Ersten Weltkrieg als „strafenden Sturmwind“ für die ungläubigen Alliierten bezeichnet. Wilson und Lenin nannte er „ahrimanische Mächte“ gegen Deutschlands spirituelle Sendung. In diesem Geiste hatte er bereits zu Beginn des Krieges den Chef des deutschen Generalstabs Helmuth von Moltke, einen Anthroposophen, beeinflußt. Anthroposophie als die Ideologie des deutschen Imperialismus! Der Gründer der anthroposophischen Kirche „Christengemeinschaft“, Pastor Friedrich Rittelmeyer, veröffentlichte 1934 ein Buch mit dem Titel Deutschtum, in dem er für einen Befreiungskrieg von der angelsächsischen Welt warb.

Als Hitler auftrat, reagierten zwar manche Anthroposophen reserviert, aber niemals wirklich feindselig, während sich die meisten begeistert der „Bewegung“ anschlossen. 1933 erklärte der ehemalige Privatsekretär Steiners und späteres Mitglied des Vorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft, Guenther Wachsmuth, gegenüber einer dänischen Zeitung, daß es kein Geheimnis sei, daß die Anthroposophen die Entwicklung in Deutschland voll Sympathie verfolgten. Währenddessen schickte der Nachfolger Steiners und Präsident der Anthroposophischen Gesellschaft, Albert Steffen, ein Rundschreiben an die führenden Nazis, um ihnen zu vergewissern, daß sich die Lehren Steiners in vollkommener Übereinstimmung mit dem Nationalsozialismus befänden.

Dementsprechend waren schon manche Anthroposophen aktiv gewesen. Da wäre z.B. Hans Eberhard Maikowski (Spitzname „Roter Hahn“), ein Sturmbannführer der SA und in dieser Eigenschaft der Führer des berüchtigten Killerkommandos „SA-Mordsturm 33“. Sein Bruder, ein Waldorf-Lehrer, war enger Mitarbeiter Steiners gewesen und auch der „Rote Hahn“ selbst war glühender Verehrer Steiners. Am Tag der Machtübernahme wurde er von einem Kommunisten erschossen, woraufhin er neben Horst Wessel zu einem der Nationalheiligen Hitler-Deutschlands wurde.

Trotzdem bezeichnete z.B. Reinhard Heydrich die Anthroposophie als „orientalische Verschmutzung des klaren germanischen Geistes“. Entsprechend wurde 1935 die Anthroposophische Gesellschaft verboten. Daraufhin sandte der Vorstand an Hitler einen Brief, in dem ihm die führenden Anthroposophen vergewisserten, es gäbe keinerlei Verbindungen mit freimaurerisch-jüdischen Kreisen und außerdem hätten ja nationalsozialistische Rassenexperten den Anthroposophen offiziell bescheinigt, daß Steiner Arier gewesen sei.

Noch heute versteht es die Anthroposophie sich ein positives Image zu geben. Zum Beispiel gibt sie vor, für individuelle Gnosis zu stehen, doch ist sie tatsächlich ein steriles, dogmatisches System, dessen Dreh- und Angelpunkt die Unterdrückung aller kritischen Distanz und die vollständige Identifikation mit dem Führer ist. Ihr positives Image ist um so erschreckender, wenn man sich vergegenwärtigt, daß ihr spiritueller Wahn vom Krieg der Kräfte des Lichts gegen die der unterirdischen Dunkelheit praktisch mit dem biologischen Wahn der Nationalsozialisten identisch ist. Wie Jerome Eden in seiner Broschüre The Emotional Plague vs. Orgonomic UFOlogy (S. 32) geschrieben hat: „Von Ahrimanisch zu Nicht-Arisch ist nur ein einfacher pathologischer Schritt“.

Dem britischen Anthroposophen Trevor Ravenscroft zufolge träumten sowohl Anthroposophie als auch Nationalsozialismus von einer neuen „Sonnenrasse unter dem Hakenkreuz“, in der die alte rassische Reinheit neu erstehen würde, die nach theosophisch-anthroposophischer Lehre durch die „degenerierten Rassen“ aus dem Süden des „atlantischen Urkontinents“ besudelt wurde. Dort waren, um mit Lanz von Liebenfels zu sprechen, „die Sodomsäfflinge“ Opfer monströser Selbstmutationen aufgrund ihrer „bösen Seelenkräfte“ gewesen. Schließlich sei der rassisch geschwächte Arier durch intellektuell-luziferische und materialistisch-ahrimanische (d.h. jüdische) Kräfte, die ihn von seinen spirituellen Quellen abgeschnitten hätten, aus seinem arischen Paradies vertrieben worden. Es ist in der Anthroposophie also durchaus eine Verbindung zum „Rassebiologischen“ zu finden.

Die ganze anthroposophische Grals-Mystik geht in diese Richtung. Denn was ist der „Gral“ anderes als Träger des Blutes Christi – des noblen arischen Blutes. In der reinen, arischen Blutlinie der Gralsfamilie pflanze sich die Fähigkeit zur hellsichtigen Geistschau als „Blut-Erinnerung“ der arischen Gottes-Söhne fort. Steiner glaubte, so Ravenscroft, seine eigene Geistschau habe er als letzter Vertreter von seinen germanischen Vorfahren geerbt, die diese Fähigkeit mit dem Sonnensymbol der Swastika symbolisiert hätten. Aus dieser okkulten Hellsichtigkeit heraus spräche Steiner von der „okkulten Bedeutung des Blutes“, das Gefäß der Stammes- und Rassen-Identität sei, und von „okkulten Blutriten“ zum Hervorrufen einer magischen Mutation hin zur reinen arischen Rasse. Einer Mutation, die eine neue Phase in der menschlichen Evolution hervorrufen würde, die Geburt des „Übermenschen“ durch „Ätherisierung des Blutes“. Dazu müsse das arische Blut reinerhalten werden, denn Luzifer habe sich im Blut der Menschheit etabliert, nämlich im „Blut der jüdischen Rasse“, die heute zum Träger von Tragödie und Bosheit geworden sei. Das jüdische Blut sei gallig geworden, weil es sich verbohrt gegen das Blut des Neuen Bundes gesperrt habe. Deshalb dürfe das jüdische Blut keine weitere Rolle in der Evolution der Menschheit spielen.

Ich bezweifle, daß Ravenscroft solche Stellen belegen kann, was sich jedoch belegen läßt ist, daß die Steinersche „Geisteswissenschaft“ behauptet, in der Menschheit gäbe es eine evolutionäre Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen, wie beim einzelnen Menschen auch. Dementsprechend sei die negroide Rasse „Baby“, die malaisch-polynesische „Kind“, die mongolische „Jugendlicher“, die indoarische „Erwachsener“ und die indianische „Greis“ (und deshalb leider Gottes dazu bestimmt auszusterben).

In der Anthroposophie wird die persönliche Verantwortung auf Geisteswesen, das karmische Gesetz und den göttlichen Weltplan delegiert, während das Judentum für die persönlich Verantwortung vor Gott steht, die vom Kleinen Mann gehaßt und vom anthroposophischen Christus überwunden wird. Der Anthroposoph kann nur in fixen mystischen Strukturen denken, mit festen Vorstellungen von Gut und Böse. In Verbindung mit Steiners Offenbarung, daß alle Nationen, Völker und „Rassen“ Ausdruck von Geistwesen und deshalb festumrissene „organische“ Einheiten sind, wird sie zur Ideologie des rassistischen Nationalismus, der „Rassenseele“. Steiner selbst sprach im typischen späteren Nazijargon von der „Volksseele“, der unlösbaren Verbindung zwischen „Nation und Blut“ und der „germanischen Sendung“. Goebbels‘ Roman Michael (1929) zeigt die Geistesverwandtschaft von Nationalsozialismus und Anthroposophie, denn der Anthroposophie zufolge ist „Michael“, der Erzengel, der Deutschland verkörpert, die „geistige Macht“ unserer Zeit.

Goebbels denkt Gesellschaft ganz allgemein in der Kategorie der Identität, insofern sowohl von der fremden als auch von der eigenen Gemeinschaft behauptet wird, sie hätte ein „Wesen“; was weder wissenschaftlich noch rational begründet werden kann: „Der Jude ist uns im Wesen entgegengesetzt.“ (Claus-E. Bärsch: „Antijudaismus, Apokalyptik und Satanologie“, Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 1988, S. 118)

Steiners „atlantische“ Rassetheorien aus seiner Akasha-Chronik entsprechen denen Hitlers. Der deutsche Psychiater Wolfgang Treher zeigt in seiner Studie Hitler, Steiner, Schreber – Ein Beitrag zur Phänomenologie des kranken Geistes (Emmendingen 1966) die enge Verwandtschaft zwischen den geisteskranken Systemen Hitlers und Steiners auf. Treher zufolge kämpfte Hitler, in der Art von Projektion, die für Schizophrene charakteristisch ist, gegen das teuflische Böse, d.h. gegen die Juden, um die Einheit seiner manichäisch gespaltenen schizophrenen Seele wiederherzustellen. Treher betrachtet Steiner, der denselben psychotischen manichäischen Krieg des arischen Christus gegen den jüdischen Ahriman kämpfte, als sogar noch kränker und verrückter als Hitler. In beiden schizophrenen Wahnsystemen gibt es zwei Gruppen – eine höhere geistige Rasse und eine dämonische materialistische. Die letztere Rasse muß ihre Sünden abarbeiten, bis sie stirbt, wie in Hitlers KZs.

Steiner und Hitler waren beide Mystiker, aber für Steiner war die metaphysische Einheit der „absolute Geist“, der von der Materie unabhängig ist, während für Hitler es der „absolute Wille“ war, der nicht von den Umständen abhängig ist. So empfand Hitler nur Verachtung für den ästhetisierenden Schwächling Steiner. (In seinen frühen Tagen schrieb Hitler im Völkischen Beobachter gegen den „galizischen Juden“ Steiner.) Während Steiner sicherlich nur Mitleid mit dem primitiven Ahriman Hitler fühlte. Dies hinderte aber manchen ihrer Anhänger nicht daran, ihnen beiden zu folgen.

Monotheismus und Panzerung

9. September 2011

Durch die Panzerung des Organismus kommt es zu einer Zersplitterung von Wahrnehmung und Erregung. Diese Dynamik kommt beispielsweise im ständigen Widerstreit von Monotheismus und Polytheismus zum Ausdruck. Die bioenergetische Zersplitterung wird wieder aufgehoben, indem willkürlich aus den durch die Panzerung hervorgebrachten Teilstrebungen eine einzige herausgehoben wird, so daß schließlich an die Stelle von bioenergetischem Kontakt angebliche „Offenbarungen“ und Sadismus treten („Ersatzkontakt“). Um Gott „muß gerungen werden“, seine Botschaft „muß durchgesetzt werden“.

Man kann das Alte Testament als Geschichte des Abfalls Israels von der Muttergöttin lesen, zu der erst Christus zurückgekehrt ist, was sich symbolisch am katholischen Marienkult ablesen läßt. Es zeigt sich auch daran, daß im Katholizismus ein Bruch mit dem Monotheismus, der größten Errungenschaft des Alten Testaments, zu konstatieren ist. Das fängt mit der Dreieinigkeit an, woran sich ein kaum kaschierter polytheistischer Götterhimmel aus Erzengeln und Heiligen (z.B. dem „Wettergott“ Petrus) anschließt, über dem eine regelrechte „Göttermutter“ als „Muttergottes“ thront.

Was nicht heißen soll, daß der Polytheismus matriarchal ist. Eher im Gegenteil, denn wie sich vernachlässigte Kinder Puppen und Stofftieren zuwenden, müssen auch die verwaisten Kinder der Großen Mutter bei Götzen und Fetischen Zuflucht nehmen.

Im Matriarchat gab es keine männlichen Götter, sondern allenfalls den „Heros der Göttin“, wie z.B. Hera ihren Herakles hatte. Mit der zunehmenden Vergöttlichung dieser männlichen Nebenfiguren im Verlauf der Patriarchalisierung bildete sich das polytheistische Pantheon aus, z.B. der Olymp in Griechenland. Noch in den Psalmen ist der biblische Gott nur Teil einer Götterversammlung, er ist nur der höchste der Götter, der mächtigste aller Herren (Ps 82,1; 136,2f).

In einer der Urschriften der Bibel (dem „Elohisten“) wird Gott als Elohim bezeichnet, eine Pluralform von El, was einfach „Gott“ bedeutet. Bei den fanatischen Jahwisten geht aber selbst diese letzte patriarchale Toleranz verloren und es heißt: „Wer anderen Göttern opfert außer dem Herrn, muß aus Israel ausgerottet werden“ (Ex 22,19). Und Moses befiehlt: „Tötet alle von euren Leuten, die sich mit dem Baal eingelassen haben!“ (Num 25,5). Jahwe ist ein Gott, der in seinem Eifer die Kinder bis ins vierte Glied mit seinem Haß verfolgt! (Ex 20,5f). Das ist die ach so grandiose Errungenschaft des Monotheismus!

Die patriarchalen Großreligionen, die den frühpatriarchalen Pantheon ablösen, tendieren, wie Heide Göttner-Abendroth schreibt, alle zum Monotheismus.

Der Monotheismus, vielgepriesen und für eine höchste männliche Geistesfrucht gehalten, hat als Grundlage die Verabsolutierung des frühpatriarchalen Vatergottes, der neben sich keine anderen Götter mehr duldet. Alle anderen Götter, von denen dieser Vatergott letztlich stammt, werden als „heidnisch“ ausgemerzt. Monotheismen sind aber immer gekennzeichnet von Zentralismus und Fanatismus: Individuelle Glaubensregungen werden nicht mehr geduldet, was geglaubt wird, ist vorgeschrieben. Die Einhaltung der Glaubensdogmen überwacht eine eifernde Priesterkaste, welche je nach Bedarf inquisitorische Institutionen herausbildet. (…) Monotheistische Religionen sind typischerweise immer Staatsreligionen. Ihre Macht gewinnt die Priesterkaste aus der Verquickung mit der politischen Herrschaft („Thron und Altar“). Für die monarchische politische Herrschaft ist die monotheistische Staatsreligion stets ein willkommenes Instrument zur eigenen Legitimation. Alle monotheistischen Großreligionen sind daher ideologische Legitimationsreligionen für zentralistische patriarchale Herrschaft, die nach dem Motto antrat: „Ein Gott! ein Reich! ein König!“ Aus dem verabsolutierten Gott zieht sie dann das Recht, Andersdenkende und Andershandelnde zu liquidieren. (Die Göttin und ihr Heros, München 1984)

Ein Kennzeichen der monotheistischen Großreligionen ist ihre Naturferne. So griffen z.B. die Propheten Israels den kanaanitischen Baalskult nicht zuletzt deshalb an, weil er so eng mit dem Kreislauf der Natur verbunden war (Michael Grant: Das heilige Land, Bergisch Gladbach 1988, S. 44f). Dem hingegen wurzelte die Jahwe-Religion nicht in der Natur, als vielmehr einzig und allein in der Geschichte der hebräischen Nomadenvölker. Meines Erachtens liegt der Grund für diesen Unterschied zwischen Baals- und Jahwe-Religion darin, daß der jeweilige Stammesgott, von der Bibel „Gott der Väter“ genannt, der später in einem einzigen nationalen Gott aufging, die Aufgabe hatte, die Stammesgemeinschaft zu neuen Weideplätzen zu führen. Nach der Eroberung Kanaans wurde dies direkt auf den „Weg durch die Geschichte ins irdische Paradies“ übertragen. Im Unterschied dazu waren die kanaanitischen Ackerbauern an der Fruchtbarkeit und den Zyklen des Landes interessiert, was sich in ihrer Baals-Religion widergespiegelt hat. Dies ist das ganze „Geheimnis“ der jüdischen Religion.

Ganz allgemein sind die Jahreszyklen der Vegetation für die Nomaden Arabiens nur von geringer Bedeutung. So ist es auch zu erklären, warum den Muslimen in Mekka kaum Widerstand entgegenschlug, als sie die „heidnischen Fruchtbarkeitsidole“ zerstörten. Mit zunehmender Verwüstung hatte zwangsläufig die alte Fruchtbarkeitsreligion jede soziale Verankerung verloren. Auch die israelische Religion verdankt ihren Erfolg auf diese Weise direkt dem Vordringen der Wüste.

Die Männer, die sich mit der matriarchalen Welt „emanzipierten“, mußten sich gleichzeitig von der Natur „emanzipieren“, denn das Matriarchat ruhte fast ganz im natürlichen Recht, im Naturrecht. Man kann auch nicht von einer matriarchalen Religion im eigentlichen Sinne sprechen, denn die matriarchale „Religion“ war integraler Bestandteil des Lebens und insbesondere der Landwirtschaft. Sie war einfach ein Hilfsmittel, das die Lücken in der damaligen Wissenschaft ausfüllen und darüber hinaus helfen sollte, das gemeinschaftliche Leben zu organisieren. Für die Landwirtschaft der Trobriander hat Bronislaw Malinowski dies in Bezug auf ihre Magie nachgewiesen (Korallengärten und ihre Magie, Frankfurt 1981).

Demgegenüber hat die Religion des Patriarchats keinen „Sitz im Leben“. Allenfalls wurde z.B. im jüdischen Neujahr die Schöpfungsgeschichte vorgetragen, um die Gemeinde an der Schöpfungskraft Jahwes teilhaben zu lassen. Aber dies spielte sich doch in rein abstrakten Ebenen ab, während die matriarchale Religion immer konkret und „handfest“ war. Allein schon die Abstammung vom Vater und mythologisch die Schöpfung durch den Vater ist abstrakt. Bloße Worte. Die Bibel eine Wort-Wüste. Erst in Christus „ist das Wort Fleisch geworden“ (Joh 1,14) – um von den Pfaffen gleich wieder abgetötet zu werden. Mit jedem Neugeborenen wird es Fleisch – das die Pfaffen dann gleich wieder abtöten.


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