Mit ‘Christopher Turner’ getaggte Artikel

Der rote Faden: Gerd Bergersen

25. April 2013

1981 erschien eines der überflüssigsten Bücher der Reich-Literatur: Colin Wilsons The Quest for Wilhelm Reich, das kaum mehr darstellt als eine Nacherzählung von Ilse Ollendorffs Reich-Biographie plus Wilsons eigene krude Thesen über die Rolle des „freien Willens“. Reich wird als eine Art Fatalist gezeichnet (sic!), der sich schließlich selbst sein eigenes Grab geschaufelt habe.

Es lohnt sich schlichtweg nicht, sich näher mit dem Buch und seinem Autor auseinanderzusetzen. In vieler Hinsicht war er ein Vorgänger von Christopher Turner und dessen Machwerk Adventures in the Orgasmatron. Das einzige Verdienst Wilsons ist, daß er eine Episode aus dem Leben Reichs vor dem sicheren Vergessen bewahrt hat: Gerd Bergersen. 1978 hatte eine gewisse Gerd Hay-Edie (vormals Gerd Bergersen) ein BBC-Radiointerview mit Wilson verfolgt, in dem dieser erwähnte, daß er an einer neuen Reich-Biographie arbeite, daraufhin tauschte sie mit ihm Briefe und sandte ihm Audiokassetten zu, in denen sie ihr den Biographen bis dahin entgangenes Verhältnis mit Reich beschrieb.

1936 wurde Reichs damalige Lebensgefährtin Elsa Lindenberg nach Dartington Hall in der englischen Grafschaft Devon eingeladen. An der reformpädagogischen Schule sollte sie während der Sommerferien Ballettanz lehren. Reich begleitete sie. Zu dieser Zeit war auch die 25jährige blonde norwegische Textildesignerin Gerd Bergersen an der Dartington Hall School tätig. Sie hatte nie von Reich gehört, doch wurde ihr gesagt, daß Lindenberg und Reich interessante Leute seien und etwas Norwegisch sprächen. So ging sie in der Mittagpause zu Reich und unterhielt sich mit ihm in ihrer Muttersprache. Der ziemlich kleine Mann mit grauem Haar wirkte freundlich und harmlos. Reich zeigte sofort Interesse an ihr, doch nach schlechten Erfahrungen wollte sie zu dieser Zeit nichts von Männern wissen. Reich ließ sich nicht entmutigen, holte Informationen über sie ein und besuchte sie in ihrer Werkstatt.

Als sie bald danach nach Norwegen zurückkehrte und eine Wohnung in Oslo bezog, klopfte es schon bald an der Wohnungstür: Reich hatte sie, wie er in England versprochen hatte, gesucht und gefunden. Es wurde sehr schnell klar, daß Reichs Interesse an ihr nicht in erster Linie sexueller Natur war, vielmehr war er von ihrer Unabhängigkeit und ihrem kreativen Geist eingenommen. Offensichtlich brauchte er jemand außerhalb seines Kreises im Labor und außerhalb seiner politischen Aktivitäten, mit dem er sich unterhalten und einfach er selbst sein konnte. Jemand, der auf eigenen Beinen stand und eine eigene Meinung vertrat, die nichts mit Reich zu tun hatte. Es störte ihn beispielsweise gar nicht, daß sie sich gegen Freuds These wandte, daß die Sexualität der grundlegendste der menschlichen Triebe sei. (Etwas, was er bei einem Mitstreiter oder Studenten nie hätte durchgehen lassen! Seine Mitarbeiter und Schüler waren schließlich sein gegenwärtiges und vor allem zukünftiges Sprachrohr, während Bergersen eine vollkommen unabhängige Person auf Augenhöhe war.) „Er akzeptierte mich als ein rationales menschliches Wesen.“ Bergersen ihrerseits genoß es sich mit einem berühmten Mann, der einen weiten Horizont hatte, stundenlang über Gott und die Welt unterhalten zu können.

Die eifersüchtige Lindenberg bat Bergersen Reich aufzugeben, denn sie, Lindenberg wäre ganz allein und im Exil, während Bergersen gesichert und wirtschaftlich unabhängig sei. Bergersens Meinung nach war Lindenberg keine ausreichend starke Persönlichkeit, um Reichs Interesse über einen längeren Zeitraum fesseln zu können und von ihm wirklich respektiert zu werden. Reich brauchte Bergersen, um der geistigen Enge seiner Umgebung zu entgehen.

Zu dieser Zeit scheint Reich ungewöhnlich entspannt und „gut drauf“ gewesen zu sein, wozu nicht zuletzt der Austausch mit Bergersen verantwortlich war. Das änderte sich mit der norwegischen Pressekampagne gegen Reich Mitte 1938. Er kam zu ihr, wenn wieder einmal ein besonders niederträchtiger und boshafter Artikel über ihn erschien. Für Stunden sprach er dann über seine Ängste und versetzte sie in tiefe Unruhe durch seine beunruhigenden Vorhersagen über die bevorstehenden Schrecken des Naziregimes. (Sie hatte keine Ahnung, daß Reich ein Jude war!) Zu dieser Zeit machte er ihr einen Heiratsantrag und träumte davon, sie könnten sich gemeinsam in einer Berghütte verstecken, bis der Nazispuk verflogen sei. Doch sie wollte ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben und konnte sich nicht vorstellen, daß Reich weitere Kinder haben wollte.

Sie ist offen genug einen weiteren Grund anzuführen. Ihre erste Liebesaffäre hatte bei ihr ein Mißtrauen hinsichtlich Männern und der natürlichen Sexualität hinterlassen. Sie brachte oft starke Ablehnung zum Ausdruck, wenn Reich ihr gegenüber von Freud und seinem eigenen Glauben an die grundlegende Bedeutung der Kraft der Sexualität sprach. Doch war sie trotz ihrer ablehnenden Haltung vom Erwachen ihrer eigenen körperlichen Reaktionen erschrocken. „Die Leidenschaft des Körpers übernahm die Kontrolle und daran war etwas Beängstigendes. Es war zerstörerisch.” Auf jemand wie sie, mit ihrer natürlichen Unabhängigkeit, muß es wie eine Art Hexenkunst gewirkt haben.

Nach der Trennung von Reich wandte sich ihr Interesse ausgerechnet den Werken C.G. Jungs zu und sie wurde eine ausgemachte Jungianerin, da ihr dessen Weltdeutung weit mehr einleuchtete als die von Freud und Reich. – Übrigens deutet Wilson in der zitierten kurzen Passage unbewußt seine eigenen Beweggründe seiner Angriffe gegen Reich und seines Insistierens auf den „freien Willen“ an!

Auf den ersten Blick scheint die Bergersen-Affäre kaum mehr als eine unbedeutende Randnotiz in Reichs Privatleben zu sein, doch tatsächlich wirft sie ein entscheidendes Licht auf seine spätere Entwicklung in Amerika. In Amerika fehlte Reich nämlich diese menschliche Wärme und der vorbehaltlose Austausch mit einem „normalen Menschen“, einem rationalen Gesprächspartner, der vor allem als intellektuelles Korrektiv dienen kann. Stattdessen war er von Leuten umgeben, die von ihm (teilweise auch wirtschaftlich) abhängig waren. Auch konnte er aus den kurz angeschnittenen Gründen kaum ernsthaften Dissens in seiner Umgebung dulden. Elsworth F. Baker beschreibt, wie Anfangs Theodore Wolfe Reich noch vor mancher Peinlichkeit und Fehleinschätzung bewahren konnte, aber am Ende war Reich allein. Umgeben von Menschen, die kaum mehr waren als Spiegel seiner selbst, und Fernstehenden konnte er unmöglich vermitteln, worum es eigentlich ging. Vieles wäre anders gelaufen, seine Feinde hätten nicht so ein einfaches Spiel gehabt, wenn Reich auch später eine „Gerd Bergersen“ um sich gehabt hätte. Ich denke da etwa an das Herzrasen, übermäßigen Alkoholkonsum und so manche Fehlentscheidung.

WRecu

Der außerirdische Shrek

10. April 2013

ein Gastbeitrag von R. Delt

Hier ein kleiner Nachtrag zu Oh Shrek, „offensichtlicher Unsinn“!

Vor kurzem bin ich auf Jonathan Cotts Pipers at the Gates of Dawn: The Wisdom of Children’s Literature (1983) gestoßen. Der Band hat auch ein langes Kapitel über „William Steig and his Path“. Es ist das beste, was ich bisher über Steig und seine Arbeit gelesen habe. (Cott interviewte auch Arthur und Jeremy Steig.)

Es gibt viele Bezüge zu Reich und dessen Einfluß auf Steig. Es gibt keine feindlichen oder abfälligen Kommentare, außer ein langes eine ganze Seite umfassendes Zitat von David Boadella, die seine berühmt-berüchtigte Aussage über den „paranoiden Wahn“ enthält, der sich „lautlos und tückisch wie ein seelischer Krebs“ in Reich hineingefressen habe (Wilhelm Reich, 1981, S. 305).

Nebenbei: Interessanterweise diskutiert Steig die „Bin ich ein Außerirdischer?“-Geschichte, die wegen Christopher Turner gegenwärtig als angeblicher Nachweis für Reichs Wahnsinn weit verbreitet ist. Leider macht Morton Herskowitz einen sehr einseitigen – ich würde sogar sagen verzerrten – Kommentar in seiner Rezension von Turners Buch, der von Stephan Simonian in seiner eigenen Rezension zitiert wird:

Gegen Ende seines Lebens wurde deutlich, daß gelegentlich der Wahn auf die Realität übergriff. Als er schrieb, daß sein Vater ein Außerirdischer von einem anderen Planeten gewesen sein könnte, war das wahnhaft.

Nun, Steig sieht Reichs Aussage nicht als Zeichen einer wahnhaften Täuschung. Ich für meinen Teil denke, daß man dieses Zitat im Kontext sehen muß. Siehe S. 1 von Contact with Space, wo dieser Gedanke an „eine ganz entfernte Möglichkeit“ (sic!) als provokatives Argument zum Anstoß für neue Erkenntnisse und die Einstimmung in die Dimension des Weltraums dient. – Ich glaube nicht, daß Reich jemals geglaubt hat, daß sein Vater ein außerirdisches Wesen war, als Teil seines neurotischen „Familienromans“ (frei nach Freud) oder aus welchem Grund auch immer. Wir wissen, daß er zu dieser Zeit in der Lage war, sich rational mit Problemen im Zusammenhang mit seinem Vater auseinanderzusetzen – beispielsweise mit dem Judentum seines Vaters in seinem Brief an Ola Raknes vom Januar 1957 (Fury on Earth, s. 463).

Steigs wichtigste Erinnerungen werden auf S. 92-94 zitiert. Steig beginnt mit der Erwähnung seiner „Some Notes on Art Inspired by Reich“ (Orgone Energy Bulletin, January 1952). In dem Interview von Anfang 1979 im Haus von William Steig und dessen Frau Jeanne in Kent, Connecticut, erzählte er Cott, er habe seine Anmerkungen über Kunst im Sommer 1951 verfaßt. „Reich war sehr inspirierend und ich fühlte mich sehr gut.“

Er sei Reich das erste Mal 1946 begegnet. Damals lief ihm eine Bekannte über den Weg, die so fabelhaft aussah, wie er sie nie zuvor erlebt hatte. Sie gab an, sie sei bei Reichs Mitarbeiter Theodore Wolfe in Therapie. Daraufhin besorgte sich Steig Die Funktion des Orgasmus, las die Nacht über in dem Buch und kontaktierte am nächsten Tag Reich. Bevor die Therapie beginnen konnte, mußte Steig, der nach Reichs Einschätzung in einer sehr schlechten Verfassung war, zunächst einen Orgonakkumulator benutzen. Es dauerte eine Woche, bevor er etwas im Akkumulator spürte. Erst dann konnte die Therapie bei Reich beginnen, die etwa ein Jahr dauerte.

Am Anfang habe die Therapie vorwiegend aus Gesprächen bestanden. Nur ab und an habe Reich mit den Fingern in den Körper gestochen. Er konzentrierte sich dabei vorwiegend auf das Atmen. „Er hatte auch Sinn für Humor. Einmal hatte er einen kleinen Haufen von Centstücken auf seinem Tisch und sagte, daß er mir einen Cent für jeden Atemzug, den ich mache, gäbe.“

Reich habe immer sofort gesehen, was man hatte. So habe Steig einmal zuhause sich mit dem Zeichnen von Clowns beschäftigt und als er dann später am Tag zu Reich kam, war das erste, was Reich zu ihm sagte: „Sie sind heute ein Clown.“ Reich hatte ihm gesagt, daß Steig Cartoonist geworden sei, weil Steig seinen eigenen Horror verarbeiten mußte, den er empfand, wenn er Gesichter sah.

Meine letzten paar Sitzungen mit ihm waren durchweg Lach-Sitzungen. Er brachte mich ständig zum Lachen und das Lachen ging weiter und weiter nach unten. Er bezeichnete mich als Melancholiker und sagte, daß, wenn ich das nicht überwände, ich in der Klapsmühle enden würde – er meinte, daß ich viel lachen müßte. Ich war ein echter Depressiver. Ich war manchmal so deprimiert, daß ich nicht einmal wußte, wo ich war, wenn ich die Straße entlang schlurfte.

Einmal habe ihm Reich während der Therapie gesagt: „Steig, ich kann mit ihnen nichts anfangen. Sie sind ein hoffnungsloser Fall.“ Als Steig daraufhin aufstand und sich wieder anzog, sagte Reich, daß er es noch mal mit ihm versuchen werde. „Ich ging zurück zur Couch und alle möglichen Dinge begannen zu geschehen: meine Hände waren gelähmt, ich fühlte mich zusammengeschrumpft und er fragte mich: ‚Wo sind Sie?‘ Und ich sagte: ‚Ich bin im Müll‘. Daraufhin bekam ich Krämpfe. Es war ein großer Durchbruch.“

Ich war in meinen 40ern, als ich in Therapie ging und einmal weinte ich mit der Stimme eines Kindes – ich mochte es kaum glauben. Reich brachte es fertig, dich frühe Erfahrungen wieder durchmachen zu lassen, etwa das Saugen als Säugling. Ich habe es nicht gemacht, es passierte einfach von selbst, unfreiwillig. Und dieses Wiedererleben von alten Erfahrungen ist seltsam: Du weißt, du bist ein 40jähriger Mann und du machst Dinge, die zu einem Einjährigen gehören. Es ist alles da eingesperrt.

Reich habe, so Steig weiter, Menschen geholfen, der Welt so viel gegeben, nur um mit Vorwürfen überhäuft zu werden. So sei es nur verständlich, wenn er vielleicht ab und an auf irrationale Weise zornig geworden sei. Es habe viele Leute gegeben, die ihn ausspionierten und – es sei keine Paranoia, wenn man im Gefängnis endet. Reich hätte nicht ins Gefängnis gemußt, wenn er schlau und gewieft vorgegangen und alle legalen Tricks ausgeschöpft hätte.

Am Ende seines Lebens spekulierte er, ob sein wahrer Vater ein Außerirdischer gewesen sein könnte. Ich war darüber besorgt, wie die Leute das auffassen würden. Ich denke, er hat damit zum Ausdruck gebracht, daß, da er so anders als alle anderen war, er das Gefühl hatte, nicht auf diesen Planeten zu gehören. Leute sagten, er sei verrückt, bevor er jemals so etwas gesagt hat. Die Leute haben ihn immer als verrückt bezeichnet, aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf dem Weg, je nachdem wie weit sie ihm hatten folgen können. Reich war immens geistig gesund und kämpfte nahezu im Alleingang eine gewaltige Schlacht und es gelang ihm dabei irgendwie einen klaren Kopf zu bewahren, trotz der unglaublichen Verfolgungen.

Reich sei ein bemerkenswerter Mensch gewesen. „Du wußtest, daß er ein großer Mann war, sobald du in seiner Gegenwart warst. Es war seine ganze Haltung. Wenn er einen Raum von der Rückseite aus betrat, drehte sich jeder um, weil etwas passierte.“

Kurz nachdem Steig seine Therapie mit Reich abgeschlossen hatte, fragte ihn dieser, ob er Illustrationen zu seinem kürzlich abgeschlossenen Manuskript, der Rede an den Kleinen Mann, beitragen würde. Steig sagt dazu: „Es war eine Art Geschenk von ihm für mich – so empfand ich es.“

Das Ekel

14. September 2012

Über die Motive von pestilenten Attacken kann man zeitlich unbegrenzt spekulieren, die jeweiligen spezifischen Zusammenhänge wird man vielleicht nie eruieren können, jedoch kristallisiert sich generell stets ein Grundmotiv heraus: ein abgrundtiefer Haß auf das Lebendige, d.h. auf die Funktionen des bioenergetischen Kerns. Das habe ich vor kurzem am Beispiel des islamischen Extremismus durchgespielt. Genauso wie wir das Böse hassen, hassen Menschen, die von der Emotionellen Pest infiziert sind, das Gute. Es wird beispielsweise alles getan, um den Leumund eines hart arbeitenden vollkommen unschuldigen Menschen zu zerstören, während umgekehrt Kriminellen ein schier endloser Langmut entgegengebracht wird.

Eine der letzten und verheerendsten Attacken gegen Reich stammt von dem englischen Anthropologen Christopher Turner mit seinem schon im Titel skandalösen Buch Adventures in the Orgasmatron. Der oberflächliche Leser, also jemand, der sich nicht weiter ins Thema einliest (was ja vollkommen legitim ist), wird in seiner „Allgemeinbildung“ ungefähr folgende „Fakten“ über Reich speichern: Mörder (sic!), sexbesessener Scharlatan, bipolares Ekelpaket mit Größenphantasien, Kinderschänder (sic!) und Bedrohung für seine weiblichen Patienten, ein paranoider „Jim Jones“, der das Pech hatte, nicht genug Anhänger zu finden. Was bleibt, ist eine durch und durch groteske Figur, die Kinder in „Orgasmatronen“ gefoltert hat. So ist Turner überhaupt auf sein Thema gekommen: Bei einem Besuch in Summerhill sah er einen uralten Orgonenergie-Akkumulator und seitdem läßt ihn die Frage nicht los, was um alles in der Welt Reich und Neill, die doch für Freiheit und Libertinage standen, dazu bewogen haben mochte, Kinder in diese innen mit Metall ausgeschlagenen Folterkisten zu sperren. Daß das von vorne bis hinten absoluter Quatsch ist, man erspare mir, das auch noch betonen zu müssen…

Haben wir irgendeinen Hinweis darauf, was spezifisch bei Turner diese pestilente Reaktion ausgelöst hat? Ich habe mich mit dieser Frage bereits an anderer Stelle auseinandergesetzt: Turner scheint vom Thema „Ekel“ geradezu besessen zu sein. Den Gefühlsausdruck der dahintersteckt, kann man sich vergegenwärtigen, wenn man „Bähhh“ sagt und dabei die Mundwinkel nach unten zieht. Dieser Ausdruck ist vielen chronisch unbefriedigten Frauen (man findet es bei so gut wie jeder „Feministin“!) und praktisch allen homosexuellen Männern unauslöschlich ins Gesicht geschrieben. Sie ekeln sich so gut wie ständig. Unschwer ist der Widerstand gegen die Zumutung Sexualität auszumachen.

Neuere Forschungen bestätigen, daß Ekel und sexuelle Erregung antagonistische Gegensätze sind:

Genauso wie sexuelle Erregung natürliche Ekelgefühle restlos verdrängt (die Frau, die eben noch nie und nimmer aus deinem Glas getrunken hätte, gerät Minuten später in Ekstase, wenn du deine Zunge in ihren Hals steckst!), macht Ekel sexuelle Erregung unmöglich (u.a. das macht Vergewaltigungen so traumatisch!).

Charmaine Borg (Universität von Groningen) et al. konnten nun auch für Frauen nachweisen, was bei Männern bereits nachgewiesen worden ist: sexuelle Erregung unterdrückt Ekelgefühle.

Der Erklärungsansatz der niederländischen Forscher ist natürlich ein evolutionsbiologischer:

Ekel bewahrt uns davor, mit möglicherweise infektiösen Substanzen in Kontakt zu kommen. Würde dieses Programm allerdings beim Sex nicht unterdrückt, wäre keine Fortpflanzung möglich.

Ein lebenswichtiges „Programm“ wird zeitweise unterdrückt, um die Erhaltung der Art möglich zu machen!

Uns interessieren hingegen die bioenergetischen Zusammenhänge, die durch die obige orgonometrische Gleichung umschrieben werden.

Hier ist einer der Hauptbereiche, in denen sich die Emotionelle Pest austobt. Das fängt bereits auf dem Schulhof an, wenn der unvermeidliche Klassentyrann wirklich alle ersten sexuellen Regungen mit teilweise unfaßbaren Anmerkungen ins abgrundtief Ekelhafte zieht und setzt sich später etwa in Hollywood-Produktionen fort. Wir leben in einer Welt, die so eingerichtet ist, daß, wenn immer wir ein Festmahl zu uns nehmen wollen, sich jemand neben uns setzt und seine Notdurft verrichtet, so daß uns von vornherein alles vergeht.

Genauso ist es mit Turner bestellt: es ist ihm ein Bedürfnis alles in den Dreck zu ziehen, damit ja nicht das aufkommen kann, was derartige Charaktere fürchten wie der Teufel das Weihwasser: orgonotische Erregung.

Es ist ähnlich wie bei einer „Feministin“, die nicht aus dem oben erwähnten Glas trinken will: wie unhygienisch, jetzt will er mich auch noch küssen, Keime, Dominanz, Verletzung, Grenzüberschreitung, Unterwerfung, Infektion, Verwesung, Tod… Die orgonotische Erregung ist im Keim erstickt, wo doch normalerweise umgekehrt die orgonotische Erregung den Ekel im Keim ersticken würde. Die Emotionelle Pest hat gesiegt!

Ekel ähnelt sehr der Verachtung, bei der die Energie weg von Genital in den Kopf verlagert wird („hochnäsig“). Beim Ekel ist die Entsprechung der „Brechreiz“: man könnte sich vor Ekel übergeben. Diese beiden Affekte werden beispielsweise bei Frauen evident, die einen anhimmeln, aber kaum, daß sie merken, daß einem dies aufgefallen ist, instantan eine Mischung aus Verachtung und Ekel mobilisieren, um sich keine Blöße zu geben und nicht schutzlos dazustehen. Gegen die genitale Erregung wird die entgegengesetzte Energiebewegung mobilisiert. Umgekehrt macht die Energiebewegung nach unten Sexualpraktiken wie die Fellatio erst möglich, die physiologisch an sich nicht im Bereich des Möglichen liegen.

Sexpol 2012 (Teil 2)

18. Januar 2012

Eines der Hauptprobleme bei der Vermittlung des Reichschen Werkes ist die Mär, daß „mehr Ficken“, die Menschen „befreie“. Diese Sichtweise wurde etwa von Christopher Turner in seiner leider sehr einflußreichen Reich-Biographie Adventures in the Orgasmatron vertreten. Angesichts der Zustände in der permissiven Gesellschaft sei Reich definitiv widerlegt. Reich diese Vorstellung unterzuschieben ist natürlich vollkommen absurd, da er ausführlichst gezeigt hat, daß die Menschen aufgrund ihrer Panzerung orgastisch impotent sind. Ebensogut könnte man einem Farbblinden raten, er solle in einer farbenfrohen Umgebung leben, um zu gesunden!

Wie fast immer ist in diesen falschen Anschauungen ein Körnchen Wahrheit enthalten, – das sie am Leben erhält. In diesem Fall: partielle sexuelle Entspannung ist natürlich immer noch besser als gar keine. Wie Richard A. Blasband ausgeführt hat, gilt das sowohl für Masturbation, selbst wenn man dabei Schuldgefühle hat („Q & A: Masturbation and Guilt“, Journal of Orgonomy, 11(1), May 1977, S. 116), als auch für sexuelle Perversionen, die einer sexuellen Abstinenz vorzuziehen sind („Q & A: Neurotic Sexual Relations and Abstinence“, Journal of Orgonomy, 14(1), May 1980, S. 114). Der Neurotiker kann immer einen Höhepunkt erleben, der die sexuelle Spannung reduziert, wenn auch keinen Orgasmus, der sie vollkommen beseitigt (Elsworth F. Baker: „Sexual Theories of Wilhelm Reich“, Journal of Orgonomy, 20(2), November 1986, S. 176). Dies heißt natürlich nicht, daß man Sex als Heilmittel verschreiben kann (ebd., S. 183), jedoch kann man seine Triebe frei leben, solange sie andere nicht verletzen.

Für Freud war „die Sublimierung das einzige Mittel (…), ohne Verdrängung oder Perversionsbildung die Konflikte zwischen Ich und Sexualität zu lösen“ („Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung“, Frühe Schriften, S. 131). Reich hingegen war der Ansicht, die sexuelle, d.h. genitale Befriedigung ermögliche erst die Sublimierung von prägenitalen Strebungen.

Reich unterscheidet zwischen der genitalorgastischen Befriedigung und Sublimierung auf der einen und der prägenitalen Befriedigung und Reaktionsbildung auf der anderen Seite.

Dieser qualitative Unterschied drückt sich dann auch in einem quantitativen aus: Der neurotische Charakter leidet unter einer sich ständig steigernden Libidostauung, (…) weil seine Befriedigungsmittel den Bedürfnissen des Triebapparats nicht adäquat sind; der andere, der genitale Charakter, steht unter dem Einfluß eines ständigen Wechsels von Libidospannung und ädaquater Libidobefriedigung, verfügt also über einen geordneten Libidohaushalt. (Charakteranalyse, KiWi, S. 225f)

Beim genitalen Charakter stehen Ich-Libido („Selbsterhaltung“) und Objekt-Libido („Sexualität“) in keinerlei Widerspruch, sondern bestärken einander.

In der autoritären Gesellschaft hingegen werden mit Hilfe von Drohungen, die die Selbstliebe aktiviert (Angst um das eigene Selbst, etwa infolge mehr oder weniger direkter Kastrationsdrohungen), die sexuellen Objektstrebungen in Schach gehalten. Sie kommen dann nur mehr als „Idealismus“ zum Ausdruck. Aus Sexualität wird „Altruismus“. Diese Reaktionsbildung ist beispielsweise die Grundlage des Christentums („selbstlose Liebe“).

Seit 1960 haben sich die Charakterstrukturen der Massenindividuen zusehends verändert. Im antiautoritären Individuum ist von Drohungen und Sexualunterdrückung keine Rede mehr. An ihre Stelle tritt der Terror der „Political Correctness“, etwa in Bezug auf die „Gender-Problematik“. Als Kompensation der frustrierten Selbstliebe wird die Umwelt nur noch mit der Brille des Egoismus betrachtet und entsprechend opportunistisch ausgebeutet.

Der ungepanzerte, genitale Charakter ist orgastisch potent und deshalb fähig imgrund antisoziale prägenitale Strebungen zu sublimieren, d.h. sozial fruchtbar zu machen.

Der gehemmte Charakter der autoritären Gesellschaft ist orgastisch impotent und nur zu einer Karikatur des Sublimierens fähig: aus Selbstliebe wird heuchlerische „Nächstenliebe“. Derartige Reaktionsbildungen sind, so Reich, „krampfhaft und zwangsartig“, während die Sublimierung „frei strömt“.

Es ist, als ob hier das Es in Einklag mit Ich und Ich-Ideal direkt mit der Realität in Verbindung stünde, dort hingegen bekommt man den Eindruck, als ob alle Leistungen von einem strengen Über-Ich einem sich sträubenden Es aufdiktiert würden. (ebd., S. 238f)

Beim gehemmten, „idealistischen“ Charakter kommt es zu einer krampfartigen „Stärkung der Ich-Formation in Form chronischer Abpanzerung gegen Es und Außenwelt“, während beim ungehemmten, „opportunistischen“ Charakter das Ich zu schwach ist, um antisozialen libidinösen Regungen Herr zu werden. Entsprechend ist er Spielball zahlloser neurotischer Strebungen (ebd., S. 252).

Der ungehemmte Charakter der antiautoritären Gesellschaft gibt sich ganz seinem Egoismus hin und „lebt sich aus“. Baker hat 1970 dieses prägenitale Paradies anläßlich der ersten Welle des Antiautoritarismus, d.h. der Hippie-Bewegung, folgendermaßen analysiert:

Eine solche um das Vergnügen kreisende Kultur, würde allmählich verfallen und schließlich dem Nichts anheimfallen, wie es in der Zeit der alten Griechen und Römer geschah oder wie H.G. Wells es in Die Zeitmaschine für die Zukunft visualisierte. Es stimmt, daß man dazu fähig sein muß Lust, sogar Ekstase, zu erleben, um so Spannung entladenden zu können, aber das Leben findet Erfüllung in sinnhafter und schöpferischer Arbeit, nicht indem man sich auf künstlich hinausgezögerte Weise mit seiner Partnerin bzw. seinem Partner herumrekelt. Derartige Liebesspiele sind kein Ausdruck von Genitalität, vielmehr sind sie infantil mit oralen und masochistischen Komponenten. (Leserbrief an den „Playboy“, Journal of Orgonomy, 5(1), S. 116f)

Der Rote Faden: Rockefeller

22. Oktober 2011

Es gibt kaum etwas Naiveres als zu glauben, die gegenwärtige Schulwissenschaft sei ausschließlich ein „Produkt des Labors“. Vielmehr wurden durch mächtige Organisationen aufgrund außerwissenschaftlicher Überlegungen die Weichen gestellt. Bis heute werden Abweichler, wie einst in kommunistischen Staaten, verfolgt und ihre Existenz vernichtet. Es wird eine Atmosphäre geschaffen, in der genuine Wissenschaft so gut wie unmöglich ist. Kurioserweise erfolgt diese ideologische Ausmerze unter der frechen Überschrift „Skeptizismus“.

Der Wissenschaftshistoriker James Strick hat aufgezeigt, daß in den 1930er Jahren die Rockefeller Foundation weltweit der einzige (nichtstaatliche) Geldgeber in der biologischen Forschung war. Alle Versuche Reichs, Gelder für seine kostspielige Bionforschung zu erhalten, wurden abgeblockt, insbesondere von den beiden „antifaschistischen“ Genetikern Otto Mohr und dessen Protegé Leiv Kreyberg, die offensichtlich Angst davor hatten, daß ihr Kampf gegen die faschistische Eugenik durch Reich kompromittiert werden könnte.

Sowjetische Genetiker wollten, daß Mohr als einer der „progressivsten“ Kritiker der faschistischen Rassenideologie 1937 nach Moskau zu einem internationalen Genetik-Kongreß komme. Dieser Kongreß wurde aber wegen dem aufkommenden „Lysenkoismus“ und den Säuberungen abgesagt (Brigitte Johler: Wilhelm Reich Revisited, Wien 2008, S. 98f).

Die Rockefeller Foundation unterstützte nur Forschungen, die dem Reduktionismus folgten: Biologie → Chemie → Physik. Leben sollte nicht mehr sein als eine besondere Art von „Maschine“.

Christopher Turner hat in seiner neuen Reich-Biographie sehr ausführlich dargestellt, daß auch Reichs zweites Betätigungsfeld, die „sexologische“ Forschung, von der Rockefeller Foundation bestimmt wurde. Hier ist insbesondere Alfred Kinsey zu nennen, der, ursprünglich Insektenforscher, ein direktes Produkt des von der Rockefeller Foundation mit ihrer Finanzmacht durchgedrückten Reduktionismus war. Anfangs ging es der Rockefeller Foundation darum, die Bevölkerung zur weitgehenden sexuellen Abstinenz zu erziehen. Kinseys Veröffentlichungen hatten zwar den gegenteiligen Effekt (Adventures in the Orgasmatron, New York 2011), – aber die Auswirkung auf die genitale Gesundheit war langfristig noch verheerender.

Man kann davon ausgehen, daß die Rockefeller Foundation das 20. Jahrhundert geprägt hat: aus der Biologie wurde eine „Nekrologie“, die unser Selbstverständnis im Kern geformt hat und die einst so hoffnungsvolle „mentalhygienische Bewegung“ degenerierte zur Massenpropagierung von Perversionen und „recreational sex“. Aus der imgrunde mystisch orientierten autoritären Gesellschaft wurde die heute durch und durch mechanistische anti-autoritäre Gesellschaft. Aus den Freiheitsbestrebungen wurde eine Gesellschaft, die fast flächendeckend auf Droge ist.

Das 20. Jahrhundert hätte Reichs Jahrhundert sein können. Die biologische und die sexologische Forschung hätten ganz andere Wege einschlagen können. Wall Street und die Kommunisten haben das gemeinsam verhindert. Statt orgastische Potenz beherrscht die orgastische Impotenz den gesamten Diskurs bis heute.

Es geht hier nicht darum, daß irgendwelche „Geheimgesellschaften“ in Hinterzimmern sitzen und die Völker manipulieren. Es geht darum, daß jene extrem orgastisch Impotenten mit Gewalt und Manipulation an die Spitze der Wirtschaft und der Staaten gelangen, die vor allem ein Grundimpetus nach oben getrieben hat: die Todesangst vor autonomen Funktionen. Deshalb müssen sie die Arbeitsdemokratie („Liebe, Arbeit und Wissen“) mittels „Kinsey“, Sozialismus und mechanistischer Wissenschaft zerstören. Das verbindet Charaktere wie J.P. Morgan und Stalin. Politische und wirtschaftliche Zwänge und Interessen sind nur vorgeschoben.

Grundsätzlich ist das Elend von Verschwörungstheorien, daß sie mit mechanistischen Modellen arbeiten („x wirkt auf y, das auf z wirkt. z wirkt auf x zurück und gemeinsam rufen sie a hervor, etc.pp.“). Wie es typisch für den Mechanismus ist, werden solche „Schaltpläne“ immer verwickelter und schließlich wirkt alles auf alles ein. Verschwörungstheoretiker wählen dann nach eigenem Gusto ihre persönliche Kausalkette aus und streiten sich bis aufs Blut mit anderen, die andere Kausalketten ausgewählt haben. Der Student der Orgonomie läßt sich von vornherein nicht auf einen derartigen Unsinn ein, sondern arbeitet mit einfachen Funktionsschemata, die sich stets auf die drei Grundströmungen jeder Gesellschaft zurückführen lassen: Funktionalismus, Mechanismus und Mystizismus.

Da diese funktionellen Prozesse immer von Menschen repräsentiert werden, sind natürlich überall Strategen tätig. Beispielsweise wurde die Occupy Wall Street-Bewegung von der kommunistischen Obama-Regierung und ihren Freunden in Wall Street, der sie Milliarden, sogar Billiarden zugeschanzt hat, ins Leben gerufen, um der Tea Party-Bewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen und dafür zu sorgen, daß Obama Antichrist in einer zweiten Amtsperiode mit seinem Zerstörungswerk fortfahren kann.

Hierher gehören auch der etwa vom Bertelsmann-Konzern finanzierte „Kampf gegen Rechts“ und die „multikulturelle Gesellschaft“. Projekte, in denen „Rockefeller“ und die Kommunisten wieder Hand in Hand marschieren, um Völker in formbare Massen zu verwandeln. Kritischen Geistern werden Dinge wie „9/11“, „HARP“ oder beispielsweise „Chemtrails“ vor die Füße geworfen, damit sie mit Unsinn beschäftigt sind und sich vollständig diskreditieren. Die Massen sollen gefälligst David Icke studieren, statt etwa Wilhelm Reich!

Aber trotz der erwähnten „Strategen“: es ist ein grundsätzlicher Fehler rationalistisch an Verschwörungen heranzugehen. Verschwörungen sind in erster Linie „emotionale Verschwörungen“, die größtenteils auf nonverbalen Übereinkünften beruhen und auf gemeinsamen (charakter-) strukturellen Zwängen. Man denke nur ans alltägliche Mobbing oder die heimliche Kumpanei weiter Kreise, insbesondere in den Medien, mit linksterroristischen Bestrebungen. Man versteht sich!

Es ließe sich einwenden, daß doch Christopher Turner die Rolle der Rockefeller Foundation dargestellt habe. Ausgerechnet er als Feind Reichs! Wie passe das denn zusammen? Verschwörungen funktionieren schlichtweg nicht so, daß alles zusammenpaßt wie die Zahnräder in einem Uhrwerk. Es geht um gesellschaftliche Funktionen und ihre Repräsentanten. Verschwörungstheoretiker sind hingegen, ja, mechanistische Reduktionisten.

OROP Desert Ea aktuell

15. Oktober 2011

Eine sich über acht Jahre hinweg ziehende Studie von David Lytle und Michael Bogan über die Wasserinsekten in einem zuvor ganzjährig fließenden Wüstenstrom im French Joe Canyon in Arizona hat den aktuellen DOR-Notstand im Südwesten der USA aufgezeigt, den Reich 1954 in seinen Anfängen diagnostiziert hatte. Lytle, Professor für Zoologie an der Oregon State University:

Populationen [von Wasserinsekten], die hier über Jahrhunderte oder Jahrtausende überlebt haben, sterben nun aus. Dauerhafte Quellen trocknen aus. Ströme, die zuvor ganzjährig flossen tragen nun nur noch mit Unterbrechungen Wasser. Und Arten, die vorher nur Fluktuationen in ihren Populationen ausgesetzt waren, verschwinden jetzt ganz.

Die gesamte bisherige Ordnung des Ökosystems werde durch immer schneller aufeinanderfolgende und immer schlimmere Dürren in den letzten Jahren verändert. Und das nicht nur, was die Wasserinsekten betrifft. Lythle:

Vor 2004 war dieses Gebiet [im French Joe Canyon] wie eine wunderbare Oase mit viel Vegetation, Vögeln und seltenen Arten.

Lythles Doktorand Bogan fügt hinzu:

Unsere Studie konzentriert sich nur auf einen einzelnen Strom, aber dieser Vorgang des Austrocknens und der örtlichen Artenvernichtung zieht sich über die gesamte Wüstenregion im Südwesten [der USA] hin. Schließlich kann das zu einem Verschwinden von Arten aus der gesamten Region führen oder zur vollständigen Ausrottung von Arten, die von diesen Wüstenoasen abhängen.

In den letzten 30 Jahren sei es zu immer schlimmeren Dürren im Südwesten gekommen. Beispielsweise führte die Dürre, die 2005 den French Joe Canyon zum Austrocknen brachte, zum niedrigsten Wasserstand der Ströme in Arizona seit 60 Jahren, in vielen Fällen sogar seit dem Beginn der Aufzeichnungen.

In den 1950er Jahren hatte Reich davor gewarnt, daß sich der Südwesten der USA in eine zweite Sahara verwandeln könnte. Reich wollte, inspiriert durch Walt Disneys gleichnamigen Film, The Living Desert retten (siehe unten). Die Amerikaner haben es vorgezogen, ihn im Gefängnis verrotten zu lassen und sein Vermächtnis mit Hohn und Spott zu überziehen; Bücher wie Adventures in the Orgasmatron von Christopher Turner zu veröffentlichen. Der Preis ist die „tote Wüste“, die DOR-Hölle.

Christopher Turner: ADVENTURES IN THE ORGASMATRON – das Motiv

3. Oktober 2011

Wissenschaftler treibt der Drang neues zu erkunden. Oder mit anderen Worten: die „Neugier“. Skeptiker hingegen treibt das genau gegenteilige Motiv um. Alles, was nicht in den etablierten Rahmen paßt, muß falsch sein. Wissenschaftler kämpfen darum, anfänglich vielleicht schwache, nicht eindeutige und widersprüchliche Signale in ihren Datensätzen durch Veränderung des Versuchsaufbaus und durch bessere Meßintrumente zu verstärken und eindeutig zu machen. Geling das nicht, wird die anfängliche Hypothese wieder fallengelassen. Skeptiker gehen genau umgekehrt vor: alles, was nicht eindeutig ist, ist von vornherein gar nicht vorhanden, und alles, was sich theoretisch fälschen läßt, muß gefälscht sein.

Dieser Unsinn wird im Namen der Wissenschaft betrieben. Tatsächlich wird jedoch eine sehr eng gefaßte mechanistische Ideologie vertreten. Die kommunistische Ideologie, die die meisten Wissenschaftler gar nicht teilen. Nach dieser Ideologie ist entgegen allem Augenschein und jeder Evidenz das Universum ein Haufen von Atomen, die sich zufällig zu größeren Dingen verklumpt haben, die ebenfalls imgrunde zusammenhanglos zufällig nebeneinander stehen. Entsprechend muß alles, was sie miteinander auf fundamentale Weise verbindet, Lug und Betrug sein.

Liebe, den „animalischen Magnetismus“ zwischen Mann und Frau, gibt es in dieser Weltsicht nicht. Menschen stehen beziehungslos nebeneinander wie Bauklötze. Wenn sie zueinanderfinden, dann, weil sie zueinanderpassen wie Legosteine, die ineinander einrasten. Die mechanisch aufgefaßte Evolution hat dafür Männlein und Weiblein prädestiniert, aber das ist imgrunde mechanische Willkür, die qualitativ auf der gleichen Ebene steht wie Homosexualität, Pädophilie und Zoophilie. Entsprechend muß, wie Christopher Turner es in Adventures in the Orgasmatron tut, der „Animalische Magnetismus“ eines Franz Anton Mesmer und die Orgonenergie der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Begriffe wie „Liebe“, „Gesundheit“ und „Normalität“ sind, frei nach Foucault, bloße Machtinstrumente, d.h. „faschistisch“.

Ein Weltbild muß gesichert werden, das die persönliche vermeintliche „Freiheit“ garantiert: das mechanistische Weltbild, in dem es scheiß egal ist, an was sich der Penis reibt. Das Universum muß leer, muß „gottlos“, „naturrechts-frei“, sein, damit die persönliche Aberration keine Aberration ist. Es darf kein Bezugssystem geben, mit dessen Hilfe man eine Abweichung ermitteln könnte.

Es ist wirklich kein Zufall, daß dermaßen viele „Skeptiker“ Homosexuelle und Pädophile wie James Randi sind. Und es ist auch kein Zufall, daß sie von fast durchweg „emanzipatorischen“ Medienleuten derartig unterstützt werden. Es ist fast undenkbar, daß in irgendeiner großen Zeitung eine auch nur ansatzweise kritische Rezension von Turners Werk erscheint. Diese Leute sind zwar nicht alle Perverse, aber ihre linke Charakterstruktur ist auf das mechanistische Weltbild eingestellt. Sie sind von ihrem bioenergetischen Kern abgeschnitten, entsprechend ist alles „Bioenergetische“ für sie eine lächerliche Farce: „Abenteuer im Orgasmatron“. Alles ist nur ein bizarrer Witz wie die Bühnenshow von James Randi. Oder mit anderen Worten, die Fassade ihrer Charakterstruktur dient der Aufgabe, der sekundären, perversen Schicht Ausdruck zu verleihen und dabei „aufgeklärt“, „abgeklärt“, „skeptisch“ und vor allem „antifaschistisch“ (vielleicht sogar „antikommunistisch“!) zu wirken. In diesem Sinne sind es Rote Faschisten, egal welche politische Haltung sie nach außen tragen. Und in diesem Sinne ist Adventures in the Orgasmatron Teil der kommunistischen Verschwörung gegen Reich und die Orgonomie.

Christopher Turner: ADVENTURES IN THE ORGASMATRON (America), Teil 5

30. September 2011

Das einzige, was Christopher Turners Buch Adventures in the Orgasmatron, das imgrunde nichts anderes ist als eine Ansammlung zahlloser Zeitschriftenartikel, die von Reichs grob gezeichneter Biographie zusammengehalten werden, lesenswert macht, ist das Material aus dem von Aurora Karrer, Reichs letzter Frau, zusammengetragenen Archiv, auf das Turner durch puren Zufall gestoßen ist und das er als erster ausgewertet hat.

Karrer dokumentierte in Tagebucheintragungen ihr nervenaufreibendes Leben mit Reich zwischen 1955 und 1957, das gekennzeichnet war durch Alkoholexzesse, eine alles bestimmende Abwehrhaltung und Verfolgungswahn. Sie wollte sich zwar von ihm trennen, schaffte es aber nicht. Charakteristischerweise führt Turner nur Nagatives an, so daß man kaum nachvollziehen kann, was außer Mitleid und, so Turner, „Masochismus“ sie zu Reich hinzog. Turner schreibt ein Buch über Reich und die sexuelle Revolution, doch, wie auch sonst im Buch, kommt Reichs Liebesleben, das Verhältnis zu seinen Frauen jenseits seiner krankhaften Eifersucht, nie ins Blickfeld. Wenn man mal von folgender Stelle absieht:

“I think that he has come to love me as much as any woman he has ever known, or more,” Karrer reassured herself. “At times he’s so sweet and kind and loving.” Reich, she wrote, believed their life together was “the deepest and greatest love story of our time.” (S. 414)

Turner kann hier nur gemein Grinsen, denn Ende der 1970er Jahre zeichnete Karrer in ihren Notizen ein grundlegend anderes Bild als es ihr zu Lebzeiten Reichs in dem von ihr geplanten Buch The Genius: Personal Life and Loves of Wilhelm Reich vorgeschwebt hatte:

In this version Reich is no longer a “genius” but a conceited arrogant egotist, a fake, an abuser, a violent person who degraded those around him, someone who trapped everyone in a therapeutic web, a mentally unstable bully who made others feel as if it were they – not he – who were mad. Karrer claims an Olympian perspective on Reich not only as his last wife but as his last analyst: “I completed his analysis! If I hadn’t stayed with him he’d have shot himself. As I look back on it that’s what everyone was wishing he’d do – Eva, Ilse, Baker, the orgonomists, etc.” (S. 415)

Reich sei, Karrer zufolge, „so skrupellos und selbstsüchtig wie der Kultführer Jim Jones gewesen“ (ebd.).

Turner zitiert eine Liste, die Karrer von Reichs Fehlern und Untaten zusammengetragen hat (man vergleiche das mit meiner entsprechenden Kritik an Reich!):

Reich dachte, so listet Karrer in ihrer „Analyse“ auf, er sei der größte, war aber unglaublich selbstunsicher. Stets hatten die anderen Schuld. Er konnte seinen vier Frauen und drei Kinder nicht helfen, wollte aber die ganze Welt retten. Seiner Umgebung verbot er den normalen Kontakt mit ihren Familien und Freunden. Er litt unter Größenwahn und Leute folgten ihm, weil ihr eigenes Leben leer war. Er brachte sie dazu, ihn als den größten leben Menschen zu bezeichnen, zerstörte aber jeden einzelnen Menschen, der ihm nahe kam. Niemand wagte ihm zu wiedersprechen, da man sonst als Teil der „Verschwörung“ oder als „krank“ betrachtet wurde. Im Suff war er gewalttätig, hat seinen Hund Troll mit einer Eisenschlange geschlagen, was zum Tod des Hundes führte. Seine Frauen mußten vor ihm geschützt werden. Sie, Karrer ,sei die einzige gewesen, die er nicht zerstören konnte. Karrer:

I never succumbed – Wilhelm Reich could never make me look bad to myself because I saw him as sick. He knew I saw him that way. (S. 417)

Wer war Aurora Karrer? Reich hielt sie während der Konferenz auf Orgonon, wo sie sich 1955 kennenlernten, für gesund, während ihr Therapeut Elsworth Baker aufgrund seiner Erfahrungen mit ihr eine etwas andere Einschätzung hatte, diese gegenüber dem bereits verliebten Reich jedoch nicht zu äußern wagte. (S. 400)

Der Orgontherapeut Morton Herskowitz erzählte Turner:

To me I always felt that she was like a … I don’t know if she’d ever been Reich’s patient [sie war nicht!], but she was like somebody possessed with a positive transference. Just the way she constantly adored him. I remember, I thought she reminds me of some of my patients whose positive transference is too strong. (S. 399)

Sie war zunächst bei Baker in Therapie, der mußte sie aber an Raphael überweisen, weil Karrer ihm, Baker, gegenüber eine extrem starke positive Übertragung entwickelt und sie sich in ihn verliebt hatte, was eine Therapie der sehr attraktiven Frau unmöglich machte. Raphael ging es genauso, der sie deshalb an Oller weiterüberwies. Diese Frau war eine prädestinierte „Gläubige“, in dieser Hinsicht geradezu eine „Mystikerin“. Wehe, wenn solche Leute ihren Gauben verlieren!

Karrer, die sich nach Reichs Tod mit Eva Reich und Mary Higgins um den Posten der Treuhänderin des Reich-Nachlasses und die Kontrolle des Archivs bis hin zu gerichtlichen Auseinandersetzungen stritt, ließ sich in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre von den Orgonomen um Baker als „Frau Reich“ feiern. Vor etwa 25 Jahren erzählte mir jemand folgendes:

Lois Wyvell hätte ihm erzählt, daß Karrer sie einige Jahre zuvor um 10 000 Dollar gebeten habe, da ihr finanziell das Wasser bis zum Hals stünde. Wyvell, zeitlebens eine alleinstehende einfache Sekretärin, bat um einen Schuldschein. Es handelte sich schließlich um die Ersparnisse eines Lebens und ihre, Wyvells, Altersvorsorge! Darauf Karrer zornig: bei Reich hätte ein einfacher Handschlag gereicht! Damit waren mehr als zwei Jahrzehnte Freundschaft von seiten Karrers gekündigt. Bereits damals hatte ich mich gefragt, warum sie ausgerechnet Wyvell (auf, wie ich fand, absolut unverschämte Art und Weise) anpumpen wollte und sich nicht an einen der gutverdienenden Orgonomen gewandt hatte. Offensichtlich war sie zuvor von jedem einzelnen abgewiesen worden. So geht man nicht mit „Frau Reich“ um, die bis dahin wie die unantastbare „Grand Dame der Orgonomie“ behandelt worden war und mit der man sich gerne schmückte! Die Wut und Enttäuschung muß maßlos gewesen sein. Zu dieser Zeit machte sie die Notizen, in denen sie Reich und seine Anhänger auf denkbar gemeinste Art verunglimpfte.

Gut, ich spekuliere… Aber anders kann ich mir ihren plötzlichen Sinneswandel von der gefeierten Hohepriesterin des Reich-Kults zur abgeklärten Reich-Hasserin, von einer Reich-Gläubigen zur „Atheistin“, nicht erklären. Besonders bitter kommt es mir hoch, wenn ich daran denke, daß sie Freunden der Orgonomie stets Interviews verweigerte, „um das Andenken Reichs nicht zu beschmutzen“, wie Wyvell erklärte, jetzt aber ausgerechnet Turner das Material benutzen kann, um auf die geschändeten Leichenteile Reichs zum Schluß auch noch defäkieren zu können.

Dank Turner und Karrer bleibt Reich dem Leser so in Erinnerung:

Was bleibt, ist Reichs Flucht in den Alkohol, seine Eifersucht und sein „Verfolgungswahn“. Ich kann nur jedem raten, das IV. Kapitel, Abschnitt 3 der Charakteranalyse durchzulesen: „Der phallisch-narzißtische Charakter“ – Reichs Selbstanalyse. Was Reich angeblich „paranoide“ Anwandlungen betrifft, steht und fällt alles mit dem Realitätsgehalt der „Verschwörungen“ von Seiten der Psychoanalytiker, Kommunisten und der Pharmaindustrie. Zum letzteren Punkt erinnert sich beispielsweise der Orgonom Victor Sobey an einen von Reichs Anwälten, Green:

Mr. Green was the lawyer in Jersey and he was a Republican and he knew the top Republican officials, in fact he was a lawyer for the pharmaceutical companies in New Jersey. And one time, they had a national convention of The American Association of Pharmaceutical houses, and Mr. Green was also involved. (…) So the president of the American pharmaceutical industry was there, and Mr. Green went up to him and said, “I heard a lot of things about this orgonomy and Dr. Reich”. He [the president of the American pharmaceutical industry] said, “don’t worry about it, it’s nothing”. And he looked at me [Green] and said “but you know, if that was for real, we wouldn’t want it anyhow, we’d do everything to kill it.”

So etwas sucht man in Turners Buch vergebens. Wie sieht die Sache aus, wenn am Cloudbusting und den UFO-Sichtungen etwas dran ist? Oder an Episoden, wie dem extrem merkwürdigen Besuch von William Moise bei der Luftwaffe in Dayton, den Jerome Eden ausführlich beschreibt. Bei Turner fällt dieser Besuch gleich ganz unter dem Tisch! Turner geht es nur darum, Reich zu vernichten und dabei einen fairen Eindruck zu machen. Turners Buch atmet den Geist von Mildred Bradys begeistertem Brief, den sie nach der erfolgten Verurteilung Reichs an die FDA schrieb. Der Brief kündigt Turners Buch an:

There is a kind of journalistic excitement in learning that an article you wrote years ago has been instrumental in bearing such a fruit. The more I think about it, the more my fingers itch to do a book on the whole case … It would be a fine tale of really true ADVENTURE that ought to outsell any detective story … Let me give you the heartiest congratulations on a very tough job, very well done. (S. 408, Hervorhebung hinzugefügt)

Immerhin hätte Brady nicht solchen abartig hirnzerfressenden Schwachsinn von sich gegeben, wie Turner es wieder und wieder und wieder tut:

Whereas Reich offered the sexual revolution to the world in a box, [Herbert] Marcuse (…) lifted the lid and saw the horrors contained within it. (S. 441f)

Aaaaaaaarrrrrgggggggghhhhhhhhh…

Reich und Columbo

28. September 2011

Der Psychologe, Philosoph und Mediziner Prof. Dr. Dr. Josef Rattner ist Verfasser des Bandes Klassiker der Tiefenpsychologie (München 1990), in dem er 32 Hauptrepräsentanten der Tiefenpsychologie vorstellt. Dieses quasi offizielle Fazit der bisherigen Tiefenpsychologie sei „eine umfassende Einführung in die Tiefenpsychologie und zugleich ein Resümee ihrer ‘Jahrhundertarbeit’ – man könnte es auch ‘Enzyklopädie der Tiefenpsychologie’ nennen.“

Was Reich betrifft konstatiert Rattner „Verstiegenheit, Verschrobenheit und Manieriertheit als Grundformen schizophrenen Menschseins“, das sich bei Reich in einem paranoiden Prozeß äußerte, der ihn schließlich zerstört habe. „Seine ganze Betriebsamkeit von 1940 bis zu seinem Tod trägt Elemente von schlechter Schauspielerei in sich.“

Der Adlerianer Rattner war ein Pionier der „Großgruppentherapie“. Der Berliner Psychiater Helmut Albrecht merkte dazu an:

Die anhaltende Idealisierung und unkritische Verehrung seiner Person und Lehre wird von Rattner geduldet, später sogar gefördert. In der zukünftigen Entwicklung wird sich zeigen, daß diese Verstrickung wesentlich dazu beiträgt, eine kreative Selbständigkeit der Großgruppe zu verhindern, daß der Pionier sein Werk nicht loslassen kann und umgekehrt, die Gruppenmitglieder an der Idealisierung festhalten. Die anfängliche Befreiungsideologie wird sich in konformistisches Gruppenbekenntnis verwandeln. (Leiden und Tragik eines Meisters. Die Großgruppentherapie in Berlin: Illusion und Wirklichkeit)

Es ist schon gruselig, wenn Meister Rattner über Reich schreibt, dieser sei „ein abenteuerlicher Charakter mit pittoreskem Lebenslauf“ gewesen, der die „Geschichte eine Paranoia“ darstellt. Reich hat sich nicht in die „Großgruppe“ eingepaßt!

Mir persönlich war die Adlersche Schule mit all ihren Verzweigungen immer unheimlich. (Ich war selbst Adlerianer bevor ich Reichianer wurde!) Es ist wirklich auffallend, wie ein Kult nach dem anderen aus den Anschauungen Alfred Adlers erwachsen ist. Man denke nur an den Züricher „Verein für Psychologische Menschenkenntnis“, der eine rigide „wertkonservative“ Moral vertrat. Er hatte ein Weltbild voller Verschwörungen gepaart mit einem Hygienefimmel, der bis zum Waschzwang ging. Rattner war Schüler von Friedrich Liebling, dessen Anhänger den VPM gründeten. Es hat sogar „Satanisten“ gegeben, die sich auf Adler beriefen! Siehe dazu Josef Dvoraks Buch über den Satanismus (Frankfurt 1989).

Der Witz bei der ganzen Angelegenheit ist, daß Reich selbst bei sich von Anfang an, konstatierte, er stünde „draußen vor“. Das begann schon mit seinen allerersten psychoanalytischen Reflexionen in „Libido-Konflikte und Wahngebilde in Ibsens ‘Peer Gynt’“.

Als er 1930 mit den vegetativen Strömungen in Kontakt kam, reagierte er wie jeder andere Mensch auch: er fühlte sich draußen wie der Schizophrene. „Mir wäre das gleiche wiederfahren, wenn ich nicht so gesund gewesen wäre“ (Myron R. Sharaf: „Further Remarks of Reich: Summer and Autumn, 1948“, The Journal of Orgonomy, Vol. 5, No, 1, May 1970, S. 101).

Reich hat mit diesem Sujet geradezu gespielt. Man kann beispielsweise Aussagen wie die folgende anführen:

Wir haben ja auch sonst in unserer Arbeit den Eindruck, als ob wir in einem leeren Saale sprächen, dessen Wände voll Ohren, aber ohne Sprachorgane sind. (Der Krebs, S. 359)

Zweifelsohne hatte Reich psychische Probleme, doch die bezogen sich auf jene Charakterstruktur, die Reich selbst, wenn man so sagen kann als „Mittelding“ zwischen Hysterie und Zwangsneurose in die Psychoanalyse einführte: den phallischen Narzißmus.

Sowohl sein Schüler der 1920er Jahre Richard Sterba (Erinnerungen eines Wiener Psychoanalytikers, Frankfurt 1985, S. 89) als auch einer der späten 1940er und frühen 1950er Jahre, Elsworth F. Baker, hielten Reich für einen phallisch-narzißtischen Charakter.

(…) bevor er Wien verließ und nach Berlin übersiedelte, nahm er Widerspruch als eine persönliche Attacke sehr übel. Bei solchen Anlässen wurde er blaß, und man sah ihm an, daß er große Mühe hatte, seine Aggression gegen seinen „Gegner“ zu beherrschen. (Sterba, S. 85)

Er wurde bleich bis auf die Lippen, in die er biß, und vertrat seine Behauptung nur umso heftiger. (ebd. S. 90)

In dieser Gesellschaft kann man, Baker zufolge, eh nur mit Einschränkung ein genitaler Charakter sein, nur ein „funktioneller genitaler Charakter“, d.h. man würde nur unter denkbar guten Bedingungen wie ein mustergültiger genitaler Charakter funktionieren – wenn Schwierigkeiten auftreten, fiele man früher oder später in seine alten neurotischen Verhaltensmuster zurück. In diesem Sinne war auch Reich ein „funktioneller genitaler Charakter“, der unter erheblichen Streß neurotische phallisch-narzißtische Züge entwickelte.

Beim Neurotiker sieht das anders aus: der lebt praktisch stets in der sekundären Schicht bzw. der Fassade und kann das Leben nicht genießen. Wenn er zum Kern Kontakt aufnimmt, dann höchstens in verzerrter („Blut-und-Boden-Faschismus“) oder in mystifizierender Weise. Der funktionelle genitale Charakter hingegen funktioniert größtenteils aus dem Kern heraus, solange er nicht durch äußere Umstände vorübergehend neurotisiert wird.

Das Problem des funktionellen genitalen Charakters läßt sich auch mit dem Konzept der „Panzer-Löcher“ angehen. Tatsächlich funktionieren große Künstler auf Spezialgebieten und zeitweise wie echte genitale Charaktere: weil sie „Löcher“ in der Panzerung haben. In diesem Sinne war Reich ständig „durchlöchert“ wie ein Schweizer Käse, – aber halt nicht perfekt, weil eben doch zwischen den Löchern noch etwas Käse war, – während Neurotiker nur aus Käse bestehen. Man verzeihe mir dieses Bild!

Was Reich auf keinen Fall war: er war nicht „normal“ im Sinne von Prof. Dr. Dr. Rattner… Nun, in einem Sinne war er sehr „normal“: er hat auf Erniedrigung extrem irrational reagiert, nicht zuletzt wegen seiner phallisch-narzißtischen Züge.

In den 1930er war er aus der psychoanalytischen Welt, die von Formalien, „Anstandsregeln“ und Standesdünkel („Herr Doktor“) verstellt war, ausgebrochen und hatte für einen legeren Umgangston in seiner Organisation gesorgt. Er war für alle der „Willy“. Wie er in seiner Rede an den Kleinen Mann beschreibt, endete dies sehr schnell in einem Desaster. Ihm wurde auf der Nase herumgetanzt, er wurde ausgenutzt und Leute sahen sich dazu ermuntert ihre Neurose auszuleben. Aus diesem Grund änderten sich ab 1938 sein Verhalten und sein Umgang mit Mitarbeitern und Schülern drastisch. Er hielt auf Distanz und Etikette. Für Rattner ist das „Schauspielerei“, wobei er in einem wohlverstandenen Sinne gar nicht so Unrecht hat, denn das „soziale Tier“ Reich mußte sich teilweise regelrecht Gewalt antun, um diese seine Stellung aufrechtzuerhalten. Myron Sharaf beschreibt das in Fury on Earth. So wuchs Reich langsam aber sicher in die Position einer „Respektsperson“ hinein, wie wir ihr überall begegnen, beim Militär, in Unternehmen, an Universitäten, in der Verwaltung, in der Politik, etc.

Man muß mit eigenen Augen gesehen haben, wie solche Leute psychisch kollabieren, in tiefste Depression verfallen, von Weinkrämpfen geschüttelt werden, zur Flasche greifen, gegenüber der Familie gewalttätig werden, unvermittelt somatisch schwer erkranken, suizidal werden, etc., – wenn ihre Stellung und ihr gesamtes Lebenswerk wegen irgendwelcher Machenschaften, einer leichtfertig gegebenen Unterschrift, einer läppischen Betrügerei, die jedem anderen verziehen würde, oder ähnlichem sich plötzlich in Luft auflöst. Solche Menschen fallen derartig tief, wie es sich unsereins kaum vorstellen kann. Unsereins frägt sich, warum man sich beispielsweise nicht einer Kommission stellen kann, um sich zu rechtfertigen. Für solche Führungspersönlichkeiten kommt ein solcher Auftritt jedoch einer seelenvernichtenden Erniedrigung gleich.

Genauso ist es Reich angesichts der gerichtlichen Verfügungen am Ende seines Lebens ergangen. Seine teilweise extrem irrationalen Reaktionen im privaten Bereich, die Christopher Turner in seinem Buch Adventures in the Orgasmatron im Detail beschreibt, sind für einen erfahrenen Psychiater, der eine entsprechende Klientel hat, nichts außergewöhnliches, sondern Alltag. Das Drama sagt wenig über Reich aus, aber sehr viel über die Tragik des Alphatierchens in Primatenhorden, wenn es seiner Führungsposition verlustig geht. Der Kleine Mann ergötzt sich an diesem Schauspiel, warum beispielsweise die Krimiserie Columbo derartig beliebt war.

Christopher Turner: ADVENTURES IN THE ORGASMATRON (America), Teil 4

27. September 2011

Christopher Turner zitiert eine Notiz Reichs, um zu zeigen, wie ungerecht und verrückt Reich gegen seine Ehefrau Ilse Ollendorff gehandelt hat. Gut, Ollendorff wurde von dem krankhaft eifersüchtigen Reich teilweise übel mitgespielt, aber könnte Reich hier nicht auch ein Teil der Psychodynamik seiner Mitarbeiter und gewisserweise sogar von Turner selbst beschrieben haben:

In general, I.O. behaves like a person who is dreaming of flying high in the air while being safely on the ground. Awakening suddenly, she finds herself racing through space in full REALITY at 1000 miles per hour in a rocket ship. She starts screaming. She tries to tell the people in the ship that the pilot went crazy, and when this does not bring her down to safe earth, she attacks the hardworking pilot, tries to get hold of the steering device, to bring the ship down to earth. When this fails she collapses and shouts that the pilot has driven her crazy. (S. 339)

Beispielsweise beschreibt Turner den ORANUR-Effekt und die DOR-Wolken vollkommen korrekt, indem er Elsworth Baker paraphrasiert und zitiert. Der Leser könnte schon glauben, daß doch was dran sein könnte an der ganzen Sache. Doch der Abschnitt endet mit Turners Satz:

In response to the “DOR emergency,” as Reich called it, the orgone box, his original [schizophrenic] “influencing machine” [after Tausk], began to develop and sprout new features. Reich planned to transform the accumulator into a more complicated, mad, and intricate device with which he could do battle with the ominous DOR clouds he watched looming over the hills of Orgonon. (S. 365)

Und das, nachdem der Biologe Bernard Grad in der genannten Stelle beschrieben hat, wie verheerend er auf ORANUR-kontaminierte Orgonenergie-Akkumulatoren auf Orgonon reagiert hatte und Baker den DOR-Notstand beschrieben und bezeugt hat! Es ist beinahe so, als müßte sich Turner gegen die Orgonomie immunisieren, indem er all seine Verachtung und all seinen Haß mobilisiert. Zu diesem Beginnen schreibt er, wie so häufig, sogar vollkommenen Unsinn, denn der Cloudbuster ist weder „komplizierter“ als der Orgonenergie-Akkumulator, noch eine „Weiterentwicklung“. Hauptsache der Leser zeichnet groteske Maschinen in seinem Kopf! Ein klassisches Beispiel für Emotionelle Pest, die das ganze Buch kennzeichnet. Die bioenergetische Erregung (in diesem Fall „Reich“) kann nicht ertragen werden und wird deshalb ausgeschaltet (in diesem Fall Rufmord an Reich).

Turner beschreibt eine Szene, in der FDA-Agenten Reich nach seinen Aktivitäten befragen. Auf Reichs Einwand, ob sie denn etwa glaubten, das ganze drehe sich nur um „Sex“, fällt ihm das Gesicht eines der Agenten auf. Er solle, so fährt Reich ihn an, gefälligst sein Grinsen unterlassen! (S. 349). Es ist auch Turners Grinsen, der sich immer sein Teil denkt.

Turner benutzt die „Beichten“, die Reichs Mitarbeiter schriftlich abgeben mußten, damit Reich ihren möglichen Anschuldigungen, Reich sei „durchgedreht“, nicht schutzlos ausgeliefert war, nun umgekehrt zum Nachweis, daß Reich in der Tat schizophren war. Entsprechende Anschuldigungen von Seiten der Mitarbeiter stehen ja da, schwarz auf weiß. Und schließlich wendet Turner Reichs eigene Worte gegen Reich selbst: Reichs Rede an seine zukünftigen Biographen, den Tonmitschnitt Alone (S. 341-344). Reich hatte das aufgezeichnet, damit es eben nicht zu Mißverständnissen a la Turner kommt…

Wenn Ilse Ollendorff ihm, Turner, sagt, daß Reich definitiv nicht verrückt war und sie immer noch den Orgonenergie-Akkumulator benutzt, dann erscheint das im Buch wie eine Anomalie, eine verrückte Kuriosität (S. 340).Turner zitiert einen langen Abschnitt von Elsworth Baker, wo dieser den Cloudbuster in Aktion beschreibt. Am Ende dieses Zitats sagt Baker:

We who have been through this experiment know how real and actually terrifying it all was and how frustrating to meet scoffers who belittle Reich’s work and call him insane. (S. 367)

So wie Turner es in den Zusammenhang stellt, unterstreicht diese, Bakers Aussage nur noch einmal wie irre Reich und wie absolut verblendet seine Anhänger waren! Auf diese Weise wird es fast unmöglich sich gegen Turners Buch zur Wehr zu setzen. Alles was man sagt, wird dazu benutzt Reich und die Orgonomie weiter in den Dreck zu stampfen.

Reich ist schlichtweg irre! Als Reaktion auf die Verfügung der FDA Reich „retreat(s) even further into a world of fantasy“ (S. 370) und Reich „recreates his earthly struggles with the FDA on a cosmic scale“ (ebd.) – indem er gegen UFOs focht.

Jung erklärte die kreisförmigen UFOs als nach außen projizierte Symbole von Ganzheit und Einheit in einer Welt, die vom Kalten Krieg zerrissen war. Der geniale Turner spinnt dies weiter aus:

Reich in his bipolar states suffered just such a split, and indeed his whole oceanic theory of orgone energy might be interpreted in that light. (S. 371)

Turner fährt fort, daß Reich in manchen Nächten UFOs sah. Letztendlich ging es Reich aber darum, die Erde vor einer apokalyptischen Gefahr zu bewahren: „sexual repression, which only he had the knowledge und means to combat“ (S. 372).

Der Leser hält sich vor Lachen den Bauch und das Ziel von Turners Buch ist erreicht: die Orgasmustheorie ist endgültig und final der Lächerlichkeit preisgegeben!

Die Orgonenergie war von Anfang an ein bloßes Produkt der lebhaften, kindischen Phantasie Reichs:

The very idea of orgone energy might be seen as cinematic: in Das Blaue Licht (1932), a feral Leni Riefenstahl is the guardian of a high-altitude cavern that glows an ethereal blue during full moons and lures men to their deaths in the mountains. (S. 375)

Ein Kulturanthropologe beschreibt das Orgon!

Wenn Turner, dieser Trottel, wenigstens nach Die sexuelle Revolution den „Kulturkampf“ zwischen Reich und Freud dargestellt hätte, was nur allzu nahelag. Stattdessen vollkommen abwegige Geistesergüsse wie den folgenden über das sich entwickelnde Konsumentenparadies USA:

Just as Reich was prosecuted for “false labelling,” libidos were being freed not to liberate people, as he hoped, but further to enmesh them in the capitalist system. (S. 389)

Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Nichts! Doch in Turners assoziativ gelockertem Hirn… Nun ja, an den human-„wisssenschaftlichen“ Fakultäten ist so etwas heute Standard. Hauptsache es klingt „intellektuell“!

Es ist auffällig, daß Turner nie einen zeitgenössischen Orgonforscher interviewt hat oder einen Zeitzeugen wie Richard Blasband. Zwar ist er mit Courtney Baker, ebenfalls Orgonforscher und Zeitzeuge, wenn das letztere auch nur als Kind, zusammengetroffen, aber nur die drei Therapiesitzungen, die er Turner zu Illustrationszwecken gab, werden in einem Satz beiläufig erwähnt. Hat ihm Baker nicht sein Labor gezeigt, von seinen Experimenten berichtet und über das Orgon gesprochen?! Warum kein Wort über Turners Teilnahme an wissenschaftlichen Konferenzen zur Orgonomie, bei denen Turner nachweislich anwesend war? Offenbar darf das Orgon unter keinen Umständen in dem Buch als das erscheinen, was es ist: eine physikalische Gegebenheit. Stattdessen Turners nur als kurios zu bezeichnende Theorien über Reichs geistige Gesundheit und dessen vermeintliche „Entdeckungen“, die, diesen Eindruck muß der Leser gewinnen, mit ihm gestorben sind.

Immerhin hat Turner Thomas Mangravite interviewt, der für Silvert Orgonenergie-Akkumulatoren baute und einige Experimente wiederholt hatte und über zwei Jahre hinweg zusammen mit Silvert mit dem Cloudbuster New York City von DOR freigehalten hatte. Kein Anlaß für Turner genauer nachzufragen. Stattdessen erhält Mangravite Raum, um auszuführen, daß Reich auch Fehler gehabt hätte. Jedenfalls nach dem, was Mangravite später gelesen habe. Reichs Sohn Peter beschreibe, so Mangravites Beispiel, daß Reich nie nackt geduscht hätte (S. 383).

Man sieht, nicht alle Lacher im Buch gehen direkt auf Turner selbst zurück! Mein Gott, es geht darum, daß Reich nie in Anwesenheit von Peter nackt geduscht hat. Ich habe auch nie den Penis meines Vaters gesehen, wie hoffentlich jeder normale Mensch. Aber egal was Reich macht, es wird gegen ihn verwendet. Wahrscheinlich hat Reich, dieser Sonderling, sogar mit Messer und Gabel gegessen!


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