1981 erschien eines der überflüssigsten Bücher der Reich-Literatur: Colin Wilsons The Quest for Wilhelm Reich, das kaum mehr darstellt als eine Nacherzählung von Ilse Ollendorffs Reich-Biographie plus Wilsons eigene krude Thesen über die Rolle des „freien Willens“. Reich wird als eine Art Fatalist gezeichnet (sic!), der sich schließlich selbst sein eigenes Grab geschaufelt habe.
Es lohnt sich schlichtweg nicht, sich näher mit dem Buch und seinem Autor auseinanderzusetzen. In vieler Hinsicht war er ein Vorgänger von Christopher Turner und dessen Machwerk Adventures in the Orgasmatron. Das einzige Verdienst Wilsons ist, daß er eine Episode aus dem Leben Reichs vor dem sicheren Vergessen bewahrt hat: Gerd Bergersen. 1978 hatte eine gewisse Gerd Hay-Edie (vormals Gerd Bergersen) ein BBC-Radiointerview mit Wilson verfolgt, in dem dieser erwähnte, daß er an einer neuen Reich-Biographie arbeite, daraufhin tauschte sie mit ihm Briefe und sandte ihm Audiokassetten zu, in denen sie ihr den Biographen bis dahin entgangenes Verhältnis mit Reich beschrieb.
1936 wurde Reichs damalige Lebensgefährtin Elsa Lindenberg nach Dartington Hall in der englischen Grafschaft Devon eingeladen. An der reformpädagogischen Schule sollte sie während der Sommerferien Ballettanz lehren. Reich begleitete sie. Zu dieser Zeit war auch die 25jährige blonde norwegische Textildesignerin Gerd Bergersen an der Dartington Hall School tätig. Sie hatte nie von Reich gehört, doch wurde ihr gesagt, daß Lindenberg und Reich interessante Leute seien und etwas Norwegisch sprächen. So ging sie in der Mittagpause zu Reich und unterhielt sich mit ihm in ihrer Muttersprache. Der ziemlich kleine Mann mit grauem Haar wirkte freundlich und harmlos. Reich zeigte sofort Interesse an ihr, doch nach schlechten Erfahrungen wollte sie zu dieser Zeit nichts von Männern wissen. Reich ließ sich nicht entmutigen, holte Informationen über sie ein und besuchte sie in ihrer Werkstatt.
Als sie bald danach nach Norwegen zurückkehrte und eine Wohnung in Oslo bezog, klopfte es schon bald an der Wohnungstür: Reich hatte sie, wie er in England versprochen hatte, gesucht und gefunden. Es wurde sehr schnell klar, daß Reichs Interesse an ihr nicht in erster Linie sexueller Natur war, vielmehr war er von ihrer Unabhängigkeit und ihrem kreativen Geist eingenommen. Offensichtlich brauchte er jemand außerhalb seines Kreises im Labor und außerhalb seiner politischen Aktivitäten, mit dem er sich unterhalten und einfach er selbst sein konnte. Jemand, der auf eigenen Beinen stand und eine eigene Meinung vertrat, die nichts mit Reich zu tun hatte. Es störte ihn beispielsweise gar nicht, daß sie sich gegen Freuds These wandte, daß die Sexualität der grundlegendste der menschlichen Triebe sei. (Etwas, was er bei einem Mitstreiter oder Studenten nie hätte durchgehen lassen! Seine Mitarbeiter und Schüler waren schließlich sein gegenwärtiges und vor allem zukünftiges Sprachrohr, während Bergersen eine vollkommen unabhängige Person auf Augenhöhe war.) „Er akzeptierte mich als ein rationales menschliches Wesen.“ Bergersen ihrerseits genoß es sich mit einem berühmten Mann, der einen weiten Horizont hatte, stundenlang über Gott und die Welt unterhalten zu können.
Die eifersüchtige Lindenberg bat Bergersen Reich aufzugeben, denn sie, Lindenberg wäre ganz allein und im Exil, während Bergersen gesichert und wirtschaftlich unabhängig sei. Bergersens Meinung nach war Lindenberg keine ausreichend starke Persönlichkeit, um Reichs Interesse über einen längeren Zeitraum fesseln zu können und von ihm wirklich respektiert zu werden. Reich brauchte Bergersen, um der geistigen Enge seiner Umgebung zu entgehen.
Zu dieser Zeit scheint Reich ungewöhnlich entspannt und „gut drauf“ gewesen zu sein, wozu nicht zuletzt der Austausch mit Bergersen verantwortlich war. Das änderte sich mit der norwegischen Pressekampagne gegen Reich Mitte 1938. Er kam zu ihr, wenn wieder einmal ein besonders niederträchtiger und boshafter Artikel über ihn erschien. Für Stunden sprach er dann über seine Ängste und versetzte sie in tiefe Unruhe durch seine beunruhigenden Vorhersagen über die bevorstehenden Schrecken des Naziregimes. (Sie hatte keine Ahnung, daß Reich ein Jude war!) Zu dieser Zeit machte er ihr einen Heiratsantrag und träumte davon, sie könnten sich gemeinsam in einer Berghütte verstecken, bis der Nazispuk verflogen sei. Doch sie wollte ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben und konnte sich nicht vorstellen, daß Reich weitere Kinder haben wollte.
Sie ist offen genug einen weiteren Grund anzuführen. Ihre erste Liebesaffäre hatte bei ihr ein Mißtrauen hinsichtlich Männern und der natürlichen Sexualität hinterlassen. Sie brachte oft starke Ablehnung zum Ausdruck, wenn Reich ihr gegenüber von Freud und seinem eigenen Glauben an die grundlegende Bedeutung der Kraft der Sexualität sprach. Doch war sie trotz ihrer ablehnenden Haltung vom Erwachen ihrer eigenen körperlichen Reaktionen erschrocken. „Die Leidenschaft des Körpers übernahm die Kontrolle und daran war etwas Beängstigendes. Es war zerstörerisch.” Auf jemand wie sie, mit ihrer natürlichen Unabhängigkeit, muß es wie eine Art Hexenkunst gewirkt haben.
Nach der Trennung von Reich wandte sich ihr Interesse ausgerechnet den Werken C.G. Jungs zu und sie wurde eine ausgemachte Jungianerin, da ihr dessen Weltdeutung weit mehr einleuchtete als die von Freud und Reich. – Übrigens deutet Wilson in der zitierten kurzen Passage unbewußt seine eigenen Beweggründe seiner Angriffe gegen Reich und seines Insistierens auf den „freien Willen“ an!
Auf den ersten Blick scheint die Bergersen-Affäre kaum mehr als eine unbedeutende Randnotiz in Reichs Privatleben zu sein, doch tatsächlich wirft sie ein entscheidendes Licht auf seine spätere Entwicklung in Amerika. In Amerika fehlte Reich nämlich diese menschliche Wärme und der vorbehaltlose Austausch mit einem „normalen Menschen“, einem rationalen Gesprächspartner, der vor allem als intellektuelles Korrektiv dienen kann. Stattdessen war er von Leuten umgeben, die von ihm (teilweise auch wirtschaftlich) abhängig waren. Auch konnte er aus den kurz angeschnittenen Gründen kaum ernsthaften Dissens in seiner Umgebung dulden. Elsworth F. Baker beschreibt, wie Anfangs Theodore Wolfe Reich noch vor mancher Peinlichkeit und Fehleinschätzung bewahren konnte, aber am Ende war Reich allein. Umgeben von Menschen, die kaum mehr waren als Spiegel seiner selbst, und Fernstehenden konnte er unmöglich vermitteln, worum es eigentlich ging. Vieles wäre anders gelaufen, seine Feinde hätten nicht so ein einfaches Spiel gehabt, wenn Reich auch später eine „Gerd Bergersen“ um sich gehabt hätte. Ich denke da etwa an das Herzrasen, übermäßigen Alkoholkonsum und so manche Fehlentscheidung.







