Mit ‘Bibel’ getaggte Artikel

Sexterror (Teil 4)

13. Februar 2012

In Teil 2 und 3 habe ich mich mit den beiden rechten Abschnitten der in Teil 3 präsentierten orgonometrischen Gleichung befaßt. Hier soll es nun um den linken Abschnitt gehen, d.h. um den tiefsten Funktionsbereich, der den Kern des „Sexterrors“ ausmacht:

Die Panzerung macht die Menschen hilflos und ängstlich. Es ist wie bei einem Gefangenen, der nach Jahrzehnten der Isolation vollkommen verloren ist, wenn er in die Freiheit tritt und aus Verzweiflung zurück in seine Zelle flüchtet. Die Orgasmusangst und die orgastische Impotenz, das „Ich will nicht!“ und das „Ich kann nicht!“, sind das, was uns in der Panzerung gefangenhält. Das ist der eigentliche „Sexterror“, der uns bedrängt. Imgrunde bringt die Panzerung nur eine Aussage zum Ausdruck: „NEIN!“

Es ist ein grundsätzliches „NEIN!“ zum Leben selbst: ein Terror, der gegen das Lebendige selbst gerichtet ist, konkret gegen jedes Kind, das ungepanzert auf die Welt kommt. Reich sprach vom „Christusmord“.

Ein Blick in die Bibel: Nach Gen 8,21 ist der Mensch „böse von Jugend auf“. In Dtn 21,18-21 lesen wir, daß, wenn jemand einen Sohn hat, „der so widerspenstig und ungehorsam ist, daß er trotz aller Strafen und Mahnungen weder auf seinen Vater noch auf seine Mutter hört“, dieser Sohn auf betreiben der Eltern von den Männern der Stadt gesteinigt werden soll! Das ist der biblische Begriff elterlicher Liebe, denn „wer seinem Sohn keine Schläge geben will, liebt ihn nicht. Wer seinen Sohn liebt, fängt früh an, ihn mit Strenge zu erziehen“ (Spr 13,24).

Striemen sind ein Heilmittel gegen die Bosheit, Schläge bessern den Charakter. (Spr 20,30)

Strenge Erziehung sei sowohl gut für die Kinder (Spr 19,18) als auch für die Eltern, deren Sohn dann „zur Quelle der Zufriedenheit und Freude“ wird (Spr 29,17). Strenge Erziehung heilt nicht nur von der angeborenen Dummheit der Kinder (Spr 22,15), sondern macht sie auch klug (Spr 29,15). Im Spätjudentum verschärfte sich diese kinderfeindliche Grundhaltung noch. Bei Sir 22,6 heißt es: „Strenge Erziehung und eine Tracht Prügel sind immer angebracht.“ Kinder müssen wie wilde Pferde gebändigt werden (Sir 30,8).

Solange es Kind ist, laß ihm nicht seinen Willen! Solange es klein ist, gib ihm tüchtig was hinten drauf, sonst wird es widerspenstig und gehorcht dir nicht mehr. (Sir 30,11f)

Da kann dann natürlich auch Paulus nicht zurückstehen:

Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern und bezeugt dadurch eure Unterordnung unter den Herrn. So ist es recht und billig. „Ehre Vater und Mutter“ ist das erste Gebot, dem eine Zusage folgt: „Dann wird es dir gutgehen, und du wirst lange leben auf der Erde.“ Ihr Eltern, behandelt eure Kinder nicht so, daß sie widerspenstig werden! Erzieht sie mit Wort und Tat nach den Maßstäben, die der Herr gesetzt hat.

Und gleich darauf heißt es:

Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren! Ehrt und fürchtet sie. Dient ihnen so aufrichtig, als dientet ihr Christus. (Eph 6,1-5)

Diese Denkungsart hat die Menschen seit Jahrtausenden geprägt!

Der eigentliche Sexterror findet im Kinderzimmer statt, wenn moralistische Mütter ihre Töchter in die Hysterie treiben, so daß später jede Annäherung von einem Mann, der symbolisch für den Vater steht, die Inzestschranke aktiviert und zu einem großen „Nein!“ führt. Bei phallischen Narzißten führt die Kastrationsdrohung von Seiten der Mütter zu einem einzigen großen Rachefeldzug gegen Frauen, die symbolisch für die Mutter stehen: „Ich FICK dich!“ Man braucht nur auf die jeweiligen Beine der beiden Geschlechter zu schauen, um das allgegenwärtige „NEIN!“, den allesbestimmenden „Sexterror“ zu sehen. Es ist vor aller Augen, aber niemand sieht es!

Funktionelle Geschichtsbetrachtung am Beispiel der Bibel

8. Dezember 2011

In der Analyse des gepanzerten Organismus der Menschheit ist es wie in den Diagrammen aus Reichs Charakteranalyse: der ursprüngliche Impuls und seine Abwehr: die Geschichte, eine einzige Charakterneurose.

Diese Spaltung findet man z.B. in der später konstruierten Geschichte des Exodus wieder, wo die Wüstenwanderer auf die orgiastische Festgemeinde Aarons treffen. Dies entspricht der Ablehnung des enthemmenden Weingenusses durch die Wüstennomaden (Jer 35,6), entsprechend dem Alkoholverbot im Islam, während zum Kult im altkanaanitischen Jerusalem der rituelle Weinkonsum gehörte (Jer 35,2).

Hinter dieser Angst vor Enthemmung steckt ein tieferer Sinn. Ganz allgemein kann man von zwei Etappen in der Verankerung des Patriarchats sprechen. Im ersten „Ansturm aus der Wüste“ bricht das matriarchale Sozialgefüge zusammen und es kommt zu einer allgemeinen Pervertierung der Triebe, mit orgiastischen Fruchtbarkeitsriten, Tempelprostitution, etc. Zwangsläufig erhebt die Ethik ihr Haupt: neue Nomaden mit „hoher Ethik“ beschneiden die sekundären Triebe. Ähnlich wie heute in unseren Bahnhofsvierteln, wo die Türken mit ihrem Islam auf ein entmenschtes Sodom und Gomorra treffen.

Die Nomaden aus der arabischen Wüste trugen den Mondgott El an die phönizisch-kanaanitische Mittelmeerküste, wo er zum Hauptgott wurde. Auf El (Al) geht der moslemische Gott Allah zurück. Daher auch die Mondsichel als Zeichen des Islam. Ri 8,21 berichtet von den „goldenen Halbmonden“, die als Amulette an den Hälsen der Kamele der Midianiter hingen. Manche meinen, die Midianiter hätten Jahwe verehrt und diesen Gott nach Israel gebracht. Immanuel Velikovsky behauptet, die Midianiter stammten aus Medina. Bei Moses heißt der Hohepriester der Midianiter Jethro, was an Jathrib erinnert, den zweiten arabischen Namen der Stadt. Heute ist Medina die zweite heilige Stadt des Islam.

Israel, das heute gemeinhin als Prototyp einer patriarchalen Gesellschaft gilt („die Patriarchen des Alten Testaments“), ist eine charakterneurotische Mischung aus patriarchalen El-Stämmen mit in Kanaan ansässigen Ascher-Stämmen: Ascher-El = Israel. Der Mondgott El und die Sonnengöttin Aschera gingen eine Ehe ein – und gebaren, um mit Am 5,2 zu reden, „die Jungfrau Israel“. Ascher ist der irdische Heros der Göttin Aschera, der König des Stammes Ascher, „der noch jetzt mitten unter den Kanaanitern lebt“ (Ri 1,32).

So spiegelt schon der Name Israels die unheilvolle Zwiespältigkeit wider, der die gesamte spätere Geschichte Israels prägen sollte. Die Spaltung in der jüdischen Geschichte setzt sich fort mit der zwischen Juda und Israel, Sadduzäern und Pharisäern, Karäern und Talmudisten, bis hin zu den sephardischen Juden, die sich als reinrassige Judäer empfinden, und die, wie einst die Judäer auf das Nordreich, nun auf die „nordischen“ Juden herabblicken. Während Israel prächtige Paläste baute, errichtete Juda immer neue Festungen (Hos 8,14). „Noch“ heute gibt es in Israel die mehr aschkenasischen Zionisten, denen es um jüdisches Leben und geistige Tradition geht und rechte, meist sephardische Zionisten, denen um Land und militärische Macht zu tun ist.

In diesem aggressiven Sinne betrachtet man traditionell die alten israelitischen Stämme als patriarchale Nomadenstämme, die aus den Randgebieten der Wüste kommend, über die friedlichen kanaanitischen Matriarchate herfielen. Doch kann z.B. bei der Geschichte um Jakob, Lea und Rahel mit den festen Brunnen, um die sich seßhafte ViehzüchterInnen und AckerbäuerInnen gruppieren, kaum von patriarchalen Nomadenstämmen die Rede sein. Und Max Weber hat aus dem mit Sicherheit ältesten Teil der Bibel, „Deboras Siegeslied“ (Ri 5) historisch erschließen wollen, daß die ja (im Gegensatz zu den Griechen) durch und durch demokratisch verfaßten Hebräer nie ein Wüstenvolk waren, sondern eidgenössisch organisierte Bergstämme auf den damals noch dichtbewaldeten Hügelketten Palästinas. Im Deboralied wird beschrieben, wie sich freie israelitische Bergstämme als Fußkämpfer gegen die Unterwerfungsversuche der wagenkämpfenden despotischen Städte der Kanaaniter und Philister wehrten. Ein Muster für Israels spätere ständige Auseinandersetzung mit den „orientalischen Despotien“.

Die ursprünglichen israelitischen Stämme in Kanaan wurden vielleicht genauso unterdrückt von Vasallen der Ägypter wie der Stamm Josef in Ägypten selbst (Gen 49,14f). Später war es umgekehrt und die Kanaaniter mußten Fronarbeit für die Israeliten leisten (Ri 1,28ff). Die Unterdrückung der Israeliten dauerte an, bis Debora kam, „die Mutter Israels“ (Ri 5,7). Sie führt eine Reihe stolzer Frauen an, an erster Stelle Jael, die den feindlichen Heerführer der gegen Debora kämpfenden Kanaaniter tötete. So ist Israels frühe Geschichte voll von Matriarchinnen, Heerführerinnen, Hirtinnen, Richterinnen und Prophetinnen. Wie selbstverständlich wird neben Moses und Aaron, Mirjam unter die Führer des Volkes gezählt (Mi 6,4). Im späteren Judentum findet Debora ihre Fortführung in den beiden großen Retterinnen des Volkes Judit („Jüdin“) und Ester („Ischtar“).

Daß die vorgeblichen Matriarchate Kanaans genausowenig „gut“ waren wie die Eindringlinge „böse“, zeigt die Haltung der als letzte eindringenden Schafhirten. Ihr Vertreter ist der Hirte und Prophet Amos mit seiner donnernden Verurteilung „reicher Frauen“:

Hört, ihr Frauen von Samaria, rundlich und schön wie Baschans Kühe! Ihr unterdrückt die Schwachen und schindet die armen Leute. Ihr sagt zu euren Männern: „Los, schafft uns zu trinken herbei!“ (Am 4,1)

Will man diese verwirrende Verschränkung von matriarchalen und patriarchalen Aspekten verstehen, muß man sich charakteranalytisch von oben nach unten durch die verschiedenen Panzerungsschichten hindurcharbeiten. Dies wäre dann der eigentliche Beginn der Geschichtswissenschaft, die selbstverständlich erst mit der Orgonomie beginnt. Wie in der Charakteranalyse müßten wir uns

  1. von der Gegenwart in die Vergangenheit,
  2. von „oben“ (den Überlieferungen) nach „unten“ (den archäologischen Befunden),
  3. von der patriarchalen Peripherie zum matriarchalen Kern vorarbeiten.

Der orgonomische Kern des Christentums (Teil 2)

2. November 2011

Sich nicht entscheiden zu können, Ambivalenz, Doppelzüngigkeit, Zweideutigkeit und Zynismus sind Wesensmerkmale des neurotischen Geistes. Die Panzerung spaltet jeden einheitlichen Lebensimpuls. Der eine Impuls richtet sich gegen den anderen – es ist vorbei mit dem inneren Frieden.

Und genau wie es in den Menschen aussieht, sieht es auch in der von ihnen gebildeten Gesellschaft aus („soziale Panzerung“). Diese Entzweiung, diese „dialektische“ Selbstzerstörung des Geistes hat keinen Platz, wenn wir die Welt vor dem Einbruch der Panzerung darstellen wollen. Ganz in diesem Sinne schreibt der wiedergeborene Christ Norbert Stern in seinem beeindruckenden Buch Fürchte nicht!:

Die Vielheit beginnt bei der Zweiheit. Im Grunde gibt es nur die 1 und die 2. (…) Die Zweiheit ist die Mutter aller Vielheit. Sie stellt sich überall der Einheit entgegen. Zweiheit wirkt zersetzend. Die 2 ist auch die Zahl und das Symbol des Bösen in der Bibel. (…) Aus der Zweiheit geht in Wesen und Sprache hervor, was in sich uneins ist: „Zweifel“, „Zwietracht“, „Zwiespältigkeit“, „Zwielicht“ (…). Das Wort „Zweifel“ bedeutet: „zwei Fälle“ setzen. Wer zweifelt, ist zweifällig und zweifelig. Thomas, der Zweifelnde, wird der „Zwilling“ oder „Zweiling“ genannt. Er kann nicht glauben, ohne zu zweifeln. „Wer glaubt, und zweifelt nicht in seinem Herzen“, dem sind, nach Jesu Wort, alle Dinge möglich. Glaube ist kraftfüllende Einheit. Zweifel ist kraftraubende Zweiheit. Dem gelingt alles, der in sich harmonisch-einheitlich ist. Dem mißrät vieles, der von seinen Zweifeln beherrscht wird. Darum Eintracht Gutes schafft, aber Zwietracht das Böse herbeiruft. (Licht-Verlag, Zürich 1950, S. 131f)

Der Schritt zur Eindeutigkeit ist gleichbedeutend mit einer radikalen, an die Wurzel gehenden Veränderung.

Man kann mit der Orgonenergie „mitgehen“ und sich hingeben – oder man kann sich gegen diesen einheitlichen Strom sperren und in einem wahren Strudel von Strebungen und Gegenstrebungen elendig ersaufen. Das tun beispielsweise jene, die statt einfach der eigenen Intuition zu folgen, tausend und abertausend Gründe dagegen vorbringen eine Liebesbeziehung einzugehen. Jene, die ihr ganzes Leben Pläne für ein großes Arbeitsprojekt hegen, sich aber nie einfach an die Arbeit machen. Jene, die sich niemals dazu durchringen können, die Konsequenzen aus ihren eigenen Erkenntnissen zu ziehen. Kurz gesagt jene, die alles zergrübeln und zerreden.

Wir sprechen hier schlichtweg von den Auswirkungen der Panzerung. Sie wird beispielsweise evident, wenn in Diskussionen eine großartige, fruchtbare Idee derartig zerredet wird, bis zum Schluß nur ein schlechtes Gefühl und Verwirrung übrigbleibt. Versucht man das zu unterbinden, wird empört von Zensur, gar „Inquisition“ gesprochen. Man schaue sich das Internet an, insbesondere die diversen Foren: ein gigantisches Dokument der sozialen Panzerung.

Die Charakteranalyse der Bibel

24. Oktober 2011

Der amerikanische Psychoanalytiker Andrew Peto hat die beiden unterschiedlichen Kulte von Juda und Israel auf zwei disparate Versuche zurückgeführt, den Ödipuskomplex zu bewältigen (Josef Dvorak: Satanismus, Frankfurt 1989, S. 152).

Wenn in Ex 4,24-26 Moses’ Frau Zippora ihren Sohn Gershom beschneidet, entspricht dies psychologisch der Identifikation des Sohnes mit der Mutter und führt zum „Jahwe allein“-Kult von Juda, wo sich der Sohn passiv homosexuell als „Braut Gottes“ dem Vatergott unterwirft. (In der Kabbala wird die jüdische Gemeinde mit der Schechina gleichgesetzt, dem weiblichen Gegenstück Gottes. Von deutschen Rabbis wird Schechina mit „Einwohnung Gottes“ übersetzt, die mit den Juden in alle Exile zieht: Gott wohnt bei der Judenheit: Gott wohnt der Judenheit bei: Gottes Beiwohnung: Gottes Beischlaf!)

In Juda wird also dem ödipalen Konflikt von vornherein ausgewichen, im Gegensatz zum Kult Israels, das den Stier anbetete. Wie sich in Gen 32,25-29 zeigt, wo Jakob mit Gott (dem Vater) kämpft, männlich die Gefahr der Kastration von sich abwendet und dem kastrierenden Vater sogar den Segen abringt.

Die Psychoanalyse spiegelt den Höhepunkt und den Niedergang des jüdisch-christlichen Patriarchats wider. Ende des 19. Jahrhunderts fiel in der Ansicht der Gebildeten die Bedeutung der Mutter für das Kind fast auf den Nullpunkt. Die ursprüngliche Psychoanalyse Freuds ist ein getreues Abbild dieser männlichen Ausschließlichkeit. Erst Leute wie Jung, Rank und Klein sollten mit ihrer Betonung des Präödipalen die Mutter wiederentdecken. Doch was sie fanden, war nicht das matriarchale Paradies, sondern die kastrierende Zippora, während für Freud weiterhin ihr Gemahl Moses das Urbild des Kastrierenden darstellte. Der Urvater, der, Freud zufolge, bei den Juden die Beschneidung eingeführt hatte.

Auffallend ist die enge Korrelation zwischen Beschneidung und Homosexualität. Es gibt ohne Übertreibung praktisch keinen moslemischen Mann, der keine homosexuellen Erfahrungen gemacht hat. (Man schaue sich etwa die Lebensgeschichte von Hamed Abdel-Samad an.) Auch in Amerika sind fast alle Männer (wenn auch nicht aus religiösen, sondern aus pseudomedizinischen Gründen) beschnitten, gleichzeitig grassieren Homosexualität und Homosexuellenhaß (= Homosexualität). Die ganze amerikanische Kultur ist vom Drang geprägt einen anderen Mann zu verletzten, „in ihn einzudringen“ oder selbst verletzt zu werden. Man denke nur an das unverkennbar homoerotische Ereignis „Duell“ in den Western.

Die Eroberung des „matriarchalen“ Westens Amerikas im 19. Jahrhundert läßt sich mit dem Vordringen der arabischen Wüstenstämme in die umliegenden matriarchalen Kulturen vergleichen. Die Rolle, die die Homosexualität in solchen reinen Männergesellschaften von Eroberern spielt, kann man gar nicht überbewerten. Dazu gehört auch die tiefe, puritanische Religiosität der Amerikaner und Araber, die von homosexuellen Untertönen nur so gesättigt ist. Wie widernatürlich ist es doch, wenn Männer einen Mann („Gott“) anbeten, dem sie ständig ihre Liebe bekunden und von dem sie Liebe erflehen:

Du bist mein Gott, dich suche ich! Ich sehne mich nach dir mit Leib und Seele; ich dürste nach dir wie ausgedörrtes, wasserloses Land. (Ps 63,2)

Der Gläubige erscheint vor Gott als Sohn, der ihn, seinen Vater, innig liebt (Jer 3,4), mit Anklängen an eine homoerotische Unterwerfung:

Du hast mich verführt, Herr, und ich habe mich verführen lassen, du hast mich gepackt und mir Gewalt angetan. Nun spottet man über mich, alle lachen mich aus. (Jer 20,7)

Aber auch umgekehrt kann sich der Gläubige als päderastischer Gott fühlen, wenn ihm im moslemischen Paradies ein „Kreis ewigglühender Jünglinge aufwartet, so schön wie Perlen, in ihren Muscheln verborgen“ (Sure 52,25 und 76,209).

In seiner 1910 geschriebenen Studie über „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci“, der vielleicht homosexuell war, beschreibt Freud, wie das männliche Kind unter dem Einfluß des Kastrationskomplexes, der ihn um seine Männlichkeit zittern läßt, jene unglücklichen Geschöpfe verachten lernt, nämlich die Frauen, an denen nach seiner Meinung die Kastration bereits vollzogen worden ist (Studienausgabe, Bd. X, S. 121). Wenn Freud in einer anschließenden Fußnote unmittelbar auf die Juden zu sprechen kommt, klingt hier eine Verbindung zwischen Frauenverachtung, Homosexuellenhaß und Antisemitismus an. Die Fußnote aus dem Jahr 1919 lautet:

Es scheint mir unabweisbar anzunehmen, daß hier auch eine Wurzel des bei abendländischen Völkern so elementar auftretenden und sich so irrational gebärdenden Judenhasses zu suchen ist. Die Beschneidung wird von den Menschen unbewußterweise der Kastration gleichgesetzt. Wenn wir uns getrauen, unsere Vermutungen in die Urzeit des Menschengeschlechts zu tragen, kann uns ahnen, daß die Beschneidung ursprünglich ein Milderungsersatz, eine Ablösung, der Kastration sein sollte.

Der Beschnittene steht so unbewußt für den Unbeschnittenen zwischen Mann und Frau, ist verachteter Homosexueller, ist „Jude“.

Diese verwickelten Zusammenhänge zeigen sich auch, wenn die Juden einerseits als die Vertreter des Patriarchats dingfest gemacht werden (antisemitische Tendenzen im Feminismus), andererseits die Juden aber als Volk mit „weibischem Charakter“ bezeichnet werden (Gerda Weiler: Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 344).

In den 1930er Jahren wollte der Psychoanalytiker Immanuel Velikovsky ein Buch über Die Masken der Homosexualität schreiben, in dem er darstellen wollte, wie die unterdrückte Homosexualität Quelle der Lust, körperlichen Schaden zuzufügen, und des Hasses zwischen Nationen wird, wo die eine den Triumph über die andere als verweichlicht empfundene Nation sucht:

Ist nicht die Mordlust der Türken, die ein armenisches Dorf massakrieren, gesteigert durch diese Unterschiedlichkeiten in der unbewußten völkischen Konstitution? Ist nicht Deutschland mit dem nationalen Emblem eines Adlers, der die Krallen spreizt, um sie seinem Opfer ins Fleisch zu bohren, ein natürlicher Feind Frankreichs mit seiner Mädchengestalt in phrygischer Mütze oder, als Alternative, mit seinem Hahn, einem lauten aber wenig furchteinflößenden, beinahe komischen Ersatz für eine männliche Gestalt? (…) In der Reihe kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Israel und den arabischen Staaten wurden die letzten wiederholt und gründlich von den Juden versohlt, deren Image durch Jahrhunderte der Diaspora das eines verfolgten und vergewaltigten Volkes war. Hierunter hat die so lange hochgehaltene Selbsteinschätzung der Araber als einer männlichen Rasse so sehr gelitten, daß keine Konzession seitens Israels sie beschwichtigen konnte. (Das kollektive Vergessen, Frankfurt 1987, S. 133)

Die von Velikovsky aufgedeckten Hintergründe zeigen sich auch in folgendem Graffiti an der Nürnberger Führertribüne: „Türken raus – Sieg Heil – Fickt die Türken in den Arsch!“ (Spiegel 4/89, S. 71). So blickt man zu schwachen „weibischen“ „Untermenschen“ hinab. Umgekehrt erscheint das Volk, das einen unterworfen und versklavt hat, als hyperpotenter Superman. So spricht Ezechiel (23,20) von den Ägyptern, „deren Glied so groß wie das eines Esels ist und die so brünstig sind wie Hengste“.

Die „Vergeistigung“ der Gottesvorstellung in Juda war nichts weiter als ein Rückfall in die passive Analität mit passiv femininer Unterwerfung, zwanghaften Ritualen und Gesetzen und mit masochistischer Religiosität. Es fand eine kollektive Kastration statt, die noch heute aus den Gläubigen solche gebrochenen Gestalten mit der typisch weinerlichen Stimme und Gedrücktheit macht. Von gläubigen Christen geht die gleiche depressive Grundstimmung aus, wie von Menschen, die in ihrer Kindheit sexuell mißbraucht worden sind. Sie identifizieren sich mit dem Sohn, der von seinem Vater an ein Kreuz genagelt und zu Tode gefoltert worden ist.

Ein Dämon, den wir erst vernichten können, wenn wir die historische Genese des Fluchs, die historische Genese Gottes durchschaut haben. Hier hat die Orgonomie eher Schaden angerichtet, mit ihrem fatalen Hang alles zu ontologisieren, was funktionell der verfrühten, bzw. zu tiefen Deutung in der Charakteranalyse entspricht. Gott wird zum „kosmischen Orgon“ gemacht und auf diese Weise wird er nur noch fester in den Seelen der Menschen verankert. Das „Kosmische“ fand im radikalen Monotheismus des „kosmischen“ Jahwe seine erste Ausprägung. Aus einem Gott, der seinen Platz auf Bergen, in Wolken und schließlich im Tempel hatte, wurde ein Gott, der über der Welt thront. Doch dies war paradoxerweise ein ähnlicher Abfall vom Grundwesen der jüdischen Religion wie später die Ausformung eines „kosmischen Messias“ durch die Christen. Aus einem Menschen wurde Gott – der schlimmste Götzendienst, den man sich vorstellen kann. Die Moslems gingen sogar noch weiter und beteten einen „kosmischen Gegenstand“ an, den „unerschaffenen“ Koran. So wie Gabriel Maria heterosexuell den Christus brachte, brachte Gabriel Mohammed den Koran, diesmal mit homoerotischen Untertönen, wie Salman Rushdie in seinen Satanischen Versen gezeigt hat.

Die Beschneidung

13. Oktober 2011

Der unmittelbarste Angriff auf das Leben eines Kindes ist die Verstümmelung seines Genitals. Und nichts anderes als eine Verstümmelung ist das Abschneiden der schützenden und hochsensiblen Vorhaut bei Jungen. (Es ist tatsächlich eine Frage, ob beschnittene Männer wirklich „Zärtlichkeit“ entwickeln können.) In der Antike betrachteten die römischen und griechischen Proselyten die Beschneidung als eine widerwärtige, entehrende Verstümmelung, was den Christen einen Großteil ihrer frühen Anhängerschaft eintrug, denn hier konnte man „Jude“ werden und trotzdem der Beschneidung entgehen.

Othmar Keel und Max Küchler zufolge gewann die Beschneidung seit der Zeit der babylonischen Gefangenschaft (als andere Bundeszeichen fehlten) für die Juden ihre große Bedeutung mit absolutem Pflichtcharakter (Synoptische Texte aus der Genesis, Fribourg 1971, S. 141). Siehe 1 Makk 1,50f und Apg 15,1. „Die Priesterschrift entstand gegen Ende dieser Zeit und hat deshalb die Praxis der Beschneidung mit der ganzen Absolutheit (Gen 17,14) schriftlich in den Bundesschuß mit Abraham vorverlegt“ (ebd.). Aber schon lange Zeit vorher wurde sie, wie Lev 12,3 zeigt, wie selbstverständlich vollzogen.

Michael Grant schreibt, der Ritus der Beschneidung sei seit dem dritten Jahrtausend im Orient bekannt.

Auch die Bibel, die ausdrücklich hervorhebt, daß man sich hierbei steinzeitlicher Feuersteinmesser bediente, weiß davon, daß man den Brauch auch anderswo kannte – dies ganz besonders bei den Völkern in ariden Wüstengebieten und halbariden Steppen am Wüstenrand. (Das Heilige Land, Bergisch Gladbach 1988)

Dies stimmt natürlich genau mit den Thesen James DeMeos überein. Besonders interessant ist aber der Hinweis auf die Altertümlichkeit dieses Brauchs („steinzeitliche Feuersteinmesser“).

DeMeo sieht in der Beschneidung die Nachwirkung alter Blutrituale, die mit der Lossprechung des Mannes für den Kontakt mit dem als giftig betrachteten Vaginalblut verbunden waren, also extremen Ängsten vor dem „Mysterium Frau“ und vor der Sexualität entstammten (The Saharasia Connection, University of Kansas 1986, S. 168f). Hatte ein Mann Geschlechtsverkehr mit einer Frau, blieben beide bis zum Abend unrein, wenn er aber während ihrer Monatsblutung mit ihr Verkehr hatte, wurde er für sieben Tage unrein. Die Frau selbst war natürlich schon allein durch die Monatsblutung unrein und diese Unreinheit übertrug sich auf alles, was mit ihr in Berührung kam (Lev 15,18-24). Jesus hat diese Phobie überwunden (Mt 9,20-22).

In Der Mann Moses und die monotheistische Religion sieht Freud hinter der „Heiligung“ des Volkes durch die von Moses durchgeführte Beschneidung einen symbolischen Ersatz für die Kastration, die der „Urvater“ über seine Söhne verhängt hatte. „Wer dies Symbol [der Beschneidung] annahm, zeigte damit, daß er bereit war, sich dem Willen des Vaters zu unterwerfen, auch wenn er ihm das schmerzlichste Opfer auferlegte“ (Studienausgabe Bd. IX, S. 567).

Wir haben es wohl nur Paulus, wenn nicht sogar Jesus selbst, zu verdanken, daß wir nicht als Halbkastraten unser Leben fristen müssen. Im übrigen hat die Beschneidung natürlich wenig bis nichts mit Moses zu tun und beschränkt sich nicht auf die Juden (und die Ägypter, von denen sie Freud zufolge die Beschneidung übernommen haben sollen), sondern sie war im ganzen Nahen Osten verbreitet. Jer 9,25 zählt zu den Beschnittenen „die Ägypter und die Leute von Juda, die Edomiter, die Ammoniter, die Moabiter und die Stämme in der Wüste, die sich ihre Schläfen rasieren“. Die Beschneidung wurde also praktisch von allen Völkern im Umkreis Israels praktiziert.

Wegen Paulus waren jedoch in Europa die Juden die einzigen Beschnittenen. Was eine der Hauptquellen des Antisemitismus ausmachte. Die Beschneidung gemahnte an die gefürchtete Kastration und rührte damit an ein gern vergessenes Stück der urzeitlichen Vergangenheit (Freud, Bd. IX, S. 539). Hinzu kam das Image als „Gottesmörder“, die aus dem Schlachten von Tieren eine heilige und, da die Tiere geschächtet wurden, grausig blutige Angelegenheit machte.

Unbewußt verband sich so die Angst vor der Beschneidung mit der existentiellen Angst in einem Menschenopfer dargebracht zu werden. Freud hat ja entdeckt, daß der Kastrationskomplex wirklich die ganze Existenz betrifft – das Kind (im Erwachsenen) um sein Leben fürchtet. Und tatsächlich verbirgt sich hinter der Beschneidung ein verdrängtes Menschenopferritual. Genauso wie das Jungtier an seinem achten Lebenstag Jahwe geopfert wurde (Ex 22,29), wurde ursprünglich auch das erstgeborene Kind geopfert. Später wurde daraus die Beschneidung am achten Tag (Gunnar Heinsohn: Was ist Antisemitismus? , Frankfurt 1988, S. 55).

Hyam Maccoby hat nachzuweisen versucht, daß Zippora erst durch eine Manipulation der alttestamentlichen Redaktoren dazu kam, ihrem Sohn die Vorhaut abzuschneiden. Und zwar als Ersatz für die Opferung des Kindes durch Moses. Um dies grausige Geschehen zu verdecken, wanderte das Opfermesser in die Hand Zipporas und schnitt nur die Vorhaut ab (The Sacred Executioner, London 1982).

Beide Interpretationen (Beschneidung als magisches Wegwaschen des Mentruationsblutes, Beschneidung als Ersatz für das Menschenopfer) finden ihre Gemeinsamkeit in einer dritten Theorie:

Mir will es eher so scheinen, als wäre die Beschneidung weniger ein Ritual, das einen eindeutig patriarchalen Hintergrund hat, sondern vielmehr ein spätmatriarchales Element darstellt. Die feministische Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth schreibt, daß der Vatergott, der die Muttergöttin verdrängt, als erstes ihr weitverbreitetes Machtsymbol, den Blitz, bzw. die „Doppelaxt“, übernimmt, „mit dem sie tötete oder kastrierte“ (Für die Musen, Frankfurt 1988, S. 48). Beispielsweise war es in Kanaan fester Bestandteil des Fruchtbarkeitskultes, daß Männer kastriert wurden, um als männliche Tempelprostituierte der Göttin zu dienen. Und auch sonst waren, wie noch heute, die priesterlichen Tätigkeiten so geartet, daß die Priester die sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale ausbildeten, weil die rituellen Techniken weibliche Hormone erzeugten.

Beschneidung ist Ausdruck der Sehnsucht zurück ins Matriarchat: der Mann blutet wie die Frau, durch seinen Tod kehrt er dahin zurück wo er herkam. Es war ein verqueres Fruchtbarkeitsritual wie in Sündenfall und Fruchtbarkeit ausgeführt.

Die Bibel und die Kinder der Zukunft

10. Oktober 2011

Nach Gen 8,21 ist der Mensch „böse von Jugend auf“, während Jesus sagte, man müsse wieder so gut wie die Kinder werden (Mt 18,3). In Dtn 21,18-21 lesen wir, daß, wenn jemand einen Sohn hat, „der so widerspenstig und ungehorsam ist, daß er trotz aller Strafen und Mahnungen weder auf seinen Vater noch auf seine Mutter hört“, dieser Sohn auf betreiben der Eltern von den Männern der Stadt gesteinigt werden soll! Das ist der biblische Begriff elterlicher Liebe, denn „wer seinem Sohn keine Schläge geben will, liebt ihn nicht. Wer seinen Sohn liebt, fängt früh an, ihn mit Strenge zu erziehen“ (Spr 13,24).

Streng Erziehung sei sowohl gut für die Kinder (Spr 19,18) als auch für die Eltern, deren Sohn dann „zur Quelle der Zufriedenheit und Freude“ werde (Spr 29,17). Strenge Erziehung heilt nicht nur von der angeborenen Dummheit der Kinder (Spr 22,15), sondern macht sie auch klug (Spr 29,15).

Später verschärfte sich diese kinderfeindliche Grundhaltung noch. Bei Sir 22,6 heißt es: „Strenge Erziehung und eine Tracht Prügel sind immer angebracht.“ Kinder müssen wie wilde Pferde gebändigt werden (Sir 30,8).

Solange es Kind ist, laß ihm nicht seinen Willen! Solange es klein ist, gib ihm tüchtig was hinten drauf, sonst wird es widerspenstig und gehorcht dir nicht mehr. (Sir 30,11f)

Da kann natürlich auch Paulus nicht zurückstehen:

Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern und bezeugt dadurch eure Unterordnung unter den Herrn. So ist es recht und billig. „Ehre Vater und Mutter“ ist das erste Gebot, dem eine Zusage folgt: „Dann wird es dir gutgehen, und du wirst lange leben auf der Erde.“ Ihr Eltern, behandelt eure Kinder nicht so, daß sie widerspenstig werden! Erzieht sie mit Wort und Tat nach den Maßstäben, die der Herr gesetzt hat.

Und gleich im Anschluß daran heißt es: „Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren! Ehrt und fürchtet sie. Dient ihnen so aufrichtig, als dientet ihr Christus.“ (Eph 6,1-5)

Allein schon diese wenigen Stellen reichen, um die Bibel zu einem verhängnisvollen Buch zu machen. Nach diesen Maximen wurde zwei Jahrtausende ein Großteil der Menschheit malträtiert. Auch behandelten so die Kolonialisten die „kindischen“ Ureinwohner.

Gottes Gesetz

6. Oktober 2011

Gott ist nichts als der Zuckerguß über dem Teufel. Man vergleiche nur die 10 Gebote mit all dem Schrecklichen, was in Jahwes Namen in der Bibel geschieht. Die Bibel ist ein zutiefst obszönes Buch.

Mit diesem Widerspruch (der „Gott des Lebens“ ein Todfeind des Lebens) werden wir erst fertig, wenn wir zwischen zwei unvereinbaren Religionen unterscheiden, die in der Bibel ihren Niederschlag gefunden haben: der matriarchalen und der levitischen. Diesem sich gegenseitig ausschließenden zweierlei Religionsverständnis hat Elsworth F. Baker in seinem Buch Der Mensch in der Falle Ausdruck verliehen, als er „Religion“ in den folgenden beiden Sätzen gegenteilig definierte:

  1. „Das kosmische Gefühl (der innerste Kontakt) ist die Grundlage aller Religionen.“ (S. 119)
  2. „(…) die Entwicklung eines Gewissens oder Über-Ichs, [heißt] Verdrängung, Zivilisation und die Geburt der Religion (…)“ (S. 72)

In seiner Sammlung von Aphorismen The Value of Values, die zwischen Nietzsche und Reich vermitteln sollen, hat Jerome Eden bestritten, daß man die zweite Erscheinung überhaupt Religion nennen darf:

Keine organisierte Körperschaft, die auf der Grundlage von Prinzipien arbeitet, die der Natur und dem Gott der Natur zuwiderlaufen, darf sich als wahre „Religion“ bezeichnen. Eine natürliche Religion beruht auf der Lebensformel oder sie kann sich nicht in Übereinstimmung mit dem Leben befinden.

Man kann aber auch das gesamte Phänomen „Religion“ als Äußerungsform der Emotionalen Wüste betrachten. Heide Göttner-Abendroth schreibt dazu:

„Re-ligio“ bedeutet so etwas wie „Rückbeziehung, Rückbindung“. Eine Rückbindung ist aber erst dann erforderlich, wenn die primäre Bindung verlorengegangen ist (wie es die Paradiesvertreibung in der Bibel anschaulich macht). Und die primäre Bindung kann nur dann verlorengehen, wenn die Gottheit etwas Fernes, Hohes, Fremdes, Transzendentes geworden ist, das man wieder suchen muß, kurz: wenn die Gottheit etwas grundsätzlich anderes ist als man selbst. (Für die Musen, Frankfurt 1988, S. 54)

Durch die Wüstenpanzerung hindurch versucht sich der Mensch an seinen Kern („Gott“ als kosmisches Gefühl) zurückzubinden. Durch die Panzerung wird Gott zum „ganz anderen“. Diese „Transzendenz“ kam mit dem Patriarchat in die Welt – und Gott verschwand aus der Welt. James DeMeo schreibt, der patriarchale Gott sei dadurch gekennzeichnet, daß er nicht innerhalb der Natur gegenwärtig ist, sondern außerhalb der Natur, so daß es religiöser Spezialisten („Leviten“) bedürfe, die zwischen diesem fernen, unerreichbaren Gott und dem Menschen vermitteln (The Saharasia Connection, University of Kansas 1986, S. 228). Schließlich fällt auch diese Vermittlung weg und der Mensch lebt nur noch nach Prinzipien, nach dem Gesetz, der Schrift (Levitentum wird zu Rabbinertum, Katholizismus zu Protestantismus, Feudalismus zu Liberalismus).

Man geht fehl, wenn man glaubt, daß das Recht des „du sollst“ mehr Menschlichkeit schaffen würde. In Wirklichkeit ist es auch nur Mord. Organisierter Mord, Menschenopfer, die der Göttin Justitia dargebracht werden. Prinzipiell gibt es keinen Unterschied zwischen z.B. der Ehebrecherin, die in Saudi Arabien in einem Menschenopferritual gesteinigt wird, und einem beliebigen Rechtsfall in einem anderen Rechtsstaat. Das Recht ist nichts weiter als institutionalisierte Gewalt, die Fortsetzung des Krieges, den das gepanzerte „Leben“ gegen das Lebendige führt, mit anderen Mitteln.

Der krasseste aktuelle Fall ist wohl die hochethische Abtreibungsgesetzgebung. Im Vergleich der Kulturen hat DeMeo festgestellt, daß in jenen Gesellschaften, wo „das ungeborene Leben geschützt wird“, in einem überdurchschnittlichen Ausmaß Feinde getötet, gefoltert und verstümmelt werden. Je friedlicher Völker sind, desto geringer ist die Strafe für den Abortus (ebd., S. 198).

Das Gegenmodell (wenn dies das richtige Wort ist) für die hierarchische Struktur von Offenbarung, Vermittlung und Befolgung oder aber für den liberalen Rechtsstaat ist eine Gesellschaft, die auf der Wissenschaft (im Sinne Nietzsches als „gesunder Begriff von Ursache und Wirkung“) beruht. Gerda Weiler hat diese matriarchale Geistesart selbst im Alten Testament gefunden, vor allem im Buch der Sprichwörter. In Spr 24,30-34 z.B. beschreibt der Ich-Erzähler, wie er am „Feld eines Faulpelzes“ vorüber ging, das vollkommen verwüstet war. „Ich sah es und zog meine Lehre daraus“, nämlich kein Faulpelz zu sein. Weiler kommentiert diese naive Volksweisheit wie folgt:

Ein Mensch hat einen sinnvollen Zusammenhang erkannt, er hat gesehen, daß Fleiß eine nützliche Tugend ist. Er sagt: „Ich!“ – Ich habe gesehen und danach gehandelt. Als Empfehlung gibt er es weiter an ein Du. Aber er sagt nicht: Du mußt! Du sollst! Er weist auf die Folgen der Faulheit in: Die Armut wird dich überkommen, wie ein Wanderer kommt über Nacht. (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 377)

In einer von der Wissenschaft geprägten Gesellschaft braucht es kein „Du sollst“ zu geben, kein Gesetz, kein Recht. Solange wir noch ein Rechtsstaat sind, bleiben wir mit einem Bein im Mittelalter!

Als Beispiel für solche wissenschaftlichen Gesellschaften verweist Weiler auf verschiedene Untersuchungen: auf Henry Lewis Morgans Arbeit über die mutterrechtlich organisierten Irokesen, eine Arbeit über das prä-römische Gallien sowie eine Arbeit über „die älteste israelitische Stammesordnung“ (ebd., S. 370).

Die Irokesen kannten keinerlei Gesetze. (Es ist äußerst interessant, daß Franklin und Jefferson manche ihrer Ideen für die Ausformulierung der amerikanischen Verfassung aus dem hochentwickelten sozialen Leben der Irokesen geschöpft haben.) Die Religion der Druiden „entbehrte jeder ethischen Grundlage“. Das alte Israel war an keine „höhere Moral“ gebunden. (Über die Zeit vor David heißt es: „Es gab zu jener Zeit noch keinen König in Israel, und jeder tat, was er wollte.“ Ri 17,6 und 21,25, der Schlußsatz des Buches von den Richtern.) Als Beispiel sei auch auf die kleinasiatischen Lykier verwiesen, über die es in der Antike hieß: „Sie haben keine Gesetze, nur Gebräuche, und werden von alters her von den Frauen beherrscht“ (z.n. Hans Biedermann: Die Großen Mütter, München 1989, S. 173). Das Matriarchat ist eine Gesellschaft ohne Gesetz. Darauf ist Christus zurückgegangen – „dem Christen ist kein Gesetz gegeben“.

Jesus konnte so denken, weil er an das Gute im Menschen glaubte. Er dachte vom Kern her, während das Alte Testament (mit den genannten Ausnahmen) in der Schicht der sekundären Triebe steckenblieb und nicht darüber hinaus denken konnte.

Das Gottesbild der Bibel

1. Oktober 2011

Mit der der Loslösung vom israelitischen Mutterboden, von der Mutter Natur, mit dem Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat verselbständigt sich, wie Gerda Weiler orgonomisch vollkommen korrekt schreibt,

die aggressive Potenz des Menschen, die notwendig ist, um positiv die Aufgaben des Lebens anzugreifen, sie löst sich aus dem Zusammenhang des natürlichen Ablaufs von Werden und Vergehen und schlägt ins Negative um, in jene desintegrierte Aggressionsfähigkeit, die vorwiegend darauf gerichtet ist, den „Feind“ anzugreifen. (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 259f)

Die komplementäre Seite dieses Sadismus ist der Mystizismus. Der Sadismus entspricht dem Drang des Mystikers zum „Jenseits der Panzerung“ durchzubrechen bei Umgehung der Genitalfunktion.

Auch hierzu sagt Weiler orgonomisch vollkommen richtig:

Die Verzückung des Mystikers ist vergleichbar dem Erlebnis eines Menschen, den man geblendet hat, um ihn dann in die Gärten des Paradieses zu führen, daß er ihre Schönheit genieße. Er hat innere Bilder. Er hat Ahnungen. Das umfassende, ganzheitliche Wissen bleibt ihm versagt. Denn alle Erfahrung ist immer auch sinnlich. (ebd., S. 272)

Diese Entfremdung des Menschen vom „Göttlichen“ findet sich auch in der Kunst wieder. Je mehr das Patriarchat Fuß faßte, desto abstrakter wurde die künstlerische Darstellung. Die „urwüchsige“ abstrakte Kunst Afrikas ist nachweisbar nichts weiter als eine kulturelle Verfallserscheinung. Im Judentum und Islam wurde nicht nur Gott zum bildlosen absoluten Abstraktum, sondern gleichzeitig wurde jede bildnerische Kunstbetätigung tabuisiert, bis es allenfalls ungegenständliche Muster gab. Das Christentum ist dann aus dieser Entwicklung wieder ausgeschert. Im Bild Christi und Marias kann sich der Gläubige wieder mit der Gottheit identifizieren.

Heide Göttner-Abendroth hat der Identifizierung des matriarchalen Menschen mit der Gottheit im folgenden Gedicht auf wunderbare Weise Ausdruck verliehen:

die erde zittert, wo ich gehe in diesen zonen der reife, und wirft sanfte merkliche wellen
durch alle dinge vibriert es in mir, wo immer auf den driftenden schollen ich gerade bin
du bist das rätsel unter meinen füßen, der abgrund in mir, wo ich bin bist du überall
– denn Du Gaia bist Ich (Für die Musen, Frankfurt 1988, S. 36)

Im Patriarchat wird demhingegen Gott zu „dem ganz anderen“. Es ist ein entfremdeter Gott, der auf Kosten des Menschen lebt. Mit dem Selbstwertgefühl der Menschen ist es unter so einem Gott aus, es ist aus mit ihrem „Hochmut“ gegenüber Gott; „und ihr Stolz wird erniedrigt“, bis „der Herr allein wird groß sein“ (Jes 2,17f). Wir sind sein Eigentum, wir „gehören ihm wie Kinder ihrem Vater“ (Dtn 14,1) – oder wie Viehzeug ihrem Besitzer:

Jeder Ochse kennt seinen Besitzer und jeder Esel die Futterkrippe seines Herrn. Israel aber will nicht begreifen, wem es gehört. (Jes 1,3)

Der biblische Mensch sagt: „Ich habe meine Sache auf Dich gestellt“ (Jer 20,12). Der matriarchale Mensch sagt: „Ich habe meine Sache auf Mich gestellt“ (Stirner). So verkündigt Kardinal Giacomo Biffi aus Bologna 1989 in einer seiner berühmten Strafpredigten von der Kanzel herab:

Die Frau von heute ist grundsätzlich schlecht. Sie unterwirft sich nicht mehr dem Herrn mit einem ergebenen „Ich bin dein“, sondern sie schreit nur herum: „Ich gehöre mir selbst“.

Der Kardinal wurde noch bösartiger:

Frauen sind Verbündete des Todes, weil sie über ihren Leib selbst entscheiden wollen. Sie sind verdorben, alle Sünderinnen.

Im entwickelten Patriarchat existiert das Ich nicht mehr; allenfalls in Gestalt des Führers oder Gottes. Dieses „Über-Ich“ sagt, was zu tun ist. Weiler:

Der patriarchale Mensch verlernt unter der Gesetzlichkeit seiner aufgesetzten und aufgezwungenen Ordnung, in sich selbst hineinzuhorchen (…), er verlernt das Hinhorchen auf ein Du, die sensible Anpassung an die der Natur innewohnenden Ordnungsprinzipien. Er braucht nur noch eines: Gehorsam. Die eigene Verantwortung wird ihm erspart, wenn er nur dem Gesetz des patriarchalen Jahwe gehorcht.

Dies entspringt nomadischer Tradition, denn für den Nomaden Arabiens ist ganz allgemein das Fehlen jedes Ich-Bewußtseins zu konstatieren. Es herrscht Sippenbewußtsein, dessen Beziehung zum Über-Ich Nietzsche wie folgt umrissen hat: „Einstmals war das Ich in der Herde versteckt: und jetzt ist im Ich noch die Herde versteckt“ (Umwertung aller Werte, dtv, S. 299). Gleichzeitig ist dieses arabische Bewußtsein untrennbar mit dem Führerkult verknüpft. Schon Jesaja 3,6 erkannte, daß sich in einer Krise (wie z.B. die Verwüstung Arabiens) alle Männer in einer Sippe an einen einzigen klammern und sagen: „Sei du unser Anführer, bring Ordnung in dieses Chaos!“

Die patriarchale Entwicklung führte dazu, daß in der Bibel schließlich nicht mehr der wankelmütige Führer, sondern das unpersönliche göttliche Gesetz die Ordnung bringt. Dies entspricht der Verinnerlichung des Vaters, die in der individuellen Entwicklung zur Ausprägung eines Über-Ich führt, das natürlich mit der Panzerung funktionell identisch ist. Demnach ist also Gott der höchste Ausdruck von Kontakt- und Verantwortungslosigkeit, Entfremdung und Abpanzerung vom Leben, oder wie Nietzsche im Ecce Homo sagt:

Der Begriff „Gott“ erfunden als Gegensatzbegriff zum Leben – in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht!

Der Pesthauch der Bibel (Teil 1)

25. September 2011

Die gesamte Bibel atmet den Hauch der Wüste. Ich kann mich noch gut an meinen Religionsunterricht erinnern. Was uns da als „Frohe Botschaft“ verkauft wurde, hinterließ bei mir nichts als einen faden Nachgeschmack von Trockenheit, Dürre, Wüste und vor allem Grauen. Ich bin sicher, daß jeder als Kind mit dem untrüglichen Sinn des noch relativ ungepanzerten Lebens diesen Mumiengeruch wahrgenommen hat.

Was hält denn die Bibel, Altes und Neues Testament, konzeptionell zusammen? Die Geschichte des Wüstendämons „Asasel“. Am „Versöhnungstag“ wurde ihm ein „Sündenbock“ dargebracht, auf dem zuvor vom Priester alle Sünden des Volkes übertragen worden waren (Lev 16). Genauso wurde, Paulus zufolge, Jesus mit den Sünden des Volkes beladen und (dem Wüstendämon) Jahwe geopfert.

Oder nehmen wir das Abendmahl, mit dem ich mich bereits an anderer Stelle beschäftigt habe. – Unter dem Druck der Wüste ist es mit Sicherheit zu Fällen von Kannibalismus gekommen. Noch in Dtn 28,53-57 hallen diese ersten alptraumhaften Schrecknisse des aufdämmernden Patriarchats nach, wenn wir dort als weiteren „Fluch des Ungehorsams“ über Ereignisse lesen, die aus späteren Dürrekatastrophen im Nahen Osten durch unbezweifelbare Zeugenaussagen belegt sind:

In der Hungersnot, die während der Belagerung in euren Städten herrscht, werdet ihr das Fleisch eurer eigenen Kinder essen, die der Herr, euer Gott, euch geschenkt hat. Der vornehmste Mann, der auf seine feine Lebensart stolz ist, wird sich nicht scheuen, seinen eigenen Sohn zu verzehren; er wird eifersüchtig darüber wachen, daß keiner von seinen Verwandten einen Bissen davon bekommt, nicht einmal die geliebte Frau und die übrigen Kinder. So groß wird die Not sein in den Städten, die von euren Feinden belagert werden. Die verwöhnteste Dame, die vor lauter Vornehmheit keinen Fuß auf die Erde setzt, wird in der höchsten Not ihre Nachgeburt verzehren und sogar das Kind, das sie soeben geboren hat; sie wird es in aller Heimlichkeit tun und nicht einmal dem geliebten Mann und den übrigen Kindern etwas davon gönnen.

Den Höhepunkt der Blutorgie, die die Bibel beschreibt, stellte der „Bann“ dar. Zu diesem Komplex zitiere ich aus der Sachkunde zur Biblischen Wissenschaft, einer Unterrichtshilfe für Religionslehrer von Hans-Jochen Gamm:

Der „Heilige Krieg“ galt den Israeliten als eine kultische Handlung. Das Heer befand sich dabei unter strenger, sakraler Ordnung. Die Krieger waren geweiht (Jos 3,5), auch ihre Waffen (2 Sam 1,21). Nach einer Niederlage fastete das Heer (Ri 20,26). Vor dem Kampf wurden Opfer dargebracht (1 Sam 7,9; 13,9). Als besonders wichtig galt die Gottesbefragung (Ri 20,27). Auf Grund des zusagenden Gottesbescheides verkündete der Heerführer: „Jahwe hat (…) in eure Hand gegeben“ (Jos 2,24; 6,2.16; Ri 7,9-15; 1 Sam 14,12; 17,46). Man meinte, daß Jahwe vor dem Heer dem Feind entgegenzog (Dtn 20,4; Ri 4,14) – und scheute sich die Krieger zu zählen, weil das Wunder Jahwes nicht rationalisiert werden durfte (2 Sam 24,1ff). Die heiligen Kriege galten als Jahwes Kriege (1 Sam 25,28), die Feinde als Jahwes Feinde (Ri 5,31; 1 Sam 30,26). Deshalb sollte das Heer sich nicht fürchten (Ex 14,13; Jos 8,1; 10,25; 11,6). Man glaubte, daß Jahwe durch Verwirrung der Feinde, durch Finsternis, Gewitter, Erdbeben, Steinschlag (Hagel oder Meteorite?) zugunsten der Geweihten in die Schlacht eingriff (Ex 23,27; Jos 10,10f; 24,7; Ri 4,15; 1 Sam 7,10; 14,15-20). Der geweihte Krieger meinte, er käme Jahwe zu Hilfe (Ri 5,23). Den Höhepunkt und Abschluß des Kampfes bildete der Bann, die Übereignung der Beute an Jahwe, deshalb wurden die gebannten Menschen und Tiere getötet; Wertgegenstände gingen in den Schatz Jahwes ein (Jos 6,18f). Nur „Heilige Kriege“, nicht die profanen, endeten mit der Bannung. (München 1965, S. 67)

Der Ausrottungsbefehl Jahwes hat sich auf das ganze Land Kanaan erstreckt. Die Bewohner des Landes gab er preis, „so daß ihr sie vernichten und ihr Land in Besitz nehmen könnt“ (Dtn 12,29). Die Beschreibung dieser heiligen Endlösung (die im übrigen nie so total stattgefunden hat, sondern nur in der Phantasie der heiligen Männer, die das Alte Testament verfaßt und kompiliert haben) überlasse ich der Heiligen Schrift:

Der Süden Kanaans wird erobert: Nachdem Josua Jericho ausgeplündert, alle seine Einwohner umgebracht und die Stadt verbrannt hatte, dasselbe mit der Stadt Ai getan und fünf Kanaaniterkönige gefangen und hingerichtet hatte,

griff Josua die Stadt Makkeda an und eroberte sie. Am König und an allen Einwohnern ließ er den Bann vollstrecken. Alle wurden getötet; niemand konnte entkommen. Josua bereitete dem König von Makkeda dasselbe Schicksal wie dem König von Jericho. Von Makkeda zog Josua mit dem Heer der Israeliten vor die Stadt Libna und griff sie an. Der Herr gab auch Libna und ihren König in die Gewalt der Israeliten. Sie töteten alle Einwohner und ließen niemanden entkommen. Dem König von Libna bereiteten sie dasselbe Schicksal wie dem König von Jericho. Von Libna aus zogen sie vor die Stadt Lachisch, umzingelten sie und griffen sie an. Am zweiten Tag der Belagerung gab der Herr die Stadt in die Gewalt der Israeliten. Sie eroberten sie und töteten genau wie in Libna alle Einwohner. Auch König Horam von Geser, der den Leuten von Lachisch zu Hilfe eilte, wurde von Josua besiegt, seine Truppen wurden bis auf den letzten Mann aufgerieben. Von Lachisch aus zogen sie in die Stadt Eglon, umzingelten sie und griffen sie an. Sie eroberten sie am gleichen Tag und vollstreckten an allen Einwohnern den Bann, genau wie sie es in Lachisch getan hatten. Von Eglon aus zogen sie vor die Stadt Hebron, griffen sie an und eroberten sie. Sie vollstreckten den Bann an der Stadt genau wie in Eglon und töteten den König und alle Bewohner, auch die der umliegenden Ortschaften, keiner konnte entkommen. Darauf kehrten sie um und griffen die Stadt Debir ab. Sie eroberten sie mit den umliegenden Ortschaften und vollstreckten den Bann an ihrem König und allen Bewohnern. Wie in Hebron ließ Josua niemanden entkommen. Er bereitete Debir und seinem König dasselbe Schicksal wie Libna und seinem König. Auf diese Weise eroberte Josua das ganze Land (…). Er besiegte alle Könige und ließ niemanden in diesem ganzen Gebiet am Leben; an allen vollstreckte er den Bann, wie der Herr, der Gott Israels, es befohlen hatte. In einem einzigen Feldzug eroberte Josua diese Gebiete und besiegte alle Könige, die dort regiert hatten; denn der Herr, der Gott Israels, kämpfte für sein Volk. (Jos 10,28-42)

Der Norden Kanaans wird erobert: Die Könige Nordkanaans versuchten die Eindringlinge aus ihrem Gebiet herauszuhalten, aber Josua gelang ein Überraschungsangriff auf ihr Lager und sie wurden in die Flucht geschlagen.

Dann kehrte Josua um und eroberte die Hazor, die damals alle Städte in dieser Gegend samt ihren Königen beherrschte. Er erschlug ihren König, und die Männer Israels vollstreckten an allen Einwohnern den Bann. Niemand blieb am Leben; die Stadt wurde verbrannt. Auch alle anderen Städte eroberte Josua und ließ ihre Könige und alle Einwohner töten, wie es Moses, der Diener des Herrn, befohlen hatte. Diese Städte wurden jedoch nicht verbrannt; sie stehen noch heute auf ihren Hügeln. Die Israeliten nahmen alle wertvollen Dinge und alles Vieh für sich; aber von den Menschen ließen sie keinen am Leben. So hatte der Herr es seinem Diener Mose befohlen, und Mose hatte den Befehl an Josua weitergegeben. Josua hielt sich genau an alle Weisungen, die Mose vom Herrn erhalten hatte. Josua eroberte das ganze Land von Süden bis Norden (…). Alle Könige dieses Gebietes nahm Josua gefangen und tötete sie. Er mußte jedoch lange gegen sie kämpfen. Außer der Hiwiterstadt Gibeon schloß keine andere Stadt mit den Israeliten Frieden. Alle mußten erobert werden. Der Herr hatte ihre Bewohner so starrsinnig gemacht, daß sie den Israeliten Widerstand leisteten; denn er wollte, daß sie alle dem Bann verfielen und ohne Erbarmen vernichtet würden. So hatte er es Mose befohlen. Damals vernichtete Josua auch die Anakiter, die in den Städten Hebron, Debir und Anab und in anderen Orten im Bergland von Juda und Israel lebten. Er vollstreckte den Bann an ihnen und ließ niemand von ihnen übrig. Nur die Anakiter in Gaza, Gat und Aschdod entkamen dem Untergang. Josua eroberte das ganze Land, wie der Herr es Mose angekündigt hatte. Er gab es den Israeliten als Besitz und teilte jedem Stamm sein Gebiet zu. Die Israeliten lebten nun in Ruhe und Frieden. (Jos 11,10-23)

Es ist die deuteronomistischen Tradition der Leviten, die von Israel als dem „erwählten Volk“ spricht (obwohl doch die Leviten selbst nicht zur Summe der Israeliten hinzugezählt werden, Num 1,49). Es sei „ein Volk von ganz besonderer Art, das sich mit anderen Völkern nicht vermischt“ (Num 23,9). Ein Volk, das Gott „hoch über alle anderen Völker erheben will, die er geschaffen hat“ (Dtn 26,19), „kein anderes Volk wird danach noch zur Herrschaft kommen und (sein) Reich ablösen. Es beseitigt alle anderen Reiche, aber es selbst bleibt für alle Zeiten bestehen“ (Dan 2,44). Ein Volk, ein Reich, ein Führer (Jos 1,16-18) – und die Untermenschen, oder wie die Bibel sie nennt: das „Un-Volk“ (Dtn 32,21). Bei Sach 14,9-17 finden wir schließlich folgende imperialistische Wahnphantasie:

Dann wird der Herr über alle Völker der Erde König sein. Es wird keinen anderen Herrn neben ihm geben, und man wird keinen anderen Gott mehr auf der Erde verehren. Das ganze Land (…) verwandelt sich in eine Ebene, Jerusalem selbst aber bleibt erhöht und überragt das übrige Land. (…) Die Völker (…), die gegen Jerusalem herangezogen sind, wird der Herr mit einer schrecklichen Krankheit schlagen. Ihr Fleisch verfault, während sie noch auf ihren Füßen stehen; die Augen und die Zunge, die sie eben noch bewegt haben, zerfallen ganz plötzlich. Der Herr wird sie so sehr erschrecken, daß sie völlig verwirrt sind und einer über den anderen herfällt. Auch die Männer von Juda werden Jerusalem verteidigen helfen, und man wird als Beute die Schätze aller Nachbarvölker einbringen, eine große Menge Gold, Silber und kostbare Gewänder. (…) Die Überlebenden aus den Völkern, die gegen Jerusalem herangezogen sind, werden jedes Jahr nach Jerusalem pilgern, um das Laubhüttenfest zu feiern und den Herrn der ganzen Welt als ihren König zu verehren. Wenn ein Volk sich weigert, zu kommen und dem Herrn Ehre zu erweisen, wird auf sein Land kein Regen fallen(!).

Wettergott und Über-Ich

15. September 2011

Zwischen Reichs frühen psychoanalytischen Forschungen, über die Verankerung der patriarchalischen Gesellschaft in der Struktur der Kinder und seinen letzten Arbeiten über „Wetter-Veränderung“ (Cosmic Orgone Engeneering) sowie seiner Entdeckung des „atmosphärischen Panzers“ (DOR besteht eine enge Beziehung. Der moralische, sexualfeindliche Gott, den Reich in Die Massenpsychologie des Faschismus beschreibt, war einst ein Wettergott, der für Fruchtbarkeit und Lebensfreude stand.

Nach der Sintflut garantiert Gott in Gen 9,11-17 den Bestand der Jahreszeiten und bietet als Beglaubigungszeichen den Regenbogen. Gerda Weiler zufolge spricht hier

der matriarchale Jahwe mit dem Menschen, der Gott, der in heiliger Hochzeit seine Wiedergeburt erfährt. Denn nur die Liebe als das eigentlich schöpferische Agens kann das Versprechen einlösen, daß der Tag aus jeder Nacht wiedergeboren wird, daß auf jeden Winter ein neuer Sommer folgt, auf jede Dürre neue Fruchtbarkeit, auf Erstarrung und Tod neues Leben. (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 140)

Es ist bezeichnend, daß der spätere patriarchale Gott Jahwe, den wir heute so ausschließlich mit der Wüste assoziieren, einst nicht viel mehr als ein Wettergott war, der Regen spendet:

Als du vom Bergland Seir auszogst, Herr, und zu uns kamst von Edoms grünen Steppen, da zitterte die ganze Erde, vom Himmel stürzten Wasserfluten nieder, die Wolken gossen ihren Regen aus. Die Berge schwankten, als der Herr sich nahte, der Gott, den Israel verehrt, der seinem Volk am Sinai erschien. (Ri 5,4f)

Auch Jahwes späterer Kollege Allah war ein Wettergott, „der vom Himmel Wasser hat herabkommen lassen und dadurch die Erde, nachdem sie abgestorben war, wieder belebt hat“ (Sure 29,63).

Erst nachträglich wurde dies mit der Ethik verbunden, bis Jahwe und Allah schließlich zum bloßen moralischen „Über-Ich“ wurden.

Wenn die Weisungen des Herrn befolgt werden, dann wird er „zur rechten Zeit“ (Wetterchaos, „Sintflut“!) Regen auf die Felder schicken (Dtn 11,13f). Fällt aber kein Regen auf das Land, dann deshalb, weil die Israeliten Jahwe nicht gehorcht haben (1 Kön 8,35). Jahwe wird erst dann Regen spenden, nachdem sich die Israeliten von den anderen Göttern abgewendet haben (Jes 30,22f). Ohnehin gilt Jahwe unter allen Göttern der Welt als einziger, der es regnen lassen kann (Jer 14,22). Jahwe ist der Atmosphärengott, zu dem man betet, er solle ein Gewitter schicken (1 Sam 12,17f).

Wie Zeus und Thor schleudert Jahwe Blitze gegen seine Feinde (Ps 144,6). Er, der im Wolkendunkel wohnt (1 Kön 8,12), reitet durch den Sturm und läßt es Blitzen und Donnern (Ps 18,10-15). Aber neben diesem furchterregenden Aspekt gibt es natürlich auch den des Vegetationsgottes, dem man im Laubhüttenfest huldigt (Lev 23,33ff). Auch Jahwes Sohn Jesus wurde als solcher Vegetationsheros in Jerusalem empfangen, als die Leute Zweige von den Büschen rissen und vor ihm auf den Weg legten (Mk 11,8).

Daneben gibt es bei Jesus ebenfalls den furchterregenden Aspekt, wenn er davon spricht, der Menschensohn werde „plötzlich und für alle sichtbar kommen, wie ein Blitz, der von Ost nach West über den Himmel zuckt“ (Ps 24,27). Wie einst der Gewittergott Baal kommt nun der Menschensohn mit den Wolken des Himmels (Dan 7,13). Und wie einst der grollende Gott letztendlich doch Regen und neues Leben brachte, versöhnt Christus den gerechten („zürnenden“) mit dem gnadenvollen („lebensspendenden“) Aspekt Gottes.

Die Bibel spiegelt tatsächlich ein kosmisches Geschehen wider. Das ist ihr eigentlicher „spiritueller“ Gehalt!


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