Während Karl Frank so etwas wie der theatralische „Zorro” der Spartakus-Bewegung in Deutschland war, erinnert Franz Jung (1888-1963) eher an einen durchgeknallten, mental angeknacksten „Sponti“. Er war Schriftsteller und Wirtschaftsjournalist. Ein Freund des Anarchisten Erich Mühsam und des Psychoanalytikers Otto Gross. Über Gross, so etwas wie der „Proto-Reich“, siehe die Ausführungen von Bernd Laska. Als Teil der Münchner Boheme der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg versuchte Jung anarchistische und kommunistische Ideen miteinander zu verbinden. Proudhon, Bakunin, Kropotkin – und Marx. Stirner – und Marx – und Nietzsche. Entsprechend visierte er den „kollektiven Einzelmenschen“ an. Bezeichnenderweise gehörte er auch zum Berliner „Dada“…
U.a. mit Hilfe von Otto Gross und Wilhelm Reich wollte Jung eine „Technik des Glücks“ entwerfen. „Wie Jung für dieses Werk die Evangelien, Thomas (von Kempen), Nietzsche, Stirner, Spinoza, die Trivialromane und die Psychoanalyse in einer so systematischen wie lockeren Parallellektüre aufschließend sich gewinnt…“ (Fritz Mierau: Das Verschwinden von Franz Jung. Stationen einer Biographie, Hamburg 1998, S. 36) – bekommt man schon den Eindruck, als hätte man hier einen denkbar verwirrten und verwirrenden „Reichianer“ vor sich – in der schlimmsten Bedeutung dieses Begriffes! Bereits 1918 sah er „die Entwicklung des ‘Menschen’ noch über Stirner und Nietzsche hinaus (gehen) in einer aufs höchste gesteigerten Individualität“ (ebd., S. 98).
Während der Revolution November 1918 waren Jung und Georg Fuchs enge Freunde. (Georg Fuchs, Jahrgang 1881: 1918 SPD, 1925-1933 Redakteur der Leipziger Volkszeitung, 1933-1938 in Prag, 1938-1940 in Paris, seit 1941 in New York.) Sie gründeten den Wirtschaftsnachrichtendienst „Sozialistische Wirtschaftskorrespondenz“. Dies brachte sie in engen Kontakt mit „Genossen J.“, auch bekannt als „der Dicke“ – unser „Genosse Thomas“. Er forderte Jung auf mit ihm zusammenzuarbeiten und ein neuer Wirtschaftsnachrichtendienst wurde ins Leben gerufen, der „Ost-Europa-Dienst“. Nachdem das Büro des Dienstes Anfang 1920 von der Polizei aufgelöst wurde, veröffentlichte „Genosse J.“ (Thomas) illegal die „Russische Korrespondenz“, Jung war sein Mitarbeiter (Cläre Jung: Paradiesvögel. Erinnerungen, Hamburg 1989).
Nach dem Krieg war Jung zunächst Mitglied des Spartakusbundes, dann der KPD seit ihrer Gründung im Dezember 1918. Desillusioniert vom Zentralismus und den lächerlichen Versuchen in Deutschland eine Revolution zu bewerkstelligen, ist Jung an der Bildung einer oppositionellen „Kommunistischen Arbeiter-Partei“ (KAPD) beteiligt. 1920 ist er als Delegierter der KAPD bei der Zusammenkunft der III. Internationale in Moskau, wo er mit Lenin zusammentrifft. Seine Gruppe hatte ein Schiff gekapert, um nach Murmansk und schließlich nach Moskau zu kommen. Zurück in Deutschland wird Jung festgenommen (Mierau: Das Verschwinden von Franz Jung).
Nach Jungs Eskapade mit dem gekaperten Schiff trieb „Genosse J.“ gegen Ende 1920 die Kaution von 30 000 Reichsmark bei den sowjetischen Freunden auf. Mit Billigung und Unterstützung durch „Genossen J.“ floh Jung nach Holland, um dann weiter nach Schottland zu ziehen. Jung und seine Frau wurden jedoch in Holland festgesetzt und Jung wurde zwangsweise nach Sowjetrußland ausgewiesen (während seines Aufenthalts in Rußland war Jung sowjetischer Staatsbürger geworden). Seine Frau Cläre (inzwischen zurück in Deutschland) folgte ihm nach Rußland im August 1921 mit Hilfe des „Genossen J.“. Sie begleitete einen sowjetischen Boten zurück nach Rußland. Cläre Jung (1892-1981) war 1921-1923 Sekretärin der Komintern, brachte bis 1944 den Pressedienst „Deutsche Feuilletondienst“ heraus, arbeite 1945-1952 für das Ost-Berliner Radio (Cläre Jung: Paradiesvögel).
Jung organisierte die Internationalen Arbeiterhilfe für die Hungersnot in Rußland und baut 1922 die Streichholz-Fabrik von Nowgorod wieder auf. 1923 leitete er eine metallurgische Fabrik in Petrograd (das spätere Leningrad). Aber in Deutschland stand die rote Revolution bevor (zum Beispiel die Erhebung in Hamburg unter Ernst Thälmann), so daß „Genosse J.“ um die Rückkehr Jungs nach Deutschland bat. November 1923 ging er zurück in Deutschland und lebte dort unter falschem Namen bis zur Generalamnestie von 1928. Inzwischen war die Hamburger Erhebung und der deutsche „Rote Oktober“ gescheitert, und so arbeitete Jung wieder für „Genossen J.“ in Berlin, d. h. für den „Verlag für Literatur und Politik“, der größtenteils deutsche Übersetzungen sowjetischer Literatur veröffentlichte. Cläre arbeitete als Sekretärin. Ein kleines Buch Jungs wurde dort veröffentlicht, Der neue Mensch im neuen Rußland. Jung gab auch ein Buch über Jack London heraus. Im Sommer 1924 sandte „Genosse J.“ Jung zu dem berühmten russischen Schriftsteller Vladimir Majakowski, der gerade Berlin besuchte, um ihn um einige seiner Gedichte für die Zeitschrift „ Arbeiter-Literatur“ zu bitten, die in „Genosse J.s“ Verlagshaus veröffentlicht wurden (ebd.). Kurz bevor Thomas’ seine verlegerischen Aktivitäten einstellen mußte, wurde Jungs Geschichte einer Fabrik veröffentlicht, das seine Aufbauarbeit in Nowgorod beschreibt. Bis auf wenige Exemplare wurde die Edition eingestampft (Franz Jung: Briefe 1913-1963. Werke Bd. 9/1, Hrsg. von Sieglinde und Fritz Mierau, Hamburg 1996).
Aus einem Brief von 1920 geht deutlich hervor, daß Jung und seine Cläre Thomas („James“) sehr gut kannten (ebd.). Jung war einer seiner engsten Freunde in Berlin (Mierau: Das Verschwinden von Franz Jung, S. 190). Am 21. Juni 1924 schrieb Jung an „Claire“ (Cläre) nach London, er wolle jetzt endgültig damit aufhören für „den Dicken” (Genosse Thomas) zu arbeiten (Franz Jung: Briefe und Prospekte. Dokumente eines Lebenskonzeptes, Werke Bd. 11, Hrsg. von Sieglinde und Fritz Mierau, Hamburg 1988)



