In der Mosessage kann man den Reichschen Christusmythos finden vom unverdorbenen Leben, das vom gepanzerten Leben gefürchtet und deshalb verfolgt wird. Die Kindheitsgeschichte des Moses erinnert fatal an das „Christkind“. Die Sage soll ursprünglich so gelautet haben, daß der Pharao durch einen prophetischen Traum gewarnt wurde, sein Sohn, bzw. ein Sohn seiner Tochter werde ihm Gefahr bringen. Deshalb läßt er das Kind im Nil aussetzen. Es wird von jüdischen Leuten gerettet und als ihr Kind aufgezogen (Freud: Der Mann Moses und die monotheistische Religion, Studienausgabe, Bd. IX, S. 165).
Freud erwähnt auch die außerbiblische Sage, daß, als der Pharao einmal den dreijährigen Moses auf den Arm nahm, ihm das Kind die Krone vom Haupt riß und auf seinen eigenen Kopf setzte. Ein Vorfall, der den König sehr erschrocken hat (ebd., S. 482). Schließlich wendet sich Moses tatsächlich gegen den Pharao, indem er zunächst einen einzelnen Ägypter tötet, dann das ganze Land Ägypten ins Unglück stürzt und endlich den Pharao selbst in den Tod führt. Von Moses geht dabei die mythische Sohnesrolle auf das ganze Volk der Hebräer über, die sich im Land zu stark vermehren, vom Landesvater vertrieben werden, um dann doch über ihn zu triumphieren. Der Exodus und der Einzug ins Gelobte Land entspricht dabei der Auferstehung und Himmelfahrt Christi.
Während Reich seine Hoffnung auf den mythischen Sohn setzte, war Freuds Idealbild zumindest der liebende, nicht der strafende Vater. In Moses findet man natürlich beides, den liebenden und den strafenden Vater, was mit Spr 3,12 hervorragend zum Ausdruck gebracht werden kann: „Denn wenn der Herr jemand liebt, dann erzieht er ihn mit Strenge, genauso wie ein Vater seinen Sohn.“ Offenbar sehnte sich Freud nach einem Vater, der sich in dieser Hinsicht unter Kontrolle hat und nicht sozusagen „über die Strenge schlägt“. Das Idealbild „konfuzianischer“ Mäßigung, für das die ganze Psychoanalyse steht.
1914 stellte Freud in seinem Aufsatz über „Den Moses des Michelangelo“ Moses als archetypische Verkörperung der Sublimation vor. Bezeichnend ist, daß Freuds Interpretation nicht nur nicht durch die Bibel gestützt wird, sondern erst recht nicht durch die Statue Michelangelos. Freud zufolge soll Michelangelos Werk Moses nach dem ersten Abstieg vom Sinai zeigen, doch in der Bibel ist Moses ausgerechnet dort alles andere als ein Vorbild vornehmer Zurückhaltung und Sublimation. Freuds Manipulation geht so weit, daß er die betreffende Stelle Ex 32,7-35 zitiert, aber Ex 32,21-29 ausläßt, wo beschrieben wird, wie auf Anordnung von Moses die Leviten die jüdischen Götzenanbeter abschlachten.
Bakan schreibt zu Freuds Mosesbild:
Über die sinnbildliche Besprechung einer Statue bringt Freud zum Ausdruck, daß die befürchtete Bestrafung niemals erfolgen wird. Das Über-Ich hält sich zurück. Das Über-Ich wird seinen Zorn zurückhalten und bändigen. Das Über-Ich wird seinen Zorn zügeln und nicht zuschlagen. In diesem neuen Moses-Bild hat Freud ihn in ein steinernes Standbild verwandelt; eines das nicht jene töten wird, die um das Goldene Kalb tanzen; jene die die Vorschriften, die von der rabbinischen Tradition aufrechterhalten werden, nicht annehmen, sondern übertreten. (Sigmund Freud and the Jewish Mystical Tradition, Princeton, NJ 1958, S. 128)
Des weiteren unterschlägt Freud, daß der Moses des Michelangelo Hörner trägt. Hörner, die Moses erst nach dem zweiten Abstieg hatte. Freud selbst schreibt, Michelangelo habe im Vergleich zum unvollkommenen historischen Moses einen verbesserten, idealisierten Moses in Stein gehauen. In Wirklichkeit war es aber einzig und allein Freud, der besserte, idealisierte und „sublimierte“. Freud brauchte und wünschte sich einen solchen geschönten Moses. Freud verdrängt den Mann, der voll Zorn die Gesetzestafeln zerschmettert (Ex 32,19), und wählt stattdessen den „sanftmütigsten und geduldigsten aller Menschen“. Den Moses, der nichts gegen die frevlerischen Juden unternimmt, „denn er war der bescheidenste Mensch, der je auf der Erde gelebt hat“ (Num 12,3).
Freuds Moses-Buch und Reichs Christus-Buch waren jeweils Bücher der Hoffnung nach Unsterblichkeit angesichts der Nazi-Bedrohung, bzw. der Bedrohung der Orgonomie in den USA.
Moses’ Monotheismus setzte sich durch, trotzdem sich die Hebräer von ihm befreit hatten. Das Verdrängte kehrte zurück. Wenn im Exil die Priester ihre Gebote und Institutionen in die Zeit Mose zurückversetzten, um damit ihre Unanfechtbarkeit zu begründen, entbehrte dies Verfahren trotz seiner geschichtlichen Fälschung Freud zufolge
nicht einer bestimmten psychologischen Berechtigung. Es spiegelte die Tatsache wider, daß im Laufe der langen Zeiten (…) die Jahwereligion sich zurückgebildet hatte zur Übereinstimmung, vielleicht bis zur Identität mit der ursprünglichen Religion des Moses. (Der Mann Moses, S. 496)
Wenn Freud dann abschließend anfügt, dies sei „das wesentliche Ergebnis, der schicksalsschwere Inhalt der jüdischen Religionsgeschichte“, dann meinte er wohl in erster Linie sein eigenes Schicksal, bzw. das Schicksal seiner Psychoanalyse, die in einer vom Nationalsozialismus überrannten Welt doch eines Tages aus der Verdrängung wieder auftauchen würde, so wie Moses immer wieder in den Propheten und schließlich im biblischen „Priesterkodex“ wiedergekehrt sei.
Ganz ähnlich sah Reichs Vision aus: Trotz aller Panzerung bricht sich das Lebendige in Gestalt der Neugeborenen doch immer wieder Bahn und eines Tages würden die Kinder der Zukunft Träger der Orgonomie sein. Das gepanzerte Leben ist nur eine Oberflächenerscheinung, unter der im Verborgenen das Lebendige und die Arbeitsdemokratie autonom weiterlaufen, um in Zukunft wieder an die Oberfläche zu treten. Herbert Marcuse, der von Freuds Spätschriften ausging, die er ziemlich frei interpretierte, hat beide Visionen von der „Rückkehr des Verdrängten“ in der Vorstellung miteinander verbunden, daß die Erinnerung an nichtrepressive Traditionen eine befreiende Funktion hat, wenn sie sich mit revolutionärem Aktionismus verbindet.
Auf diese Weise ist Reich doch auch irgendwie in Freuds letztem Werk verborgen. Bemerkenswert an Der Mann Moses ist z.B., daß Freud wie ganz zu Beginn seiner Arbeit plötzlich wieder den frühen Traumen (insbes. der Kastrationsdrohung) eine zentrale Rolle einräumt. Es geht um Triebeinschränkung von außen. Der „Todestrieb“ wird in Freuds Buch an keiner Stelle erwähnt. In der Zeit, als das Buch veröffentlicht wurde, brachte Freud zum Ausdruck, daß ihm Das Unbehagen in der Kultur fremd geworden sei. Jenes Buch, das Freud faktisch gegen Reich geschrieben hatte (Walter Hoppe: Wilhelm Reich, München 1984, S. 66).
Verglichen mit Totem und Tabu (1913) wird den Muttergottheiten in Der Mann Moses ein weit größerer Raum zuerkannt. Das Machtvakuum, das nach dem Urvatermord entstand und das durch die rivalisierenden Brüder nicht gefüllt werden konnte, sei auf die Frauen übergegangen, so daß sich das Urpatriarchat in das Matriarchat umgewandelt habe. In der Diskussion um die Umwandlung der totemistischen Tiergötter zu menschlichen Göttern schreibt Freud sogar, daß die Muttergottheiten wahrscheinlich vor den männlichen Göttern aufgetreten seien, von denen die Muttergottheiten dann langsam verdrängt wurden (Der Mann Moses, S. 531f). Leider sind Freuds Ausführungen sehr vage, z.B. sollen merkwürdigerweise die Muttergottheiten erst zur Zeit der Einschränkung des Matriarchats entstanden sein „zur Entschädigung der zurückgesetzten Mütter“. Im übrigen spricht Freud von nicht weiter bestimmten „äußeren Momenten“, die zur Ablösung des Matriarchats durch das Patriarchat geführt hätten (ebd., S. 560).
Freuds Theorie könnte man wie folgt zusammenfassen: Das Urpatriarchat wurde durch den Mord am Urvater beendet, der zum Totemismus führte. Über den Umweg des Matriarchats stabilisierte sich langsam die Sohnesherrschaft, was sich im patriarchalen Polytheismus widerspiegelte, bis der eine Urvater als Wiederkehr des Verdrängten im Monotheismus zurückkehrte, um dann im Christentum erneut vom Sohn gestürzt zu werden. Wie ich erwähnte, betrachtete Freud das Christentum als kulturelle Regression. Hier ist anzufügen: u.a. weil es mit Maria „die große Muttergottheit wiederherstellte“ (ebd., S. 536).
Im Zusammenhang mit dem Mord an Moses, der eine Wiederholung des Urvatermordes gewesen sei, erwähnt Freud, diese Tat hätte „sich in Urzeiten als Gesetz gegen den göttlichen König gerichtet“ und er verweist auf James George Frazer (ebd., S. 556). Frazer beschrieb, wie der König als Vegetationsheros geopfert wurde und daraufhin in der unfruchtbaren Jahreshälfte in der Unterwelt verweilte, die er dann in Gestalt seines Nachfolgers im Frühling wieder verließ, um mit seiner Herrin, der Himmelskönigin, die Heilige Hochzeit zu feiern. So erweist sich Freuds wirklich vollständig abwegige Theorie vom Mord am völlig abwegigen Konstrukt „Urvater“ als ein letztlich matriarchaler Mythos. Von Frazers Arbeit geht z.B. die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth aus.
Für Freud selbst ist der mythische Heros natürlich der Anführer der vatermörderischen Brüderbande gegen den Urvater. Freud nennt als Beispiel die griechische Tragödie, in der der Held und der Chor eben diesen Anführer und seine Brüderbande darstellen sollen. Da auch Christus Reinkarnation dieses Urhelden ist, ist es nicht verwunderlich, daß im Mittelalter das Theater mit der Darstellung der Passionsgeschichte wieder neu beginnt (ebd., S. 535). Zu Ende gedacht führt praktisch Freud Christus auf den matriarchalen Kultheros zurück, denn die griechische Tragödie läßt sich auf matriarchale Mysterienspiele zurückverfolgen.
Außerdem macht Freud an der betreffenden Stelle folgende Anmerkung:
Ernst Jones macht darauf aufmerksam, daß der Gott Mithras, der den Stier tötet, diesen Anführer darstellen könnte, der sich seiner Tat rühmt. Es ist bekannt, wie lange die Mithrasverehrung mit dem jungen Christentum um den Endsieg stritt. (ebd., S. 535)
Dieser „Stiertöter“ leitet uns direkt zum spätmatriarchalen Moses des Stierkults, auf den ich bereits in Der verdrängte Christus zu sprechen gekommen bin. Der Sonnengott Mithras wurde relativ spät zum patriarchalen „Stiertöter“. Vorher war er der Fruchtbarkeitsheros der persischen Himmelsgöttin Anahita. Über den babylonischen Tammuz und den kanaanitischen Baal geht eine direkte Linie zum gehörnten Moses und dem Goldenen Kalb als „Heros der Göttin“. Nichts mit Freuds spinnerten Ideen über den „Urvater“ und den „Urvatermördern“! In wirklich jeder Hinsicht führt uns der ganz späte Freud schnurstracks zum einzig legitimen Erben der Psychoanalyse, Wilhelm Reich!
