Mit ‘Auferstehung’ getaggte Artikel

Wer war Jesus? (Teil 1)

12. März 2012

Wenn man die synoptischen Evangelien liest, tritt einem eine einzige zentrale Frage entgegen: „Wer war Jesus?“ Das ist die Frage, die Jesus in einer der beiden Schlüsselszenen an seinen Hauptjünger Petrus stellt: „Wer bin ich?“ In der zweiten Schlüsselszene fragt zunächst der Oberpriester und dann Pilatus sinngemäß: „Wer bist du?“, was Jesus wiederum zu der Frage umkehrt: „Sage du mir, wer ich bin!“

Nun, die Evangelien sind Erbauungsliteratur, die den Leser dazu bringen soll, die Frage selbständig für sich zu beantworten: Jesus ist der Sohn Gottes, d.h. der einzige Zugang zu Gott. Aber durch diese Instrumentalisierung klingt doch durch, was Jesu Zeitgenossen bewegt hat und was schließlich zur Ausformulierung des Christentums geführt hat: „Wer ist das? Warum ist er so anders? Warum verhält er sich anders? Warum geht eine solche berückende Faszination von ihm aus? Warum spricht er mit einer solchen bezwingen Überzeugungskraft?“

In anderen Religionen geht es darum sich an das Gesetz zu halten, die Rituale zu befolgen, was man glaubt, ist einem letztendlich freigestellt. Ein extremes Beispiel in dieser Hinsicht ist der Hinduismus. Nur im Christentum dreht sich alles um dogmatische Fragen. Im Gegensatz zu den anderen großen Religionen ist das Christentum kein Lebensentwurf, kein Regelsystem, kein Erlösungsweg, sondern in erster Linie Dogma, d.h. alles dreht sich um die eine Frage wer Jesus war, d.h. wie genau sein Verhältnis zu Gott ist. Alles andere am Christentum ist vollkommen nebensächlich. Es dreht sich seit 2000 Jahren alles um die eine Frage, die bereits damals die Zeitzeugen in Galiläa und in Jerusalem umgetrieben hat: „Wer ist das?!“

Das, was vielleicht das abstoßendste am Christentum ist, macht dergestalt das Christentum für die Orgonomie interessant, denn die „dogmatische“ Frage, wer Jesus war, kann sich angesichts der Beschreibungen in den synoptischen Evangelien nur daran entzündet haben, daß er auf eine grundsätzliche Weise anders war als alle anderen. In damaliger Begrifflichkeit kann das nur bedeutet haben, daß er eine andere Beziehung zu Gott hatte als normale Sterbliche. Reich hat das in Christusmord diskutiert und mit zwei weiteren Problemen verknüpft: Warum wurde dieser „göttliche Mann“ auf eine derartig erniedrigende und grausame Art und Weise ermordet? Und was bedeutet die Auferstehung?

Die erstere Frage, ist die nach der „Emotionellen Pest“, die das Lebendige desto stärker bekämpft, je klarer und reiner es in Erscheinung tritt. Die zweite Frage verweist darauf, daß das Lebendige mit der kosmischen Orgonenergie („Gott“) identisch und damit unauslöschlich ist. Die Christen konnten diese Zusammenhänge nicht erfassen und mußten deshalb einem zerstörerischen Mystizismus anheimfallen, der alles negiert wofür Jesus stand: er war ein genitaler Charakter.

Jesus und die Frauen (Teil 2)

15. März 2011

Wie schon erwähnt sind nach den Evangelien die ersten Zeugen der Auferstehung Frauen. Paulus schreibt jedoch in 1 Kor 15,4-8, Jesus habe sich zuerst Petrus gezeigt, „danach dem ganzen Kreis der zwölf Jünger. Später sahen ihn über fünfhundert Brüder auf einmal (…). Dann erschien er Jakobus und schließlich allen Aposteln“, einschließlich Paulus, der den Endpunkt, das Siegel darstellen will. Bei Markus 16 steht jedoch, daß es Maria Magdalena war, der sich der auferstandene Jesus als erster zeigte. Maria Magdalena, seine Geliebte; sie, mit der er ein Fleisch und Blut sein wollte (vgl. Mk 10,8): ihre genitale Liebe, die sich bis über den Tod hinauserstreckte, war der Ausgangspunkt des Christentums.

Ohne Übertreibung kann man die Vermutung wagen: Hätte Maria von Magdala nicht das leere Grab Jesu entdeckt, das die Voraussetzung zum Erlebnis seiner Auferstehung zunächst bei ihr selbst und dann bei den Jüngern wurde, so wäre das „Christentum“ vielleicht mit Jesu Kreuzigung zusammen bereits erloschen. (Salcia Landmann: Jesus und die Juden, München 1987, S. 293)

Von Anfang an zeigte sich das wirklich spezifisch Christliche an den Frauen. Wedding Fricke schreibt in seinem Buch Strafrechtlich gekreuzigt, schon die Tatsache, daß Jesus

den Frauen insgesamt Sympathie entgegenbringt, ist nach den damals geltenden gesellschaftlichen Regeln eine unschickliche Sache. Jesus soll aber noch einen entscheidenden Schritt weiter gegangen sein: Konkubinen und Ehebrecherinnen nimmt er in Schutz. Dirnen verspricht er [in Lk 7,47] mehr Vergebung als den Keuschen im Lande. (Buchschlag 1986)

Genau wie beim Essen scheint der „Vielfraß und Säufer“ (Mt 11,19) Jesus, wie Fricke schreibt, „auch in Bezug auf Frauen (…) nicht abstinent gewesen zu sein.“ Und weiter: „Jesus hat (…) offenbar den Ort, wo es leckere Sachen zu essen gibt, mit einem Brautgemach verglichen“. Fricke verweist auf eine „Szene mit erotischem Hauch“ bei Lk 7,36-50, wo sich Jesus „von einer Frau – Lukas nennt sie eine ‘Sünderin’ – im Hause des Pharisäers Simon bedienen läßt und ihre Annäherung, die selbst den toleranten Gastgeber zu weit geht, gut heißt“. Weiter verweist Fricke auf die Toleranz, die Jesus bei dem Gespräch „mit der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen zum Ausdruck bringt (Joh 4), die immerhin fünf Männer gehabt hat und nun mit einem zusammenlebt, der nicht ihr legitimer Ehemann ist“.

Außerdem möchte ich den Leser auf folgende Stellen in den Evangelien hinweisen: Mt 26,6-13; Mk 5,25-34; 15,40f; 16,1-8 (der ursprüngliche krönende Schluß des ältesten Evangeliums); Lk 8,1-3; 10,38-42; 23,26-31; Joh 11,1-45.

Wenn man derartige Stellen in Reihe liest, dann wird die folgende von Fricke zitierte Stelle aus dem apokryphen Phillipusevangelium alles andere als unglaubwürdig:

Die Frauen wandelten mit dem Herrn allezeit: Maria, seine Mutter, deren Schwester und Magdalena, die seine Paargenossin genannt wird (…) Maria Magdalena liebte den Soter mehr als alle Jünger, und er küßte sie oftmals auf ihren Mund. Die übrigen Jünger kamen zu ihr und machten ihr Vorwürfe. Zu ihm sagten sie: Weshalb liebst du sie mehr als alle?

Fricke weist darauf hin, daß „der Umstand, daß in den Evangelien jeder Hinweis auf eine Eheschließung Jesu fehlt, kein Indiz gegen, sondern gerade für den Verheiratetenstatus ist“. Schalom Ben-Chorim schreibt in seinem Buch über seinen jüdischen Bruder Jesus, daß die Ehe für einen Rabbi einfach selbstverständlich war und daß Jesu Jünger und insbesondere Jesu Gegner ihn gefragt hätten, warum er denn von diesem allgemeinen Brauch abwiche – so daß das Fehlen jedes Hinweises auf eine Ehe Jesu geradezu der Beweis für eine Ehe sei! (München 1967, S. 129).

Selbst Martin Luther ging davon aus, daß Jesus verheiratet war, „um der menschlichen Natur völlig teilhaftig zu werden“. Luther glaubte, daß Maria Magdalena die Ehefrau Jesu war. In allen Evangelien wird sie an herausragender und stets an erster Stelle der Frauen genannt. Sie ist als einzige nicht geflohen, hat Jesus nach Golgota begleitet und den Auferstandenen sah sie als erste.

Fricke schreibt:

Wenn nach kirchlicher Darstellung stets nur das Bild eines unverheirateten Jesus erscheint, so dürfte dies auf den Apostel Paulus zurückzuführen sein, der – nun in der Tat als Sonderling! – sein eigenes Junggesellendasein preist und es zum Modell eines guten Christen machen möchte.

Demhingegen ließe sich feststellen, „daß nirgendwo ein Ausspruch des Meisters erscheint, in dem er sich gegen die Sinnenfreuden der Ehe, gegen die Sexualität im allgemeinen und gegen die Sexualität der Frau im besonderen wendet“.

Die bio-historischen Grundlagen des Christentums (Teil 2)

11. Februar 2011

Bei Paulus findet man sowohl Anspielungen auf das Grabopfer für den König (Röm 6,8) als auch das Opfer des Königs für sein Volk (Röm 5,6). In Kol 2,12f heißt es:

Ihr seid durch die Taufe mit Christus begraben worden, und ihr seid auch schon mit ihm zusammen zum neuen Leben gelangt. Denn durch den Glauben habt ihr euch der Macht Gottes anvertraut, der Christus vom Tod erweckt hat.

Dies könnte unmittelbar aus der Liturgie des Dumuzi-Kultes stammen. Und da in der antiken Kirche die Taufe im Sinne einer Auferstehung von den Toten im Frühjahr stattfand, ist der Gleichklang fast perfekt. Auch sonst haben die Christen im Verlauf ihrer zweitausendjährigen Geschichte die Wiederbelebung der Natur nach der Trocken- oder Winterzeit immer als Symbol der Auferstehung Christi betrachtet. Man denke nur an Ostern und die mit diesem Fest verbundenen heidnischen Fruchtbarkeitssymbole.

Erinnert sei auch an das Jul-Fest zur Wintersonnenwende, bei der der Triumph der Sonne über die Finsternis des Winters, ihre Wiedergeburt gefeiert wurde. Wie Inannas Nachfolgerinnen Demeter ihren Iakchos (Dionysos) oder Isis ihren Har-Siesis (Horus) bringt auch Maria ihr Kind zur Wintersonnenwende in der Weihnacht zur Welt.

Wie Iakchos und Attis [ebenfalls ein Nachfolger Dumuzis] und der kretische Zeus wird das Kind von Schafhirten enthusiastisch begrüßt. Dabei trägt es selbst die Züge eines Kindgottes und als junger Mann die Züge des göttlichen Hirten (Sumer, Ägypten, Palästina). Denn Jesus, dessen Name dem Isissohn Har-Siesis sehr ähnlich ist, kommt als sanfmütiger „guter Hirte“ daher, und seine Bischöfe tragen lange, gebogene, ägyptische Hirtenstäbe. Natürlich wird mit der Geburt dieses Kindes der aus den Fugen geratene Kosmos in seine Ordnung gerückt, dies war auch bei den anderen neugeborenen Kindgöttern so. Denn seit dem Tod des Heros-Gottes war diese Ordnung gefährdet, die Vegetation zerstört und das Leben der Menschen in Gefahr. (Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros, München 1984, S. 129)

So läßt sich religionsgeschichtlich eine grade Linie vom sumerischen Inanna-Dumuzi-Mythos bis zum Christentum ziehen. Im semitischen Babylonien wurde daraus der fast identische Ischtar-Tammuz-Kult und in Palästina der Anat-Baal-Kult, der bis in christliche Zeit sich in Syrien, Phönizien und in Jesu Heimat, dem „heidnischen Galiläa“ (Mt 4,15), hielt. Von Ägypten aus wurde darüber hinaus noch das gesamte hellenische und später römische Mittelmeer vom gleichgerichteten Isis-Osiris-Kult beeinflußt. So stoßen wir auch

in der christlichen Religion auf das Tod- und Wiederauferstehungs-Muster der matriarchalen Religionen: der Gottessohn stirbt einen Opfertod und ersteht wieder auf. Diesem Ereignis wird dieselbe Bedeutung zugeschrieben wie dem Opfertod des matriarchalen Heros, nämlich das Weiterleben der Menschen zu sichern. Das Weiterleben ist jedoch keins mehr im Diesseits, sondern im Jenseits, im elysischen Obstgarten-Paradies. Die Wiederauferstehung jedes einzelnen wird dort verewigt wie bereits in der hellenistischen Osiris-Religion. Und wie bei Osiris gibt es zuvor ein „Jüngstes Gericht“ mit einem milden, gerechten Richter. (Göttner-Abendroth, S. 127ff)

Aber dieser matriarchale Vorstellungskomplex hat nicht erst mit Christus in der Bibel Eingang gefunden. Schon das Buch Ijob ist vollständig nach dem Schicksal des kanaanitischen Fruchtbarkeitsheros Baal geformt, der am Anfang der Trockenzeit sterben muß. Auch das Denken der Psalmisten ist ganz eindeutig von diesem Fruchtbarkeitskult durchdrungen, was die Psalmen so ungemein christlich macht! Und selbst im Buch Kohelet, das vor Frauen warnt „die noch bitterer sind als der Tod“ (Koh 7,26), finden wir Anklänge an die endlose zyklische Wiederholung, die Fruchtbarkeitskulte kennzeichnet. Hier verwandelte sich jedoch der lustvolle Fruchtbarkeitszyklus des Matriarchats, in die „sinnlose Mühle“ des Patriarchats (man denke auch an das Samsara, den „ewigen leidvollen Kreislauf der Widergeburten in Indien“). Denn wer sich wie die emotional toten Jahwe-Gläubigen, die sich von den Naturzyklen getrennt haben, nicht der Himmelskönigin hingibt, verfehlt die Wiedergeburt: „Wer sein Leben festhalten will, wird es verlieren“ (Mt 10,39).

Der Prophet Ezechiel (8,14) berichtet wie Frauen im Tempelvorhof von Jerusalem saßen und über Tod und Unterweltsfahrt des Tammuz weinten, dem babylonischen Nachfolger des sumerischen Dumuzi. Daniel (11,37) nennt Tammuz „den Lieblingsgott der Frauen.“ Und was Daniels prophetische Aussage über den „Menschensohn“ betrifft sagt Michael Grant:

Fast könnte man meinen wieder zur Vorstellungswelt der kanaanäischen Religion zurückgekehrt zu sein, in der ein Gott (Baal) einen anderen (El) entthront. Sind hier schon Verbindungen von der Urreligion Kanaans zum christlichen Mythos zu finden, der ganz entscheidend auf das Daniel-Buch zurückgeht, wird dies bei Hosea erst recht deutlich. (Das Heilige Land, Bergisch Gladbach 1988, S. 252)

In einem Bußlied (Hos 6,1-3) sagt er den Nachkommen Israels eine „Auferstehung am dritten Tag“ voraus.

Diese Äußerung ist nicht frei von Ideen, welche aus den kanaanäischen Fruchtbarkeitskulten stammen; in den Ohren gläubiger Christen allerdings klingen sie wie eine Vorwegnahme neutestamentarischer Äußerungen über Jesu Auferstehung. (Grant, S. 207)

Die ganze Gottesvorstellung der Propheten war noch teilweise von matriarchalen Mustern geprägt. So sprechen sie vom Land Israel als der Braut Jahwes. Dies ist die patriarchale Umformung, bzw. Umkehr des alten matriarchalen Mythos der Sumerer, wo der König und damit sein ganzes Land Sohn und Gatte der Himmelskönigin Inanna war. In Babylon wurde daraus später die Göttin Ischtar, deren Namen wir im biblischen Buch Esther wiederfinden („Esther“ ist die aramäische Form von „Ischtar“), wo das Volk Israel, wie so oft in der Bibel, von einer Frau gerettet wird.

Gerda Weiler zufolge sind die Propheten von alten Kultfesten ausgegangen (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 363). Einige biblische Jahwe-Lieder stimmen wörtlich mit „heidnischen“ Baal-Liedern überein (ebd., S. 37). So verbergen sich hinter dem alttestamentarischen Text unmittelbar matriarchale Kultmythen, aus denen man nur die Himmelskönigin eliminiert hat. Das literarisch und philosophisch höchststehende Buch der Bibel, Ijob, ist z.B. auch nichts weiter als ein überarbeiteter matriarchaler Kulttext. In den ursprünglichen Kultfesten wurde in erster Linie die Heilige Hochzeit gefeiert. Die Propheten hätten, so Weiler, diese sexuellen Bezüge nachträglich spiritualisiert.

Indem sie die Sprache der Liebe als allegorische Bildsprache benutzen, entziehen sie ihr den erotischen Charakter. Jahwe ist der Liebhaber der „Jungfrau Israel“, der Gatte der „Tochter Zion“, aber seine „Liebe“ bleibt im luftleeren Raum, sie wird niemals konkret. Niemals wird er sich in einem Kultträger der Priesterin nahen. Gerade das soll überwunden werden.

Israel wird als Braut Jahwes dargestellt, der davon spricht, mit Israel die Ehe zu schließen und es so aus seiner Schande zu erretten (Jes 54,5). Dann wird man dich Jerusalem

nicht länger „die Verstoßene“ nennen oder dein Land „die verlassene Frau“. Nein, du wirst „Gottes Liebling“ heißen und dein Land „die glücklich Vermählte“! Denn der Herr wendet dir seine Liebe wieder zu und vermählt sich mit deinem Land. Wie ein junger Mann sich mit seinem Mädchen verbindet, so werden deine Bewohner für immer mit dir verbunden sein. Wie ein Bräutigam sich an seiner Braut freut, so hat dann dein Gott Freude an dir. (Jes 62,4f)

Schon in Ägypten hätten sich Gottes Bräute (Samaria und Jerusalem) den Männern hingegeben „und ließen ihre jugendlichen Brüste tätscheln“, bevor sie schließlich die alleinigen Frauen Gottes wurden (Ez 23,2ff).

Aber es rächt sich, daß Jahwe großzügig über den unzüchtigen Charakter seiner Braut hinwegging, denn sie vergißt ihren Jahwe schon bald wieder, der klagt: „In der Jagd nach Liebhabern bist du unübertrefflich“ (Jer 2,32f). Die „Liebhaber“ sind hier natürlich die anderen Kulte und Götter (vgl. Jer 3,1-5 und Hos 2,4-10). Hurerei ist jedoch nicht nur symbolisch mit Götzendienst identisch:

Hast du gesehen, was Israel, diese treulose Frau, getan hat? Sie hat sich von mir abgewandt, ist auf jede Anhöhe gestiegen und hat sich unter jeden grünen Baum gelegt, um (in der Heiligen Hochzeit) Unzucht zu treiben.

Das ewige Testament (Teil 3)

1. Dezember 2010

Mit Amalrich und Eriugena haben wir uns bereits in Am Anfang stand der Neuplatonismus (Teil 2) beschäftigt.

Die Amalrikaner glaubten, genauso wie der Gottvater in den Patriarchen und der Gottessohn in Maria inkarniert worden waren, nun in ihnen der Heilige Geist fleischgeworden sei. Durch den Heiligen Geist hätten sie allen bloßen Glauben überwunden und seien nun ins Licht der vollen Erkenntnis getaucht. Als typische Gnostiker sagten sie: „Diese Erkenntnis ist die Auferstehung und eine andere Auferstehung gibt es nicht, sie ist das Paradies und ein anderes gibt es nicht.“

Aber nicht nur hier sind zumindest Anklänge an Eriugena zu finden. Wie er, glaubten auch sie, daß das Böse einfach Nichtwissen sei, ein reiner Seinsmangel ohne eigenes Sein und deshalb alle Sünde ein bloßes Nichts. Nur daß sie nun diese abstrakte philosophische Lehre in die Praxis umsetzten und die radikale Konsequenz zogen, was immer sie auch täten, sie frei von der Sünde seien und deshalb Gewissen geradezu etwas verwerfliches ist. In seinem Buch Religiöse Bewegungen des Mittelalters (Darmstadt 1961, S. 371) beschreibt Herbert Grundmann sie wie folgt:

Für den „geistigen Menschen“ des letzten Zeitalters, der die wahre Erkenntnis hat und in dem der Heilige Geist inkarniert ist, gilt eine neue Ethik, die nichts von „Sünde“ nach dem Maßstab der moralischen Normen und nichts von Reue und Buße weiß, die vor allem die bisher gültigen Gesetze der Geschlechtsmoral außer Kraft setzt; und die Pariser Ketzer sind in dieser Beziehung offenbar nicht bei theoretischer Betrachtung stehen geblieben. Sie haben sich damit allerdings besonders empfindlich dem moralischen Abscheu nicht nur ihrer Zeitgenossen, sondern auch der Nachwelt ausgesetzt.

Die Schüler Amalrichs, studierte Kleriker, fanden in ihrer seelsorgerischen Tätigkeit bei Laien und Frauen, insbesondere Witwen, großen Anklang. Ihre Lehre kam der Volksfrömmigkeit und einer bestimmten weiblichen Religiosität sehr entgegen und verbreitete sich auf diesem fruchtbaren Nährboden in weiten Teilen Mitteleuropas, auch nachdem die Amalrikaner schon längst vernichtet waren.

So deckte die Inquisition z.B. ab 1270 im Nördlinger Ries eine den Amalrikanern verwandte und hauptsächlich von Frauen getragene „Ketzerei des neuen Geistes“ auf. Mit dem „neuen Geist“ ließen sie alle kirchliche Heilsvermittlung und alle sittlichen Gebote hinter sich. Dabei wurde der pantheistische Spiritualismus „amalrikanischer“ Prägung mit der damals verbreiteten Minnemystik und Mariennachfolge verquickt. Bei ihren heimlichen Zusammenkünften gerieten die Frauen in Verzückung und erlebten Christus entweder als himmlischen Bräutigam oder als himmlisches Kind.

Die innere Dynamik dieser weiblichen Mystik kann man sich wohl am ehesten am joachitischen Dreischritt vergegenwärtigen: Im ersten Reich war Gott der ferne, unnahbare Vater, im zweiten Reich kam er den Menschen brüderlich in Gestalt seines leiblichen Sohnes entgegen, um im Dritten Reich sich endlich direkt mit seinen Gläubigen zu verbinden. Und in der Minnemystik wurde diese Intimität durchaus in kaum verhüllten sexuellen Bildern beschrieben. Man denke nur an die mystischen Verzückungen von Nonnen, wo „feurige Lanzen“ mit „süßem Schmerz“ ihre „schmachtenden Herzen“ durchstoßen (vgl. Barbara Koopman: „Mysticism, OR, and DOR“, Journal of Orgonomy, Nov. 1979).

In der Ketzerei vom Nördlinger Ries ging diese mystische Nähe zu Gott aber noch viel weiter, denn es kam, um mit Nietzsche zu reden, zur „Umkehrung des perspektivischen Blicks“: Gott blickt aus uns heraus – wir sind Gott. Als mit Gott geeint, glaubten diese Frauen über jedes Sittengesetz und alle Sünde erhaben zu sein: „Wer ein Kind Gottes ist, sündigt nicht mehr, weil Gottes Leben in ihm wirkt“ (1 Joh 3,9). Hier handelte es sich aber um eine ganz anders geartete Mystik als die der Frommen, denn die unio mystica wurde nicht als Gnade erlebt, nicht als Aufgeben des eigenen Ichs. Vielmehr glaubten sich die Frauen vom Nördlinger Ries fähig,

aus eigenem Willen mit Gott geeint, gottgleich, ja Gott zu werden und Gottes nicht mehr zu bedürfen. Denn der Mensch wie alles Geschaffene ist Gott oder kann Gott werden; die Seele ist von göttlicher Substanz, ewig wie Gott. Wer in Freiheit, Ruhe, Gelassenheit nur auf den Geist in sich hört, nur wartet und schaut, wie gut und süß Gott ist, kann dahin kommen, daß Gott alles in und durch ihn wirkt, daß er vergottet wird. Dann ist nichts mehr sündhaft, was er auch tue, Unzucht sowenig wie Meineid, Lüge, Diebstahl; er braucht nicht mehr zu beten, zu fasten, zu beichten, Reue und Buße würde ihn nur hindern. Böses und Gutes gilt ihm gleich, weil beides von Gott kommt. Er braucht nicht mehr Christi Leib und Blut zu verehren, nicht Maria oder gar die Heiligen, denn er ist ihnen gleich oder vollkommener als sie. Er erwartet keine künftige Auferstehung, glaubt nicht an Hölle und Fegefeuer, bedarf keines Priesters und mißtraut denen, die nur aus Büchern wissen statt aus der Erfahrung göttlicher Wonne. (Herbert Grundmann: Ketzergeschichte des Mittelalters, in: Die Kirche und ihre Geschichte, Bd. 2, Göttingen 1963, G 46)

Das Reichianische Evangelium (Teil 2)

23. Oktober 2010

Das Himmelreich ist ein Zustand des Herzens (– von den Kindern wird gesagt „denn ihrer ist das Himmelreich“), nichts, was „über der Erde“ ist. Das Reich Gottes „kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht nach dem Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und Tags vorher nicht: sondern es ist eine „Sinnes Änderung im Einzelnen“, etwas, das jederzeit kommt und jederzeit noch nicht da ist… (Nietzsche)

Durch seine Predigten und Taten war dieser Wunderrabbi den Judäern schon lange ein Dorn im Auge, hatte er doch verkündigt: „Wenn ich aber mit Hilfe von Gottes Geist die bösen Geister austreibe, so könnt ihr daran sehen, daß Gott schon angefangen hat, mitten unter euch seine Herrschaft aufzurichten“ (Mt 12,28). Als sie aber nun sahen, wie Jesus sich in Betanien, das nur noch drei Kilometer von Jerusalem entfernt lag, anmaßte bei Lazarus Gottes Werk der Auferstehung zu tun, waren sie endgültig entsetzt. Erst in den letzten Jahrhunderten war im Judentum der Gedanke der Auferstehung aufgetaucht. Die führende Adelsschicht, die Sadduzäer, leugneten sie sogar ganz und die Pharisäer dachten sich die Auferstehung als ausschließlich endzeitliches Ereignis.

Die Jenseitsvorstellung der Juden entwickelt sich in drei Stufen:

  1. Bei Moses gibt es noch keinerlei Hinweis auf ein Leben nach dem Tod. Der Mensch lebt einzig in seinem Volk und in seinen Nachkommen weiter. Allenfalls gab es im Volk die Vorstellung einer Fortexistenz als kraftloser Schattengeist, den die Lebenden heraufbeschwören können.
  2. Zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft wurde dann aus dem persischen Kulturkreis die Vorstellung der leiblichen Wiederauferstehung beim Jüngsten Gericht übernommen.
  3. Erst in den letzten zwei Jahrhunderten vor Jesus kam dazu zusätzlich der Gedanke des Weiterlebens der Seele unmittelbar nach dem Tode. Diese Vorstellung wurde wohl aus dem griechischen Kulturkreis übernommen. Die Geschichte von Lazarus und dem Reichen (sicherlich keine zufällige Namensgleichheit zu „unserem“ Lazarus) zeigt, daß auch Jesus den Glauben teilte (Lk 16,22f). In die gleiche Richtung weist Lk 20,37f und insbesondere die Worte, die Jesus an den mit ihm zusammen gekreuzigten Verbrecher richtet: „Ich sage dir, du wirst noch heute mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43).

Von den allerersten Christen wissen wir, daß im Umkreis Jesu die Vorstellung existierte, man könne sogar schon zu Lebzeiten in den Himmel gelangen. So berichtet Paulus von einem „bestimmten Christen, der vor vierzehn Jahren in den dritten Himmel versetzt wurde“ (2 Kor 12,2).

Hier ist es dann m.E. nur ein konsequenter Schritt, wenn man davon ausgeht, daß Jesus auch von einer Auferstehung der „Toten“ im Hier und Jetzt ausging. Jesu Schritt ist konsequent, weil er die oben skizzierte Entwicklungslinie jüdischen Denkens fortführt, in der Gott und das Heilsgeschehen dem Menschen immer näher rückt, bis Jesus verkündet der Ort und der Tag des Heils wäre hier und jetzt.

Natürlich war Jesus und seinen Anhängern zu jeder Zeit klar, daß die Welt in ihrer Gesamtheit noch nicht erlöst war. Wie sie mit diesem Wiederspruch umgegangen sind, hat sich wahrscheinlich in der Offenbarung 20,1-6 niedergeschlagen. Hier taucht die merkwürdige Idee eines „Tausendjährigen Reiches“ auf, das dem wirklichen Himmelreich der Endzeit und der allgemeinen Auferstehung vorausgehe. In diesem tausendjährigen „Vorreich“ sind nur die Heiligen auferstanden, um zusammen mit Christus zu herrschen. Mir scheint diese Vorstellung eine Übertragung des realen jesuanischen Umfeldes in eine irreale ferne Zukunft zu sein – wie alles nachösterlich eine solche „Übertragung“ ist. Jedenfalls gibt es im Judentum und auch sonst nirgendwo eine Quelle aus der sich die Vorstellung eines „Vorreiches“ hätte entwickeln können.

Vor diesem Hintergrund beschlossen die Hohepriester und Schriftgelehrten, daß Jesus des Todes sei. Die Anklage vor dem jüdischen Rat beruhte auf Jesu vorgeblicher Äußerung: „Ich kann den Tempel Gottes niederreißen und ihn in drei Tagen wieder aufbauen!“ (Mt 26,61 und 27,40). Sozio- und psychoökonomisch war dies ein radikaler Angriff auf wirklich alles, was den Sadduzäern (der Opferkult, der mit dem Aufkommen des Reiches Gottes erlöschen würde) und den Pharisäern (das Gesetz, das für die Auferstandenen nicht gilt) heilig war.

Die Historizität der Anklagepunkte wird dadurch unterstrichen, daß der Prozeß gegen den ersten christlichen Märtyrer, Stephanus unter genau den gleichen Vorzeichen ablief. Staphanus soll die beiden Grundpfeiler des damaligen Judentums in Frage gestellt haben: „Dieser Mann hält unaufhörlich Reden gegen unseren heiligen Tempel und gegen das Gesetz. Wir haben selbst gehört, wie er sagte: ‘Jesus von Nazareth wird den Tempel einreißen und die Gebote abschaffen, die uns Mose gegeben hat!‘“ (Apg 6,13). Gegen Paulus lief der Prozeß genauso ab.

Er wurde der römischen Obrigkeit überantwortet und von ihr ans Kreuz geschlagen. Sein Leben endete mit einem grauenhaften Fluch von Seiten der Frommen: „Wer am Kreuz hängt, ist von Gott verflucht“ (Gal 3,13 und Dtn 21,23).

Jesus mußte sterben, weil er versucht hatte, die toten Wüstenkreaturen wieder zu ihrem lebendigen Ursprüngen zurückzuführen. Aber die Kinder Satans wollten nicht. Selbst Jesus’ eigene Jünger wandten sich von ihm ab. Judas führte die römischen Soldaten und jüdischen Tempelwächter zu Jesus, Petrus verleugnete ihn und alle ließen ihn im Stich. Schon vorher hatte Jesus einen seiner Jünger als Satan bezeichnet (Mk 8,33) und damit „seine“ ganze spätere Kirche verflucht (vgl. Mk 11,12-14). So sollte denn auch die gesamte Kirchengeschichte eine einzige Abfolge von Christusmorden werden. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Mt 7,1). Jesus war nicht der letzte Christus, der dem Satan (nicht etwa Gott, wie Jesus’ perverse Jünger glauben) geopfert wurde – der von „Rom“ ermordet wurde.

Freuds Christusmord (Teil 3)

7. Oktober 2010

In der Mosessage kann man den Reichschen Christusmythos finden vom unverdorbenen Leben, das vom gepanzerten Leben gefürchtet und deshalb verfolgt wird. Die Kindheitsgeschichte des Moses erinnert fatal an das „Christkind“. Die Sage soll ursprünglich so gelautet haben, daß der Pharao durch einen prophetischen Traum gewarnt wurde, sein Sohn, bzw. ein Sohn seiner Tochter werde ihm Gefahr bringen. Deshalb läßt er das Kind im Nil aussetzen. Es wird von jüdischen Leuten gerettet und als ihr Kind aufgezogen (Freud: Der Mann Moses und die monotheistische Religion, Studienausgabe, Bd. IX, S. 165).

Freud erwähnt auch die außerbiblische Sage, daß, als der Pharao einmal den dreijährigen Moses auf den Arm nahm, ihm das Kind die Krone vom Haupt riß und auf seinen eigenen Kopf setzte. Ein Vorfall, der den König sehr erschrocken hat (ebd., S. 482). Schließlich wendet sich Moses tatsächlich gegen den Pharao, indem er zunächst einen einzelnen Ägypter tötet, dann das ganze Land Ägypten ins Unglück stürzt und endlich den Pharao selbst in den Tod führt. Von Moses geht dabei die mythische Sohnesrolle auf das ganze Volk der Hebräer über, die sich im Land zu stark vermehren, vom Landesvater vertrieben werden, um dann doch über ihn zu triumphieren. Der Exodus und der Einzug ins Gelobte Land entspricht dabei der Auferstehung und Himmelfahrt Christi.

Während Reich seine Hoffnung auf den mythischen Sohn setzte, war Freuds Idealbild zumindest der liebende, nicht der strafende Vater. In Moses findet man natürlich beides, den liebenden und den strafenden Vater, was mit Spr 3,12 hervorragend zum Ausdruck gebracht werden kann: „Denn wenn der Herr jemand liebt, dann erzieht er ihn mit Strenge, genauso wie ein Vater seinen Sohn.“ Offenbar sehnte sich Freud nach einem Vater, der sich in dieser Hinsicht unter Kontrolle hat und nicht sozusagen „über die Strenge schlägt“. Das Idealbild „konfuzianischer“ Mäßigung, für das die ganze Psychoanalyse steht.

1914 stellte Freud in seinem Aufsatz über „Den Moses des Michelangelo“ Moses als archetypische Verkörperung der Sublimation vor. Bezeichnend ist, daß Freuds Interpretation nicht nur nicht durch die Bibel gestützt wird, sondern erst recht nicht durch die Statue Michelangelos. Freud zufolge soll Michelangelos Werk Moses nach dem ersten Abstieg vom Sinai zeigen, doch in der Bibel ist Moses ausgerechnet dort alles andere als ein Vorbild vornehmer Zurückhaltung und Sublimation. Freuds Manipulation geht so weit, daß er die betreffende Stelle Ex 32,7-35 zitiert, aber Ex 32,21-29 ausläßt, wo beschrieben wird, wie auf Anordnung von Moses die Leviten die jüdischen Götzenanbeter abschlachten.

Bakan schreibt zu Freuds Mosesbild:

Über die sinnbildliche Besprechung einer Statue bringt Freud zum Ausdruck, daß die befürchtete Bestrafung niemals erfolgen wird. Das Über-Ich hält sich zurück. Das Über-Ich wird seinen Zorn zurückhalten und bändigen. Das Über-Ich wird seinen Zorn zügeln und nicht zuschlagen. In diesem neuen Moses-Bild hat Freud ihn in ein steinernes Standbild verwandelt; eines das nicht jene töten wird, die um das Goldene Kalb tanzen; jene die die Vorschriften, die von der rabbinischen Tradition aufrechterhalten werden, nicht annehmen, sondern übertreten. (Sigmund Freud and the Jewish Mystical Tradition, Princeton, NJ 1958, S. 128)

Des weiteren unterschlägt Freud, daß der Moses des Michelangelo Hörner trägt. Hörner, die Moses erst nach dem zweiten Abstieg hatte. Freud selbst schreibt, Michelangelo habe im Vergleich zum unvollkommenen historischen Moses einen verbesserten, idealisierten Moses in Stein gehauen. In Wirklichkeit war es aber einzig und allein Freud, der besserte, idealisierte und „sublimierte“. Freud brauchte und wünschte sich einen solchen geschönten Moses. Freud verdrängt den Mann, der voll Zorn die Gesetzestafeln zerschmettert (Ex 32,19), und wählt stattdessen den „sanftmütigsten und geduldigsten aller Menschen“. Den Moses, der nichts gegen die frevlerischen Juden unternimmt, „denn er war der bescheidenste Mensch, der je auf der Erde gelebt hat“ (Num 12,3).

Freuds Moses-Buch und Reichs Christus-Buch waren jeweils Bücher der Hoffnung nach Unsterblichkeit angesichts der Nazi-Bedrohung, bzw. der Bedrohung der Orgonomie in den USA.

Moses’ Monotheismus setzte sich durch, trotzdem sich die Hebräer von ihm befreit hatten. Das Verdrängte kehrte zurück. Wenn im Exil die Priester ihre Gebote und Institutionen in die Zeit Mose zurückversetzten, um damit ihre Unanfechtbarkeit zu begründen, entbehrte dies Verfahren trotz seiner geschichtlichen Fälschung Freud zufolge

nicht einer bestimmten psychologischen Berechtigung. Es spiegelte die Tatsache wider, daß im Laufe der langen Zeiten (…) die Jahwereligion sich zurückgebildet hatte zur Übereinstimmung, vielleicht bis zur Identität mit der ursprünglichen Religion des Moses. (Der Mann Moses, S. 496)

Wenn Freud dann abschließend anfügt, dies sei „das wesentliche Ergebnis, der schicksalsschwere Inhalt der jüdischen Religionsgeschichte“, dann meinte er wohl in erster Linie sein eigenes Schicksal, bzw. das Schicksal seiner Psychoanalyse, die in einer vom Nationalsozialismus überrannten Welt doch eines Tages aus der Verdrängung wieder auftauchen würde, so wie Moses immer wieder in den Propheten und schließlich im biblischen „Priesterkodex“ wiedergekehrt sei.

Ganz ähnlich sah Reichs Vision aus: Trotz aller Panzerung bricht sich das Lebendige in Gestalt der Neugeborenen doch immer wieder Bahn und eines Tages würden die Kinder der Zukunft Träger der Orgonomie sein. Das gepanzerte Leben ist nur eine Oberflächenerscheinung, unter der im Verborgenen das Lebendige und die Arbeitsdemokratie autonom weiterlaufen, um in Zukunft wieder an die Oberfläche zu treten. Herbert Marcuse, der von Freuds Spätschriften ausging, die er ziemlich frei interpretierte, hat beide Visionen von der „Rückkehr des Verdrängten“ in der Vorstellung miteinander verbunden, daß die Erinnerung an nichtrepressive Traditionen eine befreiende Funktion hat, wenn sie sich mit revolutionärem Aktionismus verbindet.

Auf diese Weise ist Reich doch auch irgendwie in Freuds letztem Werk verborgen. Bemerkenswert an Der Mann Moses ist z.B., daß Freud wie ganz zu Beginn seiner Arbeit plötzlich wieder den frühen Traumen (insbes. der Kastrationsdrohung) eine zentrale Rolle einräumt. Es geht um Triebeinschränkung von außen. Der „Todestrieb“ wird in Freuds Buch an keiner Stelle erwähnt. In der Zeit, als das Buch veröffentlicht wurde, brachte Freud zum Ausdruck, daß ihm Das Unbehagen in der Kultur fremd geworden sei. Jenes Buch, das Freud faktisch gegen Reich geschrieben hatte (Walter Hoppe: Wilhelm Reich, München 1984, S. 66).

Verglichen mit Totem und Tabu (1913) wird den Muttergottheiten in Der Mann Moses ein weit größerer Raum zuerkannt. Das Machtvakuum, das nach dem Urvatermord entstand und das durch die rivalisierenden Brüder nicht gefüllt werden konnte, sei auf die Frauen übergegangen, so daß sich das Urpatriarchat in das Matriarchat umgewandelt habe. In der Diskussion um die Umwandlung der totemistischen Tiergötter zu menschlichen Göttern schreibt Freud sogar, daß die Muttergottheiten wahrscheinlich vor den männlichen Göttern aufgetreten seien, von denen die Muttergottheiten dann langsam verdrängt wurden (Der Mann Moses, S. 531f). Leider sind Freuds Ausführungen sehr vage, z.B. sollen merkwürdigerweise die Muttergottheiten erst zur Zeit der Einschränkung des Matriarchats entstanden sein „zur Entschädigung der zurückgesetzten Mütter“. Im übrigen spricht Freud von nicht weiter bestimmten „äußeren Momenten“, die zur Ablösung des Matriarchats durch das Patriarchat geführt hätten (ebd., S. 560).

Freuds Theorie könnte man wie folgt zusammenfassen: Das Urpatriarchat wurde durch den Mord am Urvater beendet, der zum Totemismus führte. Über den Umweg des Matriarchats stabilisierte sich langsam die Sohnesherrschaft, was sich im patriarchalen Polytheismus widerspiegelte, bis der eine Urvater als Wiederkehr des Verdrängten im Monotheismus zurückkehrte, um dann im Christentum erneut vom Sohn gestürzt zu werden. Wie ich erwähnte, betrachtete Freud das Christentum als kulturelle Regression. Hier ist anzufügen: u.a. weil es mit Maria „die große Muttergottheit wiederherstellte“ (ebd., S. 536).

Im Zusammenhang mit dem Mord an Moses, der eine Wiederholung des Urvatermordes gewesen sei, erwähnt Freud, diese Tat hätte „sich in Urzeiten als Gesetz gegen den göttlichen König gerichtet“ und er verweist auf James George Frazer (ebd., S. 556). Frazer beschrieb, wie der König als Vegetationsheros geopfert wurde und daraufhin in der unfruchtbaren Jahreshälfte in der Unterwelt verweilte, die er dann in Gestalt seines Nachfolgers im Frühling wieder verließ, um mit seiner Herrin, der Himmelskönigin, die Heilige Hochzeit zu feiern. So erweist sich Freuds wirklich vollständig abwegige Theorie vom Mord am völlig abwegigen Konstrukt „Urvater“ als ein letztlich matriarchaler Mythos. Von Frazers Arbeit geht z.B. die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth aus.

Für Freud selbst ist der mythische Heros natürlich der Anführer der vatermörderischen Brüderbande gegen den Urvater. Freud nennt als Beispiel die griechische Tragödie, in der der Held und der Chor eben diesen Anführer und seine Brüderbande darstellen sollen. Da auch Christus Reinkarnation dieses Urhelden ist, ist es nicht verwunderlich, daß im Mittelalter das Theater mit der Darstellung der Passionsgeschichte wieder neu beginnt (ebd., S. 535). Zu Ende gedacht führt praktisch Freud Christus auf den matriarchalen Kultheros zurück, denn die griechische Tragödie läßt sich auf matriarchale Mysterienspiele zurückverfolgen.

Außerdem macht Freud an der betreffenden Stelle folgende Anmerkung:

Ernst Jones macht darauf aufmerksam, daß der Gott Mithras, der den Stier tötet, diesen Anführer darstellen könnte, der sich seiner Tat rühmt. Es ist bekannt, wie lange die Mithrasverehrung mit dem jungen Christentum um den Endsieg stritt. (ebd., S. 535)

Dieser „Stiertöter“ leitet uns direkt zum spätmatriarchalen Moses des Stierkults, auf den ich bereits in Der verdrängte Christus zu sprechen gekommen bin. Der Sonnengott Mithras wurde relativ spät zum patriarchalen „Stiertöter“. Vorher war er der Fruchtbarkeitsheros der persischen Himmelsgöttin Anahita. Über den babylonischen Tammuz und den kanaanitischen Baal geht eine direkte Linie zum gehörnten Moses und dem Goldenen Kalb als „Heros der Göttin“. Nichts mit Freuds spinnerten Ideen über den „Urvater“ und den „Urvatermördern“! In wirklich jeder Hinsicht führt uns der ganz späte Freud schnurstracks zum einzig legitimen Erben der Psychoanalyse, Wilhelm Reich!


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