In seinem Aufsatz „Social Factors Impacting Child and Adolescent Development (Part 1)“ (S. 61-78) beschäftigt sich der orgonomische Psychologe Dee Apple u.a. mit dem Unterschied zwischen der autoritären und der anti-autoritären Gesellschaft.
Die autoritäre Gesellschaft, wie Reich sie beispielsweise in Die Massenpsychologie des Faschismus beschrieben hat, erlaubte ein gewisses Maß an Ausdruck von Kernimpulsen, unterdrückte sie aber weitgehend, jedoch vor allem Impulse sekundärer Natur. Sekundäre Impulse wurden auf eine rigide und moralistische Weise in Schach gehalten.
Seit etwa 1960 mit dem Aufkommen der anti-autoritären Gesellschaft wachsen Kinder in einer Art Mischkultur aus autoritären und anti-autoritären Elementen auf. Der anti-autoritäre Erziehungsstil trägt zur Orientierungslosigkeit bei, indem nicht mehr zwischen primären und sekundären Impulsen unterschieden wird.
Reich hatte, zitiert von Apple, die autoritäre Gesellschaft wie folgt beschrieben:
Wir fanden die Institution, in der sich die sexuellen und die wirtschaftlichen Interessen des autoritären Systems verknüpfen [– die Familie]. Wir müssen nun fragen, wie diese Verknüpfung erfolgt und wie ihr Mechanismus ist. Auch darauf gibt die Analyse der typischen Charakterstruktur des reaktionären Menschen (des Arbeiters eingeschlossen) eine Antwort, freilich nur dann, wenn man sich solche Fragen in der Charakteranalyse überhaupt vorlegt. Die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit des Kindes, deren letzte Etappe die schwere Beeinträchtigung der genitalen Sexualität des Kleinkindes ist, macht ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig, gehorsam, im autoritären Sinne „brav“ und „erziehbar“; sie lähmt, weil nunmehr jede lebendig-freiheitliche Regung mit schwerer Angst besetzt ist, die auflehnenden Kräfte im Menschen, setzt durch das sexuelle Denkverbot eine allgemeine Denkhemmung und Kritikunfähigkeit; kurz, ihr Ziel ist die Herstellung des an die autoritäre Ordnung angepaßten, trotz Not und Erniedrigung sie duldenden Untertans. Als Vorstufe dazu durchläuft das Kind den autoritären Miniaturstaat der Familie, an deren Struktur sich das Kind zunächst anpassen muß, um später dem allgemeinen gesellschaftlichen Rahmen einordnungsfähig zu sein. Die autoritäre Strukturierung des Menschen erfolgt – das muß genau festgehalten werden – zentral durch Verankerung sexueller Hemmung und Angst am lebendigen Material der sexuellen Antriebe. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 49)
Apple beschreibt das anti-autoritäre Pendant so:
Wie autoritäre reproduzieren sich auch anti-autoritäre Gesellschaften die Charakterstruktur der Individuen durch soziale Panzerung und Institutionen, vor allem wieder durch die Eltern in der Familie. Hier ist die Struktur der Familie nicht offen sexualablehnend, sondern vielmehr chronisch permissiv. Lebensfeindliche und anti-sexuelle Botschaften werden von der allgemeinen Haltung des Just do it! verdeckt. Dem Kind jeden Wunsch von den Lippen ablesen, Laissez-faire und mangelnde Orientierungshilfe durch die Eltern haben die Repression abgelöst. Dies führt zu Impulsivität. Die Eltern, die auf diese Weise ihre rationale Autorität aufgeben, geben pauschal allen Trieben des Kindes einen Freibrief, primären gesunden Impulsen, wenn überhaupt welche auftreten, aber öfter den sekundären destruktiven Impulsen, von denen es viele gibt. Dadurch kommen im Kind Verwirrung und Angst auf sowie die Unfähigkeit, emotionale Ladung aufrechtzuerhalten oder Angst zu tolerieren.
Der Wegfall der autoritären Restriktionen führte zu einer Schwächung der muskulären und zu einer entsprechenden Stärkung der okularen Panzerung. Das führt dazu, daß die Gesellschaft vermehrt von Wahrnehmungs- und Denkstörungen geprägt ist. Man denke etwa an das unkontrollierte Wuchern von abstrusen Verschwörungstheorien, das jeden rationalen gesellschaftlichen Diskurs zunehmend schlichtweg unmöglich macht. Um die durch den Augenpanzer bedingte Kontaktlosigkeit zu überwinden, wenden sich die Menschen vermehrt Ersatzkontakten zu wie ständigem Reden, übermäßigem Essen, Drogen- und Alkoholexzessen, „Fun“, insbesondere im Bereich der Unterhaltungselektronik, vor allem aber dem Konsum und „Materialismus“, der heute mit dem Begriff „Amerika“ synonym geworden ist. Außerdem „gibt es mit einer verstärkten Augenpanzerung einen verstärkten Intellektualismus, freche Unverschämtheiten und besserwisserische Rationalisierungen, mit denen destruktives Verhalten gerechtfertigt werden“.
Wie zuvor autoritäre Eltern autoritäre Kinder erzogen und sich die autoritäre Gesellschaft über Jahrhunderte und Jahrtausende selbst fortpflanzte, pflanzt sich heute die anti-autoritäre Gesellschaft fort. Wie sie ihren Anfang nahm, nämlich durch die restlos gescheiterte „sexuelle Revolution“, wird in dieser Dokumentation beschrieben. Kinder waren nur ein Störfaktoren der „sexuellen Befreiung“ der Erwachsenen. Die Orgonomie hat nichts, aber auch rein gar nichts mit dieser Art von „sexueller Revolution“ zu tun:







