Mit ‘Altruismus’ getaggte Artikel

Sexpol 2012 (Teil 2)

18. Januar 2012

Eines der Hauptprobleme bei der Vermittlung des Reichschen Werkes ist die Mär, daß „mehr Ficken“, die Menschen „befreie“. Diese Sichtweise wurde etwa von Christopher Turner in seiner leider sehr einflußreichen Reich-Biographie Adventures in the Orgasmatron vertreten. Angesichts der Zustände in der permissiven Gesellschaft sei Reich definitiv widerlegt. Reich diese Vorstellung unterzuschieben ist natürlich vollkommen absurd, da er ausführlichst gezeigt hat, daß die Menschen aufgrund ihrer Panzerung orgastisch impotent sind. Ebensogut könnte man einem Farbblinden raten, er solle in einer farbenfrohen Umgebung leben, um zu gesunden!

Wie fast immer ist in diesen falschen Anschauungen ein Körnchen Wahrheit enthalten, – das sie am Leben erhält. In diesem Fall: partielle sexuelle Entspannung ist natürlich immer noch besser als gar keine. Wie Richard A. Blasband ausgeführt hat, gilt das sowohl für Masturbation, selbst wenn man dabei Schuldgefühle hat („Q & A: Masturbation and Guilt“, Journal of Orgonomy, 11(1), May 1977, S. 116), als auch für sexuelle Perversionen, die einer sexuellen Abstinenz vorzuziehen sind („Q & A: Neurotic Sexual Relations and Abstinence“, Journal of Orgonomy, 14(1), May 1980, S. 114). Der Neurotiker kann immer einen Höhepunkt erleben, der die sexuelle Spannung reduziert, wenn auch keinen Orgasmus, der sie vollkommen beseitigt (Elsworth F. Baker: „Sexual Theories of Wilhelm Reich“, Journal of Orgonomy, 20(2), November 1986, S. 176). Dies heißt natürlich nicht, daß man Sex als Heilmittel verschreiben kann (ebd., S. 183), jedoch kann man seine Triebe frei leben, solange sie andere nicht verletzen.

Für Freud war „die Sublimierung das einzige Mittel (…), ohne Verdrängung oder Perversionsbildung die Konflikte zwischen Ich und Sexualität zu lösen“ („Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung“, Frühe Schriften, S. 131). Reich hingegen war der Ansicht, die sexuelle, d.h. genitale Befriedigung ermögliche erst die Sublimierung von prägenitalen Strebungen.

Reich unterscheidet zwischen der genitalorgastischen Befriedigung und Sublimierung auf der einen und der prägenitalen Befriedigung und Reaktionsbildung auf der anderen Seite.

Dieser qualitative Unterschied drückt sich dann auch in einem quantitativen aus: Der neurotische Charakter leidet unter einer sich ständig steigernden Libidostauung, (…) weil seine Befriedigungsmittel den Bedürfnissen des Triebapparats nicht adäquat sind; der andere, der genitale Charakter, steht unter dem Einfluß eines ständigen Wechsels von Libidospannung und ädaquater Libidobefriedigung, verfügt also über einen geordneten Libidohaushalt. (Charakteranalyse, KiWi, S. 225f)

Beim genitalen Charakter stehen Ich-Libido („Selbsterhaltung“) und Objekt-Libido („Sexualität“) in keinerlei Widerspruch, sondern bestärken einander.

In der autoritären Gesellschaft hingegen werden mit Hilfe von Drohungen, die die Selbstliebe aktiviert (Angst um das eigene Selbst, etwa infolge mehr oder weniger direkter Kastrationsdrohungen), die sexuellen Objektstrebungen in Schach gehalten. Sie kommen dann nur mehr als „Idealismus“ zum Ausdruck. Aus Sexualität wird „Altruismus“. Diese Reaktionsbildung ist beispielsweise die Grundlage des Christentums („selbstlose Liebe“).

Seit 1960 haben sich die Charakterstrukturen der Massenindividuen zusehends verändert. Im antiautoritären Individuum ist von Drohungen und Sexualunterdrückung keine Rede mehr. An ihre Stelle tritt der Terror der „Political Correctness“, etwa in Bezug auf die „Gender-Problematik“. Als Kompensation der frustrierten Selbstliebe wird die Umwelt nur noch mit der Brille des Egoismus betrachtet und entsprechend opportunistisch ausgebeutet.

Der ungepanzerte, genitale Charakter ist orgastisch potent und deshalb fähig imgrund antisoziale prägenitale Strebungen zu sublimieren, d.h. sozial fruchtbar zu machen.

Der gehemmte Charakter der autoritären Gesellschaft ist orgastisch impotent und nur zu einer Karikatur des Sublimierens fähig: aus Selbstliebe wird heuchlerische „Nächstenliebe“. Derartige Reaktionsbildungen sind, so Reich, „krampfhaft und zwangsartig“, während die Sublimierung „frei strömt“.

Es ist, als ob hier das Es in Einklag mit Ich und Ich-Ideal direkt mit der Realität in Verbindung stünde, dort hingegen bekommt man den Eindruck, als ob alle Leistungen von einem strengen Über-Ich einem sich sträubenden Es aufdiktiert würden. (ebd., S. 238f)

Beim gehemmten, „idealistischen“ Charakter kommt es zu einer krampfartigen „Stärkung der Ich-Formation in Form chronischer Abpanzerung gegen Es und Außenwelt“, während beim ungehemmten, „opportunistischen“ Charakter das Ich zu schwach ist, um antisozialen libidinösen Regungen Herr zu werden. Entsprechend ist er Spielball zahlloser neurotischer Strebungen (ebd., S. 252).

Der ungehemmte Charakter der antiautoritären Gesellschaft gibt sich ganz seinem Egoismus hin und „lebt sich aus“. Baker hat 1970 dieses prägenitale Paradies anläßlich der ersten Welle des Antiautoritarismus, d.h. der Hippie-Bewegung, folgendermaßen analysiert:

Eine solche um das Vergnügen kreisende Kultur, würde allmählich verfallen und schließlich dem Nichts anheimfallen, wie es in der Zeit der alten Griechen und Römer geschah oder wie H.G. Wells es in Die Zeitmaschine für die Zukunft visualisierte. Es stimmt, daß man dazu fähig sein muß Lust, sogar Ekstase, zu erleben, um so Spannung entladenden zu können, aber das Leben findet Erfüllung in sinnhafter und schöpferischer Arbeit, nicht indem man sich auf künstlich hinausgezögerte Weise mit seiner Partnerin bzw. seinem Partner herumrekelt. Derartige Liebesspiele sind kein Ausdruck von Genitalität, vielmehr sind sie infantil mit oralen und masochistischen Komponenten. (Leserbrief an den „Playboy“, Journal of Orgonomy, 5(1), S. 116f)

Jenseits der Tragödie der menschlichen Existenz

2. Dezember 2010

Biologisch sind wir Herdentiere und hängen sozial und ökonomisch voneinander ab. Dies wird am offensichtlichsten in der selbstaufopfernden Beziehung der Eltern zu ihrem Kind. Leben beruht auf Solidarität, der „altruistischen“ Aufopferung der Alten und Verbrauchten für das Junge und Neue. Dies Opfer ist allein schon in der Unerbittlichkeit der Generationenfolge gegeben. Bei manchen niederen Tieren werden die Alten von den Jungen aufgefressen. Und bei den höheren Tieren ist das Säugen ganz offensichtlich eine Art von „Kannibalismus“. Eltern sagen zurecht: „Ich habe mich für Dich aufgeopfert.“ Das gleiche läßt sich über das Verhältnis der Geschlechter sagen. Hat das Männchen bei manchen niederen Tieren seine biologische Schuldigkeit getan, stirbt es oder wird sogar vom Weibchen gefressen.

Nachdem die matriarchale Welt patriarchal wurde, hat es eine Umkehr dieser Verhältnisse gegeben: das Junge wird für das Alte geopfert, die Frau soll für das Wohl des Mannes sorgen. Nach dem katholischen Katechismus ist die Frau dem Mann zu seiner Hilfe beigesellt. Biologisch ist es wohl aber eher umgekehrt. Im islamisierten ursprünglichen Saharasia schuften die Frauen für die Männer und in Ländern wie Indien, sind es die Frauen, die geopfert werden, wenn ihr Mann stirbt. Dies kündigt sich schon in der alttestamentlichen Geschichte vom Helden Jefta an, der Gott seine Tochter opfert (Ri 11,39), und so das alte matrilineare Erbrecht beseitigt, während Jahwe Isaak rettete. Hagar, die Abraham Ismael gebar, wurde später zusammen mit ihrem Sohn in die Wüste geschickt (Gen 21,9ff). Interessanterweise sind die vertriebenen erstgeborenen der Bibel (Kain, Esau) jeweils Vertreter des Matriarchats.

Bei uns im Westen wälzen sich die „emanzipierten“ Erwachsenen im ekligen Hedonismus, sie vernachlässigen ihre Kinder und pfeifen auf die Zukunft nachfolgender Generationen (Schuldenkrise, Umweltverschmutzung, „Migration“, etc.). Der egozentrische Individualismus der Erwachsenen führt zur emotionalen Verwahrlosung der Kinder und zur demographischen Katastrophe. Niemand will sich mehr für die Kinder aufopfern, dabei ist die zweite Hälfte des Lebens ohnehin die Zeit des Verfalls und der Erstarrung. Man kann dem egoistischen, sich ausschließlich seiner Lust hingebenden alternden Menschen vorwerfen, daß er nie ganz erwachsen wird, sondern immer Kind bleibt. Wir sollten uns an den Trobriandern orientieren: die jungen Leute können noch ganz frei ihr Leben leben, aber ab einem gewissen Alter geht es nicht mehr um Selbstverwirklichung, sondern einzig und allein um die Erhaltung des Mutterclans.

Diametral entgegensetzt zum patriarchalen Glauben ist die Selbststeuerung etwas für Kinder, während die Erwachsenen zu lernen haben, dem Gesetz Folge zu leisten. Es gibt für sie eine Instanz die über ihnen steht, das aufsteigende Leben. Das Lustprinzip, das das Leben der Kinder regiert, muß langsam in die Anpassung des Erwachsenen an die harte Realität der Verantwortung für die (zukünftige) Welt übergehen, die jeder einzelne von uns zu tragen hat.

Predige ich Märtyrertum, Gedrücktheit und Entsagung? Hat nicht Reich Lebensfreude gegen Pflicht, Selbststeuerung und Arbeitsfreude gegen Zucht und Ordnung, natürliche Sexualität gegen Opferung gestellt?
Da ist die natürliche Entwicklung, gegen die wir sowieso nichts machen können. Reich schreibt, daß sich der Mensch

etwa bis zum 30. Lebensjahre, wenn er nicht durch seine wirtschaftliche Lage allzu sehr zu Boden gedrückt wird, in ständiger seelischer Entwicklung (befindet). Erst um diese Zeit pflegen sich im Durchschnitt die Interessen zu festigen, dauernde zu werden. (Die Sexuelle Revolution, S. 138)

Menschen sind nur in jungen Jahren kreativ, d.h. solange Wachstum und der Drang zur Überlagerung vorhanden sind. Der Mensch will leben, wie er Lust hat, und da mit steigendem Alter die Wahlmöglichkeiten schwinden, ist es nur natürlich, wenn man keine Lust mehr zu leben hat. Die Erwachsenen haben ihre Jugend, d.h. ihre Zukunft hinter sich. Auf der Insel Oloa in West-Samoa ist es sogar üblich, daß man mit 40 Selbstmord begeht, weil der schönste Teil des Lebens vorbei ist. Die Ureinwohner können das Häßlichwerden nicht ertragen.

Die einzige Lösung dieses Dilemmas ist die „altruistische“ Selbstaufopferung, durch die man zur Funktion eines höheren Organismus, z.B. der Mutter Erde oder „der Zukunft“, wird. Im Alter braucht man eine Aufgabe, die einen in Schwung hält, den Lebensfunken nährt, dem ganzen einen Sinn gibt und so den natürlichen karzinomatösen Zerfall aufhält. In der zweiten Lebenshälfte wäre die Suche nach dem Glück als „sinnloser“ Selbstzweck nur noch Kinderei und sowieso ziemlich traurig, ohne Perspektive und Hoffnung, da wir dann sowieso nur auf Abruf, d.h. auf den Tod hin leben. Unsere Zukunft ist einzig und allein in den Kindern gegeben.

Mich hat immer beeindruckt, welch ein Glück Menschen ausstrahlen, die ein aufopferndes Leben führen. Das süße Lächeln des „Helden“, der für zukünftige Generationen arbeitet und so zur Funktion einer unvergänglichen Sache wird.

Heroismus – das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt. Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergange. (Nietzsche: Studienausgabe, Bd. 10, S. 37)

In der griechischen Tragödie wird die Größe des Helden durch seinen Untergang bezeugt. Er geht ohne Schuld zugrunde. Im Christentum hat sich dies verändert, denn für es ist das Schicksal des Helden eine moralische Anklage. Immerhin kann man aber Christus als den archetypischen Führer betrachten, der sich aus Verantwortungsgefühl für seine Jünger opfert, um so die Häscher von ihnen abzubringen: „Niemand liebt mehr als der, der sein Leben für seine Freunde opfert“ (Joh 15,13). Ähnliches klingt auch schon bei Moses an, der auf das Abarim-Gebirge steigt und von dort über das verheißene Land blickt, das er selbst nicht mehr betreten wird, da er dort oben sterben muß (Num 27,12f). Aus dem Selbstopfer Jesu wurde die Kirche, aus dem von Moses Israel.

Das Opfer des Helden zeigt, daß die Gemeinschaft mehr wert ist als der Einzelne. Während der Heros also die Gemeinschaft verkörpert, ist der Verbrecher das Gegenteil. Man vergleiche die glücklichen Gesichter der Helden mit den leeren Gesichtern der verbrecherischen Drohnen. Diese sinnlosen amoralischen Kreaturen geben vor Selbstzweck zu sein, aber dies ist eine Lüge, da ihr Ende der Tod sein wird – sie sind bereits tot. Sie können so viele Menschen opfern, wie sie wollen, genauso wie ihre eigene Jugend von den damaligen Alten geopfert wurde, es gibt für sie doch kein entkommen.

Es bleibt doch merkwürdig, wie sehr Menschen, die kaltblütig die Köpfe von Millionen fordern, für ihr eigenes lumpiges Leben in Sorge sind. Es muß da ein Zusammenhang bestehen. (Ernst Jünger)

Diese Ausführungen finden Unterstützung in den neusten Ergebnissen der sozialpsychologischen Forschung. In seinem allmonatlichen Beitrag zum Thema „Geist & Gehirn“ fragt der Herausgeber der Nervenheilkunde (12/2010), Manfred Spitzer, „Wie werden wir glücklich?“

Nun, Daten des „German Socio-economic Panel“, das sich über ein Vierteljahrhundert hinzog und insgesamt 60 000 Personen erfaßt hat, erwiesen,

daß Menschen, die sich um andere kümmern, mit ihren Leben zufriedener sind. Dies betrifft sowohl den Bereich des allgemeinen Sozialen (Freunde, häufige Besuche, soziale Aktivitäten und politische Aktivitäten) als auch (zu einem etwas geringeren Grad) den Bereich Familie und Kinder. Ebenfalls ließ sich mit den Daten aus der Studie die bereits mehrfach in anderen Studien aufgetauchte Vermutung belegen, daß das Streben nach Karriere und materiellen Gütern die eigene Lebenszufriedenheit negativ beeinflußt.

Bemerkenswert sind auch die spezifischen Geschlechtsunterschiede: Sowohl bei Männern als auch bei Frauen macht nicht etwa ein zu viel an Arbeit, sondern eher ein zu wenig unglücklich. Bei Männern wirkt sich Arbeitslosigkeit jedoch besonders verheerend auf das Lebensglück aus. Und was das Verhältnis von Arbeit, Karriere einerseits und Familienglück andererseits betrifft folgt aus der Datenerhebung zwingend,

daß die emanzipatorischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte zu einer deutlichen Verminderung der Lebenszufriedenheit und des Lebensglücks von Frauen beigetragen haben müßten.

Viel Spaß auf dem Egotrip. Seit 40 Jahren macht ihr linken Pestratten euch selbst kaputt und tretet dabei ganz nebenbei dieses Land in die Tonne. Fahrt zur Hölle!

Eva Herman weiß aus eigener leidvoller Erfahrung, wie die Emotionelle Pest funktioniert.

Reich und Nietzsche (Teil 2)

29. März 2010

Dem verstorbenen deutschen Orgontherapeuten Walter Hoppe zufolge verband Schopenhauer seinen Begriff des Willens, der eine zentrale Bedeutung in der Philosophie Nietzsches erlangen sollte,

mit der Sexualenergie, die er [Schopenhauer] als identische Kraft mit der Natur schlechthin zur Darstellung bringt. Der Wille schreibt er, ist ebenso wie die Sexualität eine Kraft, der der gesamten Natur zugrunde liegt, die Kraft, die Liebhaber und Planeten anzieht. (Wilhelm Reich und andere große Männer der Wissenschaft im Kampf mit dem Irrationalismus, München 1984)

So ist auch Nietzsches „Wille zur Macht“ zu verstehen, als Ausdruck des orgonomischen Potentials, das Energie vom niedrigeren zum höheren Niveau fließen läßt. Er schreibt 1888:

Das Leben als die uns bekannteste Form des Seins ist spezifisch als Wille zur Akkumulation der Kraft –: alle Prozesse des Lebens haben hier ihren Hebel: Nichts will sich erhalten, alles soll summiert und akkumuliert werden. (Umwertung aller Werte, der gesammelte Nachlaß)

Und „sollten wir diesen Willen nicht als bewegende Ursache auch in der Chemie annehmen dürfen? – und in der kosmischen Ordnung?“

Im Nachlaß sind auch Anklänge an den spezifisch orgonomischen Bewegungsbegriff zu finden:

Die Bewegungen sind nicht „bewirkt“ von einer „Ursache“ (das wäre wieder der alte [aristotelische, PN] Seelenbegriff!) – sie sind der Wille selber, aber nicht ganz und völlig!

1881 oder 82 hat Nietzsche seinen folgenden „Hauptgedanken“ formuliert, der zeigt, wie er wohl den anthropoiden „theistisch patriarchalen Gott“ für tot erklärte, aber gleichzeitig die Entdeckung des wirklichen „Gottes“ als Ausdruck der Vereinigung von organismischer und kosmischer Orgonenergie ohne „mystische Abweichung“ vorwegnahm (der große Mittag und die Ewigkeit“, „das kosmische Ich“, etc.) und damit nach Kopernikus, Bruno und Darwin das letzte illusionäre Zentrum (das Ich) aufhob:

Hauptgedanke! Nicht die Natur täuscht (…) die Individuen (…), sondern die (…) legen sich alles Dasein nach individuellen, das heißt, falschen Maßen zurecht (…) In Wahrheit gibt es keine individuellen Wahrheiten, sondern lauter individuelle Irrtümer – das Individuum selber ist ein Irrtum. (…) Wir sind Knospen an einem Baume, – was wissen wir von dem, was im Interesse des Baumes aus uns werden kann! Aber wir haben ein Bewußtsein, als ob wir alles sein wollten und sollten, eine Phantasterei von „Ich“ und allem „Nicht-Ich“. Aufhören, sich als solches phantastisches Ego zu fühlen! (…) Den Egoismus als Irrtum einsehen! Als Gegensatz ja nicht Altruismus zu verstehen! das wäre die Liebe zu den anderen vermeintlichen Individuen. Nein! Über „mich“ und „dich“ hinaus! Kosmisch empfinden! (Kritische Studienausgabe, Bd. 9, S. 442f)

Wo Nietzsche 1875 schrieb: „auf immer trennt uns von der alten Kultur, daß ihre Grundlage durch und durch für uns hinfällig geworden ist“ und bis auf die Vorsokratiker zurückging, schrieb Reich: „der orgonomische Funktionalismus steht von vornherein außerhalb des Rahmens der maschinell-mystischen Zivilisation“ der letzten 6000 Jahre (Äther, Gott und Teufel).

Beide hatten jenen „Durst nach großen und tiefen Seelen – und immer nur dem Herdentier zu begegnen!“ (Nietzsche) – Reichs „Kleiner Mann“. Beide sind schließlich an gebrochenem Herzen gestorben „alone, like a dog“ (Reich); im Bewußtsein des Kleinen Mannes, der es schon immer besser wußte, in Scham und Schmach verreckt. Nietzsche nannte sich in einer, einen Tag nach seinem endgültigen Zusammenbruch verfaßten, Postkarte „Der Gekreuzigte“.

Wie etwa ein Goethe mußten sie sich in ihrer Einsamkeit mit Christus identifizieren, als Gebende denen ewig die Lust des Nehmens verwehrt sein würde, als Werkzeug einer höheren Macht, unfreiwillig sich opfernd für die Sache des „Übermenschen“ – dem „Kind der Zukunft“.

Ich liebe den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nichts zurückgibt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren. (Also sprach Zarathustra)

Ich könnte auch viel Schlechtes über Nietzsche schreiben – ich laß es:

Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen willl, blickt um so schärfer nach dem, was niedrig und Vordergrund an ihm ist – und verrät sich selbst damit. (Jenseits von Gut und Böse, S. 228)


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