Zu einem bestimmten Zeitpunkt, als sich der Mensch von der übrigen Natur abspaltete, begann er mit der Niederschrift seiner Geschichte. Aber warum traf das Niederschreiben der Geschichte mit dieser Abspaltung zusammen? Jetzt beginnt der Mensch mit einer Bewegung zurück zur Natur, obgleich er sich dessen nicht bewußt ist… Es ist ein enormes Problem – dieses zeitliche Zusammentreffen von Geschichtsschreibung und dem Abwenden von der Natur. (Wilhelm Reich, 1948 zu Myron Sharaf, Journal of Orgonomy, March 1969, S. 118f)
Für Freud war der Ödipus-Komplex das zentrale Geschehen. Er schlägt sich beispielsweise im „Familienroman der Neurotiker“ (1909) nieder, demzufolge der im realen Leben enttäuschende Vater tatsächlich ein ganz anderer ist, ein Held, ein König, etc. Für Reich war der zentrale Mythos der Menschheit geradezu gegensätzlich geartet: nicht der Sohn opfert in seiner Phantasie den Vater, sondern umgekehrt der Vater opfert ganz real den Sohn – der „Christusmord“. Für Reich war in dieser Hinsicht Christus und der Mord an ihm in der Tat „das Alpha oder das Omega“, ähnlich wie in der Psychoanalyse der Ödipus-Komplex das A und O ist.
Betrachtet man nun die Geschichte und die Mythen der Völker, stößt man auf eine Illustration von Reichs Buch Christusmord nach der anderen. Der zentrale Mythos des Christentums ist derartig in die Geschichte eingezeichnet, daß manche sogar davon ausgehen, die gesamte Weltgeschichte sei von Christen geschrieben, also kaum mehr als „der Familienroman der Menschheit“. Siehe dazu beispielsweise die Arbeit des russischen Mathematikers Anatolij T. Fomenko.
Vor einigen Jahren habe ich folgende Rezension eines Buches eines dieser Chronologiekritiker auf meine Netzseite plaziert, später dann aber wieder zurückgezogen, weil mir die Sache denn doch zu wenig zum Thema Orgonomie zu passen schien:
Christoph Pfister: DIE MATRIX DER ALTEN GESCHICHTE
Bei seinem geschichtskritischen Ansatz geht der promovierte Historiker Pfister von der folgenden persönlichen Beobachtung aus: In der Nähe von Bern fand man die Fundamente von drei „gallorömischen Vierecktempeln”, die angeblich im 3. Jahrhundert zerstört wurden. Über einem dieser Sakralbauten wurde, wieder angeblich, 1000 Jahre später (ca. 1340) eine Kapelle errichtet, die dann in der Reformationszeit zerstört wurde. Pfister fragte sich, wie um alles in der Welt man nach 1000 Jahren noch wissen konnte, wo ein Kultbau der Kelten oder Römer gestanden hatte. Das wäre für uns Heutige das Jahr 1003!
Wir haben es mit dem Gegensatz zwischen einer funktionalistischen Geschichtsforschung zu tun, die sich am archäologischen Befund, am eigenen Augenschein, am vorurteilsfreien, unverbildeten Menschenverstand, „an der Natur” orientiert und einer mechano-mystischen „Geschichtswissenschaft”, die sich an Bücher hält, die ein „Wissenschaftler” vom anderen abgeschrieben hat. Diese Kette beginnt mit den antiken und mittelalterlichen Schriftquellen, – die durchweg aus dem 16. oder 17. Jahrhundert stammen bzw. zu dieser Zeit „aufgetaucht” sind.
Die Grundaussage von Pfisters Buch lautet, daß einigermaßen gesicherte geschichtliche Kenntnisse bereits ausfransen, wenn man nur 400 Jahre zurückgeht. Mit jedweder Gewißheit ist endgültig Schluß ab etwa dem Jahr 1500 und Geschichte geht über in Geschichtsdichtung, die sich in ihrer Substanz kaum von den Romanen Tolkiens unterscheidet. Das einzige, was einer seriösen Geschichtsforschung bleibt, ist das Herausarbeiten der Konstruktionsmerkmale der beiden Perioden, „Mittelalter” und „Altertum”, die im 16. Jahrhundert erfunden wurden.
Damals ging man wohl so ähnlich vor wie heutigentags bei den diversen Star Trek-Fernsehserien und -Kinofilmen. Ausgehend von den Abenteuern von Captain Kirk, dem Vulkanier Spock und den anderen Crewmitgliedern von „Raumschiff Enterprise” wurde innerhalb von knapp vier Jahrzehnten eine facettenreiche zukünftige Geschichte der Menschheit kreiert, wobei man sich bei jeder Produktion jeweils an den vorangegangenen Machwerken orientierte. Das mußte natürlich immer wieder zu schmerzlichen Ungereimtheiten führen, die bei einer einheitlichen Planung nicht aufgetreten wären.
In der alten Geschichte findet man eine solche auffällige Verwerfung im Mittelalter, das, weil viel zu lang (1000 Jahre!), als daß man es durch einfache Verlängerung der Neuzeit in die Vergangenheit und Dehnung der Antike hätte schließen können, mehr schlecht als recht durch die Hilfskonstruktion „karolingische Zeit” aufgefüllt wurde. Entsprechend ist bei „Karl dem Großen” die Fiktionalität der alten Geschichte am augenfälligsten. Insbesondere Heribert Illig hat sich mit der Bloßlegung dieser grotesken Geschichtsfälschung hervorgetan. (Es ist traurig, daß er von Pfister mit keinem Wort erwähnt wird!)
In der Zeit der „Reformation” wurde der nicht näher bestimmbare und nur lokal organisierte synkretistische „Arianismus” – wie wir ihn vielleicht noch heute in der schiitisch-schamanistischen Mischreligion des anatolischen Alevismus vor uns haben? – durch die dogmatischen Religionen der Lutheraner, Calvinisten, Katholiken, Orthodoxen, Juden und nicht zuletzt auch der Sunniten und Schiiten mit Hilfe von Glaubenskriegen, Inquisition und „Hexenverbrennungen” ausgerottet. Um die alte Religion vergessen zu machen, wurde, ähnlich wie später in den Kolonialgebieten, die Erinnerung an die Vergangenheit von der organisierten und schwerbewaffneten Emotionellen Pest ausgelöscht und „Geschichte geschrieben”.
Wie die Blaupause der alten Geschichte geartet war und mit welcher Technik diese „Matrix” ausgefüllt wurde, kann man sich sehr schön anhand des besagten „Arianismus” vergegenwärtigen. Benannt wurde er nach Arianus, der im Jahre 325 unter KONSTANTIN zum Erzhäretiker erklärt wurde. Arianus entspricht ein Jahrtausend später (1415) dem fast namensgleichen Jan Hus, der auf dem Konzil in KONSTANZ inhaftiert und dann verbrannt wurde. Dieses fiktive Konzil wird auch im Buch Esra des Alten Testaments beschrieben, wo Jan Hus als Johanan (die hebräische Namensform von Johannes = Jan) auftritt, – der in einer „Tempelzelle” eingesperrt ist.
Dergestalt wurden die Epochen mit Variationen immer der gleichen Geschichten aufgefüllt, die der religiösen Erbauung dienten. Zum Beispiel: wer vom Glauben abfällt, den bestrafen die Ostgoten, Vandalen und Alemannen als Geißel Gottes, und da diese arianischen, bzw. heidnischen Völkerschaften in ihrem Unglauben verstockt blieben, verschwanden sie, im Gegensatz zu den katholischen Franken, schließlich aus der Geschichte. Mit Variationen und mit einem fiktiven Zeitkolorit verfremdet hat das Alte Testament den gleichen Inhalt. Wobei es natürlich die Ostgoten, Vandalen und Alemannen genausowenig gegeben hat, wie etwa Philister, Samaritaner oder Midianiter.
Allein schon die Zeitrechnung „ab Christi Geburt” ist ein zynischer Scherz! Sie wurde angeblich im Jahre 525 von dem in Rom wirkenden „skythischen (sic!) Mönch” Dionysius Exiguus eingeführt. Die Schrift aus dem 6. Jahrhundert, die diese Geschichte enthält, wurde aber erst im 17. Jahrhundert in Frankreich „entdeckt”. Zu einer Zeit, als das Zahlengerüst der alten Geschichte, an dem sich noch heute die Historiker orientieren, von dem Franzosen Denis Pétau, latinisiert Dionysius Petavius (1583-1652), ausgearbeitet wurde. In Pétau steckt das französische Wort „petit”, klein. Und was bedeutet das lateinische Wort „exiguus”? „Klein, schmächtig”!
Daß die gesamte Geschichtsschreibung wirklich nichts anderes ist als Dichtung im Dienste der Theologie, wird z.B. auch an der einzigen Quelle für das frühe Rom deutlich: Titus Livius, der angeblich im 1. Jahrhundert v.Chr. schrieb – und dessen Schriften im 16. Jahrhundert „entdeckt” wurden. Auffällig sind die vielen Parallelen zu den Erzählungen des zur gleichen Zeit (16. Jahrhundert!) verfaßten Alten Testaments. So entsprechen z.B. die sieben Könige Roms (die wiederum Alter Egos bei den spätrömischen Kaisern haben) den alttestamentarischen Königen.
Ein Hauptelement der Geschichte, die Livius zu erzählen hat, ist die Emanzipation der Plebejer (= Christen) gegenüber den Patriziern (= Heiden) während der sage und schreibe 400 Jahre andauernden römischen Republik. Die Plebejer ziehen dreimal in der Geschichte der Republik protestierend aus der Stadt (= Ägypten) auf einen von Livius nicht näher lokalisierten „heiligen Berg”, um für ihre Bürgerrechte zu demonstrieren. Schließlich erhalten sie den geforderten gesetzlichen Schutz, z.B. das „Zwölftafelgesetz”. Der heilige Berg der Plebejer = Christen, bzw. der Juden = „Judices” (die Richter, die das lateinische Recht, „Jus”, vertreten, „das Volk des Gesetzes”), ist der Vesuv = der Sinai. Der Auszug der Juden aus Ägypten ist in Wirklichkeit der Auszug aus der ägyptischen Religion. (Dazu muß man wissen, daß Rom wahrscheinlich einst eine ägyptische Provinz war.) Das Heilige Land „Kanaan” ist die Region Kampanien am Fuße des Vesuvs. Jerusalem ist das himmlische Rom.
Auch in der Figur des Jesus Christus finden sich viele römische Elemente, etwa die des Sklaven Spartakus (sozusagen ein Super-Plebejer), der gekreuzigt wurde, und die des armen Mönches Hildebrand, der zur Zeit der Ottonen, also tausend Jahre „nach Christus” nach Rom pilgerte und zum Papst Gregor VII. gewählt wurde. Auf ihn geht der weltliche Machtanspruch der Kirche, die strenge Hierarchie und nicht zuletzt das Zölibat zurück. (Die ins Auge springende schizoide Doppelgesichtigkeit Jesu – Spartakus/Cäsar, Mönch/Pontifex Maximus, Pazifist/herrschsüchtiger Gewaltmensch – wird von mit in Der verdrängte Christus thematisiert.)
Pfiester zufolge gehört das „antike Griechenland” ins 15. Jahrhundert und ist ein Produkt der Landnahme, die Spaniens, Frankreichs und Italiens, die von Griechenland, Kleinasien und die Levante bis hinunter nach Ägypten und weiter nach Tunis reichte. Diese Eroberungen zeigen sich, Pfister zufolge, in den vollendet spät-gotischen Prachtbauten im Nahen Osten, die zur Zeit der angeblichen Kreuzzüge vollkommen undenkbar sind, – und nicht zuletzt in den durchweg iberischen, gallischen und italischen Orts- und Landschaftsnamen dieser Gebiete. Auch erklärt sich mit der religiösen Rechtfertigung der imperialistischen Landnahme zwanglos, warum das Heilige Land Kampanien vom Fuße des Vesuvs in die Levante versetzt wurde („Kanaan”) und warum aus dem Höhenheiligtum Präneste, dem heutigen Palestrina in der Nähe Roms, das Land der Höhenheiligtümer „Palästina” wurde.
Die Expansion nach Osten, dieser Kampf zwischen dem Gallier („de Gaulle”!) Goliath und dem einheimischen „Palästinenser” David, war m.E. die Initialzündung für die Ausbildung des Islams. Ähnlich wie im 20. Jahrhundert der Marxismus in Osteuropa und der Dritten Welt war im 16. Jahrhundert der sich formierende Islam eine antiwestliche „Befreiungstheologie”, die vom Westen inspiriert und inhaltlich geformt wurde – bis zur „kulturrevolutionären” Auslöschung der eigenen Kultur des Mittleren Ostens, die konsequent nach westlich-christlichen Muster „arabisiert” wurde (ein Prozeß, der bis heute andauert!).
Was hat die Humanisten des 16. und 17. Jahrhunderts, also Leute wie den erwähnten Denis Pétau oder etwa seinen Vorläufer Joseph Justus Scaliger (der Begründer der „wissenschaftlichen Chronologie”), zu ihrer verheerenden Fälschungsaktion bewegt? Aus dem „reformatorischen” Geist der Zeit heraus konnte Geschichte nichts anderes sein als Heilsgeschichte. Offenbar wollte man den Kult um die mythische Christus-Figur sichern und zum alleinigen Glauben machen, indem man bis in die kleinsten Einzelheiten hinein eine mehrtausendjährige angeblich profane Geschichte um diese sozialrevolutionäre Erlösergestalt herum konstruierte. Eine Geschichte, die die christliche Theologie perfekt illustriert und „konkretisiert”. Dagegen hatten die anderen Kulte, etwa der des Mithras, nichts aufzubringen: Kopf schlägt Bauch! Geschichte schlägt Mythos! Der Appell an die asozialen „kulturrevolutionären” Entwurzelten schlägt gewachsene Strukturen! Oder mit anderen Worten: das Christentum ist die Urform des Roten Faschismus. (Wie schon Nietzsche feststellte, vgl. Der verdrängte Nietzsche.)
Hinter der Matrix standen „modern liberals” (siehe Der politische Irrationalismus aus orgonomischer Sicht). Das vollständig vom bioenergetischen Kern abgetrennte Denken zeigt sich in ihren im wahrsten Sinne des Wortes „abgehobenen” Konstruktionen und dem von ihnen geschaffenen Alp eines impotenten, verbitterten Intellektuellen-Gottes, der wirre Bücher voll Frauenverachtung, abartiger Gewaltphantasien und das „Jüngste Gericht” schreibt. Ein harter und rachsüchtiger Gott, der, wie Nietzsche in Also sprach Zarathustra anmerkt, sich eine Hölle zum Ergötzen seiner Lieblinge erbaute. (Zum [sexual-]ökonomischen Hintergrund der Vorliebe für die „unterdrückten Massen” im 16. Jahrhundert siehe Ökonomie und Sexualökonomie.)
Leider durchschaut Pfister den charakterologischen Hintergrund der Matrix nicht. Aber immerhin scheint ihre quasi „marxistische” Natur durch, wenn er z.B. im Zusammenhang mit dem fiktiven Spartakus-Aufstand schreibt: „Die Sklaven sind im Grunde immer siegreich, was beweist, daß das Christentum siegen wird. Nur die Zeit ist noch nicht reif für die religiöse Wende” (S. 92). Hier wird förmlich greifbar, daß später der Marxismus (der moderne „Spartakismus”, der zwangsläufig siegen wird, wenn „die Zeit reif ist”!) an der erfundenen christlich-humanistischen Heilsgeschichte weitergestrickt hat. Auf S. 390 sieht Pfister eine Parallele zwischen der einstigen dem Untergang geweihten Sowjetideologie und der heutigen theologisch inspirierten „Geschichtswissenschaft” – die ebenfalls dem Untergang geweiht ist. (Es ist sicherlich kein Zufall, daß Pfisters Hauptquelle, ohne die sein Buch undenkbar wäre, Fomenko ist. Russen wissen aus erster Hand, daß ganze Gesellschaften in einer „Matrix” leben können – in einem Gespinst aus Lüge und Manipulation.)
Was mich im Nachhinein skeptisch gemacht hat, ist beispielsweise die Aufarbeitung der Hexenprozesse. Mit den exakt datierten Gerichtsakten, die den Alltag, den religiösen Glauben und die politischen Verhältnisse dokumentieren, haben Historiker die „schwarze Legende“ widerlegt. Die Inquisition war schlimm, aber kein „Holocaust“, dem Millionen zum Opfer gefallen sind. Wer hätte all diese Geschichtsdokumente fälschen sollen? Und dann auch noch so, daß sie der offiziellen Geschichtschreibung widersprechen!
Chronologiekritiker sehen, wie einst Schopenhauer, daß ganz entgegen den Behauptungen Hegels sich die Geschichte in einer „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ zu erschöpfen scheint. Daraufhin fassen sie den Geschichtsverlauf so zusammen, daß sie uns schließlich eine konzise „Geschichte“ vorlegen können. Kann es nicht aber auch so sein, daß die Menschheit auf neurotische Weise immer und immer wieder das gleiche Christusmord-Geschehen durchexerzieren muß und daß dieser „Wiederholungszwang“ die Menschheitsgeschichte zu einer derartig öden und unlogischen Geschehensabfolge machte?








