Mit Reichs „Jugendfreund“ William S. Schlamm habe ich mich bereits an anderer Stelle ausführlich auseinandergesetzt. Auf dem 5. Parteitag der KPÖ von 1922 wurde Reichs Freund Schlamm der Jugendvertreter im neuen Exekutivkomitee der Partei, das sich zusammensetzte aus F. Koritschoner, K. Tomann, Dr. J. Frey, A. Ströhmer, Dr. P. Friedländer, Kastner, Richter, F. Gruber, J. Riehs, Kern und Tober (Herbert Steiner: Die Kommunistische Partei Österreichs von 1918-1933, Wien 1968). Josef Frey ist bereits im letzten Teil des Roten Fadens aufgetaucht. Man kannte sich!
1927, auf dem 9. Parteitag der KPÖ, wurde Schlamm Mitglied des ZK neben Johann Koplenig, G. Fiala, F. Honner, A. Ziegler, J. Riehs, Schönfelder, A. Ströhmer, A. Ketzlik, F. Kammerer, O. Benedikt, Schevecik, Futterer, Kersche, Hanska, Schmidtberger, G. Wegerer, Cagran, Pusterhofer, Scherhaufer, Bohl und G. Lande.
Vor dem 10. Parteitag im Januar 1929 kristallisierten sich zwei Fraktionen innerhalb der Partei an der Frage aus, ob die gegenwärtige Stabilisierung des Kapitalismus in Österreich nur zeitweise sei oder dauerhaft Bestand haben werde. Als Führer der Komintern hatte Stalin verkündet, daß die Stabilisierung des Kapitalismus in der Westlichen Welt nur eine vorübergehende Erscheinung sei und daß eine Krise des Kapitalismus unmittelbar bevorstehe. Die Minderheitsfraktion sprach sich auch gegen Stalins „Sozialfaschismustheorie“ aus und leugnete, daß sich die SDAP (die sozialdemokratische Partei Österreichs) nach rechts bewege. Dieser Minderheit gehörten Schönfelder, Schlamm und J. Riehs an. Eine Abstimmung ergab 88% für die Mehrheit, 7% für die Minderheit und 4% Unentschiedene. (Wie wir im letzten Teil gesehen haben, stand Reich auf der Seite der Mehrheit und damit auf Stalins Seite!)
Otto Benedikt griff die „opportunistische Minderheit” an, die die Massen vom Kampf abhalten wolle und die Positionen des sozialdemokratischen „Austromarxismus“ teile. Während Schlamm sich im Februar in seinem offiziellen Bericht über den Parteitag gegen den Kurs der Komintern aussprach und die Meinung von Bucharin hinsichtlich der Stabilisierung des Kapitalismus teilte, die den linksradikalen Thesen Stalins widersprach (ebd.).
Man sieht, vor den Stalinistischen Säuberungen gab es zumindest Ansätze einer innerparteilichen Demokratie in den kommunistischen Parteien! Es war ziemlich genau zu dem Zeitpunkt endgültig Schluß damit, als Reich sich den Kommunisten anschloß. Der renitente „Rechtsabweichler“ Schlamm wurde aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, während sein Freund Reich zu Beginn der konsequenten „Stalinisierung” Mitglied wurde. Er wurde damit ein Todfeind der „Rechtsabweichler“ und der „Sozialfaschisten“ (Sozialdemokraten). Dazu muß man wissen, daß damals praktisch alle Psychoanalytiker, wie zuvor auch ganz selbstverständlich Reich, Sozialdemokraten waren!
Das durch den Justizpalastbrand von 1927 und durch das Verhalten der „sozialdemokratischen Psychoanalytiker“ desillusionierte SDAP-Mitglied Reich wurde 1928 durch die ärztliche Kollegin Marie „Mizzi“ Frischauf-Pappenheim (1882-1966) an den Kommunismus herangeführt.
Reich erwähnt Frischauf in Reich Speaks of Freud (London: Penguin Books, 1975, S. 82). Das ist jedoch die einzige Erwähnung in der gesamten orgonomischen Literatur und wird in keinster Weise der ungeheuren Bedeutung dieser Frau für Reichs Entwicklung von einem biederen Sozialdemokraten zu einem militanten Kommunisten gerecht. Ohne sie gäbe es vermutlich heute keine Orgonomie, da der Weg von der Psychologie (Psychoanalyse) zur Orgonbiophysik einzig durch die Soziologie, d.h. die praktische Arbeit mit den Massen, führen konnte! Jeder andere Weg wäre im Mystizismus a la Georg Groddeck versandet.
Karl Fallend zufolge, auf dessen Wilhelm Reich in Wien (Wien-Satzburg 1988) ich mich im folgenden beziehe, war sie eine kommunistische Ärztin mit einem psychoanalytischen Hintergrund, der sehr weit zurückreichte. Sie war jedoch kein Freudianer. Ihr Ehemann Hermann Frischauf (1879-1942), ein Jugendpsychiater, hatte sehr enge Verbindungen zur Psychoanalyse. Er war zwar ein Linker, aber kein Kommunist.
Marie Frischauf war seit Gründung der KPÖ Mitglied der Partei. Als Hautärztin (also u.a. Spezialistin für Geschlechtskrankheiten) hatte sie ihre Praxis und Wohnung in der Rathausstaße 11, im 1. Wiener Gemeindebezirk. Sie war eine vollständig loyale Kommunistin. Fallend glaubt, daß diese Einstellung auf Reich abgefärbt hat.
Sie war anwesend, als Reich am 10. Oktober 1928 vor der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung über „Wohin führt die Nackterziehung?“ sprach (Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik, Bd. 3, Nr. 2/3, Nov./Dez. 1928, S. 44-50, später aufgenommen in Die Sexuelle Revolution).
Es ist die erste Veröffentlichung, die Reichs politische Radikalisierung anzeigt. Daß sich diese Radikalisierung organisch aus der Orgasmustheorie entwickelt hat, zeigt sich daran, daß Reich in diesem Aufsatz mit der ihm eigenen Radikalität eine grade Linie von der Nackterziehung zum Umsturz der bürgerlichen Gesellschaftsordnung zieht. Dabei wird deutlich, daß hinter Reichs politischem Extremismus etwas steht, was man als „revolutionäre Kompromißlosigkeit des Sexualtriebes“ bezeichnen könnte. Hat man sich einmal liberal für die Sexualbejahung entschieden, zwingt einen der Charakter des Sexualtriebes bis zum logischen Ende, wenn man nicht wieder der alten Sexualverneinung anheimfallen will, nicht ohne vorher sein Kind durch das Hin und Her der pseudoliberalen Kompromisse in zusätzliche Konflikte gestürzt zu haben. Reich stellt sich, was die genitalen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen angeht, gegen die einfache Lösung, die die übrigen Psychoanalytiker anbieten: Sublimierung oder Onanie als Ersatz für den Geschlechtsverkehr unter Jugendlichen. Auch sei eine „sexualbejahende Ethik“ de facto ein Widerspruch in sich selbst.
Der Vortrag und die anschließende Veröffentlichung war Reichs Comming Out als radikaler Kommunist. Anwesend war eine Gruppe aus Kommunisten (Anny Angel, Marie Frischauf, Annie und Wilhelm Reich) und eine Gruppe aus Sozialdemokraten (Helene Deutsch und Paul Federn), sowie sozusagen als „neutrale Beobachter“ Felix Deutsch, Hermann Nunberg, Martin Pappenheim und Hedwig Schaxel.
Zwei Monate später gründeten Marie Frischauf und Wilhelm Reich gemeinsam die „Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“, die proletarische Sexualaufklärungs-Stellen in den Bezirken Wiens eröffnete. Frischauf und Reich ließen die Gesellschaft am 27. Dezember 1928 offiziell eintragen. Frischauf und Reich’s Frau Annie Reich schrieben gemeinsam die Broschüre Ist Abtreibung schädlich?, die 1930 in Arnold Deutsch‘ Münster-Verlag erschien. (Siehe Der Rote Faden: Kommunistische Studenten an der Universität Wien.)
Eine populär gehaltene Broschüre. Gegen die religiöse Argumentation wenden die Autoren ein, daß die Kirche sich stets mit der Macht verbunden und allein dieser Faktor die wechselnde Strenge ihrer Forderungen bestimmt hat. Gegen ethische Einwände führen die Autoren das Selbstbestimmungsrecht der Frau an. Wenn der Staat bevölkerungspolitische Forderungen stellt, soll er zunächst einmal für die soziale und wirtschaftliche Sicherheit von Mutter und Kind sorgen. Und gegen medizinische Bedenken führen die Autoren die Erfahrungen in der Sowjetunion an, wo die Frauen nicht bei Kurpfuschern krepieren müssen, wie im den „Lebensschutz“ hochhaltenden Kapitalismus. Konkret stellen sie folgende Forderungen: reine Fristenregelung (drei Monate); kostenlose medizinische Betreuung für Mittellose; Lehre und Forschung müssen sich mehr mit Konzeptionsverhütung und Abortus befassen; verbesserte Sexualaufklärung der Jugendlichen und intensivste Propagierung und kostenlose Bereitstellung von Verhütungsmitteln; Amnestie aller aufgrund des Abtreibungsparagraphen inhaftierten; vier Monate Schwangerschaftsurlaub bei vollem Lohn; Stillpausen, Stillgelder und Kündigungsschutz. Um dies durchzusetzen, fordern sie nicht den Appell an die Politiker, sondern die Organisierung der Massen. Alles müsse durch „die Gewalt der Massen“ erzwungen werden.
Vielleicht war die Geistesart, die aus den letzten beiden Sätzen spricht, genau das, womit Frischauf Reich 1928 zum Kommunismus bekehrt hatte!
Während Reich als Leiter der Sexualberatungs-Stellen mehr die klinische Ausrichtung bestimmte, schien Frischauf die politische Ausrichtung der Gesellschaft zu bestimmen. Sie war nicht nur in der KPÖ aktiv, sondern auch eine führende Persönlichkeit im „Österreichischen Bund der Freunde der Sowjetunion“, zusammen mit Johannes Wertheim, einer führenden Persönlichkeit der KPÖ.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte Wertheim zu einer der vielen Gruppen innerhalb der SDAP gehört, die gegen den sinnlosen Krieg opponierten, der von der Führung der SDAP unterstützt wurde. Wertheim gehörte zu den „Internationalisten“ wie L. Rothziegel, J. Dickmann und viele andere. Nach dem Krieg schloß er sich der KPÖ an. Im Mai 1919 gehörte er neben F. Koritschoner, K. Tomann und Melcher zur Führung der KPÖ, die das Proletariat zur unmittelbar bevorstehenden Revolution führen wollte. Als die Revolution ausblieb, mußte er 1922 den Führungskreis der KPÖ wieder verlassen (Steiner: Die Kommunistische Partei Österreichs von 1918-1933).
Nach dem Justizpalastbrand 1927 gehörte der radikale Wertheim zur linken Fraktion der KPÖ zusammen mit Paul Kohn und anderen. 1931, zusammen mit Isidor Fassler (auf den wir im zweiten Teil zurückkommen) leitete Wertheim eine Reise des Bundes der Freunde der Sowjetunion nach Rußland.