Der amerikanische Orgonom Dr. Charles Konia beschäftigt sich mit der Frage, wie die einen der Orgonomie treu bleiben, die anderen nicht:
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Es muß mehr im Leben geben
11. Mai 2013Der rote Faden: Gerd Bergersen
25. April 20131981 erschien eines der überflüssigsten Bücher der Reich-Literatur: Colin Wilsons The Quest for Wilhelm Reich, das kaum mehr darstellt als eine Nacherzählung von Ilse Ollendorffs Reich-Biographie plus Wilsons eigene krude Thesen über die Rolle des „freien Willens“. Reich wird als eine Art Fatalist gezeichnet (sic!), der sich schließlich selbst sein eigenes Grab geschaufelt habe.
Es lohnt sich schlichtweg nicht, sich näher mit dem Buch und seinem Autor auseinanderzusetzen. In vieler Hinsicht war er ein Vorgänger von Christopher Turner und dessen Machwerk Adventures in the Orgasmatron. Das einzige Verdienst Wilsons ist, daß er eine Episode aus dem Leben Reichs vor dem sicheren Vergessen bewahrt hat: Gerd Bergersen. 1978 hatte eine gewisse Gerd Hay-Edie (vormals Gerd Bergersen) ein BBC-Radiointerview mit Wilson verfolgt, in dem dieser erwähnte, daß er an einer neuen Reich-Biographie arbeite, daraufhin tauschte sie mit ihm Briefe und sandte ihm Audiokassetten zu, in denen sie ihr den Biographen bis dahin entgangenes Verhältnis mit Reich beschrieb.
1936 wurde Reichs damalige Lebensgefährtin Elsa Lindenberg nach Dartington Hall in der englischen Grafschaft Devon eingeladen. An der reformpädagogischen Schule sollte sie während der Sommerferien Ballettanz lehren. Reich begleitete sie. Zu dieser Zeit war auch die 25jährige blonde norwegische Textildesignerin Gerd Bergersen an der Dartington Hall School tätig. Sie hatte nie von Reich gehört, doch wurde ihr gesagt, daß Lindenberg und Reich interessante Leute seien und etwas Norwegisch sprächen. So ging sie in der Mittagpause zu Reich und unterhielt sich mit ihm in ihrer Muttersprache. Der ziemlich kleine Mann mit grauem Haar wirkte freundlich und harmlos. Reich zeigte sofort Interesse an ihr, doch nach schlechten Erfahrungen wollte sie zu dieser Zeit nichts von Männern wissen. Reich ließ sich nicht entmutigen, holte Informationen über sie ein und besuchte sie in ihrer Werkstatt.
Als sie bald danach nach Norwegen zurückkehrte und eine Wohnung in Oslo bezog, klopfte es schon bald an der Wohnungstür: Reich hatte sie, wie er in England versprochen hatte, gesucht und gefunden. Es wurde sehr schnell klar, daß Reichs Interesse an ihr nicht in erster Linie sexueller Natur war, vielmehr war er von ihrer Unabhängigkeit und ihrem kreativen Geist eingenommen. Offensichtlich brauchte er jemand außerhalb seines Kreises im Labor und außerhalb seiner politischen Aktivitäten, mit dem er sich unterhalten und einfach er selbst sein konnte. Jemand, der auf eigenen Beinen stand und eine eigene Meinung vertrat, die nichts mit Reich zu tun hatte. Es störte ihn beispielsweise gar nicht, daß sie sich gegen Freuds These wandte, daß die Sexualität der grundlegendste der menschlichen Triebe sei. (Etwas, was er bei einem Mitstreiter oder Studenten nie hätte durchgehen lassen! Seine Mitarbeiter und Schüler waren schließlich sein gegenwärtiges und vor allem zukünftiges Sprachrohr, während Bergersen eine vollkommen unabhängige Person auf Augenhöhe war.) „Er akzeptierte mich als ein rationales menschliches Wesen.“ Bergersen ihrerseits genoß es sich mit einem berühmten Mann, der einen weiten Horizont hatte, stundenlang über Gott und die Welt unterhalten zu können.
Die eifersüchtige Lindenberg bat Bergersen Reich aufzugeben, denn sie, Lindenberg wäre ganz allein und im Exil, während Bergersen gesichert und wirtschaftlich unabhängig sei. Bergersens Meinung nach war Lindenberg keine ausreichend starke Persönlichkeit, um Reichs Interesse über einen längeren Zeitraum fesseln zu können und von ihm wirklich respektiert zu werden. Reich brauchte Bergersen, um der geistigen Enge seiner Umgebung zu entgehen.
Zu dieser Zeit scheint Reich ungewöhnlich entspannt und „gut drauf“ gewesen zu sein, wozu nicht zuletzt der Austausch mit Bergersen verantwortlich war. Das änderte sich mit der norwegischen Pressekampagne gegen Reich Mitte 1938. Er kam zu ihr, wenn wieder einmal ein besonders niederträchtiger und boshafter Artikel über ihn erschien. Für Stunden sprach er dann über seine Ängste und versetzte sie in tiefe Unruhe durch seine beunruhigenden Vorhersagen über die bevorstehenden Schrecken des Naziregimes. (Sie hatte keine Ahnung, daß Reich ein Jude war!) Zu dieser Zeit machte er ihr einen Heiratsantrag und träumte davon, sie könnten sich gemeinsam in einer Berghütte verstecken, bis der Nazispuk verflogen sei. Doch sie wollte ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben und konnte sich nicht vorstellen, daß Reich weitere Kinder haben wollte.
Sie ist offen genug einen weiteren Grund anzuführen. Ihre erste Liebesaffäre hatte bei ihr ein Mißtrauen hinsichtlich Männern und der natürlichen Sexualität hinterlassen. Sie brachte oft starke Ablehnung zum Ausdruck, wenn Reich ihr gegenüber von Freud und seinem eigenen Glauben an die grundlegende Bedeutung der Kraft der Sexualität sprach. Doch war sie trotz ihrer ablehnenden Haltung vom Erwachen ihrer eigenen körperlichen Reaktionen erschrocken. „Die Leidenschaft des Körpers übernahm die Kontrolle und daran war etwas Beängstigendes. Es war zerstörerisch.” Auf jemand wie sie, mit ihrer natürlichen Unabhängigkeit, muß es wie eine Art Hexenkunst gewirkt haben.
Nach der Trennung von Reich wandte sich ihr Interesse ausgerechnet den Werken C.G. Jungs zu und sie wurde eine ausgemachte Jungianerin, da ihr dessen Weltdeutung weit mehr einleuchtete als die von Freud und Reich. – Übrigens deutet Wilson in der zitierten kurzen Passage unbewußt seine eigenen Beweggründe seiner Angriffe gegen Reich und seines Insistierens auf den „freien Willen“ an!
Auf den ersten Blick scheint die Bergersen-Affäre kaum mehr als eine unbedeutende Randnotiz in Reichs Privatleben zu sein, doch tatsächlich wirft sie ein entscheidendes Licht auf seine spätere Entwicklung in Amerika. In Amerika fehlte Reich nämlich diese menschliche Wärme und der vorbehaltlose Austausch mit einem „normalen Menschen“, einem rationalen Gesprächspartner, der vor allem als intellektuelles Korrektiv dienen kann. Stattdessen war er von Leuten umgeben, die von ihm (teilweise auch wirtschaftlich) abhängig waren. Auch konnte er aus den kurz angeschnittenen Gründen kaum ernsthaften Dissens in seiner Umgebung dulden. Elsworth F. Baker beschreibt, wie Anfangs Theodore Wolfe Reich noch vor mancher Peinlichkeit und Fehleinschätzung bewahren konnte, aber am Ende war Reich allein. Umgeben von Menschen, die kaum mehr waren als Spiegel seiner selbst, und Fernstehenden konnte er unmöglich vermitteln, worum es eigentlich ging. Vieles wäre anders gelaufen, seine Feinde hätten nicht so ein einfaches Spiel gehabt, wenn Reich auch später eine „Gerd Bergersen“ um sich gehabt hätte. Ich denke da etwa an das Herzrasen, übermäßigen Alkoholkonsum und so manche Fehlentscheidung.
Freud, Marx und die Spaltung der Orgonomie
18. April 2013Reich ist es nicht immer leichtgefallen eindeutig zu sein. Er neigte zu unbefriedigenden Kompromissen. Das fängt schon mit der Edition seiner europäischen Bücher an, die er in Amerika neu herausgab. Einerseits stand er zu seinen psychoanalytischen und Marxistischen Einsichten und wollte seine intellektuelle Entwicklung wirklichkeitsgetreu dokumentiert wissen, andererseits schrieb er seine alten Schriften so um, daß es seinen neusten Erkenntnissen und Haltungen entsprach. Resultat sind merkwürdige Hybride, die man „so oder so“ lesen kann.
Reich läßt sich so interpretieren, daß die psychoanalytische Begrifflichkeit (libidinöse Entwicklungsstufen, psychische Struktur, der Ödipuskomplex, die Rolle der Übertragung, etc.) noch immer aktuelle Bedeutung haben, oder so, daß sie allenfalls von geschichtlichem Interesse sind. Darauf basiert beispielsweise der Streit zwischen den beiden vielleicht wichtigsten medizinischen Orgonomen zu Reichs Zeit: Elsworth F. Baker (Man in the Trap) und Chester M. Raphael (Wilhelm Reich: Misconstrued-Misesteemed).
Ähnlich ist es mit dem Einfluß von Marx auf Reich bestellt: manche ernsthafte Wissenschaftler können es angesichts von Reichs Schriften schlichtweg nicht nachvollziehen, wie die überwiegende Mehrzahl der Orgonomen es fertigbringt, nicht nur Marx links liegen zu lassen, sondern auch jede Marxistische Analyse als „pestilent“ anzugreifen.
Diese teilweise geradezu tragikomischen Diskrepanzen sind damit erklärbar, daß Reich unterschiedlichen Menschen je nach gegebener Situation unterschiedliche Signale vermittelte. (Ich habe mich mit dieser Problematik bereits an anderer Stelle beschäftigt.) Beispielsweise war Baker einer der wenigen Orgonomen, wenn ich es richtig überblicke abgesehen von Ola Raknes sogar der einzige Orgonom, mit einer abgeschlossenen psychoanalytischen Ausbildung. Auch war er von Reich dafür ausersehen, dessen frühe psychoanalytische Beiträge in Amerika neu herauszugeben. Entsprechend wird Reich Baker ein ganz anders gefärbtes Bild der Orgontherapie vermittelt haben als etwa dem nur oberflächlich in Psychoanalyse ausgebildeten Raphael.
Ähnlich ist die Sache mit Marx bestellt: Baker war, neben Michael Silvert, zu Reichs Zeiten der einzige Orgonom, der politisch rechts stand, alle anderen waren linksliberal. Es liegen Briefe von Reich an Baker vor, in denen er besorgt nachfragt, ob angesichts von Veröffentlichungen wie People in Trouble ihr Verhältnis gefährdet sei. Immer wieder bekundete Reich gegenüber Baker, aber auch gegenüber übereifrigen Linken unter seinen Anhängern, daß Marx für die heutige Zeit jede Bedeutung verloren habe. Geradezu gegensätzlich äußerte er sich gegenüber Victor Sobey, dem einzigen Orgonomen, der aus der Arbeiterklasse hervorgegangen war. Noch 1957 sagte er Sobey, daß er, Reich, noch immer ein „Marxist“ sei. Eine Erklärung, die angesichts von People in Trouble glaubwürdig ist, auch wenn die Schüler Bakers sagen, daß Reich sich niemals derartig geäußert haben könne.
Wie mit all dem umgehen? So wie Reich damit umgegangen ist! Es hängt immer von den Zusammenhängen ab! Heute werden Psychologen und Psychiater kaum bis gar nicht mehr in Psychoanalyse ausgebildet. Man begegnet Psychiatern, selbst Diplompsychologen, die selbst an psychoanalytischen Grundbegriffen scheitern! Entsprechend ist der Bezug auf eine psychoanalytische Begrifflichkeit heutzutage geradezu ein revolutionärer Akt. Hinzu kommt, daß die Psychoanalyse die praktische Arbeit ungemein erleichtert: wenn etwa die klassische charakteranalytische und biophysische Vorgehensweise im Sande verläuft, kann man beispielsweise mit dem Gegensatz von Über-Ich und Ichideal arbeiten, wie Reich es bereits 1925 in Der triebhafte Charakter beschrieben hat (siehe dazu die Ausführungen von Robert A. Harman: „Clinical Applications of Reich’s Work with Impulsive Characters: The Ego, Ego-Ideal, Superego and the Id”, Journal of Orgonomy, 46,1, Spring/Summer 2012).
Was hingegen Marx betrifft, hat seine Begrifflichkeit heutzutage eine Hegemoniestellung, die es praktisch unmöglich macht öffentlich bio-soziologisch zu argumentieren, d.h. von der bio-physischen Struktur des Menschen her:
Wie Wilhelm Reich benutzt wird, um die Orgonomie zu zerstören
15. März 2013Kaum hat man irgendeinen fruchtbaren Gedanken, etwa daß Frauen in die Familie gehören, um die Kinder großzuziehen, daß Kinder eine väterliche Autorität benötigen und daß es für Kinder nichts schlimmeres gibt, als schutzlos dem Gruppendruck von seiten anderer Kinder ausgesetzt zu sein, – kommt der nächste Reichianer und haut dir eines von Reichs Werken, etwa Die sexuelle Revolution, um die Ohren. Kaum denkt man über die Ökonomie nach, wird einem Reichs Haltung zu Marx unter die Nase gehalten. Und so in vielen weiteren Bereichen.
Es ist absurd sich auf diese Weise auf Reich zu berufen. Was wäre, wenn Reich 1932 gestorben wäre? Wären „Reichianer“ noch heute fanatische Kommunisten? Hätte Reich das ORANUR-Experiment nicht durchgeführt, würden sie heute noch vertreten, daß Orgonenergie-Akkumulatoren in den radiologischen Abteilungen von Krankenhäusern neben anderen Geräten zur physikalischen Therapie stehen sollten? Man kann Figuren wie Giordano Bruno und selbst Christus ganz anders sehen als Reich es getan hat. Erdreistet sich noch jemand, Lenin so zu zeichnen, wie es Reich getan hat? (Lenin war der einzige Revolutionär, der im Detail beschrieben hat, wie man etwa zaristische Polizeioffiziere ermorden kann.)
Reich ist seit über einem halben Jahrhundert tot und seine Ansichten sind nur noch von historischem Interesse. Das einzige was zählt, ist die Funktion des Orgasmus, die Entdeckung des Orgons und die Orgonometrie. Orgonomie ist nicht etwas, was auf den zeitlich spätesten jeweiligen Reich-Zitaten beruht und dann jederzeit durch eine nachträglich entdeckte noch spätere Aussage Reichs wieder infrage gestellt werden muß. Sie ist die selbständige Anwendung der Reichschen Methode. Aber jeder, der auf vollkommen korrekte Weise zu neuen Ergebnissen kommt, setzt sich der Gefahr aus, von „Reichianern“ zurechtgewiesen zu werden. Auf diese Weise wird jeder Fortschritt der orgonomischen Wissenschaft hintertrieben und die Orgonomie selbst sogar in ihrer Existenz gefährdet.
Es hat schon seinen Sinn, wenn heute medizinische Orgonomen ihre Patienten kaum noch berühren, jedenfalls drastisch weniger als sogenannte „Körpertherapeuten“. In diesem Zusammenhang auf Reich zu verweisen, dessen Therapie am Ende doch so vollkommen anders ausgesehen habe, ist vollkommen daneben, denn Reich behandelte nur ein bestimmtes Klientel, d.h. langwierige Fälle übergab er seinen Schülern, und es ging ihm primär um eine experimentelle Herangehensweise. Daß sich die Orgontherapie so entwickelt hat, wie sie sich entwickelt hat, läßt sich funktionell begründen. Hier die Orgonomie mit Rückverweis auf Reich „retten“ zu wollen, kann ihr nur schaden.
Dazu gehören auch Fragen der grundsätzlichen Strategie, etwa im Verhalten gegenüber Behörden. Reichs Umgang mit der FDA kann wohl kaum als Muster einer vernünftigen Vorgehensweise gelten! Sollten die Orgonomen in Amerika so manchem halbinformierten Dogmatiker folgen, etwa was den Orgonenergie-Akkumulator, den Cloudbuster und selbst das Berühren von Patienten betrifft, könnte das sehr schnell im Verschwinden der organisierten Orgonomie auf dem nordamerikanischen Kontinent münden. Die Orgonomie muß juristisch unangreifbar sein. Alles andere ist eine offene Einladung an die Emotionelle Pest!
Es stimmt, daß Reich am Ende die Orgonenergie in den Mittelpunkt stellen wollte, doch eine vernünftige Forschung, die dem skeptischen Blick insbesondere der Physiker widerstehen könnte, würde Unsummen verschlingen, mal abgesehen vom ungeheuren Zeitaufwand und der notwendigen Expertise. Das geht alles nicht ohne ein angemessenes gesellschaftliches Umfeld, das aktiv im Rahmen der sozialen Orgonomie geschaffen werden muß. Jede Orgonforschung verpufft in der sich immer mehr okular abpanzernden antiautoritären Gesellschaft, wenn sie nicht sogar den grassierenden Mystizismus unterfüttern würde („Feinstoffliches“). Nichts gegen Orgonphysik, aber zu behaupten, daß die orgonomische Soziologie zu sehr im Mittelpunkt stehe…
Man kann sogar mit dem Begriff „Kontakt“ die Kontaktlosigkeit vertreten:
In fünf Schritten durch das Universum: Reichs Leben als Naturforscher
27. Februar 2013Wie an anderer Stelle erwähnt, setzt sich die orgonomische Wissenschaft aus fünf Bereichen zusammen: 1. Medizin, 2. Soziologie, 3. Biologie, 4. Physik und 5. Kosmologie.
- MEDIZIN: Zwischen 1919 und 1927 war Reich Psychoanalytiker und nichts außerdem. Er entwickelte die Orgasmustheorie und arbeitete die Charakteranalyse heraus. Der Organismus des Neurotikers ist krank, weil sich dem natürlichen Trieb, der entladen werden will, die Triebabwehr entgegenstellt. Das dynamische Gleichgewicht zwischen Trieb und Triebabwehr konstituiert den Charakterpanzer, der in der Charakteranalyse aufgebrochen werden soll, um eine ungestörte Triebökonomie zu ermöglichen („orgastische Potenz“). Der Panzer ist (abgesehen von Erbkrankheiten, Vergiftungen, Unfällen, etc.) für sämtliche psychologischen, psychiatrischen und medizinischen Leiden verantwortlich.
- SOZIOLOGIE: Zwischen 1928 und 1933 beschäftigte sich Reich neben der Medizin vor allem mit der sozialen Verursachung der Triebabwehr. Wie entstand die sexualfeindliche, „gepanzerte“ Gesellschaft? (Studie über die Trobriander) Wie ist eine sexualbejahende, „ungepanzerte“ Gesellschaft wieder herzustellen? (Studien über Sexualreform, den Faschismus und die Sowjetunion)
- BIOLOGIE: Zwischen 1934 und 1939 untersuchte Reich neben seinen medizinischen und soziologischen Studien den Trieb der Trieb-Triebabwehr-Dichotomie. Als Ergebnis einer erfolgreich verlaufenden Charakteranalyse hatten seine Patienten über „vegetative Strömungen“ berichtet, die Reich objektivieren wollte. In seinen „bio-elektrischen Untersuchungen über Sexualität und Angst“ maß er den Potentialunterschied zwischen der Hautoberfläche und dem Gewebe unterhalb der Haut. Er entdeckte, daß bei Lustempfindungen die Lebensenergie nach außen hin expandiert, während sie bei Unlustempfindungen (insbesondere Angst) nach innen hin kontrahiert. In einer zweiten Versuchsreihe versuchte er diese „Plasmabewegung“ unmittelbar unter dem Mikroskop bei durchsichtigen Mikroorganismen, insbesondere Amöben, direkt zu beobachten. Bei den entsprechenden Experimenten entdeckte er, daß nicht Zellen, sondern einfache Energiebläschen die kleinste Lebenseinheit darstellen. An diesen „Bionen“ entdeckte er schließlich eine Strahlung, die „Orgonstrahlung“, die sozusagen die Substanz der vegetativen Strömung ausmacht: es handelt sich um das Fließen von „Orgonenergie“ durch den Körper.
- PHYSIK: Zwischen 1940 und 1950 beschäftigte sich Reich neben seinen medizinischen, soziologischen und biologischen Studien mit den physikalischen Eigenschaften der von ihm entdeckten neuen Energieform Orgon. In erster Linie ging es dabei um die Untersuchung des von ihm konstruierten „Orgonenergie-Akkumulators“, der beispielsweise in seinem inneren wärmer ist als die Umgebung und in dem sich ein aufgeladenes Elektroskop langsamer entlädt als außerhalb des Akkumulators.
- KOSMOLOGIE: Zwischen 1951 und 1957 beschäftigte sich Reich neben seinen medizinischen, soziologischen, biologischen und physikalischen Studien mit einem Bereich, den er als „cosmic orgone engineering“ bezeichnete. Dabei ging es prinzipiell um zwei Forschungsrichtungen: die „kosmische Überlagerung“ und das ORANUR-Experiment, die sich jeweils damit beschäftigen, wie sich die Orgonenergie bei Erregung verhält. Verkürzt ausgedrückt, kommt es im kosmischen Orgonenergie-Ozean zur spiralförmigen Überlagerung von Orgonenergie-Strömen, die sich gegenseitig anziehen und erregen. Man denke in diesem Zusammenhang an eine typische Spiralgalaxie. Aus dieser Überlagerung geht Materie hervor. Diese Materie kann einen „Störfaktor“ im Orgonenergie-Ozean darstellen, insbesondere wenn sie wieder zerfällt („Radioaktivität“), wodurch es zu einer Übererregung der ursprünglichen Orgonenergie kommt, an deren Ende eine abgestorbene, toxische Form der Orgonenergie („OR“) steht, das „DOR“ (deadly orgone energy). Der OR-DOR-Metabolismus und die kosmische Überlagerung sind Inhalt des besagten Cosmic Orgone Engineering (CORE) und umfassen die vier anderen Bereiche der orgonomischen Wissenschaft.
Orgonkitsch
11. Februar 2013Wenn ich so zurückblicke (und es überhaupt noch selbst überblicken kann!), stehe ich weitgehend zu allem, was ich hier und auf www.orgonomie.net verzapft habe. Es gibt nur zwei Bereiche, die wirklich eine Revision benötigten: der quasi „feministische“ Blick auf die menschliche Frühgeschichte frei nach Bachofen und die Reduzierung der Natur auf den „Äther“ und dessen Bewegung ebenfalls frei nach dem 19. Jahrhundert.
Man kann beide „Weltanschauungen“ mit jeder Menge an „Reich-Zitaten“ „untermauern“, aber wie ich jeweils anderswo (hier und hier) ausgeführt habe, entsprechen sie nicht dem Geist des Reichschen Oeuvres. Reich war weder ein „besserer Erich Fromm“, noch wollte er die Physik rehabilitieren, so wie sie vor Planck, Einstein und Heisenberg war. Reich war in erster Linie ein Naturforscher, der natürlich von den „weltanschaulichen Kämpfen“ seiner Zeit und durch den überkommenen Zeitgeist geprägt wurde, dessen eigentlicher Beitrag aber außerhalb dieses Rahmens zu verorten ist.
Reich hat den Panzer entdeckt. Was das wirklich ist, kann man nur erfahren, wenn in der Orgontherapie Kontakt mit dem Panzer hergestellt wird. Schließlich kann man die fremd gewordene Panzerung ablegen, wie man etwa stark behindernde Kleidung ablegt, um sich besser bewegen zu können. Diese Behinderung ist nicht angeboren, sondern geht auf unsere Erziehung zurück. Der Rest ist Spekulation. Es ist nur folgerichtig, daß die Menschheit in ihren Anfängen genauso ungepanzert war, wie der Mensch ungepanzert ist, wenn er zur Welt kommt. Es müßte aber im einzelnen erforscht werden, wie sich das abgespielt hat. Reich hat das am Beispiel der Trobriander, einer der dank Malinowski ethnologisch am besten erforschten Ethnien überhaupt (und das gilt bis heute!), versucht durchzuexerzieren. Daraus aber ein umspannendes System machen zu wollen („Engels, Morgan, Bachofen“, „Matriarchat → Patriarchat“) ist Weltanschauung, keine Wissenschaft.
Ähnlicher „Orgon-Kitsch“ ist die Sache mit der „Äther-Energie“, die fließt, gestaut werden kann, wabert und wabbelt und so alle physikalischen, ja überhaupt alle Phänomene erklären soll. Es ist nur allzu verständlich, daß jene, die diesem „orgonomischen“ Weltbild verfallen sind, schließlich wieder ausbrechen hin zum „Tao der Physik“ und anderem mystischen Quatsch. Denn das, was gerne als „Orgonomie“ verkauft wird, ist nichts anderes als eine Art dröger „Hydromechanik“, mit deren Hilfe man vieles vielleicht am bequemsten beschreiben kann, die aber die orgonotischen Funktionen in ihrer Gesamtheit nicht annähernd adäquat widergibt.
Es ist letztendlich eine Frage des Kontakts. Für den gepanzerten Menschen gibt es „Kontakt“ nur im Sinne eines mechanischen Kontakts, etwa wenn eine Billardkugel gegen die andere prallt und so einen Impuls überträgt. Im Sinne dieser „Nahwirkungstheorie“ stellt man sich dann auch das Funktionieren des Orgons vor. Tatsächlich bedeutet orgonotischer Kontakt jedoch primär, daß etwas als Ganzheit funktioniert. Nur so ist etwa das Phänomen „Bewußtsein“ überhaupt begreiflich.
Ein weiterer Bereich des Orgon-Kitsches, dem ich mich aber kaum schuldig gemacht habe, ist die Biographie Reichs. Insbesondere geht es um Reich als „Antifaschisten“. Freud hätte sich von Reich getrennt, da dieser sich im Kampf gegen das aufkommende nationalsozialistische Regime zu sehr exponiert habe. Bernd Laska hat ausgeführt, daß Reichs politisches Engagement nur ein willkommener Anlaß für Freud war, Reich loszuwerden, ohne sich in eine inhaltliche Diskussion verwickeln lassen zu müssen. In Amerika sei der „Antifaschist“ Reich dann dem „McCarthy-Regime“ zum Opfer gefallen. Eine Räuberpistole, die jetzt beispielsweise in dem filmischen Machwerk Der Fall Wilhelm Reich fröhliche Urstände feiert. Reich wird auf diese Weise zu einem Herold der „liberalen Kultur“ gemacht. Erneut ein „besserer Erich Fromm“. Es ist ein elender Kitsch, der Reichs gesamtes Anliegen negiert.
Das irregeleitete Publikum wird erstaunt sein, daß, wenn es die Originalliteratur liest, Reich den Nationalsozialismus als Fortschritt betrachtet hat (das berühmte „Blutwallen), der jedoch im Rassenmystizismus versumpfte. Ähnlich war er, mal abgesehen von den Methoden, für den „McCarthyismus“, da er den „Progressismus“ der damaligen Zeit als Maske und Instrument des roten Faschismus einschätzte.
Der Rote Faden: Berlin
3. Februar 2013In ihrem Buch Stalin und der deutsche Kommunismus (Frankfurt am Main 1950) schreibt die ehemalige Kommunistin Ruth Fischer über die späten 1920er Jahre: Die GPU, der Geheimdienst der Sowjetunion, hatte ihre Agenten in allen wichtigen Organisationen der KPD, d.h. im Zentralkomitee, im Politbüro, in Stadträten, im Reichstag, unter den MASCH-Lehrern (Reich war ein MASCH-Lehrer). In den folgenden Jahren traten immer mehr Mitarbeiter der Internationalen Arbeiterhilfe, der KPD-Verlage und der Zeitschriften und Zeitungen der GPU bei, um etwas zusätzliches Geld zu verdienen. Zunächst Wilhelm Pieck, dann Walter Ulbricht wurden zu den wichtigsten Verbindungsleuten der GPU. Berlin wurde nach Moskau der zweite Sitz der GPU. Die KPD kooperierte uneingeschränkt. Diese GPU-Strukturen waren insbesondere gegen jede Art der Abweichung von der offiziellen Parteilinie aktiv.
Dergestalt war Reichs Konflikt mit der KPD in mancher Hinsicht geradezu einer mit der GPU. Das total verrückte ist, daß man das gleiche über seine Auseinandersetzungen mit dem psychoanalytischen Establishment in Berlin sagen kann. Max Eitingon, der Statthalter Freuds in Berlin, war GPU-Agent. Das wurde seit längerem behauptet und immer wieder abgetan, jedoch kann man es heute als Tatsache betrachten. Das Berliner psychoanalytische Institut wurde von einem sowjetischen Agenten gegründet, finanziert und geleitet! Sein Cousin Naum Eitingon sollte die Ermordung Trotzkis organisieren.
Einer großen Gruppe von Mitgliedern der Familie Eitingon, einige von ihnen Pelzhändler in Moskau, gelang es 1918 legal Sowjetrußland zu verlassen. [Das konnte] nur durch die neue sowjetische Botschaft in Berlin bewerkstelligt werden (…), deren zentrale Figur Adolf A. Joffe Freud in Wien besucht und bewundert hatte, zu einer Zeit als Eitingon sich dort aufhielt. Die angeblichen Flüchtlinge vor sowjetischer Unterdrückung schlossen bald Millionen-Dollar-Geschäfte für den Pelzexport mit Moskau ab, welche früh vom neuen Hauptsitz der Familienfirma in New York vermarktet wurden. Diese Firma hatte General Naum Eitingon auch mit Geld und Kontakten versehen, als er ankam, um Trotzkis Ermordung und ein Atomspionage-Netzwerk zu schaffen.
In der kriegsgeschädigten Weimarer Republik ermöglichten die Dollars, die Max erhielt, insbesondere während der galoppierenden Inflation 1922-23 eine Machtstellung in der Freudianischen Bewegung zu erreichen, durch die Finanzierung ihrer Aktivitäten und Verlagshäuser sowie des Instituts und der Klinik in Berlin. Das luxuriöse Haus von Max (…) wurde zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt.
(…) Vom Beginn der frühen zwanziger Jahre sind zwei häufige Gäste die russische Volkssängerin Nadezhda Plevitskaya und ihr Ehemann, der frühere „weiße“ General Nikolai Skoblin. Ihr Hintergrund unterschied sich so radikal von dem von Max und insbesondere von dem [seiner Frau] Mirra, daß es schwer fällt anders zu erklären, warum die Eitingons sie so bevorzugten. Plevitskayas Behauptung in ihrer Gerichtsverhandlung 1938 in Paris, in der sie beschuldigt wurde an der Entführung eines anderen „weißen“ Generals beteiligt zu sein, daß Eitingon sie jahrelang finanzierte, war ein Beweis gegen ihn in dieser Spionage-Kontroverse. Doch seither wurde schlüssig bewiesen, daß sie und Skoblin 1931 als sowjetische Agenten rekrutiert wurden und dies geschah in Berlin, als sie bei den Eitingons wohnten.
Ein Brief an Henning van Brokenkrött über das von ihm entwickelte Orgongerät
17. Dezember 2012Sehr geehrter Herr van Brokenkrött,
vielen Dank für die diversen Informationsblätter über den von Ihnen entwickelten „Orgonapp Booster“. Gleich zu Beginn möchte ich unterstreichen, daß ich die Funktionstüchtigkeit Ihres Systems in keinster Weise in Frage stellen möchte. Für mich, und ich glaube, jeder ernsthafte Student der Orgonomie wird mit mir übereinstimmen, fängt das Problem dort an, wo die Orgonomie mit Ansätzen verknüpft wird, die einen vollkommen anderen Hintergrund haben. Sicherlich schließen sich Orgonomie und Radionik nicht gegenseitig aus, wie etwa Orgonomie und Anthroposophie oder Orgonomie und Yoga, und sicherlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Student der Orgonomie die Radionik nutzt und Anregungen aus ihr schöpft. Es ist jedoch etwas grundlegend anderes, wenn Begriffe der Radionik in einem orgonomischen Kontext so verwendet werden, daß für den Außenstehenden die beiden Systeme in eins fließen. So etwas kann nur Verwirrung stiften und eine Weiterentwicklung sowohl der Orgonomie als auch der Radionik hintertreiben.
In der Praxis hat sich bereits gezeigt, daß diese Verbindung desaströse Folgen für Mensch und Umwelt zeitigen kann. Ich kenne einen Fall aus Amerika, wo ein CORE-Operateur seinen Cloudbuster nach radionischen Prinzipien gesteuert hat. Das Resultat ist, daß sein Cloudbuster als veritable DOR-Maschine funktioniert. Hätte er nur orgonomisch oder nur radionisch gearbeitet, wäre so etwas mit Sicherheit nicht passiert.
Sie selber haben darauf verwiesen, daß man mit einem „Orgongerät“ aus Aluminium langfristig vielleicht Alzheimer erzeugen könnte. Sie selbst verwenden für Ihr Gerät jedoch Kupfer und rechtfertigen das damit, daß es natürlicherweise im menschlichen Organismus vorkommt. Nach allem was wir wissen, wirkt Kupfer jedoch toxisch, wenn man es für Orgonenergie-Akkumulatoren benutzt.
Angesichts des ORANUR-Experiments schrieb Reich 1951 an den Orgonomen Walter Hoppe:
Bitte machen Sie bekannt, daß Applikation von Orgonenergie, ohne gründliche Schulung in ihren physikalischen und medizinischen Eigenschaften, Quacksalberei ist und nicht gestattet werden darf. (Anmerkung des Herausgebers zu Wilhelm Reich: „Die antinukleäre Strahlungswirkung der kosmischen Orgonenergie“, Internationale Zeitschrift für Orgonomie, Bd. 1, No. 2, April 1951, S. 99)
Wenn ich die Literatur über immer neue „Orgongeräte“ durchblättere, sehe ich, daß der Orgonenergie-Akkumulator als überholtes Modell aus dem Mittelalter der Lebensenergie-Forschung betrachtet wird. Manche räumen sogar die toxische Wirkung von Aluminium und anderen Metallen, die statt Eisen verwendet werden, ein. Doch werde durch eine „spezielle Verfahrensweise“ das betreffende Gerät „feinstofflich“ so „entstört“, daß (im Gegensatz zum primitiven Orgonenergie-Akkumulator) ausschließlich lupenreines Orgon und keinerlei andere Information, also auch nicht die des Aluminiums, abgestrahlt werde. Das ist genau jene Vermischung von Orgonpysik und Radiästhesie, die ich oben angeschnitten habe. Wer von der angeblichen „Entstörung“ nichts merkt, hat dann halt das „falsche Bewußtsein“. Das mag ja sein, ist aber etwas grundsätzlich anderes als der „sechste, orgonotische Sinn“, von dem Reich sprach. Genau den spreche ich, auf der Grundlage meiner eigenen Erfahrung, so manchem Ihrer „Kollegen“ rundweg ab! (Daß diese ein „höheres Bewußtsein“ als ich haben, glaube ich gerne…)
Aus diesen Gründen muß ich mich aus Prinzip in der allerschärfsten Form dagegen aussprechen, daß Sie Ihr Gerät, das Lakhovsky, Reich und jede Menge anderer Forscher miteinander verbindet und im Gegensatz zur allgemein akzeptierten orgonomischen Praxis Kupfer verwendet, als „Orgongerät“ bezeichnen.
Gegen Ihr Vorhaben, ein „orgonomisches Zentrum“ einzurichten, habe ich ähnliche Einwände. Sie sind ein Okkultist, der mit Runen arbeitet und Gott Odin für den ersten Bioenergetiker hält. Sie ergreifen Maßnahmen gegen schwarzmagische Angriffe und vertreten, jedenfalls in meinen zugegebenermaßen überskeptischen Augen, ausufernde Verschwörungtheorien („Es gibt keine Zufälle!“). Für mich ist das Mystik, die vielleicht hier und da ihre Berechtigung hat, aber ohne jeden Zweifel das genaue Gegenteil der Orgonomie verkörpert. Es geht mir weiß Gott nicht darum, die Orgonomie als der Weisheit letzter Schluß zu verkaufen oder Ihre Ansichten anzugreifen. Ich finde es nur unfair, wenn Sie die Orgonomie mit Dingen belasten, die teilweise nur peripher mit der Orgonomie verbunden sind und so nur Verwirrung über die zentralen Grundlagen der Orgonomie stiften können, teilweise das exakte Gegenteil der Orgonomie verkörpern und die Orgonomie geradezu negieren.
Auch gibt es bereits mehr als ausreichend „Institute“ und „Gesellschaften“ in Deutschland, die sich mit der Bezeichnung „Orgonomie“ schmücken oder gar mit dem Namen „Wilhelm Reich“. Alles, was damit erzeugt wird, ist mehr Verwirrung in der Öffentlichkeit. Motiv der meisten dieser Gründungen scheint in erster Linie Narzißmus und schlichtweg „Wichtigtuerei“ zu sein („Ich bin Leiter des…“), zumal fast immer zuerst die „Organisation“ ins Leben gerufen wird, um dann „Arbeit“ zu leisten, statt daß umgekehrt die Arbeit nach einem organisatorischen Rahmen verlangt.
Das, was heutzutage als „Orgonomie“ bezeichnet wird, ist zu einem Gutteil nichts anderes als ein Spielfeld für sekundäre Triebe – also das genaue Gegenteil von Orgonomie. Mir kommen immer wieder Dinge zu Ohren, die einen nur noch den Kopf schütteln lassen. Es hat schon seine guten Gründe, warum Reich eine Orgontherapie als unverzichtbaren Teil der Ausbildung in der Orgonomie betrachtete. Dabei geht es nicht darum, daß man „orgastisch potent“ sein muß, sondern (ich hätte beinahe geschrieben: „ganz im Gegenteil“) darum, daß sich der Student der Orgonomie erst einmal selbst infrage stellt und keine Illusionen hinsichtlich seiner Gesundheit hegt. (Kurioserweise haben manche ihre angebliche „Orgontherapie“ genau dafür genutzt und treten als „umstrukturierte“ Kotzbrocken auf. Tatsächlich stellen sie nur ihren vermeintlichen „Orgontherapeuten“ bloß!)
Mit freundlichen Grüßen,
Peter Nasselstein
Ist die Orgonomie ein Kult?
21. November 2012Daß man es bei „Reichianern“ mit der Emotionellen Pest zu tun hat, zeigt sich daran, daß immer, wenn man Reichs Einsichten klar und deutlich formulierte, sofort hämisch konstatiert wurde, die Darstellung sei viel zu „holzschnittartig“, würde diesen oder jenen Aspekt außer acht lassen, würde der und der Einsicht Reichs widersprechen, stimme nicht mit neueren Erkenntnissen überein, „Nachfolger Reichs“ hätten Ansätze formuliert, die man berücksichtigen müsse, etc. pp. Oder mit anderen Worten: als Student der Orgonomie stand man immer als engstirniger Idiot da, über den man wissend lächeln konnte.
Einer der ersten, der diese Taktik angewendet hat, war Anfang der 1960er Jahre Charles Kelley: jeder Student der Orgonomie, der klar denken konnte, wurde als Anhänger eines orgonomischen „Kults“ abgetan. Das hatte bei unterschiedlichen Leuten unterschiedliche Aspekte. Die einen bestanden darauf, daß doch „therapeutischen Neuerungen“, wie denen Alexander Lowens, Raum gegeben werden sollten, die anderen kamen mit irgendwelchen theoretischen Neuerungen (etwa der erwähnte Kelley mit seiner „Radix-Theorie“) und schließlich sind da natürlich die Pseudomarxisten, deren Arroganz genauso groß war wie ihre Ignoranz.
Und das, obwohl die „Reichianischen“ Therapien nachweislich nur Schaden anrichten und die theoretischen Ergüsse nichts anderes als wirres Zeugs sind, nach dem schon bald kein Hahn mehr kräht. Da wird uns die Wiedereinführung mechanistischer und gar mystischer Konzepte als Weiterentwicklung des Reichschen Funktionalismus verkauft. Das Beharren auf einer funktionellen Ordnung wird hingegen als „Dogmatismus“ denunziert und der Mahner als gefährlicher Sektierer gebrandmarkt.
Unter dem Deckmantel von Aufklärung, Offenheit und Objektivität versuchen sie schlichtweg Reichs Lebenswerk ungeschehen zu machen. Jeder, der konsequent orgonomisch arbeitet, wird von diesen „Reichianern“ als „Fundamentalist“, „Faschist“ und ähnliches gebrandmarkt.
Wie stets ist in solchen Anwürfen immer auch ein rationales Moment zu finden. Man will nicht in ein sektiererisches Denken hineingezogen werden. Wie etwa bei den Stalinisten, Nationalsozialisten, Islamisten oder Scientologen, die unsere gewöhnliche Begrifflichkeit vollkommen auf den Kopf gestellt haben: „Barmherzigkeit“ etwa steht da für unmoralische „Schwäche gegenüber dem Feind“. Genauso könnte die Orgonomie, bzw. das, von dem Leute wie ich behaupten, es sei „die Orgonomie“, langsam aber sicher alle Begriffe umdeuten und so die Leute „umdrehen“.
Meines Erachtens gibt es aber zwischen der Orgonomie auf der einen Seite und, nur als Beispiel, der Anthroposophie auf der anderen Seite einen gewaltigen Unterschied: die Anthroposophie arbeitet, etwa in der Eurhythmie, explizit gegen die „Ausdruckssprache des Lebendigen“, während die Orgonomie dem Lebendigen keinerlei Gewalt antut. Und da die Sprache, jedenfalls die einfache Volkssprache, eine direkte Fortführung der „Ausdruckssprache des Lebendigen“ ist, tut sie auch der Sprache keine Gewalt an. Und – wie Reich es ausdrückt – :
Meine Schüler verstehen (…) mich. Ich bringe das in Worten zum Ausdruck, was sie immer schon gedacht haben. (American Odyssey, S. 41)
Ein Freund von mir, der in den 1970ern „politisch aktiv war“, sagte einmal resigniert, als sich erneut eine Therapeutengruppe von einer der großen orgonomischen Organisationen abgespalten hatte: „Das ist exakt genauso wie in den sektiererischen Fraktionskämpfen damals zur Hochzeit der linken Bewegung in der BRD!“ Zeugen derartige Abspaltungen nicht davon, daß die Orgonomie auch nur ein Kult ist? Wissenschaftlich drapierte Ideologie?
Reich hat von sich behauptet, er habe die Psychologie Freuds „auf ein solides biologisches Fundament gestellt“.
Diese Leistung fand gerade in jenem Jahrzehnt statt, in dem die Psychoanalyse, eben wegen des Fehlens eines solchen Fundaments, in verschiedene Fraktionen zersplitterte. („Biophysical Functionalism and Mechanistic Natural Science“,International Journal of Sex-economy and Orgone Research, Vol. 1(2), July 1942, S. 97-107)
„Fraktionsbildung“ kann tatsächlich nur auftreten, wenn die Wissenschaft in den Hintergrund tritt.
Der Rote Faden: Ilse Ollendorff
11. November 2012Über das „Vorleben“ von Ilse Ollendorff, Reichs dritter Frau (nach Annie Pink und Elsa Lindenberg), ist wenig bekannt. Ich beziehe mich hier auf ein Interview, das sie Esther Dischereit gab („Sie ging mit 500 Dollar“. Feature über Ilse Ollendorff-Reich, gesendet am 6. März 2001 im Deutschlandradio, Berlin)
Ilse Ollendorff ist am 13. März 1909 in Breslau geboren. Sie stammt aus einer sehr patriotischen jüdisch-stämmigen Familie. Ihr Vater hatte sich im Ersten Weltkrieg, obwohl bereits vielleicht 44, sofort als Freiwilliger gemeldet und war die ganzen vier Jahre im Krieg. Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte Ilse die Speisung der Schulkinder durch die Quäker. So sei sie später, nach der Trennung von Reich, zu den Quäkern gekommen.
Der Vater hatte eine „Annoncen-Expedition“, die Mutter, Buchhalterin und Prokuristin, arbeitete in der Firma des Vaters. Ilse arbeitete schließlich auch mit im Büro. Danach Redakteur der Ostdeutschen Wirtschaftszeitung, dem amtlichen Organ der Industrie- und Handelskammern, Breslau. Ein Jahr war sie in England in einer Annoncen-Expedition, um richtig Englisch zu lernen.
Ihr Bruder war sehr aktiv bei den Jungsozialisten und hatte einen großen Einfluß auf sie. Sie ist dann mit 20 in die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) eingetreten, zusammen mit ihrem ersten Ehemann. Die Sozialdemokraten waren ihr zu Wischiwaschi, die Kommunisten „zu weit weg“. „Obwohl wir alle sehr an Rußland und dem russischen Experiment interessiert waren.“ Nach 1933 wurde ihr Bruder sofort verhaftet und war für zwei Jahre im Gefängnis. Der Bruder konnte dann nach Ostafrika in die britische Kolonie Tanganjika auswandern. Die Eltern entkamen über Holland nach England am letzten Tag vor Ausbruch des Krieges.
Ollendorffs Ehemann war Sekretär der Friedensgesellschaft und Sekretär der Liga für Menschenrechte. Er ging sofort nach Prag, wo sie Freunde hatten. Ilse folgte ihm am 31. März. Um 12 Uhr las sie in der Zeitung, daß alle Juden ihre Pässe abgeben müßten, um 14 Uhr saß sie im Zug nach Prag. Auf Drängen der Freunde gingen beide im April 1933 von Prag nach Paris. Dort führte sie mit der Schwiegermutter eine Pension. Nach der Trennung von ihrem Ehemann erhielt sie eine Stellung beim American Jewish Joint Distribution Committee.
Sie ging im Januar 1939 allein zu Verwandten nach New York, wo sie eine „entsetzlich langweilige Arbeit“ hatte. Als Reich ihr sagte, er brauche jemanden für Büroarbeiten und für das Labor, nahm sie das sehr gerne an. Machte einen Kurs an einer Laborschule in New York. Im Dezember 1939 zog sie mit Reich zusammen. Vorher lebte sie mit früheren SAP-Leuten zusammen, die ein Haus in Kew Gardens hatten. Sie hatte dort ein eigenes Zimmer. Als sie mit Reich zusammenkam verlor sie diesen Kontakt. Reich wollte diesen Kontakt nicht und habe sie ziemlich isoliert, sowohl von ihrer Familie als auch von ihren politischen Freunden.
Sie hatte Reich durch Gertrud Gaasland kennengelernt, seine Laborantin. Reich und Ollendorff seien beide Sozialisten gewesen. „Das war ein gemeinsames Feld.“ Reich sei von den Menschen enttäuscht gewesen, weil er viel zuviel vorausgesetzt hat und viel zuviel verlangt hat. Er selbst habe, als „Renaissance-Mensch“, ein Allgemeinwissen besessen, das erstaunlich war. „Nicht einfach mit ihm zu leben.“ 1954 verläßt sie ihn mit 500 Dollar in der Tasche. Beginnt zu studieren und wird Lehrerin. In ihrem Leben gab es danach nie wieder einen Mann. Sie wurde Quäkerin, arbeitete in Kleiderkammern und für Obdachlose.
Aus ihrer Reich-Biographie geht hervor, daß Reich ihr durchaus ein Begriff war, bevor sie sich begegneten:
Reich hielt eine Reihe von Vorlesungen an der Marxistischen Arbeiter-Schule (MASCH), einem sozialistischen Fortbildungszentrum. Obgleich ich ihn damals noch nicht persönlich kannte, erinnere ich mich an einen begeisterten Bericht über diese Vorlesungen, die ein junger Arbeiter, der Student an der MASCH gewesen war, einer Gruppe von ausgewanderten Genossen in Paris im Jahre 1934 gab. (Ollendorf: Wilhelm Reich, S. 43)
Ebenfalls 1934:
Nach dem Luzerner Kongreß reisten Reich und seine Frau eine kurze Zeitlang in der Schweiz, ehe sie nach Dänemark zurückkehrten. Reich schätzte die Zwanglosigkeit des Zeltens, das ihm das Gefühl der Naturnähe gab, fern vom Lärm und Gewühl der Touristen in den Hotels. Ich erinnere mich, daß einer meiner jungen Verwandten, der jenen Sommer eine Autostop-Reise in die Schweiz gemacht hatte, uns stolz erzählte, daß er einmal von Reich und seiner Frau mitgenommen und von ihnen zu einem Picknick eingeladen worden war. Nach dem Erscheinen der Massenpsychologie war Reich eine Art Held für die jungen Sozialisten geworden.
Jerome Greenfield berichtet, Ilse Ollendorff und Erna Lang seien „beide Mitglieder der gleichen sozialistischen Emigrantenorganisation in Frankreich in den späten 30er Jahren gewesen“. 1940-41 lebte Lang zusammen mit Gertrude Gaasland in Reichs Haus in Forest Hills. Typischerweise spricht Greenfield von „einer Gertrude Gaasland“ and „irgendeiner sozialistischen Emigrantenorganisation“ (Greenfield: „Reich and the INS: A Specific Plague Reaction“, Journal of Orgonomy, 17(2), November 1983, S. 216). Gemeint ist natürlich die SAP.
Über Reichs Eheschließung mit Ollendorff hat Lois Wyvell (Sekretärin und zeitweise Geliebte Reichs) folgendes geschrieben:
(…) er war nicht in einer romantischen Stimmung, hatte aber ein großes Bedürfnis nach weiblicher Wärme und Kameradschaft, auch ging es um die reibungslose Abwicklung des Haushalts, des Büros und die Details der Laborroutine. (Offshoots of Orgonomy, No. 5, S. 20)
Es war keine Liebesheirat, sondern die Heirat zwischen einer Frau, die einem berühmten Mann dienen wollte und einem Mann der sein persönliches Glück hinter die Ansprüche seiner Arbeit stellte. Es war keine große leidenschaftliche Liebe wie mit Elsa Lindenberg und Aurora Karrer. Auch Esther Dischereit ist aufgefallen, daß in Ollendorffs Buch und auch im Interview nie von Liebe die Rede war.
Reich notierte sich 1950 in sein Tagebuch:
Ich verhalte mich schlecht, sehr schlecht gegenüber Ilse, die gute Seele. Manchmal geht sie [emotional] tot und dann kann ich es nicht ertragen. Dann ist sie empfindungslos, „grün“. (What is the Truth?, S. 61)
Und 1952:
Die Situation mit IIse OIlendorff ist verzweifelt. Wenn es nicht um Peter ginge, wäre ich schon vor langer Zeit gegangen. Ilse ist tot, sie versteckt sich, sie ist intrigant, sie will mich zerstören, weil ich ihr leeres Ich bloßgestellt habe. Sie weiß, daß Peter [emotional] verflacht, wenn er hier ist bei ihr. Peters Abflachung ist das Quälende. Nicht Ilse, die flach ist und vollständig unwichtig. (ebd., S. 118)
Auf ihre Weise ist Ollendorff stets loyal geblieben, hat sich um den gemeinsamen Sohn gekümmert, war die beste Zeugin für Reich vor Gericht und hat bis zuletzt den Orgonenergie-Akkumulator benutzt. Andererseits ist es auffallend, daß Pestcharaktere wie Erwin Ackerknecht Ollendorffs Reich-Biographie paßgenau in ihrem eigenen Sinne nutzen konnten.
Wie gefühllos Ollendorff war, kann man daran sehen, wie erbittert sie darauf reagierte, daß Leute wie Elsworth F. Baker „nichts Besseres zu tun hatten“, als „Abweichler“ wie Alexander Lowen von der Trauerfeier nach Reichs Tod fernzuhalten. Baker war seinerseits erbittert darüber, daß irgendein Professor, einer dieser pseudointellektuellen Idioten aus der kultur-„wissenschaftlichen“ Fakultät, auf der Reich-Trauerfeier mit ihm Small Talk über Reichs „geisteswissenschaftliche Bedeutung“ mit ihm machen wollte und diesen intimen Augenblick, wo man ungepanzert und wie aufgerissen ist, kaputtmachte. – Zwei vollkommen unterschiedliche Sichtweisen des gleichen Ereignisses.
Wyvell schreibt, daß Ollendorff, nachdem sie Reich verließ, „sich der christlichen Religion, dem Mystizismus, zuwandte“ (Offshoots of Orgonomy, No. 4, S. 21). Erstaunlicherweise wurde das nie mit Ollendorffs Haltung zu Reich und der Orgonomie in Zusammenhang gebracht. Übrigens bestreitet Reichs letzte Ehefrau, Aurora Karrer, vehement, daß Reich am Ende irgendwelche religiösen Anwandlungen hatte. Das behauptet ja Ollendorff. Ich frage mich, ob ihr Blick nicht auch in dieser Beziehung, wie in vielen anderen Dingen, getrübt war.










