Man kann die Bedeutung von James Burnham für die orgonomische Soziologie kaum unterschätzen. Erst vor kurzem hat Charles Konia jene aufgefordert, die seine „politisch einseitige“ Haltung nicht verstehen, Burnhams 1964 erschienenes Buch Suicide of the West zu lesen.
In dieser Ausgabe des Journal of Orgonomy wurde ein ganzes Kapitel aus Burnhams Buch abgedruckt: „The Guilt of the Liberal“ (S. 179-193). Der zentrale Satz des Kapitels lautet:
Für die westliche Zivilisation in der gegenwärtigen Weltlage ist folgendes die wichtigste praktische Konsequenz, die aus dem in der liberalen Ideologie und Psyche verankerten Schuldgefühl zu ziehen ist: daß der Liberale, und die Gruppe, Nation oder Zivilisation, die mit liberalen Doktrin und Werten infiziert ist, gegenüber jenen moralisch entwaffnet dasteht, die der Liberale im Vergleich mit sich selbst als benachteiligt betrachtet.
Das ist der „Selbstmord des Westens“: daß der Westen, vergiftet von der allgegenwärtigen von Schuldgefühlen zerfressenen linksliberalen Ideologie, jeden als moralisch höherwertig anerkennt, der sich vorgeblich für die Schwachen einsetzt (wie die Kommunisten) oder selbst schwach ist (wie die Islamisten, die der Linksliberale als in die Verzweiflung getriebene Opfer des Kolonialismus bzw. „Neokolonialismus“ betrachtet).
Diese Schuldgefühle entsprechen, wie Konia in einer editorischen Einleitung schreibt, der Wahrnehmung von orgonotischer Erregung in der gepanzerten Muskulatur. Wird der Panzer in der Orgontherapie aufgelöst, verschwinden gleichzeitig die irrationalen Schuldgefühle auf Nimmerwiedersehen. Der Konservative hat Gott, der ihm die Schuld verzeiht, der „aufgeklärte“ Linke (in Amerika der liberal) hingegen sucht „Vergebung“ durch seinen soziopolitischen Aktivismus, der zwar vollkommen gaga und letztendlich selbstmörderisch ist – aber es geht schließlich um sein „Seelenheil“!
Bereits 1945 besprach Harry Obermayer Burnhams Buch von 1943 The Machiavellians in Reichs International Journal of Sex-economy and Orgone Research (Vol. 4, S. 216-220). Gegen Burnhams Rehabilitierung der „realistischen“ Sichtweise vom Denkern wie Machiavelli, Mosca, Michels, Sorel und Pareto wendet Obermayer ein, daß es für Reich nicht unabänderlich sei, daß eine Elite regieren müsse, da man die Massen von ihrer strukturellen Verantwortungslosigkeit befreien könne.
Elsworth F. Baker erwähnt Burnham und dessen 1941 erschienenes The Managerial Revolution in Der Mensch in der Falle. Die Betriebsleiter-Elite, die Burnham beschreibt, sei, so Baker, „die organisierte ‚emotionale Pest‘“ (S. 264).
Paul Mathews schrieb zu diesem Themenkomplex:
[Reich] betrachtete in Anbetracht der vorherrschenden Charakterstruktur die Tendenz, sowohl in Skandinavien als auch in den Vereinigten Staaten, vom Privat- zum Staatskapitalismus überzugehen als verhängnisvoll. Diesen Prozeß betrachtete er als den eigentlichen Mechanismus, durch den ein faschistischer Staat kreiert wird – wie in Nazi-Deutschland und der Sowjetunion. Obwohl er keine großen Sympathien für engstirnige Kapitalisten hegte, setzte Reich sie nicht mit Faschisten gleich. Vielmehr betrachtete er sie als Anhänger einer ökonomischen Philosophie und Praxis, von denen man in einer gepanzerten Welt genausoviel erwarten konnte wie von Sozialisten. Für Reich hingen die Übel des Staatskapitalismus nicht von seinen kapitalistischen Zügen ab, sondern von der Unfähigkeit der Massen ihr eigenes Leben zu organisieren, so daß immer mehr Macht den Bürokraten überantwortet wird, die sich in Führer verwandeln. (The Journal of Orgonomy, 5,1, S. 111, May 1971)
Mathews verweist dabei neben Reich auf Friedrich Hayeks The Road to Serfdom und auf Burnhams The Managerial Revolution.
Baker zitiert Burnham auch als Zeuge für und Analytiker des pseudoliberalen „modern liberal character“. Tatsächlich hatte Baker diesen ziemlich nichtssagenden Begriff von Burnham übernommen!
In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick darauf, wie die Stalinisten in der Nachkriegszeit den „Trotzkisten“ Burnham einschätzten. Tatsächlich war Burnham in den 1930er Jahren ein enger Freund Trotzkis bevor sich Burnham, der sowieso nie ein vollkommen überzeugter Marxist war, vom Kommunismus löste.
In dem 1956 in Ost-Berlin erschienenen Sammelband Gegen die Philosophie des Verfalls (Beiträge zur Kritik der Gegenwärtigen bürgerlichen Philosophie) schreibt der ungarische Soziologe Alexander Szalai, Burnham und sein Buch The Managerial Revolution seien deshalb von Interesse, da dessen Konzept kaum mehr sei als eine Neuformulierung der ursprünglichen Theorie Karl Kautskys (1854-1938).
Kautsky war in den 1890er Jahren der Mann, der die deutsche sozialdemokratische Ideologie aus der Marxistischen Matrix formte. Die Theorie von Burnham/Kautsky sei, so der orthodoxe Marxist, d.h. Stalinist Szalai, eine Revolution von oben, initiiert durch die unvermeidliche Anhäufung und Zentralisierung der Macht. In Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften übernähmen die Betriebsleiter die Macht an den Kapitaleignern vorbei. Sie kooperieren und organisieren eine kapitalistisch-sozialistische Planwirtschaft, so daß eine blutige Revolution nach sowjetischem Vorbild nicht mehr notwendig sei, um sich der Marxistischen Utopie zu nähern. „Die siegreiche Revolution der Direktoren, ihre gefestigte und organisierte Macht, würde schließlich eine kapitalistische Planwirtschaft möglich machen, und zwar innerhalb des bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, ohne Erschütterungen oder wesentliche Änderungen des Systems.“ Um das zu erreichen, müssen Kleinunternehmen, individuelle Kapitalisten, dezentralisierte Strukturen, usw. beseitigt werden.
Wer da nicht an die heutige europäische Sozialdemokratie und Obama denkt, ist blind!




