Ein neuer Blick auf das Milgram-Experiment

Seit einem halben Jahrhundert bestimmt ein Experiment des Psychologen Stanley Milgram den sozialpsychologischen Diskurs wie kein anderes:

Menschen folgen den Anweisungen von Autoritären, etwa dem „Herrn Doktor“ im weißen Kittel, und würden aus Gehorsam sogar per Knopfdruck töten. Das Problem ist, daß diese Vorstellung nie so recht zur Realität gepaßt hat. Die Schergen des Real- und Nationalsozialismus haben nicht einfach nur Befehlen gehorcht, die ohnehin nie so klar formuliert waren, sondern waren fast immer engagiert und haben ihre Aufgabe mit Freude übererfüllt. Außerdem konnte nie befriedigend erklärt werden, warum einige der Probanden den Anweisungen der Versuchsleiter in Milgrims Experiment nicht gefolgt sind.

Jetzt haben Stephen Reicher (University of St. Andrews) sowie Alexander Haslam und Joanne Smith (University of Exeter) die Milgram-Studie neu betrachtet. Es komme weniger auf Gehorsam per se an, sondern darauf, mit wem sich der Proband identifiziert: dem Versuchsleiter und dessen Welt („der Wissenschaft“) oder dem Objekt der Versuchsreihe („den Menschen“). Identifiziert er sich mit der ersteren Gruppe, schreitet er über die Folter bedenkenlos zum Mord fort, identifiziert er sich mit der zweiten Gruppe, verhält er sich entsprechend solidarisch und pfeift auf das Experiment.

Leute wie Eichmann, waren zu ihren Taten in der Lage, nicht weil sie „einfach nur Befehlen folgten“, sondern weil sie sich mit der Ideologie (der vermeintlich „wissenschaftlichen“ „Rassekunde“) und insbesondere der Gruppe, die diese Ideologie trug, vollkommen identifizierten. Ein Lebemann wie Oskar Schindler hingegen war eine derartige Identifikation wesensfremd. Er fühlte sich einfach mit den Menschen im Allgemeinen verbunden.

Ob man in einer gegebenen Situation ein „Eichmann“ wird, scheint m.E. davon abzuhängen, wie stark man im Leben verwurzelt ist, d.h. vom bioenergetischen Kontakt. Die Frage ist, wie weit man gehen würde für „die Wissenschaft“, „den Fortschritt“, „den Islam“, „die Sache der Basken“, etc. pp. Man kann sich nur mit einer dieser „Sachen“ so vollkommen identifizieren, daß man selbst angesichts von sechs Millionen Toten stolz auf seine Arbeit ist (wie Eichmann es war), wenn man entsprechend den Kontakt zu seinen Mitmenschen verloren hat. Diese sind sie dann im Extremfall nur noch störendes Ungeziefer.

„Ideologiekritik“ wird kaum weiterhelfen, um zukünftige Greueltaten zu verhindern. Wenn das Christentum überwunden ist, wird halt für den atheistischen Kommunismus gemordet und ist der besiegt, dann eben für die Nation – und immer so weiter. Es werden sich immer für die entsprechende Ideologie irgendwelche „Eichmanns“ finden, die voll Begeisterung ans Werk gehen.

Auch die Menschen von „Autoritätsgläubigkeit“ kurieren, also der ursprünglichen Schlußfolgerung aus dem Milgram-Experiment zu folgen, wird wenig bringen. Der „antiautoritäre“ Mensch ist nicht etwa empathischer, sondern ganz im Gegenteil weitaus unempathischer, – wie wir alle im steigenden Maße in dieser antiautoritären Gesellschaft erfahren müssen. Gleichzeitig ist die Tendenz höher als je zuvor, sich mit Gruppen zu identifizieren. Für die Gruppe, mit der man sich identifiziert, würde man buchstäblich alles tun! Entsprechend laufen in der heutigen antiautoritären Gesellschaft wahrscheinlich mehr „Eichmänner“ herum als jemals zuvor!

Der einzige Weg eines ernstzunehmenden Antifaschismus, der die Gefahr von Greueltaten ein für allemal ausmerzen wird, ist die Herstellung von bioenergetischem Kontakt:

  1. Säuglinge werden nach der Geburt nicht mehr von der Mutter getrennt. Sie lösen sich von ihr und in einem späteren Alter von der ganzen Familie wie es ihren eigenen Bedürfnissen entspricht.
  2. Kinder finden selbständig zueinander und bilden ein enges Geflecht von Freundschaften, in das Erwachsene nicht eingreifen.
  3. Partnerschaften bilden sich und die Menschen möchten etwas erreichen, sich einbringen, sie möchten arbeiten.

Absurde Regularien, die Bürokratie, die Gewerkschaften, etc. machen diese Entfaltung zu einer Tortur. Unsere Erziehung hat uns zu sozialen Krüppeln gemacht. Lauter verbiesterte Einzelkämpfer. Unsere Seelen sind schon im Säuglingsalter verendet, als man uns „ausschreien“ ließ. Kontaktlose Seelenkrüppel, die mit Freuden jedem schwachsinnigen Wahn folgen und Menschen ohne jedes Mitgefühl erniedrigen, foltern, ersticken und zerstückeln.

Dabei verschärft sich das Problem der bioenergetischen Kontaktlosigkeit immer weiter, weil dank der modernen Technologie die Distanz zwischen Täter und Opfer immer größer wird. Das war ja auch ein entscheidendes Element des Milgram-Experiments: daß die Probanden ihre vermeintlichen Opfer gar nicht sahen (sie haben nur die Schmerz- und Todesschreie gehört) und die Foltermaschine weit entfernt in einem anderen Raum stand. Sie haben einfach nur Kippschalter betätigt!

Die Menschen kontaktfähiger zu machen, ist eine zentrale Überlebensfrage der Menschheit. Statt dessen macht die zunehmende Mechanisierung unseres Lebens, die Unterhaltungselektronik, der steigende Drogenkonsum (insbesondere Cannabis!) die Menschen kontaktloser als sie es je zuvor waren.

About these ads

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

4 Antworten zu „Ein neuer Blick auf das Milgram-Experiment“

  1. Peter Nasselstein sagt:

    James E. Holmes, der Batman-Attentäter, ist ein typischer Vertreter der neuen Eichmänner Generation Occupy. Kontaktlos in jeder denkbaren Beziehung.

  2. Robert (Berlin) sagt:

    Ein Einwand:
    Während der kontaktlose US-Soldat in einem fernen Zimmer die Drohnenraketen abschisst, sucht der islamische Selbstmordattentäter den direkten Kontakt zu seinen Opfern.
    Nein, so einfach ist das nicht. Auch die SS war ja in den KZs vor Ort. Die Distanz muss nicht zu mehr morden führen, sie macht es auch nicht einfacher (siehe die Gewissensbisse, die der Pilot der Atombombe auf Japan hatte).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 31 Followern an

%d Bloggern gefällt das: