Nach Reichs Tod am 3. November 1957 lag die Orgonomie am Boden. Reich hatte seine Tochter Eva Reich als Treuhänderin seines Nachlasses eingesetzt. Es kam darüber zu Streitigkeiten mit Reichs Witwe Aurora Karrer, die behauptete, Reich hätte sie eingesetzt. Jedoch konnte sie keine entsprechenden Dokumente beibringen. Schließlich bat die durch den tragischen Tod ihres Vaters depressive und überforderte Eva Reich die Orgonomen einen Nachfolger für sie zu finden. Nachdem Elsworth F. Baker, der kurz vor Reichs Tod in seiner Funktion als informeller Sprecher der medizinischen Orgonomen die Zeitschrift Orgonomic Medicine herausgegeben hatte und deshalb für die Stelle prädestiniert war, diese wegen Arbeitsüberlastung von sich gewiesen hatte, schlug schließlich der Orgonom Chester M. Raphael eine wirtschaftlich unabhängige junge Patientin vor, die nach einer Aufgabe im Leben suchte, Mary Boyd Higgins. Als sie hochheilig versprochen hatte, nur in enger Absprache mit den Orgonomen zu handeln, wurde sie 1959 formal als Treuhänderin eingesetzt.
Nach zwei Jahren Paralyse und Chaos begann die Orgonomie wieder Fuß zu fassen. Ein erster Schritt aus dem Abgrund heraus war 1960 die Herausgabe von Reichs Ausgewählten Schriften bei einem renommierten Verlag (der heute Farrar, Straus & Giroux heißt). Es war nur allzu naheliegend, daß der Herausgeber des Orgonomic Medicine das Vorwort schrieb, doch Higgins wollte „Reich pur“.
Charles Kelley erinnerte sich wenige Jahre später:
Ungefähr zu dieser Zeit erfuhr ich, daß, als Dr. Baker und Dr. Raphael die Auswahl aus den Arbeiten Reichs, die die Ausgewählten Schriften bilden, getroffen hatten, Dr. Baker eine Einführung schrieb, die die Arbeiten in Perspektive setzten und dem Leser die unbedingt notwendige Orientierung boten. Miss Higgins beschloß, die Einführung von Dr. Baker zu streichen und sie mit einigen eigenen Paragraphen und Exzerpten des Letzten Willens Reichs zu ersetzen. In der Gesamtwirkung vermittelt dies dem Leser, der Reich nicht kennt, den Eindruck, daß dieser ein merkwürdiger Sonderling war. In der ersten Druckfassung der Schriften hat Miss Higgins die Arbeit von Dr. Baker und Dr. Raphael für die Auswahl anerkannt. Später, nachdem sie sich über Dr. Baker geärgert hatte, ließ sie seinen Namen aus der Danksagung streichen. Derzeit wird der Leser nicht darüber in Kenntnis gesetzt, welche Person in erster Linie für die Auswahl verantwortlich zeichnet. („Orgonomy Since the Death of Reich”, The Creative Process, July 1965, S. 13)
In der Folgezeit wurden einige der Reichschen Hauptwerke in den von Reich autorisierten Übersetzungen von Theodore P. Wolfe neu verlegt. Dabei wurden die alten Vorworte Wolfes gestrichen (eines davon habe ich übersetzt) und durch Vorworte von Higgins ersetzt. Ich kann mich noch lebhaft an meine erste Lektüre von Die Entdeckung des Orgons: Die Funktion des Orgasmus erinnern und, obwohl ich so gut wie nichts über die Orgonomie und gar die hier angeschnittenen Zusammenhänge wußte, wie peinlich berührt ich von Higgins‘ Vorwort war. Es richtet ausschließlich Schaden an! Und das im allersten Buch, das man von Reich lesen sollte!
Das erste größere editorische Projekt des Gespanns Higgins/Raphael war 1967 die sicherlich verdienstvolle Herausgabe des Bandes Reich Speaks of Freud. Ich wüßte nicht, daß man den Herausgebern irgendeinen fachlichen Fehler nachweisen könnte. Das Problem ist nur, Richard Blasband hat darauf in seiner damaligen Rezension im Journal of Orgonomy hingewiesen, daß das Genie Reich dem Kleingeist der Herausgeber zum Opfer fällt. Es geht um die Veröffentlichung des Interviews, das der Psychoanalytiker Kurt Eissler 1952 mit Reich geführt hatte. Die Herausgeber haben es mit teilweise zuvor unveröffentlichtem Material um einen umfänglichen Anhang ergänzt. Außerdem haben sie praktisch jeden Satz Reichs mit einer teilweise sehr umfangreichen Fußnote versehen. Inhaltlich ist an den Fußnoten nichts auszusetzen (dazu gleich mehr!), jedoch wird so Reichs Gedankenführung richtiggehend zerhackt. Außerdem haben die Fußnoten und das gesamte übrige Buch ein von den beiden Herausgebern gesetzten Schwerpunkt: die Auseinandersetzung zwischen Reich und den Psychoanalytikern. Das war auch Eisslers Intention bei der Gesprächsführung. Blasband weist jedoch vollkommen zurecht darauf hin, daß es Reich bei dem Interview eindeutig um etwas grundsätzlich anderes ging: er wollte die Genitalität und seine, Reichs, Rolle in ihrer wissenschaftlichen Untersuchung in den Vordergrund schieben und sich nicht in einen kleinlichen Streit zwischen zwei psychoanalytischen Schulen hineinziehen lassen („Freudianer gegen Reichianer“). 1952 war ihm die Psychoanalyse denkbar schnurz!
Von da an, d.h. nach 1967, nahm das Wilhelminische Reichmassaker seinen Lauf. Genauso wie der Panzer die primären Impulse zerhackt, wird alles zerhackt, was Reich geschrieben hat. Irgendwo schreibt Reich über den „Fleischwolf“, durch den er gehen mußte. Aber daß er noch leichenschänderischerweise posthum durch den Wolf gedreht wird…
Vergleicht man Reichs Briefe an Neill in American Odyssey (1999) mit den entsprechenden Briefen, die vorher in Record of a Friendship (1981, deutsch: Zeugnisse einer Freundschaft) veröffentlicht worden waren, sieht man wie selbstherrlich Higgins in den Manuskripten Reichs herumfuhrwerkt und das alles ohne jeden editorischen Vermerk.
Man vergleiche Reichs Brief an Neill vom 12. Juli 1945 in American Odyssey (S. 295f) mit der Version in Record of a Friendship. Nicht nur die Jahreszahlen (1936 bzw. 1939) sind unterschiedlich, sondern, wie in anderen Briefen auch, sogar manche von Reichs Ausdrücken (die Reich ja schließlich im Original in Englisch geschrieben hatte). Oder vergleichen Sie mal spaßeshalber die beiden Versionen in American Odyssey und Record of a Friendship von Reichs Brief an Neill vom 12. Januar 1946!
Kann mir jemand erklären, warum Higgins den Schlußabsatz des Briefes an Neill vom 19. Januar 1947 in American Odyssey (S. 376) das erste Mal abdruckt und warum er zuvor in Record of a Friendship gestrichen wurde?
American Odyssey, S. 59: „Alexander Lowenstein“ ist natürlich niemand anderes als Alexander Lowen. Wäre das nicht eine Fußnote wert gewesen?
S. 63, ebd.: In der Fußnote zum Eintrag für den 9. Februar 1941 macht Higgins einen schwerwiegenden Fehler: das “Orgonometer”, mit dem Reich die Temperaturdifferenz mißt, kann logischerweise nicht das Elektroskop sein, sondern nur das Thermometer.
Footnote S. 128: Der Aufsatz zur Arbeitsdemokratie wurde von Reich nicht 1937 sondern 1939 veröffentlicht.
Footnote S. 156: Der „Psychoanalytiker Abraham Cardiner“ hieß tatsächlich Abram Kardiner. (Ziemlich interessant, daß sich die Kardinerianer für Reich interessierten, denn einige Jahre später war Baker einer von Kardiners Ausbildungskandidaten, der sich Reich zuwandte.)
S. 215f zeigt, wie sehr das Buch mit heißer Nadel gestrickt wurde: 31. Januar – 7. Februar – 26. Januar – 8. Februar.
S. 227: Reichs undatierte Notiz „The Riddle“, die Higgins zwischen den 26. Februar 1944 und den 7. März 1944 plaziert, wurde The Einstein Affair zufolge tatsächlich 1950 verfaßt.
S. 311: Es ist bedauerlich, daß Higgins nicht die Toxität von Aluminium und Kupfer für den Bau von Orgonenergie-Akkumulatoren erwähnt.
p. 313, Fußnote: Die Die Sexualität im Kulturkampf ist nicht der erste Teil von The Sexual Revolution, wie Higgins behauptet, sondern Titel der gesamten deutschen Version des Buches von 1936. Der erste Teil erschien erstmals 1930 unter dem Titel Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral.
Reich notierte sich 1951:
Ich muß damit aufhören, meine früheren Bücher zu vertreiben, z.B. Massenpsychologie und Sexuelle Revolution. Nicht weil sie falsch sind, sie stehen so da, wie sie geschrieben wurden, sondern weil sie die entscheidende Frage, d.h. die Orgonenergie, verdecken und von den Leuten mißbraucht werden. (z.n. Chester M. Raphael: Wilhelm Reich. Misconstrued-Misesteemed, New York 1970, S. 86)
Ausgerechnet Higgins hat aber bevorzugt gerade diese frühen Bücher herausgegeben, weniger die Orgon-Sachen!
Wie bereits an anderer Stelle erwähnt ist Children of the Future eine komplett unlogische und verwirrende Zusammenstellung. Higgins hat von Reichs „Lied der Jugend“ (Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie, 1938, S. 1 und 2) nur die S. 2 übersetzen lassen. Und warum wurde Reichs ausführlicher Kommentar zu „Concerning Childhood Masturbation“ nicht abgedruckt? Warum nicht erwähnt, daß „Maltreatment of Infants“ bereits im International Journal of Sex-economy and Orgone Research erschienen ist? Warum wurde hier nicht „Eltern als Erzieher“ abgedruckt? „The Source of the Human ‘No’“ ist ein Ausschnitt aus Reich Speaks of Freud. Es unterscheidet sich gewaltig von dem von Reich autorisierten „The Source of the Human ‘No’“ in der von Elsworth F. Baker herausgegebenen Zeitschrift Orgonomic Medicine.
1973 veröffentlichte Higgins eine Neuübersetzung von Reichs People in Trouble. Man vergleiche Reich’s „Basic Tenets on Red Fascism (1950)“, keine Übersetzung, sondern von Reich in Amerikanisch verfaßt, in den beiden Versionen des Buches: People in Trouble, 1953, S. 158f gegen People in Trouble, FS&G, S. 205-207. Fast jeder Satz ist unterschiedlich!
Hier beispielsweise „Tenet Seven“:
1953: Red Fascism differs from other political disrespects for fact and truth in that it eliminates all checks and controls of the abuse of power and drives the nuisance politician to his utmost power.
1973: Red Fascism differs from other forms of politics in that it eliminates all checks and controls over the abuse of power, thereby enabling the nuisance politician to achieve utmost power.



