Archiv für Juli 2012

Einige Gedanken zur „Reichianischen“ Esoterikszene

31. Juli 2012

Zu diesem Blogeintrag haben mich die (meine ;-) ) gestrigen Leserkommentare inspiriert.

Reich hat die „göttliche“ Dimension durchaus nicht ausgelassen. Die Frage ist nur, was für einen Gott Reich vertreten hat. Es fing alles damit an, daß er Freuds Atheismus überwunden hatte. Stichwort „ozeanische Gefühle“ gegen Freuds allmächtigen „Geist“, Körper (Reich) gegen Gehirn (Freud), Materie (Reich) gegen Geist (Freud), Natur (Reich) gegen Kultur (Freud), der bioenergetische Kern (Reich) gegen die „bürgerliche Fassade“ (Freud).

Genau hier beginnt die „Reichianische“ Mystik: die Spiritualität dieser Leute ist verkopft, verschroben und kompliziert, ist inspiriert von fernen Kulturen und lange zurückliegenden Zeiten und sie hat so gut wie nichts mit einem unmittelbaren Ausdruck des bioenergetischen Kerns zu tun.

Das ganze ist ein einziges Angebot, dem bioenergetischen Kontakt, dem „ozeanischen Gefühl“, „nach oben“ zu entkommen. In den Augen wegzugehen. Jedenfalls finde ich diesen Augenausdruck bei fast allen „Reichianern“. Er entspricht exakt dem, den man auch findet, wenn man nachts über die Reeperbahn geht und die Augenpartie der Sehmänner betrachtet, die die Sexshops, Pornokinos und Liveshows verlassen.

Die Entsprechung geht sehr weit. Man stelle sich vor, man sitze auf einer Parkbank und erlebt einen grandiosen Sonnenuntergang. Reicht dieses Erleben nicht vollkommen aus? Wäre es nicht eine ekelerregende Perversion, dabei anthroposophisch über den „Sonnengeist“ Christus und seine Blutspende für die Erde zu sinnieren oder an Ra, den ägyptischen Sonnengott, zu denken oder sich auf das Sonnen-Chakra zu konzentrieren und dabei die entsprechenden Mantras zu murmeln. Das wäre das Gegenteil von echter Spiritualität. Hingabe vs. Mind-Fucking.

Charakteristisch für solche Menschen ist auch, daß sie wirkliche Spannung nicht ertragen können, wie sie um Leute wie Reich und Jerome Eden herrschte. Das läuft ungefähr so ab: sie sehnen sich nach „action“ und Kontakt, dann kommt tatsächlich „action“ und Kontakt und sie flüchten „nach oben“ und träumen weiter von „action“ und Kontakt. Eine „spirituelle“ Stufenleiter, die zu immer mehr „Vergeistigung“ führt.

Ich kann an all dem, was uns an „Reichianischer“ angeblicher „Esoterik“ geboten wird, beim besten Willen nichts erkennen, was das orgonomische (for lack of a better term) Paradigma sprengen würde. Ganz im Gegenteil zeigt es nur mal wieder, wie vollkommen überflüssig die „spirituelle“ Ebene ist; daß sie nur eine einzige Funktion hat: vor den ozeanischen Gefühlen, vor der Überflutung des Ich zu bewahren. Es ist ein verzweifeltes Festklammern von Leuten, die ohne diesen Anker, in ihrer Psychose ertrinken würden.

Flucht! Dazu paßt auch das manische Ansammeln diverser Therapietechniken. Wie mal ein südindischer Ayurveda-Arzt gesagt hat: Ich habe 30 Jahre gebraucht, um mich in dieses System auch nur ansatzweise einzuarbeiten – während europäische Ärzte einen dreiwöchigen Kursus machen und dann als „Ayurveda-Spezialisten“ firmieren. Dieses wirre Kraut-und-Rüben-Herumtherapieren kann nur kontraproduktiv sein.

Da reiht sich dann die „Körpertherapie“ ein. Allein schon der Begriff „Körpertherapie“! Entweder weiß man, was man tut, oder man weiß es nicht! Entweder kann man 50 Meter weit schwimmen oder man ertrinkt auf dieser Strecke. Entweder ist man Orgontherapeut oder man ist es nicht. Entweder man ist Chirurg oder man ist es nicht – und Orgontherapie ist nichts anderes als (biophysische) Chirurgie!

Und dann immer dieses Halbwissen. Da ist dann beispielsweise von „Tao-Yoga“ die Rede, das irgendwie mit der „Orgontherapie“ gleichgeschaltet wird. Erst mal werden hier zwei Kulturkreise zusammengemanscht, die wenig miteinander verbindet. Yoga dient der Meisterung des Körpers, damit er der Meditation nicht im Wege steht: der Körper wird wie ein Esel gezüchtigt und unter das Joch (= Yoga) gespannt; die Seele soll hier auf Erden schon genauso frei und unabhängig vom Körper sein, wie später im Tode. Taoistische Übungen andererseits dienen nun weniger der Vergeistigung, sondern ganz im Gegenteil dem Drang nach einem ewigen körperlichen Leben (da der Taoismus ursprünglich kein Leben nach dem Tode kannte), indem die Lebenssäfte nicht sinnlos verausgabt werden: insbesondere durch Coitus reservatus und die Unterdrückung aller Emotionen und Affekte. Beide Traditionen sind im Zen in eins geflossen: die Apotheose des Sitzens und der Unterdrückung aller Gefühle.

Zerschlag das einheitliche Orgon mit deiner blockierten Wahrnehmung und deiner von „Reichianischen“ „Therapien“ irreversibel zerstörten biophysischen Struktur und du hast ein Trümmerfeld vor dir aus abgespaltenen Kräften: Engel-Geistern aus der spirituellen Welt vs. den Dämonen aus der materiellen Welt. Und dein ganzes späteres Leben dreht sich darum, diesen kosmischen Kampf mit Hilfe von „Energiearbeit“ auszufechten.

Ich bin mir sicher, daß ein Mensch, der spürt, wie sein Gehirn sich peristaltisch bewegt (das eigentliche Zeichen eines befreiten okularen Segments), anstatt in einem ständigen „Krampf der reinen meditativen Anschauung“ unbeweglich im Schädel zu ruhen – daß solch ein Mensch gar nicht in der Lage ist, die existierenden östlichen Meditationspraktiken auszuüben. Das ist wie mit der Verdauung: warum sollte ein in dieser Hinsicht gesunder Mensch, sich hinsetzen und „Verstopfung“ üben, um sich der Verdauung bewußt zu werden?! Und das täglich!

Was bedeutet eigentlich „Spiritualität“? Spiritualität ist die Kunst der Unterscheidung. Die Fähigkeit z.B. wahre Kunst von Mist zu unterscheiden. Angesichts dessen, was heute als „moderne Kunst“ gilt, kann man den spirituellen Verfall ablesen. Von dem degoutanten MÜLL, der uns als Esoterik verkauft wird, will ich gar nicht erst reden! Echte Spiritualität ist das Vermögen, wirkliche Tiefe von oberflächlichem Dreck, wie er zu 99,9 Prozent in „Esoterikläden“ angeboten wird, zu unterscheiden.

The Journal of Orgonomy (Vol. 28, No. 1, Spring/Summer 1994)

30. Juli 2012

Ich kann mich gut erinnern, daß wir beim Biologieunterricht auf dem Gymnasium fast die gleiche Tabelle des Autonomen Nervensystems durchgegangen sind, wie sie Reich Mitte der 1930er Jahre in Die bio-elektrische Untersuchung von Sexualität und Angst abgedruckt hat:

Die Lehrerin meinte, man habe wohl oft behauptet, die parasympathische Reaktion stehe für Expansion, die sympathische für Kontraktion, aber wenn man die Tabelle durchgehe, sehe man schnell, daß das einfach nicht stimme, denn beispielsweise kontrahiert die Iris bei einer parasympathischen Innervation, während sich die Arterien erweitern.

An diesem Beispiel sieht man sehr schön den Unterschied zwischen dem mechano-mystischen und dem funktionalistischen Denken. Die Biologin denkt mystisch in Absolutheiten, sozusagen in „Platonistischen Ideen“: „Expansion an sich“ gegen „Kontraktion an sich“. Dann schaut sie mechanistisch auf die vermeintliche „Wirklichkeit“ und sieht keine bzw. nur vage Korrelationen. Sie mutiert zur „Skeptikerin“ und wischt die Idee „Expansion gegen Kontraktion“ verächtlich vom Tisch.

Der Funktionalist hingegen sieht die einzelnen Innervationen durch das Autonome Nervensystem im funktionellen Zusammenhang. Es ist hoffnungslos, dies der besagten Biologin erklären zu wollen, weil ihr aufgrund ihrer Panzerung das Konzept „gesamtorganismisches Funktionieren“ sowieso wesensfremd ist.

Charles Konia beschäftigt sich in „The Plasmatic System, Part II: The Endocrine System“ (S. 4-22) mit den Hormonen, die in die Blutbahn ausgeschüttet werden und die durchweg der parasympathischen Funktion (Ladung) bzw. der sympathischen Funktion (Entladung) zugeordnet werden können.

Der parasympathischen Funktion entspricht

  1. einer Senkung des Blutzuckerspiegels und Kalziumspiegels durch Insulin bzw. Calcitonin;
  2. einer Senkung des Plasmavolumens durch Hemmung von Aldosteron und Cortisol; und
  3. einer Erhöhung der Keimdrüsenhormone.

Die sympathische Funktion entspricht:

  1. einer Erhöhung des Blutzuckerspiegels und Kalziumspiegels durch Glucagon bzw. Parathormon;
  2. einer Erhöhung des Plasmavolumens durch Stimulierung von Aldosteron und Cortisol; und
  3. einer Senkung der Keimdrüsenhormone.

Konia, der des weiteren die Beziehung zwischen Hormonen und Rezeptoren auf die primordiale orgonotische Wahrnehmungsfunktion zurückführt, schließt:

Das funktionelle Denken erlaubt es, die zahlreichen spezifischen biochemischen Reaktionen innerhalb dieses Rahmens einzuordnen. Das umfaßt ein Verständnis der Entwicklung des biologischen Funktionierens vom Einfachen ausgehend hin zum Komplexen. Zugegebenermaßen ist das ein sehr ehrgeiziges Projekt. Seine Durchführung wird ein tiefschürfendes Bild von biologischen Funktionen bieten, das den gegenwärtigen mechano-mystischen Theorien überlegen ist.

Das Geheimnis der Entropie

29. Juli 2012

Der Zustand der maximalen Entropie ist die ultimative Verkörperung dessen, was in der Orgonomie als „mechanisch“ bezeichnet wird. Es gibt keine Ordnung, keine Strukturen. Ein derartiger Zustand ist gar nicht so einfach herzustellen. Beispielsweise muß man Laboratorien für Unsummen ins Weltall schießen, um dem Ordnungsfaktor Gravitation zu entgehen.

Wirklich interessant wird es, wenn man einen anderen Störfaktor ausschaltet: die Wärmebewegung. Nähert sich die Temperatur dem absoluten Nullpunkt treten Phänomene auf, die allem zu widersprechen scheinen, was wir mit einem „entropischen Zustand“ verbinden. Ich habe das in Orgonenergie-Kontinuum und atomare Struktur beschrieben.

Man kann sogar diskutieren, ob die Annäherung an das thermodynamische Gleichgewicht von genau jenen quantenmechanischen Mechanismen abhängig ist, deren Nähe zu orgonphysikalischen Phänomen ich im verlinkten Aufsatz aufgezeigt habe. Oder mit anderen Worten: das Zweite Thermodynamische Gesetz bedarf der spontanen Orgonenergie bzw. ihren quantenmechanichen Äquivalenten. (Siehe dazu David Z. Albert: „The Foundations of Quantum Mechanics and the Approach to Thermodynamic Equilibrium“, The British Journal for the Philosophy of Science, 45, S. 669-677, 1994.) Man muß einen Satz von Spielfiguren oder Spielkarten sozusagen „erst durchschütteln“, bevor man mit dem Spiel anfangen kann, das darin besteht, aus maximaler Unordnung maximale Ordnung zu machen. Am Anfang steht also das „Druchschütteln“ – ein anentropischer Akt, an dessen Ende maximale Entropie steht, die dann nach und nach abgebaut wird.

Ein Äquivalent zu quantenmechanischen Prozessen am Rande des absoluten Nullpunkts sind gleichförmige Nanoteilchen: In der Studie „Predictive Self-Assembly of Polyhedra into Complex Structures“ von Sharon Glotzer (University of Michigan) et al. konnten, jedenfalls in der Computer-Simulation, Ansammlungen von verschieden geformten Nanoteilchen dazu gebracht werden sich spontan zu verschiedenen makrokosmischen Strukturen zusammenzufinden.

Sich selbst überlassen finden schwebende Teilchen zu Zusammenstellungen mit der höchsten Entropie zueinander. Diese Zusammenstellung entspricht dann der Vorstellung, daß Entropie mit Unordnung gleichzusetzen ist, wenn die Teilchen ausreichend Raum zur Verfügung haben: sie zerstreuen sich und weisen in zufällige Richtungen. Aber dicht zusammengepackt fingen [in der Simulation] die Teilchen an, sich zu Kristallstrukturen zusammenzufinden, so wie es Atome tun – auch wenn die Nanoteilchen keine chemischen Bindungen eingehen konnten. Diese geordneten Kristalle mußten ebenfalls hochentropische Zusammenstellungen sein.

Glotzer erklärt, daß das nicht wirklich „Unordnung ist, die aus sich heraus Ordnung erschafft“, vielmehr benötige das Image der Entropie ein Update. Sie beschreibt sie als ein Maß für Möglichkeiten. Wenn man die Schwerkraft abdrehen könnte und einen Beutel mit Würfeln in ein Glas entleerte, würden die einzelnen schwebenden Würfel in jede mögliche Richtung zeigen. Wenn man jedoch damit fortfahre Würfel hinzuzufügen, werde der freie Raum schließlich so begrenzt, daß die Würfel mehr Optionen hätten, wenn sie sich gegeneinander ausrichten. Dasselbe passiert mit den Nanoteilchen, die so klein sind, daß sie die Einwirkung der Entropie stärker erfahren als die der Gravitation.

„Es dreht sich alles um Möglichkeiten“, sagt Glotzer. „In diesem Fall erzeugen geordnete Zusammenstellungen die meisten Möglichkeiten, die größten Freiräume. Das ist natürlich kontraintuitiv.“

70 Prozent der in den Computerdurchläufen getesteten Formen für Nanoteilchen ergaben unter dem Einfluß der Entropie Kristalle. Wobei die Forscher geradezu geschockt waren, wie kompliziert einige dieser Kristallstrukturen waren. Mittlerweile ist es sogar möglich, aus der Form der einzelnen Nanoteilchen die Art der Kristalle vorauszusagen, die sich aus den Nanoteilchen bilden. Warum 30 Prozent der Nanoteilchen, die sich in ihrer Form kaum von den anderen Nanoteilchen unterschieden, keine kristallinen Strukturen ergaben, bleibe jedoch ein Rätsel.

Wie an anderer Stelle dargelegt, ist aus schulphysikalischer Sicht der Orgonenergie-Akkumulator die perfekte Einrichtung, um einen Raum von Umgebungseinflüssen physikalisch zu isolieren: ein Faradayscher Käfig mit zusätzlicher Wärmedämmung. Mit Hilfe dieser „Abschirmung“ konnte Reich unerwartete Strukturen bzw. unerwartete Ordnung ausmachen, d.h. Energie akkumulieren. Entsprechende Phänomene beobachtet man, wenn man den Umwelteinfluß „Wärmebewegung“ gegen Null fährt oder, jedenfalls in der Computer-Simulation, die Freiheitsgrade von Nanoteilchen drastisch einschränkt, indem sie alle beispielsweise nur kleine Diskusse in einem beschränkten Raum sind. Statt einen amorphen „entropischen Brei“ zu bilden, zwingt die Entropie diese sozusagen „eingeschränkten“ Nanoteilchen zur Bildung von teilweise komplizierten Strukturen.

Sollten sich diese Erkenntnisse vom Computer in die Wirklichkeit übertragen, d.h. technologisch umsetzen lassen, hätten wir Materialien zur Verfügung, von denen kein Science-Fiction-Autor bisher auch nur träumen konnte!

Im übrigen erinnert mich das ganze fatal an die Atomtheorie der alten Griechen in Platons Fassung:

Im Timaios hat Platon um 350 v.Chr. die Ansicht vertreten, daß die vier „Elemente“, aus denen die Welt aufgebaut ist – Feuer, Wasser, Luft und Erde – alle aus winzigen Teilchen zusammengesetzt sind. Und da die Welt nur aus perfekten Bausteinen gemacht sein kann, so schloß er weiter, müssen diese Bausteine die Formen der regulären Körper haben. Zum leichtesten der Elemente, dem Feuer, muß das Tetraeder gehören. Als stabilstes aller Elemente muß die Erde aus Würfeln aufgebaut sein. Das Wasser ist flüssig und beweglich, also muß es aus Ikosaedern bestehen, dem regulären Körper, der am leichtesten rollt. Und in Bezug auf die Luft schreibt Plato: „…Luft verhält sich zu Wasser wie Wasser zu Erde“, so schließt er etwas mysteriös, „also muß Luft aus Oktaedern aufgebaut sein“.

Der fassadäre Mensch

28. Juli 2012

Die soziale Fassade dient der Abwehr „ungehöriger“ Impulse aus der sekundären Schicht, aber auch aus dem bioenergetischen Kern. Man denke etwa an den Arbeitsalltag, wo man seinen Frust, seine Vorurteile, seine Langeweile angesichts einer abgrundtief öden Tätigkeit, seine „inneren Dämonen“, etc. ständig hinter einer Maske aus „professioneller Freundlichkeit und Interessiertheit“ verbergen muß – damit die Arbeitsdemokratie funktioniert. Das gleiche gilt auch für vollkommen rationale freundschaftliche und sexuelle Gefühle.

Heute, wo die Menschen ganz in der sozialen Fassade aufgehen und diese zunehmend hypertrophiert, erfüllt sie derlei Aufgaben nicht etwa besser, sondern kann sozusagen wegen „Arbeitsüberlastung“, ihre normale Funktion nicht mehr übernehmen. Beispielsweise wird die beschriebene „Maske“ in der Arbeitswelt zunehmend zu einer grinsenden Karikatur, die stört und abstößt, und die dazu benutzt wird, nicht etwa um die sekundäre Schicht und nicht zur Situation passende egoistische Gefühle abzuwehren, sondern ganz im Gegenteil ihnen den Ausdruck zu ermöglichen. Man denke an den „fiesen, schmierigen Vertreter“, nach dessen Besuch man sich erst mal die Hände waschen, wenn nicht sogar unter die Dusche gehen muß. Widerlich!

Tiefes Denken ist offensichtlich keine Funktion der Fassade. Aber allgemein hat Denken schon eine gewisse Affinität zu ihr. Man ist nicht spontan, sondern „überlegt erst“, „reflektiert“. Das sind immer noch rationale Funktionen. Doch sehr schnell kann Denken zum puren Intellektualismus entarten, der schließlich dazu dient, die Destruktivität der sekundären Schicht zu rechtfertigen. Ich erinnere nur an das pseudointellektuelle und letztendlich massenmörderische Gequatsche eines Rudi Dutschke.

Wenn das Denken im Namen der „Political Correctness“ gleichgeschaltet wird, d.h. sich alles „fassadär“ nach der sozialen Erwünschtheit ausrichtet, kann es kein Denken mehr geben, sondern nur noch – Gequatsche.

Was wir erleben, ist die Reduzierung des Menschen auf seine soziale Fassade und das sowohl in den höchsten als auch den niedrigsten Funktionen des Menschen.

Früher, in der autoritären Gesellschaft, sprach man von „Etikette“, die vor allem einem diente: der Regulierung des Kontakts zwischen den Geschlechtern. Signale hatten eine feste Bedeutung und Tabubrüche wurden als solche erkannt. Heute tritt an das aufregende Spiel der gegenseitigen Erregung der stumpfe „Sex“. Eine oberflächliche Konsumware wie jede andere auch.

Wenn alle sozial angepaßt sind, d.h. sich die sozialen Fassaden der Individuen einander anpassen, kann es kein vernünftiges Sozialleben, das von Unterschieden abhängig ist, mehr geben.

Und „Persönlichkeit“? Man täusche sich nicht! All die Aufrufe in der Werbung, man solle „man selbst sein“, seinen „eigenen Style“ kreieren, etc. hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Unsere Gesellschaft wird von einer monotonen Uniformität geprägt, die einfach nur erschreckend ist. Selbst Freaks sind austauschbar: sie sind nur jeweils Teil einer bestimmten Szene, in der alle gleich aussehen und der Gruppendruck zur Uniformität teilweise mörderisch ist. Sie sind austauschbarer als jeder Kleinbürger. John Lydon kriegt Zustände, wenn er einen Punk sieht. Man kann sich keinen größeren Verrat an seinen Idealen vorstellen. Anstelle von aggressiver Individualität ist eine pseudo-revolutionäre Uniformität getreten, die an Spießigkeit einfach nicht zu überbieten ist.

Die Auflösung des Individuums zu einem hohlen Klischee sieht man auch in der Politik. Ältere Semester werden sich an echte Charaktere wie Herbert Wehner oder Franz-Josef Strauß erinnern. Heute sehen die Politiker alle erschreckend gleich aus, fast schon wie Klone. Menschen ohne Ecken und Kanten, auch ohne eigene Meinung. Man denke nur an den Bundespräsidentenwitz Christian Wulff. Sprechende Schaufensterpuppen!

Das Erschreckendste sind jedoch ganz gewöhnliche Jugendliche, also unsere unmittelbare Zukunft. Ihr ganzes Leben dreht sich nur um eines: die soziale Erwünschbarkeit in der Peer Group. Man nimmt beispielsweise Drogen nicht etwa aus tiefenpsychologisch (oder bioenergetisch) ergründbaren Motiven, sondern weil es alle tun. Die Effekte sind schon fast gleichgültig. Allenfalls geht es darum, genauso „drauf zu sein“ wie die anderen oder man nimmt Speed, weil es in bestimmten Gruppen dazu gehört als Junge keinen Hintern in der Hose und Beine dünn wie Streichhölzer zu haben.

Eigene Gedanken sucht man vergebens. Symptomatisch ist der anorektische 17jährige mit modischer Pudelmütze bei 35 Grad im Schatten, der auf die Frage nach Interessen antwortet: „Mode und Musik“. Mit anderen Worten: sein einziges Interesse im Leben ist Image, Fassade. Jede freie Minute, in der das eigene Ich zu Wort kommen könnte, wird mit Krach („Musik“) über Ohrstöpsel und mit DVDs vollgemüllt. „Gespräche“ erschöpfen sich in der Kunst nichts, aber auch rein gar nichts auszusagen. Das Grunzen von Schimpansen ist inhaltsreicher!

Das schlimmste ist aber, daß die soziale Fassade ihre eingangs erwähnte Zentralfunktion nicht mehr erfüllen kann: die sekundären Triebe in Schach zu halten. Durch die Verkopfung und „Veroberflächlichung“ bedarf der Mensch immer stärkerer und „extremerer“ Reize. Beispielsweise werden Filme immer rasanter (insbesondere im Schnitt), immer brutaler, immer vulgärer und „extremer“. Selbst die hochsubventionierten Schmierentheater („Hochkultur“!) kommen nicht mehr ohne Schockeffekte aus! Umgekehrt dient heute klassische Musik, insbesondere Mozart, um die jugendlichen Zombies etwa vom Hamburger Hauptbahnhof fernzuhalten. Das in der Musik klanggewordene Lebendige verscheucht das Ungeziefer!

Am Ende steht eine soziale Fassade, die die sekundäre Schicht und ihren Ausdruck fördert, während der bioenergetische Kern gehaßt und bekämpft wird. Unsere ganze Kultur steuert schnurrstraks Richtung Hölle. In ihr wird zunehmend die sekundäre Schicht heroisiert. Oder wie ein amerikanischer Kommentator anläßlich des „Badman-Massakers“ in Colorado schrieb:

Batman. The Dark Knight könnte man leicht so interpretieren, daß das Gute als eine Schwäche dargestellt wird, die vom Bösen, d.h. dem Joker, benutzt und wiederholt ausgenutzt wird. Das Gute in den Menschen zu korrumpieren ist eines seiner Hauptziele – es ist sogar der einzige Sinn und Zweck, der bei den ansonsten vollkommen chaotischen Taten des Jokers auszumachen ist.
Neben diesem mächtigen und überzeugenden Portrait des Antichrist steht jedoch keine Darstellung einer genauso reinen Christus-Gestalt. Ein heroischer und mächtiger Mann der Öffentlichkeit, einer der Hauptcharaktere im Film, wird schließlich durch die Machenschaften des Jokers korrumpiert und die beiden einzigen Guten, die übrigbleiben, Commissioner Gordon und Batman selbst, werden selbst korrumpiert, indem sie eine Lüge in die Welt setzen, um die Illusion aufrechtzuerhalten, daß der, der dem Bösen vollständig erlegen ist, tatsächlich der Held des Tages war.
Batman, der doch der Held des Films sein soll, zeigt in seinem Vorgehen weitaus weniger moralische Beständigkeit als der Joker. Als Milliardär Bruce Wayne wird er als eifersüchtiger, gehässiger Exliebhaber dargestellt, der seinen Rivalen beschimpft und andere Frauen (sogar drei gleichzeitig) benutzt, um seine Ex eifersüchtig zu machen. Verglichen mit dem des Jokers ist das Portrait, das von Batman gezeichnet wird, schwach und in sich widersprüchlich. Die Gestalt des Jokers beherrscht die Leinwand und Ledgers schauspielerische Brillanz in dieser Rolle unterstreicht noch einmal diesen Unterschied.

Kein Wunder, daß sich Menschen mit dem Joker und seiner antiautoritären Botschaft identifizieren!

Es ist der Alptraum der antiautoritären Gesellschaft. Es beginnt mit den Simpsons, wo der destruktive „Bart“ glorifiziert wird und der Vater „Homer“ als verachtenswerter Depp gezeichnet wird, und endet mit dem brillanten Bart-artigen Bösewicht Joker und einem Homer-artigen „Helden“, der einfach nur ein Langweiler ist. Autorität wird der Lächerlichkeit preisgegeben und als langweilig und verlogen hingestellt.

Erst vorgestern habe ich das Ende der Simpsons-Episode mit Mary Poppins gesehen. Zum Schluß fliegt sie mit ihrem Regenschirm davon, die asozialen Simpsons lächeln, alles wird gut – und man sieht wie im Hintergrund die betuliche Mary Poppins in das Triebwerk eines Jumbo-Jets gerät und geschreddert wird. Ein schier unfaßbarer Zynismus in einer Kindersendung (auch wenn dieser dekadente Scheißdreck wohl eher für „Erwachsene“ gedacht ist), der im übrigen nochmals den abgrundtiefen Haß für jede Autoritätsperson offenbart.

Es ist in der antiautoritären Gesellschaft soweit gekommen, daß der bioenergetische Kern selbst, d.h. jedes Gefühl für Anstand und Mitmenschlichkeit systematisch zerstört wird. Das sieht man etwa darin, wie heutzutage mit dem Kindchenschema umgegangen wird, dem zentralen Gefühlsreflex jedes Säugetiers. Dazu am Ende ein typisches Video aus MTV. In diese Gefühlswelt wachsen unsere Kinder hinein:

The Journal of Orgonomy (Vol. 27, No. 2, Fall/Winter 1993)

27. Juli 2012

In der Schulmedizin spielt die Definition von „Gesundheit“ in nur einer Beziehung eine Rolle, nämlich für die Einschränkung der ärztlichen Tätigkeit. Ethisch darf der Arzt nur dann eingreifen, wenn eine Krankheit vorliegt. Beispielsweise ist es geboten, künstliche Befruchtung nur vor der Menopause zur Anwendung zu bringen.

In der Psychotherapie kommt dieses Prinzip im „Neutralitätsgebot“ zum Ausdruck. Der Therapeut soll weder bei den inneren neurotischen Konflikten des Patienten, noch bei dessen neurotischen Verstrickungen in Beziehung, Familie und Freundeskreis Partei ergreifen.

Zunächst einmal ist offensichtlich, daß das ein entscheidendes Unterscheidungskriterium zwischen einem Gespräch mit einem Freund und einem Gespräch mit einem Psychotherapeuten ist. Das erstere verstrickt uns eher weiter in unsere neurotische Welt, während das letztere für eine gewisse Distanz sorgt, so daß wir unser Leben neu ordnen können.

Damit der Psychotherapeut aber wirklich helfen kann, bedarf es, wie Peter A. Crist in „The Biosocial Basis of Family and Couples Therapy“ (S. 166-189) ausführt, zusätzlich der aktiven Unterstützung der gesunden Anteile. Die offizielle Psychotherapie, so wie sie an Universitätskliniken gelehrt wird, mag darin zwar einen groben Behandlungsfehler sehen, doch diese Einschätzung beruht darauf, daß es keine klaren Kriterien für Gesundheit und rationales Verhalten gibt.

Ein Orgontherapeut wird sich niemals entblöden, sich in die neurotische Welt des Patienten verwickeln zu lassen, aber er wird stets Partei für gesunde und rationale Strebungen ergreifen und beispielsweise auch die Partei des Patienten ergreifen, sollte der Opfer pestilenter Attacken werden.

Das so wichtige, notwendige und, richtig verstanden, vollkommen rationale Neutralitätsgebot wird zu einer Absurdität, wenn es genau das verstärkt, worunter der Patient zentral leidet: Kontaktlosigkeit, die eigene und die der Mitmenschen.

In diesem Fall entspricht das Neutralitätsgebot jener verlogenen „toleranten“ Haltung gegenüber der Sexualität, die Reich zeitlebens bekämpft hat. Es gelte sie bei Kindern und Jugendlichen nicht nur „liberal“ zu tolerieren, sondern sie vielmehr zu schützen und zu fördern. In einer gepanzerten Gesellschaft nur „Toleranz“ zu zeigen, ist gleichbedeutend mit Mittäterschaft.

Zur orgonomischen psychiatrischen Charakterdiagnostik

26. Juli 2012

Wir alle kennen das Phänomen, daß jeder Mensch einen unwandelbaren Grundausdruck (besonders in den Augen) hat, eine ganz bestimmte Tönung, die in allen seinen Äußerungen durchdringt. Diese Essenz findet sich unverwechselbar in allen Photos eines Menschen von der Zeit an, wo er ein kleines Baby ist, bis hinauf zu seiner Totenmaske. Man liest zwei, drei Sätze neutralen Inhalts und weiß sofort, dies hat Wilhelm Reich geschrieben. Man hört zwei Takte und weiß sofort, daß das Mozart komponiert hat. Dieses persönliche Grundwesen haftet an einem, wie der spezifische, unveränderbare Körpergeruch, der jedem Menschen eigen ist, was jeder Hund bestätigen kann. Diese unverwechselbare Essenz zu spüren, bedeutet bioenergetisch kontaktfähig zu sein.

Man kann nicht bestreiten, daß diese unverwechselbare Essenz im Grunde etwas Emotionales ist, so wie eine Melodie. Alle Menschen werden diese Melodie als lustig empfinden, jene als traurig und die andere als sehnsuchtsvoll, etc. Damit sind aber schon natürliche Kategorien gegeben, mit denen man die Menschen grob einteilen kann.

Jeder Mensch durchwandert mit seiner schicksalsgegebenen Grundausstattung bestimmte Entwicklungsphasen, schrittweise setzt er sich mit der Welt auseinander und lernt mit ihr fertig zu werden, indem er immer mehr auf eigene Ressourcen zurückgreift. Inwieweit er dabei von infantilen Sicherheiten abhängig bleibt, bestimmt seinen Charakter, d.h. sein psychosomatosoziales Verhaltensrepertoire. Beim Zwangscharakter etwa rigides Denken, ataktische Bewegungen und ungeschicktes, nie recht zur Situation passendes Sozialverhalten, beim Manisch Depressiven seine Stimmungswechsel, berechenbar unberechenbares Verhalten, etc.

Bei meinen Mitmenschen, deren Entwicklung ich über die Jahre von Kindheit an verfolgen konnte, habe ich bildlich vor Augen, wie sie ihr unaufhebbares Grundwesen haben, wie sich darüber Verhaltensrepertoires entwickelten und sich immer mehr verfestigten, bis sie selber zu einem Schicksal wurden (mit ungefähr 16 waren alle fertig und haben sich nicht mehr verändert) und wie der eine oder andere im Verlauf dieser Entwicklung Persönlichkeitsstörungen ausbildete.

Meines Erachtens gibt es drei Denkstile:

  1. den der Ingenieure (inkl. Mediziner und Psychologen);
  2. den der Physiker (und auch der Mystiker, deshalb die große Affinität zwischen beiden); und
  3. den der Funktionalisten (Orgonomen, Kybernetiker bzw. Systemanalytiker, Energontheoretiker, etc.).

Die ersten messen jede Kleinigkeit und ziehen alle auch nur erreichbaren Details heran, die zweiten arbeiten mit radikalen Vereinfachungen (mechanischen Modellen) und die dritten denken in Funktionsschemata.

Auf die Nosologie übertragen: die gängige Nosologie, mit der heute in der Psychiatrie gearbeitet wird, versucht alles zu erfassen bzw. zu „codieren“ und ist deshalb ziemlich sinnlos, da sie nichts über die zugrundeliegende Dynamik aussagt. Genauso sinnlos sind die Nosologien, die aus dem 19. Jahrhundert stammen, also z.B. die Konstitutionslehre nach Kretschmer, die der Anthroposophen und ihre modernen Entsprechungen. Sie sind ein viel zu grobes Raster, das die Menschen willkürlich einteilt und, im Gegensatz zur anfangs beschriebenen modernen Nosologie, nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat: mehr rassistische Ideologie als Wissenschaft. Sie entspricht dem mechanischen, extrem vereinfachenden Denken der mechanistischen Physiker.

Die Nosologie, die von Elsworth F. Baker entwickelt wurde, nimmt nun eine Mittelstellung ein:

Mit ihren etwa dreidutzend Charakteren ist sie fein genug, um die gängigen Patienten, die der ambulante Psychiater so sieht, erfassen zu können. Gleichzeitig wird sie sich aber nie ganz mit der Wirklichkeit decken. Ähnlich wie eine Landkarte, die auch die Wirklichkeit nur grob widerspiegelt, aber gerade deshalb brauchbar ist.

Der gängige Psychiater würde meine Symptomatik einfach beschreiben und dann mit dem passenden Label versehen: prognostischer und therapeutisch handhabbarer Aussagewert gleich Null. Der Kultanhänger, z.B. ein Anthroposoph, wird mich einem der vier „Temperamente“ zuordnen: prognostischer und therapeutisch handhabbarer Aussagewert gleich Null. Der Orgonom stellt eine Charakterdiagnose, die mich wohl auch niemals ganz treffen kann, die aber trotzdem meine innere Grunddynamik aufzeigt, das Gemeinsame Funktionsprinzip meines Funktionierens, und deshalb Voraussagen über die Zukunft gestattet.

Es wird eingewendet, eine Charakterdiagnose wäre deshalb ziemlich für die Katz, da doch alle Menschen unter den gleichen bioenergetischen Verkorkstheiten leiden würden, alle hätten Angst vor Expansion, vor Kontrollverlust, etc. und alle würden darauf mit ungefähr den gleichen Muskelverspannungen reagieren, etc. Es zeichnet aber doch gerade schlechte Therapeuten aus, daß sie jeden Patienten nach dem gleichen Schema F behandeln. Panzerungen werden aufgelöst, der Energiestrom in Wallung gebracht, etc. – und am Ende wird sich der Patient vielleicht freier fühlen, aber er wird immer noch den gleichen Charakter haben und dessen negatives Potential vielleicht sogar noch besser zum Ausdruck bringen können.

Orgontherapie ist im Grunde eine fast lächerlich einfache und primitive Angelegenheit, wie auch Baker in seinem Buch Der Mensch in der Falle schreibt. Horizontale Blockaden stehen der vertikalen Strömung entgegen und werden nacheinander beseitigt. Dafür braucht es keine mindestens dreijährige Ausbildung, das kann jeder Idiot – die wirkliche Kunst fängt aber mit der Diagnosestellung, mit der Kunst der Menschenkenntnis an, um zu verhindern, daß am Ende der Therapie hoffnungslos desorganisierte Soziopathen oder neurotisch bleichgewaschene Idioten stehen.

Man könnte behaupten, daß es große qualitative Unterschiede innerhalb der einzelnen Charaktertypen gebe und z.B. phallische Narzißten wie John Wayne, Götz George, Benito Mussolini und Dieter Bohlen kaum miteinander vergleichbar seien und deshalb auch jede Vorhersage ihres Verhaltens aufgrund der Charakterdiagnose unmöglich wäre. Doch das stimmt schlichtweg nicht! John Wayne, Götz George, Benito Mussolini und Dieter Bohlen werden sich kaum bei dir entschuldigen, wenn du ihnen auf die Füße trittst, wohl aber Woody Allen und Stanley Laurel. Alle phallischen Narzißten haben einen Hang zum womanizing, genauso wie ausnahmslos alle Hysterika bewußt oder unbewußt flirten, alle Chronisch Depressiven werden sich unbewußt in Lebensumstände begeben, die ihr Energieniveau niedrig halten, etc. Daß das im einzelnen die unterschiedlichsten Ausformungen annimmt, ist eine Binsenweisheit: die eine Hysterika wird vielleicht Striptease-Tänzerin, während die andere ins Kloster geht, aber ihr Charakter wird sich unmißverständlich in der Art ihrer plakativen Sexualität, bzw. Religiosität zeigen.

Es war Reich, der gesagt hat, übrigens genau zu der Zeit, als er seine Charaktertypologie aufgestellt hat, daß „die sogenannte individuelle Differenzierung der Menschen (…) heute im wesentlichen ein Ausdruck überwuchernder, neurotischer Verhaltensweisen (ist)“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 29). Er bringt also genau das Argument zugunsten seiner Charakterologie vor, das kurioserweise gegen ihn gewendet wird.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die orgonometrische Gleichung eines Charakters verweisen:

Nur in diesen drei Funktionsbereichen sind John Wayne, Götz George, Benito Mussolini und Dieter Bohlen identisch, doch nach rechts hin, sind die Variationsmöglichkeiten potentiell unendlich. Man müßte rechts noch eine Menge weiterer Bifurkationen anschließen, um z.B. John Wayne vollständig zu beschreiben.

Dem italienischen Orgonomen Vittorio Nicola zufolge sei die Fähigkeit des Orgontherapeuten von großer Wichtigkeit

  1. therapeutisch jeweils im richtigen Moment einzugreifen;
  2. mit dem Patienten emotionalen Kontakt aufrechtzuerhalten;
  3. sich im Klaren darüber zu sein, wieviel Angst der Patient ertragen kann; und
  4. zu wissen, wann somatische und wann charakterologische Arbeit angebracht ist.

Nicola sagt zu den obigen vier Punkten:

Das ist nur möglich, wenn der Therapeut die Struktur des Patienten versteht. Was wiederum eine korrekte charakterologische Diagnose zur Voraussetzung hat. („The Significance and Treatment of Anxiety in Orgone Therapy“, The Journal of Orgonomy, 28(2), Fall/Winter 1994, S. 152).

Man führt gerne den späten Reich als Gegenbeispiel an, aber der hat sich kaum noch für Therapie interessiert und statt dessen sozusagen „Cosmic ORgone Engeenering“ mit seinen Patienten betrieben, was z.B. Myrom Sharaf, der ja schließlich einer der betreffenden Patienten war, scharf kritisiert hat (u.a. in einem Vortrag hier in Hamburg). Reich wäre zu schemenhaft, technizistisch und unindividuell nach dem Schema F vorgegangen.

Außerdem wird behauptet, Reich hätte doch die ganze psychoanalytische Begrifflichkeit („phallisch“, „anal“, etc.) auf den Schrott geworfen, doch noch 1956 schrieb Reich in seiner Eingabe an das Supreme Court über „The Characterological Error“, wo er sich Bakeresk z.B. über „phallisch-sadistisch-homosexuelle Menschen“, den „schizoiden Charakter“ und „passiv-homosexuelle Menschen, die sich dem phallischen Charakter unterwerfen“, ausläßt.

Und dem, der bei charakterologischen Diagnosen immer nur Widersprüche und Ungereimtheiten sehen will, sei der Reich von 1929 an Herz gelegt:

Nicht immer (…) entspricht das neurotische Symptom qualitativ seiner Reaktionsbasis. Es kommt vor, daß das Symptom eine Abwehr der überschüssigen Angst auf höherer oder niederer Libidostufe bedeutet. So kann ein hysterischer Charakter einen Waschzwang, ein Zwangscharakter eine hysterische Angst oder ein Konversionssymptom entwickeln. Es braucht wohl kaum weitschweifig ausgeführt zu werden, daß die realen Fälle unserer Praxis meist Mischformen darstellen, Überwiegen der einen oder anderen Charakterform. Es empfiehlt sich aber, die Diagnose nicht nach den Symptomen, sondern nach dem neurotischen Charakter zu stellen, der den Symptomen zugrunde liegt. So wird man etwa trotz des Konversionssymptoms, um dessentwillen der Kranke uns aufsucht, die Diagnose Zwangsneurose stellen, wenn sein Charakter vorwiegend zwangsneurotische Züge aufweist. („Der genitale und der neurotische Charakter – Untersuchungen über die libido-ökonomische Funktion des Charakters“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 15(4), 1929, S. 454f Fußnote)

The Journal of Orgonomy (Vol. 27, No. 1, Spring/Summer 1993)

25. Juli 2012

Jedem, der die orgonomische Literatur verfolgt, wird über kurz oder lang auffallen, daß die psychiatrische Nosologie der medizinischen Orgonomen eine vollkommen andere ist als die der normalen Psychiater. Wo findet sich in der Orgonomie etwa der „Borderliner“ oder gar die „multiple Persönlichkeit“? Patienten haben in der Psychiatrie und Psychotherapie „histrionische Persönlichkeitszüge“ oder „anankastische Persönlichkeitszüge“, aber von einem „hysterischen Charakter“ oder „Zwangscharakter“ ist nie die Rede. Leute können unter einer „bipolaren Störung mit anakastischen Persönlichkeitszügen“ leiden. Fällt so etwas in der Orgonomie ganz unter den Tisch?

Peter A. Crist beschäftigt sich u.a. mit derlei Fragen in „Nature, Character, and Personality. Part 1: Introduction and General Principles“ (S. 48-60).

Demnach entsprechen „Persönlichkeitsstörungen“ der Unfähigkeit der äußeren Schicht der menschlichen Charakterstruktur, also der „sozialen Fassade“, den Ausdruck der zweiten Schicht, d.h. der „sekundären Schicht“, in Schach zu halten. Entsprechend dreht sich in der modernen Psychiatrie alles um soziale Normen. Das was gesellschaftlich stört, soll eingeschränkt werden. Wenn die „soziale Fassade“ die sekundären Triebe nicht mehr kontrollieren kann, greift die soziale Kontrolle in Gestalt des Psychiaters ein.

Orgonomische Psychiater beschäftigen sich mit einem ganz anderen Problem, dem „Charakter“. Hier geht es um die Fähigkeit der zweiten, d.h. der mittleren Schicht die Impulse, die aus dem bioenergetischen Kern nach außen Drängen, zu binden oder zu entladen. Der triebgehemmte Charakter ist entsprechend wie tot, er besteht fast nur aus „Energiebindung“, man denke etwa an den Zwangscharakter. Der triebhafte Charakter hingegen ist „Opfer seiner Triebe“, wird von wilden Ausbrüchen und Süchten getrieben. Der genitale Charakter jedoch kann sich je nach Situation angemessen zurückhalten oder sich vollkommen gehenlassen. Entsprechend beruht die Charaktereinteilung nicht auf sozialen, sondern biologischen Normen.

Das ganze kann man in etwa wie folgt beschreiben:

Die gängige Psychiatrie wird vom roten Pfeil beschrieben, die orgonomische vom blauen.

Diese Zusammenhänge sind auch der Grund warum ich mich neulich so sehr über den Begriff des „okularen Charakters“ aufgeregt habe. Mit solchen Begrifflichkeiten (die man in diversen „Reichianischen“ Therapieschulen zuhauf findet) wird die oben beschriebene Unterscheidung hoffnungslos zugekleistert und das Resultat kann nur sein schlechte gängige Psychiatrie plus schlechte orgonomische Psychiatrie, also weniger als gar nichts!

Die multiple Persönlichkeit ist eine Störung, bei der es zu einer Fragmentierung der sozialen Fassade in voneinander isolierten „Persönlichkeiten“ gekommen ist, die jedoch jeweils auf den zugrundliegenden einheitlichen Charakter zurückgeführt werden können. Die Störungen der sozialen Fassade, die den Borderliner kennzeichnen, werden in der gängigen psychiatrischen Literatur beschrieben: ständiger Wechsel von Idealisierung und Entwertung in Beziehungen, überstarke Angst vor Verlassenwerden, wankendes Selbstbild, selbstzerstörerisches Verhalten, innere Leere, extreme Stimmungsschwankungen, aufbrausendes, paranoides Temperament, etc. Die histrionische Persönlichkeit präsentiert ständig eine „dramatische Fassade“. Alle diese Persönlichkeitsstörungen können einzeln oder in Kombination bei den unterschiedlichsten Charakterstrukturen auftreten.

Das Wesen des Orgonomischen Funktionalismus wird sehr schön deutlich, wenn man Crists Erläuterungen von vor 20 Jahren mit seinem neusten Brief an die Freunde des American College of Orgonomy vergleicht. Obwohl das Thema ein ganz anderes ist, die Renovierung des „Hauptquartiers“ der Orgonomie, geht es doch um die gleichen bioenergetischen Überlegungen über die Fassade („Persönlichkeit“) und den Charakter.

Das engelenergetische Polytrauma

24. Juli 2012

Zu diesem Blogeintrag hat mich der anhaltende Esoterik-Boom in Deutschland inspiriert, von dem der Spiegel in seiner neusten Ausgabe berichtet, insbesondere aber ein erschütternder Fallbericht über ein esoterisches Polytrauma. Außerdem ist dieser Blogeintrag ein Nachtrag zu Berliner „Orgonomie“, denn 1997 ereignete sich wahrhaftig Großes: Wilhelm Reich meldete sich höchstpersönlich zu Wort.

Sein Sprachrohr auf Erden, das „mediale Gespräche mit dem Entdecker der Orgonenergie“ führte, strebte „die Verschmelzung der wissenschaftlichen Orgonomie und der christlichen wahren Lehre“ an (Jürgen Fischer: Der Engel-Energie-Akkumulator nach Wilhelm Reich, Düsseldorf 1997, S. 138). Mit der von Reich aus dem Jenseits offenbarten Meditationsmaschine, dem „Engel-Energie-Akkumulator“, könnten wir „nicht nur mit Engeln, sondern auch mit außerirdischen Wesen in (mentalen) Kontakt treten“ (ebd., S. 133).

Vom jenseitigen Reich wurdu verkündet, daß „wo Ich war, Engel sein solle“. Oder wie Fischer in seinem Tagebuch notiert: „Es ist möglich und nötig, den Engeln mehr Raum im Leben zu lassen, ihnen die Regie zu übergeben“ (ebd., S. 135). Über sein Medium Susanne Henze verkündet der „Himmel-Reich“:

It’s the changing of the guards! Die Vorzeichen der Erde ändern sich. Im Zuge des wechselnden Jahrtausends – wobei es nicht nur um den Wechsel der Zeitalter geht, sondern um den ewigen Wandel der Erde – sind wir jetzt in einem Raum-Zeit-Begriff gelandet, wo das Leid von der Erde hinfortgenommen werden kann, weil alle Wesenheiten dieser Erde sich soweit entwickelt haben, daß es möglich ist, das Herz der Erde auf ein höheres Niveau zu heben. Das ist der Grund, warum die Engelwesen jetzt mehr Macht haben und immer mehr Macht haben werden, um auf der Erde zu arbeiten, weshalb die dämonischen Kräfte immer weiter weichen müssen. Dort (…) ist es heute und auch im Wandel der Zeiten immer mehr möglich, daß Engelwesen verschiedener Ebenen, verschiedener Arten, auf der Erde wieder eingreifen können – für alle, zum Wohle, zum Besten aller – für die Entwicklung zur Liebe hin und zur Freude. Aber auch einfach nur zu Wohlstand und Glück. Es hat einfach damit zu tun, daß die sich hier inkarnierenden Wesenheiten in ihrer Gesamtheit jetzt gemeinsam bereit sind, sich auf ein höheres Niveau heben zu lassen – und auch darum kämpfen, die Schritte nach oben mitzugehen. (ebd., S. 139)

Das Empörende ist nicht die vermeintliche „Spiritualität“, sondern die Überantwortung der Seele an irgendwelche Wesenheiten. Das Verwerfliche ist weniger die Oberfläche („esoterisches Christentum“), sondern die Metaebene: die vollkommene Aufhebung der Selbststeuerung.

Reich schrieb Anfang der 1940er Jahre:

An der Verschiebung der Verantwortung vom lebendigen Menschen auf die „historische Entwicklung“ gingen die sozialistischen Freiheitsbewegung zugrunde. Die Ereignisse der letzten 20 Jahre fordern dagegen die Verantwortung der arbeitenden Volksmassen. (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 284)

In Fischers „Interview“ „sagt“ nun „Wilhelm Reich“ kurioserweise, also so als würde er seine Meinung ändern, er sei nicht mehr bereit, die Menschen von ihrer persönlichen Schuld und Verantwortung zu entlasten, wie er es bisher getan habe. Verdammt, seine ganze Arbeitsdemokratie bestand im Auflasten von Verantwortung.

Da hilft es dann auch nicht, wenn man „den selbsternannten ‘echten und einzigen’ Orgontherapeuten und anderen (s)eine Wut (entgegenbrüllt), die meinen, sie dürften andere Menschen, die ernsthafte und gewissenhafte Arbeit leiten, in den Dreck treten, nur weil sie nicht die ‘einzig wahre’ (d.h. die eigene) Interpretation Reichs vertreten“. Das heißt nichts anderes, als daß jeder, der sich gegen den Wahnwitz und die Umkehr des Reichschen Ansatzes in sein Gegenteil wehrt, ein pestilenter Charakter ist, der den Vertreter des Lebendigen auf faschistische Weise „in den Dreck tritt“.

Was ich dieser Art von vermeintlicher „Esoterik“ nie verzeihen werde, sind die vielleicht langweiligsten Stunden meines Lebens. Das ganze Zeugs ist dermaßen uninspiriert, dröge und geradezu zum Verzweifeln unbedeutend. Langweilig! Wirklich kein einziger tiefer Gedanke. Die Lebenszeit, die ich mit der Lektüre von Der Engel-Energie-Akkumulator nach Wilhelm Reich unwiederbringlich verloren habe…

Etwa auf S. 53 wo Fischer Reich nach dem Medical DOR-Buster fragt und Reich bzw. Susanne Henze antwortet: „Hören Sie, geben Sie bitte dem Medium nähere Erläuterungen zum Medical DOR-Buster.“ Und dann nach inhaltslosem Blablabla schließlich der Satz: „Es ist noch nicht an der Zeit, genauere Informationen zu geben.“

Die „Adepten“ der Vergangenheit seien, so der Himmel-Reich, nur gut gewesen, wenn sie die Sexualenergie anerkannt – und genutzt hätten (S. 31). Undenkbar, daß der wahre Reich sowas von sich gegeben hätte. Zuhälter „nutzen“ die Sexualenergie! Für Reich hingegen ist Sexualität Selbstzweck, der keinerlei Rechtfertigung bedarf. Ganz klar gibt es drei Dinge, gegen die in dem Buch angekämpft wird: die zweckfreie Sexualität, die „grobstoffliche“ Materie an sich und die „menschlichen“ Emotionen.

Ständig ist davon die Rede, daß emotionale Regungen in der Meditation hinderlich sind. Fischer schreibt: „Im Orgon-Akkumulator erfahre ich (im Gegensatz zum Engel-Energie-Akkumulator) eine Art von Anregung, die für mich selbst bei einer Meditation eher hinderlich ist“ (S. 122). Wie ich an anderer Stelle erläutert habe, hintertreibt die bioenergetische Erregung den zentralen Mechanismus der heutigen „Spiritualität“: die Umwandlung von Emotionen in Sensationen.

Bei dem, was als „orgonomische Esoterik“ verkauft wird, handelt es sich durchweg um tantrische Texte: daß man die „Energien“ nutzen und die Sexualität nicht verneinen, sondern sublimieren solle. Das ist exakt die gleiche Haltung, wie Reich sie aus einem christlich-fundamentalistischen Flugblatt zitiert:

An sich sind ja starke Triebe noch kein Grund zur Trauer. Sie bedeuten im Gegenteil Reichtum und Lebenssteigerung. Sie ermöglichen große, starke Liebe und erhöhte Arbeits- und Leistungsfähigkeit. Sie sind der Weckruf zu einer starken Persönlichkeit. Aber der Trieb wird zum Unrecht gegen sich selbst und zur Sünde gegen den Schöpfer, wenn der Mensch ihn nicht mehr in Zucht hält, sondern die Herrschaft verliert und sein Sklave wird. Im Menschen herrscht entweder das Geistige oder das Triebhafte, d.i. das Tierische. (z.n. Massenpsychologie des Faschismus, S. 149)

Genau dasselbe antisexuelle Zeugs sagt „Wilhelm Reich“ in Fischers „Interview“. Unglaublich, aber wie Reich geschrieben hat: „(…) die Sexualverneinung im sozialen und persönlichen Leben spielt manchen Trick aus, der rationalem Begreifen unzugänglich ist“ (ebd., S. 201). Siehe auch In der Sexkiste zum höheren Bewußtsein.

Ansonsten hat Reich zu derlei Zeugs folgendes zu sagen:

Das Himmelreich ist das Reich der inneren Anmut und Güte und nicht das mystische „Jenseits“ mit seinen Engeln und Teufeln, in das das Scheusal im Menschen das verlorene Paradies verwandelt hat. (Christusmord, Freiburg 1978, S. 43)

Die Engel hatten es Reich wirklich angetan: ständig zieht er über sie her – als ultimativem Ausdruck menschlicher Perversität. Reichs Christus sagt: „Ich habe niemals von Engeln im Himmel gesprochen“ (ebd., S. 257). Reich sagt voll Verachtung: „Vergessen wir einmal die ‘Engel’“ (ebd., S. 267): „Sie sind Produkt dessen, wie sich der Kleine Mann das Reich Gottes vorstellt, wenn er in sich selbst keinerlei inneres Strahlen mehr fühlt (…)“ (ebd., S. 269). Schöpferischer Gedanke: „Der Himmel auf Erden im Sinne Christi“ vs. das Gegenstück des Kleinen Mannes: „Die Engel im Himmel nach Paulus“ (ebd., S. 321).

Die mystische Verklärung Christi entspringt dem ungeheuer starken Bedürfnis, die gewaltigen biophysikalischen Implikationen der irdischen Existenz Christi und seiner Lehren um jeden Preis zu vertuschen. (ebd., S. 114)

In der Orgonomie gibt es keinen Widerspruch zu den Grundsätzen Christi, obwohl sehr viele Unvereinbarkeiten mit der christlichen Mythologie bestehen“. (ebd., S. 354)

Es ist geradezu erniedrigend, daß man so etwas zitieren muß!

Im übrigen ist frappierend, wie sehr Fischers Engel und ihre Hierarchien unlösbar mit Saharasia verbunden sind. Sie sind nämlich (und das ist eine geschichtliche Tatsache) dem babylonisch-persischen, also dem saharasischen Großreich schlechthin nachgebildet mit seinen Ministern und Gouverneuren (Erzengel) und Beamten und Boten (Engel), die als Vermittler einem unnahbaren König (Gott) unterstehen.

Abgesehen von allem anderen regt mich auch die Distanzlosigkeit gegenüber Reich auf. Alles wird, und hier sogar im buchstäblichtsen Sinne des Wortes, „heruntermoduliert“ auf die Größenverhältnisse des Kleinen Mannes. Alles wird hoffnungslos – vermanscht.

Willis Willy (Teil 2)

23. Juli 2012

Jene, die sich um eine „Dekonstruktion“ Reichs bemühen, können nicht erklären, wie das angeblich so drastisch sexuell geschädigte Kind später als Erwachsener jene „italienische Nacht“ erfahren konnte. An der italienischen Front im Ersten Weltkrieg erlebte Reich als 19jähriger in den Armen einer italienischen Frau zum ersten Mal einen wirklichen genitalen Orgasmus. Seit seinem 13. Lebensjahr hatte er regelmäßigen Geschlechtsverkehr mit großer Lust und Befriedigung, aber was er hier erfuhr, war qualitätsmäßig etwas vollkommen anderes. Über sich selbst in der dritten Person schreibend fährt er fort:

Er erlebte die wahre Bedeutung von Liebe. Mit dieser Frau war die Umarmung vollkommen anders als jede andere zuvor. Er konnte keine Worte finden, um den Unterschied richtig zu beschreiben. Begriffe wie „süß“, „schmelzend“, „durch den Raum schwebend“, „von der Erdschwere befreit“ schienen noch am nächsten zu kommen.

Normalerweise bliebe im Geschlechtsakt immer noch etwas Distanz bestehen und das Geschlechtsorgan bliebe vom Rest des Körpers getrennt: ein Werkzeug, mit dem man „Liebe macht“. Doch hier war Reich erstmals ganz in der Erfahrung versunken. Beide waren ein Organismus und an den gemeinsamen Orgasmus schloß sich ein ruhiges Gefühl des Glücks an (Reich: „The Yearning for the Hidden Sweetness“, Orgonomic Functionalism, Vol. 1, Spring 1990, S. 87f).

Die zweite Frau, die ihn nach eigener Aussage zur Gesundheit führte, war Lore Kahn: er sei an ihr, der einzigen Repräsentantin der „unbedingt Lust suchenden Realität“, „genesen“ (Leidenschaft der Jugend, S. 195). Siehe dazu Der Rote Faden: Siegfried Bernfeld.

Bedeutet das, daß für mich Reichs Sexualität unantastbar ist. Nein! Elsworth F. Baker, der Psychiater der Reich-Familie, der Ilse Ollendorff, Lois Wyvell und Aurora Karrer ausgiebig befragt hat, meint, daß Reich viele Merkmale eines Phallischen Narzißten hatte. Was zweifellos zutrifft.

Im üblichen pseudo-psychoanalytischen Kontext fällt dieser charakteranalytische Aspekt ganz unter den Tisch. Der Unterschied zwischen einer psychoanalytischen und charakteranalytischen Betrachtung ist die, – daß sich der Kritiker in unnachvollziehbaren Interpretationen und Spekulationen über die Vergangenheit verliert, während ein Charakteranalytiker das aktuelle Verhalten Reichs analysiert, was jeder überprüfen kann, – solange er nicht psychoanalytisch verbildet ist.

Walter Kolbenhoff, von dem Reich 1933 im eigenen Verlag einen Roman herausgegeben hatte (Walter Kolbenhoff: Untermenschen, Trobis Verlag, Kopenhagen, 1933), schrieb folgendes über das Verhältnis von Reich zu Frauen:

Wilhelm Reich war kein schöner Mann, wenn man von seinen faszinierenden Augen absah. Seine Gesichtsfarbe war leicht gelblich, seine Kleidung oft schlampig. Aber es ging von ihm etwas aus, was freilich nur Frauen zu fühlen vermochten. Meine Freundin Erna R., die Tänzerin, die eine Nacht mit ihm verbracht hatte, erklärte es so: „Um diesen Mann ist ein zwei Meter dicker Kreis von Sexualität ähnlich einem magnetischen Feld. Wenn du einmal in diesen Kreis geraten bist, bist du wie verhext, du kannst nicht anders, du mußt dich ihm hingeben.“ (Kolbenhoff: Schellingsstraße 48, Frankfurt 1984, S. 219)

Über Reichs Ehe mit Ilse Ollendorff hat Lois Wyvell, Reichs Sekretärin und zeitweise Geliebte geschrieben, daß Reich die Beziehung nicht aus einem romantischen Gefühl heraus angefangen hatte, sondern weil er dringend weiblicher Wärme und Kameradschaft bedurfte. Außerdem mußte sich jemand um den Haushalt, das Büro und das Labor kümmern (Offshoots of Orgonomy, Nr. 5, Autumn 1982, S. 20). Es war keine Liebesheirat, sondern die Heirat zwischen einer Frau, die einem berühmten Mann dienen wollte, und einem Mann, der sein persönliches Glück hinter die Ansprüche seiner Arbeit zurückstellte. Es war keine große leidenschaftliche Liebe wie mit Elsa Lindenberg und Aurora Karrer.

Ollendorffs bioenergetische Kontaktarmut zu ihrem gemeinsamen Kind wird von Reich im Kapitel über Fallangst in Der Krebs beschrieben. Überhaupt wissen wir sehr viel von Reich und seiner Familie, etwa aus den Fallgeschichten in Children of the Future.

Der Psychiater Helmut Kolitzus stellt über Ollendorffs Reich-Biographie fest, daß bemerkenswerterweise nirgendswo von Liebe zwischen ihr und Reich die Rede ist (Die Wolken sterben, Nr. 2, Oktober 1981, S. 6). Ollendorf schreibt viel über die krankhafte Eifersucht Reichs, während der „Familienpsychiater“ Baker berichtet, daß „Ilse höllisch eifersüchtig war“ („My Eleven Years with Reich (Part 3)“, The Journal of Orgonomy, 11(2), November 1977, S. 168). Wie der deutsche Orgonom Walter Hoppe in dem entsprechenden Kapitel von Wilhelm Reich und andere große Männer der Wissenschaft im Kampf gegen den Irrationalismus (München, 1984. S. 194-198) ausführt, war Ollendorffs Verhalten auf Orgonon am Ende zeitweise vollkommen irrational und „hysterisch“ (sie ließ etwa Sachen verschwinden, die dann irgendwo wieder aufgefunden wurden). Hoppe:

In zunehmendem Maße erlebte Reich sie als lebensfeindlich, während seine gesamte Arbeit auf bedingungsloser Lebensbejahung fußte. In voller Erregung hätte Reich sie als „Mörderin“ beschimpft, obwohl sie entschuldigend hinzufügte, dies wäre wohl in Reichs unausgeglichenen Zustand kaum persönlich gemeint gewesen. Doch ihre Lebensverneinung und feindselige Haltung dürfte er wahrscheinlich sehr persönlich genommen und als Mord am Lebendigen empfunden haben.

In einem Kapitel über „Reich and Women“ unterstreicht Lois Wyvell, daß Reich kein Don Juan gewesen sei. Er sagte ihr, daß er niemals gleichzeitig mit zwei Frauen eine Beziehung hat eingehen können. Eine Geliebte hatte er immer nur während zeitweiser Trennungen in seinen längerfristigen Beziehungen. Er war der Überzeugung, daß eine wirklich gute Ehe unbegrenzt andauern könne (Offshoots of Orgonomy, No. 6, Spring 1983, S. 11-13). Wyvell gegenüber machte er deutlich, daß er sie jetzt, in diesem Augenblick, wenn sie zusammenwahren, liebe (Offshoots of Orgonomy, No. 7, Autumn 1983, S. 4).

Wer sich selbst mit Reichs Psychogramm auseinandersetzen will, sei auf seine Autobiographie 1897-1922 verwiesen: Leidenschaft der Jugend. Übrigens sollte 1942 ursprünglich in Die Funktion des Orgasmus ein Kapitel über jene Zeit erscheinen, die heute in Die Leidenschaft der Jugend abgedeckt wird, doch sein Mitarbeiter und Übersetzer Theodore Wolfe hat Reich von diesem exhibitionistischen Akt, der nur wieder Gerüchte über seinen Geisteszustand provoziert hätte, abgehalten.

Vergleicht man Reichs autobiographische Veröffentlichungen mit denen anderer, wird deutlich, wie im Vergleich Reich doch recht wenig geschönt hat. Außerdem hätte er seine Tagebuchaufzeichnungen verbrennen können, wie es viele andere Geistesgrößen vor ihm getan haben, wenn ihm an einem „Mythos“ gelegen hätte. Da, wo er geschönt hat, entspricht es ganz einfach der perspektivischen Verzerrung (die sich dann als „Kitten und Glätten“ äußert) der jeder Mensch unterliegt, wenn er über sich selbst berichtet. Als er gemeinsam mit seinem Mitarbeiter und mehr oder weniger „offiziellen“ Biographen Myron Sharaf Menschen im Staat zusammenstellte, war Sharaf angenehm überrascht, wie wenig Reich doch veränderte, obwohl ihm die ganze sozialistische Richtung ganz und gar nicht mehr behagte.

Sharafs Fury on Earth wurde zwar vor der Veröffentlichung von Leidenschaft der Jugend geschrieben, ist aber trotzdem lesenswert, weil der Harvard-Entwicklungspsychologe Sharaf, der Reich schließlich persönlich sehr gut gekannt hat, Reichs Leben von der Geburt bis zum Tod so objektiv wie irgend möglich durchdringt. (Die deutsche Übersetzung ist übrigens eine Zumutung!)

Was Reichs angebliche „Mißbrauchserfahrungen“ im Speziellen betrifft, sei zunächst auf Reichs Frühe Schriften verwiesen, da sie eine durchgängige Selbstanalyse darstellen. Sein Aufsatz über Peer Gynt ist ein Aufsatz über seine eigene Ver-Rücktheit und die Abgründe in ihm selbst. Der Aufsatz über den Durchbruch der Inzestschranke ist hundertprozentig autobiographisch. Und die Studie über den triebhaften Charakter ist in weiten Teilen eine Selbstanalyse seiner eignen teilweise „haltlosen“ Struktur.

Außerdem sollte man den Abschnitt in der Charakteranalyse über den phallisch-narzißtischen Charakter lesen, eine Charakterstruktur, die von Reich in die Psychoanalyse eingeführt wurde – und seine eigene Charakterstruktur. Er beschreibt sich selbst – und 80 Prozent aller anderen Männer!

Willis Willy (Teil 1)

22. Juli 2012

Der individualpsychologisch orientierte Psychotherapeut Thomas Kornbichler attestiert bei Reich orgastische Impotenz, die „letztendlich Gefühlsschwäche“ sei. Reich habe nicht die Dimension eines „entwickelten Gefühls- und Geisteslebens“ besessen.

Im Grund verkannte er (…) die Komplexität menschlichen Seelenlebens. Indem er alles psychische Geschehen auf einen, den sexualökonomischen Gesichtspunkt reduzierte, schuf er eine Psychopathologie, die ihrerseits ein Problem darstellt. (…) Die Orgasmustheorie ist das Problem, das sie zu heilen vorgibt. (Kornbichler: Wilhelm Reich – Enfant terrible der Psychoanalyse, Berlin 1989, S. 26f)

Es ist bei diesen Leuten immer alles sehr komplex! Oder wie Reich schrieb: „Die sogenannte individuelle Differenzierung der Menschen ist heute im wesentlichen ein Ausdruck überwuchernder neurotischer Verhaltensweisen“ (Die sexuelle Revolution, Fischer TB, S. 29). Und es ist alles sehr von „Kultur“ durchdrungen…

Wie beliebig Kornbichlers Analyse ist, sieht man an folgender Tagebucheintragung des 22jährigen Reich: „Mir geschieht’s heute oft, daß mich ein Weib erotisch wohl bis aufs äußerste erregt, ohne daß ich an Koitus denke“ (Leidenschaft der Jugend, S. 104)

Elsworth F. Baker erinnert sich, daß Reich behauptete, daß er „mit jedem Atemzug die Pulsation in seinem Penis spüren könne“. Baker habe drei von dessen Frauen behandelt und diese hätten bestätigt, daß an Reich als Liebhaber nichts auszusetzen gewesen sei (Baker: „My Eleven Years with Wilhelm Reich (Part 1)“, The Journal of Orgonomy, 10(2), November 1976, S. 183).

Reich hätte, so Baker, oft „gedroht“ sein Sexualleben offenzulegen – und gegen das Sexualleben seiner Feinde abzuheben. Siehe dazu Psychoanalyse im Orgasmatron. In Reich Speaks of Freud führt Reich aus, daß die meisten Psychoanalytiker selbst einst Patienten gewesen waren. Sie waren genital gestört und lehnten deshalb ihn und seine Theorien ab.

Sie (die Psychoanalytiker) schrieben über ihre Sexualität und ich schrieb über meine. (Myron Sharaf: „Some Remarks of Reich: Summer 1948“, The Journal of Orgonomy, 4(1), May 1970, S. 13)

Bereits 1919 hatte Reich voll Befremden festgestellt, daß die Psychoanalytiker nicht zu ihrem Thema passen

Ein älterer Psychoanalytiker sprach gut und interessant, doch die Art, wie er das Sexuelle behandelte, gefiel mir instinktiv nicht. (…) Irgendwie paßte der Vortragende nicht zum Thema. (Funktion des Orgasmus).

Für Charles Konia ist die Besessenheit der Psychoanalytiker mit Sexualität Ausdruck von starker okularer Panzerung, die mit Intellektualismus einhergeht:

Der intellektuelle Psychoanalytiker (…) betrachtet die Sexualität nur als etwas Abstraktes („latente Sexualität“). Er „sieht“ sie entsprechend überall. Auf der anderen Seite nimmt Reich tatsächlich wahr, daß dies stimmt [d.h. daß die Sexualität das Leben bestimmt]. Es ist diese abstrakte Ansatz (Intellektualismus), gegen den sich Reich wandte. Es bezog sich wahrscheinlich auf eine ähnliche Art von intellektualisierter Generalisierung, die Freud einmal zum Ausspruch veranlaßte: „Eine Zigarre ist manchmal wirklich nur eine Zigarre.“ (Konia: „Orgone Therapy, Part 6“, The Journal of Orgonomy, 22(1), May 1988, S. 86f)

In einem Gespräch mit Reichs Ankläger Peter Mills wurde Jerome Greenfield mit den sexuellen Komplexen konfrontiert, die Reichs Feinde antrieben. Nachdem Greenfield Mills versichert hatte, er sei kein Anhänger Reichs

begann Mills darüber zu spekulieren, daß Reich nicht an Frauenrechte glaubte, da er imgrunde teutonisch, deutsch gewesen sei. Von da aus fuhr er fort: „Er hatte immer all diese Frauen aus New York hochkommen lassen. Schöne Frauen, und sie waren ihm alle ergeben, sie dachten einfach, daß er…“ Ich (Greenfield) konnte nicht anders und mußte ihn unterbrechen: „Sie glauben, sie seien ihm mehr ergeben gewesen als die Männer es waren?“ Daraufhin schreckte er schnell zurück: aber nicht doch, Gott bewahre, er habe keinerlei Anspielungen machen wollen. Und trotzdem hatte er es getan oder zumindest hatte er angefangen nahezulegen, daß es Techtelmechtel gegeben habe und daß ich, wäre ich kein „Anhänger“, ein entsprechendes Interesse in solchen pikanten Details hätte zeigen müssen. (Greenfield: „Pilgrimage to Orgonon“, International Journal of Life Energy, Vol. 3, No. 1-2, Spring/Summer 81, S. 53f)

Über einen anderen Ankläger bemerkt Greenfield:

Maguire war praktizierender Katholik. Er war einer der wenigen Leute in der FDA, die sich die Mühe gemacht hatten Reichs Bücher tatsächlich zu lesen. Diese Lektüre hatte ihn zutiefst abgestoßen. (ebd., S. 54)

Der Leiter der ersten Untersuchung des FDA, ein gewisser W.R.M. Wharton, war pervers, er hatte einen Keramik-Phallus auf seinem Schreibtisch stehen, wenn er seine Sekretärin zum Diktat rief. Entsprechend suchte die FDA zu Anfang nach einem perversen Sexualkult, als sie nichts fand, verlagerte sich das Interesse auf den Orgonenergie-Akkumulator.

Von den Feinden der Orgonomie werden immer neue Säue durchs Dorf getrieben. Eine besonders übel stinkende Sau ist die Sache mit dem sexuellen Kindesmißbrauch, dem Reich angeblich zum Opfer gefallen sei. Das üble sexualfeindliche Gebräu, mit dem Jeffrey M. Masson und Alice Miller die sexuelle Natur kindlicher Triebäußerungen geleugnet haben, wird über Reich ausgegossen.

Aus ihrer sexualfeindlichen Struktur heraus lesen Reichs Kritiker Sachen in Reichs Beschreibung seiner Kindheit hinein, die typisch für das oben beschriebene wilde, haltlose „analysieren“ sind. An diesen Schmierfinken ist ein Arno Schmidt verlorengegangen! Reich hätte unter Beifall der Anwesenden eine Frau genital erregt. Tatsächlich hat das Kind Reich nur eine neckische (nicht mal sonderlich obszöne) Handbewegung nachgemacht zur Belustigung der vierschrötigen Erwachsenen. Reich habe Gewalterfahrungen im Zusammenhang mit Sexualität gemacht. Tatsächlich hat das Kind Reich am Schamhaar seiner erwachsenen Schlafgenossin rumgespielt und die hat ihm mit einem Klaps gedroht, das gefälligst zu lassen.

Ich habe diese Erfahrung vor Jahrzehnten etwa mit einer Psychotherapeutin gemacht. Nein, nicht mit ihren Schamhaaren, sondern mit dem haltlosen rumanalysieren: Ich erzähle irgendwas und schon war in ihren Augen meine Kindheit ein Alptraum aus Gewalt (was absoluter Unsinn ist), aber nichts in der Welt konnte meine „Therapeutin“ von ihrem Wahn wieder runterbringen… Allein schon das Thema nur anzuschneiden: man weiß doch, wie gewalttätig es in Arbeiterfamilien zugeht! – Wer ist hier eigentlich krank, wessen Wahrnehmung ist verzerrt?!

Was ist an Reichs früher Kindheitsgeschichte außergewöhnlich? Nichts! Wie ihm ist es wohl allen höhergestellten Kindern ergangen. Erst Recht Kindern vom Land, die zwischen pubertierenden Mägden und unbeweibten Stallknechten aufgewachsen sind. In der werktätigen Jugend werde, so Reich später, „der Geschlechtsverkehr sehr häufig geübt, bei der bäuerlichen Jugend schon mit etwa 13, bei der Arbeiterjugend mit etwa 15 Jahren“ (Die sexuelle Revolution, S. 103). Und das noch einmal verschärft auf dem russischen Lande. Nirgendwo sonst war beispielsweise der Volkstanz derartig mit Sinnlichkeit aufgeladen. Die Hochzeitstänze in der Ukraine wurden als „nichts anderes als öffentliche Onanie“ beschrieben (Natalia Stüdemann: Dionysos in Sparta. Isadora Duncan in Russland, Bielefeld 2008, S. 82). Reich ist in einem Gebiet aufgewachsen, das heute zur Ukraine gehört.

Mich erinnern Reichs frühe Erfahrungen an das Verhalten von Menschenaffen, wo die Kinder sich auch für die Geschlechtsteile von Erwachsenen interessieren und die Erwachsenen es stoisch über sich ergehen lassen.

Reich war sich natürlich der grundsätzlichen Problematik bewußt und hat die frühe Konfrontation von Kindern mit erwachsener Sexualität in seiner ersten größeren klinischen Studie, Der triebhafte Charakter (1925) diskutiert.

Ansonsten hat Reich unter dem gleichen gelitten, wie alle großbürgerlichen und adligen Jugendlichen seiner Zeit: aufreibende „platonische Liebesaffären“ mit höheren Töchtern aus den eigenen Kreisen, die genauso idealisiert wurden, wie sie unantastbar waren. Mehr „Herz“ geht gar nicht! Eine Spaltung zwischen Sexus und Eros, die Reich später wiederholt thematisieren sollte.

Es ist in den Angriffen auf Reich viel von „Liebe“ die Rede. Was soll das sein? Meistens ist es doch nichts anderes als Angst („Liebe und Halt“) und Haß (schön symbolisiert vom „Dolch im Herzen“). Siehe dazu Reichs Ausführungen über den Gegensatz von Herz und Genital in Die Funktion des Orgasmus (1927). Dieser Gegensatz ist zentral zum Verständnis des gesamten späteren Reichschen Werks.


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